Mein Freund Wolfgang Koch - Autor und Historiker in Wien -  ist  in Sachen Irak-Invasion und US-Politik ziemlich anderer Meinung als ich. Auf einige der in den letzten Tagen hier veröffentlichten Beiträge hat er folgende Antwort geschickt:

lieber mathias,

es drängt mich doch auf die drei artikel zu antworten, die du letzte woche gepostet hast (Akiva Eldar: An unholy alliance with the Christian right; Eric de Bear: Messianic Imperialism - From the Euphrates to Armageddon; How neoconservatives conquered Washington - and launched a war). das war ein teils interessante, teils aber auch eine sehr verdunkelnde lektüre!

es gibt ein arabisches sprichwort: "wer geister züchtet, wird von ihnen heimgesucht". das scheint mir ganz gut auf die herangehensweise an die politik dieser texte zu passen. "wer die geister der verschwörung züchtet, wird von ihnen heimgesucht". ich will versuchen, das näher auszuführen:

1. JUBELPERSER DES SIEGES. Für den israelischen Soziologen Natan Sznáider beginnt im März 2003 eine neue Epoche. "Man kann es den USA nur danken", sagt er, "dass sie ihre Machtinteressen zum Wohle der Menschheit ausspielen: hier und heute erleben wir den Beginn des amerikanischen Empire." - Nun hat es sicher zu allen Zeiten Menschen gegeben, die sich den Mächtigen an die Brust warfen, aber der unseren bleibt es vorbehalten, die Hybris des Siegers als extramundane Vernunft auszugeben. Erstaunlicherweise herrscht auf der Seite der Kriegsgegner kein geringerer Wahn. Schon sehen wir rechte Politiker und ultrarechte Politikanten aufs Podium steigen, die stolz verkünden, "alte Europäer" zu sein und die auf Basis dieser entleerten Formel eine "Gegenmacht" zu den USA bilden zu wollen. Losgetreten haben diese Blamage der Neinsager aber nicht die Rechten, sondern andere. Kulturlinke wie der Theatermacher Claus Peymann machen seit zwei Jahren den Amerika-Hass salonfähig. Peymann hat bereits bei einem Auftritt in einer Talkshow im März 2002 verkündet: "Der einzige Beitrag der Amerikaner zur Weltkultur ist der Kaugummi".

2. GRUSELKABINETT DER GEGNER. Es gibt unter Liberalen und Linken eine regelrechte Wut auf pro-amerikanische Argumente, sie nennen sie "die Amerika-musste-etwas-tun-Predigten" und "die Wir-wollen-diesem-Volk-die-Freiheit-bringen-Tiraden", und jetzt, wo der Krieg schneller zu Ende geht, als vermutet, wollen sie schon gar nichts mehr hören. Was haben die Kriegsgegner die längste Zeit getan? Sie haben die Risken des Irakfeldzugs als vollkommen unkalkullierbar hingestellt. Von "Ausbrüchen unkontrollierter Gewalt" war die Rede, von einem "Zerfall jeder Autorität im Irak", welcher antiwestlichen Kräften in der Region Auftrieb geben werde. Die krudesten machtpolitischen Konflikte würden im regionalen Staatensystem ausgelösen werden - das alles haben die Kassandras prophezeit.

Besonders in linksalternativen Medien liess sich der Wunsch nach einem Misserfolg der Koalition nur mühsam verbergen: "Das Szenario eines schnell beendeten Krieges ohne grosse Zerstörungen an Ölförderanlagen und mit einer nachfolgend stabilen Entwicklung unter einer Militärverwaltung ist längst widerlegt", schrieb ein gewisser Rudolf Hickel am 13. Kriegstag. In derselben Ausgabe einer Berliner Wochenzeitung durfte der Theaterregisseur Roberto Ciulli über Hussein sagen: "Es war völlig falsch, diesen Menschen zu verteufeln... Saddam Hussein ist der einzige, der es gewagt hat, auf Israel zu schiessen". Der Irak-Krieg diene einer "weltweiten Einschüchterung", durfte ein dritter Autor lametieren. Die Bushisten seien "Feinde der Menschheit", und schliesslich: "Wir sollten dem irakischen Volk - nicht dem Diktator Saddam Hussein - viel Glück und Erfolg bei seinem Kampf gegen die Invasoren wünschen. Sie kämpfen gegen den Versuch zur Durchsetzung einer neuen imperialen Gewaltordnung." (Freitag Nr. 15, 4.4.)

Ich finde es notwendig, diesen blindwütigen Antiamerikanismus klar ins Auge zu fassen. Schliesslich entspricht er einer in Europa bislang im Verborgenen blühenden Stimmung, deren ganzes Ausmass erst jetzt sichtbar wird. - Und nun, da das Ganze zu Ende geht? Da erscheinen auch die Windbeuteln, die Wendehälsen, die Verharmloser! Der taz-Aussenpolitiker Jürgen Gottschlich zögerte nicht, diesen Satz aufs Papier zu setzen: "Saddams lautstarke Sprüche, seine Jerusalem-Armee, die er zur Unterstützung der palästinensischen Intifada aufstellen liess, selbst die Schecks, die er den Familien palästinensischer Selbstmordattentäter zukommen liess, das alles hatte mehr Operettenhaftes als wirkliche Erschreckendes" (13.4.). - Nein, mein Lieber, in der Gesellschaft solcher Kapazunder sollten wir uns nicht mehr blicken lassen, auch wenn sie sich hundertmal "links" nennen!

3. GOD'S OWN COUNTRY. Die österreichische Journalistin Livia Klingl sprach letztes Wochenende in Hinblick auf den Irakkrieg von einer "semireligiösen Mission mittels Militärs" (Kurier, 13.4.). Der Verwurf einer religiösen Verblendung der Bush-Administration ist blanker Unsinn! Der US-Präsident ist kein christlicher Fundamentalist; das Oberhaupt seiner Kirche, der Methodisten, hat sich deutlich gegen den Krieg ausgeprochen. Es stimmt zwar, dass Bush 1985 vom TV-Prediger Bill Graham bekehrt wurde und seit seiner Hochzeit haben auch die Pentecostals, die Pfingstler, deren Gründer der Schwarze William J. Seymour war, Einfluss auf ihn. Aber Bush ist zuallererst Politiker, Staatsmann, Machtmensch, der an der Macht festhalten will - und kein Missionar; er hat seine Formulierung vom "Kreuzzug gegen den Terrorismus" sofort korrigiert.

Was viele Europäer beunruhigt, ja beunruhigen muss, ist, dass der Patriotismus der US-Bürger die Sprache der Bibel spricht. Wie auch anders? Die Fusion von protestantischer Theologie, Common-sence-Philosophie und christlichen Republikanismus hat das erste Jahrhundert der USA geprägt (Mark A. Noll: Americas's God). Später kamen drei Wellen von Erweckungsbewegungen hinzu - also von in Europa gänzlich unbekannten Formen charismatischer Öffentlichkeit, beginnend mit der Amerikanischen Revolution. Ob wir heute im Fourth Great Awaking stehen, das ist keineswegs ausgemacht.

Stimmt, es gibt in den USA eine politische Tendenz Jeffersons strengen Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat durch die Zuweisung von Steuergeldern an religiöse Organisationen auszuhöhlen. Aber die Demokraten werden irgendwann wieder an die Macht gelangen und diesen Gesetzesakt rückgängig machen.

Was die unheilige Allianz der rechtsgerichteten Regierung Israels mit Gary Bauer und anderen evangelikalen Fundamentalisten der USA betrifft (Akiva Eldar), so ist diese in der Tat beunruhigend. Aber das republikanische Lager ist gross, es umfasst auch breite a-religiöse und sogar atheistische Gegenströmungen, es gibt ein ständiges Hin- und Herwogen der Gewichte, so dass von einer Überhand der Theocons in der politischen Rechten der USA schwer gesprochen werden kann.

4. DIALEKTIK IM WHITE HOUSE. Um die US-Aministration und ihre Politik zu verstehen, ist es zuerst einmal besser, sie so zu verstehen, wie sie selbst sich versteht. Auf diese Weise gelangt man zu einer Art von Objektivität, die voreilige Wertungen unterlässt. Wie gehen wir vor? Wir versuchen uns die Handlungen von Staatsmännern und ihren Beratern zu erklären, d.h. ihre Handlungen auf Ursachen zurückzuführen. Das lässt sich natürlich nur schwer machen, ohne die Frage zu beantworten, ob die betreffende Handlung durch vernünftiges Abwägen der Mittel und Zwecke oder etwa durch emotionale oder ideologische Faktoren verursacht worden ist. Zu diesem Zweck hat Max Weber vorgeschlagen, zuerst das Modell einer vollkommen rationalen Handlung unter den gegebenen Umständen zu konstruieren. Also nach den Massstäben vorzugehen, mit denen die Handelnden sich selbst messen. Nur auf diese Weise wird man imstande sein zu zeigen, welche irrationalen Faktoren, wenn überhaupt welche vorhanden sind, die Handlungen vom streng rationalen Kurs abweichen lassen.

Diese Rationalität der Analyse fehlt allen Verschwörungstheorien und auch der Verschwörungstheorie-Forschung. Ihr seht das Weisse Haus, wie der Philantroph und US-Milliardär George Soros, von "Extremisten dominiert", ja Ihr könnt es Euch überhaupt gar nicht anders vorstellen. Es gibt keine Top-Gang im Weissen Haus! Ich meine: Man kann über die aussenpolitische Strategie der USA ausgezeichnet nachdenken, indem man die Überlegungen der Strukturalisten und der Intenvenionisten zum Ausgangspunkt seiner eigenen Überlegungen macht. Es macht durchaus Sinn zu verstehen, warum sich die einen Präsidentenberater den Gedanken Wilsons und die anderen Jeffersons verpflichtet führen.

4. THEOCONS OR NEOCONS? Die Entstehung der Bush-Doktrin lässt sich an zwei, drei strategischen Schlüsselbegriffen wie Präemptivkrieg oder Hegemonie nachzeichnen; man kann ihre Entwicklung aber auch an den Karrieren der Vordenker bis 1991 zurückverfolgen. Die gesamte aussenpolitische Praxis der Neokonservativen lässt ,sich schlüssig aus ihren eigenen Dokumenten zusammenstellen, ohne die Bibel bemühen zu müssen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine gewisse analytische Kälte bei der Arbeit am Begriff, die Nüchternheit eines Denkers, dem nicht schon bei den Namen von Strauss, Schmitt, Clausewitz, Hobbes, Macchiavelli, Xenophon und Thykidides die Haare zu Berge stehen.

"Herrschen nun die Theocons oder die Neocons in Washington D.C.?" - Das wäre immer noch viel zu journalistisch gefragt. Wir haben bei Niklas Luhmann gelernt, nach den Innen- und Ausenbeziehungen von Systemen zu fragen, nach Zirkularität und Rekursivität von Einheiten, wir kennen eine Selbstreferenz, eine Reflexivität und das Gleichgewicht von Macht, ganz im Sinn auch von Prigogine und Maturana. Das ist das geeignete Vokabular zur Beschreibung der Vorgänge, welches freilich nicht für Schlagzeilen taugt. Wer sich ernsthaft mit den Faktoren befassen will, die auf die US-Aussenpolitik Einfluss nehmen, wird aber an den Mühen dieser Ebene kaum vorbeikommen.

Der NYT-Reporter Thomas Friedmann sprach sich unlängst gegen die Theorie aus, dass die USA von 25 verschworenen Neocons gekidnappt worden sind. "Was diese Krieg letztlich anfachte", sagt er, "war Amerikas Überreaktion auf den 11. September. Was uns bis Bagdad trieb, war die sehr amerikanische Kombination aus Angst und Hybris." Friedmann will die Amerikanische Nation auf die Couch legen. Das ist vielleicht nicht sonderlich orginell, aber immer noch besser als sie im Beichtstuhl zu belauschen...

5. RENEGATEN DER LINKEN. Der dritte Text über die raffinierte Eroberung Washingtons durch die Neocons führt in einer triumphalistischen Geste vor, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Nämlich, dass sich gewisse Impulse der politischen Rechten von Linksaussen herleiten. Die schneidigen Neokonservativen seien gewendete Trotzkisten, wird behauptet, die Vordenker der Irak-Invasion rechte Bolschewisten. Haben wir denn in den letzten zwanzig Jahren nicht auch in Deutschland erlebt, dass sich Rechtsintellektuelle von der FAZ bis zur 'Jungen Freiheit' Gramcis Thesen von der kulturellen Hegemonie zu eigen gemacht haben? Warum, bitte, sollen Neocons nicht von der "permanenten Revolution" träumen?

Diese künstliche Aufregung über geistige Einflüsse bewegt sich meterhoch über den Boden! Nie geht es um Inhalte, stets nur um personelle Verbindungen, um Ettiketten und Schubladen für Theorien, ohne je auf einen einzigen Gedanken näher einzugehen. Das hat mit Ideologiekritik viel weniger zu tun, als die Autoren glauben!

Die Grenzen an den Extremen der politischen Philosophie waren immer schon fliessend. In der Übernahme von Prämissen des Gegners liegt zum Beispiel eine bis heute verborgene Wurzel des Faschismus verborgen, die sich von italienischen Nationalsyndikalismus über den wilden Marxisten George Sorel bis zum Anarchosozialismus in 19. Jahrhundert zurück nachzeichnen lässt. Umgekehrt vergisst man gerne, dass der ursprüngliche Faschismus von Männer mit enormen technokratisch-planerischen Ambitionen, oft Renegaten der Linken, gestellt wurde: Oswald Mosley kam aus der Labour-Party, Marcel Déat und Jacques Doriot von den französischen Sozialisten und Kommunisten, Benito Mussolini aus dem Vorkriegsmarxismus, Hendrik de Man, der belgische Kollaborateur, aus dem Reformismus. Heilmittel alle dieser Männer war immer der grosse Plan - also die Verschwörung.

6. FALSCHE STOSSRICHTUNG. bevor ich mich diesmal verabschiede, noch ein letztes wort zur himmelrichtung deines denkens. ich meine, dass die nadel in die verkehrte seite ausschlägt. keine frage, die verwerfungen und verirrungen der amerikanischen politik, sie haben uns zu beschäftigen. die neureligiösen und straussianischen strömungen der USA-republikaner beeinflussen die politische konzeption der aussenpolitik, wenn auch in viel geringem ausmass als ihre protagonisten und deren kritiker meinen. als die USA unter theodore roosevelt expansionistische politik zu betrieben begannen und bis 1930 eine lange reihe von annektionistischen "banana wars" vom zaun brachen, waren führende ex-mitglieder der antiimperialistischen liga vorne mit dabei; zahlreiche imperialismuskritiker haben ihren isolationistischen standpunkt aufgegeben und stimmten der erweiterung der monroe-doktrin zu.

eingedenk dieser epoche wäre eine breitere beachtung jenes geostrategischen konzepts, das unter dem namen "greater middle east" läuft und von Ronald D. Asmus und Kenneth M. Pollak für die clinton-administration erarbeitet wurde, viel notwendiger als das hypnotisierte starren auf den religiöses begleitkrach zum violenten klima. denn clinton hätte kaum anders gehandelt als bush.

ein weiterer grund, sich den politischen konzepten der US-rechten zu widmen, wäre ihr herausragendes niveau; die vorstellungswelt der christlichkonservativen europäischer prägung ist ja vergleichsweise ein schlafmittel. ob kommunitarismus oder straussianismus - alle modernen impulse der rechten kommen aus dem atlantischen raum. eine dritte notwendigkeit zum studium dieser ideologien sehe ich dadurch gegeben, dass orientpolitik in den USA durchgängig innenpolik ist, was von CIA-forschern schwer bedauert wird.

trotzdem: nicht die USA ist unser gegner im welthistorischen konflikt - sondern der islamische terrorismus! die kenntnis seiner unterströmungen, seiner ideengeschichtlichen wurzeln, der verschlungenen gedankenwelt des jihadismus, verdiente weit mehr aufmerksamkeit als die der intenventionisten im irak. wir dürfen die fähigkeit und die kreativität unserer feinde nicht unterschätzen und müssen uns vermehrt fragen, was sie dazu treibt, diese fähigkeit zu erwerben. dieses geschäft ist gewiss mühsamer, als den verbalen entgleissungen christlicher und jüdischer fundamentalisten nachzuspüren, es hat weniger unterhaltungswert als die tiraden von TV-predigern, aber der nutzen wäre auf jeden fall grösser.

gott zum grusse!

w.

PS.: 25 scheint mir überhaupt die Zahl des dritten Golfkriegs zu sein. 25 Neokonservative sollen sich in Washington gegen den Irak verschworen haben. 25 Tage dauerte die heisse Phase des Feldzugs mit dem Fall der Städte. Und 25 Staaten der Europäschen Union sollen nach deutsch-französischem Willen in Zukunft militärisch eine Gegenmacht zu den USA bilden.

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