Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 47

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber mindestens so viele haben wir schon auf diesem Blog darüber verloren, dass es mit dem Industriestandort Deutschland vorbei ist, wenn er sich von billiger Energie aus Russland abschneidet. Zwar behauptet der Minister für De-Industrialisierung, Robert Habeck, dass die “Speicher gefüllt” wären und wir “über den Winter” kommen würden, was möglicherweise auch so kommen könnte. Aber im Frühjahr wird es ja nicht besser, und im dann kommenden Winter genauso wenig wie im Jahr darauf und in absehbarer Zukunft. Schon müssen die ersten Betriebe schließen – kleine Bäckereien ebenso wie große Aluminiumhütten – weil astronomische Energiekosten die Produktion unrentabel machen. Und weil seit Freitag auch “Nordstream 1” wegen einer weiteren defekten Turbine dicht ist, wird es jetzt richtig finster. Schon im März hatte BASF – der größte Chemistandort in Europa -angekündigt, dass bei einem Ausfall von russischen Gas die Produktion eingestellt werden muss und der Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen droht (Notizen *12). Noch ein paar “Entlastungspakete” und ein bisschen Trinkgeld für Rentner und Studenten können Kriegskanzler Olaf dann nicht mehr helfen. Wenn nichts nachkommt sind die Speicher in zwei Monaten leer, weil das, was statt Russengas angeschippert werden soll (aus USA, Norwegen, Katar), bei Weitem nicht ausreicht. 
Und spätestens dann wird die Regierung vor der entscheidenden Frage stehen: Kniefall in Moskau, samt Entschuldigung für die verfehlte Sanktions,- und Kriegsbeteiligung und der Bitte um Belieferung via Nordstream 1 & 2 – oder den Industriestandort Deutschland, d.h. die “Wirtschaftslokomotive” der EU, an die Wand fahren. Also entweder mit Habeck in “dienender Führungsrolle”  und Annalena “Egal was meine deutschen Wähler denken” Baerbock für die USA und ihren permanenten Krieg, oder auf den Spuren von Willy Brandt und Egon Bahr für einen “Wandel durch Annäherung” und Frieden mit Russland. Eine solche Initiative könnte das absehbare Debakel vielleicht noch abwenden und erhielte wohl auch Unterstützung  aus weiteren EU-Ländern, doch die Scholz-Regierung hat sich mit ihrem Sanktionsimus und Bellizismus in eine Sackgasse manöveriert. An deren Ende aber nicht der versprochene Wendekreis kommt – “nur noch ein kurzes Stück, ein bisschen Sparen, weniger Duschen mehr Waschlappen, dann starten wir wieder durch…” –  sondern der Crash. Das Ende des Geschäftsmodells Deutschland, mit billiger Energie aus Russland hochwertige Produkte für die ganze Welt herzustellen.
Vorgestern noch Export-Weltmeister, gestern noch viertgrößte globale Wirtschaftsmacht, heute erstmals mit negativer Handelsbilanz, und morgen vom Weltmarkt abgehängte Kolonie des niedergehenden US-Imperiums.  So schaut´s aus, wenn Gas aus ist. Und billiges Öl boykottiert wird. Und nachhaltige, erneuerbare Energie erst einen Bruchteil des aktuellen Bedarfs decken und erst in 20-30 Jahren fossile Energieträger ersetzen kann. Und sich Deutschland und Europa von den USA in einen Krieg treiben lassen, der weder militärisch noch wirtschaftlich gewonnen werden kann, weil er von grundlegend falschen Voraussetzungen ausgegangen ist. Nämlich erstens, dass die russische Wirtschaft etwa auf dem Niveau von Italien liegt und Sanktionen in kürzester Zeit zum ökonomischen Zusammenbruch und einem Regierungswechsel führen; und zweitens, dass die von der NATO zur größten europäischen Landstreitmacht hochgerüstete und ausgebildete ukrainische Armee die Donbass-Region und die Krim militärisch erobern könnte. Tatsächlich aber hat sie nicht einmal gegen die zahlenmäßig unterlegegen Truppen der “Speziellen Militäroperation” ein Chance und wird von der russischen Artilleriewalze systematisch zermürbt und zermahlen. Dazu hier ein Interview mit dem Schweizer Militärexperten Jacques Baud – über die irreführende Darstellung in den Medien und das westliche Unverständnis der russischen Kriegsführung.
Eine Strategie, die von falschen Grundannahmen ausgeht, kann logischerweise nicht erfolgreich sein…wobei wir hier schon häufiger angemerkt haben, dass es nicht darum geht Kriege “zu gewinnen”, sondern sie permanent zu führen – weshalb die USA was die Ukraine betrifft auch gar kein Kriegsziel haben. Außer: “Russland schwächen” (Verteidigungsminister Austin) – wobei erstens völlig unklar ist, wie weit  diese “Schwächung” – mit Fernziel “regime change” – gehen soll; und zweitens nach sechs Monaten deutlich geworden ist, dass es weder wirtschaftlich noch militärisch funktioniert, dass nicht Russland sondern  Europa ruiniert wird und dass Zigtausende Ukrainer als Kanonenfutter ums Leben kommen. Also höchste Zeit, die Strategie zu überdenken und auszusteigen, zumindest für diejenigen, die  außer den tragisch dahin geopferten Ukrainern als große Verlierer in diesem Spiel feststehen: Deutschland und Europa. Aber das Denken hat man in der Ampel-Regierung mittlerweile ganz offensichtlich eingestellt, was jetzt Vizekanzler und Wirtschaftsminister  Habeck bei Maischberger live demonstrierte und offenbarte, dass dem immer noch  beliebtesten Minister Deutschlands die wichtigste Eigenschaft eines Politikers – die “Inkompetenzkompesationskompetenz” (Odo von Marquard) – mittlerweile vollkommen abgeht. Sein  schwachsinniges Gestammel  konnte seine Unfähigkeit nicht überdecken, sondern stellte sie bloß. Bei diesem Führungspersonal fällt einem tatsächlich nur noch Reinhard Mey ein:

“Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken
Die Mannschaft, lauter meineidige Halunken
Der Funker zu feig um SOS zu funken
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff.”

(wird fortgesetzt)

Die bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 46

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich meine Morgenlektüre um zwei Quellen erweitert, auf die ich gerne wieder verzichten würde: die militärischen “Briefings” der Verteidigungsministerien aus Kiew und aus Moskau.  Weil das, was dort behauptet wird, nicht direkt überprüft werden kann und auch kaum weitere unabhängige Quellen existieren, um die Angaben über Materialverluste, Landgewinne, Tote und Verwundete zu verifizieren – und  gleichzeitig klar ist, dass beide Seiten propagandistisch stets zu ihren Gunsten über,- bzw. untertreiben – kann der Wahrheitsgehalt der jeweiligen Behauptungen nicht sofort, sondern wenn überhaupt erst im Nachhinein ermittelt werden. Wer sich im Propagandanebel des Kriegs ein Bild der Realität machen will, muss herausfinden, welche der beiden Parteien weniger lügt.

Meine Einschätzung nach den ersten Tagen, dass die russischen Briefings sachlicher und realitätsnäher sind als die ukrainischen, hat sich seitdem immer wieder bestätigt. Dass ich anfangs vermutete, der Krieg sei in wenigen Wochen erledigt, weil Russland haushoch überlegen ist, war der naiven  Vorstellung gefolgt, dass die Russen so Krieg führen wie die Amerikaner und mit ihren Bomberstaffeln einfach alles in Schutt und Asche legen.  Dass die  “Spezielle Militäroperation” genannte Invasion ein andere Form der Kriegsführung war, stellte sich erst nach und nach heraus, ebenso wie die Finte mit dem Vormarsch Richtung Kiew in den ersten Tagen, von der sich die Russen vielleicht eine schnelle Kapitulation erhofft hatten, die dann nicht kam, ihnen aber auch  ermöglichte, im Osten, wo sich der Kern der ukrainischen Armee eingebunkert hat, ihre Artillerie ungestört aufzufahren – und die ukrainische  “Maginot-Linien”   unter Beschuss zu nehmen. Mit Dauerfeuer, das erst endet, bis aus den jeweiligen Festungen und Stellungen keine Gegenwehr mehr erfolgt. So lässt sich das scheinbar langsame Vorrücken der russischen Streitkräfte erklären, nicht aber, dass auf diese Weise schon über 47.000 russische Soldaten ums Leben gekommen sein sollen, wie Kiew behauptet. Näher an der Wahrheit scheinen mir dagegen  die Verlustzahlen der ukrainischen Truppen zu liegen, die laut einem Ende August  geleakten Dokument bei 79.000 Toten und 42.000 Verwundeten liegen soll. Der  ukrainische  General Serhiy Krivonos spricht sogar von “hundertausenden” Toten.

Überprüfen kann ich diese Angaben nicht,  wer weniger lügt, kann aber vielleicht ein Blick auf die Landkarte und die Frontlinie zeigen, die sich seit Monaten nicht zugunsten der Ukraine verändert, sondern nur zugunsten der Gebiete unter russischer Kontrolle. Was bei den gigantischen Verlusten der Russen, die Kiew täglich postet, eigentlich völlig unmöglich ist. Genauso unmöglich und bizarr wie die landauf landab kolportierte Behauptung, dass russische Truppen ein von ihnen selbst kontrolliertes Kernkraftwerk beschießen würden. Aber wenn CNN, BBC und “Tagessschau” es melden und melden, muss ja wohl was dran sein.
So wie an der seit Wochen angekündigten “Gegenoffensive” der Ukraine, die schon nach zwei Tagen zu einem Desaster führte, was niemanden überraschen kann, der schon einmal “Command & Conquer”, “Starcraft” oder ähnliches gespielt hat: Bunker und geschützte Stellungen lassen sich auch von schwächeren Truppen lange verteidigen, wenn Munition und Versorgung gegeben sind. Wenn es aber zum Angriff auf freiem Feld übergeht, brauchte es mehr Männer  und Material, um nicht hoffnungslos verloren zu sein und nieder gemäht zu werden. So wie es jetzt den ukrainischen Angreifern geschah, die  aus ihren Stellungen in Städten, Dörfern und Stützpunkten Richtung Kherson hinaus auf die offene Steppe geschickt wurden, was (laut russischen Angaben) 1.700 von ihnen nicht überlebten, ebenso wenig wie Dutzende Panzer, vier Kampfjets sowie viele weitere Fahrzeuge. Immerhin wurden ein paar Dörfer zurückerobert, doch kaum als Erfolg der “Gegegnoffensive” überall gemeldet mussten sie schon wieder aufgegeben werden. Ein zweiter Anlauf endete dann mit 350 toten Soldaten und wiederum Tonnen von zerstörtem Material. Wenn sie sich fragen, welche Strategen es sind, die ihre Truppen derart ins offene Messer laufen lassen – es sind, laut CNN,  amerikanische Experten, die diese Gegenoffensive vorbereitet haben. Also dieselben, die gerade von der Barfußtruppe der Taliban aus Afghanistan verjagt wurden. Dazu hatte ich vor einem Jahr schrieben:

“Die Leute sagen, das Pentagon hätte keine Strategie”, sagte der Militär-Stratege und Air-Force-Pilot  John Boyd einmal, “aber sie liegen falsch. Das Pentagon hat eine Strategie und die lautet: Unterbreche niemals den Geldfluß, vermehre ihn.” Weil kein 4-Sterne-General und kein Politiker für verlorene Kriege zur Verantwortung gezogen wird, kann auch “Sleepy Joe” Biden, der einen halbwegs geordneten Abzug verschlafen hat,  das Chaos in Kabul einfach den “den Afghanen” zuschreiben. Und seine Generäle müssen nach dem nunmehr versiegenden gigantischen  Geldfluss im “Great War On Terror” neue Dollarströme generieren.

 Dank der russischen “Intervention” in der Ukraine-  pardon, so nennt man das nur, wenn USA und NATO militärisch angreifen – dank des russischen “Angriffskriegs”, der seit Dezember 2021 herbei geschrieben und dann mit schweren Angriffen auf die Donbass-Region  ab Mitte Februar regelrecht provoziert wurde, fließen die Ströme jetzt reichlicher denn je. Und auch dieses Mal wird  kein General, kein Stratege.  kein Politiker für irgendetwas zur Verantwortung dafür gezogen: nicht für die Menschen, die zu Tausenden als Kannonenfutter verheizt werden, nicht für die Zerstörungen und das Leid, die der Krieg anrichtet, nicht für die Billionen, die in diesem brutalen Spiel – “Unterbreche niemals den Geldfluss!” – verballert werden.  Und wenn auch in der Ukraine,  wie in Afghanistan, Irak, Libyen…am Ende nur Gräber, Chaos und Ruinen bleiben, ist dieses schreckliche Gemetzel für die Pentagon-Strategen schon jetzt ein Erfolg. Es geht nicht um Frieden, Freiheit oder Menschenerechte, es geht um Krieg in Permanenz.
(wird fortgesetzt)

Die bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

Christian Ströbele R.I.P.

Christian Ströbele ist 83-jährig in seiner Wohnung in Moabit gestorben. Sein Freund und Anwalt Jonny Eisenberg teilte mit: “Er hat selbst entschieden, dass er den langen Leidensweg, den ihm seine Erkrankungen zugemutet hat, nicht mehr fortsetzen wollte und lebenserhaltende Maßnahmen reduziert. Er war bis zuletzt bei vollem Bewusstsein. Nicht der Geist, der Körper wurde ihm zur Qual und hat ihn am 29. August 2022 verlassen.”
Weil der Krebs ihn erwischt hatte, wollte er schon 2017 nach fünf Legislaturperioden nicht mehr kandidieren – und seine Pionierleistung, 2002 das erste Direktmandat für die Grünen gewonnen zu haben, nicht wiederholen. Es müsste ihm, der gegen den Kosovo,- und den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr stimmte, auch bei voller Gesundheit schwer fallen, angesichts des radikalen Bruchs der “Grünen” mit jeder Art von Friedenspolitik. Er war einer der wenigen, wenn nicht der einzige prominente Grüne, der sich gegen den Krieg  einsetzte und der auch gegen die neoliberalen, anti-sozialen Hartz 4-“Reformen” unter Schröder/Fischer eintrat. Ein demokratischer Sozialist mit Rückgrat.
Als die taz, die er entscheidend mit initiiert hatte, 1979 den Betrieb aufnahm, war Ströbele (Foto oben von taz-Fotograf Christian Schulz, 1983)  für uns Jungspunde so etwas wie ein Papa – schon deutlich älter, mit einem ordentlichen Beruf als Anwalt und mit Erfahrung vor Gericht und in der Politik. Weil das Abenteuer von ein paar Dutzend Ungelernten jeden Tag eine Zeitung zu produzieren  dazu führte, dass sie oft nicht mal zum Essen kamen, brachte Christian bei seinen Besuchen dann oft Paletten mit Joghurt, Käse oder Kuchen mit. Und setzte sich als gelernter Anti-Imperialist zum Beispiel dafür ein, dass die taz mit der Kampagne “Waffen für El Salvador” die dortige FMLN-Guerilla unterstützt. Die im  taz-Kollektiv schwer umstrittene Kampagne kam nur mit knapper Mehrheit durch und brachte am Ende 4,7 Millionen Mark ein, von denen die ersten beiden Raten vom  Kollegen Thomas Schmid via Schönefeld (DDR) -Kuba- Nicaragua in Aldi-Plastiktüten den Commandantes direkt zugestellt wurden.
Ich stimmte damals mit Ströbele  für diese Waffengeld-Sammlung, eine indigene Guerilla gegen ein CIA-gesteuertes, brutales Militärregime zu unterstützen, das sogar harmlose Würdenträger wie den Erzbischof Romero klatblütig ermordet, schien mir notwendig und recht. So wie mir die aktuellen Waffenlieferungen an die Ukraine absolut unnötig und unrecht scheinen. Denn anders als bei der FMLN haben wir es hier nicht mit einer Guerilla “von unten” zu tun, sondern mit einer “von oben” durch die NATO acht Jahre lang zur größten Landstreitmacht Europas aufgebauten Armee zu tun. Darüber hätte ich jetzt gerne nochmal mit ihm geredet und vielleicht auch gestritten, wie vor 20 Jahren etwa über 9/11 oder immer wieder mal über den traurigen Niedergang der Grünen. Dass sie jetzt zur führenden Kriegspartei in Deutschland pervertiert sind, konnte er nicht verhindern. Er war ein Aufrechter und ein Guter,   integer bis in die Haarpsitzen. Ein seltenes Kaliber in der deutschen Politik – Friedenskämpfer und Menschenfreund, einer der letzten seiner Art. Möge er in Frieden ruhen. Der Kampf geht weiter…

Europas Selbstmord

Fern des Schlachtenlärms zerlegt sich Europa gerade selbst, schier unirritierbar und aufs Äußerste entschlossen. Das alles ist mit Dummheit nicht zu erklären — oder wenigstens nicht nur. Es wird Zeit, die ruinösen Strategien des Westens beim Namen zu nennen. Die alte Welt wird untergehen in diesem kalkulierten Inferno. Wir könnten schon mal damit beginnen, die Ruinen zu begrünen.”

Im Rubikon-Exklusivgespräch diskutiert Walter van Rossum mit den Publizisten Mathias Bröckers und Dirk Pohlmann über den Stand der Dinge zum Ukraine-Krieg.

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 45

Dass die deutsche Regierung mit ihrer schwachsinnigen Sanktions,- und Embargopolitik die De-Industrialisierung des Landes betreibt, weil ein Industriestandort ohne billige Energieversorgung nicht konkurrenzfähig produzieren kann, ist für Leser dieser Notizen nichts Neues. Mittlerweile wird darüber auch im Mainstream der Nachrichten berichtet, denn es droht nicht nur ein Exodus der Industrie, sondern – so die Handwerkerinnung Haale Salle in einem offenen Brief an Olaf Scholz – der Ruin des ganzen Landes. Ein Feuilleton-Vogel der FAZ rümpft über den “Pfusch” der Handwerksmeister zwar die Nase, weil die “Textbausteine” von  der AfD geliefert sein könnten – hat außer derartiger Kontaktschuld aber keinerlei Argumente zu bieten. Was nicht wundert, denn den Pfusch veranstalten Scholz und Habeck unter Anleitung von Joe Biden und nicht die ostdeutschen Handwerker, die ihn völlig zu Recht beklagen. Und verantwortlich sind nicht sie und ihre Kunden, sondern die Außenpolitik unter Annalena “Russland ruinieren” Baerbock, die Russland im Jahr 2022 einen Exportzuwachs von 38% beschert hat. Einem Dachdecker, der ein undichtes Dach so deckt, dass  danach 38% mehr Regen durchkommt, würde man nicht nur Pfusch, sondern völlige Inkompetenz vorwerfen, doch für die Politik gelten solche Qualitätsanforderungen bekanntlich nicht. Weshalb sie einfach weitermachen mit ihrem ruinösen politischen Pfusch, der Deutschland und Europa an die Wand fährt: letzte Woche entsprach der Gaspreis einem Äquaivalent von 410 $ für ein Barrel Öl, die Stromkosten betrugen kosmische 503 Euro pro Mega-Watt-Stunde und damit fünfmal soviel wie vor einem Jahr. Willkommen am Ende des Geschäftsmodells Deutschland, mit billiger Energie aus dem Osten aufwändige Produkte herzustellen und weltweit teuer zu verkaufen.

Im April  (Notizen #12) hatte ich über den konservativen russischen Politologen und Philosophen Alexander Dugin geschrieben, den die westlichen Medien zwar gern als “Putins Gehirn” bezeichnen, der aber faktisch keinen Einfluss auf den Kreml oder gar Putin  persönlich hat. Weil er nach dem Maidan-Umsturz sofortige Angriffe auf Kiew und die Ukraine forderte, verlor er 2014 seine Professur an der Moskauer Staatsuniversiät. Seitdem macht der polyglotte, anti-liberale Heidegger-Verehrer vor allem im Ausland damit Schlagzeilen, dass am russischen Wesen die Welt und der dekadente Westen genesen könne. In Russland spielt Dugin damit  keine wirklich bedeutende Rolle, stand aber schon lange auf der Schwarzen “Myrotvorets”-Liste des ukrainischen Geheimdiensts, sowie auf den Sanktionslisten des Westens. Am Samstag hatte er begleitet von seiner Tochter, der Journalistin  Darya Dugina (29) auf einem Fest  gesprochen. Sie fuhr danach mit seinem Wagen nach Hause  und  wurde 20 Kilometer vor Moskau  durch eine explodierende Autobombe getötet.
Wer für den Terroranschlag, der vermutlich auf ihren Vater gezielt hatte, verantwortlich sein könnte, ist unklar – die Verdächtigen aus russischer Sicht sind Kiews SBU und seine Kuratoren im MI-6 und der CIA. Auf ukrainischer Seite vermutet man einen inner-russischen Fraktionskrieg verschiedener politischer Gruppierungen…. – UPDATE: Laut FSB wurde eine verdächtige Täterin mittlerweile ermittelt, die sich vor einigen Wochen im Haus von Darya Dugina eingemietet und sie beschattet haben soll – und in Verbindung mit den rechtsradikalen Asow-Brigaden steht. Thomas Röper hatte Darja noch zwei Tage vor dem Anschlag getroffen, auch er ist überzeugt, dass die Ukraine hinter dem Anschlag steckt. Der Krieg wird schmutzig. Nach der Drohung mit nuklearem Terror – den Angriffen auf das von Russland kontrollierte Atomkraftwerk bei Zaporizhzhia – ist mit diesem politischen Mord vor den Toren Moskaus eine weitere terroristische Eskalationsstufe erreicht. Auf Facebook fand ich ein Statement von Alexander Dugin:

„Wie Sie alle wissen, wurde meine Tochter Darja Dugina am 20. August auf dem Rückweg vom Festival „Tradition“ in der Nähe von Moskau durch einen Terroranschlag des ukrainischen Nazi-Regimes brutal ermordet. Sie war ein schönes, orthodoxes Mädchen, Patriotin, Kriegsberichterstatterin, Expertin des zentralen Fernsehens und Philosophin. Ihre Auftritte und Reportagen waren stets tiefgründig, informiert und zurückhaltend. Sie hat nie zu Gewalt oder Krieg aufgerufen. Sie war ein aufsteigender Stern am Beginn seines Weges. Russlands Feinde haben sie heimtückisch ermordet…. Aber wir, unser Volk, lassen uns selbst durch so unerträgliche Schläge nicht brechen. Sie wollten unseren Willen mit blutigem Terror gegen die Besten und Schwächsten unter uns unterdrücken. Aber sie werden das nicht schaffen. Unsere Herzen sehnen sich nicht nach bloßer Rache oder Vergeltung. Das ist zu kleinlich, das ist nicht russisch. Wir wollen nur unseren Sieg. Meine Tochter hat ihr jungfräuliches Leben auf seinen Altar gelegt. Also siegt bitte! Wir wollten sie zu einem klugen Mädchen und einer Heldin erziehen. Möge sie die Söhne unseres Vaterlandes auch jetzt noch zu großen Taten inspirieren. Der Abschied von Darja Dugina (Platonowa), eine zivile Trauerfeier, findet am 23. August um 10 Uhr morgens im Ostankino-Fernsehzentrum statt.”

Dass der Mord an der jungen Journalistin von Seiten Kiews mit Gesten der Häme und im Westen eher achselzuckend wahrgenommen wird, weil ihr Vater ideologisch auf der falschen Seite steht, scheint mir ein weiteres Zeichen für die Verrohung des geistigen Klimas, für das intellektuelle  Abgleiten in dumpfe Freund/Feind-Schemen und manichäisches Gut/Böse-Denken, für eine “Zeitenwende”, die in den Krieg führt.  Dazu hatte ich unlängst nicht nur noch einmal bei meinem Hausheiligen Karl Kraus nachgeschlagen, um mir zur  letzten “Zeitenwende” am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Bild zu machen,  sondern auch die Erinnerungen von Stefan Zweig (“Die Welt von gestern”) gelesen, der von dem europäischen “Klimawandel” in Kultur, Politik und öffentlicher Debatte am Kriegsbeginn 1914 erzählt. Als es “unmöglich” wurde….


“…mit irgendwem ein vernünftiges Gespräch zu führen. Die Friedlichsten, die Gutmütigsten, waren von der Blutrunst wie betrunken. Freunde, die ich immer als entschiedene Individualisten und sogar als geistige Anarchisten kannte, hatten sich über Nacht in fanatische Patrioten verwandelt und aus Patrioten in unersättliche Annexionisten. (Es ging damals um die “Einverleibung” Serbiens, MB) Jedes Gespräch endete in dummen Phrasen: “Wer nicht hassen kann, kann auch nicht richtig lieben.” und falschen Verdächtigungen. Kameraden, mit denen ich seit Jahren nie einen Streit gehabt hatte, beschuldigten mich ganz grob, ich sei kein Östereicher mehr, ich solle doch hinübergehen, nach Frankreich oder Belgien…”

Nicht nur wegen diesen Passage, die ich mir angestrichen hatte, kam mir die Lektüre wie ein Flashback aus der heutigen “Zeitenwende” vor, in der selbst die vermeintlich besten Köpfe, von der Killervirus-Panik offenbar weich gekocht, sich unumwunden für den Krieg gegen “Killer-Russen” begeistern. Und jeden, der da nicht mitzieht und widerspricht, als Kremlpropagandisten beschuldigt. Der Wiener Psychiater und Autor Ralph Bonelli ist jetzt an denselben Passagen in Stefan Zweigs Erinnerungen hängen geblieben und hat ein Video dazu gemacht: “Es wiederholt sich”.

 

(wird fortgesetzt)

Die bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 44

Der EU-Kriegsdiplomat Joseph Borell, der in der Ukraine “auf dem Schlachtfeld” gewinnen will,  hat ein Problem: “Wir müssen unseren Bürgern erklären, dass dies nicht der Krieg eines anderen ist”, sagte er in einem vergangene Woche in El Pais veröffentlichten Interview. “Die Öffentlichkeit muss bereit sein, den Preis für die Unterstützung der Ukraine und für die Bewahrung der Einheit der EU zu zahlen.” Denn: “Wir befinden uns im Krieg. Diese Dinge sind nicht umsonst.”

Mit Letzterem hat Borell sicher recht. Ebenso wie mit dem freimütig  geäußerten Bekenntnis: “Wir werden oft für unsere Doppelmoral kritisiert. Aber in der internationalen Politik wird zu einem großen Teil mit zweierlei Maß gemessen. Wir legen nicht für alle Probleme die gleichen Kriterien an”. Okay, das halten wir mal fest, für’s Archiv (der “wertebasierten” internationalen Ordnung).
Wie Borell den EU-Bürgern aber klar machen will, dass dies ihr Krieg ist und dass sie dafür zu zahlen haben, das wird auch bei großzügiger Auslegung jeglicher Doppelstandards von Tag zu Tag schwieriger. Denn die Bürger zahlen zwar schon reichlich, verstehen aber immer weniger, warum  der Krieg in der Ukraine irgend etwas ihnen und  mit der “Bewahrung der Einheit der EU” zu hat. Weder die kämpfenden Truppen, noch ihre  Kriegsherren in Washington und London beziehungsweise in Moskau sind Mitglieder der Europäischen Union. Für die “Bewahrung der Einheit der EU” sind nicht sie zuständig, sondern die Politik von (ungewählten, aber zuständigen)  EU-Bürokraten wie Borell und von der Leyen, die Europa mit ihren Sanktionen in den Ruin treiben und dafür sorgen, dass die ohnehin fragile “Einheit” der EU bald auseinander fällt. Der Winter wird kommen, und dank solidarischem FSK (Frieren, Stinken, Kaltduschen) werden die meisten ihn wohl überleben, aber: Danach wird`s nicht besser. Im Gegenteil. Abgeschnitten von preiswerter Energie aus dem Osten sind die europäischen Industrienationen global nicht mehr konkurrenzfähig und zum ökonomischen Niedergang verurteilt…und werden im worst case zuvor noch zum Opfer von nuklearem Terror, weil das durchgeknallte Regime in Kiew jetzt  auf Atomreaktoren feuern lässt, die seit März von den Russen kontrolliert werden. Also alles tut um “den Preis für die Unterstützung der Ukraine” hoch zu treiben.

Dass es bei derart gemeingefährlichem, vermutlich drogeninduziertem Größenwahnsinn höchste Zeit ist, der betreffenden Person den Stecker zu ziehen, scheint jetzt auch seinen Ziehvätern in Washington zu dämmern, wo  “Newsweek” nicht mehr umhin kommt, einen Wandel des “Zelensky-Narrativs” festzustellen und den demokratischen Freiheitshelden von gestern als “korrupten Autokraten” zu präsentieren. Dass der Ex-Komiker als Galionsfigur ausgedient hat, hatte sich schon mit der “Vogue”-Homestory vor zwei Wochen angedeutet (Notizen #41). Das “Wall Street Journal” lässt unterdessen Henry Kissinger zu Wort kommen, der schon im Frühjahr das WEF-Forum in Davos mit der Forderung nach Verhandlungen geschockt hatte und nunmehr, wo sich Joe Biden ebenso planlos wie mit Russland auch noch mit China anlegt, schwer besorgt ist.  Wenn angesichts militärischer Eskalationsgefahr selbst ein unsterblicher Kriegsverbrecher wie Bloody Henry (99) nervös wird, sollte das allen derzeit amtierenden (Hühner-)Falken und ihren kommentierenden Laptop-Bombern und Sofa-Generälen ernsthaft zu denken geben. Ebenso wie die Einschätzung eines echten Fachmanns mit praktischer Erfahrung sowohl im Krieg wie auch mit War Games, die in der renommierten “Marine Corps Gazette” erschienen ist – und der russischen “Militäroperation” was das Kriegshandwerk betrifft “tiefgehende Anerkennung(profound appreciation)” ausspricht. Ooops? Haben Putins Trolle nun auch das ehrenwerte Organ der US-Marines unterwandert ? Dass sich die russische Kriegsführung durch “Vermeidung von Kollateralschäden” und Schonung von Infrastruktur auszeichnet, dass der Vorstoß auf Kiew eine Finte war, um die Artillerie im Osten zu positionieren, dass deren nahezu unendlicher Nachschub keine Gegenoffensive ermöglicht, sondern die in Bunkern und Befestigungen ausharrenden Truppen unweigerlich zermürben wird….derartige (realistische!) Einschätzungen der Lage,  auch wenn sie von erfahrenen Fachleuten kommen – hinter dem Artikel-Pseudonym “Marinus” soll der emeritierte General Paul van Riper stecken – rangieren in den siegestrunkenen Westmedien freilich als defätistische “Kreml-Propaganda” und müssen ignoriert werden.
Auch von unserem triumphalistischen Turbinen-Kanzler Scholz, der immer noch keinen “Diktatfrieden” Putins akzeptieren will und  eher im WK1-Ludendorff-Stil auf weitere Gemetzel für einen “Siegfrieden” setzt. Bis zum letzten Ukrainer. Und auch wenn der Winter kommt, für den Gazprom heute eine frostige Warnung abgegeben hat: die schon jetzt turmhohen Erdgaspreise, die Ende Juli ein Vielfaches über dem langjährigen Mittel liegen, könnten sich dann von aktuellen 2.500 $ (für 1000 Kubikmeter) auf 4.000 $ erhöhen.
Das Foto oben zeigt Olaf Scholz nach dem Schnüren der letzten “Entlastungspakete”, die bei den katastrophalen Folgen seiner “Sanktionspakete” nur einen heißen Tropfen auf den eiskalten Stein darstellten. Bei einer Party am Wochenende kam das Gespräch darauf, dass auch der schönen Schweiz, die ohne Not ihre bewährte Neutralität aufgegeben und sich dem Sanktionszirkus der NATO angeschlossen hat, alsbald Gas,- und Energieknappheit droht…schon hat ein Run auf  Brennholz eingesetzt und der Bund verkündet, im Notfall gar die Gas-Transitleitung nach Italien anzuzapfen, was bei den Italienern verständlicherweise auf Unmut stösst. Aber was soll man tun, wenn’s wirklich kalt wird und man nicht heizen kann ? Zum Glück war in der Runde ein erfahrener Angehöriger der Schweizer Armee, die in ihren alpinen Festungen auf solche Kältenotstände vorbereitet sein muss. Seinen Profi-Tipp beim Ausfall von Heizung und Strom bei Minustemperaturen gebe ich gern an die kommenden FSK-Krisenstäbe der deutschen Bundesregierung weiter:”Nachhaltig hilft nur Thermo-Unterwäsche.”

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 43

 

 

Ich werde langsam ein wenig kriegsberichterstattungsmüde. Und würde am Liebsten nur noch Karl Kraus zitieren, der Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich schon alles gesagt hat.
“Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt ? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen”, hatte er notiert nachdem auf eine Falschmeldung der deutschen und österreichischen Presse über einen französischen Bombenabwurf auf Nürnberg Ende Juli 1914 unmittelbar die Kriegserklärung an Frankreich erfolgt war. Dieser fingierte Bericht war für ihn die Urlüge und das Paradebeispiel für die Manipulation der Massen in Kriegszeiten, die Kraus dazu führte, “den Journalismus und die intellektuelle Korruption, die von ihm ausgeht, mit ganzer Seelenkraft zu verabscheuen”.
Als Pionier der Medienkritik hatte Kraus schon erkannt, dass die Medien die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern erzeugen,und dass Meinungen und Stimmungen nicht einfach entstehen, sondern gemacht werden: “Ich habe erlebt, wie Krieg gemacht wird, wie Bomben auf Nürnberg, die nie geworfen wurden, nur dadurch, dass sie gemeldet wurden, zum Platzen kommen.”
All das erleben wir heute. Und nicht mehr nur schwarz auf weiß, als Zeitungsmeldung in gedruckter Form, sondern in Bild und Ton rund um die Uhr – Fake News, Desinformation, Propaganda im Turbo-Modus. Und weht doch noch mal ein zarter Hauch von echter journalistischer Berichterstattung – wie eine CBS- Dokumentation über Schwarze Loch Ukraine, in dem zwei Drittel der gelieferten Waffen  verschwinden – dann muss der Sender den Report entfernen. Wenn Amnesty International berichtet, dass die ukrainische Armee Kriegsverbrechen begeht weil sie sich hinter Zivilisten verschanzt,wird die Institutschefin sofort gefeuert.  Und wenn ein Prominenter wie der großartige Roger Waters ( “We dont need no education”) auf CNN ein wenig Klartext redet und dem Reporter  (ab Min. 23) “education” verordnet in Sachen 2.Weltkrieg, Ukraine, Minsk-Vereinbarungen und begründet, warum der waffenliefernde Joe Biden ein “Kriegsverbrecher” ist (wie übrigens ja auch sämtliche  seiner Vorgänger in den letzten Jahrzehnten), kann so ein Interview nicht ungeschnitten gesendet werden. Und wer gar wagt, als echter Frontreporter live aus dem Donbass zu berichten wie Graham Philips, dem wird in seiner britischen Heimat sein Bankkonto gesperrt – ohne Gerichtsverfahren, ohne Einspruchsmöglichkeit, unter dem Bann totalitärer “Sanktionen”. Über den ähnlich gelagerten Fall der deutschen Youtube-Bloggerin Alina Lipp hatten wir unlängst  im 3. Jahrtausend berichtet.  Willkommen in der Neuen Normalität der “regelbasierten internationalen Ordnung”, in der grundlegende Menschenrechte der Magna Carta  von 1215 ebenso außer Kraft gesetzt sind wie die Presse-und Meinungsfreiheit. 
Auch einige Exemplare der Kraus`schen “Fackel” wurden 1914 ff. beschlagnahmt oder zensiert, als außer ihm nahezu sämtliche Literaten, Künstler und Intellektuelle in Reih` und Glied dem Kriegswahn anheim fielen und Zeitungen “patriotisch” gleich-geschaltet waren. Wer Zweifel am “Sieg” äußerste, galt, mit den aus Frankreich importierten Modewort, als “Defätist”, für Völkerfreundschaft und Verhandlungen mit dem “Feind” zu plädieren als Verrat, Haß und Hetzgedichte wurden vom Kaiser persönlich gewürdigt und bald , so Stefan Zweig in seinen Erinnerungen “Die Welt von Gestern”, gab es “unter den siebzig Millionen Deutschen…keinen einzigen Menschen mehr, der den ‚Hassgesang gegen England‘ nicht von der ersten bis zur letzten Zeile kannte.” Jetzt stimmt auch die alte Tante “Zeit” , einst eher solide und zurückhaltend, völlig ungeniert solche Chöre an – “Russen sind Zombies!” – mit Homestorys über die heldenhaften ukrainischen Nazi-Brigaden, deren rassistische, menschenverachtende Ideologie den lesenden Oberstudienrätinnen als “Hypernationalismus, Männlichkeitsmythen und Askese” nahe gebracht werden. Also asketischen Hakenkreuz-Mönche im heiligen Krieg gegen russische Untote – Freund/Feind-Unterscheidung leicht gemacht, nur Zombieversteher können da zweifeln…
Unterdessen will Präsident Zelensky mit diesen Gestalten weiterhin die Halbinsel Krim “zurückerobern”, was zwar völlig illusionär ist, von der hyperbellizistischen BBC aber selbstverständlich 1:1 reportiert wird. Ein wichtiger Grund, warum der Ex-Komiker von seiner  schon arg zermürbten Armee weitere Landgewinne fordert, mag in einem Gesetz liegen, das er 2020 erlassen und damit  möglich gemacht hat, dass ukrainisches Land, die seit der Antike für ihre Fruchbarkeit berühmte “schwarze Erde”,  zur Beute von Hedgefonds werden konnte: 30% des ukrainischen Bodens  – 17 Millionen Hektar (Korrektur: hier stand fehlerhaft zuerst 1,7 Mio.), mehr als sämtliche Agrarflächen Deutschlands – sind mittlerweile im Besitz von multinationalen Konzernen unter der Kontrolle von Blackrock, Vanguard und Co. Innerhalb, unterhalb, dieses Kriegs gibt es einen weiteren um Landwirtschaftsflächen, mit Monsanto, Dupont und dem Giftkartell auf der einen Seite und Russlands Verbot von  genetisch verändertem Saatgut auf der anderen. Dass die fruchtbarsten Böden der Ukraine im mittlerweile russisch kontrollierten Süden und Osten des Landes liegen   – ebenso wie die großen Erdgasfelder im Donbass, auf die Exxon ein Auge geworfen hat – und bei der aktuellen Lage im Krieg für diese Investoren verloren sind, mag erklären, warum seitens des Großkapitals und seiner Büttel in der Politik der “Sieg auf dem Schlachtfeld” trotz seiner Aussichtslosigkeit nach wie vor propagiert wird.

Schon vor zwei Monaten hatte die Ministerin unseres Äußersten ja die Kriegsmüdigkeit in Deutschland beklagt und scheint von ihrem Pipi-Langstrumpf-Trip “Russland ruinieren” noch immer nicht runterzukommen. Auch Turbinen-Kanzler Olaf will sich von dem naiven Unfug, es dürfe keinen “Diktatfrieden Putins” geben, nicht verabschieden bevor das schreckliche Schlachtfest bis zum letzten Ukrainer durchgezogen ist – und er lässt sich von seinem Sanktionsirrsinn auch nicht davon abbringen, die russischen Kriegskassen weiter zu füllen. Gestern meldete die russische Zentralbank, dass sich das Plus in der Zahlungsbilanz  im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdreifacht hat und von 50 auf 166 Milliarden Dollar:
“Nach dem Basisszenario der im Juli aktualisierten Prognose der Zentralbank für das Jahr 2022 wird bei einem durchschnittlichen jährlichen Ölpreis von 80 USD pro Barrel ein Leistungsbilanzüberschuss von 243 Mrd. USD, ein positiver Saldo des Außenhandels mit Waren und Dienstleistungen von 277 Mrd. USD und ein negativer Saldo des Primär- und Sekundäreinkommens von 33 Mrd. USD erwartet.”
Wer  Russland reich und Deutschland und Europa ruinieren will, muss mit dem Sanktionszirkus einfach nur weitermachen. Und wer NATOstan de-militarisieren will, muss nur weiter Waffen an die Ukraine liefern, die entweder im Oligarchen-Sumpf verschwinden oder von den Russen vernichtet werden. Stecken Wladimir und Wolodimyr etwa heimlich unter einer Decke und wir sind gar nicht die Guten, sondern die Dummen ?
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 42

“Im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ,  während das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die bisherigen Nationalitäten  und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze.  Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne, meine Herren, stimme ich für den Freihandel.”  So Karl Marx 1849 in einer Rede über den Begriff und das Narrativ des “free trade”, unter dem die britische “East India Company” zehn Jahr zuvor mit Kanonenbooten an der chinesischen Küste vorgefahren waren, um den “Freihandel” mit Opium durchzusetzen. In den  zwei “Opiumkriegen” von 1839–1842  und von 1856–1860   kolonisierten die Briten Hongkong und fünf weitere Hafenstädte und zwangen das Kaisereich mit Waffengewalt, der British East India Company den Verkauf von Opium zu erlauben. Dies ermöglichte es, die begehrten chinesischen Waren wie Tee, Seide oder Porzellan nicht mit heimischem Silber, sondern mit Opium aus den indischen Kolonien zu bezahlen. 1858 forderte  Karl Marx dann als  Londoner Korrespondent der New York Herald Tribune, dass England “durch den Druck der gesamten zivilisierten Welt gezwungen wird, den Zwangsanbau von Opium in Indien und dessen gewaltsame Verbreitung in China einzustellen.“ Doch erst mehr als fünf Jahrzehnte später war London bereit, auf den Opiumhandel zu verzichten, der die wichtigste Einnahmequelle des britischen Imperiums darstellte: “Ohne Opium kein Empire” fasste Prof. Carl Trocki 1999 eine Studie über die geopolitische Ökonomie des  Drogenhandels zusammen. Und nochmals 50 Jahre später agierte das US-Imperium in Vietnam und Afghanistan nach derselben Regel. (Mehr dazu meinem Buch “Die Drogenlüge”, 2010)
Mir fielen diese Geschichten wieder ein, als Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, jetzt ihren Stunt in Taiwan absolvierte. Die Zeit von den Opiumkriegen bis zum Sieg der kommunistischen Volksbefreiungsarmee unter Mao Zedong 1949 gilt in China als das “Jahrhundert der Demütigung” – durch die britischen und andere europäische Kolonisatoren und durch die Invasion und Massaker des faschistischen Japan von 1937-1945. Dass der im Bürgerkrieg unterlegene Nationalist Chiang Kai Shek auf die Insel Taiwan flüchtete, wo er dann bis 1975 quasi-diktatorisch herrschte, hat für die Chinesen nichts daran geändert, Taiwan weiterhin als Teil Chinas zu betrachten und eine Wiedervereinigung anzustreben. Das US-Imperium hingegen setzt wie überall auf der Welt auf Teile & Herrsche: Separation und militärische Konflikte, hatte aber mit Rücksicht auf Handel mit China in den letzten Jahrzehnten den Ball in Sachen Taiwan relativ flach gehalten, weshalb seit 25 Jahren kein US-Offizieller die Insel besucht hat. Dass nun die korrupte kalifornische Schreckschraube Pelosi als Nr.3 in der US-Hierarchie nicht diskret diplomatisch, sondern mit wochenlangem Bohei und PR-Getöse anreist, hat denn auch nichts mit Diplomatie und Völkerfreundschaft, sondern nur mit Ignoranz und Provokation zu tun. Außer “Demokratie vs.Autokratie”-Geblubbel hatte Mrs.Pelosi auch gar nichts zu sagen und konnte nur hoffen, dass die Taiwanesen das berühmte Bejamin Franklin Zitat – “Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.” – nicht kennen, von dem sie eine gestammelte Bullshit-Version zum Besten gab.

Nancy Pelosis Benjamin Franklin Cover

Aber sie hat, wie es  heißt, “Gesicht gezeigt”  und damit einen Sieg im Informationskrieg errungen, während die Chinesen einmal mehr “gedemütigt” worden seien. Als in den Medien darüber spekuliert wurde, dass die chinesische Luftwaffe  die Maschine Pelosis über dem Golf von Taiwan abschießen könnte, fiel mir zwar ein alter Zappa-Titel dazu ein ( “Ship Arriving Too Late To Save A Drowning Witch”),  aber auch gleich, dass die Chinesen nicht auf dem Hollywood-Niveau von Tom Cruise oder Tom Clancy Krieg führen, sondern ihren Sun Tzu gelesen haben: der weise Feldherr lässt sich Ort und Zeitpunkt der Attacke nicht vorschreiben. Aber eine Antwort werden die USA bekommen – auch China kann “Sanktionen”. In der Global Times, dem quasi-offiziellen Organ des Politbüros, wird das deutlich: “Die Russland-Ukraine-Krise hat der Welt gerade gezeigt, welche Folgen es hat, wenn eine Großmacht in die Enge getrieben wird… China wird seinen Prozess der Wiedervereinigung stetig beschleunigen und das Ende der US-Vorherrschaft in der Weltordnung erklären.”

Willkommen am Ende der unipolaren Welt, wo in Deutschland seit dem 27. Juli  nur noch 20% Erdgas über “Nordstream 1” ankommen, weil die in Kanada reparierte Turbine jetzt in Mühlheim an der Ruhr steht. Dort hat sie eigentlich nichts zu suchen und sollte schon längst in Russland wieder installiert sein, wobei Olaf Scholz, der das Gerät jetzt einer Inspektion unterzogen hat, die Verzögerung selbstverständlich allein den bösen Russen und nicht seinem idiotischen Sanktionismus zuschreibt. Da die mächtigen Siemens-Turbinen regelmäßig gewartet werden müssen, sind im Herbst weitere zur Überholung fällig und wenn sich das dann wieder derart hinzieht, hat Gazprom angekündigt, kommt möglicherweise gar nichts mehr an. Spätestens dann ist Schluss mit lustig und die allerletzte Chance, den transatlantisch verordneten Selbstmord auf Raten abzubrechen. Dass Altkanzler Schröder mit Putin darüber geredet haben soll, ob im äußersten Notfall die mit russischen Turbinen betriebene Nordstream 2-Pipeline Gas liefern könnte, wird hierzulande freilich nicht als vernünftiger “Plan B” gehandelt, sondern mit Rauswurf aus der SPD. Ich war nie ein Fan von Schröder, auch nicht als ich eine Zeit lang das Büro mit dem zu früh gestorbenen Reinhard Hesse teilte, der für “Gerd” schon die Reden verfasste, als er noch in Hannover präsidierte und ihm als Kanzler dann eine Regierungsführung “mit ruhiger Hand” und ohne das “Abenteuer” Irakkrieg aufschrieb. Wenn Schröders diplomatische Aktivitäten, die  angesichts einer akuten Weltkriegsgefahr unbedingt notwendig und unterstützenswert sind, nicht mehr SPD-kompatibel sein sollen, dann haben sich die Sozialdemokraten genauso um 180 Grad von ihren Grundsätzen entfernt wie die einstige “Friedenspartei” der Grünen, die vor lauter Kriegsgeilheit völlig aus dem Häuschen ist. Während R.Habeck in “dienender Führungsrolle” der USA weiter an der De-Industrialisierung Deutschlands arbeitet, will die größenwahnsinnige A.Baerbock als führende Vasallin des Imperiums für die militärische Durchsetzung der “regelbasierten” (i.e. us-diktierten) “internationalen Ordnung” kämpfen. Verglichen mit diesem von chronischer Transatlantitis und schwerem Bellizismus infizierten Olivgrünen wirkt Turbineninspektor Scholz ja zumindest zeitweise noch halbwegs gesund. Möge also Reinhard dem Olaf aus dem Himmel im richtigen Moment die passenden Worte flüstern, wie er  – mit Gerds Hilfe –  aus der Scheiße wieder rauskommt….
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 41

Ob Altkanzler Gerhard Schröder nur “ein paar Tage Urlaub” in Moskau macht oder mit seinem Freund Wladimir Putin über die Gaslieferungen redet, ist derzeit unklar, sicher ist nur, dass die Schiedskommission der SPD Anfang August über seinen Parteiausschluss verhandelt. Weil der unter anderem von dem irrlichternden  Corona-Clown Lauterbach gefordert wird, sagt mir mein Bauchgefühl zwar im Moment , dass die Sozialdemokraten so irre noch nicht sein können, dass sie Schröder wirklich  raus werfen. Aber im politischen Absurdistan der Neuen Normalität  ist mittlerweile alles möglich, sogar dass Willy Brandt posthum aus der SPD fliegt.  Die “Grünen” setzen auf AKWs und Kohlekraftwerke, Kriegskanzler Scholz macht 100 Milliarden für Aufrüstung locker, die EU erwürgt sich mit immer neuen Sanktionen immer weiter und die Propagandaorgeln der Massenmedien dröhnen ohne Unterlass, dass allein Putin für all das verantwortlich  ist. Weil er – so  R.Habeck – “wirtschaftskriegerisch” gegen uns vorgeht und weil die Russen – so A.Baerbock – ihren Krieg “hybrid” führen. Als vom Völkerball kommende Expertin müsste die Außenministerin zwar wissen, dass – wenn man auf jemanden zielt – auch zurückgeworfen wird und Minister Habeck sollte eigentlich einleuchten, dass man nicht Panzer und Waffen gegen Russland schicken und im Gegenzug Küsschen und Smilies erwarten kann. In der bizarren Welt der neuen Normalität aber sind solche Erwartungen ok und es wird ohne mit der Wimper zu zucken über “Russlands brutalen Gaskrieg” gelogen, obwohl man sich mit den eigenen Sanktionen ja selbst von russischer Energie abschneidet. Denn es sind nicht die  brutalen Ruskies, die Deutschland  kein Öl und Gas mehr verkaufen wollen – “Nordstream 2” ist betriebsbereit und  könnte morgen ohne Ende liefern  – es ist die deutsche Regierung, die es nicht kaufen will. So wie ja auch nicht Russland, sondern der kollektive Westen mit seinen Sanktionen der Aggressor im Wirtschaftskrieg war, um damit “hybrid” den militärischen russischen Angriff auf die Ukraine zu kontern und zu stoppen. Dass diese “wirtschaftskriegerische” Strategie nicht nur nicht aufgeht, sondern sich als Bumerang erweist, der Europa viel stärker trifft als Russland ist mittlerweile offensichtlich –  doch über Nordstream 2 Gas zu beziehen wäre, so Habeck, eine “Kapitulation” und”das Gegenteil von dem was wir das letzte halbe Jahr hier unternommen haben”.
Was freilich komplett nach hinten losgegangen ist, weshalb das “Gegenteil” genau in die richtige Richtung weist. “Wer einen Fehler nicht einsieht, begeht einen zweiten” wusste schon Konfuzius, doch von derlei simpler Lebensweisheit  scheinen die westlichen Regierungen meilenweit entfernt. Einzig der europäische bad boy Victor Orban hat den Mumm, das Scheitern zu benennen: “Wir sitzen in einem Auto, das alle vier Reifen platt hat: Es ist absolut klar, dass der Krieg so nicht gewonnen werden kann”.  Alle vier Pfeiler der westlichen Strategie –  dass die Ukraine einen Krieg gegen Russland mit NATO-Waffen gewinnen kann, dass Sanktionen Russland schwächen und Putin destabilisieren, dass Sanktionen Russland mehr schaden als Europa und dass die Welt sich zur Unterstützung des Westens zusammenschließen würde – seien gescheitert. Weil die Regierungen in Europa “wie Dominosteine” zusammenbrächen und die Energiepreise in die Höhe schiessen. sei jetzt eine neue Strategie erforderlich.

Wo er recht hat, hat er recht, der “rechte Populist” Orban, was aber unseren olivgrünen Vizekanzler nicht von dem ideologischen Framing abhalten wird, dass wir schließlich  “Demokratie” gegen “Autokratie” verteidigen und bis zum letzten Ukrainer gekämpft werden muss. “Wir kapitulieren nicht, niemals” hatte es schon einmal aus Berlin getönt. Ging nicht gut aus damals…und wird es auch diesmal nicht. Auch wenn Herr Scholz und Herr Habeck offenbar immer noch glauben,  bei diesem Match bessere Karten haben als seinerzeit Herr Hitler, und dass sie nur noch ein paar Haubitzen drauflegen  müssen für den “Sieg”. Und mehr kalt duschen – wie jetzt schon in Hannover, wo in öffentlichen Gebäuden, Turnhallen etc. das Warmwasser abgestellt wird. “Was uns nicht umbringt macht uns stärker” – wundern sie sich nicht, wenn das Nietzsche-Zitat  demnächst in Reden auftaucht, in denen für das “Winterhilfswerk” (oder so ähnlich) geworben wird. Und für Solidarität mit dem Freiheitshelden Zelensky, der Zeit findet, mit seiner Elena als Hollywoodkrieger für die “Vogue” zu posieren, während an der realen Front aktuell  – nach Angaben des polnischen (!)  Militärs  – täglich 300 seiner Soldaten ihr Leben lassen. Aber jetzt kommt ja die neue “Gegenoffensive”, die mit der HIMAR Wunderwaffe die Wende bringen wird…. versichern uns dieselben, die die Massenvernichtungswaffen des Irak verkauft, in Libyen die Demokratie verbreitet  und 20 Jahre Afghanistan die “Freiheit” verteidigt haben. Aber keine Sorge: dieses Mal sagen sie die Wahrheit: über den Kriegsverlauf und seine Ziele, über die immensen Verluste des Feindes seine absehbare Niederlage und die moralische Verpflichtung, ihn bis zur letzten Patrone zu bekämpfen. Die von Star-Fotografin Annie Leibovitz aufwändig inszenierte Fotostrecke mit der schönen Helene kommt mir so vor wie ein letztes Aufbäumen im (ohnehin auf ganzer Linie “gewonnenen”) Informationskrieg, mit dem das Vorschieben der schönen Frau signalisiert, dass es “on the ground”, im realen Krieg,  mit dem Mann im Military-T-Shirt eigentlich schon vorbei ist. Der “Kokskopf aus Kiew”, wie böse Zungen ihn nennen, ist der große Verlierer – solche Glamour-Register wie “Vogue” müssen erst gezogen werden, wenn der “Held”  in der Realität nichts mehr zu bieten hat.
In der letzten Folge dieser Notizen hatte ich ja schon die These ventiliert, dass Russland dem kollektiven Westen mit seiner “Spezialoperation” eine Falle gestellt hat und keine Eile hat, die Sache abzuschließen: nicht eingreifen, wenn der Feind einen Fehler macht. Und so wird die ukrainische Armee von ihnen auch nicht abgehalten, Raketen mit größerer Reichweite heranzuschaffen, wozu Außenminister Lavrow schon gesagt hat, dass die größere Reichweite eingesetzter westlicher Waffen mit sich bringen wird, dass die russischen Streitkräfte dann eben weiter nach Westen vorrücken müssen, um ihre Landesgrenze zu sichern. Eigentlich logisch – doch mit Logik, Vernunft, Verstand haben es die NATOstan-Strategen  und ihr dementer Commander in Chief ganz offensichtlich nicht. Genausowenig wie einen Plan, wie sie aus dem Debakel herauskommen. Dafür aber reichlich grausamen Zynismus, jetzt auch noch den” Volkssturm” ukrainischer Männer (die das Land nicht mehr verlassen dürfen) und Frauen (die demnächst ebenfalls eingezogen werden sollen) zu verheizen.
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)