Erschienen im Hanf!-Magazin, Heft 3/2002

Der Kandidat und die C-Frage

"Wer den freien Genuß von Cannabis befürwortet, nimmt in verantwortungsloser Weise den Tod von Tausenden junger Menschen in Kauf"

Diese Aussage von Dr. Edmund Stoiber aus dem Jahr 1997 wird bis zur Bundestagswahl sicher noch häufiger zitiert werden - und dieses Magazin wird dem Kandidaten gerne Platz einräumen, sich zur "C-Frage" erneut zu äußern. Da er von seinen Imagedesignern gerade vom bajuwarischen Taliban zum moderaten Moslem, vom reaktionären Alpen-Ayatholla zum smarten Managertypen aufgepeppt wird, dürften ihm die Wahlkampfmanager empfehlen, seine persönliche Meinung zu diesem Thema etwas moderater zum Ausdruck zu bringen. Auch wenn "Drogen" natürlich nach wie vor dem Reich des Bösen zugeschlagen werden müssen - und jede Differenzierung diese Einheiz-Front aufweicht. Eine Wende ist da vom Stoiber Eddie kaum zu erwarten - zumal wenn man ihm die schnöde Statistik vorhält, dass durch Alkohol an einem normalen Wochenende mehr Unfälle, Gewalt und Tote produziert werden, als Cannabis in den letzten 50 Jahren verursacht hat. Das hört der Bayernhäuptling gar nicht gern, schließlich gilt bei seinem Stamm die weiche Droge Bier als Grundnahrungsmittel und die Massenintoxination auf dem Oktoberfest als Höhepunkt der lokalen Kultur (sowie des Drogentourismus) - da piesepamplig preußisch auf die Gewalt- und Sanitätstatistiken zu verweisen kann dem Heiligenschein "Bayern", der jetzt der ganzen Republik heimleuchten soll, nur abträglich sein. Dabei könnte der Freistaat geradezu als Musterland für die Integration von weichen Drogen in den Alltag gelten , und das weltweit. Fragte man alle Touristen, die je in München waren und ein paar Brocken deutsch können, was ihnen an Bayern gefällt, die Begriffe "Bier" und "Gemütlichkeit" stünden weit oben. Dass es hinter Gaudi, Labtop und Lederhose auch ganz schnell ungemütlich werden kann, hat insofern nur mit den substanzbedingten Nebenwirkungen ("Bier fördert pseudo-militärisches Verhalten." Frank Zappa) der bayerischen Alltagsdroge zu tun. Wäre der CSU-Kandidat wirklich "smart", d.h. dem Lager der Vernunft zungeneigt, statt dem der fundamentalistischen Glaubenssätze, er könnte seine Heimat tatsächlich als Vorbild für einen zeitgemäßen Umgang mit weichen Drogen erstrahlen lassen - und nämlichen in Sachen Cannabis unter seiner Regentschaft bundesweit durchsetzen. Und dass ein Münchner Septemberfest mit den besten heimischen und internationalen Hanfsorten der Oktobersauferei schnell den Rang ablaufen und Deutschland (mit der Schweiz) an die Spitze der vernunftbegabten, genußfähigen und zukunftsoffenen Nationen katapultieren könnte, ist keine Frage. Der biedere Bürokrat und Aktenfanatiker könnte sich mit Künstlern und Pop-Legenden der allerersten Liga schmücken wenn er die Party mit einem zünftigen "O'raucht is" eröffnet. Doch ehe das passiert (Siehe dazu auch Malangs Kolumne: Weltstadt ohne Herz) wird der Dr.Stoiber dann doch lieber ein bißchen Kreide fressen, die Demagogie und tausende Cannabis-Toten beiseite lassen, und uns einen von "allgemeiner Suchtgefahr", "Einstiegsdroge" und den "internationalen Verträgen" erzählen. Erzählen lassen sollten wir uns das allerdings nicht...

Mathias Bröckers