18
Jan, 2012

80 Jahre Robert Anton Wilson

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“You should see the world as a conspiracy run by  very closely-knit group of nearly omnipotent people – and you should think of these people as yourself and your friends.”  -  ist nicht von ungefähr das Motto von Robert Anton Wilsons Website. Es ist eine wichtige Regel, die deutlich macht, dass es sich bei RAW nicht um einen “Verschwörungstheoretiker” – im Sinne des Unworts des Jahrzehnts zur Beseitigung mißliebiger Meinungen – handelt, sondern wenn überhaupt dann um einen Verschwörungstheoretiker zweiten Grades, der  sich stets darum bemüht, die Landkarte, die er zeichnet, nicht mit der Realität zu verwechseln. Und sich darüber bewußt ist, dass alles, was wir als Realität empfinden,  stets ein Konstrukt des Bewußtseins, des eigenen “Realitätstunnels” ist.

Um dieser Maxime gerecht zu werden, hatte ich meinem Buch “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”  (2002) über die Realität des Vertuschens, Verschweigens und Nichtaufklärens eine Art Landkarte des allgemeinen Verschwörungswesens beigelegt, die eigentlich niemand mit der Realität verwechseln konnte, denn sie war einfach nur komisch und von vorn bis hinten mit meinem Freund Seyfried, der sie gezeichnet hatte, ausgedacht – hier und hier .  Es geschah allerdings doch, wie wir anhand einiger mails erfuhren, denn in diese Konstruktion waren natürlich zahlreiche Realitätspartikel eingebaut – darunter auch SS-Symbole und ein 2 Millimeter großes Hakenkreuz, das der Künstler in einer Israelflagge platziert hatte. Weil Hardcore-Israelisten  auch gern mit der Lupe suchen um zB die weltweite Antisemiten-Verschwörung aufzudecken, führte das sogar zu einer Anzeige und Beschlagnahme durch einen übereifrigen Staatsanwalt. 9/11 indessen interessierte die Staatsanwälte nicht, obwohl das Buch 100 offene Fragen dokumentierte, die in jeder normalen staatsanwaltlichen Untersuchung eines Verbrechens selbstverständlich ermittelt werden müßten. Diese ziemlich harten Fakten der Realität wurden von der Staatsgewalt ignoriert, die schrägen Fiktionen der Kunst dagegen führten zum unmittelbaren Einschreiten.

Für Guerilla-Ontologen der RAW-Schule stellt das allerdings keine große Überraschung dar, denn außer der unbewußten Verwechslung von subjektiver Landkarte und objektiver Realtiät ist die bewußte, gezielte Verschwechslung, Täuschung, Desinformation im politischen Geschäft natürlich an der Tagesordnung: “A monopoly on the means of communication may define a ruling elite more precisely than the celebrated Marxian formula of monopoly in the means of production.”  In der Tat. Und das ist der Grund, warum Bob so große Hoffnungen auf das Web und seine Dezentralität setzte, die jedes Monopol – und damit jede unverrückbare Wahrheit, jedes eherne Dogma, jede “offizielle” Aussage – unterlaufen kann. Solche unverrückbaren Dogmen zu zerschlagen, auch und gerade wenn sie  mit Inbrunst von Kanzeln und Kathedern verkündet werden – das war, wenn man ein Werk von 35 Büchern überhaupt auf einen Nenner bringen kann, die Arbeit und das Vergnügen des Robert Anton Wilson. Nicht ohne freilich als Menschenfreund  aus dieser Dekonstruktion auch eine positive Vision zu bauen – einer Welt, die Wunder und Paranormales zuläßt, und nicht mit dem “irrationalen Rationalismus” einer neuen Inquisition verfolgt; einer Welt die gemäß den Entdeckungen der Quantenphysik mehr Möglichkeiten als nur die beobachtergeschaffenen Wirklichkeiten enthält; einer Welt in der wir wieder mehr “vielleicht” sagen… (Und die  nicht verbietet 100-prozentige Arschlöcher auch so zu nennen, selbst wenn sie nur 90-prozentige sind…)

Vielleicht sollten wir eine solche Welt, zum heutigen 80. Geburtstag von Robert Anton Wilson, ab sofort einfach immer hochleben lassen….

 

17
Jan, 2012

“SM-I²-LE”

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“LSD seems to suspend the imprinted and conditioned brain circuits that normally control perception/emotion/thought, allowing a flood – an ocean – of new information to break through” – meinte Robert Anton Wilson, und das ist eine etwas zurückhaltendere Erläuterung  der LSD-Erfahrung als Timothy Learys vollmundige Aussage:  “Zweifellos ist LSD das mächtigste Aphrodisiakum, das der Mensch je entdeckt hat.” Das ist, wie das meiste was Leary sagte, vielleicht richtig, aber es als Harvard Professor zu sagen, und dann auch noch  in einem Playboy-Interview, hatte Folgen. Der Stoff wurde verboten, und Leary – wegen eines Joints, der bei seiner Tochter gefunden wurde – zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. RAW besuchte ihn dort und war erstaunt über die andauernde Fröhlichkeit mit der sein Freund den Knast ertrug. In dieser Zeit schrieben sie zusammen das Buch “Neuropolitics – The Sociobiology Of Human Metamorphosis”, ein Buch voller optimistischer Vorstellungen und Visionen über eine sich dank technischer Entwicklung und Erweiterung des Bewußtseins entwickelnde Menschheit, inkl. der Gründung von Kolonien im Weltraum und Lebensverlängerung auf der Erde. Tim Leary nannte es das  “SM-I²-LE”-Prinzip(Space Migration, Intelligence Increase, Life Extension), was andeutet, dass es so ganz ernst nicht gemeint war – aber im Großen und Ganzen eben doch. RAWs Tochter Christina erzählt in dem  Interview, das BoingBoing zur Robert Anton Wilson Week mit ihr geführt hat, dass sie sich in ihrer Familie Anfang der 70er durchaus darauf einstellten, die Auswanderung ins All und die Lebensverlängerung noch zu erleben.

Dieser Optimismus, das Zuvertrauen in technische Machbarkeit und die Hoffnung, die (von LSD offenbarten) Potentiale des menschlichen Gehirns ausschöpfen und nutzen zu können, durchzieht das Werk RAWs und Learys, ist in seiner Mischung aus Spiritualität und High Tech auf eine typische Weise kalifornisch und erschien unseren,  mit teutonischer Denkschwere belasteten Köpfen, manchmal ein bißchen naiv. Als ich Tim Leary Mitte der 80er fragte, wieso er jetzt weniger von Bewußtseinserweiterung, sondern nur noch von Netzwerken  und Computern redete, wo doch  “Computer nicht  intelligenter sind als Kartoffeln” antwortete er: “Oh, ich mag Kartoffeln.”  Um von ihnen dann flugs bei den acht Schaltkreisen unserer Gehirne, der “human biocomputers”, zu landen, deren Modell er zusammen mit RAW beschrieben hatte und die deutlich machten, dass wir auch als “höhere” geistige Wesen die Kartoffelhaftigkeit der unteren Amöben,- Säugetier, -Primatenschaltkreise nicht so einfach abschalten können. Dennoch sei es wichtig, das Recht auf einen persönlichen Computer in die Charta der Menschenrechte aufzunehmen. Das war 1984, und wenn wir mehr als ein Vierteljahrhundert später den ausgezeichneten Vortrag des Boing-Boing-Bloggers Cory Doctorow auf der letzten CCC-Konferenz  hören – The Coming War on General Computation – wird deutlich, dass diesen Denken keinesfalls “naiv”war, sondern nur seiner Zeit ziemlich voraus…

15
Jan, 2012

Vielleicht sollten wir öfter vielleicht sagen.

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“Ohne Opium, kein Empire” lautete die bündige Schlußfolgerung  einer Finanzanalyse des britischen Weltreichs im 18. und 19. Jahrhundert von Professor Carl A. Trocki , die für die Imperialmächte des  20. und 21. Jahrhunderts nach wie vor Geltung hat. Soeben wird gemeldet, dass die Opiumernte in Afghanistan 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 61% gestiegen ist, was nicht nur den Sold  für die Warlords und “Freiheitskämpfer” sicherstellt, denen USA und NATO dieses Geschäft gestatten.

“Der Handel mit diesen Drogen”, so Prof. Trocki in “Opium, Empire and the Global Political Economy” (1999), “führt üblicherweise zu einer Form von Monopol, das nicht nur den Drogenverkehr zentralisiert, sondern auch die Strukturen der damit verbundenen sozialen und ökonomischen Bereiche verändert. Die zwei wichtigsten Wirkungen sind die Schaffung eines Massenmarktes und der Zufluß enormer, wirklich beispielloser Geldmengen. Die Existenz eines solchen Monopols führt zur Anhäufung riesiger Reichtümer. Eine solche Anhäufung von Reichtümern durch den fortgesetzten historischen Drogenhandel zählte zu den ersten Grundpfeilern des globalen Kapitalismus….”

…und stellt bis heute einen solchen Grundfeiler dar. Zwar gibt es keine “British East India Company” mehr, die diesen Handel offiziell betreibt,  das Monopol liegt jetzt bei den Geheimdiensten und Militärs, denn nur sie haben die Strukturen um den massenhaften Export zu organisieren. Und nur hier,  an der Schnittstelle Export/Import, werden die “beispiellosen Geldmengen” geschöpft. Und eben deshalb hört der “war on drugs” nicht auf, weil nur das Verbot diese normen Profitmargen erzeugt. In meinem Buch “Die Drogenlüge”  wird u.a. gezeigt, wie so aus Agrarprodukten im Wert von 500 $ an der Börse 2 Millionen $ werden – und die Forderung aufgestellt, Heroin und Kokain  wieder zurück in die Apotheken zu bringen, denn nur so läßt sich der Wahnsinn beenden. Vielleicht.

“Vielleicht” deshalb, weil wir die Robert Anton Wilson Woche feiern, und die vielleicht wichtigste Weisheit des Meisters lautet:

“Maybe if we all said ‘maybe’ more often, the world might be a nicer place.” 

…und weil diese Anweisung auch  für eigentlich völlig klare, rationale Analysen und Forderungen gilt,  selbst für die Logik an sich. “Maybe Logic” heißt deshalb auch die DVD-Dokumentation, die Leben und Werk des Guerilla-Ontologen RAW beispielhaft präsentiert.

14
Jan, 2012

Die Robert Anton Wilson Woche: Lass die Lasagne fliegen!

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“Keep the lasagna flying !” – das war eine Schlußformel, die Robert Anton Wilson in seinen mails gern gebrauchte,  auch als wir 1998/99 wegen  “Everything Under Control” viel korrespondierten, für dessen deutsche Ausgabe (“Das Lexikon der Verschwörungstheorien” ) mein Freund Gerhard Seyfried als Übersetzer und ich als  Herausgeber fungierten. Bob war in  dieser Zeit gerade hart getroffen worden: seine Frau Arlen war nach langer Krankheit gestorben, und bei ihm war das Post-Polio-Syndrom ausgebrochen. Als  wir uns im Herbst 1999 trafen war er schon immer häufiger auf den Rollstuhl angewiesen. Sein abgründiger Humor, seine anarchische Intelligenz und sein diskordischer Optimismus aber waren ungebrochen – auch in den Jahren bis zu seinem Tod 2007.

Zum fünften Jahrestag der Transformation des RAW-Geistse in eine andere Dimension, hat der Boing Boing Blog eine Robert Anton Wilson Woche ausgerufen, mit einigen sehr schönen Beiträgen zu seinem Werk und der Bedeutung, die es für viele hatte. Ich kann mich diesen Verbeugungen vor einem großen Werk und einem wunderbaren Autor und Menschen nur anschließen. Seit den späten 70ern habe ich jedes seiner Bücher gelesen und es gibt wenige Autoren, denen mein Denken und Schreiben so viel schuldet wie RAW. Was ist Realität? Was ist Bewußtsein ? Was ist “Ich”?  Wie gehen wir mit Fakten um, die nicht in unseren “Realitätstunnel” passen ? “Ist Gott eine Droge oder haben wir sie nur falsch verstanden?” … das ist das Kaliber der heftigen Fragen, die Wilson ventiliert bzw. im Leser anregt. Und einen immer wieder an den selben Punkt bringt: dass es unsinnig, irrational, naiv ist, Dogmen, Doktrinen, Wahrheiten zu behaupten. Weil wir dabei die Landkarte, die wir uns mit Worten, Begriffen, Symbolen herstellen,  stets mit dem Gelände, der Realität, verwechseln – und deshalb Dinge für wahr halten, die gar nicht existieren, oder sie in Abrede stellen obwohl sie offensichtlich sind.

Aber nicht nur erkenntnistheoretisch sorgten RAWs Werke stets für frische Luft, sie lieferten auch Inspirationen und über den Tellerrand weisende Einsichten, deren visionäre Präzision einem erst im Nachhinein klar wird:

»Beim derzeitigen Stand werden die Illuminaten das amerikanische Volk innerhalb der nächsten paar Jahre unter eine strengere Aufsicht stellen, als es Hitler mit den Deutschen machte. Und das Schönste daran ist noch, dass die Mehrzahl der Amerikaner durch die von Illuminaten gedeckten Terroranschläge so weit in Angst versetzt sein werden, dass sie darum betteln werden, kontrolliert zu werden, wie der Masochist nach der Peitsche wimmert.«

Die Zustände in der Post-9/11 “Patriot Act”-Ära sind in seinem berühmtesten Roman, der Trilogie  “Illuminatus”  , schon ein Vierteljahrhundert vorab genau beschrieben. Wer also mehr über die Gegenwart und Zukunft erfahren will, als in der Zeitung steht, muß nur die alten RAW-Bücher lesen. Zum Einstieg Der neue Prometheus, Die neue Inquisition und dann mit  Cosmic Trigger und  Schrödingers Katze ins Universum nebenan. Sowie die Interviews, Essays und Perlen, mit denen uns die Robert Anton Wilson Week in den nächsten Tagen hoffentlich noch beglückt. Stay tuned und laßt die Lasagne fliegen…

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