23
Mar, 2014

Strafverteidiger gegen Prohibition

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hupenBeim 38. Strafverteidigertag, der am Sonntag in Dresden zu Ende ging, diskutierten 400 Strafverteidiger, Staatsanwälte, Richter und Rechtsgelehrte über drängende Fragen des Rechts und der Gesetzgebung. Dabei war in diesem Jahr auch das Pro und Contra der Entkriminialisierung illegalisierter Drogen das Thema einer Arbeitsgruppe (an der ich mit einem Referat über “Die Ökonomie des War On Drugs” teilnahm) . Die dort erarbeitete Erklärung (PDF) wurde dann vom Plenum des Strafverteidigertags verabschiedet:

“Bereits der 31. Strafverteidigertag kam 2007 zu folgendem Ergebnis:

Die Prohibition und die repressive Drogen(kriminal)politik – gepaart mit teilweise exorbitanten Strafen – haben nicht zur Lösung der Suchtproblematik beigetragen. Ein – neuer – gesellschaftlicher Diskurs ist erforderlich, um die Grundlage für eine von Vernunft geprägte, pragmatische sowie entkriminalisierende Drogenpolitik zu schaffen.“

Seither mehren sich sehr deutlich Stimmen, die den bisherigen Ansatz des „War on Drugs“ für gescheitert ansehen. Es gibt internationale Entwicklungen, die ganz offiziell eine Abkehr vom Prohibitionsansatz markieren.

In Deutschland hat sich dagegen – jedenfalls auf juristischem Gebiet – wenig bis gar nichts geändert. Immer noch verbringen schwerkranke Menschen wegen ihrer Krankheit viele Jahre in Haftanstalten. Immer noch werden berufliche Existenzen, z.B wegen des Umgangs mit Cannabis, zerstört, obwohl genau dieser Umgang inzwischen eine weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz erlangt zu haben scheint. Beiden – den Schwerkranken, wie den Freizeitkonsumenten  – wird das BtMG in keiner Weise gerecht.

Nach wie vor enthält das BtMG Strafandrohungen, die ansonsten für Kapitalstraftaten reserviert sind – obwohl es sich auch dabei teilweise eher um Alltagsverhalten handelt. Dem Grundsatz, Strafrecht als „ultima Ratio“ zu verstehen, entspricht das BtMG damit nicht einmal ansatzweise.
Gleichzeitig dürfen bestehende Probleme im Umgang mit psychoaktiven Stoffen nicht verkannt werden. Das Abstinenzparadigma allerdings und die daraus abgeleitete Prohibition haben sich selbst in dieser Hinsicht nicht als probates Mittel erwiesen.Wenn dann auch noch die Repressionsstrategie immense Summen für eine im Ergebnis wirkungslose Strafverfolgung verschlingt, gleichzeitig Mittel für Forschung und Hilfsprojekte drastisch gekürzt werden, so ist dies nicht länger akzeptabel..
Der Prohibitionsansatz ist deshalb aufzugeben. Er gehört aber mindestens auf den parlamentarischen Prüfstand. Es muss in absehbarer Zeit fundiert darüber diskutiert werden, welcher Reformbedarf besteht. Dass Reformbedarf besteht, kann nicht mehr strittig sein. Ein bloßes „Weiter So!“ darf es daher nicht geben.
Deshalb unterstützt der 38. Strafverteidigertag ausdrücklich – als einen notwendigen ersten Schritt – die Initiative von 120 deutschen Strafrechtsprofessoren, die die Einrichtung einer Enquete-Kommission gefordert hat, da sie die strafrechtliche Drogenprohibition als „gescheitert, sozialschädlich und unökonomisch“ ansieht.”

18
Feb, 2014

Sucht und Ordnung (1)

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Drogenlüge-Cover-1In Italien hat das höchste Gericht  die in den 90er Jahren verschärften Gesetze gegen Cannabis für verfassungswidrig erklärt, tausende danach Verurteilte müssen jetzt aus den Gefängnissen entlassen werden. In Uruguay und  den ersten beiden US-Bundesstaaten ist Cannabis vollständig legalisiert,  weitere Staaten werden in den USA und auf der Welt in absehbarer Zeit folgen. Das Zeitalter der Prohibition scheint nach einem Jahrhundert  langsam aber sicher zu Ende zu gehen. In meinem 2010 erschienen Buch “Die Drogenlüge”  habe ich über die Ursachen geschrieben, die wider alle Vernunft  den “Krieg gegen Drogen” weiter am Laufen halten – und im letzten Kapitel unter dem Titel “Sucht und Ordnung” einen Ausblick auf eine Welt jenseits der Prohibition gewagt, die im 19. Jahrhundert ja schon einmal schon existierte und im 21. Jahrhundert wieder geschaffen werden muss:

 

 

Kann die in einem Jahrhundert zu einem mörderischen Moloch aufgeblähte Prohibitionsmaschinerie mit Appellen an die Vernunft zur Räson gebracht werden? Wir haben gesehen, welche Rolle die durch Prohibition generierten Profite für die imperiale Weltpolitik, die globalen Börsenkurse und das Wachstum der Militär-, Sicherheits-und Pharmaindustrie bedeuten und wie leicht es für das politische Geschäft ist, offene Türen im kollektiven Unbewussten einzurennen und mit der seit fast 4000 Jahren geprägten Angst vor Drogen auf Stimmenfang zu gehen. Angesichts dieser tiefen zivilisationshistorischen Prägungen und der aktuellen Wirtschaftsmacht der Prohibitionsprofiteure wird ein Friedensschluss, ein Ende des Kriegs gegen Drogen, nicht leicht zu erreichen sein. Doch die Katastrophen, die der Drogenkrieg in Afghanistan und im Nahen und Mittleren Osten, in Mexiko und in Südamerika anrichtet, sind mittlerweile so unübersehbar, dass eine internationale Reform des Prohibitionsregimes immer mehr Befürworter findet!– quer durch alle Parteien und weltanschaulichen Lager. Der erste Schritt muss fraglos jener sein, den die Regierung in Portugal seit 2001 gegangen ist: die vollständige Entkriminalisierung des Besitzes und Konsums von Drogen.
Ein Jahrhundert weltweite Prohibition hat gezeigt, dass die Nachfrage nach bewusstseinsverändernden Substanzen mit Strafgesetzen nicht zu verhindern ist, genauso wenig wie ihr Angebot. Theoretisch mag es in einem totalen Überwachungsstaat möglich sein, den Konsum irgendeiner Substanz vollkommen zu verhindern, praktisch ist eine solche gesellschaftliche Entwicklung aber weder vorstellbar noch wünschenswert. Stattdessen gilt es, die einer Zivilgesellschaft angemessene Balance zwischen individueller Freiheit und sozialer Verantwortung zu finden.Dass dies kein aussichtsloses Unterfangen ist, zeigt schon ein kurzer Rückblick in das 19. Jahrhundert, in dem Cannabis, Opium, Morphin, Heroin und Kokain frei verkäuflich und für jedermann erschwinglich waren. Schon unsere Anwesenheit heute zeugt davon, dass unsere Vorfahren damals nicht massenweise der Sucht und dem Elend anheim gefallen sein können, in der zeitgeschichtlichen Literatur des 19. Jahrhunderts findet sich über Drogenprobleme wenig bis nichts. Als »Schlummersaft« und zur Schmerzlinderung stand in jeder Hausapotheke des 18. und 19. Jahrhunderts ein Fläschchen Opiumtinktur bereit. Zur Anregung in besseren Kreisen sorgte der mit Kokain (und einer Empfehlung von Papst Leo) angereicherte Bordeauxwein »Vin Mariani« oder mit Haschisch gemischte Orientzigaretten der Marke Harem, die bis 1920 in Tabakläden erhältlich waren. Auch der Kinder- und Jugendschutz war offensichtlich gewährleistet, dass derart »starker Tobak« den erwachsenen Männern vorbehalten blieb. Dass er dagegen kleinen Jungs nur Angstträume beschert, zeigte zum Beispiel Wilhelm Busch in seinem Comicstrip von »Krischan mit der Piepe« (1864).
Es gibt also durchaus Belege für eine funktionierende, zivilisierte Welt ohne Prohibition, und das in Sachen Zucht und Ordnung ansonsten nicht sehr zimperliche 19. Jahrhundert kann in Sachen Sucht und Ordnung hier als tolerantes Vorbild gelten. Wobei eine erste Einschränkung genau da gemacht werden muss, wo mit der in Schwung kommenden Industrialisierung auch das Zeitalter der massenmedialen Beeinflussung durch Werbung beginnt und Hersteller und Händler Drogen massiv bewerben. Die Massenblätter des US-amerikanischen Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst wimmelten nur so von Anzeigen von Mixturen aller Art, deren wirksame Stoffe in der Regel aus nichts anderem als Opiaten, Kokain oder Cannabis bestanden. Langjährige Werbeverträge mit den Zeitungsverlagen verschonten die Hersteller dabei vor jeder kritischen Berichterstattung über ihre mit massiver Reklame gegen jedes Wehwehchen unter das Volk gebrachten Wundermittel. Der derart provozierte Massengebrauch vor allem von opiumhaltigen Mixturen machte eine staatliche Kontrolle nahezu unausweichlich, und diese historischen Erfahrungen zeigen, dass mit einer Entkriminalisierung als zweiter Schritt unbedingt ein Werbeverbot für sämtliche Drogen einhergehen muss.Die Enttabuisierung der natürlichen Paradiese, die Aufklärung und Auflösung der Drogenlügen, muss auf andere Weise erfolgen als durch die Penetration mit Werbelügen und Verführungen zum Konsum.

Auch wenn es dem Leitmotiv der Gier und des permanenten Wachstums in unserem gesellschaftlichen System zuwiderläuft: Dass sportbegeisterten Kindern per Fernsehen tausendfach eingetrichtert wird, dass Fußball erst zusammen mit Alkohol von Warsteiner, Bitburger und anderen »ein richtiger Genuss« ist, kann eine verantwortungsbewusste Drogenpolitik künftig genauso wenig dulden wie die (mittlerweile immerhin schon stark eingeschränkte) Werbung für Tabak. Ein verantwortungsvoller, mündiger Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen kann in einer Gesellschaft, die auf ständige Konsumsteigerung ausgerichtet ist, nur erreicht werden, wenn diese Substanzen dem Zugriff der Marketing- und Werbeindustrie entzogen bleiben – eine Forderung, die angesichts künftiger Neuro-Enhancement-Präparate ohnehin zur Debatte steht. Jede Entkriminalisierung, die die Willkür einer Trennung in legale und illegale Drogen aufhebt, muss Regelungen und Altersbeschränkungen für sämtliche nunmehr legal erhältlichen Drogen schaffen und sie der Willkür freier Vermarktung und somit zwangsläufig aggressiven Wettbewerbs entziehen.

Werfen wir also einen kühnen Blick in die Fachgeschäfte der Zukunft, die in den Fußgängerzonen der Republik für die Beratung und den Verkauf von Drogen zuständig sein werden. Dank der nach dem Ende der Prohibition eingesparten Milliarden, die von der öffentlichen Hand unter anderem in umfassende Aufklärungs- und Drogenerziehungsprogramme investiert wurden, wundert sich schon seit einiger Zeit niemand mehr über die in den Städten dicht gestreuten unauffälligen Läden und die über Land verteilten »Drogenstützpunkte«. Neben der Beratung und dem Verkauf durch ausgebildete Fachverkäufer steht den Kunden ein angeschlossener psychologischer und medizinischer Service zur Verfügung, der ebenso wie die Kurse zum »nichtpharmakologischen Enhancement« (Meditation, Musik, Yoga, Sport, Spiel, Spannung) von den Kommunen und Krankenkassen finanziert wird.
In großen Drogenkaufhäusern wie dem in Berlin-Mitte ist das gesamte Erdgeschoss diesen Informations- und Beratungsdiensten gewidmet, den einzigen Angeboten des Hauses, für die mit üblichen Mitteln geworben werden darf. Ansonsten regiert neben freundlicher Atmosphäre in allen Abteilungen der nüchterne Beipackzettel, der jeder Verkaufseinheit beiliegt, sowie kompetente und freundliche Fachverkäufer, die über Wirkungen, Nebenwirkungen, »Safer Use« und Schadensminimierung ausführlich Auskünfte geben. Sie werden nicht nach Umsatz bezahlt und stehen, wie die Drogenfachgeschäfte insgesamt, nicht unter dem Diktat der Gewinnmaximierung. Im Gegenteil wird ihnen bei Umsatzrückgängen ein Bonus ausbezahlt, denn das Ziel dieser Fachgeschäfte ist es nicht, den Konsum zu fördern, sondern den existierenden Konsum in risikoarme und sozialverträgliche Bahnen zu lenken.
Die hier verkauften Drogen sind nicht verunreinigt, die Informationen auf jeder Packung ermöglichen eine korrekte Dosierung und reduzieren so mögliche Gesundheitsschäden auf ein Minimum. Der Verkauf ist zudem auf bestimmte Maximalmengen pro Tag beschränkt und wird auf einer Kundenkarte registriert. Wenn die registrierten Mengen auf einen problematischen Konsum schließen lassen, werden die Kunden zu einem Beratungsgespräch gebeten und erhalten konkrete Angebote zur medizinischen oder therapeutischen Betreuung.
Die Cannabisabteilung im ersten Stock des Kaufhauses verkauft importiertes Fair-Trade-Haschisch aus marokkanischen, libanesischen und afghanischen Landwirtschaftskooperativen und eine große Auswahl Hanfblüten aus heimischem Bio-Anbau. Der Gehalt von THC, CBD und anderen Cannabinoiden ist bei den jeweiligen Sorten angegeben. Um den Schäden des Rauchens in der Mischung mit Tabak vorzubeugen, werden den Hanfkunden preisgünstige Vaporizer angeboten. Die kleinen Verdampfer im Handyformat heizen den Hanf auf 190 Grad auf, inhaliert werden nur Cannabinoide und Aromastoffe, aber kein Rauch.
Auch zwei Etagen weiter oben, in der Abteilung für Stimulanzien, stehen die kleinen Apparate hoch im Kurs, seit Kunden, die nach Amphetaminen verlangten, als milde Alternative die Inhalation von Meerträubel (Ephedra) entdeckt haben; auch der aus den Blättern der Pflanze hergestellte ephedrinhaltige »Mormonentee« erfreut sich wachsender Beliebtheit.
Ein ähnlicher Trend ist bei den Kokainkonsumenten zu beobachten, die zunehmend auf die natürlichen Produkte aus Kokablättern zurückgreifen und den konzentrierten Alkaloid-Turbo nur noch gelegentlich verwenden. Auch der wieder erhältliche »Vin Mariani« und die nach dem »Coca-Cola«- Originalrezept mit einem leichten Kokaingehalt gebrauten Softdrinks haben dazu geführt, dass viele vormalige Kokser jetzt hier zugreifen und auf das Schnupfen verzichten.
Einen vergleichbaren Effekt hatte auf Heroinkonsumenten die in den Drogenfachgeschäften erhältliche Auswahl von milderen Alternativen wie Rauchopium, Laudanum und anderen opiumhaltigen Zubereitungen, deren unproblematische Verfügbarkeit vielen injizierenden Abhängigen den problemlosen Abschied von der Spritze ermöglichte. Da zurückgehende Umsätze vor allem bei den schnell zur Gewöhnung führenden Drogen wie Heroin und Kokain mit Bonuszahlungen belohnt werden, sind die Fachberater motiviert, ihre Kunden auf leichtere und weniger riskante Alternativen aufmerksam zu machen. In der großen Alkoholabteilung im Untergeschoss des Drogenkaufhauses wird langfristigen Dauerkunden zum Beispiel der Umstieg auf weniger gesundheitsschädliche Cannabisprodukte schmackhaft gemacht.
Der oberste Stock des Drogenkaufhauses in Berlin-Mitte wird nicht nur wegen des gläsernen Halbrunds seiner Dachkuppel »Tempel« genannt, denn hier geht es um die entheogenen Drogen, die Pflanzen der Götter, deren Ächtung durch das monotheistische Patriarchat einst den Beginn des Kriegs gegen Drogen markierte….

“Sucht und Ordnung” Teil 2   folgt morgen.
Das Buch “Die Drogenlüge” ist im nächsten Buchladen oder hier erhältlich.

4
Feb, 2014

Profiteure der Prohibition

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Die FAZ berichtete am Montag  ebenso sachlich wie ausführlich aus dem “Land des Lächelns”, dem US-Budensstaat Colorade einen Monat nach der Legalisierung von Cannabis, in der Schweiz läßt die “Eidgenössische Kommission für Drogenfragen” (EKDF) ein neues Regulierungskonzept ausarbeiten, ein solches Uruguay hat als erster Nationalstaat der Welt bereits schon beschlossen, der Deutsche Hanfverband gewinnt bei einem Mainstream-TV-Sender  eine Castingshow und eine Million Euro für den Kampf gegen die Hanf-Prohibition…. nach Jahrzehnten der Tabuisierung scheint der Bann, mit dem der böse Zauberer Harry Anslinger  die Hanfpflanze vor mehr als  70 Jahren belegte, langsam aber sicher zu brechen.

Anslinger war natürlich kein Zauberer, sondern nur ein tüchtiger Bürokrat und der erste “Drogenzar” der USA,  doch die Anti-Hanf-Kampagne, die er mit Hilfe des Pressemagnaten Hearst und Geld des Chemiekonzerns Dupont entfachte, hatte ohne Frage magische Qualität und muß zu den erfolgreichsten Desinformations,- und Propaganda-Operationen aller Zeiten gezählt werden.  Sie spukt bis heute in vielen Köpfen herum – und wie zu Anlingers Zeiten finden die Behörden noch immer willige Experten und Gutachter, die ihnen die Richtigkeit der Prohibtion “wissenschaftlich” bestätigen.  Und der große Fleischtopf des einst von  Harry Anslinger auf den Weg gebrachte  International Narcotics Controllboard (INCB) bei den “Vereinten Nationen”,  an dem sich heute Bürokraten aus aller Welt laben, sorgt dafür, dass Offizielle in jedem Land der Welt den Anfang vom Ende der Hanfverbote “mit großer Sorge” o.ä.  kommentieren und kritisieren. Die Drogenverfolgung ist ihr Business und Hanf, solange er auf dem Index steht und die meist konsumierte illegale Substanz weltweit ist, eine Säule ihres Geschäfts. Und so will das INCB ganz im Geiste seines manischen Gründervaters Anslinger die Hanf-Prohibtion nicht einmal für medizinische Zwecke aufgehoben wissen.

Auch wenn die Herren der INCB-Zentrale in Wien also wohl die letzten sein werden, die die weiße Fahne für ein Ende des Drogenkriegs hissen – umhin kommen werden sie über kurz oder lang nicht. Selbiges gilt auch für die hiesigen Politiker und Bürokraten, die zwar noch einige Jahre mit gezogener Hanfbremse weiter fahren und die Prohibition als “alternativlos” erklären können, doch die schon erwiesenen und künftig noch deutlicher absehbaren Erfolge von Entkriminalisierung und Regulierung des Markts machen die Alternativen zunehmend unübersehbar und unleugbar. Die wissenschaftlichen Experten für Recht und Ordnung in Deutschland – die Strafrechtsprofosseren – haben das schon erkannt und einen dringenden Appell an die Bundesregierung verfasst, das geltende Betäubungsmittelgesetz zu reformieren. Die GroKo aus CDU, CSU und SPD hat indessen keinerlei Reformpläne in ihren Koalitionsvereinbarungen und so steht zu erwarten, dass für die gescheiterte Drogenpolitik nur ein dumpfes “Weiter so!” und keinerlei Besserung in Sicht ist.

Es sei denn, ein mutiger Jurist vom Schlage eines Wolfgang Nescovic, der sich als Berufungsrichter des Lübecker Landgerichts Anfang der 90er Jahre weigerte, weiter nach den wissenschaftlich widerlegten Grundlagen des Betäubungsmittelgesetzes Urteile zu fällen und das BtmG auf den Prüfstand des Bundesverfassungsgerichts brachte, bringt 20 Jahre nach diesem “Haschisch-Urteil” die höchsten Richter erneut dazu, die Angemessenheit strafrechtlicher Bestimmungen in Sachen Cannabis erneut zu überprüfen. Anders als mit einem energischen Wink aus Karlsruhe wird das Zentralkommitee der GroKo-Einheitspartei nur schwer zu bewegen sein, von der gescheiterten Politik des Verbietens, Verfolgens und Verhaftens Abstand zu nehmen.

“Sicherlich ist Marihuana eher harmlos. Aber die Sache war ein Beispiel dafür, dass ein Verbot die Autorität des Staates stärkt”, bekundete Harry Anslinger am Ende seiner Karriere, nachdem schon aktenkundig geworden war, dass 95 % der “zweifelsfreien Quellen”, die er für die nationale und internationale Durchsetzung der Hanf-Prohibition angeführt hatte,  aus Boulevardzeitungen stammte. Auf einem Niveau, von dem sich die Verbotspolitik bis heute kaum entfernt hat, was recht einfach erkennen ist, wenn man etwa die (voodoo-)wissenschaflichen Weisheiten des Prof. Dr. Rainer Thomasius, einem als “Experten” immer wieder gehörten Prohibitionisten, überprüft: “Die Einstiegsdrogentheorie ist zwar nicht belegt. Aber widerlegt ist sie auch nicht.” Was für die Jungfrauengeburt natürlich ebenso gilt wie für kleine grüne Männchen vom Mars…

Die eigentlichen Profiteure des “war on drugs” sind freilich nicht solche stets vorhandenen professoralen Mietmäuler, sondern eher die auf untenstehendem Cartoon abgebildeten Herrschaften. Sowie eher kleine Fische wie der Discounter Lidl, der dieser Tage die Fachbücher für den Indoor-Anbau aus seinem Online-Shop zurückzog, als das Angebot ruchbar wurde. Ebenso erschrocken reagierte der Elektrokonzern Philips, nachdem ihm ein TV-Bericht vorgworfen hatte, mit seinem “Greenpower”-LED-Lampen illegale Cannabiszüchter zu beliefern  - worauf das Unternehmen bekundete, dass man Endkunden in der Cannabiszucht nicht beliefere,  und die „Greenpower“-Lampen im Philips-Prospekt zum „City Farming“ ausschließlich zur wachstumsfördenden „Tageslichtverlängerung“ bei der Erdbeer-, Gurken- und Tomatenzucht beworben werden.

Nun kann ein Lampenhersteller genausowenig kontrollieren, ob unter seinen Lampen Gurken oder Marihuana wachsen, wie ein Messerproduzent, ob sein Produkt zum Mittagessen oder zum Mord verwendet wird. Warum also ein solcher gigotter und schreckhafter Alarm um Lampen, unter denen auch Gurken wachsen, oder um Bücher, die in jedem Buchladen erhältlich sind ?  Es scheinen dies noch immer Nachwirkungen Anslinger-Ära zu sein – und es wird Zeit, diesen Bann endlich zu brechen. Und den großen und kleinen Profteuren der Prohibition das Handwerk zu legen. Denn wenn der Anbau zum Eigenbedarf legal wird, braucht es weder spezielle Bücher noch besondere Lampen: Sonne, Erde, Wasser und ein Hanfkorn im Blumenkasten reichen dann völlig aus.

 

31.01.14 15:53-Bildschirmkopie

30
Aug, 2012

Einladung

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Seit 1992 Jahren leistet die Gemeinde der “12-Apostel-Kirche” was in ihrem von Prostitution und Suchtproblemen gezeichneten Kiez in Schöneberg am meisten Not tut: Drogenarbeit.  Diese 20 Jahre ehrenamtlicher Arbeit werden morgen nicht nur in einer kleinen Feier gewürdigt, Pfarrer Andreas Fuhr und seine Frau Mona haben mich auch eingeladen, über  “Die Drogenlüge” zu sprechen – jene das Elend und die Erniedrigung fördernde Politik der Prohibition und des “war on drugs”, die einen schadensmindernden Umgang mit Drogen nach wie vor verhindern. (Gemeindesaal, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin – Freitag 31.8.2012, 19 Uhr 30 – Plakat: Gerhard Seyfried)

Update: Passend zum Thema ein aktuelles Interview mit Dr. François van der Linde, der als Präsident der Präsident der “Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen” die Schweizer Bundesregierung 30 Jahre lang beraten hat: «Drogen zu konsumieren 
sollte straffrei sein»

1
Mar, 2011

Kein Frieden ohne ein Ende der Drogen-Prohibition

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Heute in “Neues Deutschland”: »Die Drogenlüge – Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und Ihrer Gesundheit schaden« heißt das neue Buch von Mathias Bröckers. Darin spricht sich der langjährige Kultur- und Wissenschaftsredakteur der taz für eine kontrollierte Freigabe aller Drogen aus. Im Interview mit dem ND-Mitarbeiter Fabian Lambeck spricht Bröckers über den Zusammenhang zwischen Drogen, Geheimdiensten, Banken und Terror.

ND: In Ihrem Buch »Die Drogenlüge« fordern Sie die Freigabe und Legalisierung sämtlicher Drogen. Kokain im Kaufhof – ist das wirklich die Lösung des Drogenproblems?
Bröckers: Kokain im Kaufhof wäre in der Tat gefährlich. Noch gefährlicher wäre es, Werbung für Drogen zu erlauben. Eine Legalisierung aller Substanzen muss mit einem Reklameverbot und einer kontrollierten Abgabe verknüpft werden. Das heißt, wenn wir über die Legalisierung von Drogen reden, dann geht es nicht darum, sie dem freien Markt zu überlassen. Wenn Werbung für Kokain gemacht wird und das weiße Pulver in jedem Supermarkt verkauft wird, kann das natürlich zu einem schweren Missbrauchsproblem führen.

Wie kann man das verhindern?
Eine Legalisierung muss einhergehen mit einem strikten Werbeverbot – auch für Alkohol und Zigaretten – sowie natürlich mit einer alterskontrollierten Abgabe dieser Substanzen. Außerdem sollten wir das gesamte Geld, welches wir durch das Ende der Prohibition einsparen, in Präventionskampagnen stecken. Read more

30
Jan, 2011

Buchvorstellung “Die Drogenlüge”

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Worum es in meinem jüngsten Buch “Die Drogenlüge” im Allgemeinen  geht erschließt sich mit einem vergrößernden Klick auf die untenstehende wunderbare Grafik von David McCandless – im Besonderen geht es darum, dass in dieser großen, weiten Welt der Drogen einige Substanzen als illegal eingestuft sind und weltweit strafrechtlich verfolgt werden. Vor ziemlich genau 100 Jahren, im Jahr 1909,  brachte eine internationale Opiumkommission das erste Globalisierungsgesetz auf den Weg, das Verbot von Drogen. Ein Jahrhundert später ist dieses Verbot nicht nur sozial- und gesundheitspolitisch gescheitert, sondern unterminiert durch seine Nebenwirkungen die Rechtsordnung und Gesellschaft in vielen Regionen der Welt: Drogengeld ist die Hauptfinanzquelle des internationalen Terrorismus und der organisierten Kriminalität. Die Kosten des Verbots übertreffen bei weitem die gesellschaftlichen Schäden des Drogenkonsums. Nur ein Ende der Prohibition und die konsequente Legalisierung aller Drogen kann diese Spirale von Schwarzgeld, Gewalt und Terror stoppen.

Am kommenden Mittwoch, 2. Februar 2011, stelle ich das Buch im taz-Café vor. Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

8
Nov, 2010

Drogenbekämpfung ist gefährlicher als Drogen.

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Ich weiß nicht, ob Tom Koenigs “Die Drogenlüge” schon gelesen hat, sein lesenswerter Beitrag in der heutigen “Frankfurter Rundschau” jedenfalls kommt genau zum selben Schluß:

“Die Konsequenzen der Drogenbekämpfung sind gefährlicher als die Drogen selbst. Keine andere politische Strategie bringt Kriminellen, Terroristen und korrupten Beamten so viel Ertrag ein wie die Drogenprohibition. Kein anderes politisches Konzept erzeugt so viel Gewalt, Korruption und die Ausbreitung von HIV/Aids, Hepatitis und anderen Krankheiten.Nach Jahrzehnten erfolgloser Drogenpolitik ist radikales Umdenken nötig. Als die Alkohol-Prohibition in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Opfer forderte, Kriminalität und Banden hervorbrachte, die den Rechtsstaat bedrohten, setzten sich einige mutige Politiker für die damals höchst umstrittene Entkriminalisierung von Produktion, Handel und Konsum von Alkohol ein. Die weltweit steigende Zahl der Opfer, die Unregierbarkeit der Narco-Staaten, die Verbindungen zum Terrorismus und die hohen Infektionsraten bei HIV/Aids sollten uns überzeugen, zu Beginn des 21. Jahrhundert mit anderen Drogen ebenso mutig zu sein.”

30
Oct, 2010

Yes on 19 !

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Kommenden Dienstag wird es spannend bei der Volksabstimmung über die Cannabis-Legalisierung in Kalifornien. Dass der Spekulant George Soros eine Million gespendet hat, um in den Tagen vor der Wahl die Ausstrahlung eines TV-Spots zu finanzieren, könnte hilfreich sein. Schon die “Medical Marihuana”-Kampagne wäre 1996 ohne eine kräftige Finanzspritze von Soros, der eine schadensmindernde Drogenpolitik seit jeher unterstützt, nicht erfolgreich gewesen.  Mein Freund und Ko-Autor Jack Herer, der im vergangen April starb, war zwar einer der Initiatoren und wichtigsten Aktivisten der Kampagne, doch gleichzeitig ging sie ihm auch nicht weit genug. Und so war es auch bei der jetzt zur Wahl stehenden “Proposition 19″, gegen die er im September 2009 noch eine Rede gehalten hatte – und danach einen Herzinfarkt erlitt, von dem er sich nicht mehr erholte. Jack war ein radikaler Libertärer, für den in Sachen Hanf, der wichtigsten Pflanze des Planeten, jede staatliche Einmischung, Monopolisierung, Lizenzierung, Besteuerung eine Zumutung darstellte; aber er wußte auch, dass Politik eben immer nur  Kompromisse hervorbringt und kämpfte für den Spatz in der Hand – ohne die Taube auf dem Dach aus dem Auge zu verlieren. Und so wäre er auch in diesen Wahlkampf-Wochen rastlos on the road gewesen um  “Prop.19″ zu kritisieren – und dafür trommeln: “Yes on 19!”

29
Oct, 2010

California Dreaming

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In Kalifornien könnte Cannabis bald legal werden: Das Volk wird am Dienstag darüber abstimmen. Um die Macht der Kartelle zu brechen, muss  das letzte große Tabu der Moderne fallen: die Diskriminierung des Rauschs.

Am 2. November 2010 stimmen die Bürger Kaliforniens über die Legalisierung von Cannabis für alle über 21 Jahren ab. Schon 1996 ließen sie per Volksabstimmung medizinisches Marihuana zu. Noch sind die Befürworter des “Regulate, Control and Tax Cannabis Act of 2010″ Umfragen zufolge knapp in der Minderheit. Doch sollte im Mutterland der Marihuana-Diffamierung die größte aller Drogenlügen zurückgenommen und das “Mörderkraut” Hanf endgültig rehabilitiert werden, hätte das einen Vorbildcharakter.

Nach dem neuen Gesetz könnten Kommunen künftig Lizenzen zum Anbau und zum Betrieb von Verkaufsgeschäften erteilen. Bei einer Steuer von 50 Dollar pro Unze – etwa 1,35 Euro pro Gramm – würden nach Berechnungen der Finanzbehörde etwa 1,4 Milliarden US-Dollar pro Jahr in die Kassen des hoch verschuldeten Bundesstaats fließen: in Zeiten der Finanzkrise ein starkes Argument. Gouverneur Arnold Schwarzenegger eilte Anfang Oktober schon mal voraus und beendete die Kriminalisierung von Kleinstmengen, um so Millionen an Polizei- und Justizkosten zu sparen. Read more

7
Sep, 2010

Die Drogenlüge

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Im Jahr 1909 wurde das erste Globalisierungsgesetz auf den Weg gebracht: die Prohibtion von Drogen.Ein Jahrhundert später ist dieses Verbot nicht nur sozial- und gesundheitspolitisch gescheitert, sondern unterminiert durch seine Nebenwirkungen die Rechtsordnung und Gesellschaft in vielen Regionen der Welt. Das ist das Thema meines nächsten Buchs, das am 15. September erscheint :  “Die Drogenlüge – Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und Ihrer Gesundheit schaden”.
Im Folgenden ein Auszug aus der Einleitung:

Am Anfang war das Drogendelikt. Eva und Adam nahmen von der verbotenen Pflanze und wurden mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft. Theologen mögen einwenden, dass dies eine allzu profane Deutung des Sündenfalls sei, doch wenn wir die Geschichte aus dem Buch Genesis beim Wort nehmen, kann kein Zweifel daran be stehen, dass es sich bei der verbotenen Frucht um eine psychoaktive, bewusstseinsverändernde Pflanze – eine Droge – handelt. Und ebenso klar ist, dass Eva und Adam über ihre Eigenschaften im Dunkeln gelassen wurden: Die Autorität im Garten Eden hatte die Pflanze verboten, weil ihr Genuss angeblich tödlich sei. Mit dieser noblen Lüge – »nobel«, weil Gott per se nur das Beste für seine Ge- schöpfe im Sinn hat, und »Lüge«, weil es sich um Desinformation handelte – steht und fällt die ganze Dramaturgie der Geschichte. Denn was wäre geschehen, wenn Gott die Paradiesbewohner über »Risiken und Nebenwirkungen« des Präparats vom »Baum der Erkenntnis« sachgemäß aufgeklärt hätte? Eines kann man mit Sicherheit sagen: Der Menschheit wäre viel Ärger erspart geblieben. Vielleicht hätten die beiden es erst einmal Read more

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