Paradise und Parasiten

Wie schon vor einiger Zeit die Panama-Papers, sind auch die Paradise-Papers  zwar viel besser als Nichts, aber wohl doch wieder nur ein “limited hangout” – die skandalisierende Sichtbarmachung der Spitze eines Eisbergs, der schon lange bekannt ist, aber weiter fröhlich vor sich hintreiben kann. In seiner ganzen Verachtungswürdigkeit und Niedertracht zeigt sich in diesem Zusammenhang die Ideologie der Springer(stiefel)presse in der gestrigen “Bild”-Schlagzeile Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen?  – sowie in der Verteidigung des parasiätren Raubrittertums in der “Welt”: Es ist gut, dass es Steueroasen gibt.

In “Die ganze Wahrheit über alles” haben wir “Steuern und Steueroasen” ein Kapitel gewidmet und auch die eigentlich sehr einfachen Lösungen skizizziert, wie man diese Raubritterburgen der Neuzeit schleifen kann. In Frankreich brauchte es 1789 eine blutige Revolution, um Adel und Klerus zu Steuerzahlungen zu zwingen, um dem heutigen Finanzadel an die Brieftasche und an den Briefkasten zu gehn, braucht es hingegen nur ein paar Daumenschrauben: ein internationales Finanzkataster, das die Besitzverhältnisse von Wertpapieren eindeutig registriert. Standorte, die sich weigern, dieser Registrierungspflicht nachzukommen, werden so lange mit Strafzöllen auf ihre Transaktionen belegt werden, bis sich ihre Geheimnistuerei nicht mehr rechnet.
Wie dringend notwendig solche Maßnahmen sind, wenn die Welt nicht wieder in einen totalitären Neo-Feudalismus regredieren soll, hat John Urry gezeigt, einer der wenigen Soziologen, die dieses gigantische Schattenreich der globalen Ökonomie erforschen (John Urry: Grenzenloser Profit – Wirtschaft in der Grauzone, Berlin 2015) :

„Die Beträge, die in solche Standorte geflossen sind, stiegen von 11 Milliarden US-Dollar im Jahr 1968 über 385 Milliarden US-Dollar 1978 und 6 Billionen US-Dollar 1998 auf 21 Billionen US-Dollar im Jahr 2010. Nach konservativen Schätzungen hat die Verlagerung von Geldvermögen von 1968 bis heute somit um das 2.000fache zugenommen. Nahezu alle großen Konzerne verfügen über Offshore-Zweigunternehmen, mehr als die Hälfte des Welthandels fließt durch diese Steueroasen, fast alle hochvermögenden Privatpersonen besitzen Offshore-Konten, die ihnen steuerliche „Gestaltungsmöglichkeiten“ eröffnen.“

Da es sich bei den Betroffenen nicht um irgendwen, sondern die mega-reichen 0,1 % der Weltbevölkerung handelt, wird ein internationales Finanzkataster nicht von heute auf morgen durchsetzbar sein. Deshalb empfehlen wir in unserem Buch eine auf Ebene der UN und der nationalen Gesetzgebung einfach und schnell durchsetzbare Initiative, die Einführung einer rigiden Residenzpflicht:
“Ein Offshore-Briefkasten darf nicht mehr ausreichen, um sich vor Steuerzahlungen drücken zu können, die Person oder die Firma muss leibhaftig anwesend, sprich niedergelassen sein, um in den Genuss der Steuervermeidung zu kommen. Wir prognostizieren: Es wird nur sehr kurzfristig ein wenig voller auf den Caymans, den Jungferninseln oder Jersey…” Wenn die Steueroasen in Wüsten verwandelt sind, hält es dort niemand mehr lange aus.”

Mehr über Steueroasen, alle anderen schwierigen Weltprobleme und ihre einfachen Lösungen in: Die ganze Wahrheit über alles.

Der oben abgebildete Titel des sehr empfehlenswerten Buchs zum Thema von Nicholas Shaxson liegt mittlerweile auch auf deutsch vor: Schatzinseln – Wie Steueroasen die Demokratie untergraben.

4 Comments

  1. In der staatlichen deutschen Berichterstattung kann man sich inzwischen auf die immer gleiche, inzwischen lächerlich herbeigezwungene Regel verlassen, dass in einer Enthüllung über Verwerfliches und große Skandale stets irgendwie der Name “Putin” untergebracht werden muss. Das läuft dann so billig, dass man meldet, irgendwer hätte eine Briefkastenfirma zwecks Steuerhinterziehung und macht gleichzeitig auch mit Russland Geschäfte und dessen Präsident hieße ja bekanntlich Wladimir Putin. Beim notorisch sedierten deutschen Medienkonsumenten bleibt dann irgendwie hängen: “Betrug”, “Putin wieder”.

    Die gleichen, auf Kalten Krieg gepolten Medien, warfen Putin gestern ernsthaft vor, dass er 100 Jahre Oktoberrevolution offiziell nicht feiert. Möchte nicht wissen, was sie ihm vorwerfen würden, wenn er doch feiern ließe, wahrscheinlich Verharmlosung von Diktatur und Stalinkult. Deutsche MSM werden durch ihre verzweifelte antirussische Propaganda immer mehr zur Realsatire.

    Zwecks echter Information im mainstream kann man tatsächlich nur noch Satire schauen. Die “Hofnarren” der Anstalt waren gestern wieder um Größenordnungen investigativer und gesellschaftskritischer als der gesamte deutsche “Qualitätsjournalismus”.

    https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-7-november-2017-100.html

    Von der Mont Pèlerin Society, die seit 1947 besteht und mit Hunderten nachgeordneten Thinktanks dafür sorgt, dass sich der brutale Neoliberalismus – an jeder demokratischen Willensbildung vorbei – weltweit durchsetzt und die dafür ihre asozialen Ideen den Politikern in die Parteiprogramme diktiert, hatte ich noch nie gehört.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Mont_Pèlerin_Society

    Von wegen „Verschwörungstheorie“ – das ist Verschwörungspraxis, eine ausgesprochen aggressive und erfolgreiche noch dazu.

  2. Alles schön und gut…nur die angedachten globalen Kontrolinstanzen werden zwangsläufig einen feudal-digitalen Neo-Politbüro-Kommunismus befördern.
    ( Wer kontrolliert die Kontrolleure ? )

    wobei “Fiat Money” das eigentliche Problem ist und weniger die Schlupflöcher für die “Reichen”…die die armen und strukturschwache Länder halt anbieten, um überhaupt über Wasser zu bleiben.

    Totaler financial Control-Grid auf planetarischer Ebene, mit Bargeld-Abschaffung…mit Bit-Coin-Darknet on the reverse side ….
    https://www.youtube.com/watch?v=5tn4P7IBqoQ
    mit dem Öko-Blogwart als Beichtvater-Ersatz und als lokale ” Kontakt-Vertrauens-Person”( Angebliche Planziele der NWO ) werden den menschlichen Freiheitsgrad eher dramatisch absenken…als auf Weltebene “Wohlstand für Alle”( Ludwig Erhard )
    zu generieren.

    4 blaue unverbrauchte Planeten in Reserve wären dazu auch noch nötig …und vor allen Dingen ein über die Gesamtmenschheit ausgebreiteter “Guter Wille”- “Common Sense”-“Diskursbereitschaft”-“Empathie” ….also absolut echte Minderheitsbegabungen innerhalb der menschlichen Spezies…
    die man leider Gottes nicht einfach so “her-bei-bröckern” kann.

    Es bleibt nur das Durch-Wurschteln, auf letztlich auch nur lokaler Ebene a la Italo-Neapel, mit einem immer ausbruchsbereiten Vesus im Kreuz, bevor dann… lange nach Mutti & Co… aber völlig absehbar…die “Blade-Runner”-Zeiten ( Negative- Movie-Utopie ) auch bei uns im waschechten Indula-Leben einziehen.

  3. Das Kapital – eine ketzerische Streitschrift

    Am Anfang war das Wort und das Wort war beim Kapital
    Und das Kapital erschuf das neoliberale Universum
    Mit all dem Gold, Silber, Öl und Gas
    Und das Kapital sah, dass dies gut war

    Am nächsten Tag erschuf das Kapital den Menschen
    Und das Kapital erschuf ihn als Arm und Reich
    Es setzte den Reichen in eine Villa im Garten Eden
    Und der Arme solle fortan dem Reichen dienen

    „Sieh“, sprach das Kapital zum Armen,
    „Du darfst für deine Arbeit von allen herabfallenden Früchten der Bäume essen,
    damit Du gerade so satt wirst – nur vom Baum mit der Frucht der sozialen Gerechtigkeit und der Nächstenliebe darfst Du nicht kosten!“

    Da der Reiche jedoch schon alle anderen Früchte eingesammelt hatte
    (die der Nächstenliebe und Gerechtigkeit interessierten ihn nicht)
    und sich der Arme vor Hunger quälte, kostete dieser von der noch
    übrig gebliebenen verbotenen Frucht und erkannte, dass er arm war.

    Als das Kapital dies sah, zürnte es gegen den Armen und sagte zu ihm:
    „Wahrlich, Du hast mein oberstes Gebot gebrochen, dafür verbanne ich dich aus dem Garten Eden.
    Von nun an sollst Du arbeiten bis Du stirbst, ohne Rente und Krankenversicherung.
    In lebenslanger Zinsknechtschaft sollst Du leben und weder saubere Luft atmen noch sauberes Wasser trinken!“

    Dann sprach das Kapital zum Reichen:
    „Geh hinaus in die Welt, plündere alle Bodenschätze und mach sie dir zum Eigentum, vergifte die Meere, Seen, Flüsse und die Luft, bis niemand mehr atme außer dir, mehre den Reichtum von dir und deinesgleichen und verteile dies nicht unter den Armen!“

    Doch der Reiche antwortete:
    „Herr, wie soll uns der Arme jetzt noch Glauben schenken, nachdem er von der verbotenen Frucht aß?
    Sieh doch, wie schnell die Armen soziale Strukturen in Ländern und unter den Völkern verbreitet haben.
    Wir müssen jetzt sogar Steuern und Sozialabgaben bezahlen – Hilf uns Herr!

    Das Kapital vernahm das Wehklagen der Reichen und sagte zu ihnen:
    „Nehmt euer Geld und baut mir Kirchen und Kathedralen aus Stahl und Stein,
    baut sie größer und mächtiger als alle anderen Gebäude dieser, meiner Welt,
    nennt Sie Banken, Versicherungen, Konzernzentralen und Börsen und betet mich darin an!“

    „Und wenn sie sich nicht beeindrucken lassen?
    Wenn sich Unglaube an Nächstenliebe und Gerechtigkeit nicht mehr vertreiben lassen? Wir brauchen Zeichen und Wunder.“ erwiderte der Reiche angsterfüllt.

    „Oh ihr Ungläubigen“, rief das Kapital,
    „Ich bin euer Herr und Gott und ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben!
    Ich werde euch senden meinen eingeborenen Sohn, euren Messias,
    der da kommt mit Namen Milton Friedman!“

    „Er soll euch verkünden die frohe Botschaft des Neoliberalismus,
    der euch soll predigen von der unsichtbaren Hand des heiligen freien Marktes.
    Er soll gründen meine neue und ewige Kirche, die ihr da nennt: Mont Pelerin Society“

    „Werdet seine Jünger und tretet in seine Kirche ein,
    denn niemand kommt zu Reichtum, der nicht an ihn glaubt.
    Geht an die Schulen und Universitäten und verkündet dort meine neue Religion,
    die ihr dann Wirtschaftsökonomie nennt und sie als Wissenschaft bezeichnet.“

    „Nennt die Wirtschaftsökonomen einfach Wirtschaftsweisen aus dem Abendland.
    Sie sollen die neuen Priester sein und euch ewiges Wachstum predigen.
    Kein Lehrer, Politiker und Journalist soll ihnen entsagen können,
    wenn sie am Abendmahl des Kapitals die Brotkrumen erhalten.“

    „Wehe den Lieben und Gerechten, die sich mir in den Weg stellen und sich nicht von mir ausbeuten lassen, denn diese werden brennen in den Kriegen, die ich entfesseln werde.
    Dies wird kein Krieg unter den Völkern sein, sondern ein immerwährender Krieg
    zwischen Reichen und Armen, solange bis kein Armer mehr übrig ist.

    Eure Kirchen sind die Börsen und eure Kathedrale sei die Wall Street
    Euer Credo soll lauten: Privatisierung, Steuersenkung und Sozialstaatsabbau
    Euer einziges Gebot soll sein: Liebe dich selbst am meisten und mehre dein Vermögen, so dass der Nächste nichts mehr hat!

    Und so betet, wie ich euch jetzt zu beten lehre:

    Kapital unser auf Erden,
    geheiligt werde dein Name,
    dein Neoliberalismus komme,
    dein Wille geschehe,
    wie an der Wall Street,
    so auch in allen Ländern der Erde,
    Unsere tägliche Rendite gib uns heute und vergiss unsere Schuld,
    dafür werden wir nie vergessen unseren Zins bei unseren Schuldigern
    Und führe uns nicht in Verarmung, sondern erlöse uns von den Steuern und Abgaben.
    Denn dein ist die Ausbeutung und der Zins und die Rendite bis in Ewigkeit.
    Amen

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