Macht Trump den Hanf endlich legal?

Mit dem Ergebnis der Halbzeitwahlen in USA können sich beide Seiten als Gewinner fühlen: die Demokraten haben wieder eine Mehrheit im Parlament und die Republikaner haben ihre Mehrheit im Senat gehalten, was Trump als großen Sieg feiert. Ansonsten wird sich im us-amerikanischen Einparteiensystem mit zwei rechten Flügeln nicht viel ändern – im Wahlkampf waren die permanente Aufrüstung und die Kriege in aller Welt kein Thema. Daran wird wohl auch die Tatsache nichts ändern, dass jetzt soviele Frauen wie nie zuvor ins Repräsentantenhaus gewählt wurden –  #me too gilt ja nun leider auch für den Drohnenkrieg und die Bombardements in aller Welt. Die werden also  weiter gehen, während an der “Heimatfront” wegen der neuen Mehrheiten noch ein wenig mehr politisches Theater in Sachen “russian collusion” veranstaltet wird, allerdings weiter ohne Ergebnis, denn für ein “impeachment”  Trumps brauchte es  eine 2/3-Mehrheit im Senat. Donald wir also weiter über “fake news” twittern, die liberalen Medien werden weiter beweisen, dass er nur lügt und betrügt… während das imperiale Kriegsgeschäft weiter as usual läuft.

Auf einem Nebenkriegsschauplatz – dem “War on Drugs” – könnten sich indessen einige positive Entwicklungen abzeichnen: mit dem Staat Michigan hat bei der Wahl der neunte Bundesstaat für die vollständige Re-Legalisierung von Cannabis gestimmt. Im sehr konservativen  Utah und in Missouri wurde die medizinische Verwendung legalisiert, die nunmehr in  33 der 50 US-Staaten wieder möglich ist. Weder die Regierung Obamas noch Trump konnten sich bisher dazu durchringen, die Hanf-Prohibition  auch auf Bundesebene endlich zu beenden und hier könnte sich nach den Midterms jetzt etwas tun. Zum einen hat Trump mit Jeff Sessions gerade einen Justizminister gefeuert, der in der Vergangenheit stets als Prohibitionist der übelsten Sorte aufgetreten ist – und zum anderen hat im Senat  eine parteiübergreifende Initiative ein neues Gesetz eingebracht, dass die Cannabis-Industrie in den Staaten vor strafrechtlicher Verfolgung auf Bundesebene schützen soll.

Nun hat Trump seinen Minister zwar nicht wegen dessen reaktionären Ansichten zu Marihuana entlassen, sondern wegen seines Handlings des “Russiagate”-Sonderermittlers Mueller. Dass es aber kaum Nachfolger geben wird, die drogenpolitisch noch bornierter sind als Jeff Sessions, kann durchaus als Chance für eine bundesweite Legalisierung gesehen werden. Für Trump  wäre das im Wahlkampf 2020 eine Möglichkeit, auch wieder Stimmen im linken und liberalen Lager zu fischen – mal schauen, ob er smart genug ist sie zu nutzen.

In Deutschland unterdessen läuft nicht nur die strafrechtliche Kifferjagd weiter auf Rekordniveau, die Bundesregierung ist darüber hinaus sogar  noch unfähig, die Versorgung von Patienten zu gewährleisten und Lizenzen für den heimischen Anbau von Medizinalhanf zu erteilen.  Vor hundert Jahren war man da in Deutschland schon weiter, 1917 wurde von der  “Versuchsstation für offizinellen Pflanzenbau”  aus Happing (Oberbayern) der erfolgreiche Anbau indischer Medizinal-Hanfsorten gemeldet, die “für besser gehalten wird als die ‘Sansibar-Ware’, sodass  man sich “mit der Hanfdroge aus eigener Züchtung” für die Belieferung von Apotheken ” voll begnügen” konne. Es ist ein Trauerspiel und auch die politisch angeblich erstrakten Grünen versagen bei der grünsten aller Pflanzen auf der ganzen Linie. Und es wäre ein Treppenwitz, wenn erst eine irre Gestalt wie Trump kommen muss damit in Sachen Cannabis endlich Vernunft in die Politik einkehrt.

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Halbzeit im Real Game of Thrones

Mein Büchlein über “König Donald, die unsichtbaren Meister und der Kampf um den Thron” war zwar kein Besteller und der Rest der ersten Auflage wird vom Verlag jetzt für schlappe 4 Euro angeboten. Doch hat dieses “Real Game of Thrones” einige Hardcore-Fans gefunden, die quasi auf Knien um Zugabe und Fortsetzung gebeten haben. Ich habe da freundlich um Verständnis gebeten, dass dieser Donald und das Einparteiensystem mit zwei rechten Flügeln mich wirklich nervt und dass meine Beschäftigung in dieser Jauchegrube keinesfalls zum Dauerzustand werden kann. Denn selbst der lustigste Ton und die schönsten Witze helfen ja nicht darüber hinweg, dass man dafür dauernd im Dreck wühlen muss. Und wenn dann am Ende nicht mal der Mindestlohn für einen gestandenen Müllwerker herauskommt, befasst man sich dann doch lieber mit  angnehmeren Dingen.

Nun stehen also die Halbzweitwahlen an und auch wenn ich mich mit den Zuständen im exzeptionalistischen Königreich nur noch kursorisch befasst habe, scheint mir die Prognose, dass der König mit der  Eichhörnchenfrisur auch diese Wahl gewinnen wird, ziemlich sicher. Und der Grund liegt auf der Hand: bis heute ist es seinen Gegnern nicht gelungen irgendetwas anderes auf die politische Agenda zu setzen als “Russiagate”. Dass es sich bei der aus dem Sink-Tank Hillarys stammenden Verschwörungstheorie, dass Donald  von Wladimir dem Ultrabösen auf den Thron gehievt worden sei, weil unsichtbare russische Häscher Hillarys Post gestohlen hätten, dass es sich bei dieser Räuberpistole um ein Märchen handelt, war zwar jedem halbwegs wachen Beobachter vom ersten Tag an klar. Donalds Gegnern ist aber seit zwei Jahren absolut nichts anderes eingefallen, mit dem sie ihm am Zeug flicken können.

Genausowenig wie ein politisches Thema, mit dem sie seine Agenda kontern und Wähler zurück gewinnen können. Stattdessen dominiert Donald mit seinem Zwitscher-Account die Tagesordnung und  wenn er “Fake News” trötet, blafft der Medienzirkus dumpf “Fake News” zurück.  Und wenn er sein Lieblingsthema anspricht – die Sicherung der Südgrenze gegen illegale Einwanderung –  dann bemängelt die “New York Times” falsche Prioritäten und fordert per Cartoon, das Militär  solle lieber den Mittleren Osten bombardieren. Demokraten die keine anderen Alternativen zu bieten haben müssen sich über  einen Wahlsieger Donald wirklich nicht wundern…

Schnauze,Alexa!

Für alleinstehende ältere Herren ist der Online-Versandhandel eine praktische Sache und wer wie ich zudem mit einer Aversion gegen “Shopping” ausgestattet ist, für den sind sie ein wahrer Segen. Statt in Kaufhäusern und Malls herumzulaufen und zu suchen zwei, drei schnelle Klicks und fertig. Ich bin doch nicht blöd und gehe in den Mediamarkt wenn mein Wasserkocher kaputt ist. An einem Samstagmittag neulich war die Druckerpatrone leer, ich wollte aber übers Wochenende hoch wichtige Texte schreiben und ausdrucken. Also jetzt mit dem Bus ca. 20 min. in diesen furchtbaren  Mediamarkt oder zu Karstadt und wieder zurück ? Nö – amazon now, zwei, drei Klicks…und zwei Stunden später klingelts und die Patrone ist da, zum selben Preis wie bei Karstadt inkl. ein Euro Tip für den Kurier. Da kann doch niemand meckern – außer vielleicht über meine Faulheit und die Unlust in Geschäften herumzulaufen. Jetzt aber muss ich diese Haltung wohl überdenken, denn mein Bruder Johannes hat in seinem gerade erschienen Buch durchaus überzeugende Argumente geliefert, warum ich nicht mehr bei amazon einkaufen sollte. Hier ein Interview , ein Radiogespräch und ein Video dazu. “Schnauze Alexa!” ist im Westendverlag erschienen, überall im Buchhandel erhältlich und auch  (noch! 😉 ) bei amazon lieferbar.

Die “Fahrerstochter” steigt aus

Queen Angela will nicht mehr – und das Personal, das für die Thronfolge mit den Hufen scharrt, lässt auf eine bessere Zukunft kaum hoffen. Zu ihrem Amtsantritt 2005 schrieb ich über die mysteriöse Qualifikation, mit der die graue Kugelmaus aus dem Osten zur mächtigsten Herrscherin Europas aufstieg:

Hätte vor zehn Jahren irgendein politischer Beobachter, Journalist oder Soziologe die Prognose abgegeben, dass Angela Merkel spätestens 2005 Bundeskanzlerin wird, hätte er bei sowohl bei Fachkollegen als auch in der Öffentlichkeit im besten Falle Stirnrunzeln ernten können, viel eher aber völliges Unverständnis oder sogar Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit. Diese graue Kugelmaus, Papa Kohls Mädchen, die triste Unscheinbare aus dem Osten? Nie und nimmer! Was nur einmal mehr zeigt, wie wenig Leitartikler, professionelle Lallbacken und andere Experten, die um die Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs ringen, vom eigentlichen politischen Geschäft sowie von den Qualifikationen verstehen, die erforderlich sind, um in dieser Institution nach oben kommen.

Wie schafft man im Haifischbecken der Macht – vorbei an scheinbar souveränen Pottwalen wie Kohl, an smarten altgedienten Intriganten und beutegierigen Jungräubern von Merz bis Koch und zuletzt an einem leibhaftigen weißen Fernsehhai vom Kaliber Schröder – ganz nach oben zu schwimmen und als Queen Angie I. dem Meer zu entsteigen? Das war auch für mich, als Mitglied der oben zitierten Expertenrunde, ein großes Mysterium, bis mir heute der Kollege S. eine Anekdote aus dem Leben der Angela M. berichtete, die das Rätsel um die wunderbaren Fähigkeiten der künftigen Kanzlerin zumindest teilweise lüftet. Er hatte sie beim Mittagessen von einer weiteren Kollegin gehört, die gerade die Biographie der Templiner Pfarrerstochter recherchiert. Da es sich beim Ort des Mittagessens um die Kantine einer hochmögenden Anstalt der ARD handelte, die bekanntlich immer nur die Wahrheit sagt, gebe ich die Geschichte ohne weitere Quellenrecherche wieder – doch scheint sie so aufschlussreich für das Mysterium des Merkel-Faktors, dass sie nur wahr sein kann:

Die junge und ehrgeizige Angela hatte schon früh bemerkt, dass Pfarrer in der DDR kein angesehener Beruf und die Herkunft aus einem Pfarrhaus dem sozialen Aufstieg eher hinderlich war. Deshalb hatte sie sich angewöhnt, wenn sie nach dem Beruf ihres Vaters gefragt wurde, immer etwas undeutlich zu nuscheln und das Wort in die Länge zu ziehen. So wurde aus dem „Pfarrer“ ein im Arbeiter- und Bauernstaat politisch absolut korrekter Beruf: „Fahrer“.

Inwieweit dieser Kniff im Sinne des Pfarrhauses als erlaubte Notlüge oder als Todsünde zu werten ist, können nur Theologen beurteilen, doch er gibt einen deutlichen Hinweis auf die verborgenen Qualifikationen, die den erstaunlichen Aufstieg Merkels ausmachen: ein hohes Potential an sozialer Intelligenz, Vernetzungs- und Anpassungsfähigkeit. Denn vom Pfarrer auf den Fahrer muss man nicht nur erst mal kommen – also wortgewandt und klug sein -, man muss es dann auch performance-mäßig bringen und dabei so doppeldeutig und unfassbar bleiben wie Teilchen und Welle, die frau als Quantenphysikerin gerade studiert.

Ideale Voraussetzungen also für ein Geschäft, in dem nicht das Lügen bestraft wird, sondern nur das Sich-Erwischen-Lassen: die Politik. Unsere nächste Bundeskanzlerin scheint über Fähigkeiten zu verfügen, die bis dato noch kaum zur Kenntnis genommen worden sind. Das macht, angesichts der kommenden Schrecken einer „Schrökel“-Koalition, immerhin einen Funken Hoffnung. Die CDU freilich sollte ihre ohnehin völlig unpassende und deprimierende Angie-Hymne schleunigst auswechseln: Die ruppigen „Rolling Stones“ waren der stromlinien-bewussten Aufsteigerin zu gewagt, wenn sie als Teenie davon träumte, mal so etwas wie Nachfolgerin von Ulbricht und Honnecker zu werden. Mehr als die „Beatles“ war da an Pop-Opposition einfach nicht drin. Insofern ist für die erste „Fahrerstochter“ an der Spitze der Bundesrepublik dringend eine neue Erkennungsmelodie fällig: „Baby, you can drive my car“.

Goethe und die Natur

Das Manuskript ist fertig, das Cover ist schon da, erscheinen wird das Ganze aber erst im kommenden Frühjahr:  das Buch über meinen Lieblingstext von Goethe, das “Fragment über die Natur”.  Auch wenn er diese Aphorismen nicht verfasst hat und sie wahrscheinlich von Georg Christoph Tobler stammen, auch wenn Goethe sie nur bearbeitet und bei einer Zeitschrift eingereicht hatte, wo sie anonym erschienen, sind diese hymnischen Zeilen ein herausragender Schlüsseltext  für das Denken Goethes über die Natur. Sie stehen am Anfang seiner lebenslangen Erforschung von Steinen und Pflanzen, Tieren und Menschen, Licht und Farben und legt den Grundstein für die Methode der »zarten Empirie«, mit der er sich als Wissenschaftler seinen Gegenständen nähert. So kam denn auch der Pionier der Polaroid-Fotografie, der Physiker Edwin Land,  mit Newtons »spectre« (engl.Erscheinung, Gespenst), dem von einem Prisma in Farben getrennten weißen Lichtstrahl, nicht weiter, erforschte die Farbwahrnehmung mit Goethe‘schen Methoden und erfand das farbige Polaroid-Sofortbild. Es scheint, dass Goethes Erkenntnisse über die Natur ihrer Zeit voraus waren und heute für die Zukunft relevanter sind als je zuvor. “Newtons Gespenst und Goethes Polaroid” erscheint am 1. März 2019 im Westendverlag.
  

Die schlechteste Vertuschung aller Zeiten

Der Tod eines Menschen ist eine Katastrophe, der Tod von Millionen ist Statistik.” Die Josef Stalin zugeschriebene Einsicht in die menschliche Psyche wurde an der medialen Ungleichbehandlung des Khashoggi-Falls und des brutalen Hungerkriegs im Jemen wieder einmal deutlich. Während Donald Trump nur “die schlechteste Vertuschung aller Zeiten”  tadelte, hockte sein Finanzminister diese Woche schon wieder bei MBS auf dem Sofa. Auch beim “Davos in der Wüste”, der vom Kronzprinzen eröffneten Investmentkonferenz, läuft alles prima. Die westlichen  CEOs, die aus “symbolischen Gründen” – so die saudischen Agenturen – abgesagt hätten, hätten einfach niederrangige Stellvertreter geschickt. Die Kopf-Ab-Dynastie der Al Sauds ist einfach zu reich und zu wichtig, um dort einen regime change zu erzwingen, MBS aber, den de facto regierenden Kronprinzen Mohamed bin Salman, könnte der Khashoggi-Mord zwar nicht den Kopf, aber den Job kosten.

Die eilends nach Ankara gereiste CIA-Direktorin Inga Haspel hat das Audio-und Videomaterial der türkischen Dienste, nach dem das Büro von MBS direkt in den Mord involviert war, gesichtet und für autenthisch befunden. Da sie selbst Entführungs, -und Folterprogramme der CIA beaufsichtigte, kann Mrs. Haspel als Expertin gelten. Um Präsident Erdogan von einer expliziten Anklage des Knochensäger-Prinzen abzuhalten hatte sie vorsorglich ein wenig Kompromat über Korruption beim Istanbul Kanal Projekt mitgebracht und eine Veröffentlichung in den Raum gestellt. So hielt sich Sultan Erdogan brav zurück und MBS lobte auf der Business-Konferenz ausdrücklich die Türkei und das mit ihr alliierte Katar, das er vor kurzem noch überfallen wollte. So scheint es, dass man für’s Erste einen Deal gefunden hat.  Riad hat mittlerweile offiziell verkündet, dass es sich nicht um ein Versehen, sondern um einen Mord gehandelt hat und die Täter “zur Rechenschaft” gezogen werden. Ein Emissär des Königreichs soll den Türken 5 Milliarden Dollar fürt das Audio,-und Videomaterial aus der Botschaft  angeboten haben was aber abgelehnt wurde. So billig kommt MBS nicht davon.

Seine perverse Blockade von Lebensmittellieferungen in den Jemen, wo laut UN-Angaben 8,4 Millionen Menschen hungern, sollte aber dafür sorgen, dass der sympathische “Modernisierer” und die Feudaldiktatur Saudi-Arabien im “Werte”-Westen weiter in den Schlagzeilen bleiben. Immerhin haben Deutschland und auch die EU-Kommission mittlerweile angekündigt, Waffenexporte nach Saudi-Arabien zu stoppen. Auch Knochensägen sollte man den barbarischen Wüstensöhnen vielleicht nicht mehr liefern. Dass von diesen Embargo-Ankündigungen noch viel übrig bleibt, wenn die Aufregung über den zerstückelten Journalisten verflogen ist, darf bezweifelt werden. England und Frankreich haben sich schon gegen einen Waffenboykott ausgesprochen und die USA werden ebenfalls weiter liefern. Der Krieg im Jemen und die verhungernden Millionen sind für den “Werte”-Westen keine  Katastrophe, sie bleiben Statistik…
(Cartoon: Steve Bell, The Guardian)

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Neues vom Knochensägenmassaker

Das Khashoggi Knochensägenmassaker ist noch immer ein Mordfall ohne Leiche, aber anders als Saudi-Arabiens grausamer Krieg im Jemen mit zehntausenden Toten nach wie vor ein internationaler Aufreger ersten Ranges. Dass im saudischen Konsulat in Istanbul ein Mord stattfand, hat die Regierung in Riad mittlerweile zugegeben – zuerst wurde von einem tödlich ausgegangenen Faustkampf gesprochen, dann zitierte Reuters einen Sprecher, der von “Erwürgen” sprach und dass die Leiche in einen Teppich eingerollt außer Haus geschafft worden sei. Im Zusammenhang mit dem Mord seien jetzt 18 saudische Staatsbürger festgenommen und fünf Geheimdienstmitarbeiter gefeuert worden. Eine Kommission unter Kronprinz Mohamed Bin Salman (MBS) würde die Vorgänge jetzt weiter ermitteln, der Kronprinz selbst freilich – so der saudische Außenminister am Sonntag früh bei Fox News – habe davon natürlich  “keinerlei Kenntnis” gehabt.
Unterdessen hat der türkische Präsident Erdogan angekündigt, am Dienstag die “nackte Wahrheit” über den Mord in der Botschaft zu veröffentlichen. Die türkische Presse berichtet weiterhin aus den Audio-Aufzeichnungen der verwanzten Botschaft, die auch schon der CIA zumindest teilweise vorgelegt worden sein sollen. “Macht das draußen, ich bekomme sonst Ärger” wird der Botschafter zitiert, nachdem das 15-köpfige Fachkräfteteam Khashoggi nach seinem Eintritt in die Botschaft betäubt und sodann getötet und die Leiche dann in Einzelteile zerlegt haben soll. Zuvor aber, so berichten türkische Medien, soll Kashoggi aber noch einen Anruf empfangen haben – vom Kronprinz Mohamed Bin Salman persönlich.

Deutschland hat letztes Jahr für 245 Millionen Euro Waffen nach Saudi-Arabien exportiert, ein Klacks verglichen mit dem 100-Milliarden-Deal den Trump nach seinem Amtstantritt mit MBS vereinbarte, aber dennoch verfassungswidrig, denn Waffenlieferungen an kriegsführende Länder sind in Deutschland nach wie vor verboten. Dass Merkel und Maas jetzt wegen dem Mord an Khashoggi – und nicht wegen des grausamen Kriegs im Jemen – die Geschäfte mit den Saudis vorsichtig in Frage stellen, zeigt einmal mehr den Doppelstandard in Aktion: MBS mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn und in solchen Fällen müssen Recht und Moral einfach ausgeblendet werden. Angesichts des bizarren Knochensägenmassakers aber fällt das jetzt einigermaßen schwer. Denn was muss der Herrscher einer martialischen Feudaldiktatur eigentlich noch alles veranstalten, bis ihn der “Werte”-Westen sanktioniert und isoliert ? 

Wie schon  sein Vorgänger Obama laviert auch US-Präsident Trump in scheinheiliger Komplizenschaft mit der wahabitischen Kopf-ab-Monarchie herum, die wegen ihrer Milliarden und dem Öl einfach zu wichtig ist, um ihr die Freundschaft zu kündigen.  Vor zwei Wochen, bevor der Mord bekannt wurde, hatte Trump noch getönt, dass er König Salman gesagt habe, er wäre ohne den Schutz der USA  “keine zwei Wochen mehr da”.  Dass sein barbarischer Lieblingssohn MBS weiter im Amt bleibt, die Unterstützung für den Jemen-Krieg nicht umgehend gestoppt wird, die saudischen Botschaften nicht geschlossen und ihre lügenden Botschafter bis zur definitiven Klärung des Falles nicht ausgewiesen werden, verdankt sich allein der Protektion Washingtons. An dieser wird sich weder in zwei Wochen noch in zwei Jahren etwas ändern –  selbst wenn der im “Werte”-Westen als  “Modernisierer” gefeierte MBS der Flagge des Kopf-Ab-Königreichs ein zeitgemäßes Update (siehe die zwei Vorschläge oben) verpassen sollte…

Kashoggi – Ein Gruselschocker aus der Kopf-Ab-Dynastie

“Räuberpistole” ist als Genre-Bezeichnung wohl zu schwach für die Story um den verschwundenen saudischen Journalisten Jamal Kashoggi, der einen Besuch in der Botschaft in Istanbul nicht überlebte, weil Fachkräfte des saudischen Geheimdiensts ihn dort ermodet und in Einzelteile zerlegt außer Haus geschafft haben sollen.  Das klingt wie der Einstieg zu einem James Bond Film, wobei aber noch ziemlich unklar ist, welche Motive die “Bösen” für diese Metzgerei hatten und wie die “Guten” darauf reagieren, Dass Saudi-Arabien eine der letzten Feudaldiktaturen auf Erden ist hat die “Guten” –  unsere “Werte”-Regierungen in Washington, London und Berlin – bis dato ja nicht davon abgehalten, glänzende Waffengeschäfte mit dem Königreich zu machen. Und wir dürfen gespannt sein mit welchem Spin jetzt dafür gesorgt wird, dass auch eine solche Schlächterei nicht zu geschäftsschädigenden Verstimmungen führt. Nachdem die Prinzen sauer waren, weil ihnen Außenminister Sigmar Gabriel “politisches Abenteurertum” vorgeworfen hatte, hat sich sein Nachfolger Heiko Mass dafür Ende September untertänigst entschuldigt.  Und als im Mai die Kanzlerin in Jeddah einschwebte, tönte die “Tagessschau”, dass die saudische Kopf-Ab-Dynastie unter Kronprinz Mohamed Bin Salman (MBS) ja viel besser sei als ihr Ruf.

Mit dem guten Ruf scheint es jetzt vorbei zu sein und die saudische Erklärung, dass Kashoggi bei einem Verhör “versehentlich” gefoltert und getötet wurde, klingt zu grotesk, als dass sie von den westlichen Regierungen oder von Erdogan einfach angenommen werden könnte. Da die türkische Regierung behauptet, im Besitz von Videomaterial über den Mord zu sein, stellt sich nunmehr die Frage, was MBS für diese Videos bezahlen und wieviel Waffen er in den USA kaufen muss, um weitere Investigationen und Sanktionen zu verhindern.  Donald Trump hat einstweilen mögliche “rogue killers” ins Spiel gebracht, also wie so oft gar nichts gesagt – auf die “Russen”, “Chinesen” oder den “Iran” läßt sich der Fall ja auch schlecht schieben. Und auch die lancierte Motivlage, dass es sich bei dem in USA lebenden Kolumnisten der “Washington Post” um einen dissidenten Journalisten handelt, der dem Kronprinzen in die Quere kam und beseitigt werden musste, läßt Zweifel offen – denn Jamal Kashoggi war kein normaler “Journalist” und auch kein Kritiker des Regimes.

Als Neffe des vor zwei Jahren verstorbenen Waffenhändlers und CIA-Frontmanns Adnan Kashoggi, der von Iran-Contra bis 9/11 in nahezu jeden Großskandal der letzten Jahrzehnte verwickelt war, war Jamal jahrelang der Sprecher und Berater des saudischen Geheimdienstchefs Prinz Turki, den er in die USA begleitete, nachdem Turki nach 23 Jahren am 1.9.2001 überraschend und kommentarlos von seinem Posten zurückgetreten war. Zehn Tage später wurden 15 seiner Agenten, die trotz mangelhafter Visa über das als CIA-Schleuse bekannte US-Konsulat in Jeddah nach Amerika  gekommen waren, als “Hijacker” und als ihr Rädelsführer Osama Bin Laden identifiziert- ein alter Kumpel von Prinz Turki und Jamal Kashoggi, der mit ihm als Mujahedin in Afghanistan auf Fotos posierte.
Dass MBS Kashoggi beseitigen lies, weil er 9/11-Geheimnisse ausplaudern könnte, scheint allerdings unwahrscheinlich, denn sie würden eher auf ihn selbst als auf den amtierenden Herrscher zurückfallen.

Nach dem Blitzbesuch des US-Außenministers Pompeo hat MBS nur versprochen, den Fall “zu untersuchen” – was zwar leicht fallen sollte, weil die Namen der nach Istanbul eingeflogenen “Fachkräfte” (inkl. eines Forensikers und eines Generals) bekannt sind, aber vermutlich  ergebnislos verlaufen wird.  Auf dem geopolitischen Schachbrett ist MBS eine wichtige und willige Figur für den “Werte”-Westen, er kauft nicht nur Waffen en masse um die yementischen Ölfelder unter Kontrolle zu bekommen, sondern finanziert auch die “moderaten” Terroristen in Syrien sowie die kurdische Proxi-Armee und mischt bei der Aggression gegen Iran gerne mit. Zudem kann er jederzeit an der Ölschraube und am Petrodollar drehen. So einen serviert man nicht einfach ab, selbst wenn er sich als martialischer Killer herausstellt. Aber irgendetwas Bessers als ein aus Versehen zerstückeltes Folteropfer müssen sich die Spindoktoren schon einfallen lassen müssen, um beiderseits das Gesicht zu wahren…

Blöd-Blöder-Söder – in Bayern bleibt alles beim Alten

Ich bin Bayern-Fan. Nicht von Bayern München, diesen Verein mochte ich noch nie, aber die bayerischen Berge, Wiesen und Seen sind wirklich schön – und im Übrigen ist der Freistaat das Bundesland mit dem höchsten Zivilisationsgrad. Denn keine Region in Deutschland kann sich mit Bayern in der Zahl der Feiertage messen – und was, wenn nicht die Anzahl arbeitsfreier Tage, kann wirklich als Gradmesser für den Fortschritt einer Zivilisation gelten.

Religionsverächter, die einwenden, dass es sich bei diesen bayerischen Festtagen doch um nur um überkommene katholische Traditionen handelt, die abgeschafft gehören, haben den kulturellen und zivilisatorischen Wert des Feiertags nicht verstanden. Er beschert der arbeitenden Bevölkerung einen Tag des süßen Nichtstuns, der Entspannung und Muse, eine Auszeit von Stress und dumpfem Robotten – niemand kann somit ernsthaft die Überlegenheit einer Gesellschaft bestreiten, die sich reichlich Feiertage leistet. Noch dazu wie in Bayern mit so schönen Namen wie  Heilige Drei Könige, Fronleichnam oder Mariä Himmelfahrt. Weil dabei keiner gezwungen ist, irgendeinem Kult um Könige, Leichen oder Himmelfahrten zu huldigen,  können selbst hartnäckige Atheisten ihr Recht auf Faulheit an diesen Tagen vollauf genießen. Insofern: Liberalitas Bavariae at it’s best.

Für zwei Drittel aller Bayern wurde nun auch der vergangenen Wahlsonntag zu einer Art Feiertag – die gefühlt seit Jahrhunderten allein regierende CSU erzielte das schlechteste Ergebnis seit mehr als 50 Jahren. Ihrem Chef, dem Heimatminister Seehofer, wollte selbst in Hintertupfing kaum einer abkaufen, dass nicht die unbezahlbaren Mieten und schmalen Renten sondern die Migration „die Mutter aller Probleme“ wäre. Seehofers Versuch, die AfD mit solchen Sprüchen rechts zu überholen, ging nach hinten los ….und die CSU-Wähler migrierten in Massen,  vor allem zu den Grünen.  Seehofers penetrantes Fingerhakeln mit Merkel wg. „Obergrenze“ und Söders scheinheilige Aktion, in allen Amtsstuben Kruzifixe aufzuhängen, wurde von den Wählern offenbar nicht im Sinne des christlich-sozialen Markenkerns empfunden, sondern  eher als unchristlich und asozial.

Dass die Grünen ihr Ergebnis verdoppeln konnten lag aber weniger an Überläufern aus der CSU, sondern am Absturz der einstigen Volkspartei SPD auf 9 Prozent. Zwar waren die Sozen in Bayern noch nie besonders stark, dass sich ihr Anhang aber glatt halbierte hat damit zu tun, dass ein sozialdemokratischer Kern bei der Marke SPD schlicht nicht mehr zu erkennen ist.  Die Sozialdemokraten haben sich selbst erledigt und mit einer baldigen Wiederauferstehung ist angesichts des amtierenden Personals kaum zu rechnen – unsägliche Gestalten wie Andrea Nahles oder Heiko Maas werden dafür sorgen, dass es auch  im alten SPD-Stammland Hessen, das schon lange CDU-regiert wird und wo in zwei Wochen gewählt wird, weiter abwärts geht.

Der starke Aufschwung der Grünen und der AfD, die jetzt erstmals in den bayerischen Landtag einzieht, hat denn auch wenig mit ihrem Personal oder Programmen zu tun, sondern mit der Selbstpulverisierung der SPD, sowie mit der „Mia san Mia“- Arroganz der CSU – da machen selbst die treuesten Parteiseelen nicht mehr mit und wählen halt was anderes.

Revolutionär oder „historisch“, wie es in vielen Kommentaren tönte, ist an diesem Wahlergebnis indessen nichts – in Bayern wird alles beim Alten bleiben. Die CSU wird mit den Freien Wählern koalieren, die letztlich auch nur Konservative von ihrem Fleische sind – neue Impulse oder gar politische Reformen sind da nicht in Aussicht. Auch Heimat-Horst Seehofer wird sein Pöstchen im Bund nicht hinschmeißen, um sich künftig nur noch seiner eigentlichen Kernkompetenz – der Modelleisenbahn – zuzuwenden. Und die bayerischen Schulkinder werden beim Erlernen des Komparativs auf absehbare Zeit nicht um die Steigerungsform ihres Ministerpräsidenten herumkommen: Blöd, Blöder, Söder. Aber zum Glück haben sie ja noch die vielen Feiertage…
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