Gefälschter Rückhalt für den Fälscher

Cartoon: Klaus Stuttmann, stuttman.de

Das Wortprotokoll der gestrigen aktuellen Stunde im Bundestag und der Befragung des Noch-Verteidigungsministers Guttenberg wird hier (pdf) schon mal for the record verlinkt, es könnte für die Historiker der Zukunft noch einmal Bedeutung erlangen. Als kleine Fußnote für den jähen Absturz des politischen Blitzauftsteigers zu Guttenberg, der sein Amt als Minister verlor; oder als wichtiges Dokument für einen tiefgreifenden Umbruch des politischen, moralischen und kulturellen Wertesystems in Deutschland. Denn wenn ein Ministeramt in der Bundesregierung der einzige Job im Lande ist, den ein  überführter Hochstapler und Fälscher weiterhin ausüben kann, während jeder andere Arbeitgeber einen solchen Ganoven fristlos rauschmeißt, wenn ein betrügerischer Doktor und Titelschwindler weiterhin oberster Dienstherr zweier Hochschulen bleiben kann, die echte Doktorwürden verleihen, wenn Rechtsbrüche keine Sanktionen mehr nach sich ziehen, sondern mit einer mauen Entschuldigung (“handwerkliche Fehler”) aus der Welt geschafft werden können, dann wäre das  Koordinatensystem zivilgesellschaftlicher, rechtsstaatlicher Normen erschüttert. Und der Fall Guttenberg markierte den Punkt, den tragischen Augenblick, mit dem diese Umwertung aller Werte einsetzte.

Dass es dazu nicht kommen wird und Guttenberg keine zwei Wochen mehr im Amt bleiben kann, liegt einmal mehr am Internet. Ohne  Web 2.0 und die Schwarmintelligenz des GuttenPlag-Wiki wäre  schon der Zufallsfund eines Rechtsprofessors nur ein laues Lüftchen geblieben, ein Mini-Skandal um “Zitierfehler”, den der joviale Minister tatsächlich mit einem”abstrus” hätte vom Tisch wischen können; und ohne das Netz könnte man auch jetzt glauben, dass der Lügenbaron immer noch einen überwältigenden Rückhalt in der Bevölkerung hat. Die von “Bild” verkündeten 87% Guttenberg-Unterstützer sind nämlich ebenso raffiniert gefälscht wie diese Doktorarbeit. Die Stimmen für diese “Volksabstimmung”  hatten die Hofschreiber zu Guttenbergs auschließlich beim Offline-Prekariat (per Handy, Fax oder Post) eingesammelt, nachdem die auf Bild.de laufende Online-Abstimmung nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hatte. Dort hatten 55%  für einen Rücktritt gestimmt, bei zahlreichen anderen Umfragen auf anderen Webseiten noch deutlich mehr. So hat das Netz nicht nur einen Fälscher entlarvt und an den öffentlichen Pranger gestellt, es entlarvt auch den von der Springerstiefelpresse simulierten Rückhalt für den Fälscher als Fälschung. Dass dieser am Freitagabend auf der Beerdigung der unlängst getöteten Soldaten erscheinen muß ist unvermeidlich; leider muß der Ex-Doktor aber dafür einen Vortrag absagen, den wir gerade jetzt gern gehört hätten,  auf einem Kongreß christlich-konservativer Führungskräfte,  unter dem Motto: “Mit Werten in Führung gehen”.

3 Comments

  1. Dr. Googleberg ist auch in zwei Wochen noch im Amt…..Jede Wette.
    Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch: „Die Glaubwürdigkeit des Ministers ist angekratzt. Daran besteht kein Zweifel.“ Er sehe dennoch „keine Notwendigkeit“ für einen Rücktritt…….Wie auch…Welcher Minister ist denn schon glaubwürdig ?

     
  2. Wetten würde ich nicht – wer weiß, was noch alles herauskommt. Außerdem ist er jetzt in einer schwachen Position, der nächste Fehler, und der kann dann wirklich ganz klein sein, und die Kanzlerin lässt ihn fallen. Außerdem wird die Union genau die Umfragen beobachten. Ich selbst gebe nicht fürchterlich viel darum, aber Tatsache ist, dass die Union in der Sonntagsfrage bei Infratest dimap in der vergangenen Woche schon mal 2 Prozent eingebüßt hat (siehe http://www.wahlrecht.de/umfragen/index.htm ). Also abwarten, die Sache ist noch nicht durch.

    Kleine Anekdote am Rande: Vor ein paar Tagen interviewte ein Radiosender eine Frau von Dingens (habe ich vergessen, jedenfalls eine blaublütige Standesschwester von Gutti). Diese verteidigte den Verteidigungsminister natürlich brav, konnte dies aber auch sachlich begründen: Sie sei eine Freundin des Friedens, und Guttenberg der erste Politiker, der die Bundeswehr abschaffen wolle. Na denn, einen solchen Friedensengel sollten wir wirklich nicht verlieren…..

     
  3. Wenn die Frage wie im Internet danach gestellt wird, ob Guttenberg zurück treten sollte, erhalten Sie hohe Zustimmungsraten schon deshalb, weil die Befragten die Partei und / oder Person nicht im Amt wollen. Würde man mich fragen, ob Merkel, Trittin, Westerwave u.a. abtreten sollten, würde ich auch dafür stimmen. Die richtige Fragestellung für ein halbwegs verwertbares Ergebnis zu dem Thema kann also nur lauten, ob Guttenberg WEGEN der Promotionsdiskussion zurücktreten sollte (wenn Sie z.B. fragen, ob er wegen der Plagiatsaffäre und Urheberrechtsverletzung oder der erschlichenen Promotion o.ä. zurück treten soll, erhalten Sie höhere Zustimmungsraten). Jede andere Befragung ist nicht aussagekräftig und folgt der bekannten Weisheit, dass jede Statistik so gut ist wie der , der sie fälscht ….

     

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