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Mathias Bröckers
Trans Psychedelischer Express

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Erweiterte Fassung eines Vortrags auf der Hommage zum 96. Geburtstag von Dr. Albert Hofmann, der 1943 das LSD entdeckte und zu den bedeutendsten Bewußtseinsforschern des 20. Jahrhunderts zählt

"Ich ist ein anderer" (Arthur Rimbaud)
"Ich ist ein Verbum" (Buckminster Fuller)

Eleusis war das Zentrum der abendländischen Metaphysik, in Basel wurde 2000 Jahre später eines ihrer Werkzeuge wiederentdeckt, in New York hat sich gerade ein babylonisches Ereignis wiederholt. Wie hängt das alles zusammen ? Es ist alles eine Frage des Bewußtseins. Steigen Sie ein in den Trans Psychedelischen Express - für einen Kurztrip durch die Jahrtausende, der uns von Albert Hofmanns Entdeckung des LSD in Basel  zurück nach Eleusis und fast forward in das Babylon unserer Tage führen wird.

Frank Zappa hat einmal eine Theorie über Bier aufgestellt und meinte: "Der Konsum von Bier führt zu pseudo-militärischem Verhalten. Denken Sie mal darüber nach - Wino's don't march, Weintrinker marschieren nicht, auch Whiskeyfreunde marschieren nicht - (manchmal schreiben sie allerdings Gedichte die noch furchtbarer sind.)" The Real Frank Zappa Book (1989)

Soweit Frank Zappa. Sicher hat so eine sehr allgemeine These ihre Unschärfen, aber wenn man die Sanitäterstatistiken zum Beispiel des Münchner Oktoberfests oder bei bierseligen Fußballspielen betrachtet, scheint der Trend zum Pseudo-Militärischem, zum "Hau drauf" durch Biergenuß, nicht einfach von der Hand zu weisen. Der Mensch ist nicht nur, was er ißt - er verhält sich auch entsprechend der geistbewegenden Substanzen, die er zu sich nimmt.

Diese Tatsache ist mit Albert Hofmanns Erforschung des Mutterkorns und der Entdeckung seines psychoaktiven Wirkstoffs 1943 in eine neue Dimension geraten - seitdem reichen wenige tausendstel Gramm, um eine völlig Veränderung der Wahrnehmung, des Bewußtseins, des Verhaltens auszulösen. Von einigen Autoren ist LSD wegen seiner massiven Wirkung auf das Gehirn als "geistige Atombombe" bezeichnet worden - ein Vergleich, der mir richtig und falsch zugleich scheint. Falsch, weil die reale Bombe nur destruktiv ist und nichts als die Hölle produziert, während LSD nicht nur die Höllen- sondern auch die Himmelfahrt bereithält. Richtig dagegen scheint mir, dass es kein Zufall gewesen sein kann, dass just auf dem Höhepunkt der Fertigstellung der ersten Atombombe, dem brutalsten menschlichen Werkzeug tödlicher Sprengkraft, Albert Hofmann seine fünf Jahre zuvor abgebrochene Arbeit am Mutterkorn wieder aufnimmt und "aus Versehen" jene Substanz wiederentdeckt, die mit ihren pflanzlichen Verwandten im rituellem Gebrauch die Menschheit jahrtausendelang zusammengehalten hatte - die geistige Anti-Atombombe gewissermassen.

Dass pflanzliche Alkaloide in der Geschichte der Menschheit diese Rolle spielten war 1943 noch kaum bekannt - noch steht der psychedelische Express in Basel und Albert Hofmann hat Mühe, vor der "Abfahrt" mit dem Fahrrad nach Hause zu kommen...

Zum selben Zeitpunkt macht sich in Landsberg an der Warthe der dort als Stabsarzt stationierte Dr. Gottfried Benn - ausgehend von einem Trance-Gesang, den er in einem afrikanischen Film gesehen hat - die folgende Notiz:

"Sein Wesen ist religiös und mythisch, eine erregende, das Einzelwesen steigernde Kommunikation mit dem All. Den Riten und- Bewegungs-, den Rhtythmus-Trancen stehen die pflanzenentbundenen Steigerer und Rauscherzeuger gegenüber, ihre Verbreitung ist weit universaler. Mehrere Millionen Erdbewohner trinken oder rauchen indischen Hanf, unzählige Geschlechter, durch zweitausend Jahre. Dreihundert Millionen kauen Betel, die großen Reisvölker würden eher auf diesen als auf die Arekanuß verzichten, mit Kauen aufhören heißt für sie sterben. Die drei größten Weltteile erregen sich durch Koffein; in Tibet rechnet man die Zeit nach einer Tasse Tee; Tee fand man beiden Überresten prähistorischer Menschen. Chemische Stoffe mit Gehirnwirkung, Verwandler des Bewußtseins – erste Wendung des Primitiven zum Nervensystem.(...)Ob Rhythmus, ob Droge, ob das moderne autogene Training – es ist das uralte Menschheitsverlangen nach Überwindung unerträglich gewordener Spannungen, solcher zwischen Außen und Innen, zwischen Gott und Nicht-Gott, zwischen Ich und Wirklichkeit – und die alte und neue Menschheitserfahrung, über diese Überwindung zu verfügen. Das systematische "Atembeten" Buddhas, die rituellen Gebetshandlungen (-der altchristlichen Hesychasten), Loyolas Atemholen mit je einem Wort des Vater unsers, die Derwische, die Jogas, die Dionysien, die Mysterien – es ist alles aus einer Familie, und die Verwandtschaft heißt Religionsphysiologie. (...) Gott ist eine Substanz, eine Droge! Eine Rauschsubstanz mit verwandschaftlicher Relation zu den menschlichen Gehirnen." (Gottfried Benn: "Reden und Essays", 1989, S. 369 ff))

Benns Notizen, die er später unter dem Titel "Provoziertes Leben" veröffentlichen wird, muten an wie ein synchroner Kommentar zu der Substanz, deren "verwandschaftliche Relation zu den menschlichen Gehirnen" Albert Hofmann in Basel gerade einen heiligen Schrecken eingejagt hat. Auf sieben Schreibmaschinenseiten faßt der mit visionärem Radar ausgestattete Benn hier schon zusammen, was zwei Jahrzehnte später mit Huxleys "Pforten der Wahrnehmung" und Learys "Politik der Ekstase" zum Kanon einer Kulturrevolution werden sollte - und Robert Anton Wilson zu der Frage veranlaßte: "Ist Gott eine Droge oder haben wir sie nur falsch verstanden?"

In der Wüste von Alamo in New Mexico stellen die Physiker die letzten Berechnungen an, wie man mit einem Minimum Sprengstoff ein Maximum an Leben vernichtet.

In Basel am Rhein ist der Chemiker Albert Hofmann auf der Suche nach der kleinsten wirksamen LSD-Dosis und katapultiert seinen Geist mit einem Vielfachen davon in eine direkte "Kommunkiation mit dem All".

In Landsberg rezeptiert der Arzt und Denker Gottfried Benn jenes "Eintauchen in den Urtraum" und den zielbewußten Ausbau "visionärer Zustände" als einziges Heilmittel gegen die "abendländische Schicksals-Neurose"

Und in einem Schützengraben in Rußland liegt Wolfgang Neuss, ein kleiner Schlachter-Geselle und Nazi-Soldat, und schießt sich einen Finger ab, um wieder zurück ins Lazarett, zum Witze-Erzählen, kommen. Er wurde zu einem der wichtigsten kulturschaffenden Köpfe und Künstler der Nachkriegsrepublik Als ich ihn zu seinem 60.Geburtstag 1983 fragte, was wichtig in seinem Leben gewesen sei, antwortete er:

"Das Wichtigste ist meine linke Hand. Die ist immer bei mir und erinnert mich brutal an den Moment 1943, als Professor Hofmann in der Schweiz seinen ersten LSD-Trip inhalierte. Da schoß ich mir, bei dem weißrussischen Rschew, in meine linke Hand. Symbol für Kunst statt Krieg. Selbstverstümmelung empfehle ich allen, die ohne Schießen nicht leben können. Das war und ist eine gute Friedensbewegung."

(Ich wiederhole noch einmal für George und Osama: Selbstverstümmleung empfehle ich allen, die ohne Schießen nicht leben können..)

Dass der Krieg, wie Heraklit sagt, der "Vater aller Dinge" ist - der Guten wie der Schlechten, der Waffen wie der Heilmittel - wird an dieser Synchronizität scheinbar unverbundener Ereignisse auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs im Jahr 1943 deutlich - sie haben miteinander zu tun. Und die Verbindung wird noch deutlicher, wenn wir die Folgen der Entdeckung des LSD betrachten.

Das Mutterkorn, ein vor allem auf Getreide gedeihender Pilz, trägt seinen Namen nicht zufällig: es wurde schon in der antiken Medizin von den Hebammen als wehenbeschleunigendes Mittel zur Geburtshilfe benutzt. Dies war auch der Grund, warum Albert Hofmann sich Ende der 30er Jahre daran machte, seine pharmakologisch wirksamen Prinzipien zu erforschen. Das dabei gewonnene Medikament ist unter dem Namen "Methergin" als gebärmutterkontrahierendes und blutstillendes Mittel bis heute ein Standardpräparat in der Geburtshilfe. Doch wir tun dieser wissenschaftlichen Leistung, und dem Segen den sie für Mütter, Kinder und Hebammen bedeutet, keinen Abbruch, wenn wir die andere Art von Geburtshilfe, für die Albert Hofmann als Entdecker verantwortlich zeichnet, noch bedeutend höher einschätzen. Jene 25. Lysergsäure-Verbindung, deren Wirkung auf den Unterleib sich den anderen Verbindungen als unterlegen erwiesen hatte und die deshalb in der Schublade verschwunden war - um 5 Jahr später "zufällig" wieder entdeckt zu werden: als der stärkste ideele "Wehenbeschleuniger" und geistige Geburtshelfer und überhaupt. (....)

(Aus der Einleitung.)

Mathias Bröckers: TransPsychedelischer Express,  Nachtschatten Smart Books,  44 Seiten, 6 Euro 50 ( ISBN 3-907080-89-0)

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