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Jul, 2011

Buchhaltung (1)

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“Buchhaltung” – unter diesem Titel  will ich an dieser Stelle gelegentlich die lesenswerten Bücher würdigen, die hier vom Schreibtisch oder Nachttisch ins Regal wandern, also behalten werden. Für ausführliche Rezensionen fehlt meist die Zeit, deshalb sollen kurze Hinweise genügen.

Werner Pieper gebührt nicht nur der Verdienst, mit  seiner Hilfsorganisiation für gefangene Hanf-Händler, der “Grünen Kraft”, einst den Markennamen der Grünen etabliert zu haben, anders als die später gegründete Partei ist er auch nicht “realpolitisch” zur Unkenntlichkeit (und Überflüssigkeit) mutiert, sondern macht nach wie vor ein “grünes” und geistreiches Verlags-Programm, die “Grünen Zweige”. Zuletzt erschien dort “Der Gammler” von Brummbär, der erste Teil der Autobiographie von Bernd B., der sich 1964 der Prä-Hippie und Prä-68er-Jugendbewegung der “Gammler” anschloß,   sich als Pflastermaler, Überlebenskünstler und Experte für das damals legale (und tripartig wirkende) Hustenmittel Romilar durch Europa schlug. Aus Kalifornien brachte er die ersten Underground-Comics nach Deutschland, übersetzte Robert Crumb, installierte die ersten psychedelischen Lightshows und wurde später, als Brummbaer,  einer der Pioniere des digitalen Grafikdesigns in Hollywood. Dieser zweite Teil der Bio steht noch aus und soll erscheinen, wenn sich genügend Subskribenten finden. Nach dem großartigen ersten Teil, den ich ratzfatz runterlesen mußte,  sollte das eiegntlich kein Problem.

Auch zwei weitere neue “Grüne Zweige” sind sehr interessant: Das Bewußtsein der Babys , ein ebenso kurzes wie erhellendes Interview mit dem “Entdecker” des prä-natalen Bewußtseins und Autor des Klassikers “Woran sich Babys erinnern” , David Chamberlain; und die von Werner Pieper zusammengetragenen Fakten und Fiktionen über die wundersamsten Käfer dieses Planeten, die Glühwürmchen – Geschichten über unsere wunderlichen , giftkillenden, sexbesessenen Lichtwesen: “Wir würden vor dem Glühwürmchen ebenso ehrfürchtig stehen wie vor der Sonne, wenn wir nicht an unsere Vorstellungen von Gewicht und Maß gebunden wären”

Nur ein kleiner Schritt im Bücherstapel, aber ein großer für die Menschheit ist der vom Glühwürmchen zur Glühbirne – und zum Glühbirnenbuch, das Peter Berz, Helmut Höge und Markus Krajewski herausgegeben haben. Mit Thomas Pynchons Geschichte über Byron, die unsterbliche Birne, die vom Glühbirnenkartell verfolgt wird, fing für mich einst die Beschäftigung mit “Verschwörungstheorien” an, vor aller Konspirologie war also die Bulbologie – und schon deshalb gebührt dem Werk ein persönlicher Ehrenplatz. Aber auch weil neben dem klassischen Pynchon-Text in diesem Wälzer auch alles Wissenswerte über die nunmehr aussterbende Erleuchtungs-Art versammelt ist, einschließlich der Dokumentation, dass es sich beim Krieg des Lichts und dem internationalen Glühlampenkartell “Phoebus”, das die Brenndauer der Birnen festlegte, natürlich nicht um eine schillernde Verschwörungstheorie handelt, sondern um die finstere Realität.

Dass unser Bewußtsein nicht nur der Empfänger, sondern auch der Projektor dessen ist, was wir für die äußere Wirklichkeit halten – dieses erkenntnistheoretische Dilemma war zuerst Immanuel Kant aufgegangen, als er feststellte, “dass die Vernunft nur einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt”.  Das Erkennen absoluter, objektiver Wahrheit ist unmöglich, jede Erkenntnis ist a priori subjektiv – so klar und einfach diese Kritik der reinen Vernunft daherkam, so komplex waren und sind ihre Folgen für  das Denken. Der konstruktivistische Ansatz der Philosophie, der von der grundsätzlichen Befangenheit des Erkennens ausgeht, ist seitdem den aus diesem Dilemma zu ziehenden Konsequenzen auf der Spur.  In einem Sammelband über die Schlüsselwerke des Konstruktivismus, den Bernhard Pörksen jetzt herausgegeben hat, bin ich diesen Spuren von Kant über Piaget und Bateson zu Watzlawick, Maturana und Heinz von Förster (“Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners”) in den letzten Wochen viele Stunden lang gefolgt – und habe dabei nicht nur altes Wissen aufgefrischt, sondern auch neues gewonnen.

Kevin Kellys provokante und visionäre Texte und Bücher schätze ich seit den Zeiten der seligen “Whole Earth Review”,  die stets mein Leib,-und Seele-Magazin war. Mit seinem neuen, gewichtigen Werk “What Technology Wants” bin ich erst zur Hälfte durch und es ist einmal mehr sehr spannend: Kelly beschreibt Technik als Fortsetzung der biologischen Evolution, als selbstorganisierten  Organismus. Dazu wird noch mehr zu sagen sein – hier kann man sich schon mal drei seiner Vorträge dazu anschauen.

Kommentare

ein Kommentar zu “Buchhaltung (1)”

  1. roc am 05.07.2011 um 08:32 Uhr 

    There seems to be more to the Hippie-Story than simply Love and Peace, the sinister Control-Side.
    Counterculture+ Tavistock / CIA + Hippies
    http://www.youtube.com/watch?v=U9M9KA9QrPY
    Electric kool-aid LSD 60s Psychedelic Revolution Contrived by Tavistock Instiitute
    http://www.davesweb.cnchost.com
    The Strange but Mostly True Story of Laurel Canyon and the Birth of the Hippie Generation
    http://www.youtube.com/watch?v=_JvF9RFf5RQ&feature=related
    LAUREL CANYON 1 – 60s Music Hollywood CIA MK-Ultra LSD

     

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