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Nov, 2014

“Appell für mehr kritischen Journalismus”

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wsdg-coverStefan Niggemeier schreibt heute in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”:

“Deutschland erlebt, wie es der Publizist Friedrich Küppersbusch formuliert, gerade die „Einberufung zum Wehrdienst“ – und dabei hätten die Medien noch nicht einmal die Grundausbildung absolviert. Oft genug scheint es, als zögen sie mit in den Kampf, anstatt gerade auch die „eigene Seite“ mit der größtmöglichen Distanz zu begleiten. Das zeigt sich in der Reduzierung des Konfliktes auf einen Kampf gegen einen gefährlichen, unberechenbaren, bösen Mann: Wladimir Putin. Es zeigt sich im Schimpfwort von den „Putin-“ oder gar „Russland-Verstehern“. Es zeigt sich in der Marginalisierung von Stimmen und Nachrichten, die dem vorherrschenden Narrativ vom Aggressor Russland und dem Westen, der nur hehre Ziele verteidigt, widersprechen.

Mathias Bröckers und Paul Schreyer haben ein Buch geschrieben, das die andere, fehlende Perspektive enthält. „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ ist auch dann lesenswert, wenn einen die Nähe der Autoren zu Verschwörungstheorien schreckt und man ihre Analysen nicht teilt. Es dokumentiert genügend Merkwürdigkeiten in der Entwicklung dieses Konfliktes, die Anlass wären, seine vorherrschende schlichte Interpretation anzuzweifeln, kritische Fragen zu stellen, die Behauptungen nicht nur der russischen Seite, sondern auch des Westens und seiner Verbündeten in der Ukraine mit größtmöglicher Skepsis zu behandeln. Es ist letztlich ein Appell, sich nicht mit den einfachen Antworten, die in ein vorgegebenes Schema passen, zufriedenzugeben, ein ganz banaler Appell für mehr kritischen Journalismus. Auch dieses Buch verkauft sich gut und hat es auf die Paperback-Bestsellerliste des „Kultur Spiegels“ geschafft – aber keine große Debatte in den Medien ausgelöst, die es kritisiert. Dabei wäre auch das eine vertrauensbildende Maßnahme. Doch der „Spiegel“ stellte sich nicht einmal der Diskussion um sein Titelblatt „Stoppt Putin jetzt“ und den dazugehörigen Leitartikel, ein besonders bestürzendes Beispiel für Hurra-Journalismus, das Gewissheiten behauptet, wo bis heute Unklarheit herrscht, und markig ein „Ende der Feigheit“ gegenüber Putin, dem „Paria der Weltgemeinschaft“, fordert.

(FAS. 2.11.2014, S. 41)

Kommentare

4 Kommentare zu ““Appell für mehr kritischen Journalismus””

  1. anonymaus am 02.11.2014 um 21:21 Uhr 

    Der Appell ist ungefähr genauso dämlich wie der Echo-Orgel-Appell des Papstes für mehr „ Frieden“ in der Welt…

    Nach der 4,6 Milliarden Winter-Schenkung der EU an die Ukraine ist an dieser Front erst mal wieder Ruhe im Karton
    http://german.ruvr.ru/2014_10_31/Die-Ukraine-stimmte-zu-das-russische-Gas-mit-Geldern-der-EU-zu-bezahlen-5800/
    und die FAS darf sich den „Putin-Dissidenten“ mit einer kleinen Streicheleinheit zuwenden.

    Bröckers steht für: „Einen ganz banalen Appell für mehr kritischen Journalismus“
    Logisch…weil der Mann halt sui generis ultra-banal ist…oder wie meinen ???
    „Die Nähe zu Verschwörungstheorien“ ist
    bereits eine freche und unzutreffende
    Wertung der FAS um dann benevolent in den Unsinns-Satz zu gleiten: „Lesenswert…auch wenn man ihre Analysen nicht teilt“

    Frage :
    Was ist denn „Lesenswert“ an einem Buch…das sich komplett der Analytik verschrieben hat…die ich nach Abschluß der Lektüre aber nicht zu teilen geneigt bin…oder die ich a priori nicht teile ? „Lesenswert“ deshalb…weil ich es sowieso besser weiß ? Und das natürlich dank
    FAZ/FAS ??

    Wieso sollten zum Beispiel die Rechts-Radikalen
    nicht auch bereits „Kritischen Journalismus“ betreiben ? “auch dann lesenswert, wenn man ihre Analysen nicht teilt“ …LoL

    Banal und wahr :

    „The days of the legitimate “investigative reporter” are long gone…if they ever existed at all “
    http://jonrappoport.wordpress.com/2012/04/12/nazis-nixon-rockefeller-and-watergate/
    http://www.youtube.com/watch?v=XBZzu7q67AQ

    Der „Investigative“ darf natürlich einen Mythos begründen ( Watergate-Free Press USA) Skandale und Ungereimtheiten aufdecken a la Greg Palast -Matt Taibbi -Daniel Hopsicker und er ist dadurch auch nicht „verdienstlos“ im doppelten Sinne.

    Sobald der „Kritische“ aber zu nah ans Feuer kommt, bleibt er entweder den Rest seines Lebens in der Botschaft ( Assange-Snowden ) im Knast ( Mannings) im Sarg ( Danny Casolaro-Jim Keith-Gary Webb-Senator Wellstone-Michael Hastings ) oder darf sich schon mal in die Liste eintragen…Barschel-Möllemann-Haider bitte noch nachtragen 🙂
    https://wikispooks.com/ISGP/death_list/ISGP_death_list.htm
    Russische und chinesische „Listen“ gibt’s sicherlich auch ohne Ende.

    Bei Angelegenheiten von „Deep Politics“ gibt es keine funktionierende Justiz…eine irrlichternde Journaille…die einen Haufen trockene Löcher bohrt…und auch keine wirklich interessierbare Öffentlichkeit mehr…so daß man die Dissidenten eigentlich auch gar nicht mehr umbringen müßte 🙂

    Würde heute jemand aus dem „Inneren Kreis“ die Wahrheit über JFK–911–EU etc. verbreiten….das würde keine Sau interessieren…bzw. würde unter „Verschwörungstheorie“ abgebucht…..Leider ist das so.

     
  2. KlandesTina am 03.11.2014 um 11:03 Uhr 

    Oft genug scheint es, als zögen die Medien mit in den Kampf, anstatt gerade auch die „eigene Seite“ mit der größtmöglichen Distanz zu begleiten. Das zeigt sich in der Marginalisierung von Stimmen und Nachrichten, die dem vorherrschenden Narrativ vom Aggressor Russland und dem Westen, der nur hehre Ziele verteidigt, widersprechen.
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/journalismus-unter-verdacht-vom-wachsenden-populaeren-misstrauen-gegenueber-der-presse-13242833.html

    Eine Marginalisierung von pro-russischen Stimmen kann ich nicht erkennen – im Gegenteil. In schöner Regelmäßigkeit kamen in TV-Talks folgende Putinversteher zu Wort: Gysi, Krone-Schmalz (mehrmals in der ARD), Mißfelder, Dohnanyi, Seipel (heute wieder auf “Phoenix), Schwarzer, Gauweiler, Verheugen, Wagenknecht, Laschet, Erler, van Aken, Bartsch, Dehm, Gauland, Iwan Rodionow (Ruptly, RT Deutschland), Anna Rose (Rossijskaja Gaseta, bei “hart aber fair” und 2 x in der “Phoenix”-Runde), Dmitri Tultschinski (Rossiya Segodnya, mehrmals im “Presseclub” und in “Phoenix”-Runden). Der russische Botschafter in Deutschland, Wladimir Grinin, war 2 x bei “Maybrit Illner” zu Gast. Der ukrainische Autor in Diensten des COMPACT-Magazins, Viktor Timtschenko, durfte ebenfalls doppelt ran: In der “Phoenix”-Runde argumentierte er im Sinne Elsässers. Mein Fazit: Niggemeier übertreibt maßlos.

     
  3. KlandesTina am 03.11.2014 um 11:07 Uhr 

    Ich vergaß Egon Bahr!

     
  4. roc am 03.11.2014 um 22:06 Uhr 

    @KlandesTina am 03.11.2014 um 11:03 Uhr
    es war vorauszusehen…dass Sie hier im Rating untergehen 🙂

    Ihre Zuschrift entspricht aber der Wahrheit.

    Neben Egon Bahr ist bekanntlich
    auch Mr. Undead Ol’ Henry „Putin-Versteher“
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article125579944/So-wuerde-Kissinger-den-Ukraine-Konflikt-beenden.html

    KGB-Putin und Dr. Henry Kissinger sind
    “Old Friends” was bei einer grundsätzlichen Gegnerschaft Westen-Russland
    schon ziemlich merkwürdig wäre.
    http://www.hermes-press.com/bsmith5.htm

    Wer Kissingers Position im Hierachie-System betrachtet, gelangt zur Auffassung, dass die herrschenden anglo-saxon „Top-Dogs“ wahrscheinlich mit Rochaden ihrer eigenen Gegensatz-Strömungen arbeiten
    https://wikispooks.com/ISGP/intro.htm
    je nach den aktuellen Erfordernissen…
    „Never let a good crisis go to waste“.
    auch um eine übergreifende Agenda weiterzutreiben.

    Putin wird seine Agenten da sicher auch plaziert haben, genauso wie deren 5.Kolonne in Russland dem Land gerne eine Balkanisierung a la Ex-Jugoslawien verpassen würde.

    Putins Eurasische Union wird ja gerade nicht das westliche Finanzsystem auskoppeln ( Auch die BRICS bleiben drin )und er wird auch nicht die Ukraine oder baltische Anrainer annektieren.
    Kriegsgefahr: NULL

    Der gesammte EU-Nato-Ukraine-Russland-Konflikt gleicht eher einem GIGANTISCHER ZIRKUS mit fetten Konzern-und Oligarchen-Profiten für beide Seiten unter der Hand…auf Kosten der unfertigen Nation Ukraine und auf Kosten des unfertigen Bundesstaates Europa, den die “Weltmacht im Treibsand” ( Scholl-Latour ) auf Augenhöhe nicht gebrauchen kann.

    http://www.zerohedge.com/news/2014-05-07/guest-post-false-eastwest-paradigm-hides-rise-global-currency

     

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