War on Drugs: There’s No Business Like Drug Business

“Das Drogenproblem ist mit dem Strafrecht nicht lösbar, und es soll von “Staats wegen” auch nicht gelöst werden. Kein größeres Geschäft (Gewinnmarge) als mit Drogen ist denkbar, so lange, ja so lange Drogen illegal gehandelt werden, statt in der Apotheke zu einem vernünftigen Preis (unter Kontrolle) ausgegeben werden könnten. Ohne Opium kein britisches Empire. Ohne Mohnfelder keine Bundeswehr in Afghanistan… Ein spannender, hochaktueller Vortrag beginnend mit dem 1. Globalisierungsgesetz (der Prohibition) vor rund 100 Jahren bis hin zur privatisierten Gefängnisindustrie mit garantierten Insassenzahlen. Schaut und hört Euch das an! Mathias Bröckers Buch (Die Drogenlüge)erschien schon 2010, aber die Daten im Vortrag sind aktualisiert und – schlichtweg – verblüffend. Eine Veranstaltung im Rahmen von “Koblenz: im Dialog” mit Sabiene Jahn…”

Der kleine Putin

Schock zu später Stunde gestern im Tabakladen. Schon wieder ist ganz offensichtlich die  “hybride Kriegsführung” (A.Merkel) der Russen am Werk: Sie hieven Trump auf den Thron, lassen Gelbwesten marschieren, treiben Schulkinder zu Klimademos – und jetzt greifen sie die deutschen Raucher mit dem kleinen Putin an!
Die Ähnlichkeit ist unübersehbar und  ich garantiere als Träger des “Benno Martini Preis für sauberen Journalismus” (in Bronze, 1985) das es sich bei dem Bild nicht um einen Photoshop-Fake, sondern um ein Original handelt. Als ich dem Kollegen Seyfried die schockierende Nachricht von der perfiden Unterwanderung des “freien Westens” mit niedlichen Kinderbildchen des Ultrabösen überbrachte, machte sich die Investigativbabteilung der “Schilderguerilla Inc.” sofort an die Arbeit. Das Ergebnis ihrer Recherchen machte uns dann fassungslos. Kein Wunder, dass die NATO vor dem kleinen Putin zittert.

Wir sind IMMER die Guten

Im Herbst 2014 war “Wir sind die Guten” eines der meistverkauften Sachbücher in Deutschland und erlebte in kurzer Zeit zehn Auflagen. Dass auch danach das Interesse nicht abriss, zeigen unter anderem die 222 Kundenrezensionen , die bis heute beim Großversender Amazon eingegangen sind. Die Gründe für diese dauerhafte Nachfrage liegen auf der Hand: die Konflikte zwischen dem Westen und Russland haben sich weiter verschärft und die Manipulationen der Medien, die wir am Beispiel des Ukraine-Konflikts aufzeigen, haben nicht ab- sondern zugenommen. Gründe genug also für eine erweiterte Neuausgabe: mit zwei zusätzlichen Kapiteln über “Nowitschok” und über “Russiagate” sowie Aktualisierungen und Ergänzungen u.a. zu den Maidan-Scharfschützen und der MH-17-Untersuchung. Und einem neuen Titel: “Wir sind immer die Guten”.

Denn egal was wir – die westliche “Wertegemeinschaft” – in der Welt veranstalten, egal wieviel Bomben wir werfen, wieviel “regime changes” wir mit Gewalt durchziehen, wieviel Leichen, Leid und Flüchtlinge wir produzieren, wegen unserer “Werte” können wir einfach gar nicht anders als immer die Guten zu sein. Auch wenn fünf Jahre nach dem pseudo-demokratischen Putsch in der Ukraine das Land mit seiner im Krieg liegenden Bevölkerung so übel zugerichtet ist wie kaum je zuvor, auch wenn wir in Afghanistan nicht den “Terror” besiegt, sondern die größte Heroinproduktion aller Zeiten in Gang gebracht haben, auch wenn wir in Länder wie Irak, Libyen oder Syrien keine “Werte” exportiert haben, sondern Chaos, Zerstörung und Tod….
Und weil sich über all das beim besten Willen nichts Gutes sagen lässt, wir also keine Belege anführen können, warum wir die Guten sind, bleibt nur eins: die Herausstellung des Bösen, die Benennung des Feinds, der uns am Export unserer “Werte” hindert. Und sie auch perfide und aggressiv überall im westlichen Inland unterminiert, indem er durch Wahlmanipulationen einen Donald Trump ins Weisse Haus hievt, die Gelbwesten in Frankreich gegen den netten Monsieur Macron marschieren läßt, gegen abgelegte Doppelagenten in England mit supertödlichen Nervengiften erfolglose Mordversuche unternimmt und in Deutschland jetzt sogar Kinder mit “hybrider Kriegsführung” (A.Merkel) angreift und sie zu Klimademonstrationen und Schulschwänzen zwingt. Verglichen mit einem derart ultrabösen Feind könne wir logischerweise nichts anderes als nur die Guten sein, egal was wir tun. Und müssen uns gegen diesen Feind natürlich verteidigen und aufrüsten.

Wer mehr über diese Feindbildproduktion erfahren will, sollte “Wir sind immer die Guten” lesen. Es ist ab dieser Woche im Buchhandel erhältlich und kann online hier bestellt werden.

Mathias Bröckers, Paul Schreyer: Wir sind immer die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der der kalte Krieg neu entfacht wird”, Westendverlag, 224 Seiten, 18 Euro


Wie ich lernte die Bombe zu lieben

Als anerkannter Kriegsdienstverweigerer und Friedensfreund muss ich ein Geständnis ablegen. Es ist mir unangenehm, aber auch ausführliche Selbstbefragungen und Gewissenserforschungen konnten das Gefühl nicht abstellen, dass mich neuerdings überkommt, wenn ich etwas über Kinzhal, Avangard,  Poseidon,  Burevestnik, Peresvet oder Sarmat lese. Da kommt jedesmal Freude auf und das ist mein Problem, denn bei diesen “Schätzchen” handelt es sich um die modernsten und leistungsfähigsten Massenvernichtungswaffen überhaupt. Hier eine Kurzbeschreibung:

Kinzhal: eine hyperschallschnelle, luft-gefeuerte Marschrakete, die mit Mach 10 (7700 Meilen pro Stunde) fliegt und sowohl Bodenanlagen als auch Schiffe zerstören kann.

Avangard: ein wendiges hyperschallschnelles Nutzlastzuführungssystem für interkontinentale ballistische Raketen, das schneller als Mach 20 (15300 Meilen pro Stunde) fliegt. Es hat eine Reichweite von 740 Meilen und kann eine Kernladung von bis zu 300 Kilotonnen tragen.

Poseidon: ein autonomer nuklearbetriebener Torpedo mit unbegrenzter Reichweite, der sich in einer Tiefe von 3000 Fuß bewegen kann und dabei etwas über 100 Knoten beibehält.

Burevestnik: ein nuklearbetriebener Marschflugkörper, der mit rund 270 Meilen pro Stunde fliegt und 24 Stunden lang in der Luft bleiben kann, was ihm eine Reichweite von 6000 Meilen verleiht.

Peresvet: ein mobiler Laserkomplex, der Drohnen und Satelliten blenden, Raumfahrt- und Luftaufklärungssysteme zerstören kann.

Sarmat: eine neue schwere interkontinentale Rakete, die beliebige suborbitale Kurse fliegen kann (z.B. über dem Südpol) und beliebige Punkte überall auf dem Planeten trifft. Da sie keiner vorhersehbaren ballistischen Trajektorie folgt, ist es unmöglich, sie abzufangen.

Was wir hier haben – schon einsatzbereit im Arsenal der russischen Armee oder getestet und aktuell in Produktion – ist für das amerikanische Imperium mehr als nur eine Ansage, es ist seine Niederlage. Mit der 2002 von George W.Bush vollzogenen einseitigen Kündigung des ABM-Vertrags, der den Bau von anti-ballistischen Raketen verhinderte – in dem Glauben, dass das von Yelzin herunter gewirtschaftete Russland ohnehin nichts auf die Beine stellen kann – haben sich die USA fatal ins Knie geschossen. Ganz nach der geopolitischen Regel “Amerika spielt Monopoly, Russland spielt Schach” haben die schlauen Russen mit weniger als einem Zehntel des US-Rüstungsetats Verteidigungssysteme entwickelt, die unbesiegbar sind. Natürlich können USA und Nato mit ihrem Vielfachen an Material in Russland immensen Schaden anrichten – aber nur um den Preis, umgehend komplett in Schutt und nukleare Asche zu versinken, oder in per “Poseidon” nuklear ausgelösten gigantischen Tsunamis. Auch die Zeiten, in denen Washington mit seinen Flugzeugträgern vorfährt und Bomben auf wehrlose Länder regnen lässt, dürften bald vorbei sein – die milliardenteuren Dickschiffe sind für Kinzhal und Avangarde nur noch lame ducks. Kein Abwehrsystem kann mit 20-facher Schallgeschwindigkeit ankommende Raketen abfangen. Genausowenig wie das nukleare Monster “Sarmat”, von der Nato “Satan 2” getauft, mit mehr als der 100-fachen Kapazität der Hiroshima-Bombe.

Schon als ich vor einem Jahr zu ersten Mal von diesen Hyperschallwaffen hörte schrieb ich, dass die außen, -und verteidigungspolitische Parole jetzt nur lauten kann: Don’t mess around with Ivan! Und das gilt mehr denn je. Wäre es angesichts dieser neuen Figuren im geopolitischen Schach nicht höchste Zeit, über neue Friedens,- Nicht-Angriffs,- Abrüstungsverträge zu verhandeln ? Sollte das dank Kinzhal & Co wieder hergestellte Gleichgewicht des Schreckens, die definitive “Mutual Assured Destruction” (MAD), nicht der Punkt sein, inne zu halten und nachzudenken ? Also statt weiter sinnloses Aufrüstungsmonopoly zu spielen mal auf das Schachbrett zu schauen. Und die Monopoly-Berater, die Bundeswehr und Rüstungskonzerne gleichzeitg beraten, sofort zu feuern und Strategien zu entwickeln, wie eine Post-Nato-Welt, eine globale multipolare Sicherheitsarchitektur aussehen soll. Wie Frieden und Freundschaft mit Russland, China und dem Rest der Welt hergestellt werden kann. Und wie wir den an militärisch-industriellem Komplex leidenden Patienten – das niedergehende US-Imperium – von der Dummheit abhalten, noch einmal wild um sich zu schlagen wie es sterbende Riesen manchmal tun.

Es wäre schon längst höchste Zeit, das alles anzugehen. Das hypersonische Waffenpotential Russlands macht nur noch einmal besonders deutlich, endlich anzufangen. Und deshalb habe ich gelernt, diese Bomben zu lieben. Niemand kann jetzt mehr im Ernst daran glauben, dass die Blechbüchsenarmee der Nato mit Figuren wie Trump und unserer Flinten-Uschi an der Spitze schaffen, was weder Napoleon noch Kaiser Wilhelm noch Hitler mit ihren Blutbädern erreicht haben, nämlich Russland unter die Knute zu zwingen. Und niemand sollte sich mehr einreden lassen, dass höhere Rüstungsausgaben daran irgendetwas etwas ändern.

Auch als Podcast auf KenFM

Rette sich wer kann!

Nach Krebs und Herzinfarkten stehen auf Platz drei der Exitus-Liste die von Ärzten und durch Medikamente verursachten Todesfälle. Mein guter Kollege und gelegentlicher Ko-Autor Sven Boettcher hat ein Buch über das verheerende Wirken unserer Krankheitsbranche geschrieben. Nach “Diagnose: unheilbar – Therapie: selbstbestimmt”, in der er über seine persönlichen Erfahrungen nach der MS-Diagnose berichtet hat, spannt er jetzt den Bogen noch weiter auf: “Rette sich wer kann – Das Krankensystem meiden und gesund bleiben.” Ich kann das Buch sehr empfehlen. Ebenso wie dieses Gespräch mit Sven:

Ein CIA-Clown namens Guaido

Die Regierung von Burkina Faso, so las ich im Internet, hat Didi Hallervorden als Kanzler der Bundesrepublik anerkannt. Auch weitere Staaten wollen den Zweiten Vorsitzenden der “Aktionsgemeinschaft Freunde der Diktatur” (AFD) als neuen Regierungschef anerkennen und unterstützen die Demonstrationen und Proteste (“Merkel muß weg!”) gegen die gewählte Regierung. Sollte diesen Rücktrittsgesuchen nicht nachgekommen werden, so verlautete aus den internationalen “Pro-Didi”- Kreisen, werde man alsbald mit wirtschaftlichen Sanktionen sowie, falls dies nicht ausreicht, mit der Unterstützung “moderater Rebellen” für den humantiären Wandel sorgen.

So wie das jetzt in Venezuela der Fall ist, wo die Massen angeblich zwar kein Klopapier haben aber trés chic mit manikürten Fingernägeln gegen den Präsidenten Maduro demonstrieren. Während einem “Didi”-Putsch auf dem diplomatischen Parkett relativ wenige Chancen eingeräumt werden – obwohl der Präsidentendarsteller im Lande sehr bekannt ist, während von einem CIA-Clown namens Juan Guaido 81% der Bevölkerung Venezueals noch nie gehört haben – stehen die Chancen für einen Putsch in Carracas besser. Der Grund ist aber nicht Guaido, sondern die fette Beute, die er seinen internationalen Unterstützern verspricht: das Land hat mehr Ölreserven als Saudi-Arabien, die im Erfolgsfall sofort “privatisiert” werden können. Um diesem Geschmäckle vorzubeugen, stellt er den angestreben Regierungssturz dann auch gleich mal auf eine Stufe mit der Befreiung von Auschwitz – und da muss ja jeder Freund der Menschenrechte im Allgemeinen und des Humanitären im Besonderen umgehend und notfalls militärisch eingreifen. Und wo es mit dem deutschen Pro-Didi-Putsch nicht so schnell was wird und Deutschland als Minister seines Äußersten einen Nato-Clown namens Heiko installiert hat, kann der bei diesem Stichwort erst recht nicht Nein sagen.

Da Donald Trump seinen “Vizeminister für dreckige Kriege” Elliot Abrams jetzt mit der Angelegenheit betraut hat, könnte es durchaus ernst werden, zumal auch Bernie Sanders und die Demokraten nichts einzuwenden haben, die zwar sonst jeden Trump-Furz kritisieren aber bekanntlich immer zu haben sind, wenn es um regime change und Krieg geht. Nur für ihre Anhänger wird die Lage jetzt etwas schizophren: unterstützen sie Trump, die “Putin-Marionette” (H.Clinton), bei einem gewaltsamen Umsturzversuch, oder verteidigen sie die Souveränität Venezuelas, dem Putin ebenfalls zur Seite steht?

Schreiben wie die Maus buddelt

Dass Helmut Salzingers “Der Gärtner im Dschungel”, eines meiner alten Lieblingsbücher, jetzt wieder erscheint ist eine besondere Freude. Ich kann es allen Stadt,-und Landmenschen ob mit oder ohne Garten nur allerwärmstens empfehlen. Hier ein kleiner Auszug aus dem Vorwort, das ich für das Buch geschrieben habe:

Helmut Salzinger (1935-1993), war Literaturkritiker der „Zeit“ und Schriftsteller (“Swinging Benjamin”, „Rockpower – Wie musikalisch ist die Revolution ?“ ), Pionier und „Übervater der deutschen Pop-Kritik“ (Deutschlandfunk) und einer der ersten, die im Zuge der Hippie,-und Alternativbewegung aufs Land zogen, um sich fortan möglichst biologisch aus dem eigenen Garten zu ernähren. Das ging –  wie bei einem Stadtmenschen und Intellektuellen kaum anders zu erwarten – ziemlich schief. Doch „Der Gärtner im Dschungel“, ein Jahr vor Salzingers Tod erschienen, erzählt nicht nur die Geschichte dieses Scheiterns, sondern auch den daraus resultierenden Erkenntnisgewinn:  aus dem Herrn und Meister der Natur wird eine Mitkreatur, die den Wesen um sich herum beim Wachsen zuschaut.

Was das Verfassen von Büchern angeht, hat der Philosoph Gilles Deleuze („Für eine kleine Literatur“) einmal eine Art Mimikry empfohlen: Schreiben, wie eine Ratte sich durchs Schilf schlängelt, wie eine Maus ihr Loch buddelt. Doch wie hätte ein solches Kleinwerden der Literatur auszusehen? Kann man wirklich schreiben wie eine buddelnde Maus? Und kann man vermeiden, dabei wie Kaninchen, der eitle Besserwisser in „Pu der Bär“, zu wirken? Man kann. Und „Der Gärtner im Dschungel“ ist ein solches Buch. Kein schweres, philosophisches, sondern ein kleines, weises. Sein Verfasser, Helmut Salzinger, hat mit der Nomadologie von Deleuze/Guattari vielleicht überhaupt nichts zu tun – und doch wiederum sehr viel; er hat geradezu das Gegenteil von nomadischer Literatur geschrieben – ein Gartenbuch nämlich. Und doch scheint diese Karte eines Mikrokosmos die gesamte Welt zu enthalten. Nicht zuletzt den Übergang vom Nomadischen zum Sesshaften. Mit dem ersten Spatenstich fing nämlich alles an:

„Auf der Erde ist jeder menschliche Zugriff ein Angriff (auf etwas, das bereits vorher bestand). Und im Garten speziell bedeutet jeder Handgriff nicht nur Eingriff, sondern zugleich auch Übergriff. Jede Pflegemaßnahme bewirkt Störung und Zerstörung – neben aller Pflege. Wenn ich das total verunkrautete Stück der Himbeeren säubere, damit Licht und Luft herankommen und der Boden abtrockne, dann rennen auch hier nach allen Seiten Spinnen und Käfer weg. Der Igel sieht sich entdeckt, und die Braunelle wippt nicht mehr auf den Stützdrähten für die Himbeerranken. Überall – wörtlich: überall lebt irgendwer. In diesem Sinne ist praktisch der gesamte Planet Erde von einer wimmelnden Hülle aus Leben umgeben, und da ist es unausweichlich, daß einer, wohin er tritt, einen anderen tottritt, jedenfalls als Mensch, zumindest tendenziell. Wer dabei nicht mittun will, wird es schwer haben in seinem Leben.“

Wer zwar brillante Essays über Walter Benjamin  schreiben konnte („Swinging Benjamin“, 1972) und als „Jonas Überohr“ in der Zeitschrift „Sounds“ Meilensteine der Musikkritik setzen – doch von Natur eigentlich keinen Dunst hatte und sich dennoch aus theoretischen und praktischen Gründen fortan aus dem eigenen Garten ernähren will, ist absehbar zum Scheitern verurteilt. Und die Geschichte dieses Scheiterns ist eine der Ebenen von Salzingers Buch. Eine andere ist der Erkenntnisgewinn, der aus dem Scheitern resultiert, aus dem potentiellen bio-dynamischen Selbstversorger wird ein Gärtner im Dschungel:

 „Seither ist immer was los, selbst wenn nichts geschieht. Mein Zeitgefühl hat sich verändert. Zeit ist ein gleichmäßiger Fluß geworden…Mein Blick weitet sich, ich bekomme ein Gefühl für natürliche Rhythmen. Das Jahr schließt sich zu einer zyklischen Einheit zusammen, einer Vegetationsperiode von Wachsen, Vergehen und Ruhe. Dann eine neue Runde. Jede Pflanze nimmt daran teil, und ich nehme allmählich wahr, daß auch ich selber, wenn ich es nur zulasse, an diesem rhythmischen Kreislauf beteiligt bin. Ich gehe zwischen den Lebewesen im Garten herum und habe gelegentlich das Gefühl, selber ein solches Lebewesen zu sein. Ein Wesen wie alle, von ihrer Art und Natürlichkeit. Das Empfinden, das sich dabei zuweilen einstellt, erinnert mich an so etwas wie Glück.“

„Der Gärtner im Dschungel“ ist eine Geschichte der Wahrnehmung – der Wiedergewinnung eines Gespürs für die Ganzheit und pulsierende Allgegenwart des Lebens, der unmittelbaren Wechselwirkungen von Mikro- und Makrokosmos, von Kleinstlebewesen und Gesamt-Biosphäre. Während einst der Garten ein Stück Kultur war, das gegen die Wildnis verteidigt werden musste, gerät er nun, gegen die flächendeckende Planierung durch die Zivilisation, zu einem Asyl für die Wildnis. Und der Macher des Gartens hofft, irgendwann „zum Bewohner des Gartens geworden zu sein und recht eigentlich zu seinem Bewuchs zu gehören, wie die kleinen Käfer und Spinnen unterm Gras dazugehören.“ (….)

Ich scheue mich nicht, dieses kleine Gartenbuch große Literatur zu nennen. Nicht nur, weil es das fundamentale Thema schlechthin behandelt – mit dem ersten Spatenstich begann alles, was wir heute Kultur nennen, die Kultivierung und Kontrolle des Territoriums und des Lebens –, sondern weil es dies aus praktischer Erfahrung tut, und in einem klaren, transparenten Stil, der die aus der Anschauung von Mikro-Ereignissen gewonnenen großen und tiefen Einsichten ohne Pathos vermittelt. Als Sachbuch enthält es mehr Information über die Natur als viele naturwissenschaftliche Werke; als kulturgeschichtlicher Essay verhandelt es nicht weniger als die Grundbedingungen des Menschseins; als Gartenbuch enthält es eine Vielzahl praktischer Tipps; und als einfacher Bericht von einem, der auszog, auf dem Lande zu leben, ist es beste, weil Geschichten erzählende Literatur. „Unkraut“, meinte einst Henry Miller, „ist die weiseste aller Lebensformen“. Helmut Salzinger hat einiges davon abbekommen. Und so hat er geschrieben wie eine Feldmaus buddelt – nicht nur Stadtratten können viel bei ihr lernen.

Helmut Salzinger, Der Gärtner im Dschungel, Westend Verlag, 204 Seiten, Hardcover, 18 Euro

Januskopf mit Hefezopf

Ein Comeback ist anzuzeigen: Julia Timoschenko will in der Ukraine Präsidentin werden. Schon im April 2014 hatte ich die Fake-Blondine mit der Wickelfrisur hier porträtiert. Dass Mutti Merkel den durchgeknallten Hefezopf aus Dnjepropetrowsk wieder umarmen wird, wie auf dem dpa-Foto vor fünf Jahren, steht zu befürchten. Ein Reposting aus aktuellem Anlass:

Das schaffen nur ausgewiesene Spagatkünstler, sehr trainierte Spreizschrittartisten oder eben Julia T. Erst kündigt sie zünftig an, dem „Bastard“ Wladimir eine Kugel in den Kopf zu jagen, dann seine in der Ukraine lebendenden acht Millionen Russen „mit Atombomben“ zu vernichten, um schließlich in Russland nur noch „verbrannte Erde“ zu hinterlassen. Anschließend behauptet Julia T., das mit den Atombomben sei ihr untergeschoben worden von einem Stimmenimitator in russischen Diensten. Sie habe natürlich gesagt, dass alle Ukrainerinnen und Ukrainer von ihr vereint werden.

Schon klar, als ehemalige Vizekanzlerin und Energieministerin hat man natürlich das Wohl des ganzen Landes und besonders seiner Minderheiten stets im Auge. Doch so etwas authentisch in die Kameras sülzen, während die ungefälschte Aufnahme der eigenen Vernichtungsfantasien weltweit kursiert, ist hohe PR-Kunst – nur hochflexible Janusköpfe kriegen so etwas hin, ohne rot zu werden. Julia T. ist eine Meisterin dieses Fachs und als Januskopf mit Hefezopf prädestiniert für allerhöchste Ämter.

Da nimmt es weiß Gott nicht Wunder, dass die Demokratin und Jeanne d’Arc der Ukraine just letzte Woche vom außenpolitischen Arbeitskreis der CSU für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde. Ja, servus – was für eine wunderbar debile Verneigung vor sämtlichen aufgegangenen Hefeteilchen dieser Welt! Doch das Kaliber Julia T. schafft es auch, trotz eines „schweren“ Bandscheibenvorfalls, nach der Rollstuhlshow auf dem Maidan stante pede wieder in ihre High Heels zu schlüpfen.

Auf solchen Stöckeln und mit einer Mitleidskrücke tauchte die Eiserne ja auch in Berlin auf, von Merkel mütterlich in der „Freiheit“ begrüßt. Nicht überliefert ist, ob anschließend in der Charité außer dem Vorfall der Bandscheibe auch die Vorfälle der Hirnsynapsen der Julia T. untersucht wurden. Dort paaren sich nuklearer Vernichtungswille mit zivilgesellschaftlichen Reformen offenbar ebenso perfekt wie Raffgier und Größenwahn mit Demokratie und sozialer Verantwortung.

Offensichtlich ist aber, dass dem durchgeknallten Hefezopf aus Dnjepropetrowsk nur genauso weit zu trauen ist, wie man seine Waschmaschine werfen kann. Bevor Julia T. als Fake-Blondine mit Wickelfrisur in die vaterländische Politik einstieg, hatte sie als brünetter Business-Vamp ihren Faible für das Multitasking bereits unter Beweis gestellt. Während nach dem Ende der Sowjetunion die meisten nichts zu beißen hatten, brachte sie in wenigen Jahren zwanzig Prozent der ukrainischen Kohle (will heißen: Gas) unter ihre Kontrolle.

Wie es sich in derartiger Windeseile als Tochter einer Telefonistin zur „11-Milliarden-Dollar-Frau“ (Guardian) aufsteigen lässt, gab sie damals ebenso freimütig zu Protokoll: „Jeder, der nur einen Tag im ukrainischen Geschäftsleben tätig war, könnte ins Gefängnis gesteckt werden.“ Nicht ganz folgerichtig beteuerte sie dann nach der Inhaftierung 2011 penetrant ihre Unschuld. Während doch alle Indizien darauf hindeuteten, dass Julia T.s Geschäftsmodell mafiös funktionierte und dass die Gründung ihrer Partei keinem gesellschaftlichen Interesse geschuldet war, sondern nach dem Vorbild Silvio Berlusconis allein dem Schutz des erbeuteten Milliardenvermögens diente.

Dabei war Julia T. einst bescheiden ins Wirtschaftsleben eingestiegen, mit Raubkopien von Videokassetten. Den entscheidenden Schub bekam ihr Kramladen durch die Beziehung zu dem Provinzfürsten Pawlo Lasarenko, der 1996 Premierminister wurde. „Lady Ju“ machte dieser gleich mal zur Direktorin der staatlichen Energiewerke. In deren Rohre Russland dem Brudervolk in der Ukraine täglich Gas weit unter Marktpreis lieferte.

Die gelernte Raubkopiererin brachte das auf die dreiste Idee, den billigen Stoff abzuzapfen und auf eigene Rechnung zum Weltmarktpreis zu verkaufen. Als ihr Mentor Lasarenko nach kaum zwei Jahren als Premier abtreten musste und neun Jahre in den Knast wanderte, war seine Schülerin zu Hause zur „Gasprinzessin“ und Ikone der US-gesponserten „orange Revolution“ aufgestiegen. Dass sie sich als neue Retterin der zu kurz Gekommenen in Szene setzte, juckte den Volksmund allerdings wenig. Er taufte Julia T. geschwind in Sonka um. Die nicht lange fackelnde Sonka war in den Zwanzigerjahren die Diebin und Gangsterbraut der Ukraine schlechthin gewesen.