Es ging nicht um Journalismus

Diese Woche jährt sich der Jahrestag der ersten Nullnummer der taz zum 40. Mal und die MacherInnen dieser Ausgabe werden am Mittwoch die Redaktion übernehmen und die taz vom 27.9.2018 produzieren. Weil ich an der Uni noch schnell mein Examen machen wollte, war ich bei dieser ersten Ausgabe nicht dabei, aber Anette Eckert (mit der ich 1981 in der  Kulturredaktion arbeitete, als “Repro-Richard” uns fotografierte) – und ich bin gespannt, ob und wie die VeteranInnen es 40 Jahre später noch ein bißchen krachen lassen können.
Zu meinem  Interview über die Geschichte der Zeitung, das gestern auf Telepolis erschienen ist, kamen dort viele erboste Kommentare, weil die taz – ähnlich wie die Grünen – auf den Kriegskurs der Nato eingeschwenkt sei. Das trifft auf Teile der taz-Redaktion sicher zu – und mißfällt mir persönlich sehr – ist aber auch bei sämtlichen deutschen Tageszeitungen so, mit Ausnahme vielleicht der “Jungen Welt”.  Insofern ist die einst alternative taz wirklich im Mainstream angekommen:

Die taz ist als Alternativmedium gestartet und als Mainstreammedium gelandet. Stimmen Sie der Aussage zu?
Mathias Bröckers:
Viele der Alternativen, die von der taz damals aufgezeigt wurden, sind mittlerweile Mainstream. Und was die Politik betrifft, ist es ähnlich wie mit den Grünen, die ja zusammen mit der taz groß wurden, als linke, anti-imperialistische, ökologische Alternative zu den etablierten Parteien. Dass daraus dann einmal so eine olivgrüne “FDP mit Fahrrad” werden sollte, die Kriegseinsätzen der Bundeswehr den Teppich ausrollt, war nicht abzusehen. Die taz war anfangs ein Sprachrohr der Grünen und sehr wichtig für die Akteure der Partei, aber als die Zeitung dann im Zuge der Balkankrise auch einmal wagte, die Kriegspolitik Fischers zu kritisieren, gab er fortan lieber der “Bild” Interviews. Auch wenn die taz in mancher Hinsicht im Mainstream angekommen ist, hat sie dabei nicht so stark gelitten wie die Grünen. Was sicher damit zu tun hat, dass an den (veganen) Fleischtöpfen von Mütterchen taz nach wie vor nicht viel zu holen ist, während die Politik lukrative Pöstchen und Pensionen bietet. Dafür lässt man dann auch schon mal den Hambacher Forst roden oder drückt beim Dieselbetrug im Ländle alle grünen Augen zu.

Das ganze Interview hier

In einem großformatigen Band, der soeben erschienen ist,  habe ich mit zwei Kollegen die Geschichte der Zeitung dokumentiert; “40 Jahre taz – Das Buch” 

Pflichtlektüre für Journalistenschulen

Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft in München, hat im Frühjahr das Buch „Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren“ veröffentlicht. Über die Arbeit mit künftigen Journalisten und PR-Beratern bloggen er und seine MitarbeiterInnen auf “Medienrealität”. Sowohl das Buch wie auch diesen Blog kann ich sehr empfehlen, ebenso wie das Interview , das Michael Meyen auf KenFM gegeben hat. Aber darf denn ein ordentlicher Professor mit diesem Ken Jebsen sprechen ? “Mit Unverständnis haben einige Freunde und Kollegen (Frauen und Männer) auf meinen Auftritt bei Ken Jebsen reagiert”, schreibt Meyen auf seinem Blog,  “in der Welt von Twitter und Co. wurde aus solchem Unverständnis blanke Ablehnung, wenn auch mit wenig Resonanz.” In einer Stellungnahme dazu stellt er einiges richtig:

“Stein des Anstoßes sind zwei unterschiedliche Dinge. Da ist zunächst der Kontakt an sich – verbunden mit der Frage, wem ein Professor (bezahlt immerhin aus Steuergeldern und damit dem öffentlichen Wohl verpflichtet) Interviews geben darf und soll. Auf keinen Fall einem „Agitator“, schreibt ein Lehrstuhlinhaber, der „einem Akteur wie Jebsen niemals einen solch journalistisch legitimierenden Ritterschlag geben“ würde. Begründung neben dem „Agitator“ und dem Wunsch nach Abgrenzung: Man könne nicht sicher sein, dass Jebsen „nicht was Schönes aus den Aufnahmen bastelt“. Er (der Kollege) habe deshalb unter anderem schon Anfragen von Russia Today und Bild abgelehnt.Du wirst benutzt, sagt eine andere Professorin. „Ich wäre da nicht zu vertrauensvoll.“ In dieser Mail wird KenFM mit Sputnik verglichen (wo ich auch schon interviewt wurde): Plattformen, sagt die Professorin, „die eher (nicht absolut, aber auch) gesellschaftsspalterische Momente und vielleicht sogar Intentionen in sich tragen und kommunikativ (gelinde gesagt) höchst merkwürdig funktionieren“ – „intransparent und sehr subjektivistisch und parteiisch“. Es folgt die Frage nach dem „SINN“ (tatsächlich groß geschrieben).Nun: Ich wollte schon gern wissen, wie KenFM funktioniert – ein Kanal, der von den Spenden und der Zuwendung seiner Anhänger lebt (ganz ohne Rundfunkgebühren), und ein Macher, den seine Herkunftsbranche ignoriert oder attackiert und der „in linken und linksliberalen Kreisen nach wie vor schlecht beleumundet ist“. Mathias Bröckers (2016: 11), noch so ein verfemter Journalist (vgl. Butter 2018: 67), hat aufgezählt, was er „in Kollegenkreisen“ über Jebsen hören konnte: „an der rechten Flanke offen“, Nähe zu Ufologen, Diffamierungen als Antisemit. Unsinn, sagt Bröckers. Ken Jebsen sei „aus den Kreisen des sich seriös nennenden Qualitätsjournalismus“ ausgeschlossen worden, weil er „mindestens zwei Tabus“ verletzt habe: „massive Zweifel an der offiziellen Geschichte der 9/11-Anschläge“ und scharfe Kritik an der „rechtsextremen Politik der israelischen Regierung“ nach Bombardements in Gaza (ebd.). (…)
Das (buchlange) Interview, das Mathias Bröckers (2016) mit Ken Jebsen geführt hat, sollte Pflichtlektüre werden auf jeder Journalistenschule – nicht wegen der Form (viel zu viele lange Fragen und oft noch längere Antworten), sondern wegen des Inhalts. Den Journalismus und „die freie Presse“ beschreibt Jebsen dort als „Immunsystem der Demokratie“ (S. 214). Sein Credo in ein paar Zitaten zum Zitieren: „unvoreingenommen“ bleiben, auch wenn Menschen „am medialen Pranger stehen“. Menschen „ertragen“ und vor allem „zu Wort kommen“ lassen, die „vom Mainstream abweichen“ (S. 222). „Dafür sorgen, dass Demokratie nicht korrumpiert wird, oder wenn dies geschieht, darauf hinweisen“ (S. 47). Angsthasen? Absolut ungeeignet für den Beruf. „Das ist doch ganz einfach. Journalismus bedeutet, etwas zu bringen, von dem andere wollen, dass es nicht veröffentlicht wird. Alles andere ist PR“ (S. 48). Und: „KenFM liefert Argumente, um dem Mainstream zu widersprechen“ (S. 37) – ein Muss für uns Bürgerinnen und Bürger, denn „fast alles, was wir heute als Wirklichkeit betrachten, ist ein künstlich erzeugtes Produkt der Massenmedien, auf die wir uns dann beziehen, wenn wir uns ‚unsere‘ Urteile bilden. Nur werden die ‚Fakten‘ erst zuvor von den Medien selbst geschaffen“ (S. 48). (…)

Weiterlesen hier: Ken Jebsen und das Establishment

40 Jahre taz – Das Buch

Am Wochenende haben wir das Buch, an dem ich in letzter Zeit gearbeitet habe, auf der Genossenschaftsversammlung der taz vorgestellt – und weil es wirklich groß (Format 270 x 370 mm, 400 Seiten) und sehr schön geworden ist, ist  das Werk auf ziemliche Begeisterung gestossen. Wer an (Medien-)Geschichte interessiert, wird von dieser Zeit(ungs)reise durch vier Jahrzehnte Weltpolitik und das Innenleben der einst “größten Schülerzeitung der Welt” kaum enttäuscht werden, sondern sich beim Blättern mit Aaahs und Oohs an Vieles erinnern.

Für die Nachdenkseiten habe ich mit Marcus Klöckner über die Geschichte der Zeitung und darüber gesprochen, warum alternative Medien heute mindestens so notwendig sind wie vor 40 Jahren:

Die „alternative“ Tageszeitung taz feiert 40. Jubiläum. Sie waren Gründungsmitglied und haben sich gerade für ein Buchprojekt durch das Archiv der taz gewühlt. Was war das für eine Zeitung, als sie an den Start ging?

„Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“, war das Motto der ersten Nullnummer, die im September 1978 erschien – zu einer Zeit, als außer der taz noch eine weitere Tageszeitung aus der linken Ecke im Entstehen war – „Die Neue“ – die mit einigen professionellen Journalisten und etwas Geld startete. Dem „Sponti-Projekt“ taz, das ohne Kapital und journalistisches Know How an den Start ging – unter den etwa 50 Gründerinnen und Gründern hatte kaum eine Handvoll schon einmal eine Redaktion von innen gesehen – traute kein „Experte“ mehr als einen kurzen Sommer zu. Doch den überlebte „Die Neue“ dann nicht. Die taz aber hatte das Crowdfunding erfunden, bevor es das Wort dafür gab: 1534 Vertrauensselige bezahlten Anfang November 1978 ihr Vorausabo für eine Tageszeitung, die es noch gar nicht gab. Ein halbes Jahr später erschien sie und lebte und wirtschaftete in den ersten zehn Jahren mit und von diesem Vertrauensvorschuss ihrer Abonnenten – und den gab es, weil sich die frühe taz weniger als journalistisches, sondern als politisches Projekt verstand. Das wird auch aus dem Buch über die letzten 40 Jahre Zeit- und Zeitungs-Geschichte, das wir gerade zusammengestellt haben, sehr deutlich. Niemand kam zur taz, weil er nur einen Job suchte – die gab’s anderswo und deutlich besser bezahlt Ende der 70er ja noch überall.

Also gab es offensichtlich Bedarf an einem „alternativen“ Medium?

Der „Deutsche Herbst“ 1977 und die Hysterie angesichts des RAF-Terrors hatte ja zu einer regelrechten Gleichschaltung der Medien geführt. Wer mit längeren Haaren und Lederjacke in einem 2 CV mit Anti-AKW-Aufkleber herumfuhr, war damals quasi schon Terror-Sympathisant und wurde von der Polizei entsprechend behandelt. Friedliche Proteste gegen Atomkraftwerke wurden generalstabsmäßig niedergeknüppelt, es war, wie ein Filmtitel lautete, eine „bleierne Zeit“. In vielen Regionen entstanden alternative Stadtzeitungen, die aus anderer Perspektive und aus Sicht der Betroffenen berichteten. In Frankfurt waren das zum Beispiel der „Informationsdienst für unterbliebene Nachrichten“ und der „Pflasterstrand“ und in Berlin hatte sich im Umfeld des „Tunix“-Kongresses eine Initiativgruppe gebildet, mit Christian Ströbele als juristischem Berater und Manager, und aus diesen Initiativen entstand dann die taz. „Objektivität – nein Danke!“ lautete die erste These im „Prospekt Tageszeitung“, mit dem sich das Projekt erstmals vorstellte und um Vorausabos warb. Es ging nicht um Ausgewogenheit, sondern um Parteilichkeit – für die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, für die Frauenbewegung, für Ökologie, für Hausbesetzungen statt Kahlschlagsanierung, für Abrüstung statt „Pershing 2“, kurz: für Alternativen zum Bestehenden.

Durch das Internet gibt es heute eine Vielzahl an alternativen Medien und Formaten. Da scheint es einen zeitübergreifenden Bedarf zu geben, oder?

Den gibt es selbstverständlich, weil sich seit den 1970er Jahren wenig geändert hat an grundsätzlichen Strukturen und Problemen. Alternativen zur Destruktivität unseres Finanz- und Wirtschaftssystems sind notwendiger denn je – und sie aufzuzeigen und in die Köpfe zu bringen, wäre Aufgabe der alternativen Medien. Eigentlich auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der als vierte Säule der Demokratie verfassungsgemäß zur Kontrolle der Politik und der Macht berufen ist, in der Regel aber nur noch als ihr Lautsprecher fungiert. Und da der Rest der Medien, der in Privatkonzernen zwecks Gewinnmaximierung agiert, letztlich auch nur Lautsprecher sein darf, ist der Bedarf an alternativen Non-Profit-Medien ohne Frage mehr als gegeben. Von daher eindeutig: Ja, wir brauchen alternative Medien! Die taz hat ihren Mitarbeitenden stets sehr magere Löhne gezahlt und nur überlebt, weil sie sich 1991 als Genossenschaft organisierte, deren Ziel nicht eine jährliche Rendite ist, sondern jeden Morgen eine gute Zeitung. Nur mit einer solchen Gemeinschaft konnte die Zeitung 40 Jahre durchhalten – und ohne eine solche Gemeinschaft im Rücken kann auch in Zukunft kein unabhängiges Medium existieren.

Welche Überschneidungen und Unterschiede zwischen der taz von damals und alternativer Medien von heute sehen Sie?

Die Reichweite, die das Netz heute bietet, hätten wir uns damals natürlich gewünscht. Die taz war dann zwar als erste deutsche Tageszeitung im „weltweiten Computerverbund Internet“ (O-Ton 1995) digital verfügbar, aber auch kein Profiteur der Dotcom-Blase. Im Vergleich zur taz-Gründung und dem Aufwand, eine Zeitung zu drucken und auszuliefern, herrschen ja heute, was die Verbreitung von Nachrichten betrifft, geradezu paradiesische Zustände. Was aber die Erstellung von Nachrichten betrifft, hat sich wenig geändert: Guter Journalismus bedeutet Aufwand, produziert Kosten und ist nicht umsonst zu haben. Und wer nicht zum Lautsprecher irgendeines Profiteurs werden und unabhängig berichten will, kommt ohne eine „Community“, am besten eine Genossenschaft, die diese Unabhängigkeit finanziert, nicht aus. Das gilt für alles und jeden, die sich mit Nachrichten jenseits des Mainstreams zu Wort melden.

Können Sie uns einen Einblick in den Alltag der taz von damals geben? Wie ging es damals in der Redaktion zu?

Die taz verstand sich als Kollektiv, das sich einen Einheitslohn von 800 DM für Hand-und Kopfarbeit auszahlte und alle grundlegenden Entscheidungen auf einer wöchentlichen Kollektivsitzung traf. Weil aber nie alle einer Meinung waren und mehrheitlich entschieden wurde, gab es immer Fraktionen und Interessengruppen, die unterschiedliche Ziele verfolgten. Wenn bei den morgendlichen Redaktionskonferenzen der begrenzte Raum auf den Seiten aufgeteilt werden musste, gab es oft heftige Diskussionen. Von verschiedenen externen Aktivisten, die ihre Anliegen in der taz nicht vertreten sahen, wurde die Redaktion dann auch häufiger besetzt. „taz lügt!“ war schon lange vor dem Stigma „Lügenpresse“ eine verbreitete Parole an Kreuzberger Hauswänden, wo die meisten tazlerInnen lebten. Den Autonomen war die taz nicht militant genug, den linken, kommunistischen Gruppen war sie zu undogmatisch, sowohl der Stasi als auch dem Verfassungsschutz war sie nicht geheuer und sie platzierten dort ihre Spitzel. Dass aus all dem Chaos täglich eine Zeitung entstand, ist eigentlich ein Wunder. Die frühe taz war ein Labor für viele Debatten und Ideen, die im Mainstream erst viele Jahre später ankamen – eine Frauenquote zum Beispiel wurde nach einem Streit um sexistische Texte schon 1980 beschlossen, Ökologie und nachhaltige Wirtschaft waren von Beginn an ein Thema und nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 verdoppelten sich die Abos in kurzer Zeit. So anstrengend und nervig dieses hierarchiefreie, kollektivistische Arbeiten auch war, so hatte dieses Kollektiv doch erstaunliche seismographische Fühler für sehr viele gesellschaftliche Problemfelder. Dass sich daraus schon aus Gründen der Effizienz dann flache Hierarchien entwickelten und Chefredaktion und Ressortleitungen eingeführt wurden, hat die Arbeit an der Zeitung zwar durchaus erleichtert, die unter dem Stichwort „Professionalisierung“ vorangetriebenen Änderungen führten aber auch zur einer Normalisierung der Inhalte. Ähnlich wie die „Grünen“, die ihre radikalen und pazifistischen Prinzipen erst kappen mussten, um an politische Positionen zu kommen, verabschiedete sich auch die taz schrittweise von ihren Wurzeln, wurde „realpolitisch“ und durfte dann irgendwann auch im „Presseclub“ mitspielen.

Und heute? Wie sieht es heute in der Redaktion aus?

Ich habe die Redaktion Anfang der 90er Jahre verlassen, weil ich selbst mehr schreiben wollte, statt jeden Tag das Feuilleton zu machen und Texte von anderen zu redigieren; seit 2006 berate ich den taz-Verlag in Sachen digitale Transformation, bin aber kein Mitglied der Redaktion und habe dort keine tieferen Einblicke. Als ich bei einer Strategie-Runde einmal vorschlug, wir sollten die nächsten zehn freiwerdenden Redaktionsstellen mit Leuten besetzen, die NICHT von Journalistenschulen kommen, erntete ich viele böse Blicke, weil viele wohl solche besucht haben. Mein Vorschlag richtete sich aber gar nicht gegen diese Einrichtungen, da kommen ja viele kluge und nette Journalisten raus, du kannst sie heute im Sport-Ressort, morgen bei der Kultur und übermorgen als Wirtschaftsredakteur einsetzen und nirgends schreiben sie wirklichen Unsinn. Aber sie schreiben auch nichts wirklich Gutes, weil sie für nichts brennen und eigentlich kein Thema haben, das sie wirklich interessiert. Sie haben einfach nicht mehr so die Wut und die Verve im Bauch wie die Gründergeneration der taz – und ein wenig von diesem Elan, dachte ich, könnte die aktuelle taz jetzt brauchen……

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“40 Jahre taz – Das Buch”, 400 Seiten, Großformat, Hardcover, 40 Euro. ISBN 978-3-937683-72-0.  Versandkostenfrei im taz-shop und überall im Buchhandel.

Was machen wir nur mit den Nazis ?

Was machen wir nur mit diesen Nazis ? Einfach an die Wand stellen und erschießen geht ja nicht. „An die Wand stellen – und stehen lassen“ empfahl einst der anarchistische Verleger Bernd Kramer, wobei natürlich die Gefahr besteht, dass sie nicht einfach stehen bleiben. Zumal wenn ihnen Verleger wie Jakob Augstein zurufen, sie seien stiernackige „Pimmel mit Ohren“ – was er freilich nur in seiner Zeitung und nicht vor Ort tut, sonst müsste er als vornehmer „Penis auf zwei Beinen“ dieselben in die Hand nehmen um nicht stante pede vermöbelt zu werden. Hate Speech mit Hate Speech zu kontern ist unterste Schublade und hilft nicht weiter.

Der Komiker Karl Valentin bekam einst Auftrittsverbot, weil er sich gefragt hatte, wie er mit einem großen Hitler-Porträt umgehen sollte: „Aufhängen oder an die Wand stellen?“ und sein Kollege Wolfgang Neuss, der ein halbes Jahrhundert später freiwillig nicht mehr auftrat, meinte zu dieser Frage: „Wir müssen Hitler so lange wiederholen bis er ein Hit ist.“ Ja aber wie soll das denn gehen? „Wir müssen die Nazis an die Wand lieben!“ Da hat er natürlich recht, ist aber nicht so einfach.

Als ersten Schritt versuche ich mich mal als Sachsenversteher. Fällt rein linguistisch bei diesem gurgelnden Dialekt zwar schwer, muss aber sein, denn nach dem, was über die Sachsen seit Wochen in den Medien verbreitet wird, sind das alles Nazis und in ihrer Hochburg Chemnitz jagt ein SA-ähnlicher Mob jede Nacht Nicht-Arier durch die Straßen. Dann aber hat der sächsische Ministerpräsident festgestellt, dass es Hetzjagden gar nicht gegeben habe – und die Polizeiberichte über Verletzte und Festnahmen scheinen dem Recht zu geben. Ja was denn nun ? Sind wir postfaktisch wirklich so weit, dass es schon gar keine Fakten mehr braucht, sondern nur noch Deutung ? Es scheint nur ein einziges Wackelvideo zu geben, das als Beweis für „Hetzjagd“ und „Pogrom“ stehen könnte – und dessen Authentizität wird von Verfassungsschutzpräsident Maaßen bezweifelt. Ausgerechnet der Chef des obsoleten Vereins, der überall die Finger drin hat wo NSU oder NPD draufsteht – das kann man also fast als Garantie nehmen, dass das Video echt ist. Und da rechtsradikale Hooligans gerne „Neger“/“Fidschis“/“Juden“/“Moslems“ und wen auch immer „klatschen“ kann es durchaus als Beweis für die Mentalität und Gewaltbereitschaft solcher Typen gelten. Aber ist die jetzt in Chemnitz massenhaft zum Ausbruch gekommen ? Nach Recherchen des ZDF gibt es auf Polizei-Videos weitere Szenen, die Attacken vermummter Rechtsradikaler auf Ausländer und Linke zeigen. Und doch komme ich – nach dem, was ich mir da aus der Distanz über das Internet bisher zusammen reimen kann – zu dem Zwischenergebnis, dass mit „Chemnitz“ eine Art Kirmesschlägerei mit tödlichem Ausgang zu einem nationalen Großnotstand hoch gejubelt wird – und zwar von beiden Seiten.

Bei einem Volksfest wird nachts um drei ein einheimischer Besucher von zwei Ausländern attackiert und erstochen, zwei weitere Besucher, die ihm zu Hilfe kommen, werden schwer verletzt; die verdächtigten Täter, ein irakischer und ein syrischer Asylbewerber, werden verhaftet. Als diese Nachricht – und mehr ist über den Tathergang, das Opfer und die Täter merkwürdigerweise bis heute kaum bekannt – am nächsten Tag auf dem Fest die Runde macht versammeln sich die einige tausend Besucher zu einer Trauerbekundung am Tatort, zu der auch hundert oder zweihundert Rechtsradikale aus dem Umland anreisen und die Kundgebung als Trittbrett für rassistische Parolen und Hitlergrüße nutzen. So landen sie als Breaking News auf allen Titelseiten: die Nazis sind los, Tausende in Chemnitz jagen Ausländer und ganz Sachsen ist ein riesiger brauner Sumpf. Und „Breaking Bad“ gleich hinterher: laut Abwasserproben soll Chemnitz die „Chrystal Meth Haupstadt“ der Republik sein. Also nicht nur Nazis, sondern auch noch Nazis on Speed…

Was tun ? Von Wolke Sieben würde Drogenexperte Wolfgang Neuss LSD-Therapie und Cannabis auf Kassenkosten als Sofortmaßnahme gegen akute Ausbrüche von Nazismus, Rassenwahn, Xenophobie und andere Blut-und Boden-Krankheiten empfehlen, was aber aufgrund der aktuellen Gesetzeslage nicht machbar ist.

Per Strafgesetz ist dem Nazi von heute nur Hitlergruß, Hakenkreuz und Holocaustleugnung verboten, gegen seine Gesinnung ist mit Polizei und Justiz nicht viel zu machen. Er darf Angela Merkel für den Untergang Deutschlands halten, Afrikaner für Halbaffen und Juden für Schädlinge – solange er ihnen nicht zu Leibe rückt oder dazu aufruft geht auch ein 100-prozentiger Nazi einwandfrei als „besorgter Bürger“ durch. So falsch und fatal der Umkehrschluss wäre, dass alle besorgten Bürgerinnen und Bürger Nazis sind, so wichtig scheint es, ihre Sorgen ernst zu nehmen. Denn die sind der fruchtbare Boden, das Biotop – das wissen wir aus der Geschichte der 20er und 30er Jahre – ohne den die Nazis nie zu einer Massenbewegung gewachsen wären. Wer also verhindern will, dass sie weiter Zulauf bekommen, darf dieses Biotop nicht wässern und düngen.

Was wir einst in der Frankfurter Schule gelernt haben: „Wer vom Faschismus spricht kann vom Kapitalismus nicht schweigen“ , lautet in heutiger Übersetzung „Wer keine Neonazis will kann vom Neoliberalismus nicht schweigen.“ Sie sind damals nicht vom Himmel gefallen und sie fallen auch heute nicht vom Himmel, sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger neo-liberaler Politik. Als mich ein paar junge Kollegen fragten, ob ich mit ihnen zur Demo mit Soli-Konzert nach Chemnitz fahre könnte, sie bräuchten noch ein Auto, sagte ich: „Ach Leute, das bringt doch nichts. Auf der einen Seite stehen Rechte und brüllen „Ausländer raus“ und auf der anderen Linke mit „Nazis raus“ und hinterher fahren alle heim und glauben sie hätten was getan.“ Wir haben dann noch kurz diskutiert, ich hab ihnen mein Auto geliehen – und mir weiter Gedanken gemacht, wie sich das Wachstum von Nazis, Rechtsradikalen, AfD usw. verhindern lässt. „Nazis raus!“ und „Pimmel mit Ohren!“ zu schreien mag einer identitätsstiftenden Selbstvergewisserung dienen, hilft aber nicht weiter, sondern verlagert das Problem auf einen Nebenkriegsschauplatz, auf dem sich dann Rechte und „Antifa“ hysterisch anbrüllen und verprügeln. An der Politik ändert das so wenig wie die Schlachten von Hooligans und Ultras am Fußballergebnis.

Was tun ? Statt den Bundeswehretat zu verdoppeln, um weltweit noch mehr Flüchtlinge zu produzieren, wäre ein Vervielfachung der Budgets für Bildung, Jugend und Sozialarbeit schon mal ein Anfang. Wer weiter vasallentreu die Kriege in Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien unterstützt muss sich nicht wundern, wenn nicht nur Frauen und Kinder hier Asyl suchen, sondern auch tausende junge Männer aus diesen Regionen, und nicht nur solche, die von Gewalt traumatisiert sind, sondern auch solche , die schon in ihrer Heimat mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Wer nur „Refugees Welcome!“ und „Wir schaffen das“ ruft und nicht auch sofort Verwaltung, Justiz und Polizei aufrüstet, lebt an der Realität vorbei. Wer den Sozialstaat abbaut und Schulen, Jugendzentren, Schwimmbäder verkommen lässt, wer Milliardären Steueroasen bietet und Arbeitslose und Rentner in unterste Hartz-4 Schubladen steckt, wer Banken rettet und betrügerische Autokonzerne straffrei lässt während Schwarzfahrer ins Gefängnis kommen, kurz: wer staatliche Daseinsfürsorge und Gemeinwohl ignoriert und für „Sicherheit“ nur noch mit Nato-Manövern sorgt, muss sich über Sorgen und Ängste der Bevölkerung genau so wenig wundern, wie über Hutbürger, Wutbürger und Nazi-Schläger.

Auch wenn nach aktuellen Umfragen die AfD bei der nächsten Wahl in Sachsen mit ihrem 1-Punkt Programm „Anti-Migration“ stärkste Partei wird, sind Migranten und Flüchtlinge natürlich nicht das eigentliche Problem. Sie sind nur der Sündenbock an dem sich die Sorgen der besorgten Bürger wohlfeil entladen. Wären sie morgen alle weg, hätten sie keine Sorge weniger. Aber kein Ventil mehr, dem sie ihre Ängste und Sorgen zuschreiben und ihre Wut ablassen können. Und die AfD, die außer Fremdenfeindlichkeit nichts zu bieten hat, wird mit ihrem durch und durch neo-liberalen Parteiprogramm keine der Sorgen von Alleinerziehenden, Mietern, Rentnern, Leiharbeitern, Minijobbern usw. lindern.

Die Globalisierung ruft nicht mehr, sie kommt. Und sie kommt in Massen. Nicht freiwillig, sondern als Ergebnis der Kriege und der Politik, die Europa und die USA angerichtet haben. Und die Ursachen für diese neuen Völkerwanderungen werden nicht beseitigt, selbst wenn Europa sich komplett einmauern könnte. Notwendig ist eine komplette Neuausrichtung der Militär-, Bündnis- und Einwanderungspolitik. Wer weiter nach Gusto Länder bombardiert und entstaatlicht wie das US-Imperium und seine europäische Gehilfen das seit Jahrzehnten tun, produziert immer neue Flüchtlingsströme – und in der Folge immer mehr Nazis, nicht nur in Deutschland. Sie sind die Symptome und nicht die Ursache der Krise. Und so nötig es ist, akute Symptome einzudämmen, so aussichtslos bleibt es, wenn man nicht die Ursachen beseitigt. Solange die Verhältnisse zwischen Oben und Unten unverändert bleiben, prügeln sich Rechts und Links völlig vergeblich.

Auch als Podcast auf KenFM

Der Anfang vom Ende der Medien

Heute morgen wollte ich hier kurz an den 17. Jahrestag erinnern und das von dem , was man “kritischen Journalismus” nennt, keine Rede mehr sein kann, so lange dieses Verbrechen unermittelt und unaufgeklärt bleibt. Aber zu meiner großen Freude, weil ich als verhinderter Musiker ungern immer nur dasselbe Stück wiederhole, hat Wolf Reiser mir den Morgenkaffee so wunderbar versüßt, dass ich jetzt gar nichts mehr schreiben muss. Sondern nur den nicht vorhandenen Hut ziehen und Leserinnen und Lesern – sowie allen, die “irgendwas mit Medien” zu tun haben – die komplette Lektüre von “Two Riders were approaching: Der Anfang vom Ende der deutschen Medien” dringend zu empfehlen. Hier ein kleiner Auszug:

 

Es gehört zum Komplettversagen der Linken, dass sie sich die Sache mit der Lügenpresse von den Dumpfbacken der Pegida aus der Hand nehmen ließ. Seit dem experimentellen Kosovo-Fake haben sich “unsere” Medien von ihrer grundsätzlichen Funktion verabschiedet und sich schrittweise von ihrer Existenzberechtigung befreit. Wer die “Arbeit” der öffentlich-rechtlichen Sender und der “führenden” Tageszeitungen&Magazine über den Zeitraum 1990- 2018 verfolgen konnte oder musste und noch einen Funken historisches Bewusstsein in sich trägt, weiß …(..)
Operation All along the Watchtower: Am 11. September 2001 implodierten in New York mehrere Türme. Jeder Besitzer eines Resthirns kann heute die Namen der drei bis vier beteiligten Geheimdienste nennen. Nur er tut es nicht, vor allem, wenn er deutscher Journalist ist und die Hypotheken seiner Altbauwohnung noch nicht abbezahlt hat.
Wie sehr die USA an Aufklärung interessiert war und ist, beweist der Fakt, dass man für den Lewinsky-Untersuchungsausschuss zehnmal mehr ausgegeben hatte als zur genauen Ergründung jene Taliban-Desinfizierung der westlichen Wertewelt. Rot-Grün, Tinte und Blut von Belgrad waren noch nicht getrocknet, stand stramm zur Seite. Es wurde unverbrüchliche Treue geschworen, transatlantische Einigkeit, Schweigeminuten, Schweigejahre, Hundejahre, in denen uns SPD-Genossen und die Leitartikler der Großmagazine die Freiheit am Hindukusch besangen.Vor Colin Powells Powerpoint-Vortrag wagten nur ein paar Greise wie Stockhausen, Grass, Theodorakis oder Scholl-Latour Einspruch zu erheben. Sie erinnerten an so komische Parallelen zu Tomkin, Pearl Harbor, Kosovo, an die Kennedy-Attentate, an Kissingers Chiletricks und ähnliche Ungereimtheiten in der Wesenswelt der angelsächsischen Pyromanie.”(..)

Weil nichts aufgeklärt wurde ist “11.9.- Zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes” auch nach sieben Jahren noch top-aktuell. Ein Auszug aus dem Kapitel über Osama Bin Laden hier, Pressestimmen und Reaktionen hier. Sämtliche Quellen und Anmerkungen des Buchs hier. Bestellungen hier.

Rette sich wer kann

Mein Freund und Kollege Sven Böttcher, der vor 12 Jahren die Diagnose “Multiple Sklerose” bekam, sich dem Gesundheitssystem anvertraute und dann schnell die Flucht ergriff, hat ein sehr tolles Buch geschrieben, “Rette sich wer kann – Das Krankensystem meiden und gesund bleiben”, das im im Januar erscheint. Mit “Rubikon” hat er schon mal darüber gesprochen:

Die lustige Tierwelt

„Das Leben ist subtil, die Wissenschaft ist grobschlächtig – deshalb braucht es Literatur“, meinte einst der Philosoph Roland Barthes, und es macht Sinn, wenn Helmut Höge sein neues Buch mit diesem Motto beginnt. Als Autor der taz seit nunmehr fast 40 Jahren, als bloggender Aushilfshausmeister und mit seiner taz-Serie „Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung“ ist er den LeserInnen der Zeitung schon lange ein Begriff. Jetzt aber die Texte dieser Serie in erweiterter Form und einem wunderschön aufgemachten Band zu lesen, ist ein Erlebnis besonderer, eben literarischer Art.

Nicht grobschlächtig wie die Wissenschaft und der Journalismus, sondern der Subitilität und Sensibilität ihrem Gegenstand – lebendigen Wesen – angemessen. Dass die moderne Wissenschaft glaubt, Erkenntnisse über die Natur nur aus Erforschungen im Labor und der Gene ziehen zu können, hält Höge für einen gefährlichen Irrweg.

Für ihn ist es der enge Kontakt zu Tieren und Pflanzen, die uns ihrem eigentlichen Wesen näher bringt. In seiner Buchreihe „Der kleine Brehm“, die aus Essays über jeweils eine einzige Tierart besteht, hatte er sich weniger für „die Kühe“ oder „die Katzen“ interessiert, sondern eher für individuelle Kühe und Katzen und sich auf Forschungen und Forscher gestützt, die vom Zusammenleben mit individuellen Tieren berichten.

So begann auch Helmut Höges eigene Tierforschung, als er im Deutschen Herbst 1977 mit seinem Pferd durch ganz Deutschland in die Toskana wanderte, wobei „Lenchen“ nur sein Gepäck trug und er zur Finanzierung der Reise bei Bauern als Landwirtschaftshelfer arbeitete. Das Pferd verschaffte ihm überall ein wunderbares Entrée und einen Job.

Nach der Wende 1989 verschlug es den Tierforscher Höge sogleich in eine LPG bei Berlin, wo er eine Weile Kuhställe ausmistete und das lustige Landleben der DDR-LPGen und ihren ernsten Niedergang studierte.

Dass er seine Feldforschung mit 71 Jahren jetzt auf eine halbe Katze bei seiner Freundin und sämtliche Pflanzen im taz-Haus reduziert hat, scheint angemessen. Und lässt nach 158 Seiten der “Lustigen Tierwelt…” hoffen, dass dieses herrliche Kompendium von Ameise bis Zitteraal bald eine Fortsetzung findet.

Helmut Höge: „Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung“, Westendverlag, 158 Seiten, 16 Euro

Kurze Geschichte eines Kampfbegriffs

Eigentlich hab ich zu diesem Thema schon alles gesagt und geschrieben, aber wenn mein Lieblingsmagazin aus der Schweiz,  der “Zeitpunkt”, anfragt, kann ich auch nicht Nein sagen. Und so ist im aktuellen Heft, das dem Schwerpunkt  “Öffentlich/Geheim” gewidmet ist, eine kurze Geschichte des Begriffs “Verschwörungstheorie” erschienen:

Es gibt Wasser auf dem Mars meldeten die Nachrichten Ende Juli 2018, nachdem Radarmessungen zum ersten Mal einen Beweis für ein Reservoir von H-2-O unter der Oberfläche des Planeten erbracht hatten. Für die Astronomen eine Sensation, denn mit dieser Entdeckung hat sich eine seit längerer Zeit gehegte Vermutung bestätigt, die bis dahin nur auf Indizien und Spuren beruhte. Wasser auf dem Mars – und damit auch die Möglichkeit von Leben – ist somit aus dem Bereich der Spekulation in den der Tatsachen gerückt. Aber auch schon bisher ist kaum jemand auf die Idee gekommen, die anhand von Indizien und indirekten Beweisen über Leben auf dem Mars nachdenkenden Astrophysiker als „Außerirdische“, „grüne Männchen“ oder als „Verschwörungstheoretiker“ zu bezeichnen. Auch wenn sie nichts anderes getan haben, als aufgrund von Spuren und Aussagen von „Augenzeugen“ (Bilder und Messdaten von Mars-Sonden) Hypothesen aufzustellen und dem Verdacht über vergangenes oder aktuelles Leben auf dem Mars nachzugehen.Dass Astrophysiker vor dem Verdikt verschont bleiben, verrückte Verschwörungstheoretiker zu sein, scheint aber nur damit zu tun zu haben, dass das Objekt ihrer Forschung ziemlich weit weg ist. Wer indessen einen näher liegendes Objekt wie etwa die vergangenen und aktuellen Verbrechen von Regierungen und Geheimdiensten zum Gegenstand einer Untersuchung macht, bleibt von diesem Vorwurf nicht verschont. Ich kennen mich da ein wenig aus, weil ich zwei Tage nach den Anschlägen des 11. September 2001 begonnen hatte, an der offiziellen Darstellung der Ereignisse öffentlich zu zweifeln. Die Argumente und Belege für diese Zweifel stellte ich in der Folge in einer 58-teilige Serie im Onlinemagazin „Telepolis“ zusammen und erweiterte sie im Sommer 2002 zu einem Buch, das ein Jahr danach noch eine Fortsetzung erhielt. Mit den dort dokumentierten Argumenten und Belegen setzten sich die Großmedien jedoch kaum auseinander, umso mehr aber mit dem Überbringer dieser Nachrichten. Seitdem bin ich „Verschwörungstheoretiker“, auch wenn ich mit keinem Wort eine „Theorie“ über 9/11 aufgestellt habe, ich bin „Antiamerikaner“, weil ich die offizielle 9/11 Legende der US-Regierung für ein unbewiesenes Märchen halte und bin „Antisemit“, weil ich die fünf vor den brennenden Türmen feiernden Israelis erwähnt habe, die in New York verhaftet und kurz darauf nach Hause abgeschoben wurden, wo sie in einer Talkshow auftraten und sagten, sie seien dort hingeschickt worden, um die Anschläge „zu dokumentieren“. Und ich bin für die Medien in einem Topf mit einem Haufen Spinnern, die an Ufos oder den lebenden Elvis glauben oder überzeugt sind, dass hinter den Masken von Angela Merkel und Theresa May Reptiloide stecken.

Kein guter Standort für einen Journalisten und Buchautor, der sich kritischer Aufklärung und skeptischer Vernunft verpflichtet fühlt – aber unvermeidlich. Wo sagenhafte Höhlenmärchen als rationale Erklärung, Geständnisse eines 182 mal gefolterten Kronzeugen als rechtsstaatliche Verbrechensermittlung und brennende Büromöbel als Ursache für den freien Fall von Wolkenkratzern gelten, sind Logik und Vernunft schlichtweg diskreditiert. Insofern unterscheidet sich das 21. Jahrhundert nicht vom Zeitalter der Inquisition, als rationale Argumente gegen die Dreifaltigkeit oder die Jungfrauengeburt als teuflischer Irrglauben gebrandmarkt und ihre Vertreter nur am Leben gelassen wurden, wenn sie abschworen.
Da eine derart martialische Bekämpfung von Ketzern und Dissidenten in unseren Zeiten kaum noch durchführbar ist, es aber nach wie vor gilt, bestimmte Dogmen zu verteidigten und Tabus zu errichten, setzt man heute auf psychologische Kriegsführung. Und so kam es , dass der neutrale Begriff „Verschwörungstheorie“ zu einem Kampfbegriff umfunktioniert und instrumentalisiert wurde….

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9/11 bleibt der Lackmustest

Hach, diese “Verschwörungstheoretiker” schon wieder, die von  JFK über  9/11 bis Skripal einfach nicht glauben wollen, was die Behörden akribisch ermittelt und die Regierungen verlautbart haben, die dauend von einem sinistren  “deep state” faseln, der im Untergrund die Strippen zieht, und die in einschlägigen Publikationen und Foren das Gift ihre kruden Theorien immer weiter verbreiten. Mit Erfolg, selbst wenn schon in der Überschrift ihrer Beiträge meist völlig klar wird, dass es sich um irre Behauptungen und nicht um belegte Fakten handeln kann. So titelt etwa das Verschwörungsorgan “Newsweek” in dieser Woche:  “CIA and Saudi Arabia Conspired To Keep 9/11 Details Secret” – als ob es einer riesigen Organisation wie der “Central Intelligence Agency” und einem ganzen Staat tatsächlich möglich wäre, über Jahrzehnte irgendwelche Geheimnisse zu bewahren. Zumal doch jeder weiß, dass bei einem solchen Großverbrechen mit vielen Beteiligten schon längst jemand ausgepackt hätte. Zwar macht sich “Newsweek” die Aussage der Überschrift nicht zu eigen und fügt hinzu, dass es sich um ein neues Buch handelt, läßt aber die Verschwörungstheoretiker zu Wort kommen. In diesem Fall zwei hochrangigen Anti-Terror-Beamte des FBI:

“Für Hunderte von Familien und eine wachsende Zahl von ehemaligen FBI-Agenten ist die Trauer einer weiteren 9/11-Zeremonie mit kaum gedämpfter Wut geschnürt: Es bleibt eine Verschwörung des Schweigens unter hohen ehemaligen US und saudischen Beamten über die Angriffe.

“Es ist schrecklich. Wir wissen immer noch nicht, was passiert ist”, sagte Ali Soufan, einer der führenden FBI-Agenten zur Terrorismusbekämpfung, den die CIA über die Bewegungen der zukünftigen Al-Qaida-Entführer im Dunkeln hielt.

Für Soufan und viele andere ehemalige nationale Sicherheitsbeamte stellen die unbeantworteten Fragen zu den Ereignissen, die zum 11. September 2001 geführt haben, diejenigen in den Schatten, die sich auf die Ermordung von John F. Kennedy beziehen, weil “9/11 die ganze Welt verändert hat”.

Es führte nicht nur zu den Invasionen in Afghanistan und im Irak, der Zerschlagung des Nahen Ostens und dem weltweiten Wachstum der islamischen Militanz, sondern auch dazu, dass sich die USA immer mehr zu einem virtuellen Heimatschutz-Polizeistaat entwickelten.

“Ich bin traurig und deprimiert darüber”, sagte Mark Rossini, einer von zwei FBI-Agenten, die der CIA-Einheit Osama bin Laden zugeordnet sind, der sagt, dass CIA-Manager sie auf mysteriöse Weise daran gehindert haben, ihr Hauptquartier über zukünftige Al-Qaida-Plotter in den Vereinigten Staaten im Jahr 2000 und im Sommer 2001 zu informieren.”

Konkret geht es es um die beiden “Hijacker” Al-Midhar und Al-Hazmi, die mit einem Stipendium des Königshauses und betreut von saudischen Agenten unbehelligt in San Diego leben konnten, weil die CIA den FBI-Terrorfahndern nicht mitteilte, dass es sich um bekannte Al Qaida Mitglieder handelte. Aus diesem Grund spielen die  beiden Herren in den Werken von yours truly  “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.” (2002), “Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9.” (2003) und “11.9. Zehn Jahre danach – Der Einsturz eines Lügengebäudes” (2011) eine tragende Rolle und wurden auch in diesem Blog schon häufig gewürdigt.

Dass die Vorbereitungen für 9/11 vom FBI nicht gestoppt werden konnten, weil “Al Qaida” mit inoffiziellen Mitarbeitern der CIA besetzt war, die ihre schützende Hand über die prädestinierten “Hijacker” legte – dieses Faktum muss auch weiter vertuscht und verheimlicht werden. Eine gerichtliche Neuuntersuchung der Sache wird nicht stattfinden, denn sie müsste die Legende von Osama und den 19 Teppichmessern als Einzeltätern entlarven und könnte das ganze Lügengebäude 9/11 zum Einsturz bringen.

Die offizielle 9/11-Version ist und bleibt die Fake News des Jahrtausends, das unantastbare Dogma und große Tabu, der Lackmustest für echten Journalismus. Es ist der Haken, an dem nicht gerüttelt werden darf weil sehr viel daran hängt: das westliche Weltbild,  der Krieg für seine “Werte”  und die gesamte Seriosität von Politik und Medien. Dass  ein Buch zu diesem Thema von “Newsweek” immerhin recht sachlich und ohne dumpfes “Verschwörungstheorie”-Geblöke rezensiert wird, kann in den dunklen Zeiten vor dem 17. Jahrestag der Anschläge da fast schon als Lichtblick gelten.
Auch als Podcast auf KenFM