Massaker zum Geburtstag

Nachdem ich von den jüngsten Massakern an oppositionellen Demonstranten  hörte, bei denen über 50  Menschen  erschossen und über 1000   verletzt worden waren, atmete ich kurz auf, dass das nicht Russland passiert ist. Denn sonst wäre jetzt vielleicht ein Weltkrieg im Gange, weil damit ja wohl der letzte Beweis vorläge, dass es sich bei Putin um ein “Monster” handelt, das dringend beseitigt werden muss. Bibi Netanjahu aber, der israelische Präsident, kann zum 70. Geburtstag seines Staats einfach so tun, als ob er von Wasserwerfern, Tränengas und Gummiknüppeln noch nie gehört hat und unbewaffnete Demonstranten einfach abknallen lassen – aber niemand nennt ihn “Tier” oder “Monster” oder einen schießwütigen “Autokraten”. Ja, nicht einmal mit großen Ohren und fieser Nase darf man ihn karikieren, dann fliegt man als Cartoonist gleich raus bei der “Süddeutschen Zeitung”, denn das ist “Stürmer”-Stil und erinnert an die dunkelste Phase der deutschen Geschichte, die sich nie wiederholen darf.

Die Karikatur von Dieter Hanitzsch war am Dienstag in der Printausgabe der Zeitung erschienen. Sie zeigt Netanjahu in Gestalt der Siegerin des Eurovision Song Contest, der Israelin Netta. In einer Sprechblase heißt es “Nächstes Jahr in Jerusalem”, dazu hält Netanjahu eine Rakete mit Davidstern in der Hand. Damit, so meinte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, sei eine rote Linie überschritten: „Mit einer derartigen geschmacklosen Zeichnung entwertet man jede berechtigte Kritik an den Handlungen der israelischen Regierung“, sagte er der “Bild”-Zeitung.

Was aber, wenn von solcher “berechtigten Kritik” kaum eine Spur ist, wenn Netanyahu ein Gemetzel nach dem anderen veranstalten und die palästinensische Minderheit in seinem Land  wie Untermenschen behandeln kann, ohne irgendwelche Sanktionen, Forderungen nach “regime change” oder gar militärische Drohungen befürchten zu müssen ? Wie tief muss die angeblich “einzige Demokratie im Nahen Osten” noch sinken, bis der Rest der Welt ihren an finsterste Kolonialzeiten und  Apartheidsregime erinnernden Methoden  Einhalt gebietet ? Und aufhört, wie die deutsche Bundesregierung,  “beide Seiten” zur Mäßigung zu mahnen – also die Opfer und die Täter.

Dass unter den nach Deutschland geflüchteten arabischen Menschen auch einige mit strikt antisemitischer Gesinnung sind, kann  – sofern sie dieser Gesinnung durch öffentliche Äußerungen oder Straftaten Ausdruck geben – sicher ein Problem darstellen.  Mindestens ebenso problematisch ist es aber, wenn ein rasender Philosemitismus zur Staatsräson wird, der nach einem Massaker wie dem jüngsten in Gaza den Opfern dieselbe Schuld zuweist wie den Tätern und protestierende Demonstranten auf eine Stufe mit mordenden Killertruppen stellt.  Denn das ist nichts anderes, als nach den Mordanschlägen bei  “Charlie Hebdo” die Zeichner zur Mäßigung oder angesichts Hitlers Verfolgung der “raffenden Juden” diese zu etwas mehr Großzügigkeit aufzufordern: menschenverachtender Zynismus.

Wäre ein solches Massaker an einer unterdrückten Minderheit in Russland, Syrien oder Iran geschehen könnten wir uns vor dem Aufschrei und dem Kriegsgetrommel bei McMedien kaum retten und der übelste “Stürmer”-Stil wäre in den Karikaturen von Putin oder Assad  gerade recht. Netanjahu aber muss stets als freundlicher alter Herr dargestellt werden, ganz gleich, wie viele Menschen er ermorden läßt ? Wenn die besondere Verantwortung Deutschlands für die Existenz Israels in derart doppelten Standards besteht, ist sie untragbar.

Oh, wie ist das schön

Schon für dieses Foto muss man der Frankfurter Eintracht für ihren Sieg im Pokalfinale dankbar sein. Aber auch ansonsten war es ein denkwürdiges Match, das eine Minute vor Schluss noch zu kippen schien, als der Schiedsrichter ein Foul im Frankfurter Strafraum per Videobeweis überprüfte. Jetzt ist alles vorbei, dachte ich, Elfmeter für Bayern, Ausgleich in letzter Sekunde und dann gewinnen sie in der Verlängerung.  Die Beine der Kontrahenten in dieser Szene trafen sich in der Luft und verfehlten beide den Ball, worauf sich der Bayernspieler Martinez fallen lies – da kann man einen Elfer geben. Doch der Schiri entschied auf Eckball und das muss der Moment gewesen sein, als Rolex-Kalle und Wurst-Uli parallel die Mienen entgleisten. Und als hätten es die Kicker auf dem Rasen gesehen, setzten sie nach dem Abpraller nach der Ecke aus lauter Spass noch einen drauf – 3:1.
Nach drei Jahrzehnten der erste Titel für Eintracht Frankfurt – aber nicht nur deshalb, und weil ich schon vor über vier Jahrzehnten Grabowski, Hölzenbein und “Dr.Hammer” Bernd Nickel live im Waldstadion bejubelt habe, war das ein wunderbares Match. Denn es hat mal wieder gezeigt, dass Geld eben doch noch nicht alles ist im Fussball und man Spirit und Teamgeist nicht einfach kaufen kann.

Der Kampf um die „Weltinsel“

“Der geographische Drehpunkt der Geschichte“ lautete der Titel eines Vortrags, den der Politikberater und Direktor der “London School of Economics”, Halford Mackinder, im Jahr 1904 veröffentlichte. In der aktuellen Ausgabe der Kulturzeitschrift “Lettre International”   ist dieser Vortrag jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, wofür man sehr dankbar sein muss. Denn es handelt sich zum einen um einen klassischen Schlüsseltext der Geopolitik und zum anderen ist Mackinders „Heartland“-Theorie nach wie vor von erstaunlicher aktueller Bedeutung. Wer das „Herzland“, die Mitte zwischen Europa und Asien und somit das Zentrum des eurasischen Kontinents beherrscht, beherrscht die Welt, lautete Mackinders These. Da durch die kommenden Technologien der Eisenbahnen und des Automobils der Handel und Wandel zwischen Europa und Asien unausweichlich sei, wäre die auf der Seeherrschaft beruhende britische Weltmacht chancenlos. Vor allem wenn das rohstoffreiche Russland mit dem industriestarken Deutschland zusammenwachse. »Wer Osteuropa regiert, beherrscht das Heartland; wer das Heartland regiert, beherrscht die Weltinsel; wer die Weltinsel regiert, beherrscht die Welt«, brachte Mackinder seine Geostrategie später auf den Punkt.
Wer die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf diesem Hintergrund liest, kann erstaunliche Einsichten über die Kontinuität gewinnen, mit der Briten und Amerikaner ihre globale Machtpolitik betreiben. Etwa über die Frage, warum Hitler und die Wehrmacht massiv von der Wall Street finanziert wurden, oder warum die Nato nach 1991 mit ihren Raketen unbedingt bis an die russische Grenze vorrücken musste oder warum 2014 mit einem Putsch in der Ukraine ein russlandfreundlicher Präsident durch einen russlandfeindlichen ausgetauscht werden musste oder warum eine zweite „North-Stream“-Pipeline durch die Ostsee den Amerikanern ein Dorn im Auge ist. Immer geht es um Mackinders „Herzland“ in dem auf keinen Fall Handel, Wandel und Frieden herrschen darf, weil dies die transatlantische Dominanz bedrohen würde.
Es zieht sich von dieser Theorie aus dem Jahr 1904 eine Linie über Hitlers Geostrategen Karl Haushofer zum geopolitischen Berater von fünf US-Präsidenten, Zbiginew Brzezinski, bis in die aktuelle Politik des US-Imperiums. Über die Aktualität Mackinders schreibt in “Lettre” auch der Historiker Alfred McCoy,  dessen eminentes Grundlagenwerk “Die CIA und das Heroin -Weltpolitik durch Drogenhandel” für ein Verständnis der aktuellen internationalen Konflikte und Kriege unverzichtbar ist. Ebenso wie eine Kenntnis der Generalstrategie im “Great Game”, die auf Mackinder zurückgeht und im geopolitischen Match auf dem “eurasischen Schachbrett”, wie es Brzezinski nannte, nach wie vor auf der Agenda steht.
Auf diesem Hintergrund kann man dann auch den scheinbaren Irrsinn der Tagesnachrichten ein wenig begreifen, etwa warum aus Afghanistan immer neue Produktionsrekorde für Opium und Heroin gemeldet werden, während in USA Tausende an dieser Überproduktion krepieren; oder warum eine Gas-Pipeline zwischen Russland und Deutschland ein “Problem” darstellen soll, während der ökonomische und ökologische Hochgrad-Schwachsinn, Fracking-Gas mit Riesentankern von Amerika nach Europa zu schippern, von der EU gefördert wird. Oder warum Polen sich gerade von den USA für irrsinnige Milliarden
“Patriot”-Luftabwehr andrehen lässt – “gegen die Russen”, gegen deren neue Hyperschall-Raketen die veralteten Patriots aber keinerlei Chance haben.
Nadelstiche ins „Herzland“ zu setzen, Konflikte zu schüren, Waffen zu liefern und Kriege anzuzetteln um ein Zusammenwachsen des Osten Europas mit dem Westen Asiens zu verhindern ist nach wie vor die grundlegende außenpolitische Agenda des US-Imperiums. Dazu gehört auch, die strategischen Angelpunkte an den Rändern des eurasischen Doppelkontinents zu kontrollieren – vor allem die rohstoffreichen Regionen des Persischen Golfs. Wobei die desaströsen Krieg in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien mittlerweile, so Alfred McCoy, weniger an ein kühnes geopolitisches Gambit erinnern als „an Deutschlands katastrophale Entscheidung, das russische Kernland anzugreifen.“ Er sieht darin den „sicherlich letzten imperialen Versuch, sich eine Angelpunktposition am Rand des eurasischen Kernlands zu sichern, vergleichbar mit den Forts des britischen Kolonialismus entlang der Nordwestgrenze.“
Darum geht es auch bei den jüngsten Kriegsdrohungen gegen den Iran, der ja gar keine Atomwaffen besitzt und sich regelmäßig von den internationalen Behörden kontrollieren lässt – anders als Israel, das illegal welche hat und jegliche Kontrollen verweigert. Dass es sich bei den jüngsten US-Kriegen, wie Alfred McCoy meint, um den „letzten imperialen Versuch“ des überdehnten amerikanischen Imperiums handelt, könnte sein, denn Russland und im Hintergrund auch China haben spätestens im Syrienkrieg klar gemacht, dass sie weitere Expansionen des US-Imperiums nicht dulden werden, auch keinen „Regimechange“ im Iran.
Dass Teheran im April den Ausstieg aus dem US-Dollar angekündigt hat und sein Öl künftig in Euro abrechnet, ist eine Provokation erster Klasse. Saddam Hussein und Gaddafi hat es das Leben gekostet, als sie aus dem Petro-Dollar aussteigen wollten – ihre nahezu wehrlosen Länder wurden umgehend überfallen und verwüstet. Doch anders als Libyen oder Irak hat der Iran zwei mächtige eurasische Atommächte als Verbündete im Hintergrund. Und auch die EU scheint nicht bereit, aus den Atomverträgen mit Iran auszusteigen und mit den USA, Israel und Saudi- Arabien weiter an der Eskalationsschraube drehen. Die Leichenberge und das Chaos, das dieses infernale Trio im Irak und in Syrien produziert hat, würde von einem Angriff auf Teheran in neue Dimensionen wachsen – bis hin zum Schrecken eines nuklearen Kriegs. Dass ein solcher Großkonflikt der Blöcke weniger auf amerikanischem oder russischen oder chinesischen Boden, sondern im kontinentalen mittleren Europa zu Katastrophen führen würde, hat man in Brüssel, Berlin und Paris offenbar verstanden. Es geht noch immer um Mackinders „Weltinsel“, die nicht zusammenwachsen darf.

Auch als Podcast auf KenFM

König Donald, die unsichtbaren Meister und der Kampf um den Thron

Vor genau einem Jahr ging “König Donald, die unsichtbaren Meister und der Kampf um den Thron.” in den Druck. Ich hätte mir ja “Real Game of Thrones” für den Titel gewünscht, aber davon hatten die Verlagsjuristen wegen des Titelschutzes der berühmten TV-Serie und möglicher Klagen abgeraten. Weil es in den Großmedien keine Rezensionen  gab, hat das Buch bisher noch kein sehr großes Publikum gefunden, obwohl ich dachte, dass die Besetzungsliste des Dramas doch eigentlich schon ziemlich vielversprechend klingt:

Real Game of Thrones: Tragödie oder Farce?

Und so ist auch zu erklären, dass die Leser, die das Büchlein erreichte, ziemlich begeistert klingen, wie etwa “Peter G.”, der am 5.Mai auf amazon eine Kundenrezension schrieb:

“Lustiges und Wirkliches müssen sich ja bekanntermassen nicht gegenseitig ausschliessen. Dieses Buch als Enthüllungsbuch zu diffamieren, wäre ziemlich humorlos. Aber genau den lässt Bröckers aus ‘vollen Rohren’ in des Leser’s Hirn krachen, dass es nur so brummt. Man kommt aus dem Stauen nicht mehr heraus, wie es passt, dass ein Präsident der USA gewählt wurde, der aus Sicht seiner Gegner garnicht gewählt hätte werden dürfen. Dieses Meisterwerk kann man ungesehen in die Reihe der Harry Potter Erfolge eingliedern, wobei meine Phantasie mit mir etliche Bocksprünge vornahm, so dass ich das ‘Büchelchen’, nichts ‘Gutes’ ahnend in einem Ritt lesen wollte, immer wieder aus der Hand legen musste, um Erstickungsanfällen durch ‘Lachsalven’ vorbeugen zu können. Aber ernsthaft, Bröckers versteht es, das Einparteinsystem mit den zwei Flügeln derart zu sezieren, dass einem eigentlich das Lachen im Halse stecken blieben müsste, aber dieser Geniestreich von ihm hat dazu geführt, zu verstehen, wo Rockefeller und Rothschild im Untergrund arbeiten, die Fäden ziehen und sich der Milliardär Soros ‘verzockt’ hat, weil er König Donald angegriffen hat, der dummerweise ein ‘Rothschild Zögling’ ist, der ihm schon öfter seinen ‘Zocker-Arsch’ gerettet hat. Dieses Buch ist jeden Cent wert. Leider nicht mehr Sterne möglich Bravo Bröcking!!!!!!

Manu K. kommentiert an selber Stelle:

Mathias Bröckers ist ein cooooooler Schriftsteller, sehr schlau, sehr belesen und es macht immer Spaß seine Bücher zu lesen !!!! Zum einen wegen neuem Erkenntnisgewinnen, aber auch wegen seinem immer lustigen Sarkasmus!!!!! Danke an den immer wieder lustigen Diskurs von Herrn Bröckers. Das macht Spaß, thank you so lot !!!!!

Und “Humanwrites” konstatiert “Humor und Wirklichkeitsanalyse”:

Im deutschen Fernsehen ist es ja mittlerweile so, dass die eigentlichen Nachrichten und Hintergrundinformationen von Satireformaten wie “Die Anstalt” geliefert werden. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Buch von Mathias Bröckers, der uns den aktuellen Machtkampf in den USA in einem sehr unterhaltsamen Märchenton erzählt, der allerdings einen sehr erhellenden Blick auf die Wirklichkeit öffnet. Kluge Einsichten, viele Links und Quellenangaben gepaart mit viel Humor – volle Punktzahl für dieses empfehlenswerte Buch.

Da kann man nun wirklich nicht meckern und sich als Autor für so viel Lob nur bedanken.

Russland: Eskalation im Medienkino

Am 16.5. werde ich beim telepolis-Salon in München diese Eskalation diskutieren. Hier die Einladung der telepolis-Redaktion:

“Wir haben ein Wahrheitsproblem mit Russland. Es bringt sogar den Zweifel zum Durchdrehen. Die gute alte westliche “Schule des Zweifels” als Methode zur Wahrheitsfindung hilft nicht mehr viel, wenn der Zweifel selbst als Teufel der russischen Destabilisierungsmethode ausgemacht wird.

Die russische Propaganda beruhe ganz zentral darauf, Unsicherheiten zu säen und Gewissheiten zu untergraben, wird gewarnt. So gesehen spielt jede Forderung nach eindeutigen Beweisen für die Verantwortung Russlands bei Giftattacken in London oder bei Chemiewaffenangriffen des Verbündeten Syriens der russischen Propaganda in die Hände. Ein Dilemma. Wer trägt den Vorteil davon?

Es gibt kein zweites Land, dem sich die westliche Medienktivität derart engagiert zuwendet. Und man kann nicht behaupten, dass es dabei objektiv zugeht. Keinem anderen Land werden solche raffinierten Superschurkenfähigkeiten zugesprochen wie Russland.

Wenn sich der Verdacht gegen Russland wendet, so bekommt er ein großes Spielfeld. Wer westliche Zeitungen liest, erfährt, dass vom Kreml aus Befehle für Sabotage an der Demokratie und an Menschenrechten in die ganze Welt hinausgehen und nicht zuletzt, dass im Kalkül Russlands die syrische Zivilbevölkerung weit weniger zählt, als dass der “Schlächter seines Volkes”, der Folter-Tyrann Baschar al-Assad, an der Macht bleibt.

List und Tücke made in Russia machen diesen Planeten gefährlich, ist der gängige Schluss aus unzähligen Berichten und Kommentaren seit der Ukraine- und Krimkrise 2014. Seitdem wird gerne und oft von der “russischen Gefahr” gesprochen, Eklärungen braucht es dann nicht mehr viel. Bereits Grundschüler sind davon überzeugt, dass Putin die malaysische Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 abgeschossen hat. Der Nato-Stab und die deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen warnen seit dem Krim-Referendum im März 2014 verstärkt vor den verdeckten Operationen Russlands, seiner aggressiven hybriden Kriegsführung.

Sich zu Russland zu positionieren, ist eine Herausforderung in einer schwierigen Gegenwart, die verlangt, über alles im Bild zu sein bei stetiger Veränderung. Anders als im Film oder Geschichtsbüchern ist nicht klar, welchen Ausgang die Konflikte nehmen, wie sie einzuschätzen sind, ob es nur um verbale Muskelspiele geht, um bloßes “Politiktheater”, oder ob es sich um vorbereitende Kriegspropaganda handelt. Dass der dritte Weltkrieg immer häufiger in den Diskussionen vorkommt, ist Zeichen kommunikativ eskalierender Zeiten.

Als Bösewicht wird oft Putin plakatiert, als Chef eines neo-totalitären repressiven Regimes in Russland und Vorreiter einer ganzen Reihe von strong men, die neue Attraktivität gewonnen haben – ein simples Bild, das aber zu funktionieren scheint und auch Artikeln unterliegt, die an kritische Leser (“Seien Sie anspruchsvoll!”) gerichtet sind.

Russland ist wieder Weltmacht und die Medien, die uns das meiste von dem beibringen, was wir dann fast ausschließlich von der Realität wissen, haben sich in der überwiegenden Mehrheit auf ein Bild geeinigt, das im Putinschen Russland eine (Kriegs-)Gefahr sieht.

Welche Haltung wollen wir einnehmen, wenn wir über Russland reden? Immun sein gegen Manipulationen des Großkonsens und auf jeden Fall klüger sein als der Mainstream, der eine anti-russische Schlagseite hat? Zugleich aber auch menschenfreundlicher als die eingefleischten Putin-Fans, die noch jedes autoritäre Durchgreifen in Russland und jeden Bombenangriff in Syrien zur Notwendigkeit erklären?

Der wieder belebte Kalte Krieg findet in den Medien eine wichtige Bühne. Der Kampf geht um die Deutungshoheit. Wer hat die Macht, uns seine “Story” als die glaubhaftere zu erzählen, wie stellt er das an? Was ist neu am Info-War zwischen dem Westen und Russland knapp 30 Jahre nach dem “Ende der alten Kalte-Kriegs-Geschichte”? Hat das Fiktive mit den neuen Medienmöglichkeiten jetzt größere Überzeugungskraft? Können wir aus dem Propaganda-Schlagabtausch etwas lernen?

Beim Telepolis-Salon sollen die erwähnten Fragen bis auf Weiteres geklärt werden. Dafür sorgen die kompetenten Gäste, die zum Gespräch mit Florian Rötzer und Thomas Pany eingeladen sind: der Doyen aller Verschwörungstheorien-Experten in Deutschland, Mathias Bröckers, Autor des Buches “Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren”, und Michael Meyen, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU München und Mitglied des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft.

Glanzpunkte findet der Abend wie immer durch die Arbeit der Künstlergruppe Prismen mit ihren eindrucksvollen Videos.”

Wir laden ein zum nächsten Telepolis-Salon “Russland – Eskalation im Medienkino” mit den Gästen Mathias Bröckers und Prof. Dr. Michael Meyen im Münchener Lovelace in der Kardinal-Faulhaber-Str. 1 am 16. Mai um 19 Uhr. Eintritt: 5 EUR, ermäßigt 3 EUR

McMedien beenden Giftgas-Wochen

Wie geht’s eigentlich den Skripals ? Und wie war das denn jetzt mit den Chemiewaffen in Douma ? Die Giftgaswochen bei McMedien sind offenbar beendet. Aus heiterem Himmel und mit internationalen PR-Fanfaren gestartet wie “Los Wochos” bei McDoof ist der Nothing-Burger “Novichok” jetzt still und heimlich vom “Breaking News”-Menu verschwunden.  Und auch von den “White Helmet”-Stuntmen in Douma ist nach dem prächtigen Tomahawk-Feuerwerk gar nichts mehr zu hören. Aber gab es da nicht einen perfiden Giftgas-Angriff der “aggressiven Russen” auf das Vereinigte Königreich und eine grausame Untat des “animal” Assad, der seine eigenen Kinder vergast ? Gab es nicht über Wochen ein gigantisches Bohei auf allen Kanälen mit der eine “Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!”-Stimmung geschürt wurde ? Mußte Mutti Merkel ihren Nato-Callboy Heiko nicht zurückpfeifen, der mit Donald und Macrönchen gern ein wenig mit geballert hätte, um als toughes Kerlchen da zu stehen ? Ja – und jetzt ? Werden die angeblichen Schwerverbrechen, die als Begründung für das Bombardement dienten, weiter aufgeklärt ?  Nein.  In England werden in Sachen Skripal   seltsame Medienkorrekturen vorgenommen, die deutsche Regierung verweigert  der Linkspartei die Einsicht in den vollständigen Bericht der Chemiewaffenkontrollbehörde OPWC und die internationalen McMedien-Outlets ignorieren konsequent die von Russland in Den Haag präsentierten syrischen Zeugen aus dem Krankenhaus in Douma, die auf dem Propaganda-Filmchen der “White Helmets” als Giftgasopfer auftauchten und allesamt berichten, dass es gar keinen Chemiewaffeneinsatz gab. Weshalb wohl auch in dem vollständigen OPWC-Bericht, den die deutsche Regierung offenbar auf Druck der Briten geheimhält, schlicht und ergreifend nichts zu finden sein wird, was die Anschuldigungen gegen Russland und Assad bestätigen könnte.
Unterdessen hat der stets gut informierte Ex-Diplomat  Craig Murray auf eine weitere Nachrichtenblockade hingewiesen: die Tatsache, dass der Agentenführer Pablo Miller aus den Nachrichten verschwunden ist, der Sergey Skripal einst in Russland zum Überlaufen zum MI-6 anheuerte und auch in England weiter in Kontakt mit ihm  sowie mit dem privaten “Orbis”-Geheimdienst stand. Also mit jenem Laden des (Ex-?)MI-6 Mannes Christopher Steele , aus dem das  haltlose “Golden Shower”-Dossier stammt, mit dem die Clinton-Kampagne den Kandidaten Trump zu Fall bringen wollte. Dass der Russland-Kenner Skripal bei der Zusammenstellung dieses Dossiers geholfen hat und nach dem Auffliegen des Fakes ein unsicherer Kandidat war, den man zum Schweigen bringen wollte – diesen möglichen Hintergrund für einen Inside-Job hatten wir hier schon Anfang April ventiliert. Und es scheint, dass diese konspirologische Spekulation (einmal mehr) näher an der Wahrheit liegt als die offiziellen Verlautbarungen, die von den McMedien-Outlets kolportiert werden. Dass diese die haarsträubenden Ungereimheiten über die angeblichen Gifteinsätze in Salisbury und Douma unter einem Mantel des Schweigens begraben, statt zu recherchieren, richtig zu stellen und für Transparenz zu sorgen, hat Methode. Wo kämen wir denn hin, wenn man bei McMedien statt mit Junk-News mit vollwertigem Journalismus gefüttert würde. Dann müssten die Verantwortlichen für illegale Kriegseinsätze zur Verantwortung gezogen werden und das geht nun mal gar nicht…

Der Wolf ist da

Als ich vor einigen Monaten das Buch von Wolf-Dieter Storl las  – “Mein amerikanischer Kulturschock – Meine Jugend unter Hillbillies, Blumenkindern und Rednecks” – wollte ich hier gleich etwas darüber schreiben. Ich kenne und schätze Wolf und seine ethnobotanischen und anthropologischen Arbeiten seit vielen Jahren, aber seine überaus spannende Lebensgeschichte kannte ich nicht. Am vergangenen Wochenende traf ich ihn auf einer Hanf-Konferenz in Zürich und versprach ihm, bald etwas über sein Buch zu schreiben, das mir so gut gefallen hat. Aber jetzt kann ich mir die Arbeit sparen, denn es gibt etwas viel Besseres: Ken Jebsen hat Wolf auf seinem Aussiedlerhof im Allgäu besucht und  ein sehr ausführliches Gespräch mit ihm geführt. Und hier erzählt er in seiner unnachahmlichen Art all das, was ich ansonsten umständlich hätte beschreiben müssen. Nehmt euch Zeit und schaut es an!

 

 

Tune in, turn on, start up?

Microdosing: 75 Jahre nach seiner Entdeckung und 50 Jahre nach dem Verbot wird LSD in winziger Dosierung als “Denkwerkzeug” und Arbeitsdroge wiederentdeckt

Am 16. April 1943 kam Dr. Albert Hofmann, dem Leiter der Naturstoff-Abteilung der Sandoz-Werke in Basel, während seiner Frühstückspause die Idee, eines der Alkaloid-Derivate des Mutterkorn-Pilzes noch einmal genauer anzuschauen, die er fünf Jahre zuvor isoliert hatte. Damals war er auf der Suche nach einem Wirkstoff für die Geburtshilfe, dem der auf Getreide lebende und schon in der mittelalterlichen Medizin erwähnte Pilz seinen Namen verdankt und das Medikament, das unter dem Namen “Methergin” bis heute in allen Kreißsälen in Verwendung ist.

Im Frühjahr 1943 nun, gerade von einem 3-monatigen Militärdienst an der italienischen Grenze an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt, war er auf der Suche nach einer kreislauf-stimulierenden Substanz und stellte das Lysergsäure-Di-Äthylamid (LSD) noch einmal her. Dabei muss er auf eine ihm selbst unerklärliche Weise mit der Substanz in Kontakt gekommen sein und spürte kurz darauf eine merkwürdige Benommenheit, sodass er sein Labor verließ und nach Hause ging.

“Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen, rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Fantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen (das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell) drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.”

So heißt es in Albert Hofmanns Protokoll über den ersten Selbstversuch, dem er drei Tage später im Labor einen weiteren folgen lies und 250 Mikrogramm der Substanz einnahm, die bis dahin als kleinste wirksame Dosis geltende Menge bei pharmakologischen Versuchen. Kurz darauf spürt er eine merkwürdige Benommenheit – “Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz” – und fährt mit dem Fahrrad nach Hause. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er gerade die stärkste bewusstseinsverändernde Substanz überhaupt entdeckt hatte und glaubte, zu Hause angekommen, dass er wahnsinnig geworden sei.

Seine Wahrnehmung der äußeren Realität war völlig verändert und bei geschlossenen Augen zeigten sich farbige Bilder und Strukturen. Der herbeigerufene Arzt konnte keinerlei lebensbedrohliche Symptome feststellen, doch das Gesicht seiner Nachbarin, die ihm Milch zur Entgiftung vorbeibrachte, erschien ihm wie das einer schrecklichen Hexe. Als er nach einiger Zeit ruhiger wurde und sich sein Zustand langsam normalisierte kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus:

Alles strahlte in einer Intensität und Prägnanz, wie er sie nie wahrgenommen hatte, Geräusche verwandelten sich in Farben und Formen. Der Schrecken wich und “machte Gefühlen des Glücks und der Dankbarkeit Platz”, wie Hofmann in seinem Protokoll schreibt. Er hatte den ersten “Horrortrip” der Geschichte überlebt und nach dem “Methergin” zur physischen Hilfe bei der Geburt eine Art psychischen Geburtshelfer gefunden. Während der eine die Gebärmutter kontrahierte und dem Kind in die äußere Welt half erweiterte der andere das Bewusstsein und ermöglichte als “Teleskop in den Weltraum der Seele” (Stan Grof) Einsichten in die innere Welt.

Von 1948 bis zum internationalen Verbot des LSD im Jahr 1966 wurde die Substanz unter dem Namen “Delysid” von Sandoz hergestellt und weltweit von Ärzten, Psychiatern und Psychotherapeuten eingesetzt. In der “Sandoz Collection”, die mittlerweile an der Universität Bern gelagert wird, sind über 4500 Berichte über die Verwendung von LSD als Medikament in der therapeutischen Praxis und Forschung versammelt.

“Zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, besonders bei Angst- und Zwangsneurosen sowie zur experimentellen Untersuchung über das Wesen der Psychosen,” vermerkte der Beipackzettel, zusammen mit der Empfehlung an die Ärzte, das neuartige Medikament vor der Abgabe an ihre Patienten erst einmal selbst zu nehmen. Als kleinste wirksame Dosis wurden 50 Mikrogramm angegeben, ein Fünftel dessen, was Albert Hofmann vor seinem ersten Trip genommen hatte.

Und so findet sich in diesen Berichten von Ärzten und Forschern nur sehr wenig über “Horrortrips”, aber sehr viel über die erstaunlichen “seelischen Auflockerungen”, die vorbereitete und in ansprechender Umgebung begleitete Klienten erlebten. Auch bei deutlich höheren Dosierungen wie Hofmann sie bei seinem ersten gezielten Selbstversuch eingenommen hatte ließen sich Panik und Angstzustände durch entsprechende therapeutische Begleitung vermeiden.

Timothy Leary entwickelte an der Harvard-Universität zu Beginn der 1960er die These von “Set” und “Setting”, die besagt, dass die Wirkung von LSD neben der Dosis ganz entscheidend von dem aktuellen seelischen Zustand des “Reisenden” und einer entspannten, vertrauten Umgebung abhängig ist. Als Evangelist der LSD-Erfahrung betonte Leary zwar stets diese wichtigen Grundvoraussetzungen und in seiner berühmten Parole “tune in, turn on, drop out” steht das Einstimmen nicht zufällig vor dem Antörnen und dem Herausfallen aus den gewohnten Rastern der Wahrnehmung und des Denkens.

Doch Learys euphorische Popularisierung der damals noch legalen Droge sorgte dann nicht nur für seinen Rausschmiss aus Harvard, sondern 1966 auch für das internationale Verbot von LSD. Und damit auch für das Ende der therapeutischen Verwendung sowie der wissenschaftlichen Forschung insgesamt.

Verschiedene Geheimdienste, die wie die CIA in ihrem berüchtigten MK Ultra-Programm seit den 50er Jahren mit der Substanz experimentiert hatten – um sie als “Wahrheitsdroge” beim Verhör gefangener Spione, zur Gehirnwäsche sowie als chemische Waffe einzusetzen, um feindliche Armeen kampfunfähig zu machen -, gaben diese Versuche dann ebenso auf wie das Militär. Der Grund war nicht die Grausamkeit, andere Menschen ohne ihr Wissen in extreme Verwirrung zu versetzen, sondern eher die Tatsache, dass sich die Wirkung nicht vorhersagen und das Verhalten der Probanden nicht wirklich kontrollieren ließ, wie hier auf einem Video des britischen Militärs von 1964 schön zu sehen ist.

Einhergehend mit dem Verbot und dem Abtauchen der Produktion und des Konsums in den Untergrund der Hippiebewegung und der Gegenkultur dominierten in den Publikationen über LSD fortan Horror, Wahnsinn und Psychose, eine Panikmache, die Tim Leary zu dem bis heute zutreffenden Bonmot veranlasste: “LSD erzeugt Angst und Paranoia vor allem bei denen, die es nie genommen haben.” Bei denen, die es genommen hatten – seien es die zigtausend Klienten mit ärztlicher Aufsicht oder die Millionen mit ihren Freunden – war freilich meist das genaue Gegenteil der Fall: neue Einsichten in ihr Selbst förderten Mut und Selbstbewusstsein.

Der Psychiater Oskar Janinger, der in seiner Praxis in Los Angeles Ende der 1950er Jahren zahlreiche Künstler und Kreative mit LSD therapierte, führte diesen Effekt “auf eine Verschiebung des fundamentalen Referenzrahmens der Wahrnehmung” zurück, die “zu einer profunden seelischen Erschütterung und zu erstaunlichen Einsichten führen, in die Natur der Realität und darüber, wie unsere persönliche Existenz geformt ist.”

Als sein berühmtester Patient, der Schauspieler Cary Grant, in einem Interview bekundete: “Ich mag eigentlich keine Drogen, aber LSD hat mir sehr gut getan. Ich finde, alle Politiker sollten LSD nehmen”, konnte Dr. Janinger sich vor Anfragen kaum noch retten. Allerdings nicht von Politikern, die den unkonventionellen Stoff denn auch bald auf ihre konventionelle Art – mit dem Strafrecht – aus der Welt zu schaffen suchten.

Auch der Psychologe Jim Fadiman musste nach dem Verbot 1966 seine Experimente zur Problemlösung mit Ingenieuren und Wissenschaftlern abbrechen, die er auf LSD schwierige physikalische und technische Probleme lösen lies – und begann vier Jahrzehnte später, die zuerst aus dem Silicon Valley kommenden Nachrichten über den Konsum von LSD in winziger Dosierung (10-20 Mikrogramm) zu erforschen, deren Nutzer über ihre Steigerung von Konzentration, Produktivität und guter Laune berichteten.

Wissenschaftliche Studien über diese “Microdosing” genannte Konsumform und die Frage ob und wie solche Kleinstmengen der Substanz überhaupt wirken, liegen noch nicht vor, dafür aber zahlreiche und überwiegend äußerst positive anekdotische Berichte von Nutzern, die mit einer solchen Mini-Dosis ihrer Arbeit nachgehen. Der neue Trend des Microdosing war auch ein Thema auf dem Symposion, das zum 75. Jahrestag der Entdeckung am 19. April in Basel stattfand. Schon Albert Hofmann hatte festgestellt, dass er mit kleinen Dosierungen “besser denken” könne und Francis Crick, der Entdecker der DNA-Doppelhelix hatte darüber berichtet, dass er kleine Mengen LSD zum Nachdenken verwendete; dass er allerdings so auf die Idee der Doppelspirale DNA-Moleküls gekommen sei, wie es die Daily Mail nach seinem Tod 2004 berichtete, ist umstritten.

Unbestreitbar high war allerdings ein weiterer mit dem Nobelpreis gekürter Genforscher, Kary Mullis, der 1983 die Polymerase Kettenraktion (PCR) entdeckte, die als wichtigstes Werkzeug der genetischen Medizin gilt. Das Wochenende vor der Entdeckung verbrachte er mit LSD auf seiner einsamen Hütte bei Mendocino, wo ihn im Wald ein “leuchtendes Kannichen” angesprochen hätte.

An die Details dieser merkwürdigen Begegnung konnte Mullins sich nicht mehr erinnern, seine Erinnerung setzte erst Stunden später auf dem Rückweg zur Hütte wieder ein. Als er auf der Heimfahrt im Auto darüber nachdachte, sei ihm dann die PCR-Idee gekommen, die er im Labor sogleich umsetzte, schreibt Mullis in seiner Autobiographie mit dem schönen Titel “Dancing naked in the mindfield”.

Dass Kaninchen möglicherweise leuchten und mit einem “sprechen” können, wenn man die Antennen der Wahrnehmung mit einer kräftigen Dosis LSD verstärkt und nackt im Bewusstseinsfeld tanzt , klingt für Acid-Heads nicht sonderlich überraschend; dass man aber in einem solchen Zustand komplexe bio-chemische Probleme löst, ist äußerst unwahrscheinlich. Naheliegend ist deshalb, dass Kary Mullis sein “Heureka!”-Erlebnis hatte, als er nach einem starken Trip am nächsten Morgen noch ein wenig “mikrodosiert” war.

Dass es bei einer nachlassenden, ausklingenden LSD-Wirkung und dem Wiedereintreten der “normalen” Wahrnehmung zu Phasen kommen kann, bei der man mit dem Gegenstand seiner Beschäftigung oder Betrachtung – einem Partner, einem Werkzeug, einem Instrument, einer Maschine – gleichsam verschmilzt, ist ein sehr bekanntes und oft beschriebenes Phänomen. Dies deutet darauf hin, dass es sich auch bei den Berichten über die wunderbaren Wirkungen von Mini-Dosierungen nicht nur um Medien-Hype, Mythen oder Placebo-Effekte handelt. Was dabei allerdings im Gehirn vor sich geht bedarf noch weiterer Erforschung.

Als beim Abendessen mit einigen Referenten des Jubiläums-Symposions das Thema auf Microdosing kam, warf ich die steile These in den Raum, dass LSD nicht entdeckt worden sei, damit CEOs und Start-Upper ihre blöden Bilanzen und Businesspläne damit optimieren. Und dass dieses Selbstoptimierungs-, Effizienz- und Produktiviäts-Doping nicht auf Erweiterung, sondern auf Vertunnelung des Bewusstseins hinausläuft.

Dem stimmten die meisten zwar zu, wendeten aber ein, dass der “Microdosing”-Trend dazu beitragen könnte, dass LSD und andere psychoaktive Substanzen wieder Eingang in den Arzneimittelkatalog finden und Ärzten und Therapeuten wieder zur Verfügung steht. Dass es dort besser aufgehoben wäre als im Strafgesetzbuch ist sicher, doch ebenso sicher ist ein von Pharmakonzernen vermarktetes “Gehirndoping” auch keine wünschenswerte Alternative.

Erschienen auf telepolis

Zum 100. Geburtstag Albert Hofmanns 2006 haben Roger Liggenstorfer und ich eine Sammlung seiner letzten Essays herausgegeben: ” AlbertHofmann und die Entdeckung des LSD – Auf dem Weg nach Eleusis”.

Kruzifix! Bayern wieder mit Balkensepp

„Kruzifix! Bayern ohne Balkensepp“ hatte die taz am 11. August 1995 getitelt, als ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts ergangen war, nach dem ein Kreuz in Schulzimmern staatlicher Schulen gegen die im Grundgesetz festgelegte Trennung von Staat und Kirche verstößt. Ein Elternpaar hatte gegen die dekorative Indoktrination bayerischer Klassenzimmer geklagt und Recht bekommen. Die Aufregung war damals groß – Mitglieder der bayerischen Regierung riefen auf, das Urteil des höchsten Gerichts einfach zu ignorieren und die taz fing sich einige Strafanzeigen ein, die freilich von den Gerichten abschlägig beschieden wurden. Auf Antrag der Deutschen Bischofskonferenz sprach der Presserat der Zeitung aber eine „Missbilligung“ aus und befand, dass „Balkensepp“ ebenso wie die gut bayerische Bezeichnung „Lattengustl“, die in dem zugehörigen Artikel verwendet wurde, die Gefühle von Christen verletzten könne. Da das Selbstkontrollorgan der Printmedien aber keine juristische Instanz ist, blieb die Schlagzeile ohne strafrechtliche Folgen. Wie auch schon einige Jahre zuvor ein metallenes Kruzifix, das die „Titanic“ mit der Überschrift: „Ich war eine Dose“ versehen hatte. Auch den Absturz einer „polnischen Flugente“, wie ihn der Kolumnist Wiglaf Droste zum Tod des viel gereisten Papsts Karol Woijtyla meldete, waren wie Balkensepp und Lattengustl nicht justiziabel – weil nicht in der Lage „den öffentlichen Frieden zu stören.“ Nur dann greift der Paragraph 166 des Strafgesetzbuchs, der die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionen und Kirchen mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe ahndet.

Es reicht also nicht, wenn sich Frömmler jedweder Provenienz einfach nur beleidigt fühlen: schärfste Satire, grobe Witze und  Verächtlichmachung sind auch weiterhin erlaubt. Zu derart geschärften Waffen zu greifen gebietet jetzt der Kruzifix-Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten Söder, der par ordre de mufti verfügt hat, alle Behörden des Landes mit einem Balkensepp auszustatten: „Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen.“ heißt es in der Verordnung, die am 1. Juni in Kraft tritt.

Ob künftig auch der FC Bayern in der Kabine ein Kreuz aufhängen und bei Auswärtsspielen ein selbiges mitzuführen hat, war von Söders Büro noch nicht in Erfahrung zu bringen. Wenn dies aber der Fall ist – nach dem absehbaren Ausscheiden aus der Champions-League ist alles möglich! – wird der Söder Markus den Lattengustl sicher persönlich aufhängen, wie er es in seiner Staatskanzlei im Blitzlichtgewitter der Fotografen schon höchst selbst getan hat. “Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung”, so Söder, und dass künftig keine Kfz-Zulassungsstelle, kein städtisches Hallenbad und schon gar keine Ausländerbehörde ohne einen Balkensepp im Eingangsbereich davon kommt, dafür würde sich der Erlöser der Bajuwaren und Retter der abendländischen Identität notfalls selber kreuzigen lassen. Was aber leider nicht zu befürchten ist, denn dass das Verfassungsgericht die Zwangs-Kruzifizierung wieder in die Tonne treten wird wo sie hingehört, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

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