Wer kommt nach Alex?

Der Texaner Alex Jones ist ein “firebrand”,  ein politischer Hitzkopf und Zündler, ein konservativer Scharfmacher und Aufwiegler. Mit seiner Radio Show und der Website infowars.com erreicht er ein Millionenpublikum und gilt für den liberalen Mainstream als führender “Verschwörungstheoretiker” der USA. Er bezweifelt die offizielle 9/11-Legende, hält das Massaker an der “Sandy Hook”-Schule für eine Insenierung und unterstellte Hillary Clinton, mit pädophilen und satanischen Kreisen verbunden zu sein. Nicht erst seit Jones im Wahlkampf Donald Trump im Studio hatte  und dieser sein Programm lobte, pries Jones den Kandidaten als Retter der Nation, der angetreten sei, den “Sumpf” des elitären Washington endlich auszutrocknen. In seinen bisweilen stundenlangen Sendungen rastet Jones regelmäßig aus und schreit und brüllt seinen “Feinden” (Eliten, Globalisten, Neocons, Liberalen, Konzernmedien,  Kommunisten, Migranten, Muslimen, Chinesen usw.) wüste Drohungen über den Äther.

Das erinnert bisweilen an die durchgeknallten TV-Prediger Amerikas, und auch wenn Jones statt mit der Bibel mit aktuellen Zeitungsartikeln fuchtelt, um sie als Fake-News und Teufelswerk zu verdammen, dankt er am Ende seiner Tiraden gern dem lieben Gott, lobt den Allmächtigen für die Größe Amerikas und beschwört den Sturm der wahren Patrioten, die das Böse alsbald hinwegfegen werden. Und fordert  seine Schäfchen sicherheitshalber auf, sich bis dahin im Onlineshop mit Vitaminen und anderem Überlebenswichtigen einzudecken.

Soweit, so typisch für die USA, wo es an charismatischen Predigern – ob für das allgemeine Seelenheil oder den hinterletzten Konsumartikel – noch nie gefehlt hat und jede Art von grobem Unfug durch die Meinungs,-und Religionsfreiheit gedeckt sind. Jetzt aber haben Facebook, Youtube, Apple und Spotify in konzertierter Aktion Alex Jones Videos und Podcasts auf ihren Seiten gesperrt und den ohnehin stets auf Hochtemperatur agierenden Dampfplauderer erst richtig in Rage gebracht.

Die Konzerne begründen die Verbannung mit Hinweisen auf die Regeln ihrer Plattformen, gegen die Jones verstossen würde. Und während der verbannte Infokrieger “Zensur” schreit, auf den ersten Artikel der Verfassung verweist und das Recht auf “freie Rede” einfordert, machen die Medien deutlich, dass es sich bei Facebook, Google & Co. um private Unternehmen handelt und von Zensur keine Rede sein kann. Das ist  richtig, aber doch nicht so ganz. Richtig, weil es diesen privaten Plattformen erlaubt ist, alles und jeden zu sperren oder zu verbannen und niemand die Gesetze dagegen bemühen kann, denn es gelten die Allgmeinen Geschäftsbedingungen der Konzerne. Und dennoch ist diese Verbannung ein Akt der Zensur, der auf Druck des Staats und der Politik geschieht – Jones wurde nicht gesperrt, weil er rumbrüllt und schimpft, sondern weil er Partei ergreift: gegen Linke, gegen Liberale, gegen Waffenkontrolle, gegen Abtreibung, gegen Migranten. Er ist so etwas wie der “angry white man” in Reinkultur. Und wer etwas gegen reaktionäre Brüllaffen hat, kann die Sperrung von Jones zwar begrüßen, macht es sich damit aber auch ein wenig zu einfach.

Zum einen, weil die App seiner nach wie vor erreichbaren Website infowars umgehend auf die Spitzenplätze der App-Stores sprang und es absehbar ist, dass die Löschaktion der Tech-Giganten die Alex-Jones-Gemeinde allenfalls kurzfristig minimieren wird. Mit juristischen Mitteln einfach abschalten kann man seine Website nämlich nicht, gegen amerikanische Gesetze hat Jones nicht verstossen. Eben deshalb muss das Exempel, das an diesem Extremisten statuiert wird, auch  bedenklich stimmen, weil nicht mehr das Gesetz die “freie Rede” garantiert, sondern eine Handvoll Konzernchefs den erlaubten Meinungskorridor  auf dem Merktplatz der “social media” nach ihrem Geschmack festlegen. Und  wer die Verbannung von  Alex Jones’ kleiner Horrorshow in Ordnung findet, muss sich – mit den Toten Hosen – dann schon fragen: Wer kommt nach Alex?

Worum geht’s bei dem Ganzen? Es geht um die Deutungshoheit über die Ereignisse. Es geht um die offiziellen Narrative und ihre Verteidigung. Es geht um die öffentliche Meinung und das Monopol auf ihre Herstellung und Manipulation. Es geht um Gegenöffentlichkeit und Dissidenz und darum wie mit Dissidenten umgegangen wird. Es geht um Freiheit, die niemals eine ist, wenn sie nicht auch die Freiheit Andersdenkender einschließt. Auch die von Horrorclowns wie Alex Jones…

 

Christoph Ludszuweit R.I.P.

Mit Freund Hein muss ich jetzt mal ein ernstes Wort reden, auch wenn schon seit 1650 jeder weiß, dass der Kerl einfach nicht hören will: „Freund Hein läßt sich abwenden nit, mit Gewalt, mit Güt, mit Treu und Bitt.“ Aber wie der Sensenmann seit einiger Zeit im Kreis meiner Familie und Freunde wütet und ein Leben nach dem anderen viel zu früh abrasiert, ist über alle Maßen unfair. Statt die Sense bei den Millionen Arschlöchern und Drecksäcken dieser Welt anzusetzen, erntet er rücksichtslos eine gute Seele nach der anderen ab. Und pfeift drauf, wenn ich dann heulend und verlassen da sitze und ihm sage, dass er als Nächsten doch gleich mich selbst holen soll, denn was soll ich noch ohne Frau und ohne Freunde in dieser Welt voller gottverdammter Arschlöcher. Zum Glück sind da Kinder und Enkel und der Gedanke an sie kann diese dunkle Stimmung wieder ein bisschen aufhellen – aber mit jedem Besuch auf der Sterbestation und dem Friedhof wird das schwieriger.

Gestern hat er meinen wunderbaren Freund Christoph Ludszuweit geholt, der ihm vor 1,5 Jahren schon einmal von der Schippe gesprungen war und nach 5 Wochen im künstlichen Koma, in das man ihn nach einer Krebs-OP versetzt hatte, wieder ins Leben zurück fand. Dass es nicht mehr lange währen würde, war ihm ebenso klar wie dass es jetzt vor allem darauf ankommt, es in vollen Zügen zu genießen – mit Lust und Liebe, mit Reisen und Räuschen, mit Drums und Dub und good vibrations. Und bis zum letzten Atemzug mit der Kraft und Kreativität, die ihn immer auszeichnete. Als Verleger und Promoter für Musik und Literatur, als Autor und Germanist, der noch bis vor wenigen Wochen Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr 2019 des anarchistischen Schriftstellers B.Traven plante, über den er seine Doktorarbeit geschrieben hatte, als Liebhaber der Kulturen und Musik Afrikas, wo er mehr als zehn Jahre an Universitäten tätig war. Dass er sich am letzten Wochenende seines Lebens mit allerletzter Kraft einfach eine Auszeit von der Sterbestation im Krankenhaus nahm, um ein Konzert von Youssou N’dour in Brüssel zu besuchen, das war so typisch Christoph, wie man es nur denken kann. Nie kam ihm im letzten Jahr ein Wort des Jammers über die Lippen, über die Krankheit die in seinem Inneren wucherte, stattdessen Freude über den Freifahrtschein der Bahn, den er als Schwerbehinderter intensiv nutzte. Immer weiter, onward through the fog, auf der Suche nach Freiheit und Glück.

Wie er mit unserem gemeinsamen Freund Gerhard Seyfried 1979 eine der ersten Wohnungen in Kreuzberg besetzte, wurde gerade unlängst noch einmal im „Spiegel“ erzählt , die Geschichten über seine Zeit in Namibia und Nigeria, wo er u.a. für die taz den Nobelpreisträger Wole Soyinka interviewte und den Grandmaster des Afrobeat, Fela Kuti, besuchte, wollte er alle noch selbst aufschreiben. Er hatte noch so viel vor. Das große JA auf der Jamaica-Mütze, die er sich zulegte, als wir seinen Freund P.P.Zahl auf der Insel besuchten und die er bis zum Ende immer trug, war Programm. Und so hat er auch sein Schicksal angenommen, klaglos: “Ich hatte doch ein glückliches Leben”, hat er in letzter Zeit oft gesagt. Gerhard und ich nannten Christoph wegen seiner Zerstreutheit manchmal Dr.Schusselweit – und waren überzeugt, dass er mindestens zwei wenn nicht drei Schutzengel haben müsste, die ihn auf Erden und bei seinen vielen Reisen immer schadlos hielten. Dass sie ihn jetzt auf seiner letzten großen Reise begleiten und es ihm gut geht ist der einzige Trost, der uns bleibt.

2,5 Kilo taz-Geschichte

Dass in den letzten Wochen hier im Blog nichts erschienen ist,  lag an einem Projekt, das mich wie man neudeutsch sagt 24/7 beschäftigt hat. Die taz feiert im Herbst 40. Geburtstag und weil ich schon zum 10. Geburtstag in einem dicken Wälzer die erste Dekade der Zeitung dokumentiert hatte (Die taz – das Buch, Zweitausendeins 1989) wurde mir angetragen, dies jetzt für die ersten vier Dekaden noch einmal zu tun. Heute konnte  ich in der Zeitung den Abschluss des Projekts vermelden:

“Am Freitag haben wir die finale Freigabe erteilt: der Druck von „40 Jahre taz – Das Buch“ konnte anlaufen. Auf 400 Seiten und im Großformat (270 x 370 mm) präsentiert das Werk vier Jahrzehnte taz- und Weltgeschichte.

Neben Faksimiles von taz-Seiten, die Geschichte geschrieben haben, dokumentiert das Buch mit zahlreichen Fotos nicht nur die Highlights aus 40 Jahren, sondern auch den ganz normalen Alltagswahnsinn in der Redaktion. MitarbeiterInnen aus allen Phasen der taz haben geschrieben, über das Innenleben der einst „größten Schülerzeitung der Welt“ und die Titel, Themen und Temperamente, die sie groß gemacht haben.

Dieses Buch zu stemmen war ein Herkules-Job – nicht nur, weil es gebunden knapp 2,5 Kilo auf die Waage bringt, sondern weil 400 Seiten für 40 Jahre taz viel zu wenig sind. Es galt, eine Auswahl zu treffen: aus über 500.000 taz-Seiten seit der ersten Nullnummer im September 1978 und den etwa 2.000 Menschen, die seitdem hier gearbeitet haben.

Nur ein sehr kleiner Teil konnte in Wort und/oder Bild berücksichtigt werden. Trotzdem ist das Buch – wie uns ein externer Lektor bescheinigte – „100 Prozent taz-typisch: 50 Prozent bisschen lahm, 50 Prozent großartig“. Das können sich die verantwortlichen Redakteure (Stefan Reinecke und ich) jetzt gegenseitig in die Schuhe schieben, denn an den tollen Fotos (Redaktion Isabel Lott) liegt es sicher nicht. Der Band erscheint im September, kann schon ab Mitte August im taz Shop bestellt werden und wird auch im allgmeinen Buchhandel erhältlich sein: 40 Jahre auf 400 Seiten für 40 Euro.”

Wie die öffentliche Meinung manipuliert wird

Es war Mitte der 70er Jahre in den Publizistik-Seminaren von Harry Pross, dass ich den Namen Walter Lippmann und von seinem  Buch “Public Opinion”  (“Öffentliche Meinung – Wie sie entsteht und manipuliert wird”) erstmals hörte. Es ist 1922 erschienen und wurde uns als Standardwerk über die Methoden der Steuerung öffentlicher Meinung ans Herz gelegt. Ich hatte damals auch ein Referat gemacht bei dem es u.a. um Lippmanns Werk ging, das ich jetzt gerne noch einmal lesen würde, aber die ganzen Papiere aus dem Studium sind schon lange entsorgt. Umso schöner ist es, dass ich diesen Klassiker jetzt noch einmal ganz neu lesen kann  – er erscheint am 1. August im Westend-Verlag. Ich weiß nicht, ob Lippmann auch heute noch auf den Lehrplänen von Publizistik-Instituten und Journalistenschulen steht – wenn nicht, wäre es ein schweres  Versäumnis. Denn jeder, der “irgendwas mit Medien” macht, sollte dieses Buch und die darin beschriebenen Methoden kennen. Hier ein kurzer Auszug aus der instruktiven Einleitung von Walter Ötsch und Silja Graupe:


“Lippmann beschreibt in Die öffentliche Meinung, wie Menschen durch imaginative Bilder beeinflusst und gesteuert werden können. Die Aktualität dieser Fragestellung liegt auf der Hand: Wir leben in einer Welt, in der andauernd versucht wird, die Vorstellungswelten breiter Schichten der Bevölkerung zu beeinflussen. Werbung, politischer Spin und Inszenierungen sind selbstverständlicher Bestandteil von Wirtschaft und Politik geworden. Der Rechtspopulismus hat dem eine neue Note verliehen. Auffallend ist, wie wenig über die mediale Beeinflussung von imaginativen Vorstellungen reflektiert wird. Ist Lippmanns Befund korrekt, dass die Fähigkeit verloren gegangen ist, über eigene Imaginationen und deren Veränderung in gebührender Distanz nachzudenken und sie aktiv zu gestalten? Lippmanns Werk ist für uns ein wichtiger Ausgangspunkt, um diese wichtige Frage zu thematisieren.(…) Lippmann ist kein Wissenschaftler, sondern Journalist, wenngleich er durch seine Studien in Harvard über eine Bildung in den in seinem Werk angesprochen Fragen verfügt. Lippmann verarbeitet in seinem Text eher assoziativ und narrativ eine Vielzahl von Themen, die weder klar voneinander abgegrenzt sind, noch klare Formen eines linearen Bezugs aufweisen. Zudem werden diese Themen häufig in damals aktuelle Kontexte eingebettet, die heutzutage oftmals verloren scheinen. Der Leser oder die Leserin heute ist deswegen verleitet, die vielen Assoziationen und Gedankengänge Lippmanns eher auszublenden, als sie für ein besseres Verständnis fruchtbar zu machen. Wie in unserer Einführung – so hoffen wir – deutlich werden wird, sind es aber gerade diese Assoziationen und Gedankengänge, die äußerst lebendige Bilder der von Lippmann behandelten Probleme zu geben vermögen: Bilder, die unsere produktive Einbildungskraft und unsere schöpferische Imagination anregen und gerade deswegen kaum geeignet sind, zu fixen, unreflektierten Stereotypen zu mutieren, die Lippmann als das zentrale Element einer von selektiver Wahrnehmung geprägten und prinzipiell durch Bilder steuerbaren Gesellschaft sieht. Anders: Der Stil, in dem Lippmann schreibt, mag nicht gerade einfach sein. Unserer Lesart zufolge aber trägt er wesentlich dazu bei, dass Lippmann zwar über Stereotype schreibt, doch zumeist ohne selbst mit und in Stereotypen zu argumentieren. Die öffentliche Meinung betrachten wir deswegen nicht als Werk der Propaganda, der Manipulation oder der Beeinflussung, gleichwohl es sich über weite Strecken als ein Handbuch für diese Praktiken lesen lassen mag. Lippmann, so scheint es uns, möchte mit Die öffentliche Meinung aufklären, zum Denken anregen und Debatten anstoßen – alles individuelle wie soziale Praktiken, die er bereits Anfang des letzten Jahrhunderts auf dem Rückzug in unseren westlichen Gesellschaften sieht.”

Walter Lippmann: Öffentliche Meinung – Wie sie entsteht und manipuliert wird, Westend-Verlag, 416 Seiten, 26,00


 

Triumph des Wollens

Nach ein paar Wochen WM vermisse ich meine Fussballpause am globalen Lagerfeuer um 16.00 und um 20.00. Weil ich gerade an einer größeren Arbeit sitze, hatten die Spiele die Tage irgendwie schön strukturiert. Dass auch die deutsche Mannschaft wie zuvor schon Spanien, Italien und Frankreich dem Weltmeister-Syndrom zum Opfer fiel und früh ausschied, störte nicht weiter. Bei diesem Syndrom scheint es sich ja weniger um ein sportliches als um ein systemisches Problem zu handeln, weil man  die Turnierhelden, wenn sie ihre Schuldigkeit getan und den Titel geholt haben eben nicht einfach in die Wüste schickt, sondern ihnen schon ehrenhalber Stammplätze und Platzhirschstatus einräumt. Was den Aufstieg der Jungen und eine Auswahl der wirklich Besten naturgemäß erschwert. Und weil Platzhirsche oft nicht mehr so richtig wollen, weil sie ja schon mal hatten, kommen dann so saft,-und kraftlose Auftritte heraus wie gegen Mexiko, Schweden und Süd-Korea.

Fußball, so konnte man in vielen anderen Spielen dieser Weltmeisterschaft sehen, ist eben auch ein Triumph des Wollens und nicht nur der Paßgenauigkeit und des Ballbesitzes. Wer blasiert und bräsig die Kugel hin und herschiebt wie La Mannschaft kann keinen Blumentopf mehr gewinnen. Dass jetzt viele Teams ins  Viertelfinale gekommen sind, deren Marktwert nur einen Bruchteil dessen der ausgeschiedenen Teams wie Deutschland oder Spanien beträgt, ist ein gutes Zeichen: Wollen und Willen, Courage und Engagement,  Mannschaftsgeist und Teamspirit – immaterielle Eigenschaften, die sich nicht so einfach zusammenkaufen lassen – sind für den Ausgang der Spiele mindestens so wichtig wie der Marktwert der Spieler.

“Aufgabe des Fußballs ist es, den Nationalismus in Folklore zu verwandeln” hat der Spielmacher des FC Schmiere, Wolfgang Neuss, mal zu mir gesagt, als ich über das Fähnchen,-Hymnen und Nationalgehabe bei Weltmeisterschaften meckerte. Ein sehr kluger Satz, der mir dann sogar das ganze “Schland”-Getue beim “Sommermärchen” 2006  erträglich machte. Die These, dass dadurch Nazitum und AfD gefördert worden wären, halte ich für Quatsch. Richtig dagegen ist, das auch ideologisch aufgeladene Begriffe wie “Heimat, “Vaterland”, “Nation” nichts anderes sind als Folklore und der Fußball, bei dem nur mit Bällen statt mit Raketen geschossen wird und sich die feindlichen Lager statt mit Kanonen mit Fähnchen, Gesängen und Tschingederassabum “bekämpfen”,  kulturell und zivilsatorisch als großer Fortschritt gelten muß. Statt Mauern und Grenzen Dreier,-und Viererketten, statt exterritorialen “Transitzentren” Vorstopper, statt “Endlösung” Elfmeterschießen.

Das wahrscheinlich beste Spiel dieser WM haben wir schon ganz am Anfang gesehen: das 3:3 zwischen Portugal und Spanien war technisch, spielerisch und vom Unterhaltungswert ein absoluter Hochgenuss. Besser könnte es  vielleicht nur noch kommen, wenn Frankreich und Brasilien das Endspiel bestreiten. Das war von Beginn an meine Prognose. Weil ich mit meinen anderen  Tipps  meist schwer daneben lag ist aber auch  Uruguay vs. Kroatien als Finale möglich – ein Triumph des Wollens eben…  

Die Angst vor dem Frieden

Eine “altehrwürdige” journalistische Institution ist die 1785 gegründete Londoner “Times” ja spätestens nicht mehr, seit sie 1981 dem Murdoch-Konzern einverleibt wurde. Aber bisweilen scheint sie dann doch noch der Wahrheit verpflichtet, wobei man bei dieser Headline nicht weiß, ob sie nicht doch unfreiwillig zustande gekommen ist. Denn wer kann überhaupt Angst vor dem Frieden haben, wessen Ängste wachsen durch Friedensverhandlungen, wer entspannt sich wenn Aggression und Krieg herrschen ? Es sind die Kriegstreiber und Waffenhersteller, die Privatarmeen und Terrorsöldner, die Invasoren und Aggressoren, kurz: alle, für die Krieg und Terror ein Geschäft ist. Aber auch nur für die. Für alle anderen – also den Rest der Welt –  sind  Verhandlungen über Abrüstung, Deeskalation und Frieden ein Segen. Dass sie nicht diese Hoffnungen befeuert, sondern die Angst um schwindende Kriegsprofite zum Thema macht, zeigt was die “Times” hier macht. Es ist der Militärisch-Industrielle-Medien-Komplex at work….

Der duale Staat

Zum Wochenende heute mal “Bildfungsfernsehen” at it’s best: ein Vortrag des Kollegen Dirk Pohlmann über das, was heute gelegentlich “deep state” genannt wird und dabei keineswegs der paranoiden Phantasie von “Verschwörungstheoretikern” entstammt, sondern der Politikwissenschaft enstammt: die Parallelität von Rechtsstaat und Machtstaat, von Rechtszustand und Ausnahmezustand.

Die Echokammereliten und der Singsang sermonaler Konsensmessen

 

Ende 2014 hatte ich hier  einen wunderbaren Essay  von Wolf Reiser, der in Lettre international erschienen war, empfohlen:  “Freiwild – Über Zähmung, Verwahrlosung und Niedergang des Journalismus”. Jetzt hat er in dieser Sache noch einmal nachgelegt und auch diesen fulminanten Aufsatz, der auf  Rubikon erschienen ist  – “Der Anfang vom Ende – Am 11. September 2001 begann der Niedergang der Medienwelt” –  möchte ich allen Leserinnen und Lesern an’s Herz legen: 

Seit langem schon haben sich die deutschen Medien von ihrer grundsätzlichen Funktion in unserer Gesellschaft verabschiedet und sich ihrer Existenzberechtigung entledigt. Wer die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Sender und jene der führenden Tageszeitungen und Magazine über einen längeren Zeitraum verfolgen konnte, erlebt, dass sich mit 9/11 nicht nur ein paar Geschäftstürme zu Schutt und Asche verwandelten, sondern auch Auftrag und Sinn des Journalismus im Ground Zero verdampften.

Dem kann ich  nur beipflichten – und das mit drei Ausrufezeichen – wie überhaupt jedem Satz in diesem Essay, aus dem hier nur noch eine besonders treffende Passage über das Grauen der deutschen TV-Talkshows zitiert sei:

Gelegentlich wird so einer Runde ein armes Würstchen zum Fraß vorgeworfen – ein Piratenhacker, eine IS-Anwärterin mit Burka, jemand von Pegida oder der Roten Flora und notfalls Herr Lüders oder Herr Todenhöfer. Anstatt im Dienst und Geist der Dialektik zu streiten – es muss ja nicht gleich mit Hegel, Bloch und Adorno zu tun haben – und sich die Leviten zu lesen, versanden die Debatten im verzagt altklugen Singsang sermonaler Konsensmessen. In einer Endlosschleife spulen die Couchbesetzer ihre Sprachregelungen, Tabusetzungen und neofeudalen Moralcodes ab. Mit zelotischer Verbissenheit machen sich diese immer gleichen Infotainer jedes Thema zu eigen: Mietpreisbremse, nervöse Märkte, Bildung, Soziales, Nullzinsrisiko, Fassbomben, hellenisches Klienteldrama und, logisch, ja, nochmals, Bildung, Bürokratieabbau, Maidan, Maut, Entlastung der mittleren Einkommen, NSU, NSA, Flüchtlinge, Videobeweis, Biodiesel, Cum-Ex, Pflegenotstand, Nowitschok, Hitlers Sackratten und abgehängte Schlecker-Frauen. In diesen gemütlichen Schlaflabors („Da bin ich ganz bei Ihnen“) hätte kein Scholl-Latour mehr Platz, kein Frank Schirrmacher, Jean Améry, kein Balzac, Grass oder Goethe. Hier sitzen die Duzfreunde des Guten, Hajali und Seppelt Kleber und Mascolo. Die vielen redlichen wie und wahrhaftigen Kollegen werden in Abwesenheit diffamiert – als Verschwörungstheoretiker, Putin-Trolle, Europagegner und Rechts&Links-Populisten. Zu Füßen der Raute zeigenden Freiheitsstatue in Apricot schwadroniert die Echokammerelite von der westlichen Wertegemeinschaft, der offenen Gesellschaft, des liberalen Pluralismus, der Entfaltung des Gender-Individuums, den freie Märkten und der Verteidigung irgendwelcher transatlantischer Ideale. Man kann es nicht mehr hören und nicht mehr sehen und nur hoffen, dass der Russe und seine Hacker endlich den Strom abstellen.

Wie wahr. Deshalb meine Bitte an alle und vor allem an jene, die “irgendwas mit Medien” zu tun haben, den ganzen Text auf  Rubikon weiter zu lesen. Er ist lang, aber bringt das ganze Elend der Branche mit jedem Satz auf den Punkt.

Belt & Road

Als ich mich gestern mittag am globalen Lagerfeuer der Fußball-WM niederlies und sich der Kick von Costa Rica gegen Serbien  als eher öde erwies, blätterte ich die FAZ Sonntagszeitung durch. Die war aber genauso uninteressant und langweilig, bis ich auf eine halbseitige Infografik stieß,  eine Anzeige der HSBC (Hongkong & Shanghai Banking Corporation): “Die neue Seidenstrasse auf einen Blick”(pdf).   Normalerweise ignoriere ich Anzeigen von Banken, diese aber mit ihren Strecken, Zahlen und Daten der chinesischen “Belt & Road”-Projekte schaute ich mir länger an und mir kam dabei in den Sinn, was ich hier im Mai über den “Kampf um die Weltinsel” – Halford Mackinders nach wie vor aktuelle geopolitsche “Herzland”-Strategie – geschrieben hatte:

Wer das „Herzland“, die Mitte zwischen Europa und Asien und somit das Zentrum des eurasischen Kontinents beherrscht, beherrscht die Welt, lautete Mackinders These. Da durch die kommenden Technologien der Eisenbahnen und des Automobils der Handel und Wandel zwischen Europa und Asien unausweichlich sei, wäre die auf der Seeherrschaft beruhende britische Weltmacht chancenlos. Vor allem wenn das rohstoffreiche Russland mit dem industriestarken Deutschland zusammenwachse. »Wer Osteuropa regiert, beherrscht das Heartland; wer das Heartland regiert, beherrscht die Weltinsel; wer die Weltinsel regiert, beherrscht die Welt«, brachte Mackinder seine Geostrategie später auf den Punkt.
Wer die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf diesem Hintergrund liest, kann erstaunliche Einsichten über die Kontinuität gewinnen, mit der Briten und Amerikaner ihre globale Machtpolitik betreiben.

Wer die schon bestehenden, noch im Bau befindlichen und noch geplanten eurasischen Infrastrukturprojekte in mehr als 65 Ländern und im Umfang von 900 Milliarden Dollar realisiert, kann auf einen Blick erkennen, warum es im 21. Jahrhundert mit der unipolaren Herrschaft des anglo-amerikanischen Imperiums zu Ende gehen wird. “Geografie ist Schicksal” soll Napoleon einmal gesagt haben und derart schicksalhaft gehören auch die Kontinente von Europa und Asien zusammen, als größte Landmasse dieses Planeten und mit 2/3 seiner Bevölkerung.  Nur eine tektonische Plattenverschiebung, nicht aber ein noch so desaströser Krieg können an dieser terrestrischen Tatsache irgendetwas ändern.  Wer dann wie die Nato und die deutsche Regierung auf Befehl von Washington dagegen aufrüsten und Krieg führen will, hat diese Tatsache schlicht nicht verstanden – und eine EU, die für 6,5 Milliarden panzerfeste Seitenstraßen bauen will, statt Handel und Wandel auf der zukunftsträchtigen Seidenstraße anzustreben, ist einfach nur verrückt.