Badische Zeitung vom Dienstag, 17. Dezember 2002
Die Verschwörungstheoretiker
Alarmstufe "Code Orange" im Freiburger Theatercafé: Matthias
Deutschmann diskutierte mit Gästen den 11. Septembe
Der Kabarettist Matthias Deutschmann wird gelegentlich von Sinnkrisen heimgesucht, die ihm die Satire verleiden. Dann geht er in sich, an sein Cello oder sucht, wie jetzt nach dem "Ende der Spaßgesellschaft", verstärkt nach neuen Formen der Recherche und Präsentation politischer Aufklärung. Künftig will er im Freiburger Theatercafé jeden Monat in der Reihe "Code Orange" (das ist ein Alarmsignal, die Farbe des Theaters und der Siebziger Jahre) Menschen zum Gespräch bitten, "deren - vielleicht utopisch zu nennender - Eigensinn dem politischen Konformitätsdruck widersteht".
Zum Auftakt kamen zwei, die diese Vorgaben vorbildlich erfüllen: der Freiburger Publizist Klaus Theweleit und der Kulturjournalist, Hanfpapst und Verschwörungstheoretiker Matthias Bröckers. Beide haben kürzlich Bücher über den 11. September vorgelegt: Theweleit eine Abrechnung mit dem Medienecho des "Knalls", Bröckers ein Buch über aktuelle Verschwörungstheorien, das mittlerweile die 14. Auflage erreicht hat: Beste Voraussetzungen also für eine spannende Diskussion. An- und aufregend war die gut besuchte Talkshow tatsächlich; gelungen mag man sie kaum nennen. Deutschmann ist als kabarettistischer Solist grandios; als Moderator aber muss er noch lernen, sich und sein stupendes Wissen zurückzunehmen und sich mehr auf die Gesprächsführung zu konzentrieren. Mit ironischen Spitzen war Bröckers' verschwörungstheoretischer Elan jedenfalls nicht zu bremsen, und als Deutschmann sich dann auch noch selber an den "spekulativen Fakten" festzubeißen begann, die er streng vertraulich aus dem Internet holt, leitete er damit erst recht Wasser auf Bröckers Mühlen.
Dessen Theorie geht ungefähr so: Der 11. September, ein Glücksfall für Börsenspekulanten und Bushs Falken, war so perfekt organisiert und inszeniert, dass er unmöglich das Werk von diesem Ali Baba und seinen 19 Räubern gewesen sein kann - zumal sechs von ihnen noch leben, und alle Welt weiß, wo Osama bin Laden steckt, aber niemand ihn mehr fangen will. Dahinter muss ein mächtiger "Masterplan" stecken, nach konspirationstheoretischer Übereinkunft also der US-Imperialismus mit seinen 26 Geheimdiensten.
Schon Großvater Bush hat den Aufstieg der Nazis finanziert; Vater Bush ist immer noch mit dem militärisch-industriellen Komplex verbandelt, und natürlich denkt auch der Sohn mehr an das Öl als an die Menschenrechte in Afghanistan. Bin Laden und Saddam Hussein wurden als nützliche Idioten im Kalten Krieg gepäppelt und werden jetzt, da sie aus dem Ruder und Gängelband zu laufen drohen, wieder in die Steinzeit zurück gebombt.
In jeder Nachrichtenredaktion ein Mann vom Geheimdienst?
An dieser Theorie ist natürlich einiges dran, und Bröckers ist vorsichtig genug, seinen ungeheuerlichen Verdacht - der 11. September sei, wie früher schon Pearl Harbour oder der irakische Überfall auf Kuwait, von Amerika wenn nicht organisiert, so doch wissend und billigend in Kauf genommen worden - nicht direkt auszusprechen. Aber er präsentiert seine Indizien ("Das ist Fakt, keine Spekulation") und antiamerikanischen Ressentiments so geschickt und eloquent, dass jeder selber seine Schlüsse ziehen können sollen muss. Auch Theweleit traut den "Mainstream"-Medien bekanntlich fast alles zu: Hat nicht Ex-Staatssekretär Andreas von Bülow selber zugegeben, dass in jeder Nachrichtenredaktion ein Mann vom Geheimdienst sitzt? Verschwörungstheorien sind ein Gesellschaftsspiel, das gerade kritische Aufklärer fasziniert, aber im Grunde reaktionär.
Man muss dabei nicht einmal an die Verfolgung von Illuminaten, Freimaurern oder die antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion" denken: Als elitäre, geschlossene, "Komplexität reduzierende" Wahnsysteme sind sie immun gegen jeden Widerlegung. Jeder Zufall wird zur "klaren Strategie", jeder argumentative Einwand zum Kronzeugen dafür umgedeutet, wie perfide die Verschwörer die Hirne der ahnungslosen Masse bereits infiziert haben. Die Frage nach dem Nutzen - "Cui bono?" - ersetzt die nach den politischen Ursachen, und wer skeptisch bleibt, ist der feindlichen Ablenkungs- und Vernebelungstaktik schon erlegen.
Deutschmann versuchte anfangs noch auf Widersprüche und "Pfusch" in der US-Politik aufmerksam zu machen, aber der "wilde Denker" Bröckers ließ ihm diese Naivität nicht durchgehen. Wer von Terror und Krieg profitiert, muss ihn auch angezettelt haben, und wenn die Zeitungen etwas nicht drucken, werden sie ihre dubiosen Gründe haben. So wird paradoxerweise die radikalste Kritik des US-Imperialismus zu seiner Apotheose: Lächerlich die Vorstellung, dass so dämonische Superhirne wie der CIA (oder auch der Spiegel) versagen könnten; das hat selbst Hollywood halb unbewusst ausgeplaudert.
Verschwörungstheorien haben ihren kabarettistischen Reiz; aber das Triumvirat - und auch einige Zwischenrufer - verstanden ihre Enthüllungen im vollen aufklärerischen Ernst. Deutschmann gelobte immerhin, beim nächsten Mal die Suppe der "spekulativen Fakten" zu einem "Maggiwürfel" einzudampfen. Spätestens an dieser Stelle muss der Berichterstatter versichern, dass er weder von der Suppenindustrie noch vom CIA geschmiert wurde.
Martin Halter