Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 36

Nach einem Aufruf zum Waffenstillstand und zu Verhandlungen in der Ukraine hat Deutschlands beliebtester Pöbel-Diplomat  einmal mehr einen Treffer auf der nach oben offenen Melnyk-Skala gelandet. Man muss den Mann verstehen. Als Vertreter einer Bananenrepublik ohne Bananen hat er nicht viel zu bieten und muss mit schrillen Tönen auf sich aufmerksam machen, und als Botschafter eines Regimes, das alle oppositionellen Parteien und Medien verboten hat, hat er mit Debatten,-und Meinungsfreiheit einfach nichts am Hut. Und außer “Heil Ukraine”, dem Schlachtruf seines SS-Helden Bandera, auch nicht allzu viel in der Birne, weshalb jeder Hinweis, dass es wie 1941 ff. auch dieses Mal nichts wird mit dem Endsieg über die russischen “Untermenschen”, als teuflischer Defätismus zur Hölle gewünscht werden muss.
Auf Unterstützung kann  er  dabei noch aus den meisten deutschen Medien, von deren Laptop-Bombern jede Kritik an weiteren Waffenlieferungen  und Verhandlungen mit – Gottseibeiuns!!! – Putin als “Unverschämtheit” abserviert wird. Eine hirnlose Homeoffice-Haubitze erfand im ehemaligen Nachrichtenmagazin für solche Friedenshetzer die Schmähung “Lumpenpazifisten” – ein Thema, das die “Titanic” schon 1981 aufgriffen hatte, als Aufrufe zur Abrüstung und Frieden schon einmal als staatsfeindliche Hetze galten und “verfassungschutzrelevant” wurden. Damals ging es um die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen, “Pershing-2” im Westen und “SS-20” im Osten Europas, nach dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss gegen den es in Deutschland starke Proteste gab, Sitzstreiks vor US-Kasernen, Großdemonstrationen – mit Erfolg: 1987 rüsteten Gorbatschow und Reagan diese Raketen ab. 2018 wurde der Vertrag durch die USA gekündigt, 2002 hatte George W. Bush schon den ABM-Vertrag zur Begrenzung von antiballistischen Raketenabwehrsystemen gekündigt. Das Ergebnis sehen wir jetzt: Russland verfügt nicht nur über weltbesten Abwehrsysteme (S-400/500/550), sondern mit dem Arsenal hypersonischer Raketen auch über unschlagbare Angriffswaffen.  Dass man gegen eine derart gerüstete Streitmacht  besser nicht antritt und man Provokationen und Eskalationen tunlichst vermeiden und an Abrüstungs-, und Friedensverträgen arbeiten sollte, ist ein Gebot der Vernunft – und “pseudo-intelektuell” sind nicht diejenigen, die das fordern, sondern pöbelnde  Neo-Faschisten vom Kaliber Melnyk.

So richtig und wichtig der Aufruf also ist, so wenig scheinen die Unterzeichner die Lage aber wirklich erkannt zu haben:

“Verhandlungen bedeuten nicht, wie manchmal angenommen wird, der Ukraine eine Kapitulation zu diktieren. Einen Diktatfrieden Putins darf es nicht geben. Verhandlungen bedeuten auch nicht, etwas über den Kopf der Beteiligten hinweg zu entscheiden. Die internationale Gemeinschaft muss vielmehr alles dafür tun, Bedingungen zu schaffen, unter denen Verhandlungen überhaupt möglich sind. Dazu gehört die Bekundung, dass die westlichen Akteure kein Interesse an einer Fortführung des Krieges haben und ihre Strategien entsprechend anpassen werden.”

Diese “Bedingungen”  waren acht Jahre lang in Minsk gegeben und die “westlichen Akteure” haben sie verstreichen lassen, um diesen Krieg zu provozieren. Statt auf den ultimativen russischen Appell zu Verhandlungen im Dezember zu antworten, wurden die Attacken auf die Donbass Region massiv verschärft und haben bis heute nicht aufgehört. Der Westen zeigt kein Interesse an seinem Ende und liefert weiter Waffen um bis zum letzten Ukrainer kämpfen zu lassen. Eine “Anpassung der Strategien” ist auf anglo-amerikanischer Seite nicht absehbar, im Gegenteil wird jetzt via Litauen am Korridor nach Kaliningrad gezündelt, um möglichst noch eine weitere Kriegsfront zu eröffnen. Nicht nur die Nazis in den eigenen Reihen halten Zelensky von Verhandlungen ab,  auch seine Overlords in  Washington und London wollen sie nicht; und die Vasallen in Berlin und Paris, die schon in Minsk versagt haben, haben ohnehin nichts zu melden und machen weiter gute Miene zum ebenso wirkungslosen wie selbstmörderischen Zirkus.
Unter solchen Bedingungen sind Verhandlungen unmöglich und Russland hat keinerlei Grund,  seine “Militäroperation” zu beenden, bevor die genannten Ziele (“Demilitarisierung”/”Denazifizierung”) erreicht sind. Wie sie konkret gestaltet werden, muss am Ende verhandelt werden, doch wird der Krieg so lange weitergehen, bis diese Bedingungen  – keine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, keine Neo-Nazis in Regierung und Militär – akzeptiert sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob man das dann “Kapitulation” nennt oder einen anderen Begriff findet, an diesem “Diktat” Putins wird kein Weg vorbeiführen.

“Der Krieg “, heißt es bei Carl von Clausewitz (“Vom Kriege”, 1832),  “ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.” Und weiter:

Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine Lage versetzen, die nachteiliger ist als das Opfer, welches wir von ihm fordern; die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich, wenigstens dem Anscheine nach, nicht vorübergehend sein, sonst würde der Gegner den besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben. Jede Veränderung dieser Lage, welche durch die fortgesetzte kriegerische Tätigkeit hervorgebracht wird, muss also zu einer noch nachteiligeren führen, wenigstens in der Vorstellung. Die schlimmste Lage, in die ein Kriegführender kommen kann, ist die gänzliche Wehrlosigkeit. Soll also der Gegner zur Erfüllung unseres Willens durch den kriegerischen Akt gezwungen werden, so müssen wir ihn entweder faktisch wehrlos machen oder in einen Zustand versetzen, dass er nach Wahrscheinlichkeit damit bedroht sei.

“Faktisch” sind die ukrainischen Truppen im Donbass schon länger nahezu wehrlos, werden systematisch vernichtet und wie die letzten Gipfeltreffen klar gemacht haben, kann die NATO das weder militärisch  verhindern, noch kann die G7 was den Wirtschaftskrieg betrifft irgendetwas tun, weil noch mehr Sanktionen nur tiefer ins eigene Fleisch schneiden. Schon muss die rot-grüne Kriegsregierung auf den Weltmeeren die Totenkopf-Fahne hissen und die Schiffe anderer Nationen kapern – so gerade geschehen mit drei russischen LNG-Tankern – um sich aus der von der Sanktionspolitik verursachten Energiekrise zu retten. Und jeder Tag der “kriegerischen Tätigkeit” Russlands führt zu einer noch nachteiligeren Lage, sowohl für die armen Ukrainer an der Front wie auch für ihre Unterstützer im Ausland. Für eine “exzeptionalistische Nation” , die glaubt mit “the world `s finest fighting force” ausgestattet zu sein, mag dieser worst case, “die gänzliche Wehrlosigkeit”, ein Ding der Unmöglichkeit sein, faktisch aber ist diese schlimmste Lage eingetreten. Und es bleibt nichts anderes, als  zu kapitulieren und “den Willen des Gegners zu erfüllen”. Man mag ihm durch Verlängerung des Kriegs noch ein paar Verluste beibringen, doch nur um den Preis noch höherer eigener Verluste. Die Niederlage lässt sich damit nicht abwenden. Aber, noch einmal Clausewitz:


„Kapitulieren ist ein hoch komplizierter und gefährlicher Akt; der vernichtete Gegner legt die Waffen nieder, mit denen er Momente zuvor noch auf den Sieger geschossen hat. Weder emotional noch rein physisch, vor allem bei einer größeren Menge kapitulierender Soldaten, ist dies kein einfacher Vorgang.“

Hier könnte der Präsidentendarsteller Zelensky in eine neue, zivilgesellschaftliche Rolle schlüpfen und seine Leute in die Kunst der Niederlage einführen. Und klar machen, dass es eine Alternative zu “Tod oder Sieg” gibt – wenn ihm erlaubt würde, nach einem solchen Skript zu agieren. Doch haben seine Overlords  offenbar noch keinen PR-Dreh gefunden, wie sie sich aus der Niederlage rauswinden und lassen erst mal einfach weiter kämpfen, planlos und gnadenlos bis zum letzten Mann. Nach Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien ist dies die neueste (und hoffentlich letzte) außenpolitische Katastrophe der US-Necons – und die am Ende (und hoffentlich ausschlaggebende) Lektion für die europäischen Vasallen, dass sie die eigentlichen Verlierer in diesem Spiel sind.
Das scheint auch Olaf Scholz langsam irgendwie zu dämmern, der hinter verschlossenen Türen in Brüssel seine Sorgen über einen EU-Beitritt der Ukraine auf den Tisch gebracht hat. Die völlig überschuldete Oligarchenrepublik wäre dann der fünftgrößte EU-Staat und könnte nicht nur erheblichen Einfluss, sondern auch massive Subventionen geltend machen. Da diese zum Beispiel für die Landwirtschaft von der Fläche abhängig sind,  dürfte es aber eher neue Bauernkriege in Frankreich und Deutschland geben als dass die hiesigen Landwirte ihren Topf mit der Ukraine teilen. Wer die EU samt Euro richtig crashen lassen will muss eigentlich nur weiter an diesem Beitritt arbeiten und etwa, wie Bloomberg meldet, die Druckmaschine anwerfen und mal schnell 500 Milliarden Euro für den “Wiederaufbau” klar machen. Eine Nachricht, die in diesem Zusammenhang in den sozialen Medien kursiert, konnte ich unterdessen noch nicht verifizieren:  “44 Prozent der Jugendlichen wissen nicht was Inflation ist, aber sie würden sich dagegen impfen lassen.”

Mit Tom Wellbrock habe ich am Wochenende über den Stand der Dinge gesprochen:

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

Jacques Baud: Ukraine, NATO und Geheimdienste

Auf die Interviews und Artikel von Jacques Baud – ehemaliger Oberst des Schweizer Militärgeheimdiensts und UN-Waffeninspekteur u.a. in der Ukraine – hatte ich in meinen “Notizen” schon mehrfach hingewiesen. In dem aktuellen Gespräch mit  Dirk Pohlmann liefert Jacques Baud verblüffende Informationen zu den Hintergründen der aktuellen Ukrainekrise, gibt Einblicke in die strategischen Ausrichtungen der NATO und Russland, beleuchtet die Rolle der europäischen Geheimdienste sowie die Zukunft Europas und überrascht mit einem spannenden Erklärungsversuch zur irrationalen Sanktionspolitik des Westens. Ein Interview der Sonderklasse!

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 35

Am 23. Juni tagte eine Kommission der US-Regierung, die “Commission on Security and Cooperation in Europe”, zum Thema “Entkolonisierung Russlands”. Über den Titel “Decolonizing Russia” , stolperte ich zuerst einmal, weil ich von Kolonien Russlands noch nie gehört hatte. Hat Putin die “Lolita”-Insel von Jeffrey Epstein übernommen und muss jetzt enteignet werden ? Wurden russischsprachige Indigene in Südamerika entdeckt, die einst dem Zaren ihr Land urkundlich übereigneten – im Tausch gegen Bärenfelle? Um welche Kolonien geht es ? Aufklärung brachte der demokratische Abgeordnete Steve Cohen in seiner Präsentation, der darlegte dass die Russen “im Wesentlichen ihr eigenes Land kolonisiert haben” und Russland “keine stringente Nation in dem Sinne ist, wie wir sie in der Vergangenheit kannten.” Weshalb es, so der Autor Casey Michel, ein weiterer Podiumsteilnehmer, bei der “Entkolonialisierung Russlands” nicht nur um die “Aufteilung” und “Zerstückelung” der Russischen Föderation geht, sondern um ein “authentisches Engagement für den Antiimperialismus”. So hatte er es allen Ernstes schon in einem Artikel für “The Atlantic” beschrieben und ganz in diesem Sinne forderte die Konferenz ihre Regierung auf, separatistischen Bewegungen zu fördern und nannte insbesondere Tschetschenien, Tatarstan, Dagestan und Tscherkessien als mögliche Kandidaten für eine “Entkoloniesierung”. Sibirien wurde gesondert erörtert und soll nach Ansicht der Kommission in mehrere Republiken aufgeteilt werden.
Nun könnte man sagen, dass solche Kommissionen, bestückt mit Pappnasen aus dem woken NGO-Sumpf keine Rolle spielen, doch das sind die Regime Change und “Farbenrevolution”-Manufakturen, deren gefährliche Phantatstereien schon mehr als einmal zu mörderischem Chaos und Zerstörungen geführt haben. Wenn hier also jetzt die Zerschlagung Russlands als “moralischer und strategischer Imperativ” gefordert wird, ist das durchaus ernst zu nehmen, zumal der geopolitische Altmeister Zbig Brzezinski Ähnliches schon 1997 vorgeschlagen hatte – es aber auf dem aktuellen Pulverfass des Ukrainekriegs zu tun, hat schon eine besondere Note.

Dass man sich in Russland derartige Verbreitung von “Demokratie” verbittet, musste sich die Zündkerze Olaf Scholz ja gerade schon von Funky Maria sagen lassen. Und die “Dekolonisierungs”-Pläne des US-Statedepartments werden einmal mehr dafür sorgen, dass sich die Russen in ein offenbar stets wiederkehrendes Muster versetzt fühlen : in jedem Jahrhundert schließt sich der kollektive Westen zusammen und fällt über Russland her. 1812 Napoleon mit der größten Armee Europas, 1941 Hitlers Wehrmacht mit ihren Alliierten aus ganz Europa und nunmehr NATOstan mit der gesamten EU. Das hat man, so Außenminister Sergey Lavrov letzte Woche, in Russland sehr wohl verstanden:


“Wir machen uns wenig Illusionen darüber, dass sich die russophobe Stimmung in der EU irgendwie auflösen oder langfristig ändern wird. Aber das ist der Weg, den die Europäer gewählt haben. Als der Zweite Weltkrieg begann, versammelte Hitler eine beträchtliche Anzahl – wenn nicht sogar die Mehrheit – der europäischen Länder unter seiner Flagge, um gegen die UdSSR Krieg zu führen. Jetzt bauen die EU und die NATO eine zeitgenössische Koalition auf, im Wesentlichen, um Krieg gegen Russland zu führen.”

Der Krieg wird von der “Koalition” ja bereits geführt, außer mit größeren Mengen Soldaten mit allem was sie außer Fußtruppen an Geld, Waffen, Beratern und privaten Söldner – sowie an Sanktionen, “Cancel- Kultur” und Russophobie – zu bieten hat. Dass sich die Russen in den “Großen Vaterländischen Krieg” zurückversetzt fühlen, muss da niemanden mehr wundern und es ist wohl auch kein Zufall, das Wladimir Putin als Ziel der russischen “Spezialoperation” in der Ukraine zwei Begriffe aus dem Potsdamer Abkommen von 1945 verwendet hat: “Denazifizierung” und “Demilitarisierung”. Dass eine solche angesichts von Hakenkreuz-Brigaden und der massiven Aufrüstung der Ukraine – aus russischer Sicht – als absolut notwendig angesehen wird, hat wenig mit “Putins Paranoia” zu tun, sondern mit einer realisitischen Einschätzung der Sicherheitslage. Und dass es nicht um die Ukraine geht, sondern um den regime change in Moskau, machen nicht zuletzt US-Pläne wie die “Dekolonisierung” Russlands deutlich: NATOstan rückt nicht nur seit 30 Jahren immer näher, es hat auch keine freundlichen Absichten. Vielmehr schon recht genaue Vorstellungen, dass und wie das Fell des Bären geteilt werden muss. Auch wenn er noch nicht erlegt ist, was sich die glorreichen Sieben auf dem G-7-Treffen in Bayern aber vorgenommen haben. Wenn ich mir diese Herrn unter Führung unserer Ex “Panzer Uschi” bei ihrem Grinsekatzen-Fototermin mit Obersalzberg-Panorama aber so anschaue, wird mir doch ein wenig mulmig. Zuvor hat Boris Johnson ja noch angeregt, dass man wegen der Sommerwärme doch die Hemden ablegen könne, um zu zeigen, dass wir “genauso tough wie Putin” sind…wat ham wer jelacht. Jedoch: mit derartigen Fähnleinführer-Fieselschweif-Clowns Krieg gegen Russland zu führen, kann nur in die Katastrophe führen.

Was den Wirtschaftskrieg betrifft sind wir da ja schon gelandet, mit der grandiosen Strategie den Rubel zu “Rubble” zu schrumpfen – Interfax am 28.6.: «Der Dollar kostet das erste Mal seit dem 28. Mai 2015 weniger als 52 Rubel. Der Euro kostet erstmals seit dem 26. Mai 2015 weniger als 55 Rubel»  – und mit Sanktionen Russlands Wirtschaft zu “ruinieren” (A.Baerbock). Eine Studie der “Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft” meldet passend dazu, dass jetzt ein Einruch von 12,5 des BIP droht – in Deutschland, beim Ausbleiben von russischem Gas. Bisher hat Gazprom über “Nordstream 1” noch vertragsgemäß geliefert und angeboten, die aktuelle Reduktion wegen einer durch Sanktionen blockierten Reparatur einer Turbine via “Nordstream 2” zu ersetzen – was Deutschland mit Händen und Füssen ablehnt. Nicht weil damit der Krieg beendet und auch nur ein einziges Leben gerettet wird , sondern weil an dem Dogma festgehalten wird, dass Sanktionen den “Feind” in die Knie zwingen. Und man so tun kann, als ob Russland, das Öl und Gas weiter zu regulären Preisen verkauft, und nicht die eigene Embargo-Politik an den gestiegenen Preisen schuld sei; und “Putin” verantwortlich für die Inflation und nicht FED und EZB, die seit zwei Jahren Geld drucken als ob es kein Morgen gäbe. Wenn aber die Geldmenge in so kurzer Zeit um über 30% (Dollar) bzw. über 20% (Euro) erhöht wird, ist Inflation weder ein Wunder noch vom brutalen Russen verursacht.

Wenn diese glorreichen G7-Spezialexperten jetzt auch noch militärisch richtig loslegen wollen, um es besser zu machen als Napoleon und Hitler, weil es “keinen Diktatfrieden Putins” (Olaf Scholz) geben dürfe, sollte man den “Kriegskanzler” dringend darauf aufmerksam machen, dass die Russen den Weg nach Paris und nach Berlin kennen und die Angewohnheit haben, das Übel, das ihnen auf die Pelle rückt, bis an die Wurzel zurückzuverfolgen. Eine Renovierung des Berliner Führerbunkers, von dem aus er gern den Frieden diktieren will, ist allerdings nicht nötig – für Kinzhal, Sarmat & Co. sind Bunker kein Thema. Das scheint den G7-Zwergen, die sich für militärische Riesen halten, aber immer noch nicht wirklich klar zu sein. Ihr Plan, jedes Friedensabkommen (Minsk) zu verhindern, die ukrainische Armee acht Jahre lang aufzurüsten und dann Donbass und Krim zurück zu erobern, ist gescheitert: die größte Proxy-Armee, die die NATO je aufgestellt hat, wird derzeit im Osten und Süden der Ukraine systematisch zerrieben. Und die Entscheidung, wann diese “Demilitarisierung” beendet ist, liegt nicht bei Biden, Johnson, Macron oder Scholz, sondern allein bei Putin – sowie bei Zelensky, wenn ihm die Erstgenannten erlauben, die weiße Fahne zu schwenken und bedingungslos zu kapitulieren.
Dass es zu diesem schrecklichen “Schlachtfest” mit 500-1000 getöteten und verwundeten Ukrainern pro Tag kommen wird, weil sie gegen Russland keine Chance haben, war absehbar und wurde hier seit Ende Februar vorhergesagt. Den G7-Chefs, die über die NATO-Armeen gebieten, scheint die Wahrnehmung dieser Realität aber immer noch schwer zu fallen, was wohl damit zu tun hat, dass sie es zum ersten Mal nicht mit einem wehrlosen Wüstenstaat zu tun haben, den sie mit Sanktionen und Bombern platt machen können, sondern mit einer nuklearen Supermacht, die sich wirtschaftlich und militärisch nicht nur verteidigen, sondern zurückschlagen kann. Außer hohlen Sprüchen, dass Russland demnächst so gut wie alles ausgeht – Raketen, Munition, Soldaten, Zeit, Geld, Moral, Panzer, Kampffähigkeit etc.pp. – wenn wir nur noch bißchen Material nachliefern und “die Kosten für Putin steigern”, haben sie nichts zu bieten. Wenn es nach landläufiger Definition Wahnsinn ist, immer wieder das gleich zu tun und andere Ergebnisse erwarten, dann sind die westlichen Führer ihm offensichtlich verfallen: mit einer Sanktion nach der anderen, obwohl sie nicht wirken und nach hinten losgehen;  und mit einer Erweiterung der NATO (Schweden & Finnland), obwohl die dauernden Erweiterungen der eigentliche Grund für den Krieg sind.
Diese lange Vorgeschichte des Konflikts und der achtjährige Bürgerkrieg in der Ukraine werden in der medialen Empörungsbewirtschaftung der russischen “Intervention” (wie solche Angriffe, Überfälle oder “robuste” Militäroperationen genannt werden, wenn sie von der westlichen “Wertegemeinschaft” ausgehen) in aller Regel unterschlagen, ebenso wie das eigentliche Ziel der G7/NATO-Combo in diesem Krieg – die Zerschlagung und “Entkolonisierung Russlands”. Fidel Castro scheint Anfang der 1990er Jahre die Sache schon richtig eingeschätzt zu haben  – die Kommision des US-Statedpartments verkauft ihre imperialistischen Pläne als authentischen “Anti-Imperialismus”; und der Komiker Zelensky sein Regime, das sämtliche oppositionellen Parteien und Medien verboten und die Hakenkreuz-Brigaden zu Nationalhelden erkoren hat, als Verteidiger von “Freiheit” und “Zivilisation”.
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 34


“Projektion” ist laut Lexikon der Psychologie “ein zentraler Abwehrmechanismus, das unbewußte Übertragen von Affekten und Impulsen auf ein Gegenüber”. Wie dieser Mechanismus bei dem deutschen Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck am Werke ist, hat ein Interview mit ihm gerade wunderbar gezeigt. “Putin will, das sich unser Land zerlegt”, behauptet er und ist doch gerade selbst dabei,  in “dienender Führungsrolle” (Habeck) der Sanktionspolitik der USA zu folgen und den Industriestaat Deutschland an die Wand zu fahren.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wirft Wladimir Putin vor, mit den hohen Gaspreisen Unsicherheit und Angst in Deutschland zu schüren. Dies sei “der beste Nährboden für einen Populismus, der unsere liberale Demokratie von innen aushöhlen soll”, sagte Habeck dem “Spiegel”. Das sei Putins Strategie, “und die darf nicht aufgehen”, so Habeck weiter.
Der Vizekanzler warnte vor einem harten Winter. “Wir sind jetzt schon da, wo Deutschland nie war”, so Habeck. Allein wenn die russischen Gaslieferungen so niedrig blieben, wie sie jetzt sind, laufe man auf eine Gasmangellage zu. “Es wird auf jeden Fall knapp im Winter”, so der Wirtschaftsminister. “Wenn das Gas nicht ausreicht, müssten bestimmte Industriebereiche, die Gas benötigen, abgeschaltet werden.”
“Es ist ein externer Schock, dessen Lasten getragen werden müssen”, sagte Habeck und appellierte an die Solidarität der Bürger, Energie zu sparen. “Menschen sollen sich nicht fragen müssen, was sie kriegen, sondern sie sollen es tun, weil sie Bock haben, in diesem Land zu leben, weil sie Stolz und Freude dabei empfinden, für andere etwas zu tun.”
Die Menschen in Deutschland trügen die aktuell hohen Preise und die hohe Inflation mit großer Geschlossenheit. Das sei eine starke Antwort auf Wladimir Putins Plan, durch hohe Preise eine Spaltung der Gesellschaft zu erreichen. “Putin will, dass sich unser Land zerlegt. Aber wir zerlegen uns nicht”, so Habeck.

Die hohen Gaspreise hat Habeck selbst verursacht, weil seine Regierung eine Belieferung über Nordstream 2 abgelehnt hat, “Putin” hat damit rein gar nichts zu tun.  Er will nicht Deutschland zerlegen, sondern die Ukraine “entmilitarisieren” und läßt sich davon durch Sanktionen nicht abhalten. Er will auch nicht unsere sogenannte “liberale Demokratie von innen aushöhlen”, sondern sich die Hakenkreuz-Fanatiker vor seiner Haustür vom Hals schaffen – und wird sich davon  durch noch ein paar mehr deutsche Panzer und Haubitzen nicht abhalten lassen. Sowohl militärisch wie auch wirtschaftlich ist dieser Krieg nicht zu gewinnen – DAS  hätte ein verantwortungsbewußter Vizekanzler einzusehen, zu verstehen und seinen von vier Monaten triumphalistischer Propaganda irregeführten Bürgern zu verklickern. Stattdessen wie ein Kennedy für Arme (“Frage nicht was dein Land für dich tun kann…)bzw. wie ein grüner Sarrazin zu tönen, und den Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen, weil sie “Bock haben”  ärmer zu werden  und “Freude dabei empfinden, für andere etwas zu tun” ist einfach nur dreist. Denn es gibt keinen “externen Schock”, sondern nur einen selbst verursachten, ausgelöst durch eine Sanktions-Orgie, die den Marktpreis für Gas und Öl in die Höhe treibt. Zur Freude Russlands, das bis Ende Mai im Energieexport 2022 schon 50 Milliarden Dollar mehr eingenommnen hat als im Vorjahreszeitraum, sowie der USA, die mit ihrem Fracking-Gas auf den Weltmarkt drängen, was aber nur bei hohen Öl,-und Gaspreisen profitabel ist. Aber nicht, wenn Russland weiter billiges Öl und Gas nach Europa liefert.
Willkommen in Pipelinestan, im Kampf um die Rohstoffe auf dem geopolitischen Schachbrett, in dem der Minister einer “grünen” Partei sich im Auftrag des US-Imperiums freiwillig von billiger Energiezufuhr abschneidet, um Kohlekraftwerke  anzuwerfen  und teures Fracking-Gas  zu importieren. Und ein EU-Embargo russischen Öls propagiert, um dann auf dem Weltmarkt “Lettisch Blend” (nur 49,9% russisch!) einzukaufen, oder “indisches” Öl, das Russland zum Discountpreis an Indien liefert, oder anderswo aus unklaren Quellen zu überhöhten Preisen die Energie zu beschaffen, ohne die Haushalte und Industrie nicht überleben können. Und der die Katastrophe seiner eigenen unökonomischen, antiökologischen, asozialen Politik auf einen ultrabösen Buhmann externalisieren muss, weil anders die kognitive Dissonanz nicht auszuhalten ist. Dass der Vizekanzler seine Pressekonferenz zum “Notfallplan Gas” im Beerdigungsanzug mit schwarzem Schlips hielt, um “Bock” und “Freude” beim Frieren und Verarmen zu verkünden, war passend: Habemus Habeck, Totengräber der Wirtschaft, Terminator des Industriestandorts, Bestatter des Wohlfahrtstaats Deutschland.

Anders als der Ministerin unseres Äußersten hatte ich Habeck ja eigentlich einen IQ über Zimmertemperatur zugetraut, aber mental ist er offensichtlich im selben US-Think-Tank-Tiki-Taka-Land unterwegs wie Annalena “Russland ruinieren” Baerbock.  Sonst  wäre ihm schon aufgefallen, dass der Plan nicht funktioniert, weil das Sanktions-Feuerwerk komplett nach hinten losgeht ; und dass er nicht für das Wohl seines Volkes agiert, sondern als Erfüllungsgehilfe einer anglo-amerikanischen Agenda, die zum Scheitern verurteilt ist und Europa ruinieren wird. Denn weder ist der Krieg militärisch zu gewinnen, noch hat ein Wirtschaftskrieg irgendeine Aussicht auf Erfolg: Russland ist das einzige Land der Welt, das völlig autark werden könnte ohne auf modernen Lebensstandard zu verzichten, weil es in seinem “sibirischen Schatzkästchen” über sämtliche Rohstoffe und Energie und über  genügend KnowHow, Industrie und High- Tech verfügt. Weil einiges davon auf Kooperationen und Importen westlicher (Ex-)Partner  beruht, kommt es wegen der Sanktionen zu Verzögerungen und Problemen, aber die werden gelöst, die ersten Flugzeuge 100% Made in Russia sind zum Beispiel schon am Start. Und wenn  Habeck wie unlängst behauptet, dass Russlands Wirtschaft  bald zusammenbricht,  weil es wegen fehlender Ersatzteile ihre Airbusse und Boeings nicht mehr fliegen kann, zeigt das einmal mehr seine gefährliche Ahnungslosigkeit. Die größte Auslandsfabrik der Boeing-Werke sitzt in Moskau, bestückt mit hunderten russischen Ingenieuren, die jede Schraube an einer  737 nachbauen können. Wenn also die 500 westlichen Zivilmaschinen, die wegen Sanktionen und Flugverboten seit vier Monaten in Russland festsitzen, am Ende beschlagnahmt werden, könnte sich “Aeroflot” über reichlich Zuwachs freuen.
Robert “Six Feet Under” Habeck hält unterdessen mit seiner Co-Beerdigungsunternehmerin von der Leyen weiter an dem Embargo-Irrsinn fest, innerhalb von  sechs Monaten ganz auf russisches Öl zu verzichten, ohne zu wissen, wie das technisch überhaupt funktionieren soll. Das Desaster ist jetzt schon vorprogrammiert, denn:

Das derzeitige, von der EU offiziell gebilligte Vorgehen erfordert zwangsläufig die Durchführung von Hunderten von Projekten im Zusammenhang mit dem russischen Ölverbot, das angeblich die Raffinierung und Verarbeitung nicht-russischer Öleinfuhren in Europa ermöglichen würde. Stellen Sie sich vor, Sie müssten alle Raffinerien, Verarbeitungsanlagen, Häfen, Docks, Pipelines, Logistikinfrastrukturen usw. an eine neue, noch unbekannte Ölmischung anpassen, die die russische Ural-Mischung ersetzen soll und daher noch unbekannte Änderungen und eine entsprechende Feinabstimmung erfordern würde. Diese unmögliche Umrüstung und Nachrüstung von absolut allem wird riesige Mengen an Euro, Personal, Fachwissen, Versuch und Irrtum, Risiko und viel harte Arbeit und viel, viel Zeit verschlingen. Allein die Schwedter Raffinerie wird mindestens 11 Großprojekte erfordern . Alles in allem geht es um Hunderte von Milliarden Euro, die Europa nicht hat – und auch nicht drucken sollte – mit einer Amortisationszeit von 40-50 Jahren, lange nachdem (angeblich) die fossilen Brennstoffe aus der EU verschwunden sind und keine Bank bereit ist, diesen Wahnsinn zu finanzieren. Bislang wurde nichts angekündigt, keine Machbarkeitsstudien, keine Ausschreibungsformulare oder transeuropäischen Ausschreibungen, keine Joint Ventures, keine Ingenieurbüros, Pläne oder Spezifikationen, keine Leitlinien, keine Ölverkäufer, Ausschreibungsunterlagen, keine Zeitpläne, keine Berater oder Kommissionen, keine Termine für die Öffnung der Angebote und die Auftragsvergabe: einfach nichts.”

Es ist Wahnsinn. Aber hat es Methode? Auf den “Nachdenkseiten” wurde unlängst die gute Frage gestellt  “„Ökonomischer Selbstmord“? Aber warum halten dann die Industrie-Lobbys still? zu der dann interessante Leserzuzschriften eingingen. Als Diplom-Konspirologe bin ich ja seit Jahrzehnten “on the record” mit der Warnung vor der einen, einzig richtigen Antwort,  die NDS-Leser geben viele wichtige Punkte für die Indizienkette an, dass hier nicht blind und inkompetent auf einen “externen Schock” reagiert wird, sondern eine interne Schock-Strategie abgearbeitet wird. Wie die “Kirche der Angst” nahtlos vom  tödlichen “Killervirus” zum teuflischen “Killerrussen” übergesprungen ist und der Alarm über sämtliche Ätherwellen, Aerosole und ehemalige Nachrichtenmagazine verbreitet wird, um die Herde im Schockzustand zu halten, ist jedenfalls sehr deutlich zu sehen….(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

3JT #80: Alarmstufe Gas

Es ist Hochsommer, aber Deutschland muss sich warm anziehen. Denn jetzt ruft der Wirtschaftsminister Habeck die Alarmstufe Gas aus und wirft die Kohlekraftwerke wieder an.
Wem nützt das eigentlich? Außerdem: Der deutsche Luftwaffenchef erwägt den Einsatz von Atomwaffen und Englands Generalstabschef will den Landkrieg gegen Russland vorbereiten. Ach ja, und wie geht’s eigentlich Julian Assange? Über all das und mehr berichten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in Ausgabe #80 des 3. Jahrtausends!

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 33


Weil John Mearsheimer, Politikwissenschaftler an der Universität Chicago und eminenter Vertreter einer “realistischen” US-Außenpolitik, das Vorgehen des Westens gegen Russland in der Ukraine deutlich  kritisiert hat,  ist er mittlerweile so etwas wie der Doyen der akademischen “Putinversteher” in den USA.  Vor drei Jahrzehnten allerdings, als  sich nach dem überraschende Ende des Kalten Kriegs die politischen Denker die Köpfe über neue Konfliktlagen auf dem geopolitischen Schachbrett zerbrachen, hatte er noch für eine atomare Bewaffnung der Ukraine plädiert, während sein konservativer Kollege Samuel Huntington dort weniger einen militärischen als einen zivilsatorisch-kulturellen Konflikt kommen sah. Huntingtons Bestseller über den “Clash of Civilisations” (Kampf der Kulturen, 1996), den er primär zwischen dem Westen und dem Islam aber auch entlang  anderer Brrchlinien ansiedelte, wurde zwar als grobe Vereinfachung oft und scharf kritisiert, erfuhr aber nach 9/11 mit den Konflikten im Nahen Osten auch teilweise Bestätigung. Und was Russland und die Ukraine betrifft,  erweisen sich die 25 Jahre alten Prognosen seines “zivilisatorischen Paradigmas” als sehr realitätsnah. Hier ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel von Huntingtons Buch:

“Paradigmen generieren auch Vorhersagen, und ein entscheidender Test für die Gültigkeit und Nützlichkeit eines Paradigmas ist das Ausmaß, in dem sich die von ihm abgeleiteten Vorhersagen als genauer erweisen als die von alternativen Paradigmen. Ein statistisches Paradigma veranlasst John Mearsheimer beispielsweise zu der Vorhersage, dass “die Situation zwischen der Ukraine und Russland reif für den Ausbruch eines Sicherheitswettbewerbs zwischen ihnen ist. Großmächte, die eine lange und ungeschützte gemeinsame Grenze haben, wie die zwischen Russland und der Ukraine, verfallen oft in einen von Sicherheitsängsten getriebenen Wettbewerb. Russland und die Ukraine könnten diese Dynamik überwinden und lernen, in Harmonie zusammenzuleben, aber es wäre ungewöhnlich, wenn sie dies tun würden.”
Ein zivilisatorischer Ansatz hingegen betont die engen kulturellen, persönlichen und historischen Bindungen zwischen Russland und der Ukraine sowie die Vermischung von Russen und Ukrainern in beiden Ländern und konzentriert sich stattdessen auf die zivilisatorische Bruchlinie, die die orthodoxe Ostukraine von der unierten Westukraine trennt – eine zentrale historische Tatsache, die Mearsheimer im Einklang mit dem “realistischen” Konzept von Staaten als einheitliche und sich selbst identifizierende Einheiten völlig ignoriert. Während ein etatistischer Ansatz die Möglichkeit eines russisch-ukrainischen Krieges hervorhebt, minimiert ein zivilisatorischer Ansatz diese Möglichkeit und betont stattdessen die Möglichkeit einer Teilung der Ukraine in zwei Hälften, eine Teilung, die aufgrund kultureller Faktoren zwar gewalttätiger als die der Tschechoslowakei, aber weit weniger blutig als die Jugoslawiens ausfallen könnte. Aus diesen unterschiedlichen Vorhersagen ergeben sich wiederum unterschiedliche politische Prioritäten. Mearsheimers etatistische Vorhersage eines möglichen Krieges und einer russischen Eroberung der Ukraine veranlasst ihn, den Besitz von Atomwaffen in der Ukraine zu unterstützen. Ein zivilisatorischer Ansatz würde die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Ukraine fördern, die Ukraine auffordern, ihre Atomwaffen aufzugeben, substanzielle wirtschaftliche Unterstützung und andere Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der ukrainischen Einheit und Unabhängigkeit fördern und eine Notfallplanung für den möglichen Zerfall der Ukraine unterstützen.”

Dass der aktuelle Krieg nicht stattfinden würde, wenn sich die US-Außenpolitik an Huntingtons Prioritäten gehalten hätte, ist ziemlich offensichtlich. Und die nun anstehende Nachkriegs-Teilung des Landes wird sich an dieser kulturellen, religiösen, sprachlichen Bruchlinie vollziehen, die auch ein politische Grenze ist (siehe die Ergebnisse der letzten Wahl vor dem Maidan-Putsch). Schon 1993, in einem berühmt-berüchtigten Vortrag und Essay, der seinem Buch vorausging, hatte Huntington diese “Frontlinie”  durch Europa beschrieben:

“Die wichtigste Trennlinie in Europa ist, wie William Wallace vorschlägt, möglicherweise die östliche Grenze des westlichen Christentums im Jahr 1500. Diese Linie verläuft entlang der heutigen Grenzen zwischen Finnland und Russland und zwischen den baltischen Staaten und Russland, schneidet durch Weißrussland und die Ukraine und trennt die eher katholische Westukraine von der orthodoxen Ostukraine, schwenkt nach Westen und trennt Siebenbürgen vom Rest Rumäniens, und verläuft dann durch Jugoslawien fast genau entlang der Linie, die heute Kroatien und Slowenien vom Rest Jugoslawiens trennt…
Der Samtene Vorhang der Kultur hat den Eisernen Vorhang der Ideologie als die wichtigste Trennlinie in Europa abgelöst. Wie die Ereignisse in Jugoslawien zeigen, ist er nicht nur eine Trennlinie, sondern zuweilen auch eine Linie blutiger Konflikte.”

Was ich am 24. Februar, dem Tag des russischen Einmarschs, hier geschrieben hatte: Das Jugoslawien Russlands in der Ukraine – und NATOstan muss wütend zuschauen – erleben wir gerade. Es wäre ohne jeden Krieg zu haben gewesen, denn mehr als eine militärisch neutrale und freundliche Nachbarschaft wollte und will Russland nicht. Auch an der Krim bestand kein territoriales Interesse, solange der langfristige  Pachtvertrag über den unverzichtbaren Marinestützpunkt Sewastopol existierte, den die Putsch-Regierung bekanntlich sofort widerrief. Und auf Geheiss ihrer Overlords in Washington gegen die “Separatisten” im Osten des Landes mit Waffengewalt vorging und jede friedliche Wiedervereinigung (Minsk 1 und 2) verhinderte. Und so wird jetzt in einem blutigen Konflikt geschaffen, was ein “zivilisatorischer Ansatz” auch ohne Gewalt hätte erreichen können. Doch das wollte und will NATOstan nicht, denn auf der Agenda stand und steht “Russland schwächen” und das soll jetzt durch einen möglichst langen Krieg “bis zum letzten Ukrainer” erreicht werden.
Da dieser Punkt bei täglich 500-1000 getöteten oder verwundeten ukrainischen Soldaten sehr bald erreicht ist, wird dieses tragische Schlachtfest, dessen Ausgang ebenso absehbar wie vermeidbar war, jetzt mit dem “worst case” und einem Berg von Leichen und Trümmern enden. So wie im Übrigen alles, was die Kriegsführung der USA und ihrer NATO-Vasallen in den letzten 25 Jahren (in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien) angerichtet hat. Im Geschäftsleben würde man einen derartigen “Dienstleister” sofort raussschmeißen, einem “Verteidigungsbündnis” freilich, dessen katastrophale militärische Inkompetenz nur Chaos und Terror hinterläßt, werden weiter Milliarden zugeschoben. Wie denn das? Es geht nicht um die Verbreitung von “Demokratie”, “Freiheit”, “Menschenrechten” oder gar um Sicherheit und  Frieden. Es geht auch nicht darum, Kriege unbedingt zu gewinnen. Es geht um Krieg in Permanenz.

Zwei NATO-Clowns ist angesichts der absehbaren Niederlage der größten je von ihnen aufgerüsteten Stellvertreter-Armee jetzt der Kragen geplatzt: der neue britische Armeechef ruft dazu auf, einen Landkrieg gegen Russland vorzubereiten und der deutsche Luftwaffengeneral Gerhartz appelliert, “notfalls Atomwaffen” zu nutzen. “Diese Knallhart-Ansagen zweier europäischen Armeen dürften bei Putin Gehör finden!” meinte die “Bild”-Zeitung dazu und wird durch Messungen an der meterdicken Kreml-Mauer bestätigt. Vorallem die Drohung mit einem Angriff der weltweit gefürchteten  Bodentruppen Großbritanniens löste auf dem Lachsalven-Detektor Spitzenwerte aus, die Ansage Gerhartz dagegen stürmisches Kopfschütteln darüber, dass in der Nachfolge Hermann Görings ein ahnungsloser Luftikus installiert wurde, der  von “Zweitschlagkapazität” noch nie gehört hat und hypersonische Raketen für ein Märchen hält. Und wegen verantwortungslosem, selbstmörderischem Geschwätz eigentlich sofort gefeuert werden müsste.
Olaf Scholz sieht das natürlich anders und glaubt, dass Putin Angst davor hat »dass der Funke der Demokratie auf sein Land überspringen könnte«. Dass die Kreml-Detektoren des bekanntlich überängstlichen Putin da keinerlei Ausschläge anzeigten liegt wohl daran, dass Ansagen über “Demokratie” von Kolonialverwaltern, die auf Befehl ihrer Herren dem eigenen Land die Energie abdrehen und die Ökonomie abwürgen, einfach ignoriert werden können. Sie weisen keinen Funken demokratischer Souveränität mehr auf. Und auch keinen Funken Verstand, wenn sie wie Scholz noch immer halluzineren, dass es keinen “Diktatfrieden Putins” geben wird – als ob er und die Bundeswehr noch irgendeinen Einfluss darauf hätten, wann und wie Russland die “Militäroperation” beendet und welche Vereinbarungen über ihre Ziele – “Demilitarisierung” und “Denazifizierung” – künftig getroffen werden. Scholz, Macron und Draghi, die als europäische Musketiere von der traurigen Gestalt gerade nach Kiew gerumpelt sind, werden da  definitiv nichts zu diktieren haben. Sie konnten den regierenden Komiker ja nicht einmal davon abhalten, seine Landsleute weiter Tag für Tag als Kanonenfutter an die Front eines aussichtslosen Kriegs zu schicken. Sie haben nicht nur ihre nationale Souveränität und die Realitiätswahrnehmung verloren, sondern auch die letzten Funken Moral. Von Selbstkritik und Einsicht in das krachende Scheitern des großen Plans, Russland mit Sanktionen und Krieg zu ruinieren, ganz zu schweigen.

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 32

“Judgment Day Is Coming for Zelensky”… wenn ein Organ des “Team Clinton” wie “The Daily Beast” , wo Hillarys Tochter im Aufsichtsrat sitzt, das anstehende Jüngste Gericht für einen Politiker vorhersagt, kann man davon ausgehen, dass es sich um einen erledigten Fall handelt. Ende Mai konnte der Dinosaurier der Geopolitk Henry Kissinger die versammelte WEF-“Elite” in Davos noch regelrecht damit schockieren, dass der Krieg in der Ukraine verloren und höchste Zeit für Verhandlungen gekommen ist (Notizen #27), mittlerweile aber ist die Botschaft durchgesickert und die Verabschiedung aus dem Fantasyland, in dem die Ukraine gewinnt, zumindest in den USA in vollem Gange. Ihre hiesigen Vertreter und Lautsprecher haben offenbar noch keine neuen Textbausteine erhalten und tröten weiterhin Siegesmeldungen – wenn nur noch ein paar mehr Waffen geliefert werden. Wenn es nach Zelensky geht, am besten gleich Atomwaffen, doch  soweit will NATOstan nicht gehen, aber doch weiter Material liefern um bis zum letzten Ukrainer kämpfen zu lassen.
Jetzt auch, nachdem ihre “Erstausstattung” mit alten sowjetischen Waffen weiteghend vernichtet ist, mit neuen Gerätschaften westlicher Hersteller,  für die das aktuelle Schlachtfeld willkommene erste Praxistests bietet.  Bis dato konnten die westlichen Waffen nicht wirklich überzeugen, wenn sich ukrainische Armeeeinheiten irgendwo zurückziehen mussten, liessen sie lieber die westlichen Waffen zurück als die sowjetischen. Auch wenn die Börsenkurse der hiesigen Hersteller in den letzten Monaten extrem gestiegen sind, scheint der Krieg in der Ukraine als Verkaufsshow für ihre Produkte bisher eher  ungeeignet. Das Ganze macht mehr den Eindruck einer Art Abwrackprämie für die Rüstungsindustrie.
Von der hat unser eiserner Kanzler Olaf bei seinem Besuch in Kiew jetzt zwar noch ein wenig Nachschub versprochen, was freilich die verlorene Schlacht nicht wenden, sondern nur verlängern kann. Sein sozialdemokratischer Kollege, Mexicos Präsident Lopez Obrador,  hat diese “unmoralische” Haltung gegenüber der Ukraine sehr treffend benannt: “Wir liefern die Waffen und ihr liefert die Leichen”. Da letztere in der ukrainischen Armee mittlerweile in tragischer Menge zu verzeichnen sind, rückt der Jugdment Day logischerweise auch für ihren Führer Zelensky täglich näher. Es läge allein an ihm und seiner Regierung, über “die Möglichkeit territorialer Konzession zu entscheiden” , hat US-Außenminister Blinken es ausgedrückt. Ob er dafür, wie Henry Kissinger nach seinem Davos-Auftritt,  jetzt auf die offizielle Liste der “Feinde der Ukraine” gesetzt wird, bleibt abzuwarten.  Wie siegesichere Waffenbrüderschaft klingt es jedenfalls nicht,  sondern eher nach “Sieg” blinken und zum Rückzug abbiegen – und einem Sündenbock die Alleinschuld an der Niederlage zuschieben.

Auch Macron und Draghi, die Scholz bei seiner Reise begleiteten, wollen eigentlich nicht mehr weiterkämpfen, sondern plädieren für Verhandlungen. Leider zu  spät. Bei ihren Moskau-Besuchen Anfang Februar hätten sie noch gute Argumente gehabt, um zu  verhandeln und einen unnötigen Krieg zu verhindern, doch jetzt kann es keinen Verhandlungsfrieden mehr geben, sondern nur die bedingungslose Kapitulation der Ukraine. Solange die ausbleibt, wird Russland mit der systematischen “Demilitarisierung”, dem erklärten Ziel der Militäroperation, fortfahren und wird sich von Olaf Scholz – “Es wird keinen Diktatfrieden von Putins Gnaden geben” – nicht abhalten lassen. Für irgendwelche Zugeständnisse gibt es keinen Grund und es ist nicht absehbar, wie der kollektive Westen einen solchen schaffen will: an der militärischen Front ist das ebenso aussichtslos wie an der wirtschaftlichen, wo der Rubel fröhlich weiter steigt. Dass die drei europäischen Staatschefs die Ukraine zum EU-Beitrittskandidaten ernennen wollen wirkt da schon wie eine symbolische Verzweiflungstat – ein Passagier mehr oder weniger macht auf dem ohnhin sinkenden Schiff halt nichts mehr aus…
Unterdessen schreitet jenseits von NATOstan und dem abgehängten Europa, also für circa 85 % der Weltbevölkerung, das Ende der unipolaren Welt in großen Schritten voran, mit dem Aufbau und Ausbau neuer internationaler Partnerschaften und wirtschaftlicher Kooperationen, deren Volumen die “G7” überragt. Heissen wir mit dem Eurasien-Korrespondenten unseres Vertrauens Pepe Escobar die neuen “Big 8” willkommen:

Der Sprecher der Duma, Wjatscheslaw Wolodin, hat möglicherweise das entscheidende Akronym für die entstehende multipolare Welt geschaffen: “die neue G8”. Wie Wolodin feststellte, “haben die Vereinigten Staaten mit ihren eigenen Händen die Bedingungen dafür geschaffen, dass Länder, die einen gleichberechtigten Dialog und für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen aufbauen wollen, zusammen mit Russland eine ‘neue G8’ bilden werden”. Diese Russland nicht  sanktionierende G8, fügte er hinzu, liege beim BIP in Kaufkraftparität (KKP) um 24,4 % vor der alten G8, die eigentlich die G7 sei, da die Volkswirtschaften der G7 am Rande des Zusammenbruchs stünden und die USA eine Rekordinflation verzeichneten.

Die Macht des Akronyms wurde von Sergej Fedorow, einem Europaforscher der Russischen Akademie der Wissenschaften, bestätigt: Die drei BRICS-Mitglieder (Brasilien, China und Indien) neben Russland sowie Indonesien, Iran, die Türkei und Mexiko, die sich alle nicht dem Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland angeschlossen haben, werden bald die Weltmärkte beherrschen.(…) Die Entstehung der neuen G8 deutet auf das unvermeidliche Aufkommen von BRICS+ hin, eines der Hauptthemen, die auf dem bevorstehenden BRICS-Gipfel in China diskutiert werden sollen. Argentinien ist sehr daran interessiert, Teil der erweiterten BRICS zu werden, und die (informellen) Mitglieder der neuen G8 – Indonesien, Iran, Türkei, Mexiko – sind alle wahrscheinliche Kandidaten.

Und sicher nicht die letzten, zumal wenn diese neue “G8” ihren eigenen Währungsfonds aufmacht, eine  weitere “World Trade Organisation” und parallele globale Institutionen eröffnet, die jenseits vom “Petro-Dollar” agieren und mit einer rohstoff,-und goldgedeckten Handelseinheit eine attraktive Reservewährung für alle Nationen schaffen. Was sich hier abzeichnet ist nicht weniger als eine neue Weltordnung, allerdings eine, die deutlich  anders aufgestellt sein wird als die von George Bush dem Älteren 1991 angekündigte und angestrebte, unter “Full Spectrum Dominance” der USA. Mit der ist es nicht nur militärisch vorüber, auch die Wirtschafts-und Finanzwelt wird künftig nicht mehr allein von Washington und London beherrscht – Peking, Moskau und die Nationen von BRICS+ machen sich zusammen unabhängig und selbstständig. Für diese dort schon lange gehegten Pläne ist der neue eiserne Vorhang, mit dem sich Europa vom  Handel mit Eurasien abschneiden läßt, ein beschleunigender Katalysator und der gesamte “globale Süden” sieht einer Alternative zur neoliberalen Abzocke (“Privatisierung” von Infrastruktur und Rohstoffen als Kreditbedingung) mit Sicherheit erfreut entgegen.
Deutschland bekommt unterdessen einen Vorgeschmack auf ausbleibende Energie aus Russland: Nordstream 1 liefert seit zwei Tagen 40 % weniger Gas und prompt bricht der Aktienkurs des Chemiekonzerns BASF um über 5% ein. Grund für die Reduktion ist die technische Wartung einer Siemens-Turbine, die in Kanada durchgeführt wurde – die aber nicht ausgeliefert wird. Wegen der Sanktionen, mit denen wir im Annalena LaLaLand immer noch “Russland ruinieren”….
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt -31

“Ist der US-Geheimdienst wirklich so verkorkst?” fragte der ehemalige CIA-Analyst Larry Johnson nach der Lektüre eines New York Times Artikels, laut dem die USA keine genauen Kenntnisse über die Lage in der Ukraine, den Verlauf des Kriegs und die operativen Pläne Kiews haben. Man hätte, so wird ein Offizieller zitiert,  “ein weitaus besseres Bild von Russlands Militär, seinen geplanten Operationen sowie seinen Erfolgen und Misserfolgen” als von der der ukrainischen Armee. Wie denn das ? Da macht man Phantastillarden für Waffen an die Ukraine locker, ohne zu wissen, ob und wie man dort damit etwas  anfangen kann ? Weil die milliardenschweren US-Geheimdienste, die jedes Handy auf der Welt absaugen können, ausgerechnet in der Ukraine keine “intelligence” sammeln und deshalb leider ahnungslos sind ? Bei aller Ignoranz, Arroganz und Dummheit die man CIA, DIA & Co. vorwerfen kann, so blöde und unwissend können sie nicht  sein. Das eigentliche Problem meint Larry Johnson, ist wahrscheinlich nicht ein Mangel an Erkenntnissen:  “Es ist die Angst, den Politikern harte Wahrheiten zu sagen, die sie nicht hören wollen.”

Und es ist wieder die vertraute Melodie von “Geheimdienstfehlern” – oder, wie Adam Curtis es einmal ausgedrückt hat: “Vielleicht ist das wahre Staatsgeheimnis, dass Spione nicht sehr gut in ihrem Job sind und nicht viel über die Welt wissen.”  Aber für derlei Unwissen in Sachen Ukraine hat man jetzt immerhin einen Schuldigen ausgemacht: Präsident Zelensky. Denn:  “Er hat uns nicht über die schlechte Lage seines Landes informiert”. So was aber auch. Dabei ist der Komiker aus Kiew doch monatelang in aller Welt aufgetreten und hat Tag und Nacht bekundet, dass er nur noch ein paar Milliarden für Waffen braucht, um Putin aus dem Donbass und der Krim zu vertreiben . Und er hat alle oppositionellen Parteien und Medien verboten,  so dass durch deren “Desinformation” niemand verwirrt werden konnte. Die Regierenden von NATOstan haben dann aufgrund von Zelenskys Ansagen auch wirklich kräftig in die Taschen gegriffen, sich aber offenbar nicht die Mühe gemacht, den Textbausteinen des sympathischen Präsidentendarstellers in irgendeiner Weise auf den Zahn zu fühlen. Und als  paper of the record hat die NYT wie alle anderen Großmedien die Propaganda aus Kiew 1:1 wörtlich übernommen. So kam es dann, dass die westliche Welt monatelang mit Bullshit über einen vom ersten Tag an aussichtslosen militärischen Krieg gefüttert wurde. Und in einen Wirtschaftskrieg getrieben wurde, mit dem man “Russland ruinieren” (A.Bärbock) wird, weil “Putin das nicht lange durchhalten kann” (R.Habeck), wie unsere hiesigen Olivgrünen noch immer stramm behaupten, obwohl ihnen der Sanktions-Bumerang schon um die Ohren schwirrt.
Die Frage, sind sie so blöd oder tun sie nur so, läßt sich vielleicht beantworten, wenn man sich die  Studie der Regime Change-Experten des RAND-Instituts anschaut, die 2019 ermittelt haben, dass man einen solchen in Moskau am besten erreicht, indem man Russland überfordert und aus dem Gleichgewicht bringt ( “Overextending and Unbalancing Russia” ) – mit militärischen Aktionen und mit Sanktionen. Es liest sich wie das Drehbuch, nach dem  der kollektive Westen derzeit agiert… noch, denn was die  – laut US- Generalleutnant S.Twitty  definitiv scheiternde militärische Option betrifft, hat man mit Zelensky ja schon einen populären Sündenbock gefunden.

Für das Scheitern der ökonomischen Sanktionen  wird der noch gesucht, und es wäre keineswegs das erste Mal, dass ahnungslose US-Think-Tanker an ihrer eigenen Ignoranz und Hybris scheitern. Russland hat unterdessen mit Öl,-und Gas-Exporten bis zum 1. Juni 2022 schon 50% mehr eingenommen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres und mit dem Rubel (den Joe Biden zum “Rubble” machen wollte) die stärkste Währung des Jahres, während dem Westen laut JPMorgan-CEO Jamie Dimon mit Rezession und Inflation ein Hurrikan bevorsteht. Und ein kalter Winter, wenn er seine scheiternden Strategien samt der “Experten”, die sie ausgeheckt haben, nicht schleunigst in die Tonne tritt und aufhört, seinen eigenen Propagandafakes auch noch zu glauben.

https://i0.wp.com/cdn.images.express.co.uk/img/dynamic/139/590x/secondary/DIbetterscenario-4101334.webp?resize=529%2C314&ssl=1Natürlich schaden die Sanktionen der russischen Wirtschaft, aber dass dies zum Aufstand der Bevölkerung gegen die Regierung führt wie die US-Strategen geplant haben, ist eine Illusion, denn nie war die Unterstützung Putins größer als heute. Viel eher ist ein solcher Aufstand im Westen zu erwarten, deren Bürger sich  von ihrern Regierenden nicht länger für sinnlose Sanktionen und nutzlose Waffenlieferungen zur Kasse bitten lassen werden. Sleepy Joe Biden und seine Partei rutschen bei den Zustimmungsraten täglich tiefer in den Keller und werden die Kongreßwahlen im November verlieren. Und wenn die Spritpreise weiter derart steigen, stehen bald (wie in Kanada) die Trucker vor dem Weissen Haus. Schauermärchen  über den ultrabösen Putin und seine russischen Vergewaltiger werden dann als Ausrede nicht mehr helfen. Zumal mittlerweile mehr Amerikaner glauben, dass es für sie besser wäre, wenn Biden abgesetzt würde (56 Prozent) als Putin (43 Prozent).

Woher kommen die vielen Putinversteher in den USA ? Sind wieder unsichtbare russische Hacker am Werk, oder geht auch die flächendeckende anti-russsche Propagandawalze nach hinten los, weil die Leute sie durchschaut haben und nicht mehr ernst nehmen ? Und mit großer Mehrheit nicht nur in den USA, sondern auch in Europa auf die Frage “Was spricht gegen eine blockfreie neutrale Ukraine, die mit Ost und West Handel treibt?” sofort “Gar nichts” ankreuzen würden… wenn Sie denn gefragt würde. Und nicht von ungewählten EU-Bürokraten ins ökonomische Abseits und Aus manövriert würden und von ihren Regierungen gezwungen, einer  aussichtslosen, weil auf Unwissen und Arroganz basierenden US-Strategie zu folgen: mit Sanktionen und einem möglichst langen Krieg die Macht in Moskau zu übernehmen. Doch diese Chance haben die USA mit ihrer Marionette Yelstin an der Macht in den 1990ern vertan und statt Demokratie und Wohlstand Terror und Armut über das Land gebracht, sie wird nie wieder kommen.

Europa sollte sich deshalb nicht weiter blind und selbstmörderisch vor diesen Karren spannen lassen und ich hoffe, dass im Geheimen schon Delegationen deutscher, französischer, italienischer und anderer europäischen Länder und Unternehmen dabei sind, mit Russland einen Plan B  auszuhandeln. Dass sie wettbewerbsfähige Industrienationen bleiben können wäre bei einem Gasstopp aus Russland innerhalb kürzester Zeit unmöglich, wenn Nordstream 1 leer läuft, sind nicht nur Auto,-und Chemieproduktion am Ende. Deshalb, so würden die geheimen Unterhändler sagen, müssten wir in  diesem Fall überlegen das Sanktions-Diktat aus Washington zu ignorieren und langfristge Veträge zur Belieferung über Nordstream 1 und 2 abschliessen. Den Konflikt mit den USA müsse man um des Wohls der eigenen Bevölkerung willen in Kauf nehmen,  weil ansonsten  Elend und Verarmung drohe und der Niedergang der europäischen Industrienationen zu Agrarkolonien.
Ich weiß nicht, ob es unter europäischen Entscheidungsträgern und Konzernlenkern wenigstens in der zweiten Reihe noch ein paar Leute gibt, die solch einen Plan B initiieren und umsetzen könnten oder ihn zumindest vorbereiten, falls die Lage weiter eskaliert. Es wäre zu sehr wünschen, denn so blind wie der Westen  derzeit agiert, führt der Weg nur an die Wand und ins Verderben….

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

3 JT #79: Hunger Games

Diese Russen schon wieder: Zuerst besetzen sie die Ukraine, jetzt bedrohen sie die ganze Welt mit einer Hungersnot. Was steckt da schon wieder dahinter? Außerdem: Wie soll es eigentlich nach dem Krieg weitergehen – in der Ukraine und in ganz Europa? Und was gibt’s Neues von Julian Assange? Über all das und mehr berichten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in Ausgabe #79 des 3. Jahrtausends!