Heathcote Williams R.I.P.

Vor ein paar Monaten hatten wir noch gemailt, er hatte mir sein “investigative poem” über den afghanischen Ghandi geschickt “Badshah Khan – Islamic Peace Warrior”, das ich gerne auf deutsch herausbringen wollte. Jetzt meldet der “Guardian”, dass Heathcote Williams mit 75 Jahren in seinem Haus in Oxford gestorben ist.
Er war das, was man ein Multitalent oder Genie nennt: Maler, Bildhauer, Theaterautor,  Schauspieler, Zauberer, Erzähler, Poet, Schriftsteller – und was andere Künstler dieses Kalibers nach dem Sturm und Drang junger Jahre gern ablegen blieb er bis zum Ende:  radikal, anarchistisch, politisch aktiv. Kollegen wie Samuel Beckett, Harold Pinter, William Burroghs bewunderten seine Arbeiten, einer seiner größten Fans, Al Pacino,  finanzierte seinen Film “The Local Stigmatic” und spielte die Hauptrolle; Heathcote selbst trat in zahlreichen Filmen auf , etwa als Prospero in Derek Jarmans Shakespeare-Verfilmung “The Tempest”.
Von seinen zahlreichen  Büchern kam mir zuerst “Der Immortalist” in die Hände, ein “alchemistisch-utopisch-anarchistisches Gespräch mit einem 278jährigen”, das Werner Pieper bei der “Grünen Kraft” herausgebracht hatte, dann kamen in den 1980ern Jahren seine wunderbaren Werke “Der Kontinent der Wale”, “Elefanten” und “Autogeddon” großformatig bei Zweitausendeins heraus. Bücher die zu Standardwerken der ökologischen Sensibilisierung für den Terror der Jagd und des Autoverkehrs wurden.
Mit Germaine Greer hatte Heathcote Williams in den frühen 1960ern die Zeitschrift “Suck” für “sexuelle Befreieung” gegründet, 1972 reüssierte er als gefeierter Theaterautor mit der an Antonin Artaud und Marshall McLuhan geschulten Hippie-Performance “AC/DC” und produzierte seitdem regelmäßig Stücke für Theater und Film. Mit der artistischen Online-Wiederbelebung der “International Times”, des  britischen “Newspaper of Resistance”, hatte er dann später eine Netz-Plattform zur Veröffentlichung seines stets ebenso poetischen wie subversiven Materials.

Als mir sein ehemaliger deutscher Verleger, Lutz Kroth, 2014 das investigative poem “Royal Babylon” über die Windsors zuschickte, konnte ich die Freunde vom Westendverlag überzeugen, dass dieses anklagende Gedicht samt seinen dokumentierenden Fussnoten doch genau das Richtige sei zum anstehenden Besuch der Queen in Deutschland: “Eine schrecklich nette Familie”.  Auch in England machten diese scharfen Worte Furore, nachdem die britische “Stop The War”-Koalition einige Passagen daraus veröffentlichte – und die kriegtreibende Elite  den ungeliebten Labour-Kandiaten Corbyn mit dieser “schändlichen Schmähschrift” beschmieren wollten.
Bis zum Ende waren die Worte dieses Dichters immer ein Dorn im blumigen Geschwalle des Mainstreams, wie auch sein letztes Werk über den amtierenden Außenminister “The Beast of Brexit – Boris Johnson”,  es waren Widerworte, des Zorns und der Wut über den Horror der Realen. Doch immer auch, und sei es noch so metaphorisch, gespeist von der Vision einer unbändigen Freiheit und allumfassender Liebe.  Kein Wunder also, dass seinen Nachrufern Vergleiche mit literarischen Heroen wie dem Polemiker Shelley – über den er ebenfalls geschrieben hat – und dem Visionär William Blake einfallen. Er war ein Großer, als genialer Künstler, als ständiger Aktivist und als ewiger Träumer: “Dream for us in the great beyond and we will listen to you Heathcote.”

Update: Werner Pieper weist mich darauf hin, dass nicht er sondern der Sphinx-Verlag “Der Immortalist” zuerst auf deutsch veröffentlichte, bei der “Grünen Kraft” hingegen sei “Autogeddon” zuerst als Raubdruck erschienen und dann “offiziell” bei Zweitausendeins.

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