Vor 50 Jahren: „How does ist feel…?“

Vor zehn Jahren schrieb ich über ein Musikstück, das um ein Haar gar nicht erschienen  wäre und 40 Jahre später zum besten Rocksong aller Zeiten gewählt wurde:  Bob Dylans „Like a rolling stone”.

Im Studio A im Obergeschoß des Columbia-Buildings in New Yorks Seventh Avenue  nahmen die Top-Stars von Columbia Records ihre Platten auf.  Frank Sinatra hatte hier „New York, New York“ und Dutzende weitere Klassiker eingespielt und jüngere Künstler wie  Barbara Streisand oder  Andy Williams  („Moon River“) gerade ihre ersten Hits produziert. Die Musiker, die sich am 15. Juni 1965  dort mit Bob Dylan versammelt hatten, entsprachen nicht dieser amerikanischen Mainstream-Musik, die Columbia groß gemacht hatte. Nach vier Folk-Alben mit Balladen wie „Blowin’ in the wind“ und „The times they are a’changin“ hatte Dylan im April 1965 seinen ersten Rocksong „Subterrean Homesick Blues“ aufgenommen, doch war dieser unterirdische Heimwehblues – eine Litanei,die heute von Historikern als Ur-Musikvideo und Vorgänger des Rap gefeiert wird  – nicht im Enferntesten in die Chartränge vorgestoßen, die die Hits dieses Frühjahrs belegten: die Beatles mit „Eight days a week“ und die Rolling Stones mit „Play with fire“. Die britischen Bands hatten dem ur-amerikanischen Rhythm & Blues neues Lebens eingehaucht, doch an den „Majors“ wie der CBS-Tochter Columbia-Records war dieser Trend vorbeigerauscht. Schon 1955 hatte man dem Rock’n Roller Elvis Presley keinen Vertrag gegeben und  1963 auch das erste Beatles-Album abgelehnt. Und dass Bob Dylan an diesem Junitag 1965 mit „Like a rolling stone“ gerade den besten Rocksong aller Zeiten eingespielte, wollten die Plattenbosse nicht hören – jedenfalls nicht sofort.

Und schon gar nicht konnten sie sich vorstellen, dass es im November 2004 in einem führenden Fachblatt heißen würde: „Kein anderer Popsong hat die kommerziellen Gesetze und künstlerischen Konventionen der Zeit  so herausgefordert hat, für alle Zeiten“. So kommentierte die Musikzeitschrift  „Rolling Stone“  das Ergebnis einer Wahl,  bei der Redakteure, Musiker und Kritiker   Bob Dylans „Like a rolling stone“  zum besten Song aller Zeiten gewählt hatten.  Vor „Satisfaction“ von den „Rolling Stones“, John Lennons  „Imagine“  und 497 weiteren Popklassikern. „Es ist eine Schande, dass der politische Liberalismus den Rock’n Roll in Beschlag genommen hat“, kritisierte der rechts-konservative  „American Spectator“ die Wahl, zudem sei Dylan musikalisch nicht einmal gut genug „einem Elvis Presley die Gitarre zu stimmen.“ Für Empörung sorgte die Auszeichnung freilich nur in Kreisen,  für die Bob Dylan,  die Beatles und die Rolling Stones schon damals ein rotes Tuch waren – Exponenten der Gegenkultur, die den 60er Jahren ihren Stempel aufgedrückten: Bürgerrechtsbewegungen,  Studentenproteste, Woodstock-Festival.  Bob Dylan stand dabei für eine neue Generation von Künstlern, die anders als Elvis, der 1958 noch mit viel staatstragender PR und „Muß I denn zum Städele hinaus…“ zur Armee gegangen war,  Militär und Krieg ablehnten. Wegen der massiven Bombardments in Vietnam war es Anfang 1965 zu den ersten Großdemonstrationen in Washington gekommen, die beginnende Rekrutierung von Bodentruppen  drohte vielen jungen Männern  mit Einziehung, im Süden der USA reagierten weiße Kapuzenmänner auf die offiziell aufgehobene Rassentrennung mit Terroranschlägen auf Schwarze  – nach  der Ermordung John F.Kennedys zwei Jahre zuvor schien der Aufbruch in ein besseres, gerechteres Amerika in ein Rollback umzuschlagen. Aber die Jugendkultur hatte ein neues Medium entdeckt und nutzte es zum Widerstand: Verstärker, elektrische Gitarren, Schallplatten, Radio.

Diese Vereinigung von Protest und E-Gitarre, Pop und Politik, Musik und Botschaft bahnte sich  Anfang 1965 gerade an, war aber noch nicht zu hören. Doch dann wachte der Stones-Gitarrist Keith Richards im April in einem Hotelzimmer in Florida auf, weil ihm mitten in der Nacht ein Gitarren-Riff eingefallen war. Er stellte das Tonband an,  hielt die Eröffnungsakkorde von „Satisfaction“ fest – und definierte damit einen Musikstil, der fortan nicht mehr „Rock’n Roll“, sondern „Rock“ genannt wurde. Und Bob Dylan beschloß zur selben Zeit, seine Rolle als schrammelnder Folk-Barde mit Wanderklampfe und Holzfällerhemd abzulegen, und diese neue Art von Musik mit Inhalt zu füllen. Seit diesem Frühjahr 1965 klang Popmusik nicht nur anders – sie erzählte auch andere Geschichten. Und die Aufnahme von  „Like a rolling stone“ markierte diese Zeitenwende.
Shaun Considine, damals Koordinator der Neuveröffentlichungen bei „Columbia“, erzählte der „New York Times“, dass die Single um ein Haar gar nicht erschienen wäre, weil sie den Verkaufs-und Marketingmanagern nicht ins Konzept paßte: „Ihre Ablehnung kam von zwei Seiten. Zum einen mochten sie keinen Rock – aber das wurde natürlich nicht gesagt. Sie hängten sich an der Länge des Songs auf.  1965 lag die übliche Länge  einer Single, die im Radio gespielt wurde, bei drei Minuten. „Like a Rolling  Stone“ kam eine Sekunde unter sechs Minuten ins Ziel – und der salomonische Rat der Verkäufer lautete: Schneide das Baby in zwei Teile.“
Als man Dylan diesen Beschluß präsentierte, lehnte er ab. Der Veröffentlichungstermin der Platte wurde daraufhin von „sofort“  auf „unbestimmt“ verschoben, was  nichts anderes bedeutete als die Vorhölle für  beerdigte  Projekte. Zudem stand ein Umzug in ein anderes Gebäude an und als ihm beim Kistenpacken eine Kopie des eben „verschobenen“ Dylan-Songs in die Hand fiel, nahm Considine die Platte  mit nach Hause. Er spielte sie am Wochenende so oft und so laut, dass die Nachbarn sich beschwerten – und dann fiel ihm ein, wo man solche Musik zu schätzen wüßte. Ein paar Wochen vorher war der heißeste Musikclub der Stadt eröffnet worden, das „Arthur“  in der 54th Street – jeder wollte da hin, doch Dylan war mit seinen Jungs und ihren bierbesprenkelten Klamotten aus dem Army-Store an der Tür abgewiesen worden. Dank Shaun Considine erging es seiner Platte besser – weil er Clubmitglied war, erfüllte der DJ ihm den Wunsch, das Stück zu spielen. Den Namen des Sängers nannte er nicht und sagte dazu, dass das Stück sehr lang sei und ruhig abgebrochen werden könnte, wenn die Tänzer sich langweilten. Doch als die Platte dann nach einer Pause gespielt wurde, geschah das Gegenteil: „Die Wirkung war erdbebenartig. Die Leute stürmten die Tanzfkäche und die die sitzenblieben hörten zu. ‚Wer ist das’, rief der DJ in meine Richtung. „Bob Dylan“ schrie ich zurück und der Name machte die Runde im Saal.“
Unter den Gästen waren auch die DJs von zwei großen New Yorker Radiostationen, die am nächsten Morgen bei Columbia Records anriefen und sich darüber beschwerten, dass sie noch keine Kopien der neuen Dylan-Single erhalten hätten.  Eilsitzungen  wurden  einberufen und am 15. Juli 1965, vier Wochen nach der Aufnahme, wurde die  Platte  an Läden und Radiostationen veschickt , gepreßt auf rotes Vinyl, um den DJs zu zeigen, dass es sich um ein „heißes“ Produkt handelte, –  und mit dem Label: „Like a rolling stone (Part 1), timing 3:02“, sowie der B-Seite „Part 2 (timing 3:02)“. Die Verkaufsabteilung hatte einmal mehr zugeschlagen – aber konnte sich dennoch nicht durchsetzen.  Die DJs schnitten beide Seiten auf Band und spielten den kompletten Song im Radio, eine Woche später kam „Like a rolling stone – full version“ in die Billboard Charts, Anfang September war er bis auf Platz zwei geklettert. Hinter „Help“ von den Beatles und vor den Rolling Stones, die den ganzen Juli über die Nr. 1 mit  „Satisfaction“ belegt hatten.
Mit dem Titel hatte Dylan nicht nur auf seine historischen Wurzeln verwiesen, Muddy Waters Bluesklassiker „Rollin’ stone“ von 1948  an , sondern auch auf die britische Band, die sich nach ihm benannt hatte. „Doch das Rennen lief nicht nur zwischen den Beatles, Bob Dylan und den Stones und allen anderen. Die Popwelt war im Rennen mit der größeren Welt, der Welt der Kriege und Wahlen, der Arbeit und Einkommen, der Armen und Reichen, der Schwarzen und Weißen., der Männer und der Frauen – und 1965 war zu fühlen, dass die Popwelt gewann.“, schreibt  der Musikhistoriker und Dylanologe Greil Marcus, der „Like a rolling stone“  ein ganzes Buch gewidmet hat. Die „Biographie“ eines Songs, mit dem die Emanzipation der Popmusik von  Schudbidu und Themen wie Herz und Schmerz begann, obwohl er auf der Oberfläche doch eigentlich von nichts anderem erzählt. Ein enttäuschter Verehrer, der eine abgestürzte „Miss Lonely“ fragt, wie es ist, arm und homeless zu sein: „How does it feel ?“. Doch dahinter erzählte Dylan noch ganz andere Geschichten: die eines ganzen Landes, das im Wohlstandsrausch die Realität auf der Straße ausgeblendet hatte, das Intoleranz und Selbstgefälligkeit pflegt und sich über die Wirklichkeit mit Illusionen und Alibis hinwegtäuscht. Und er sang davon, dass diese Wirklichkeit weniger auf den  „finest schools“ gelehrt wird, sondern von den Freaks auf der Straße, nicht von  „Diplomaten in Chromschlitten“ sondern von „verlumpten Napoleons“, die merkwürdig reden und „“mysteriösen Tramps“, die merkwürdige Psychedelika verkaufen. Mit dem „napoelon in rags“ , dem „mystery tramp“ und den anderen Gestalten, die Dylans Sechs-Minuten-Dramolett bevölkern – die Verse  enstammten einem längeren Text, den er nach eigenen Angaben an einem Abend „herausgekotzt“ hatte  – hatte Dylan nicht einfach irgendeine rätselhafte Personage erstellt, sondern Figuren und Situationen, in denen sich das Publikum wiederfand.
Wie das auf seine Zuhörer wirkte, erzählt Jann Wenner, der gerade als Musikjournalist anfing – und wie fast jeder junge Mensch im Kalifornien dieser Zeit an den „Acid-Test“ genannten Partys teilgenommen hatte, auf denen der Autor Ken Kesey („Einer flog übers Kuckucksnest“) und seine „Merry Pranksters“ mit Musik, Lightshows und LSD das Hippie-Zeitalter der Bewußtseinserweiterung einläuteten: „Ich dachte immer, das ist meine Geschichte…. Ich war auf den besten Schulen, niemand lehrte mich wie man auf der Straße lebt…. Und dann rennst du plötzlich mit Leuten wie Ken Kesey, den Hells Angels und Drogendealern rum, und einer von denen ist der Mystery Tramp . Und auf so einem Acid-Test kommt dann irgendein Verrückter mit einem Bart und einem Hut und du schaust in das Vacuum seiner Augen und sagst: „Do you want to make a deal“.
Wenner fand sich nicht nur im Subtext von Dylans Zeilen wieder, sondern auch in der direkten und fordernden Sprache dieser Aufbruchszeit, mit der er aber als Journalist in den etablierten Medien kaum landen konnte und deshalb 1967 eine eigene Zeitschrift gründete, den „Rolling Stone“. Zu diesem Zeitpunkt waren die protestierenden Buhs, die Dylan beim  ersten Auftritt mit der Elektro-Gitarre für „Like a rolling stone“ von seiner alten Folklore-Gemeinde  noch erhalten hatte, schon  verstummt – er  hatte nicht nur sich neu erfunden, er hatte auch der Musikwelt einen entscheidenden Impuls verpaßt und ein neues Genre erfunden: Folk-Rock. Die „Beatles“ hatten ihm dabei demonstriert, wo es musikalisch lang geht – Dylan half ihnen im Gegenzug,  inhaltlich über „She loves you – yeah yeah yeah“ hinauszukommen. Am 24. August 1964, so ist es in der Beatles-Chronologie festgehalten,  probierten die bis dahin nur mit Alkohol und Aufputschmitteln vertrauten  Pilzköpfe im Haus von Bob Dylan erstmals Marihuana – zu  „Lucy in the Sky with Diamonds“ war es von da nicht mehr weit. So wie Dylan die Folk-Klamotten legten sie die Showanzüge bald  ab, aus der unterhaltsamen Liverpooler Boygroup wurden die engagierten „Beatles“ …
Der Song  des mittlerweile als Poesie-Professor der Oxford-University   und  wegen seiner Lyrik immer wieder als Nobelpreis-Kandidat   geadelten Dylan mag für die Ohren heutiger Jugendlicher wie ein Relikt aus der musikalischen Mottenkiste klingen – 1965 hingegen elektrisierte das Stück die Hörer. So zufällig und auf Umwegen freilich, wie es seinen Weg aus der „Columbia“-Ablage zum Welthit gefunden hatte, so zufällig war auch sein Sound entstanden. Außer dem Gitarristen Mike Bloomfield, mit dem Dylan vorher ein bißchen geprobt und ihn angewiesen hatte „ja nicht so einen B.B.King-Scheiß zu spielen“,  brachte er nur einen Haufen Text-Zettel (letztes Jahr  für 2 Mio. $ versteigert) mit ins Studio, keine Noten. Die Musiker, die der Produzent Tom Wilson für Bass, Schlagzeug und Piano bestellt hatte, wußten nicht so recht wo es langgeht und am ersten Tag der Session kam nichts Brauchbares heraus. Am zweiten Tag saß dann zufällig ein junger Studio-Gitarrist, Al Kooper, hinter der Scheibe, der die anderen Musiker kannte. Die Takes schleppten sich dahin, das Stück nahm keine richtige Fahrt auf.  Als der Produzent zum Telefon gerufen wurde, ging Kooper in den Aufnahmeraum, setzte sich an die Orgel und machte einen Vorschlag, wie man den Chorus aufladen könnte – mit jenen nach Garagen-Gospel klingenden hohen Orgelakkorden, die dem Refrain nach dem „How does ist feel“ mit einem Zauberstreich  ein neues Gepräge gaben. Als der Produzent nach dem Telefonat zurückkam, wunderte er sich: “Hey, was machst du denn da an der Orgel…“ –  Kooper grinste zurück  und der Produzent rief: „Awright, here we go…“ – und dieser Take war es dann. Die Band, die den  Song des Jahrhunderts aufnahm, spielte danach nie wieder zusammen. Der grandiose Gitarrist  Mike Bloomfield scheiterte in den 80er an Alkohol und Heroin, Al Kooper gründete und produzierte später Bands wie „Blood, Sweat  & Tears“ und „Lynard Skynard“  – und alle anderen sind vergessen.  Nur Bob Dylan –  „für die Popmusik das Gleiche wie Einstein für die Physik“ (Newsweek)  –  ist immer noch unterwegs,  ein Gestirn, das seine Kreise zieht, seit 1988 auf einer „Never Ending Tour“ mit  bis zu 200 Konzerten pro Jahr (aktuelle Daten: www.bobdylan.com), with no direction home, strahlend und funkelnd, aber auch düster und traurig – wie das nun mal so ist, in Himmel und Hölle auf Erden. Like a rolling stone… Hier ein interaktiver Clip und das Original auf Vinyl.

 

3 Comments

  1. Was ist der Unterschied zwischen RockSONG und RockBALLADE??
    Ich hörte einst, der hier wäre die allerbeste Rockballade aller Zeiten:

    https://www.youtube.com/watch?v=BcL—4xQYA

    Aber egal. So hat wohl jeder seins.
    Für mich ist das Hervorkramen eines alten Stückes immer der Beginn einer endlosen Kette alter Erinnerungen…den noch hören und den…

    In diesem Sinne – ein friedliches und gesundes Osterfest allen.

  2. Der Aufbruch in ein ” Besseres, gerechteres Amerika” schlug in den 60zigern leider fehl.

    Nun ja…besser ist sowieso subjektiv

    Allerdings was Rassen-und
    Geschlechtergerechtigkeit angeht,
    da sind die USA heutzutage weltweit führend !!!

    Nehmt nur mal den New-Deal :

    “Dummheits-Umverteilung”

    Diesbezüglich sind die USA heute praktisch ein real-sozialistisches Land, und der Protest-Dylan kann seine Gitarre samt Harp endlich einmotten.

    8 reasons why this is the dumbest Generation
    http://www.boston.com/lifestyle/gallery/dumbestgeneration

    See youtube :
    Man on the Street Interviews with Zombies
    See youtube :
    Petitons for Crazy Things

    🙂

  3. … Als die alte, kunstvolle Blechtrompete noch eine junge war:

    Wunderbar!

    And that’s how it felt to be grocking Bob Zimmerman’s views on just about everything – all the time.

    No wonder, on the contrary, all the bores of the entertainment-world, toujours concerned with constructing one big lie to profit from those duped by it, and, always proving to be the first victims of that kind of faith themselves, imagining greatness would be just that in the end, turned his jealous adversaries, if enemies, from the beginning.

    There was – and sure still is – a price for Dylan singing: part of him had to become absorbed by them and their business.

    I always wondered which one that was – How does it feel? –
    Now I’m quite contempt Dylan played out a concession to everybody, with this early song then, to ponder together with him on this very question.

Leave a Reply to Berndchen Cancel reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *