24
Dec, 2016

Same procedure as every year, James!

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Mit dem Terror ist es wie beim “Dinner For One”,  zu  dem Miss Sophie an ihrem Geburtstag imaginäre Gäste empfängt, deren sämtliche Gläser dann der Butler leeren muss. Um auf seine Nachfrage vor jeder neuen Runde, ob alles wie im letzten Jahr laufen soll, die ikonisch gewordene Antwort  “Same procedure as every year, James!” zu erhalten. Für das Drehbuch von Terroranschlägen ist die Zeile mittlerweile aber ebenso angebracht: sie laufen immer nach demselben Muster, mit imaginären weil verstorbenen Gästen, die aber namentlich bekannt sind. Seit der unkaputtbare  magische Pass des Satam Al Suqami, eines der vermeintlichen “Hijacker” des 11.Spetember 2001, den Crash in das World Trade Center überlebte, hinterlassen Terroristen regelmäßig ihre Ausweise am Tatort: wie in Nizza und Paris jetzt auch in Berlin. Dort hatte der Amokfahrer Anis Amri nicht nur seine Ausweispapiere, sondern auch eine Geldbörse und sein Handy zurück  gelassen. Über die merkwürdige Verspätung, mit der diese Fundstücke auftauchten, hatte ich im letzten Beitrag schon vermutet, dass es sich dabei um “Nachbesserungen” der Beweislage handeln könnte, weil bis dahin die vorliegenden Informationen über den Verdächtigen nicht gerichtsfest waren und aus Geheimdienstquellen stammten.

Dass der Pegida-Gründer Bachmann schon zwei Stunden nach der Tat am Montagabend von einem tunesischen Verdächtigen twitterte und sich auf Ermittlungen der Berliner Polizei berief   – die zu diesem Zeitpunkt noch einen vom Tatort geflüchteten Pakistani verhörte ( und sehr schnell wieder laufen lies)  –  passt zu dieser Vermutung.  Ebenso wie die mittlerweile bekannt gewordene Fakten aus der jüngsten Vergangenheit des Asin Amri, der nicht nur der Polizei, sondern auch den Geheimdiensten bestens bekannt war und von März  bis September 2016 observiert wurde. Denn der junge Mann war kein Flüchtling des “arabischen Frühlings”, sondern ein gewalttätiger Krimineller, der in Italien schon mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Weil Tunesien nach der Entlassung Amris aus dem italienischen Knast die Annahme des abzuschiebenden Klienten verweigerte und seine Identität anzweifelte – eine auch von Marokko und anderen nordafrikanischen Staaten gern angewandte Methode, um ihre kriminellen Landsleute fern zu halten – konnte er 2015 ungehindert nach Deutschland reisen, obwohl seine Akte in die Schengen-Datenbank eingespeist war.   Auch nachdem er hier gegenüber V-Leuten Interesse an Waffen und gewalttätigen Aktionen geäußert hatte, sahen die Behörden noch keinen Grund zum Eingreifen. In Berlin sei er nicht durch Kontakte zur radikal-islamischen Szene, sondern nur als Kleindealer im Görlitzer Park aufgefallen, heißt es. Im Sommer wurde Amri mit falschen Ausweispapieren in Ravensburg in Abschiebehaft genommen  – und wird tags darauf, obwohl sowohl sein krimineller wie auch sein islamistischer Hintergrund aktenkundig sind, wieder freigelassen. Wirklich verfolgt scheint sich der junge Mann auch nach seiner schrecklichen Tat nicht gefühlt haben, er besuchte laut rbb eine als Islamistenzentrale bekannte Moschee in der Perleberger Straße in Mobait, direkt gegenüber der Polizeidirektion 3.

Angesichts dieser “Karierre”  stellt sich die Frage:   ist dies alles ein grandioses Behördenversagen mit tragischem Ausgang – oder haben wir es mit  einem gewaltbereiten, an der langen Leine geführten inoffizieller Mitarbeiter der Geheimdienste zu tun, den man  im geeigneten Moment von der Kette läßt.  Ich weiß, dass man über so etwas nicht laut nachdenken soll, weil unsere Dienste ja die Verfassung und die Demokratie schützen und niemals solche Mordtaten begehen lassen würden. Doch in kalter machiavellistischer Perspektive macht es aus staatlicher Sicht durchaus Sinn, den Terror selbst zu veranstalten und dann  durch seine Bekämpfung und Beseitigung die eigene Macht,- und Kontrollposition weiter auszubauen – alles nach der Methode: “Bereite die Lösung vor und schaffe dann das Problem”, die  schon seit Marcus Crassus (70 v.Chr.) erfolgreich praktiziert wird. Nicht zufällig sprach Altkanzler Helmut Schmidt noch 2007  von Staatsterrorismus. Ob es sich bei der Operation Weihnachtsmarkt um einen solchen handelte, wird sich nicht wirklich klären lassen. Denn der  nach der vorhersagbaren “same procedure” auf der Flucht getötete Verdächtige sorgt jetzt nach wiederum derselben Prozedur dafür, dass eine wirkliche Aufklärung des Falles nicht mehr stattfinden wird. Täter tot, Klappe zu. Ausweise als Beweise müssen reichen

Wenn es aber nun keine Geheimdienstoperation war, um die Bevölkerung in Schrecken zu versetzen und weiter auf den “war on terror” einzuschwören, sondern es sich bei Asin Amri um einen authentischen Terroristen handelte, der infiltriert mit islamistischer Ideologie  diese Wahnsinnstat aus freien Stück begangen hat, dann wäre angesichts des institutionellen Großversagens der Rücktritt  der Verantwortlichen vom Minister abwärts eigentlich überfällig. Denn die Behörden kannten die Anschlagpläne dieses Herrn und liesen ihn weiter machen… womit wir dann schon wieder mittendrin wären, in der Schlapphut-Community a la NSU… Hach… ich kann nur sagen: I’m sick of this shit. Frohes Fest!

1
May, 2012

Revolutionsmusik

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Mit der kulturindustriell produzierten “Revolutionsmusik” ist es bekanntlich eine zweischneidige Sache: zum einen ist es von oben gesteuerter, zum Geschäft gemachter “Protest”, zum anderen aber auch von unten kommende, authentische, radikale  “Rock-Power”.   “Wie musikalisch ist die Revolution ?” fragte Helmut Salzinger, Deutschlands erster “Poptheoretiker”, 1972 in einem Buch “Rock-Power” – ohne eine schlüssige Antwort zu finden, aber mit großen Hoffnungen auf das politische Potential, das in den Texten, Haltungen, Lebensstilen der Woodstock-Generation aufgebrochen war. Die währten nicht allzu lange…als ich Helmut Salzinger in den 80ern kennenlernte, hatte er sich schon in die Moore der Wesermarsch zurückgezogen und schrieb auf seiner “HEAD-Farm” am liebsten Naturgedichte. Den  Kopf von “Jonas Überohr” hätte ich jetzt gern konsultiert als die Nachricht kam, dass dem Übervater der politischen Popmusik – Bob Dylan – im Weissen Haus der Presidential Freedom Award verliehen wird. Von einem Präsidenten , der in seiner Amtszeit mehr Bomben geworfen und Leichen produziert hat als jeder andere Mensch auf der Welt,  einem waschechten Master of War.

O tempora, o mores – aber die Musik brauchen wir trotzdem (oder erst recht) , wie den einfachen Riff auf der ersten “Revolutionsplatte” meines Lebens, Street Fighting Man,  den man auf der Wanderklampfe nie so genau hinbekam, weil Keith Richards ihn in Open-G-Tuning und mit Kapo spielte – und den kreischenden Chuck-Berry-Lick von John Lennon, meine Revolutionsplatte Nummer zwei, schon gar nicht. Dann Berlin, der Mariannenplatz war blau soviel Bullen war’n da …und “Schreibt die Parole an jede Wand: KEINE MACHT FÜR NIEMAND. Die “Scherben” waren großartig, aber seit ihre Mucke seit hundert Jahren auf jeder Demo läuft, kann man sie irgendwie auch nur noch einmal im Jahr hören. Tolle Musik, aber vorbei – so wie Fela Kuti (International Thief Thief), Bob Marley (Get up, stand up), die Clash (Revolution Rock) und Gil Scott-Heron (The Revolution Will Not Be Televised) – aber gefacebooked, getwittert und gesimst wird sie auch nicht. Ja, was legen wir denn auf,  Talkin Bout Revolution am 1. Mai ? Read more

18
Sep, 2011

Piraten im Roten Rathaus

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Die FDP zur Splitterpartie geschrumpft (1,8 %) und die Piraten mit sensationellen  9 % im  Roten Rathaus – die BerlinerInnen können wählen! Fast hätte es mit dem Gedankenspiel,  mit noch mehr Piraten das Abgeordnetenhaus zu schrumpfen, sogar geklappt.  Immerhin ein Viertel der Piraten-Stimmen  soll von bisherigen Nichtwählern gekommen sein, auch die Reservoires der Linkspartei und der Grünen haben die Piraten erfolgreich gekapert. Transparenz, Bürgerbeteiligung, Informationsfreiheit, Datenschutz haben in der Berliner Landespolitik eine neue Stimme – wir dürfen gespannt sein. Die Grünen haben mit 5% Zuwachs auf 17% das historisch bisher beste Ergebnis erzielt und gehören nach den Piraten zu den Hauptgewinnern. Das ehemals “bürgerliche Lager” ist in Berlin auf 23% CDU–WählerInnen geschrumpft, der ganze Rest hat links der Mitte gewählt: die Hauptstadt tickt Rot/Grün/Orange – und das ist, mit Wowereit zu sprechen, schon ganz gut so. Die beiden Wahlgewinner – Piraten und Grüne  – machen die FDP offenbar nun dauerhaft überflüssig, was sich künftig auch bundesweit fortsetzen könnte,- und außer von der Hoteliersvereinigung und ein paar Zahnärzten wohl von niemandem bedauert wird. Die Grünen haben ja ohnehin schon mehr oder weniger die Rolle einer  wirtschaftsorientierten Öko-FDP übernommen, die Piraten besetzen nun ihrerseits mit freiheitlichen, bügerrechtlichen, netzpolitischen Themen den Rest des klassischen sozial-liberalen Terrains. Das Debakel der FDP heute abend könnte der Anfang ihres Endes sein…

16
Sep, 2011

Piraten – Die Chance für Nichtwähler!

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Nach den letzten Umfragen vor der Berliner Landtagswahl am Sonntag kann die Piratenpartei mit  9 % der Stimmen rechnen, im Ostteil der Stadt sogar mit deutlich mehr. Sollten insgesamt mehr  als ca. 10% für die Piraten stimmen, könnten die 15 Kandidaten auf ihrer Liste nicht ausreichen. Weil Nachnominieren nicht möglich ist, blieben die Sitze im Abgeordnetenhaus leer. Damit ergäbe sich für die  mit 42% größte aller Berliner  “Parteien” – die der Nichtwähler – die Chance, diesesmal wählen zu gehen, Piraten anzukreuzen und damit Abgeordnete aktiv rauszuwählen und das Parlament zu verkleinern ! Also wird es einigermaßen spannend am Sonntag, denn das gabs noch nie – für Parlamentarismus-Skeptiker, Parteien-Kritiker und  Sparfüchse eine einmalige Gelegenheit,  mit den  Schnarchnasen, Hinterbänklern und Spesenrittern der Politik aufzuräumen. Würden alle Nichtwähler der Stadt so vorgehen, hätten die 15 Piraten  im nur noch 29-köpfigen Abgeordnetenhaus die absolute Mehrheit. Leider sind die politikverdrossen Nichtwähler nicht organisiert und die Zeit ist knapp, sonst könnte eine solche  Radikal-Verschlankung durchaus Realität werden. Wie auch immer – ich werde am Sonntag meinen Teil dazu beitragen, dass dieses Gedankenspiel Wirklichkeit wird und auch noch mindestens einen notorischen Nichtwähler überzeugen, die einmalige demokratische Möglichkeit zu nutzen…

19
Aug, 2011

Wahlkampfhumor

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In Berlin wird demnächst gewählt und jeder zweite Laternenmast ist jetzt mit Wahlpropaganda “verziert”, das Meiste aus der bekannten Abteilung “Öde Visagen & Hohle Sprüche”  – für  gute Werbeagenturen reicht die Wahlkampfkostenerstattung nicht und wenn ein Kreativer mal einen pfiffigen Einfall hat, wird der von den Gremien und Kommissionen, die darüber befinden, garantiert eliminiert. Für einen Skandal sorgte heuer aber nun die NPD, die ihren Kandidaten mit der Parole “Gas geben!” plakatierte, u.a. in der Nähe des Holocaust-Denkmals – was neben Protesten “quer durch alle Parteien” auch dazu führte, dass der rbb die Ausstrahlung eines entsprechenden Werbespots verweigert.

Darauf hat jetzt die Partei “DIE PARTEI” reagiert und eine Variante des NPD-Plakats auf den Wahlmarkt gebracht: “Wir finden, dass geschmacklose Wahlplakate nur von der Partei, dem politischen Arm der Titanic, gemacht werden dürfen. Und nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Rechtsradikalen”, sagte der frühere Titanic-Chefredakteur und PARTEI-Vorsitzende Martin Sonneborn zu der nunmehr mit einem Autowrack und dem Bild von Jörg Haider verzierten NPD-Parole. Read more

31
Oct, 2010

Ich steh’ auf Berlin

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Oh ja, der Beginn der 80er… Kreuzberg war noch von einer robusten Mauer geschützt, die taz war gerade gestartet, Irene hatte von ihrer Erbschaft ein Zirkuszelt gekauft und an die Mauer am Potsdamer Platz gestellt, die “Drei Tornados” gingen mit ihrem Anarcho-Kabarett ab, im “Morgenrot” chillten Nina und die Musiker von “Spliff”, danach gings noch ins “Slumberland” oder in den “Dschungel”… und dann gab’s irgendwann im Tempodrom-Zelt ein Konzert von einer neuen Band, ich glaube es war das erste von “Ideal” vor größerem Publikum, und Annette Humpe an den Keyboards sang ein Lied, das zu DER Hymne meines/unseres Gefühls in dieser Stadt/zu dieser Zeit werden sollte: “Ich fühl mich gut, ich steh’ auf Berlin” Seitdem steh’ ich auf Annette – und wenn sie heute sagt, dass ihre Songs doch  “nur Popmusik” wären, antworte ich, dass sie eine der größten deutschen Lyrikerinnen der Gegenwart ist. Nicht nur wegen des alten Berlin-Lieds, das mein Gefühl vor 30 Jahren in Wort und Musik so auf den Punkt brachte, sondern auch wegen der neuen Stücke, die sie in den letzten fünf Jahren für “Ich&Ich” gemacht hat – und die heute 17-jährige wie meine Nichte beseelen, und Millionen andere junge Menschen, die diese Stücke lieben. Wie schafft man es, mit 60 Texte zu schreiben in deren Gefühlsraum sich 17-jährige wiederfinden ? Indem man immer über sich selbst  schreibt, echt und authentisch, seit 30 Jahren – von “Da bleib ich kühl – kein Gefühl” bis “Umarme mich!” . Jeder Text “ist ein Polaroid aus meinem Leben” hat sie gerade in einem Interview gesagt und wahrscheinlich ist es das, was große Künstler auszeichnet: nichts ist “Kunst”, alles echt. Auch ihre Klage, dass sie ihr Alter “unsexy” findet, und meine Antwort, dass sie die most sexiest Sechzigjährige ist, die ich kenne…

Gestern abend haben wir Annettes Geburtstag mit einer tollen Party gefeiert, mit allen FreundInnen  vom selben Stern, und wenn sie auch von diesem Fest ein Polaroid abspeichert wird darauf zu spüren sein, dass sie nicht nur geschätzt wird, als erfolgreichste Songwriterin und Produzentin der deutschen Popmusik – die Doppel-CD “Zeitgeschichte – Das Beste von und für Annette Humpe ist gerade erschienen – nicht nur geehrt und bewundert für ihre großen Hits, sondern dass sie geliebt wird. Sie hat es verdient.

(Foto:Universal)