Good Friday

Heute vor 56 Jahren fand in der Universitätskapelle der Harvard Universität in Boston ein bemerkenswertes Experiment statt.  Bevor der Gottesdienst am Karfreitag (“Good Friday” ) begann, wurden Kapseln an 20 Theologie-Studenten verteilt. Die eine Hälfte erhielt 30 Milligramm Psilocybin, die andere ein Placebo-Präparat. Ziel des Experiments, das der Arzt und Theologe Walter Pahnke im Rahmen seiner Doktorarbeit durchführte, war die Bewertung von Psilocybin, des Wirkstoffs der „heiligen Pilze“ der südamerikanischen Inidianer, als Auslöser mystischer Erfahrungen. Das Ergebnis war eindeutig: 80 % der Psilocybin-Gruppe berichteten von starken Eindrücken – Erlebnis der Einheit Transzendenz von Raum und Zeit, Empfinden des Heiligen und ähnlichem, in der Kontrollgruppe hingegen berichtete keiner von solchen Erfahrungen. Bei den Studenten handelte es sich um „ziemlich un-mystische Persönlichkeiten“ (Pahnke), bodenständige, protestantische Mittelamerikaner und um so erstaunlicher war dieses Ergebnis, das vor allem von christlicher Seite kritisiert worden ist, weil zu einer „echten“ mystischen Erfahrung notwendigerweise die personale „Begegnung mit Jesus Christus“ gehöre.

Ein Einwand, der allerdings eher als Vereinsmeierei denn als ernstzunehmende Kritik zu verstehen ist, zumal im Hinblick auf die Langzeituntersuchung des Karfreitagexperiments, die Rick Doblin ein Vierteljahrundert nach diesem Karfreitag bei 19 der 20 damaligen Probanden durchführte. Während die Kontroll-Gruppe sich kaum noch an irgendein Detail erinnern konnte hatten alle Mitglieder der Psilocybin – Gruppe lebendige Erinnerungen an das Ereignis und bezeichneten sie als einen, wenn nicht den Höhepunkt ihres spirituellen Lebens: „Wir hatten nur eine unendlich kleine Menge Psilocybin genommen, aber sie verband mich mit der Unendlichkeit“, so eines der typischen Statements der Befragten.

Auslöser dieser Experimente waren die überwältigenden Erfahrungen nach dem Genuß magischer Pilze, die den kurz zuvor als Professor für Psychologie an die Harvard-Universität berufenen Timothy Leary Anfang 1960 veranlaßten, diese Substanzen in seine verhaltenspsychologischen Forschung einzubeziehen. Neben dem Karfreitags-Experiment wurde im Rahmen des „Harvard Psilocybin Project“ auch ein Versuch mit Gefangenen eines Staatsgefängnisses gestartet, bei denen die Wirkung einer Psilocybin – Therapie auf die Resozialisierungschancen getestet wurde – mit vielversprechenden Ergebnissen. Auch bei der Rehabilitation von Alkoholikern hatte die psychedelische Selbsterfahrungs-Therapie erstaunliche Ergebnisse gezeigt, der Gründer der „Anonymen Alkoholiker“ Bill Wilson war einer der ersten Teilnehmer am „Harvard Psilocybin Project” – doch trotz dieser äußerst vielversprechenden Resultate wurde das Forschungsprojekt von der Universitätsleitung 1963 beendet und die  Leiter Timothy Leary und Richard Alpert (Ram Dass) sowie ihr Assistent Ralph Metzner gefeuert.
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Kick it with Hitler

Für die Giftgas-Wochen bei McMedien hat Britanniens durchgeknallter Außenminister Johnson noch mal einen echten Whopper nachgelegt und die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Russland mit Hitlers Olympiade 1936 verglichen. Möglicherweise müsse die Regierung Fußballfans aus Sicherheitsgründen anraten das Turnier nicht zu besuchen. Nun haben die Briten, seit sie 1966 mit einem Fake-Tor  Weltmeister wurden, seit Jahrzehnten nichts mehr gerissen, wenn es also tatsächlich zu einem Boykott Englands kommen sollte, wäre das fußballerisch  kein Drama. Was nun Hitler betrifft, hatte England nicht nur  1936 kein Problem mit einer Olympiateilnahme – wohingegen die Sowjetunion die Spiele damals boykottierte – die englische Nationalmannschaft trat auch noch 1938 im Berliner Olympiastadion an, und salutierte mit deutschem Gruß. Aber Geschichtsbewußtsein ist fraglos zuviel verlangt von dem narzistischen Clown Johnson, der nicht nur frisurentechnisch als Trumps pöbelnder Cousin durchgeht.

Was die Hintergründe der ganzen Affäre betrifft, halten sich die McMedien-Konzerne auffällig zurück. Die Behauptungen und Beschuldigungen der britischen Regierung werden zwar kolportiert und bieten weiteren Anlass zum fröhlichen Russland-Bashing, nachgefragt und recherchiert wird aber nicht. Um zu erfahren, dass Boris Johnson kategorisch lügt, wenn er behauptet, dass das bei dem Anschlag angeblich verwendete Nervengift “Novichok” identifiziert worden sei, muss man den Blog des ehemaligen britischen Botschafters Craig Murray lesen, oder unter  dem stets gut informierten Moon of Alabama  – oder im Blog des Saker – von sowjetischen Wissenschaftlern erfahren, dass sie einen konkreten Stoff dieses Namens nie entwickelt haben – und der Name “Novichok” von einem in den USA lebenden Ex-Mitarbeiter in die Welt gesetzt wurde. Nicht bei BBC oder Guardian oder gar hiesigen McMedien-Outlets, sondern bei Thierry Meissan muss man sich dann  darüber informieren lassen, wie die Skripal-Affäre mit drei kürzlich vereitelten Giftgas-Anschlägen in Syrien zusammenhängt, mit einem entdeckten Depot mit Nervengiften der von u.a. von England unterstützten “moderaten Rebellen” sowie mit der Blitzentlassung des US-Außenministers Tillerson durch Trump:

Die britische Regierung und manche ihrer Verbündeten, einschließlich des Außenministers (Secretary of State) Rex Tillerson, haben versucht, einen kalten Krieg gegen Russland zu starten. Ihr Plan war, einerseits einen Anschlag gegen einen ehemaligen Doppelagenten in Salisbury und andererseits einen chemischen Angriff gegen die “moderaten Rebellen ’’ in Ghuta zu inszenieren. Die Verschwörer wollten das Bemühen Syriens, die Vororte der Hauptstadt zu befreien, und die Unordnung in Russland anlässlich der Präsidentschaftswahlen, ausnutzen. Nach diesen Manipulationen hätte das Vereinigte Königreich die USA angespornt, Damaskus, einschließlich des syrischen Präsidentenpalasts zu bombardieren und die Generalversammlung der Vereinten Nationen ersucht, Russland aus dem Sicherheitsrat auszuschließen.
Allerdings haben die syrischen und russischen Geheimdienste Wind davon bekommen. Sie waren überzeugt, dass die US-Agenten, die einen chemischen Angriff von Ghuta aus gegen Ghuta planten, nicht vom Pentagon abhingen, sondern von einer anderen US-Agentur.

Ich kann nicht weiter nachforschen, ob das so gelaufen ist, es scheint aber auf jeden Fall mehr Sinn zu machen als die Räuberpistole, die der Weltöffentlichkeit von May aufgetischt wird.  Ein Motiv für die “Russen”, einen ehemaligen Doppelagenten, der bei ihnen jahrelang im Gefängnis saß,  auf derart dilettantische Weise zu “beseitigen”, gibt es schlicht nicht.
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Giftgas-Wochen bei McMedien

Ich hoffe, Sie haben die Giftgas-Wochen bei McMedien bisher gut überstanden. Zwar ist der britische Fake-Mac mit der giftigen Soße „einer Art, wie sie in Russland entwickelt wurde“ weiter im Angebot, aber abkaufen will der britischen Regierung diesen Whopper eigentlich keiner mehr. Zumindest keiner, der noch halbwegs bei Verstand ist und das seit dem römischen Reich in Europa etablierte Rechtssystem in Grundzügen verstanden hat. Danach reichen einfache Behauptungen für eine Anklage nicht aus, es müssen Beweise oder Zeugen dafür beigebracht und nach dem Grundsatz „audiatur et altera pars“ auch die beschuldigte Seite angehört werden. Seit die Römer einst Britannien kolonisierten sind diese Regeln dort bekannt und blieben auch nach ihrem Abzug allgemein anerkannt. Mit dem Brexit freilich scheinen sich die Angelsachsen davon jetzt verabschieden zu wollen. Nicht anders jedenfalls lässt sich erklären, dass Theresa May und ihr Außenminister zwar Russland beschuldigen, einen zu ihrem Geheimdienst MI-6 übergelaufenen Agenten vergiftet zu haben, einen Beweis oder eine Probe des Gifts aber nicht zur Verfügung stellen wollen. Und stattdessen ultimativ „Erklärungen“ von Russland verlangen.

Dass das Nervengift von einer Art sei, „wie sie in Russland entwickelt wurde“ kann ja zutreffen, aber sagt in etwa soviel wie ein Polizeibericht, nach dem ein Sportwagen italienischer Bauart einen Unfall verursachte. Einer Regierung die da auf die Idee käme, „die Italiener“ zu beschuldigen, würde man zu Recht an den Kopf fühlen, die britischen Beschuldigungen aber werden landauf landab in jedem McMedien-Outlet verbreitet. Das ehemalige Nachrichtenmagazin „Spiegel“ – schon lange vom journalistischen „Sturmgeschütz der Demokratie“ zur Gulaschkanone der Nato verkommen – titelt gleich über „Todesgrüße aus Moskau“ – obwohl bis dato niente, nothing, njet bekannt ist, wer die Grüße überhaupt gesendet hat. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun, es sind Kampagnen wie „Los Wochos“ bei McDonald.

Nachdem 18 Monate „Russiagate“ in den USA samt Sonderkommissionen , Ermittlungsausschüssen und täglichem Pressewirbel zu der sagenhaften Anklage von 13 russischen Facebook-Trollen führte, die gegen Hillary und für Trump und Sanders gepostet haben sollen, nachdem also diese gigantische Zirkusnummer nicht einmal heiße sondern nur lauwarme Luft produziert hat, musste die britische Regierung jetzt offenbar nochmal nachlegen um weiter Druck auf dem anti-russischen Propaganda-Kessel zu halten.

Dass man mit Fakes Fakten schaffen und Kriege beginnen kann hatte ja zuletzt Tony Blair eindrucksvoll bewiesen, als er behauptete die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins könnten „in 45 Minuten“ Europa erreichen. Auch damals spielten die McMedien-Konzerne mit, verkauften den Fake ohne Nachfrage und Recherche als Realität und ein Großteil des Publikums lies sich noch in die Irre führen. Darauf hatte wohl auch Theresa May gesetzt, und die Regierungen Merkel und Macron halfen ihr ein wenig beim erzürnten Backen aufblasen gegen den bösen Iwan.

Aber es scheint – und das ist die gute Nachricht – dass diese durchsichtigen Propagandanummern nicht mehr richtig ziehen. Da mögen im Vorfeld der Wahlen in Russland sämtliche TV-Kanäle im Dauerfeuer „Dokumentationen“ über „Putin den Schrecklichen“senden, da können auch die Wetterberichte bei 5 Grad Frost und Ostwind dauernd von „Russenpeitsche“ reden und die „Bild“-Zeitung im “Stürmer”-Stil Russen-Hetze und Putin-Haß verbeiten – die Bürgerinnen und Bürger kaufen ihnen den Bullshit einfach nicht mehr ab. Nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage fordert eine Mehrheit der Deutschen eine Annäherung an Russland – und dieser Wunsch geht quer durch sämtliche Parteien und Bundesländer. Selbst unter Anhängern von CDU und SPD sind nur 19% für die Beibehaltung der aktuellen Konfrontation. Die GroKo wäre also gut beraten, auf ihr Wahlvolk zu hören, statt den haltlosen Parolen einer scheiternden Brexit-Präsidentin Folge zu leisten.

Auch als Podacst auf KenFM

Update: Der Kollege Paul  Schreyer hat wegen des infamen “Spiegel”-Covers “Todesgrüße aus Moskau” Beschwerde beim Presserat eingelegt.

Seyfried zum Siebzigsten

Wenn ich im Ganzen so betracht’
Was Gerhard Seyfried so gemacht
Fasse ich das alles nicht
Es sei denn… in ein Gedicht.

Wie Albrecht Dürer einst den Hasen
Die Bullen mit den Knollennasen
Was Meister Bosch die Narrenschiffer
Sind ihm die Freaks, Anarchos, Kiffer

Ob die Enten von Carl Barks
oder die Lehren eines Marx
die von Groucho oder Kalle
bei Seyfried finden wir sie alle

Von Valentin bis Arnold Hau
Erstreckt sich hier ein Table-au
Das Wilhelm Busch und Heinrich Zille
Sowie den unrasierten Zwille

Die ganze Hippie-Kamerilla
Stadtindianer, Spaßguerilla
Umfaßt, beschreibt und illustriert
Und Wimmelbilder komponiert

Wo noch in den kleinsten Ecken
Witze, Gags und Lacher stecken
Oder dem Zwerchfell sehr zum Wohle
Eine komische Parole

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Endlosschleife Universum: Stephen Hawking R.I.P.

Der Astrophysiker Stephen Hawking  ist gestorben. Er gehörte, so heißt es in den Nachrufen,  “zu den größten Wissenschaftlern aller Zeiten”. Schon 1988 als sein Buch “Eine kurze Geschichte der Zeit” international die Bestseller-Charts anführte, wurde der an der Muskelkrankheit ALS leidende Cambridge-Professor als “Jahrundertgenie im Rollstuhl” gefeiert. Mir schien der Hype damals suspekt und ich fand Hawkings Aussagen, dass die Chance groß sei, bis zum Ende des Jahrtausends die “Weltformel” zu finden, etwas vollmundig  – und schrieb zwei Seiten in der taz darüber. (“Universum Endlosschleife”, Teil 1 und Teil 2.) Tatsächlich ist die “Great Unified Theory” (GUT), die die sich widersprechenden Aussagen der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik vereinigt, bis heute nicht gefunden.

Auschließlich die bekannten Naturgesetze sollen in Hawkings Universum gelten und die noch zu findende Formel alle Unklarheiten einschließlich Gott beseitigen. Doch um das zu erreichen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als für den Zusammenfall des Weltalls eben diese Naturgesetze außer Kraft zu setzen: in der Singularität des Schwarzen Lochs, die das Universum periodisch recycelt. Der Plan, dem Detektiv Hawking im Auftrag der Agentur Kritischer Rationalismus hinterherhechelt, dürfte also allem Anschein nach so aussehen: ”  § l) Die Naturgesetze gelten immer §2)Wenn die Naturgesetze nicht gelten siehe § 1).”
Nun wäre es ja keine unsympathische Vorstellung, daß sich das Universum irgendwann als kosmischer Bürowitz offenbart. Wenn es aber anders aussehen sollte, ist auf jeden Fall der Lacher künftiger Kosmologen garantiert, die sich wundern, daß man anno 1988 tatsächlich glaubte, auf diesem Niveau die „Rätsel der Existenz” zu lösen; daß man unsichtbare Schwarze Löcher im Kosmos untersuchte und die Schwarzen Löcher im naturwissenschaftlichen Denkgebäude auf der Erde gar nicht weiter beachtete. Zum Beispiel die nach hinten losgegangene „Weltformel”, die John Bell 1964 fand, als er Einsteins Einwände gegen die Quantenmechanik mathematisch untermauern wollte: „Bells Theorem” (das nicht falsch sein kann, ohne daß die gesamte Mathematik hinfällig wird) beweist, daß jedes Teil des Universums in Kontakt mit jedem anderen Teil steht, und daß dieser Kontakt unmittelbar hergestellt wird, die Kommunikation ist schneller als Licht. Doch dessen Tempolimit ist das einzige, was in Einsteins Relativität absolut eingehalten werden muß. Nicht weniger rätselhaft und bedeutsam für unsere Existenz sind die Tatsachen, daß im Quantenbereich nicht jeder Wirkung eine Ursache vorausgeht (Kausalitätsproblem) und daß der Beobachter nur sieht, was er sehen will (Realitätsproblem). Es ist vielleicht ungerecht, neben dem großartigen Weltraum-Panorama, daß Stephen Hawking in diesem Buch entfaltet, von ihm zu verlangen, sich gefälligst auch um den Dreck vor der Haustür zu kümmern. Wer aber die saubere Weltformel verspricht, müßte diese irdischen Störenfriede eigentlich mit links entsorgen. „Eine kurze Geschichte der Zeit” ist ein überaus anregendes, lesenswertes Buch, sein Autor trotz mancher Eitelkeit mit genügend britischem Humor ausgestattet, um sich nicht immer ernst zu nehmen und zudem ein guter Schreiber, der seinen hoch abstrakten Stoff mühelos und anschaulich entfaltet. Eine Great Unified Theory jedoch ist nicht in Sicht—und so muß letztlich auch für Hawkings neue Weltformel das alte Verdikt gelten: GUT gemeint ist das Gegenteil von GUT.” (taz ,9.9.1988)

Stephen Hawking wurde in seinen folgenden Büchern was die großen Ansagen betrifft ein wenig  kleinlauter und trat in den letzten Jahren oft als Warner vor vorschnellen technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen hervor. Jetzt, wo sein Geist statt der Astrophysik den Weltraum der Seele erkundet, wird er aus dem Staunen nicht mehr herauskommen….

Die Intelligenz der Blumen

„Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“.

Der belgische Dramatiker, Dichter und Philosoph Maurice Maeterlinck (1862-1949) erhielt 1911 den Nobelpreis der Literatur und gilt als  einer der wichtigsten Vertreter des Symbolismus. Aber auch seine Sachbücher, wie  “Das Leben der Bienen”,  wurden weltweit zu Bestsellern. Jetzt ist sein 1907 erstmals erschienener Essay “Die Intelligenz der Blumen” in einer schönen Neuausgabe im Westend Verlag herausgekommen, zu der ich ein Nachwort über den Autor geschrieben habe. Hier ein  Auszug daraus:

“Dieser Maurice Maeterlinck war somit mehr als  ein poetischer Propagandist des Irrationalen und Spirituellen – er war ein klarer Kopf und stand mit beiden Füßen auf der Erde „Woher“, fragte sich der Wiener Kaffeehauspoet Peter Altenberg, „nimmt der gottbegnadete Dichter Maeterlinck nur diese dem Irdischen so süß entrückten Gestalten…Gestalten, die gleichsam auf besseren Sternen wohnen als unsere alte Erde ist und im Leben des Tages ein Mysterium bilden von überschwänglichen, zartheitskranken Seelen ?!? An welchen Quellen der Natur trank der Dichter? Wo entdeckte er die Kräfte, die zugleich vom sicheren Boden des Alltags und zugleich aus den Geheimnissen der Allwelt kamen ? Nun las ich sein Buch „Das Leben der Bienen“. Hier war die Quelle! Im Bienenstaate, in diesem irdisch Geheimnisvollsten…lernte es der Dichter – Bienenzüchter während 20 Jahren – die Menschen, losgelöst vom Tagesgeschehen, in antizipierten Entwicklungsstadien der Seele erfassen, die gleichsam bereits außerhalb des Irdischen sich befinden und wohin außer der wissende Blick Gottes nur der ahnende Blick des Dichters zu dringen vermag.“

Maeterlincks Buch über den Bienenstaat als Blaupause der menschlichen Gesellschaft erschien 1901 (eine Neuauflage liegt seit 2013 im Unionsverlag vor). Seine genaue Kenntnis und Beobachtung verbunden mit der sensiblen und poetischen Sprachkunst des Autors machten aus diesem Werk weltweit einen Bestseller, über 250.000 Exemplare wurden verkauft. Mit der Erzählung verborgener Zusammenhänge aus dem Gemeinschaftsleben der Honigbiene lehrte dieses Buch nicht exakte Wissenschaft, sondern das Staunen vor der »unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte«. Ähnlich wie der legendäre Insektenforscher Jean-Henri Fabre (1823-1915), der sich den Objekten seines Interesse weniger mit Mikroskop und auf dem Seziertisch näherte, sondern allein durch die Beobachtung ihres Verhaltens, ist auch Maeterlinck ein teilnehmender und mitfühlender Beobachter. Als Fabre, der über Jahrzehnte Wespennester auf einer Brache in Südfrankreich beobachtet hatte, einmal gefragt wurde, ob er eigentlich an Gott glaube, antwortete er: „Was heißt glauben, ich sehe ihn jeden Tag.“

In solcher Demut vor dem Wunder der Natur, das sich demjenigen offenbart, der nur genau genug hinschaut – es kommt einem der Chemiker und Entdecker des LSD, Albert Hofmann, in den Sinn, der sagte: „Wer als Naturwissenschaftler kein Mystiker wird, ist kein richtiger Naturwissenschaftler“ – in solchem ehrfürchtigen Staunen vor der „unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte“ schließt sich auch für den Poeten Maurice Maeterlinck der Kreis. Nicht mehr in Symbolen und Metaphern, sondern in der Wirklichkeit lebendiger Tatsachen. Sei es der Bienen, oder der Ameisen, über die er ebenfalls ein Buch schrieb, oder der Blumen, deren einzigartiges, faszinierendes Verhalten, das „Auflehnen gegen ihr Schicksal“ für ihn keine andere Zuschreibung als „Intelligenz“ zuließ. Immobil und „an die Scholle gekettet“ müssen sie „weit größere Schwierigkeiten“ überwinden als Tiere und Menschen und greifen deshalb „zu Listen und Kombinationen, zu einem Mechanismus und zu Fallen, die unter dem Gesichtspunkt der Mechanik, der Ballistik, des Fluges, der Beobachtung von Insekten u.a.m. den Erfindungen und Kenntnissen der Menschen oft vorausgewesen sind.“

Schon die Beobachtung der Bienen hatte ihn dazu gebracht, nicht eher abwertend von „Instinkt“, sondern von „Intelligenz“ zu sprechen, wenn nicht bei der einzelnen Biene dann im „Geist des Bienenstocks“ als „eine verhüllte Gewalt von überlegener Weisheit.“ Von der Lyrik und vom symbolistischen Drama kommend landet Maeterlinck bei seinen Naturbeobachtungen wieder bei dem großen „Mysterium“ – doch nun nicht mehr melancholisch, fatalistisch und schicksalsverhangen, sondern optimistisch und euphorisch angesichts der Energie und der Dynamik, mit dem selbst das kleinste Unkraut sich immer wieder auf’s Neue seinen Platz in der Welt schafft.

„Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“, heißt es in „Die Intelligenz der Blumen“, das 1907 erscheint. Wo in seinen Dichtungen noch schwer und betäubend die Dekadenz des Fin de Siécle duftete, da blüht jetzt staunend und freudig das Leben und zwischen den Zeilen seiner subtilen und genauen Beobachtungen schwingt sich Maeterlincks poetische Prosa zum hymnischen Lobpreis der Schöpfung auf. Er „schreibt mit der Vorstellungskraft eines Schlafwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer mit der Präzision eines großen Künstlers“, hieß es in der Preisrede für den Nobelpreis 1911, zu dessen Verleihung sich der öffentlichkeitsscheue Autor krank gemeldet hatte. Er blieb lieber auf seinem Sommersitz in der Normandie, einer ehemaligen Benediktinerabtei, in die er aus der Pariser Hektik mit seiner Lebensgefährtin, der Opersängerin Georgette Leblanc gezogen war. Sie hatten sich 1896 kennengelernt und mit dieser Liebe fällt dann – wenig überraschend – auch Maeterlincks Wende vom „nervenymbolischen“ Fatalismus zur lebensbejahenden Naturdynamik zusammen. Er imkert, er radelt, er arbeitet in seinem Garten und schreibt, täglich zwei Stunden, nicht nur über Tiere und Pflanzen, sondern auch einen Essay über eine seiner weiteren Leidenschaften: ein „Lob des Boxens“. (…)”

Maurice Maeterlinck: Die Intelligenz der Blumen, Westend-Verlag, 96 Seiten mit farbigen Abbildungen, 14 Euro

Zwille is back!

Ein Comeback, eine wunderbare Wiederkehr, ja eine Wiedergeburt ist anzuzeigen: Zwille ist wieder da. Er spielt die Hauptrolle in Gerhard Seyfrieds gleichnamigen Comicalbum, dem ersten seit 20 Jahren, und ist wie auch sein Kumpel McÖko in dieser Zeit gar nicht gealtert. Und das ist das Problem, denn das Sozialamt hat die Stütze für Comicfiguren ersatzlos gestrichen, weil diese nicht altern. Und als ihre Bude im letzten besetzten Haus Kreuzbergs geräumt wird sitzen sie mal wieder auf der Straße. Sie kommen dann erstmal bei ihrem Hanf-Freund Herby Hempel unter…. so geht die Geschichte los, die ich aber hier nicht weiter erzählen und verraten will. Auch den Künstler, der uns auf seinen feinen Strich und Witz so lange hat warten lassen, muss ich hier nicht weiter loben, denn das habe ich im Nachwort zu diesem Buch getan. Dort werden neben dem Komplott der GNA (“Graphic Novel Authority”)  gegen “Fumetti Seyfretti” auch noch einige weitere Geheimnisse aus dem schwarzen Imperium  enthüllt, die nur von hartnäckigen Verschwörungstheoretikern für abgedrehte Fake News gehalten werden können. Denn Seyfried ist bei aller Komik vor allem ein hervorragender Dokumentarist: “Wenn Archäologen der Zukunft einst nach Spuren der APO-Zeit fahnden, wird Seyfrieds Werk den Spiegel der Typen, Tussis und Parolen liefern”, schrieb die taz 1998 zu seinem letzten Comic.
Einen Beweis für diese realistische, dokumentaristische Qualität entdeckte ich erst jetzt, beim Blättern des ersten druckfrischen  “Zwille”-Exemplars: den Musterkoffer! Den gab’s nämlich wirklich. Ein Freund hatte Seyfried und mich zum Kaffee eingeladen, weil einer seiner Bekannten und Fan von Comics und Hanfbüchern uns unbedingt kennenlernen wollte. Das Vergnügen war dann gegenseitig, denn als er seinen unverdächtigen Koffer öffnete, befanden sich darin nicht nur ein Dutzend feinster Haschischsorten aus aller Herren Länder, sondern nach Umklappen des Mittelteils noch einmal dasselbe in Marihuana. Und als der freundliche Mensch dann sagte, dass wir uns gern und reichlich bedienen könnten, als Dank für die witzigen Comics und die schlauen Bücher – da müssen wir ziemlich genau so geguckt haben wie die beiden Figuren jetzt im Comic. Und auch der Rest des Abends verlief glaube ich ziemlich so wie abgebildet….

Gerhard Seyfried: Zwille, Fifty-Fifty/Westend-Verlag, 64 Seiten, 16 Euro

Don’t mess around with Ivan!

Seit ich vor ein paar Tagen die  Rede  des russischen Präsidenten Putin zur Lage der Nation las, schlafe ich noch ein bißchen besser als ohnehin. Nicht weil Wahlkampfreden egal von wem generell einschläfernd wirken, sondern weil ich mich sicherer fühle. Der Grund heißt “Kinzhal”,  die über 10 Mach schnelle Rakete, die Putin im Video vorstellte und gegen die jedes Luftabwehrsystem machtlos ist – besonders die Billionen teuren Flugzeugträger und Kriegsschiffe der US-Navy, deren strategischer Wert über Nacht gleichsam auf Null gesunken ist. Gegen kleine, wehrlose Nationen hat diese Armada noch ein gewisses Drohpotential, bei Paraden und Regatten mögen die bis an die Zähne bewaffneten Dickschiffe noch Eindruck schinden – für “Kinzhal” aber bietet sie künftig auf den Weltmeeren ein ebenso dankbares Ziel wie lahme Enten auf dem Teich für die Flinte des Jägers.  Mit einer Reichweite von 2000 Kilometern und wegen einer Plasma-Ummantelung vom Radar kaum zu erfassen ist diese konventionelle Rakete (die gleichwohl nuklear bestückt werden kann) Russlands High Speed-Antwort auf den Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag 2001 und der von Bush  und Obama betriebenen Aufrüstung:

This is a complete game changer geopolitically, strategically, operationally, tactically and psychologically. It was known for some time now that Russian Navy was already deploying a revolutionary M=8 capable 3M22 Zircon anti-shipping missile. As impressive and virtually uninterceptable by any air defenses the Zircon is, the Kinzhal is simply shocking in its capabilities. This, most likely based on the famed Iskander airframe, M=10+ capable, highly maneuverable, aero-ballistic missile with a range of 2000 kilometers, carried by MiG-31BMs, just rewrote the book on naval warfare. It made large surface fleets and combatants obsolete. No, you are not misreading it. No air-defense or anti-missile system in the world today…. is capable of doing anything about it, and, most likely, it will take decades to find the antidote. More specifically, no modern or perspective air-defense system deployed today by any NATO fleet can intercept even a single missile with such characteristics. A salvo of 5-6 such missiles guarantees the destruction of any Carrier Battle Group or any other surface group, for that matter–all this without use of nuclear munitions.

The Implications of Russia’s New Weapon Systems

Als Anti-Militarist und Waffengegner nagt in mir ein bisschen schlechtes Gewissen, dass ich solche Meldungen eher positiv und irgendwie erleichtert aufnehme und als Gewinn für die globale Sicherheit verbuche. Schließlich handelt es sich  bei “Kinzhal” um ein fürchterliches Mordwerkzeug.   Dass aber die zig-fache Überlegenheit der US-und Nato-Armeen von ihrem auserkorenen Erzfeind, der seit 15 Jahren vergeblich für Verständigung, Abrüstung und einen neuen ABM-Vertrag geworben hat, dank dieser unbesiegbaren Waffe jetzt schwer  verwundbar geworden ist, stellt ein Gleichgewicht des Schreckens her und trägt deshalb zu meiner gefühlten Sicherheit bei.
Statt den Verteidigungshaushalt zu verdoppeln, wie es die Groko plant, und die Bundeswehr mit Gerätschaften aufzurüsten, die “Kinzhal” im Ernstfall umgehend plattmacht, sollte man lieber zur Rückkehr an den Verhandlungstisch drängen. Da es nach Ansicht von Fachleuten noch Jahre oder gar Jahrzehnte dauern wird, bis “Anti-Ballistic Missiles” der neuen Superrakete hinterherkommen, kann die außen,-und verteidigungspolitische Parole nur lauten: Don’t mess around with Ivan!

Oh je, SPD

Wie nennt man das, was die SPD-Mitglieder mit ihrem Votum  für die GroKo gemacht haben ? Selbstmord aus Angst vor dem Tod könnte passen.  Die SPD sei mit dieser Abstimmung  “weiter zusammengewachsen” verkündete Parteichef Olaf Scholz und würde den “Prozess der Erneuerung” fortsetzen. Vor Neuwahlen und einer Neuaufaufstellung fürchtete sich die Partei aber offensichtlich wie der Teufel vor dem Weihwasser und flüchtet lieber mit dem alten Personal auf weitere vier Jahre in Merkels Küchenkabinett.

“Wie rasch altern doch die Leute in der SPD –! Wenn sie dreißig sind, sind sie vierzig; wenn sie vierzig sind, sind sie fünfzig, und im Handumdrehn ist der Realpolitiker fertig,” schrieb Kurt Tucholsky 1932 in der “Weltbühne”. Damals hatten die Realpolitiker der SPD für Hindenburg als Reichskanzler plädiert und die Einwände ihres linken Flügels und der Kommunisten – “Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler” – vom Tisch gewischt. Und kaum hatte man sich in der Nachkriegszeit  wieder halbwegs aufgestellt mußte der Nachfolger Tucholskys auf dem Chefposten “Berliner Schnauze” – Wolfgang Neuss – 1965 konstatieren: “Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man glatt aus der SPD.” Neuss wurde damals aus der Partei geworfen, weil er im Wahlkampf für die SPD dazu aufrief, die Zweitstimme der Deutschen Friedens Union zu geben, die für Abrüstung und Deeskalation des Kalten Kriegs eintrat.

Das wurde der in der SPD nicht geduldet – und wird es auch heute nicht: der GroKo-Vertrag sieht denn auch eine Vedoppelung des Rüstungsetats vor. Statt 37 Milliarden im Jahr sollen für die Bundeswehr  jetzt 70 Milliarden ausgegeben werden. Da wundert es dann auch nicht, dass für Arme und Rentner, für Bildung und Gesundheit  – einst Kernkompetenzen der Sozialdemokratie – kein Geld da ist. Niemand weiß mehr, wofür die SPD noch steht – und niemand weiß mehr, wogegen sie eigentlich antritt. Die Großskandale der Großbanken in der Finanzkrise, der Großbetrug der Großkonzerne im Dieselskandal…Ereignisse,  bei denen eine sozialdemokratische Volkspartei ihre klassische Klientel da unten gegen die Raubtiere da oben verteidigen und damit hätte punkten könnte, gibt es wahrlich genug. Aber eine solche Volkspartei existiert nicht mehr, seit die SPD vor 20 Jahren  auf den neoliberalen Zug aufsprang.
So hat es die Partei geschafft,  in den letzten 20 Jahren die Zahl ihrer Wählerstimmen zu halbieren – und arbeitet jetzt unter Merkels “marktkonformer Demokratie” weiter an ihrem Abstieg.  Es ist die Wiederkehr des immer Gleichen: wer nicht genauso denkt wie die CDU hat in der SPD einfach nichts zu suchen.

Auch als podcast bei KenFM