18
Feb, 2014

Sucht und Ordnung (1)

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Drogenlüge-Cover-1In Italien hat das höchste Gericht  die in den 90er Jahren verschärften Gesetze gegen Cannabis für verfassungswidrig erklärt, tausende danach Verurteilte müssen jetzt aus den Gefängnissen entlassen werden. In Uruguay und  den ersten beiden US-Bundesstaaten ist Cannabis vollständig legalisiert,  weitere Staaten werden in den USA und auf der Welt in absehbarer Zeit folgen. Das Zeitalter der Prohibition scheint nach einem Jahrhundert  langsam aber sicher zu Ende zu gehen. In meinem 2010 erschienen Buch “Die Drogenlüge”  habe ich über die Ursachen geschrieben, die wider alle Vernunft  den “Krieg gegen Drogen” weiter am Laufen halten – und im letzten Kapitel unter dem Titel “Sucht und Ordnung” einen Ausblick auf eine Welt jenseits der Prohibition gewagt, die im 19. Jahrhundert ja schon einmal schon existierte und im 21. Jahrhundert wieder geschaffen werden muss:

 

 

Kann die in einem Jahrhundert zu einem mörderischen Moloch aufgeblähte Prohibitionsmaschinerie mit Appellen an die Vernunft zur Räson gebracht werden? Wir haben gesehen, welche Rolle die durch Prohibition generierten Profite für die imperiale Weltpolitik, die globalen Börsenkurse und das Wachstum der Militär-, Sicherheits-und Pharmaindustrie bedeuten und wie leicht es für das politische Geschäft ist, offene Türen im kollektiven Unbewussten einzurennen und mit der seit fast 4000 Jahren geprägten Angst vor Drogen auf Stimmenfang zu gehen. Angesichts dieser tiefen zivilisationshistorischen Prägungen und der aktuellen Wirtschaftsmacht der Prohibitionsprofiteure wird ein Friedensschluss, ein Ende des Kriegs gegen Drogen, nicht leicht zu erreichen sein. Doch die Katastrophen, die der Drogenkrieg in Afghanistan und im Nahen und Mittleren Osten, in Mexiko und in Südamerika anrichtet, sind mittlerweile so unübersehbar, dass eine internationale Reform des Prohibitionsregimes immer mehr Befürworter findet!– quer durch alle Parteien und weltanschaulichen Lager. Der erste Schritt muss fraglos jener sein, den die Regierung in Portugal seit 2001 gegangen ist: die vollständige Entkriminalisierung des Besitzes und Konsums von Drogen.
Ein Jahrhundert weltweite Prohibition hat gezeigt, dass die Nachfrage nach bewusstseinsverändernden Substanzen mit Strafgesetzen nicht zu verhindern ist, genauso wenig wie ihr Angebot. Theoretisch mag es in einem totalen Überwachungsstaat möglich sein, den Konsum irgendeiner Substanz vollkommen zu verhindern, praktisch ist eine solche gesellschaftliche Entwicklung aber weder vorstellbar noch wünschenswert. Stattdessen gilt es, die einer Zivilgesellschaft angemessene Balance zwischen individueller Freiheit und sozialer Verantwortung zu finden.Dass dies kein aussichtsloses Unterfangen ist, zeigt schon ein kurzer Rückblick in das 19. Jahrhundert, in dem Cannabis, Opium, Morphin, Heroin und Kokain frei verkäuflich und für jedermann erschwinglich waren. Schon unsere Anwesenheit heute zeugt davon, dass unsere Vorfahren damals nicht massenweise der Sucht und dem Elend anheim gefallen sein können, in der zeitgeschichtlichen Literatur des 19. Jahrhunderts findet sich über Drogenprobleme wenig bis nichts. Als »Schlummersaft« und zur Schmerzlinderung stand in jeder Hausapotheke des 18. und 19. Jahrhunderts ein Fläschchen Opiumtinktur bereit. Zur Anregung in besseren Kreisen sorgte der mit Kokain (und einer Empfehlung von Papst Leo) angereicherte Bordeauxwein »Vin Mariani« oder mit Haschisch gemischte Orientzigaretten der Marke Harem, die bis 1920 in Tabakläden erhältlich waren. Auch der Kinder- und Jugendschutz war offensichtlich gewährleistet, dass derart »starker Tobak« den erwachsenen Männern vorbehalten blieb. Dass er dagegen kleinen Jungs nur Angstträume beschert, zeigte zum Beispiel Wilhelm Busch in seinem Comicstrip von »Krischan mit der Piepe« (1864).
Es gibt also durchaus Belege für eine funktionierende, zivilisierte Welt ohne Prohibition, und das in Sachen Zucht und Ordnung ansonsten nicht sehr zimperliche 19. Jahrhundert kann in Sachen Sucht und Ordnung hier als tolerantes Vorbild gelten. Wobei eine erste Einschränkung genau da gemacht werden muss, wo mit der in Schwung kommenden Industrialisierung auch das Zeitalter der massenmedialen Beeinflussung durch Werbung beginnt und Hersteller und Händler Drogen massiv bewerben. Die Massenblätter des US-amerikanischen Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst wimmelten nur so von Anzeigen von Mixturen aller Art, deren wirksame Stoffe in der Regel aus nichts anderem als Opiaten, Kokain oder Cannabis bestanden. Langjährige Werbeverträge mit den Zeitungsverlagen verschonten die Hersteller dabei vor jeder kritischen Berichterstattung über ihre mit massiver Reklame gegen jedes Wehwehchen unter das Volk gebrachten Wundermittel. Der derart provozierte Massengebrauch vor allem von opiumhaltigen Mixturen machte eine staatliche Kontrolle nahezu unausweichlich, und diese historischen Erfahrungen zeigen, dass mit einer Entkriminalisierung als zweiter Schritt unbedingt ein Werbeverbot für sämtliche Drogen einhergehen muss.Die Enttabuisierung der natürlichen Paradiese, die Aufklärung und Auflösung der Drogenlügen, muss auf andere Weise erfolgen als durch die Penetration mit Werbelügen und Verführungen zum Konsum.

Auch wenn es dem Leitmotiv der Gier und des permanenten Wachstums in unserem gesellschaftlichen System zuwiderläuft: Dass sportbegeisterten Kindern per Fernsehen tausendfach eingetrichtert wird, dass Fußball erst zusammen mit Alkohol von Warsteiner, Bitburger und anderen »ein richtiger Genuss« ist, kann eine verantwortungsbewusste Drogenpolitik künftig genauso wenig dulden wie die (mittlerweile immerhin schon stark eingeschränkte) Werbung für Tabak. Ein verantwortungsvoller, mündiger Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen kann in einer Gesellschaft, die auf ständige Konsumsteigerung ausgerichtet ist, nur erreicht werden, wenn diese Substanzen dem Zugriff der Marketing- und Werbeindustrie entzogen bleiben – eine Forderung, die angesichts künftiger Neuro-Enhancement-Präparate ohnehin zur Debatte steht. Jede Entkriminalisierung, die die Willkür einer Trennung in legale und illegale Drogen aufhebt, muss Regelungen und Altersbeschränkungen für sämtliche nunmehr legal erhältlichen Drogen schaffen und sie der Willkür freier Vermarktung und somit zwangsläufig aggressiven Wettbewerbs entziehen.

Werfen wir also einen kühnen Blick in die Fachgeschäfte der Zukunft, die in den Fußgängerzonen der Republik für die Beratung und den Verkauf von Drogen zuständig sein werden. Dank der nach dem Ende der Prohibition eingesparten Milliarden, die von der öffentlichen Hand unter anderem in umfassende Aufklärungs- und Drogenerziehungsprogramme investiert wurden, wundert sich schon seit einiger Zeit niemand mehr über die in den Städten dicht gestreuten unauffälligen Läden und die über Land verteilten »Drogenstützpunkte«. Neben der Beratung und dem Verkauf durch ausgebildete Fachverkäufer steht den Kunden ein angeschlossener psychologischer und medizinischer Service zur Verfügung, der ebenso wie die Kurse zum »nichtpharmakologischen Enhancement« (Meditation, Musik, Yoga, Sport, Spiel, Spannung) von den Kommunen und Krankenkassen finanziert wird.
In großen Drogenkaufhäusern wie dem in Berlin-Mitte ist das gesamte Erdgeschoss diesen Informations- und Beratungsdiensten gewidmet, den einzigen Angeboten des Hauses, für die mit üblichen Mitteln geworben werden darf. Ansonsten regiert neben freundlicher Atmosphäre in allen Abteilungen der nüchterne Beipackzettel, der jeder Verkaufseinheit beiliegt, sowie kompetente und freundliche Fachverkäufer, die über Wirkungen, Nebenwirkungen, »Safer Use« und Schadensminimierung ausführlich Auskünfte geben. Sie werden nicht nach Umsatz bezahlt und stehen, wie die Drogenfachgeschäfte insgesamt, nicht unter dem Diktat der Gewinnmaximierung. Im Gegenteil wird ihnen bei Umsatzrückgängen ein Bonus ausbezahlt, denn das Ziel dieser Fachgeschäfte ist es nicht, den Konsum zu fördern, sondern den existierenden Konsum in risikoarme und sozialverträgliche Bahnen zu lenken.
Die hier verkauften Drogen sind nicht verunreinigt, die Informationen auf jeder Packung ermöglichen eine korrekte Dosierung und reduzieren so mögliche Gesundheitsschäden auf ein Minimum. Der Verkauf ist zudem auf bestimmte Maximalmengen pro Tag beschränkt und wird auf einer Kundenkarte registriert. Wenn die registrierten Mengen auf einen problematischen Konsum schließen lassen, werden die Kunden zu einem Beratungsgespräch gebeten und erhalten konkrete Angebote zur medizinischen oder therapeutischen Betreuung.
Die Cannabisabteilung im ersten Stock des Kaufhauses verkauft importiertes Fair-Trade-Haschisch aus marokkanischen, libanesischen und afghanischen Landwirtschaftskooperativen und eine große Auswahl Hanfblüten aus heimischem Bio-Anbau. Der Gehalt von THC, CBD und anderen Cannabinoiden ist bei den jeweiligen Sorten angegeben. Um den Schäden des Rauchens in der Mischung mit Tabak vorzubeugen, werden den Hanfkunden preisgünstige Vaporizer angeboten. Die kleinen Verdampfer im Handyformat heizen den Hanf auf 190 Grad auf, inhaliert werden nur Cannabinoide und Aromastoffe, aber kein Rauch.
Auch zwei Etagen weiter oben, in der Abteilung für Stimulanzien, stehen die kleinen Apparate hoch im Kurs, seit Kunden, die nach Amphetaminen verlangten, als milde Alternative die Inhalation von Meerträubel (Ephedra) entdeckt haben; auch der aus den Blättern der Pflanze hergestellte ephedrinhaltige »Mormonentee« erfreut sich wachsender Beliebtheit.
Ein ähnlicher Trend ist bei den Kokainkonsumenten zu beobachten, die zunehmend auf die natürlichen Produkte aus Kokablättern zurückgreifen und den konzentrierten Alkaloid-Turbo nur noch gelegentlich verwenden. Auch der wieder erhältliche »Vin Mariani« und die nach dem »Coca-Cola«- Originalrezept mit einem leichten Kokaingehalt gebrauten Softdrinks haben dazu geführt, dass viele vormalige Kokser jetzt hier zugreifen und auf das Schnupfen verzichten.
Einen vergleichbaren Effekt hatte auf Heroinkonsumenten die in den Drogenfachgeschäften erhältliche Auswahl von milderen Alternativen wie Rauchopium, Laudanum und anderen opiumhaltigen Zubereitungen, deren unproblematische Verfügbarkeit vielen injizierenden Abhängigen den problemlosen Abschied von der Spritze ermöglichte. Da zurückgehende Umsätze vor allem bei den schnell zur Gewöhnung führenden Drogen wie Heroin und Kokain mit Bonuszahlungen belohnt werden, sind die Fachberater motiviert, ihre Kunden auf leichtere und weniger riskante Alternativen aufmerksam zu machen. In der großen Alkoholabteilung im Untergeschoss des Drogenkaufhauses wird langfristigen Dauerkunden zum Beispiel der Umstieg auf weniger gesundheitsschädliche Cannabisprodukte schmackhaft gemacht.
Der oberste Stock des Drogenkaufhauses in Berlin-Mitte wird nicht nur wegen des gläsernen Halbrunds seiner Dachkuppel »Tempel« genannt, denn hier geht es um die entheogenen Drogen, die Pflanzen der Götter, deren Ächtung durch das monotheistische Patriarchat einst den Beginn des Kriegs gegen Drogen markierte….

“Sucht und Ordnung” Teil 2   folgt morgen.
Das Buch “Die Drogenlüge” ist im nächsten Buchladen oder hier erhältlich.

29
Sep, 2013

The Substance

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2909_the_substance003_481x270Dass ich mit Albert Hofmann befreundet war und mit ihm zusammen arbeiten durfte, zähle ich zu den großen Glücksfällen meines Lebens. Sein letztes Buch, das ich 2006 mit Roger Liggenstorfer herausgab, enthält seine Essays und Vorträge aus den beiden letzten Jahrzehnten seines Lebens, sowie Beiträge von Kollegen und Freunden zu seinem 100. Geburtstag: Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD. Einmal während der Arbeit an diesem Buch ging ich mit ihm über die große Wiese vor seinem Haus auf der Rittimatte hinauf zum “Bänkli”, das sein Enkel ihm an der höchsten Stelle des Grundstücks gebaut hatte und von dem man einen traumhaften Ausblick auf die Vogesen auf der einen und die Alpen auf der anderen Seite hatte. Es war ein herrlicher Sommertag und während wir langsam zu der kleinen Bank hinauf spazierten, fragte ich ihn: “Hast du eigentlich Angst vor dem Tod ?” Da blieb er stehen und sah mich etwas verwundert an, als ob ich eine dumme Frage gestellt hätte – auch wenn mir sie für einen fast 100-jährigen ziemlich naheliegend schien – und sagte: “Mathias, schau dich doch mal um, die Wiese, die Büsche, die Blumen, die Bienen, die wunderbare Landschaft – ich bin doch ein Teil von ihr. Und ich werde es immer bleiben. Es gibt doch auf der Erde gar kein Ende. Es gibt nur Transformation.” Das war Albert wie er leibte und lebte – und für mich einmal mehr eine Lektion von diesem großen Weisen unserer Zivilisation, die ich nie vergessen werde. Und es ist keine Frage, dass diese Art seines Denkens, seiner tiefen Verbundenheit mit der Natur und mit allem was lebt, mit seiner Entdeckung des Mutterkorn-Alkaloids und dessen bewußtseinsverändernder Wirkung zu tun hat. “Ein Tropfen verändert alles” – das ist der Untertitel des Dokumentarfilms von Martin Witz, der heute abend um 21.45 Uhr auf 3 Sat gezeigt wird. Und denn ich nur allerwärmstens empfehlen kann. Es gibt  wohl kaum eine Substanz, über die soviel Horrorpropaganda verbreitet wird wie LSD – und in aller Regel kommt diese von Leuten, die keinerlei Erfahrung damit haben und nur nachplappern, was ihnen andere Blinde über Farben erzählt haben. In diesem Film aber kommen solche Pseudo-Experten nicht zu Wort – sondern neben Albert Hofmann selbst auch viele andere, die fundiert und sachlich über die Gefahren und über das unglaubliche Wunder der LSD-Erfahrung aufklären. Wer den Film schon im Kino gesehen hat – hier mein Posting zum Filmstart – , sollte ihn ruhig nochmals anschauen, für alle anderen heute abend Pflichtprogramm: The Substance.

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13
Apr, 2013

70 Jahre LSD

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Eigentlich war  Dr. Albert Hofmann (1906-2008) , der Leiter des Naturstofflabors der Sandoz AG in Basel, auf der Suche nach einem Kreislaufmittel, als er  am 16. April 1943 mit halb-synthetischen Abkömmlingen des Mutterkorn-Pilzes experimentierte. Doch mit dem Lysergsäure-Diäthylamid entdeckte er dabei zufällig die stärkste bewusstseinsverändernde Substanz überhaupt: LSD. Drei Tage später geriet er bei einem Selbstversuch mit einer vielfachen Überdosis auf den ersten „Horrortrip“ der Geschichte. Doch richtig dosiert und in geeigneter Umgebung hat LSD seitdem oft zum Gegenteil von Angst und  Verwirrung geführt,  zu Inspiration und Innovation. Im Folgenden zehn bedeutende Entwicklungen, die wir Albert Hofmanns Wunderdroge, die zugleich sein „Sorgenkind“ wurde, verdanken.

1. Delysid®: Bis zu seiner Illegalisierung 1966 war LSD unter dem Markennamen “Delysid” als Medikament im Handel. Psychiater und Psychotherapeuten lobten es als einzigartiges “Teleskop in den Weltraum der Seele”. Einer der Pioniere, der Arzt Oscar Janiger, behandelte zwischen 1954 und 1966 fast 1.000 seiner Patienten damit, darunter viele Künstler und Kreative. Einer seiner berühmtesten Klienten, der Schauspieler Carry Grant, sagte nach knapp 100 Sitzungen: “Ich mag eigentlich keine Drogen, aber LSD hat mir sehr gut getan. Ich finde, alle Politiker sollten LSD nehmen.”

2. DNA: Wie die Desoxyribonukleinsäure, die die Erbinformation aller Lebewesen tragende DNA, aufgebaut ist, war lange ein Rätsel – bis David Watson und Francis Crick 1953 ihre Struktur in Form einer Doppelhelix entdeckten. In einem Interview, das erst nach seinem Tod 2004 veröffentlicht wurde, bekundete Francis Crick, dass ihm die Idee einer doppelten Spirale unter dem Einfluss von LSD gekommen sei. In niedriger Dosierung hatte er es oft für seine Arbeit benutzt.

3. PCR: Auch die Polymerase-Kettenreaktion, die grundlegende Methode, die DNA zu vervielfältigen und das wichtigste Werkzeug der modernen Genetik, wurde unter dem Einfluss von LSD entdeckt. Kary Mullis, der dafür 1993 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, schrieb 1998 in seiner Autobiografie “Dancing Naked In The Mindfield”, dass ihm die Eingebung für das Verfahren auf einem LSD-Trip in seinem Ferienhaus in Kalifornien zuflog.

4. Die Computer-Maus: Myron Stolaroff richtete 1961 in Stanford das International Institute for Advanced Studies ein, das sich der Erforschung von LSD und seinem Einfluss auf kreative Problemlösungen widmete. Unter seinen Probanden waren auch Mathematiker und Computerwissenschaftler des “Augmentation Research Center” der dortigen Uni. Dessen Leiter Doug Engelbart erfand bei seinem ersten LSD-Versuch einen Ball, der sich bewegt, wenn er von einem Wasserstrahl getroffen wird. Dann kamen aus seinem Institut viele Innovationen, darunter die Computer-Maus.

5. Apple: Der Erfolg von Apple ist ohne Steve Jobs nicht denkbar – und Jobs nach seiner eigenen Aussage nicht ohne LSD: “LSD war eine profunde Erfahrung, eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. LSD zeigt dir die andere Seite der Medaille – wenn es nachlässt, kannst du dich nicht daran erinnern, aber du weißt es. Es verstärkte mein Gefühl für das, was wichtig ist – große Dinge zu schaffen, anstatt Geld zu machen und die Dinge, so gut ich konnte, zurück in den Strom der Geschichte und des menschlichen Bewusstseins zu bringen.”

6. Router-Software: Nachdem der persönliche Computer dank Steve Jobs und Bill Gates – auch er hatte LSD probiert, allerdings, laut Jobs, “zu wenig” – Realität geworden war, stand bald auf jedem Schreibtisch ein Mac oder PC. Allerdings isoliert – bis Kevin Herbert, einer der frühen Programmierer der Firma “Cisco Systems”, die Software schrieb, die heute auf Millionen von Routern läuft und die Computer verbindet. Wenn er dabei vor hartnäckigen Problemen stand, nahm er LSD und trommelte zur Musik von Grateful Dead: “Es ändert irgendetwas in der internen Kommunikation meines Gehirns. Welcher innere Prozess auch immer mich die Probleme lösen lässt, er arbeitet anders oder benutzt vielleicht andere Teile meines Gehirns.”

7. Lucy in the Sky with Diamonds: Es ist ein Mythos, dass der Titel des berühmten Beatles-Songs auf die Abkürzung LSD anspielt. Tatsächlich hatte John Lennons Sohn Julian in der Schule seine Klassenkameradin Lucy gemalt und seinem Vater das Bild als “Lucy in the Sky with Diamonds” erklärt. Fakt aber ist, dass die bis dahin nur Alkohol und Speed konsumierenden Beatles 1964 von Bob Dylan mit Marihuana und LSD bekannt gemacht wurden – und 1967 eine signierte Platte ihres LSD-inspirierten “Sgt. Pepper”-Albums an Albert Hofmann schickten. (Foto: Christian Rätsch)

8. Einer flog über das Kuckucksnest: Als Student jobbte Ken Kesey im psychiatrischen Krankenhaus in Menlo, Kalifornien, und nahm dort als Freiwilliger an LSD-Versuchen der CIA teil. Seine Erfahrungen verarbeitete er zu dem Roman “Einer flog über das Kuckucksnest”, nach dessen Erfolg er 1962 die Kommune “Merry Pranksters” gründete. Diese tourte in den folgenden Jahren mit einem alten Schulbus durch die USA und veranstaltete “Acid Test” genannte Happenings, bei denen zur Musik ihrer Hausband, den späteren Grateful Dead, sämtliche Zuschauer LSD nahmen.

9. Love & Peace: Nicht nur mit Freiwilligen führte die CIA auf der Suche nach einer “Wahrheitsdroge”, einem Mittel zur Gehirnwäsche und zur chemischen Kriegsführung in den 50er Jahren höchst fragwürdige LSD-Experimente durch. Wegen seiner Unkalkulierbarkeit stellte sich der Stoff für militärische Zwecke allerdings als ungeeignet heraus. Wie in einem Lehrfilm des britischen Militärs zu sehen, löst LSD bei Soldaten statt Kampfeswut eher Lachkrämpfe aus (http://url9.de/ACO). Statt einer neuen Waffe bescherte LSD als Treibstoff der Welt eine Generation von Love, Peace und Kriegsdienstverweigerung.

10. Sterbehilfe: Als größtes Geschenk zu seinem 100. Geburtstag 2006 betrachtete Albert Hofmann die Wiederzulassung von LSD für die medizinische Forschung. In der Schweiz und in den USA wird es seitdem wieder wissenschaftlich erforscht. Vor allem bei terminalen Krebspatienten und anderen tödlich Erkrankten konnte die Bewusstseinserweiterung durch LSD  (und seinen ebenfalls von Dr. Hofamnn entdeckten Verwandten, Psylocibin, den Wirkstoff der “heiligen Pilze”) eine wunderbare Wirkung entfalten: Sie haben weniger Angst vor dem Sterben und können die letzte Zeit ihres Lebens besser genießen.

Der Beitrag ist in der heutigen Ausgabe der taz  erschienen – mehr zum Thema in dem Buch “Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD”, das ich mit Roger Liggenstorfer zum 100. Geburtstag Albert Hofmanns 2006 herausgegeben habe.

 

19
May, 2012

The Substance

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Die Berichterstattung über LSD ähnelt in der Regel dem Bericht eines Außeriridischen, der den Straßenverkehr auf der Erde untersucht und  dabei nur auf den Unfallstationen recherchiert. Er wird zu dem Ergebnis kommen, dass die Erdlinge, die sich freiwillig mit ihren Autos auf solche Horrortrips zu begeben, bei denen jährlich zigtausende ums Leben kommen,  definitiv verrückt sein müssen. Seinen Artgenossen, die über diesen Bericht erstmals von der auf der Erde verbreiteten Droge “Auto” und ihren schrecklichen Folgen hören, können sich diesem Urteil nur anschliessen – solange sie von den Millionen unfallfreier Reisen noch nie gehört haben, die den Horror der Unfälle in Relation setzen. Denn es ist wahr, was Timothy Leary einst sagte, dass nämlich die psychedelischen Drogen wie LSD in Jahrzehnten weniger Schäden und Leid verursacht haben als Alkohol an einem einzigen Wochenende. Und dass LSD-Reisen in den Weltraum der Seele unter Beachtung der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen millionenfach nicht nur  völlig unfallfrei verlaufen sind, sondern absolut bereichernd und beglückend. Doch nachdem LSD 1966 zuerst in Kalifornien und später weltweit illegalisiert und Dr. Leary von Richard Nixon zum “Staatsfeind Nr. 1″ erklärt worden war, gelten solche Aussagen als unkorrekt und verboten. Die Zeigefinger mit Verweis auf Unfallstation und Irrenhaus werden seitdem in der Bericherstattung aber derart massiv und hysterisch eingesetzt, dass man sich Terrence McKennas Schlußfolgerung nur anschliessen kann, nach der “LSD offenbar Psychosen vor allem bei denen erzeugt, die es noch nie genommen haben.” Read more

18
Jan, 2012

80 Jahre Robert Anton Wilson

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“You should see the world as a conspiracy run by  very closely-knit group of nearly omnipotent people – and you should think of these people as yourself and your friends.”  -  ist nicht von ungefähr das Motto von Robert Anton Wilsons Website. Es ist eine wichtige Regel, die deutlich macht, dass es sich bei RAW nicht um einen “Verschwörungstheoretiker” – im Sinne des Unworts des Jahrzehnts zur Beseitigung mißliebiger Meinungen – handelt, sondern wenn überhaupt dann um einen Verschwörungstheoretiker zweiten Grades, der  sich stets darum bemüht, die Landkarte, die er zeichnet, nicht mit der Realität zu verwechseln. Und sich darüber bewußt ist, dass alles, was wir als Realität empfinden,  stets ein Konstrukt des Bewußtseins, des eigenen “Realitätstunnels” ist.

Um dieser Maxime gerecht zu werden, hatte ich meinem Buch “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”  (2002) über die Realität des Vertuschens, Verschweigens und Nichtaufklärens eine Art Landkarte des allgemeinen Verschwörungswesens beigelegt, die eigentlich niemand mit der Realität verwechseln konnte, denn sie war einfach nur komisch und von vorn bis hinten mit meinem Freund Seyfried, der sie gezeichnet hatte, ausgedacht – hier und hier .  Es geschah allerdings doch, wie wir anhand einiger mails erfuhren, denn in diese Konstruktion waren natürlich zahlreiche Realitätspartikel eingebaut – darunter auch SS-Symbole und ein 2 Millimeter großes Hakenkreuz, das der Künstler in einer Israelflagge platziert hatte. Weil Hardcore-Israelisten  auch gern mit der Lupe suchen um zB die weltweite Antisemiten-Verschwörung aufzudecken, führte das sogar zu einer Anzeige und Beschlagnahme durch einen übereifrigen Staatsanwalt. 9/11 indessen interessierte die Staatsanwälte nicht, obwohl das Buch 100 offene Fragen dokumentierte, die in jeder normalen staatsanwaltlichen Untersuchung eines Verbrechens selbstverständlich ermittelt werden müßten. Diese ziemlich harten Fakten der Realität wurden von der Staatsgewalt ignoriert, die schrägen Fiktionen der Kunst dagegen führten zum unmittelbaren Einschreiten.

Für Guerilla-Ontologen der RAW-Schule stellt das allerdings keine große Überraschung dar, denn außer der unbewußten Verwechslung von subjektiver Landkarte und objektiver Realtiät ist die bewußte, gezielte Verschwechslung, Täuschung, Desinformation im politischen Geschäft natürlich an der Tagesordnung: “A monopoly on the means of communication may define a ruling elite more precisely than the celebrated Marxian formula of monopoly in the means of production.”  In der Tat. Und das ist der Grund, warum Bob so große Hoffnungen auf das Web und seine Dezentralität setzte, die jedes Monopol – und damit jede unverrückbare Wahrheit, jedes eherne Dogma, jede “offizielle” Aussage – unterlaufen kann. Solche unverrückbaren Dogmen zu zerschlagen, auch und gerade wenn sie  mit Inbrunst von Kanzeln und Kathedern verkündet werden – das war, wenn man ein Werk von 35 Büchern überhaupt auf einen Nenner bringen kann, die Arbeit und das Vergnügen des Robert Anton Wilson. Nicht ohne freilich als Menschenfreund  aus dieser Dekonstruktion auch eine positive Vision zu bauen – einer Welt, die Wunder und Paranormales zuläßt, und nicht mit dem “irrationalen Rationalismus” einer neuen Inquisition verfolgt; einer Welt die gemäß den Entdeckungen der Quantenphysik mehr Möglichkeiten als nur die beobachtergeschaffenen Wirklichkeiten enthält; einer Welt in der wir wieder mehr “vielleicht” sagen… (Und die  nicht verbietet 100-prozentige Arschlöcher auch so zu nennen, selbst wenn sie nur 90-prozentige sind…)

Vielleicht sollten wir eine solche Welt, zum heutigen 80. Geburtstag von Robert Anton Wilson, ab sofort einfach immer hochleben lassen….

 

17
Jan, 2012

“SM-I²-LE”

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“LSD seems to suspend the imprinted and conditioned brain circuits that normally control perception/emotion/thought, allowing a flood – an ocean – of new information to break through” – meinte Robert Anton Wilson, und das ist eine etwas zurückhaltendere Erläuterung  der LSD-Erfahrung als Timothy Learys vollmundige Aussage:  “Zweifellos ist LSD das mächtigste Aphrodisiakum, das der Mensch je entdeckt hat.” Das ist, wie das meiste was Leary sagte, vielleicht richtig, aber es als Harvard Professor zu sagen, und dann auch noch  in einem Playboy-Interview, hatte Folgen. Der Stoff wurde verboten, und Leary – wegen eines Joints, der bei seiner Tochter gefunden wurde – zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. RAW besuchte ihn dort und war erstaunt über die andauernde Fröhlichkeit mit der sein Freund den Knast ertrug. In dieser Zeit schrieben sie zusammen das Buch “Neuropolitics – The Sociobiology Of Human Metamorphosis”, ein Buch voller optimistischer Vorstellungen und Visionen über eine sich dank technischer Entwicklung und Erweiterung des Bewußtseins entwickelnde Menschheit, inkl. der Gründung von Kolonien im Weltraum und Lebensverlängerung auf der Erde. Tim Leary nannte es das  “SM-I²-LE”-Prinzip(Space Migration, Intelligence Increase, Life Extension), was andeutet, dass es so ganz ernst nicht gemeint war – aber im Großen und Ganzen eben doch. RAWs Tochter Christina erzählt in dem  Interview, das BoingBoing zur Robert Anton Wilson Week mit ihr geführt hat, dass sie sich in ihrer Familie Anfang der 70er durchaus darauf einstellten, die Auswanderung ins All und die Lebensverlängerung noch zu erleben.

Dieser Optimismus, das Zuvertrauen in technische Machbarkeit und die Hoffnung, die (von LSD offenbarten) Potentiale des menschlichen Gehirns ausschöpfen und nutzen zu können, durchzieht das Werk RAWs und Learys, ist in seiner Mischung aus Spiritualität und High Tech auf eine typische Weise kalifornisch und erschien unseren,  mit teutonischer Denkschwere belasteten Köpfen, manchmal ein bißchen naiv. Als ich Tim Leary Mitte der 80er fragte, wieso er jetzt weniger von Bewußtseinserweiterung, sondern nur noch von Netzwerken  und Computern redete, wo doch  “Computer nicht  intelligenter sind als Kartoffeln” antwortete er: “Oh, ich mag Kartoffeln.”  Um von ihnen dann flugs bei den acht Schaltkreisen unserer Gehirne, der “human biocomputers”, zu landen, deren Modell er zusammen mit RAW beschrieben hatte und die deutlich machten, dass wir auch als “höhere” geistige Wesen die Kartoffelhaftigkeit der unteren Amöben,- Säugetier, -Primatenschaltkreise nicht so einfach abschalten können. Dennoch sei es wichtig, das Recht auf einen persönlichen Computer in die Charta der Menschenrechte aufzunehmen. Das war 1984, und wenn wir mehr als ein Vierteljahrhundert später den ausgezeichneten Vortrag des Boing-Boing-Bloggers Cory Doctorow auf der letzten CCC-Konferenz  hören – The Coming War on General Computation – wird deutlich, dass diesen Denken keinesfalls “naiv”war, sondern nur seiner Zeit ziemlich voraus…

6
Jan, 2012

Dran bleiben!

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Die Berichterstattung über LSD entspricht in der Regel derjenigen eines Außerirdischen, der seine Recherchen über den Straßenverkehr der Erdlinge nur auf Unfallstationen durchführt und selbst nie in ein Auto gestiegen ist. Insofern wundert es dann nicht, wenn viele Millionen wunderbarer, unfallfreier Reisen in diesen Berichten einfach nicht vorkommen, sondern nur ein Horrotrip nach dem anderen samt seinen  gar schröcklichen Folgen. Dass Alkohol an einem einzigen Wochenende weltweit mehr Unfälle und Horror verursacht als LSD seit seiner Entdeckung 1943 bleibt in den Berichten über die “Wahnsinnsdroge” LSD ebenfalls regelmäßig ausgespart.
Bei seiner Arbeit mit dem Mutterkorn, einem auf Roggen wachsenden Pilz, entdeckte Albert Hofmann 1938 den Wirkstoff, dem es seinen Namen verdankt und der als “Methergin” in allen Kreisssälen der Welt zum Standardmediakment der Geburtshilfe wurde. Fünf Jahre später entschloß er sich – einer merkwürdigen Ahnung folgend – eine dieser Lysergsäure-Verbindungen noch einmal herzustellen und entdeckte “zufällig”  die stärkste bewußtseinserweiterende Substanz überhaupt: einen geistigen Geburtshelfer.
Als wir uns am 11. Januar 2008 an Albert Hofmanns 102. Geburtstag nach meinem Besuch zum Geburtstagskaffee verabschiedeten, hatte er mich umarmt und gesagt “Du mußt auf jeden Fall weiter schreiben!” – und als wir das Haus verliessen kamen mir die Tränen, weil ich wußte, dass das mein letzter Besuch bei ihm war. Und dass ich nie mehr das Glück haben würde, dass ein so weiser Gelehrter und wunderbarer Freund meine kleinen Bücher liest und mit mir darüber spricht.
Dass der “Tagesanzeiger”  heute (ein Merci nach Züri für den Scan an Tom) den berühmten Schweizer Wissenschaftler und die verbotenste aller Drogen zu einer  witzigen Eigenanzeige zusammenrührt, hätte ihn wahrscheinlich ebenso amüsiert wie alle James Hendrix Fans . Die Frage des “Tagi” ist indes einfach zu beantworten: Millionen wären nie drauf gekommen! Wir bleiben dran.

PS: Neu erschienen – und demnächst noch ausführlich zu würdigen – ist jetzt eine Biograhphie “Albert Hofmann und sein LSD” von Dieter Hagenbach und Lucius Werthmüller. Wer sich fundiert und sachlich über das Thema informieren will, ist mit diesem Werk allerbestens beraten.

5
Feb, 2011

Hofmanns Reisen.

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Wer nicht lesen will, kann hören – im neuen Hanfjournal ist eine Besprechung des Hörbuchs erschienen, das Audioflow aus unserem Buch ” Der Weg nach Eleusis -Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD” produziert hat: Hofmanns Reisen:
“Mit „Hofmanns Reisen – Innere und äußere Reisen des LSD- Entdeckers Albert Hofmann“ ist es Audioflow in einer Kooperation mit dem Nachtschatten-Verlag erneut gelungen, spannende Unterhaltung mit wissenschaftlichem Anspruch zu verbinden. Read more

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