«Vor unseren Augen kreiert sich ein mörderisches System»

Eine konstruierte Vergewaltigung und manipulierte Beweise in Schweden, Druck von Grossbritannien, das Verfahren nicht einzustellen, befangene Richter, Inhaftierung, psychologische Folter – und bald die Auslieferung an die USA mit Aussicht auf 175 Jahre Haft, weil er Kriegsverbrechen aufdeckte:  Das Schweizer Magazin Republik hat mit dem UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, über die brisanten Erkenntnisse seiner Untersuchung im Fall Julian Assange gesprochen:

Nils Melzer, warum befasst sich der Uno-Sonder­berichterstatter für Folter mit Julian Assange?
Das hat mich das Auswärtige Amt in Berlin kürzlich auch gefragt: Ist das wirklich Ihr Kernmandat? Ist Assange ein Folteropfer?

Was haben Sie geantwortet?
Der Fall berührt mein Mandat in dreifacher Hinsicht. Erstens: Der Mann hat Beweise für systematische Folter veröffentlicht. Statt der Folterer wird nun aber er verfolgt. Zweitens wird er selber so misshandelt, dass er heute selbst Symptome von psychologischer Folter aufzeigt. Und drittens soll er ausgeliefert werden an einen Staat, der Menschen wie ihn unter Haft­bedingungen hält, die von Amnesty International als Folter bezeichnet werden. Zusammengefasst: Julian Assange hat Folter aufgedeckt, er wurde selber gefoltert und könnte in den USA zu Tode gefoltert werden. Und so etwas soll nicht in meinen Zuständigkeits­bereich fallen? Zudem ist der Fall von emblematischer Bedeutung, er ist für jeden Bürger in einem demokratischen Staat von Bedeutung.

Warum haben Sie sich denn nicht viel früher mit dem Fall befasst?
Stellen Sie sich einen dunklen Raum vor. Plötzlich richtet einer das Licht auf den Elefanten im Raum, auf Kriegs­verbrecher, auf Korruption. Assange ist der Mann mit dem Schein­werfer. Die Regierungen sind einen Moment lang schockiert. Dann drehen sie mit den Vergewaltigungs­vorwürfen den Lichtkegel um. Ein Klassiker in der Manipulation der öffentlichen Meinung. Der Elefant steht wieder im Dunkeln, hinter dem Spotlight. Stattdessen steht jetzt Assange im Fokus, und wir sprechen darüber, ob er in der Botschaft Rollbrett fährt, ob er seine Katze richtig füttert. Wir wissen plötzlich alle, dass er ein Vergewaltiger ist, ein Hacker, Spion und Narzisst. Und die von ihm enthüllten Missstände und Kriegs­verbrechen verblassen im Dunkeln. So ist es auch mir ergangen. Trotz meiner Berufs­erfahrung, die mich zur Vorsicht mahnen sollte.

Das ganze, äußerst lesenswerte Gespräch hier

6 Comments

  1. In der Tat: die Masken sind nun, sichtbar für jeden, der noch sehen möchte, gefallen und zum Vorschein kommt “ein mörderisches System”. Werte waren vielleicht einmal, dann aber gestern.

    Ein wichtiges Interview, sachkundig, entlarvend und wenig überraschend nicht in der NZZ, SZ, FAZ, ZEIT, TAZ. Das Vermögen manipulieren zu wollen und zu KÖNNEN macht immer noch sprachlos. Es passt in’s Bild, dass die doomsday clock auf die 12 zugeht, und wir müssen davon ausgehen, dass diejenigen Strukturen, Mechanismen und MENSCHEN, die für diese Manipulationen bei Assange verantwortlich sind vor nichts zurückschrecken:

    Fälschung von OPCW Berichten, Skripal, 9/11, usw., und schlussendlich auch den Knopf drücken für einen Krieg gegen Iran, Russland, China.

    In Abwandlung des bekannten Zitats: “Si vis pacem para bellum”: Wenn Du den Frieden willst, gehe davon aus, dass andere tatsächlich den Krieg wollen.

    “There will be blood”

  2. https://multipolar-magazin.de/artikel/der-journalist-als-staatsfeind

    “Auch große Teile der Presse äußern sich distanziert. Die durch WikiLeaks geschaffene Transparenz missfällt vielen.”

    Das kann ich als Journalist bestätigen. Ahnungslosigkeit und Informationskargheit haben über Jahrzehnte dazu beigetragen, dass Zeitung und später Fernsehen als Realitätsvermittler auftreten konnten, ohne dass diese Machtposition überhaupt als solche wahrgenommen wurde. Der Informationsüberfluss von heute dagegen schafft kognitive Dissonanzen überall, es sind ja schließlich keine Märchen, die der Journalismus erzählt – wie können dann aber drei von fünf Quellen widersprüchliche Informationen liefern? Das fällt immer mehr Menschen auf – und die haben durch Blogs und soziale Medien tolle Sprachrohre bekommen, um das auch zu artikulieren.

    In unserer Region vergeht kaum ein Tag, wo den Zeitungen und Onlineportalen auf Facebook nicht unter ihren Artikel-Links kritische Fragen gestellt werden: Wo kommt das Geld für die Großinvestition her? Was macht Unternehmer X mit dem Landrat? Oh, schön, ihr wart bei der Autopräsentation – was interessiert uns das?

    Das alles bekommen die Journalisten natürlich mit und werden so aktiv mit ihrem nuttenhaften Dasein konfrontiert. Was bleibt da noch von vierter Gewalt, von gesellschaftlicher Vermittlungsfunktion und Verantwortung? Diese nur schlecht kaschierten Schuldgefühle der Journalisten sind meiner Meinung nach einer der Gründe, warum die Migrations-, Klima- und Gerechtigkeitsdebatte in Deutschland so begeistert von Journalisten angetrieben, aufgegriffen und weiterentwickelt wurde: So ist man wieder wer, so hat man Verantwortung, Deutungsmacht und die hässlichen Schuldgefühle wegen der ignorierten Korruptionsgeschichte beim mittelständischen Unternehmer-Anzeigenkunden können aufs Patriarchat geschoben werden, als Langzeithoffnung, die keine wirkliche Verbindlichkeit einfordert. Oder aufs CO2.

  3. @medimops…. Und nicht zu vergessen die gesteuerten Antisemitismus Debatten, wie gerade auf den Nachdenkseiten wieder aufgezeigt;
    Der Kampf gegen den Antisemitismus wäre wirksamer und glaubwürdiger, wenn Netanjahu und andere den Antisemitismus nicht anheizen würden —–> https://www.nachdenkseiten.de/?p=58106#more-58106
    Leserbriefe zum Artikel vom 30. Januar über den Kampf gegen Antisemitismus —–> https://www.nachdenkseiten.de/?p=58157
    oder das künstlich Aufgeblasene me too. Dies alles dient nur dem Zweck, den Schein einer unabhängigen “Vierten Gewalt” welche in ihrer Berichterstattung völlig frei und offen ist aufrecht zu erhalten und soll uns von den wichtigen Themen fernhalten. Es ist erschreckend wenn man in die Maistreammedien schaut. Da bekommen Personen, wie dieser durchgeknallte Amiclown mit Namen Juan Guaido, welcher sich mit unlauteren Mitteln in Venezuela an die Macht putschen will oder ein westlich gesteuerter Clown Namens Joshua Wong, welcher Hongkong von China losreißen möchte, mehr Presse als ein Julien Assange, welcher dem Wertewesten seine “Werte” vorgehalten hat. So sieht es aus, wenn eine Medienlandschaft “frei und unabhängig” berichten kann.

  4. Nachtrag! Das unsere Leitmedien sich in einer “Echokammer” befinden, ist mir und sollte auch anderen klar sein. Wie realitätsfern manche Journalisten darin geworden sind, zeigt der von Tobias Riegel verfasste Beitrag in den Nachdenkseiten.
    Die ARD zwischen „russischen Privatpartys“ und Phrasen von „der Wahrheit“ —–> https://www.nachdenkseiten.de/?p=58031#more-58031

  5. “Dies alles dient nur dem Zweck, den Schein einer unabhängigen “Vierten Gewalt” welche in ihrer Berichterstattung völlig frei und offen ist aufrecht zu erhalten und soll uns von den wichtigen Themen fernhalten. ”

    Nein, da gibt es keine höheren Mächte, die das bestimmen – nur jede Menge Journalisten, die plötzlich konstruktiven Journalismus probieren, was zusammen mit dem Nutzwertjournalismus als Heilsversprechen zum Aufpeppen der Auflage daherkommt. Die radikale Wende im Auftritt vieler Medien zeigt nur, dass es keine Oldschool-Markenidentität mehr gibt, der man angesichts der IVW-Talfahrten vertrauen würde. Jetzt versucht man alles, hängt sein Fähnchen nach jedem Wind, der da säuselt, hilft mit schmutziger Soziologie nach, um relevant zu bleiben – genau wie die etablierten Religionen, die sich im Erlebnisgesellschafts-Paradigma behaupten müssen.

    Form follows function.

  6. Der UN Sonderbeauftragte zeigt deutlich auf, wie antidemokratisch in der westlichen “Wertegemeinschaft” die Exekutive bereits die Judikative und Legislative dominiert, selbst jedoch wiederum von der globalen Finanzelite gekapert worden ist. Die vierte Gewalt, erlegen schon im letzten Jahrhundert, erhob noch einmal ihr Haupt mit der digitalen Revolution und dieses soll nun mit dem Fall Assange endgültig abgeschlagen werden. Man kann wohl ungescholten sagen, dass die überwiegende Mehrheit der westlichen Journalisten entweder aus geistigen oder finanziellen Gründen berufsunfähig ist. Das ist jedoch kein hinreichender Grund für Selbstmord. Es gibt ja noch Hartz IV und Bewusstseinserweiterung, auch wenn sie mit ihrem Suizid bei weitem nicht alleine wären. Hoffnung gibt, dass Männer wie Melzer bei den VN solche Positionen noch innehaben können, oder könnte das vielleicht ein emanzipatorisches Signal der “Friedensvertragsblockierer” an den Hegemon sein? Wohl kaum, dafür steht zu viel auf dem Spiel für die UN, sie müssten dann nämlich auch die zahlreichen Leichen im eigenen Keller entsorgen und zwar mit derselben Rechtschaffenheit wie ihr Folterspezialist im Fall Assange.

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