Neue Bücher über Drogen

„LSD – das sind doch die Drogen mit denen Leute aus dem Fenster springen weil sie glauben sie könnten fliegen“ – meine schon sehr betagte Mutter war leicht entsetzt, als ich ihr 2005 erzählte, dass ich an einem Buch über dieses Teufelszeug schreibe. Und meine Antwort – „Mit Alkohol passieren an jedem Wochenende mehr schwere Unfälle als mit LSD seit über 60 Jahren“ – konnte sie nicht wirklich beruhigen. Das geschah erst als ich sagte, dass ich dafür mit dem Entdecker des LSD, Albert Hofmann, zusammenarbeite, der bald 100 Jahre alt würde und das Gegenteil von verrückt sei nämlich geistig topfit. Obwohl er oft LSD genommen hat. Oder: weil? Auf diese Frage könnten einige kommen, die das Buch von Michael Pollan „Verändere dein Bewusstsein“ gelesen haben. Denn es ist dies das erste Buch über psychedelische Substanzen, das in einem großen Verlag erscheint und in den USA von vielen Medien sehr gelobt wurde, das NCHT die moralische Panik und Horrorpropaganda reproduziert, mit der Ende der 60er Jahre das internationale Verbot von LSD und Psilocybin durchgesetzt wurde. Für frenetische Drogenkrieger freilich muss schon der Versuch, sachlich und objektiv zu berichten, als gefährliche Verharmlosung und Tabu-Bruch gelten. Denn Michael Pollan, der als Journalismus Dozent in Berkeley arbeitet, hat das getan hat, was ein guter Sachbuch-Autor zu tun hat, wenn er ein solches Thema recherchiert und nicht wie ein Blinder von der Farbe reden will: er hat sich der Wirkung dieser Substanzen ausgesetzt. Und das Ergebnis ist nicht der blanke Horror, sondern ein staunendes „Wow!“

So beginnt meine Besprechung des Buchs von Michael Pollan („Verändere Dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression und Transzendenz lehrt“. Kunstmann Verlag, 496 Seiten. 26 €), das ich in “Gutenbergs Welt” auf WDR3 kurz vorgestellt habe. Als Podcast kann man die gesamte, sehr interessante Sendung hier anhören, mein Beitrag beginnt dann ab Min. 20.

Ein “völkisch nationaler Öko-Faschist”

Als  “ethno nationalist eco-fascist”,  also: “völkisch nationaler Öko-Faschist” bezeichnet sich der 28-jährige Australier Brenton Tarrant, der in zwei Moscheen in Christchurch/Neusseland 100 Menschen niedergeschossen und 50 von ihnen getötet hat. “Es ist die Geburtenrate! Es ist die Geburtenrate! Es ist die Geburtenrate! Wenn ihr euch eine Sache in dieser Schrift merken müsst, dann dass sich die Geburtenrate ändern muss.” So heißt es in der Einführung des Manifests, das er zehn Minuten vor der Tat unter dem Titel “Der große Austausch” ins Netz gestellt hat. Ich verzichte darauf, ein Link zu diesem Schriftstück zu legen, ebenso wie auf das Video des Massakers, das er mit seiner Helmkamera aufgenommen und auf Facebook live gestreamt hatte. Die neuseeländischen Behörden haben Besitz und Verbreitung des Videos mittlerweile unter Strafe gestellt – was die rechtsradikalen Fanboys des Massenmörders im Netz als Bestätigung sehen, dass es sich bei  dem Ganzen um einen Fake handelt, um schärfere Waffenkontrollgesetze durchzusetzen. Der rechte Radiomoderator Rush Limbaugh erklärt den Täter gar zu einem “Linken”, der weder konservativ noch christlich sei und mit einer “False Flag”-Operation seine politischen Feinde beschuldigen wollte.

Die Lektüre des 70-seitigen Manifests macht unterdessen die Motive und die Haltung Tarrants sehr deutlich: er will die weiße Rasse vor dem Untergang retten und sieht in der Beseitigung von “Eindringlingen” dazu eine geeignetes Mittel. Er behauptet, keiner Partei oder Gruppierung anzugehören und bezeichnet sich als “Partisan”, der  allein für seine Überzeugungen zur Tat schreitet, die eine Aktion gegen eine “Besatzungsmacht” sei. Er sei ein einfacher weißer Mann der Arbeiterklasse, mit europäischen Wurzeln und auf seinen Reisen in Europa, bei denen er überall “Eindringlinge” wahrnahm, sei der Entschluss gereift, etwas gegen den “weißen Genozid” zu unternehmen, gegen Immigration, gegen anti-ethnische, anti-kulturelle Unterwanderung. In dem im Frage/Antwort-Stil gehaltenen Manifest wird auf die Frage, ob die Motive “islamophob” seien, geantwortet: “Islamische Nationen haben besonders hohe Geburtsraten, unabhängig von Rassen und Völkern, und das war das anti-islamische Motive der Anschläge, sowie ein Wunsch nach Rache am Islam für 1300 Jahre Krieg und Verwüstung, den er dem Westen gebracht hat.”

Auf seinen Waffen sind Namen und Symbole von Kämpfern gegen das Osmanische Reich notiert, wie auch von aktuellen Attentätern und rassistischen Organisationen.  Bei seiner Vorführung am Gericht zeigte der die “OKKK”-Geste – einen Kreis mit drei gespreizten Fingern, der “Okay KuKluxKlan” bedeutet. In seinem Manifest schreibt er, dass er bei seiner Festnahme nicht auf Polizei und Ordnungshüter schießen werde, da er diese respektiere – sofern es sich bei ihnen nicht um “Eindringlinge” handelt – und sich auch nicht selbst umbringen würde, weil er nur lebend seine Ideale weiter verbreiten kann. Er geht davon aus,  27 Jahre im Gefängnis zu sein – “wie der Terrorist Nelson Mandela” – und dann frei zu kommen, weil seine Leute zum Sieg und an die Macht gekommen sind.

In vielerlei Hinsicht fühlt man sich an den Terroranschlag des Anders Breivik erinnert, der 2011 ein Massaker in einem sozialdemokratischen Jugendlager anrichtete und auf den sich Tarrant in seinem Manifest beruft. Auch Breivik hatte seine Motive in einem umfangreichen Skritp dargelegt, aus dem hevorging, dass es er kein bildungsferner, mit ein paar Koransuren aufgehetzter Attentäter war, der sich auf Jungfrauen im Jenseits freut, sondern ein analysierender Kopf, der sich die Rettung Europas auf die Tempelritter-Fahne geschrieben hat. Kein dumpfer, rassistischer Nazi in Knobelbechern und Glatze, sondern ein militanter Hardcore-Zionist, auf dessen Abschussliste liberale Juden ebenso standen wie “Kulturmarxisten” und “Multikulturalisten” jeder Couleur. Mit denen will auch Tarrant keinesfalls etwas zu tun haben: “Ich will euch nicht an meiner Seite, sondern euren Nacken unter meinem Stiefel”, schreibt er.

Wie der Terrorist Breivik, der sich unter anderen auf den hierzulande als “Freigeist” hofierten Hassprediger Henryk M. Broder berief, bastelte auch Tarrant sein Manifest aus Thesen rechtspopulistischer, islamophober Literatur und Blogs zusammen und zimmerte daraus eine Art  “Protokolle der Weisen von Mekka” , eine geburtenstarke Weltverschwörung, deren Ausbreitung nur mit Gewalt gestoppt werden kann. Deshalb ruft er auch dazu auf, gegen  “hochrangige Feinde” vorzugehen, Zitat:  “Merkel, die Mutter aller anti-weissen, anti-germanischen Dinge, ist ganz oben auf der Liste!”

Das klingt in vielen völkischen und identitären Ohren hierzulande sicher wie Musik  – kommt nur leider von der falschen Seite, nämlich von einem Terroristen.  “Der Islamhass , der die rechte Front von dumpfen Neonazis bis zu geföhnten Neokons, von fundamentalistischen Christen bis zu militanten Israelisten als ideologischer Kitt zusammenhielt, ist für’s erste desavouiert”, schrieb ich 2011 nach dem Breivik-Attentat. Das war wohl zu optimistisch – was nicht wundert, da die brandstiftenden Biedermänner mit ihren  Phrasen von “Umvolkung”, von “islamischen Horden” und  “Untergang des Abendlands” ja weiter am Werke sind. Und sich auch dieses Mal wieder in Unschuld die Hände waschen, wenn ihre paranoide Ideologie zur Gebrauchsanleitung für Terroristen wird.

Es können nicht Ängste vor wirklichen “Eindringlingen” sein, die zu solchen Aggressionen führt, nicht in einem dünnbesiedelten Kontinent wie Australien, nicht in einem prosperienden Land wie Norwegen und auch nicht in Deutschland, wo der Hass auf Fremde vor allem in solchen Regionen blüht wo kaum welche leben. Es sind viel mehr die nationalistischen und rassistischen Ideologien, die von älteren Herren im Tweed-Jacket als Heilmittel verkündet und von jungen Menschen angenommen werden – wie Schopenhauer schon vor 200 Jahre wußte:  “Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.” Und wie Heinrich Heine im “Wintermärchen” reimte: “Fatal ist mir das Lumpenpack/ das, um die Herzen zu rühren/ den Patriotismus trägt zur Schau/ mit allen seinen Geschwüren.”
Diese Geschwüre bestehen nicht in der Liebe zum Eigenen –  denn gegen einen solchen  Patriotismus ist überhaupt nichts einzuwenden –  sondern in einem  Hass auf Andere, der Heimatliebe und Nationalstolz als Deckmantel für Ressentiments und Herabwürdigung dieser Anderen benutzt. Und wie im Falle des national-völkischen Öko-Faschisten Brenton Tarrant als Begründung für die kaltblütige Hinrichtung betender Väter und Kinder…

Auch als Podcast auf KenFM

Pionier im Weltraum der Seele: Ralph Metzner R.I.P

Als ich gestern abend nach Hause kam und den Computer einschaltete fand ich die traurige Nachricht, die mein kalifornischer Freund Robert Forte eine Minute zuvor gepostet hatte:

“Ralph Metzner, friend, teacher, inspiration, for decades, has left his body, this time, for good, or so it seems. Am a little shocked to learn this a moment ago. I just pulled into a car wash, in my car was Ralph and Cathy’s Christmas card, which i just read one more time before recycling and hearing this sad news. Ralph was my guide on innumerable journeys during the early years of my inquiry into psychedelics. I loved him like a big brother. I commend and honor him for so many reasons, and I trust he’s well prepared for yet another journey he has just begun…”

Auch für mich war Ralph Metzner ein Freund, ein Lehrer, ein Anreger und vertrauensvoller Führer auf  Reisen in den inneren Weltraum. Und wie Robert bin ich sicher, dass wenn jemand für die letzte große Reise gut vorbereitet ist, dann ein Forscher, ein Schamane, ein Weiser wie Ralph einer war. Er war nach der Promotion in klinischer Psychologie in  Harvard der wissenschaftliche Assistent von Timothy Leary und Richard Alpert, schrieb mit ihnen zusammen 1963 den ersten psychedelischen Reisefüher (” The Psychedelic Experience: A Manual Based on The Tibetan Book of the Dead“), für den  – wie das bei “Hilfs-Wissenschaftlern” berühmter Professoren  oft so ist – die wesentliche Schreibarbeit bei ihm lag. Das bahnbrechende Werk legte dann auch den Grundstein für seine mehr als 50 Jahre währenden Erforschungen der Welten des Bewussteins, des Geists und der Geister, der Anthropologie, Pharmakologie und Phänomenologie erweiterter Bewussteinszustände. Zu diesen Themen veröffentlichte er mehr als 100 wissenschaftliche Papiere und zahlreiche Bücher und lehrte über 30 Jahre als Professor am California Institute of Integral Studies in San Francisco.

Mir war es dann eine große Freude, zum “HiWi” des großen Ralph Metzner zu werden und z
wei seiner Essaybände aus der Reihe Ökologie des Bewusstseins die im Nachtschatten-Verlag erschienen ist – “Die Erweiterung des Bewusstseins: Alchemistische Transformation des Individuums und der Gesellschaft” (2008), “Die Wurzeln von Krieg und Herrschaft” (2009) – ins Deutsche zu übersetzen. Diese Zusammenarbeit war auch deshalb so schön, weil Ralph sehr gut Deutsch sprach, denn es war seiner “Vatersprache”. Er wurde 1936 in Berlin, wo sein Vater ein Papierunternehmen betrieb, geboren und übersiedelte während des 2. Weltkriegs mit seiner britisch-stämmigen Mutter nach England. In Oxford begann er  sein Studium und ging 1960 zur Promotion dann an die Harvard Universität in Boston. An seiner alten deutschen Heimat blieb er aber immer sehr interessiert und schrieb mit “Der Brunnen der Erinnerung” auch ein wunderbares Buch über die wegen der Kontaminierung durch die Nazis verloren gegangenen germanischen Götter und Mythen. (Weshalb wir heute zwar an jeder Ecke Buddhas und Shivas sehen, aber die wunderbaren Geschichten von Odin, Thor oder Loki  als irgendwie “rechts” gelten.).
Zuletzt auf deutsch erschienen  ist Anfang 2018 der Erinnerungsband, den er zusammen mit Ram Dass (Richard Alpert) verfasst hat: “Geburt einer Psychedelischen Kultur – Gespräche über Leary, die Harvard-Experimente, Millbrook und die 60er Jahre“.  Als Ralph fragte, ob ich einen Prolog zu diesem Buch schreiben könnte – über die historische Vorgeschichte dieser Experimente in Deutschland und der Schweiz – sagte ich natürlich  zu. Hier ein PDF des Skripts, an dessen Ende es heißt:

“Als Tim Leary Mitte der 1980er Jahre zu einem Vortrag für zwei Tage nach Berlin gekommen war, machten wir eine Stadtrundfahrt, bei der wir auch auf die Aussichtsplattform am Potsdamer Platz stiegen um über die Mauer in den Ostteil der damals nach geteilten Stadt zu schauen. Wir sprachen über den sehr bürokratischen, irgendwie preußischen Sozialismus der DDR und als wir wieder ins Auto stiegen meinte Leary: „But Germany is also the fatherland of Rausch.“ Schließlich seien Morphin, Heroin, Kokain, Amphetamin und nur wenige Meter hinter der Grenze auch LSD hier entdeckt worden. So hatte ich Deutschland noch nie gesehen, aber es stimmte natürlich. Zumindest was die pharmakologische Entdeckungen betraf, war der deutschsprachige Raum tatsächlich die Geburtsstätte all dieser Substanzen und ohne Albert Hofmanns Isolierung der Alkaloide des Mutterkorns (LSD) und der heiligen Pilze (Psilocybin) hätte die Geburt der psychedelischen Kultur in Amerika nicht stattfinden können, von der Ram Dass und Ralph Metzner in diesem Buch erzählen. Dass aber eine weit über die pharmakologische Entdeckung hinaus gehende Kultur entstand, die bis tief in die Bereiche des Sozialen, Ästhetischen und Spirituellen wirkte und bis heute wirksam ist, dies verdankt sich vor allem diesen Pionieren und ihren Mitstreitern. Wie bedeutend ihre Arbeit war, die nach kurzem Aufblühen in Harvard in den Untergrund gedrängt wurde, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass 50 Jahre später die Psychedelika als einzigartiges Therapeutikum in vielen wissenschaftlichen Institutionen wiederentdeckt werden. Weil Tim Leary, Ram Dass und Ralph Metzner ihrer Zeit weit voraus waren, ist ihr historischer Report deshalb noch immer von höchster Aktualität.”

Das gilt auch für das gesamte Lebenswerk Ralph Metzners, der als Pionier im Weltraum der Seele Bereiche erkundet hat, deren wissenschaftliche Kartographierung und Erforschung  auch nach über 50 Jahren noch immer in den Anfängen steckt. Die Grundlagen dafür geschaffen zu haben ist das Verdienst dieses großen Forschers und wunderbaren Menschen. “Wer als Naturwissenschaftler kein Mystiker wird, ist kein richtiger Naturwissenschaftler” hat Albert Hofmann einmal gesagt und ganz entsprechend hat sich Ralph Metzner den Bereichen der Mystik zugewandt – ohne darin zu versinken und seine Profession als Wissenschaftler aufzugeben. Weil niemand in unserer Zeit den “Lebenszyklus der Menschenseele” länger und intensiver erforscht hat als eben Ralph Metzner müssen wir uns um seine Navigationsfähigkeiten nicht sorgen – die Bereiche, die die Seele nach dem Verlassen des Körpers betritt, waren für ihn alles andere als Neuland. Sorgen müssen wir uns nur, wie wir ohne einen solchen Freund und Wegweiser hienieden weiter zurecht kommen. Gute Reise, lieber Ralph!

PS: Hier noch einige Videos und Vorträge von Ralph Metzner:

Death (2010, 3 min)

Albert Hofmann, LSD und die Suche nach dem alchemistischen Stein der Weisen (2006, 60 min, deutsch)

Expansion of consciousness of the individual and Society (2011, 37 min.)

Für Putinversteher gibt’s kein Recht auf Gegendarstellung

Das Schweizer Online-Magazin “Watson” hat uns in einer Rezension Aussagen unterschoben, die nicht im Buch stehen und die wir auch ansonsten nicht getätigt haben. Die Veröffentlichung einer Gegendarstellung aber wurde verweigert. Paul Schreyer hat darauf in unserem Namen eine Replik geschrieben:  

In einer aktuellen Rezension von „Wir sind immer die Guten“ werden Mathias Bröckers und mir Aussagen unterstellt, die wir nicht getätigt haben – um uns auf dieser Grundlage um so heftiger kritisieren zu können. Eine Gegendarstellung wird verweigert.

Grundlage der Rezension des Nachrichtenportals Watson – mit 80 Millionen Klicks pro Monat eines der meistgelesenen Schweizer Online-Magazine – ist das seltsame Missverständnis, wir, die Buchautoren, seien so etwas ähnliches wie halboffizielle Sprecher des Kremls, die Putins Sicht auf die Welt als „die bessere“ verteidigten. Man nimmt den Titel „Wir sind die Guten“ also wörtlich und tut so, als bezögen die Autoren dieses Motto auf sich selbst – was man dann als „kindisch“ kritisiert.

Der Rezensent Philipp Löpfe spricht mehrfach von „den Putinverstehern“, einer vermeintlich homogenen politischen Gruppe, als deren Sprachrohr er uns ausmacht. Nun geht aus unserem Buch eigentlich klar hervor, dass wir mitnichten Parteigänger Putins sind, sondern schlicht und einfach versuchen, die Spielregeln der aktuellen Geopolitik – und zwar sowohl im Westen als auch in Russland – sachlich und transparent zu beleuchten. Schon diese Differenzierung scheint aber manchem Journalisten zu viel, vielleicht, weil sie das eigene Feindbild vom „bösen Putinversteher“ nachhaltig zu unterminieren droht.

Die Rezension baut dabei nicht allein auf dieser „Fehlinterpretation“ auf, sondern unterstellt uns mehrfach und an entscheidenden Stellen Aussagen, die wir nie gemacht haben. So heißt es, wir würden ohne jeden Beleg behaupten, die CIA, Brzezinski und Soros hätten den Putsch in der Ukraine eingefädelt. Richtig ist, dass wir deren Rolle im Land zwar intensiv beleuchten, und das auch mit zahlreichen Quellen belegen, eine direkte operative Verantwortung für den Staatsstreich aber nicht unterstellen – ganz einfach weil wir generell nichts behaupten, was wir nicht klar belegen können. Das ficht den Rezensenten jedoch nicht an, der weiter schreibt:

„Da erstaunt es nicht, dass für Bröckers und Schreyer der Abschuss des malaysischen Passagierjets MH17 – entgegen allen offiziellen Erkenntnissen – den ukrainischen Streitkräften in die Schuhe geschoben wird.“

Einmal abgesehen von der holprigen Sprache ist auch das eine Falschbehauptung. Nirgendwo im Buch schreiben wir, die Ukrainer seien für den Abschuss verantwortlich. Wir erläutern lediglich, weshalb der Fall MH17 bislang nicht abschließend geklärt ist und dass die Beweise für das gängige „Russland war´s“ bei gründlicher Prüfung eher fragwürdig erscheinen. Doch wiederum gilt: Soviel Differenzierung ist nicht drin. Wer eine Schuld Moskaus hinterfragt, der muss ein Parteigänger Putins sein. Anderes ist schlicht nicht vorstellbar. In dieses Raster passt auch folgende Unterstellung des Rezensenten:

„Zudem soll der russische Geheimdienst nichts, aber auch gar nichts, mit dem Attentat auf den ehemaligen Spion Sergei Skripal und dessen Tochter Julia zu tun gehabt haben.“

Wiederum: eine Falschbehauptung. Im Buch lassen wir bewusst offen, wer für den Anschlag verantwortlich ist, und erläutern mehrere Möglichkeiten, weisen insbesondere aber darauf hin, dass auch dieser Fall bislang ungeklärt ist.

Nun ist es eine beliebte Rhetorik-Methode, dem Gegenüber falsche Aussagen zu unterstellen, die sich dann um so schwungvoller kritisieren lassen. Doch geschieht so etwas in der Presse, dann muss sich das zumindest niemand gefallen lassen. Zeitungen und journalistische Onlineportale sind bei Falschbehauptungen auf Aufforderung zur Veröffentlichung einer Gegendarstellung verpflichtet.

Unsere Aufforderung an die Redaktion, eine solche Gegendarstellung zu veröffentlichen, zog nun eine aufschlussreiche Diskussion mit dem Chefredakteur des Portals, Maurice Thiriet, nach sich. Der Fall sei „knifflig“, so der der Watson-Chef in einer ersten Reaktion. Seiner Ansicht nach ist alles eine Frage der Interpretation:

„Dies deshalb, weil in Gegendarstellungen gemäss Rechten und Pflichten der Schweizer Journalistinnen und Journalisten nur falsche Tatsachendarstellungen richtig gestellt werden können. Ein Buch, beziehungsweise dessen Inhalt, ist jedoch keine reine Tatsache, sondern von Vornherein auch ein Interpretationsgegenstand für den Rezipienten. Ich würde deshalb von einer Gegendarstellung absehen mit der Begründung, dass die Interpretation eines Buchinhalts immer im Gesamtkontext des Werkes gesehen werden muss und deshalb eine den Autoren allenfalls missfallende oder nicht beabsichtigte Interpretation von Teilen des Inhaltes nicht als falsche Tatsachendarstellung gelten kann.“

Darauf erwiderten wir, dass es natürlich stimme, dass auf Tatsachen beruhende Interpretationen nicht gegendarstellungsfähig sind, der Fall hier allerdings anders liege:

„Die von uns bemängelten Aussagen des Rezensenten sind keine auf Tatsachen beruhenden Interpretationen, sondern gründen auf nachweislich falschen Unterstellungen. Konkret: Wir haben in unserem Buch eben NICHT behauptet, die Ukrainer seien für den Abschuss von MH17 verantwortlich. Herr Löpfe sagt an dieser Stelle die Unwahrheit. Und das ist keine irgendwie legitime Interpretation, sondern eine schlichte Falschdarstellung.“

Wir erinnerten daran, dass laut Impressum des Portals „die Journalistinnen und Journalisten von watson dem Ethik-Kodex des Schweizerischen Presserates verpflichtet“ seien. Darin aber heißt es klar:

„Keine Entstellung von Texten (…) und Meinungen – Kritisieren ja, aber aufgrund von Tatsachen“

In seiner Replik ging der Chefredakteur auf diese Argumente nicht weiter ein, sondern wechselte nun die Strategie und wurde politisch:

„Ich habe Ihr Buch leider nicht gelesen und ich werde zeitnah auch keine Zeit finden, mich vertieft mit ihrem Werk zu befassen. Ich möchte aber grundsätzlich davon absehen, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, in der suggeriert wird, dass irgendein anderer Akteur als Russland für den Tod von 298 Menschen verantwortlich ist. Das ist absurd.“

An dieser Stelle erscheint die Krise der Leitmedien wie in einer Nussschale komprimiert: Medienmacher wähnen sich im Besitz der Wahrheit, argumentieren politisch-moralisch und missachten journalistische Standards, weil es ja „gegen die Bösen“ geht. Eben davon handelt unser Buch.

Wie aus Fakten “Narrative” werden – und umgekehrt.

Anhand des Falles Skripal/Nowitschok haben wir in der Neuausgabe von “Wir sind immer die Guten” aufgezeigt, wie eine unbewiesene Verschwörungstheorie – und nichts anderes ist die These, dass russische Agenten diesen Anschlag verübten – zu einem machtvollen Werkzeug der Realpolitik wird. Was in diesem Fall zu der größten Ausweisungsaktion von Diplomaten seit dem 2. Weltkrieg führte. Auf den  PowerPoint-Folien, mit denen das britische Außenministerium seine europäischen Amtskollegen dazu brachte, reihenweise russische Diplomaten auszuweisen,  werden tatsächliche Beweise werden gar keine vorgebracht – außer, dass das Gift in der Sowjetunion entwickelt wurde. Den Hinweis darauf, dass die Formeln seit Jahrzehnten allgemein bekannt sind und auch andere so ein Gift herstellen können, legten die Briten ihren EU-Kollegen aber nicht vor. Stattdessen folgte eine Litanei von Behauptungen über “russische Aggression” der Vergangenheit, inklusive dem Russiagate-Märchen der “Beeinflussung der US-Wahlen”.  So wurden aus Vermutungen und Verdächtigungen Tatsachen gemacht, aus Gerüchten und Narrativen realpolitisch wirksame Fakten. Funktionieren konnte dieser Trick nur, weil die Großmedien die Fake-Fakten der britischen Regierung  – von Angela Merkel als  “fundierte Analysen” bezeichnet – ohne jede weitere Prüfung übernahmen. Was freilich auch nötig war, denn schon eine oberflächlicher Check mit gesundem Menschenverstand hätte ergeben müssen, dass es sich hier weniger um fundierte Beweise, sondern um vage Verdächtigungen handelt. Aber das passte nicht in das gewünschte Narrativ unter der Parole “Vereint gegen Russland” (“tagesschau”)…

Was aber tun mit realen Fakten, die nicht in diese Story passen ? Auch wenn man sie aus dem Menu der McMedien-Outlets heraushalten kann, verschwinden sie ja nicht einfach und tauchen in allen sozialen Ecken und Blogs weiter auf. Für dieses Problem hat jetzt die Londoner Universität King’s College in einer großen Studie eine Lösung vorgeschlagen: wir nehmen diese realen Fakten und deuten sie in “desinformierende Narrative” um, die von Russland in unsere “porösen” Medien  “inijiziert” wurden. Worum es sich dabei handelt, wird im Anhang der Studie aufgelistet:

  • Großbritannien hat Russland überstürzt beschuldigt, ohne Fakten vorzulegen
  • keine Beweise für Russlands Schuld
  • einseitige westliche Medien befeuern die Spannungen
  • britische Reaktionen sind illegal bzw. nicht ordentlichem Verfahren entsprechend
  • britische Verwendung des Wortes “wahrscheinlich” bedeutet: kein Beweis
  • Großbritannien hindert russische Behörden illegal daran, eigene Staatsbürger zu sehen
  • Ausweisung der Diplomaten durch die USA verstößt gegen internationales Recht
  • USA wollen Gelegenheit nutzen, um europäischen Gasmarkt zu übernehmen
  • Großbritannien hat kein Interesse daran, Spannungen mit Russland abzubauen
  • Russland verlangt Zugang zu Julia Skripal, den Großbritannien verweigert
  • Großbritannien versteckt die Skripals
  • Russland hat kein Motiv für die Vergiftung
  • das verwendete Nowitschok könnte aus einem westlichen Land stammen
  • Großbritannien führt einen Propagandakrieg
  • Großbritannien nutzt die Skripal-Vergiftung, um die Aufmerksamkeit von innenpolitischen Problemen abzulenken

Bei  den meisten Ereignissen auf dieser Liste handelt es sich um Fakten, die kein Beobachter mit einem IQ über Zimmertemperatur ernsthaft bestreiten kann. Doch laut den Experten der Elite-Universität  “King’s College” handelt es sich dabei komplett um Falschmeldungen, die von russischen Medien heimlich eingeschleust werden, um  Verwirrung in unseren Köpfen zu stiften: “Es handelt sich um Tatsachen, die der offiziellen westlichen Seite unangenehm sind, und gegen die man nur wenige oder gar keine Argumente vorbringen kann, da es sich eben großteils um offensichtliche und für jeden erkennbare Wahrheiten handelt. Wer nun solche Wahrheiten zu “Narrativen” erklärt und mit Spekulationen gleichsetzt, dessen Denkvermögen scheint ernsthaft getrübt,”  schreibt Kollege Paul Schreyer in seinem Artikel dazu.  Dass sich auch der “ARD Faktenfinder” dieser Einschätzung anschließt  – Parole: Warum noch recherchieren wenn man passende “Fakten”  zusammenstellen und die unpassenden einfach ausblenden kann – wundert nicht. Was aber immer wieder wundert ist, für wie unsagbar dämlich und hirngewaschen Wissenschaft und Medien ihr Publikum halten müssen, dem sie ernsthaft derartigen Schwachsinn verkaufen.