Die verschworene Avantgarde der Paranoia
Über einen deutschen BestsellerChristoph Winder, Der Standard (Wien), 11.2.03 Da denken die Historiker seit ewig über die Antriebskräfte der Geschichte nach, während die Sache doch ganz einfach ist. Motor des Geschehens sind die verfeindeten Familien Rothschild und Rockefeller, die um die Weltherrschaft rittern. Ob Hitler, Lenin, Bin Laden, George Bush - wer immer Geschichte macht, tut dies als verdeckter Söldling der einen oder anderen Gruppe. Wahrheit oder Wahnsinn? Das zweite, und zwar in jener spezifischen Ausprägung, die den Namen "Verschwörungstheorie" trägt. Der Historiker Richard Hofstadter hat einst von einem "paranoid strain", einem paranoiden Strang in den USA gesprochen, die Leute wie den Oklahoma-Bomber Timothy Veigh und Co. dazu veranlasst, sich von ihrer Regierung versklavt zu sehen. Aber auch im alten Europa existiert ein Markt für
solche Sichtweisen. Anders wäre es nicht zu erklären, dass der deutsche Ex-taz-Journalist
Matthias Bröckers mit Verschwörungen, Verschwörungstheorien und Geheimnisse des 11.
9 einen der erstaunlichsten Bucherfolge seit langem gelandet hat. Das Opus, in dem
Bröckers seine im Onlinemagazin Telepolis publizierten Kolumnentexte recycelt,
wurde zum 27. Mal aufgelegt, und dies, obwohl es, bei Zweitausendeins erschienen,
außerhalb der gängigen Vertriebskanäle unter die Leser gebracht wird. Bröckers Buch
liegt, teils verklausuliert, teils offen, die Botschaft zu Grunde, die Ein verdrießliches Feature dieses Buches ist es, dass es die Realität der US-Politik wiederholt in Begriffen des Nationalsozialismus (Kongresssitzungen als Quasi-Reichsparteitage, Bush als Hitler-Nachfolger etc.) thematisiert, obwohl Bröckers, auch sonst ein Meister der Ambivalenz, ja auch wieder generös zugibt, dass selbst ein Kritiker wie "Pornozar" Larry Flint noch nicht arretiert worden ist, was ja durchaus einen Unterschied zu Nazi-Deutschland mache. zudem mag Bröckers "Bob Dylan, Frank Zappa und Some like it hot", sieht sich also über jeden Verdacht des Antiamerikanismus erhaben. Übles Renommee Verschwörungstheorien haben kein gutes Renommee, und dies nach dem Unheil, das etwa durch die These vom jüdischen Welteroberungsplan angerichtet wurde, zu Recht. Wer also, wie Bröckers, gleich eine Wagenladung solcher Thesen auffährt, der muss schon einen raffinierteren Zugang wählen, um nicht als Hinterwäldler angesehen zu werden, der die Erde noch für eine Scheibe hält. Die Haltung Bröckers zu seinem Gegenstand ist von enormer Ambivalenz: Er weist konstant auf die Gefahren und Shortcomings von Verschwörungstheorien hin (Instrumentalisierbarkeit zu üblen Zwecken, Überschätzung vermeintlicher Kausalzusammmenhänge, Unterschätzung des Zufalls etc.), was ihn nicht daran hindert, die Theorien selbst lustvoll zu verbreiten und den Paranoiker zum Repräsentanten einer erkenntnistheoretischen Avantgarde zu ernennen, die in einer gleichgeschalteten Medienwelt den Durchblick bewahre. Das Instrument, das ihm diesen Durchblick ermöglicht, ist das Internet: Bröckers nennt nicht mehr, aber auch nicht weniger privilegierte Erkenntnisquellen sein eigen als eine Fülle von Websites, die sich in unterschiedlichster Art und Qualität mit dem beschäftigen, was vor und am 11. 9. "wirklich" geschah. Vieles von dem, was Bröckers geheimniskrämerisch präsentiert, ist unbestritten (dass die CIA die Taliban hochgepäppelt hat etc.), anderes ist in sich logisch unstimmig: Wenn etwa, wie er mit dem britischen Journalisten Robert Fisk insinuiert, der Abschiedsbrief des Terroristen Mohammed Atta in einer Sprache geschrieben war, deren sich ein echter Fundamentalist niemals bedient hätte (Aha! Es war die CIA!), dann muss man doch fragen, wie ein Geheimdienst, der die logistische Großtat zuwege bringt, die Türme des WTC zu fällen, daran scheitern sollte, sich einen Typen zu organisieren, der ein paar ordentliche Fundi-Zeilen zu Papier bringen kann. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, wieso der Bush-Clan, als Bush sr. am Ruder war, die Gelegenheit des Golfkriegs ausgelassen hat, damals mit Saddam klar Schiff zu machen, sondern den absonderlichen Umweg über 9. 11. wählte. Der Erfolg des Buches lässt Schlüsse auf eine real existierende Malaise zu, in der sich eine planlose Öffentlichkeitsarbeit der US-Regierung mit der Unentschlossenheit der Massenmedien vermählt, die ihren Enthüllungsdrang verdrängen, weil sie in schwerer Zeit nicht unpatriotisch wirken wollen. Tatsächlich scheinen Presse und TV unter den gegenwärtigen Umständen als autopoietisches System zu funktionieren, wie dies der Soziologe Niklas Luhmann genannt hat: Als System, das vorab an seinem Selbsterhalt interessiert ist und sich von der Realität nur noch nach Maßgabe seiner eigenen operationalen Verfahrensweisen irritieren lässt. Es ist die traurige Wahrheit, dass sich selbst die redlichsten Journalisten häufig darauf beschränken (müssen), Tatsachen aus zweiter und dritter Hand abzugleichen. Erführe man nicht ab und an von einem Redenschreiber Bush', worüber im Weißen Haus geredet wird, dann stünde man überhaupt komplett in der Finsternis. In einer solchen Welt funktioniert ein Buch wie Verschwörungen
wie ein grotesker Zerrspiegel, in dem sich gleichwohl die eine oder andere Wahrheit
spiegelt. Es sind weniger Wahrheiten über den 11. 9., als über das Funktionieren der
Medien in der Welt danach. © DER STANDARD, 11. Februar 2003 |