Die Kunst des Fake und ihr Großmeister Ernst Volland

“Der Mann ist erstens eine Wucht und zweitens ein künstlerisches Multitalent. Ernst Volland ist Künstler und Fotograf, Galerist, Kurator und Karikaturist. Und vor allem ein begnadeter Provokateur. Volland schrieb gefakte Kinderbriefe an Politiker und Geistliche. Er erfand den Slogan “Ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer zur Zeit im Knast sitzt”. Und er kommt inzwischen auf mehr als einhundert Ausstellungen weltweit. Ein Kritiker nannte ihn einen “linken, widerständlerischen Einmannbetrieb”. Sein neues Buch heißt “Die Kunst des Fake”.

So kündigte das  SWR-Magazin Leute Anfang April  ein Gespräch mit Ernst Volland an, der am 4. Mai 75 wird,  und mir  als altem “Pardon”-Leser und “Titanic”-Autor der erstem Stunde seit dem herrlichen Jägermeister-Fake ein Begriff ist. Es war nicht der einzige, aber der längste Rechtsstreit, den er sich für seine provozierenden und subversiven Fakes und einhandelte, wie etwa mit seinem Plakat zum “Radikalenerlaß” Mitte der 70er oder der öffentlichen Plakataussstellung  “Voll Aufs Auge”am Berliner Breitscheidplatz, die mehrfach von der Polizei abgerissen wurde.  Für die Feuilletons und den Kulturbetrieb war derlei politsche Kunst aber kein Thema, weshalb Volland beschloß, sie auf dem Feld des gehobenen Vernissagen-Blabla und kunstphilosphischen Geschwafels vorzuführen. Über Nacht malte er ein Dutzend großformatiger Bilder, erfand den Slogan “Frische Malerei” und ein paar Phrasen dazu, engagierte einen Schauspieler, der als “Blaise Vincent”  bei der Präsentation seiner Bilder  ein paar französische Platiüden sprach – und schon jubelte die kunstkritische Qualitätspresse über dieses “neue Talent” und die Nationalgalerie kaufte für 10.000 DM “La Duce Nuit in Kreuzberg” an.

Die Fakes von Ernst Volland sind das Gegenteil von Kunstfälschung, sie sind, wie Bazon Brock es in einer Rede 2018 ausgedrückt hat, eine Ausgeburt “kabarettistischer Vernunft”: “Faker sind Leute, die bekennen, dass das, was sie tun, falsch ist. Aber das als falsch Erkannte ist ja wahr. Sodass wahr nur noch das ist, was als Falsches erkannt wurde. Das ist die zentrale Form der Kritik, die die Wissenschaft betreibt.”

Nichts anderes als solche Kritik hat der Faker Volland seit Jahrzehnten geübt und den Fake als schöne und hohe Kunst der Aufklärung betrieben, auf und mit allen zur Verfügung stehenden Medien, verdeckt und getarnt im Hintergrund oder leibhaftig im TV, als Maler, Collagist, Cartoonist, Fotograf und vielseitiger Bildkünstler und Aktivist. So schlich er sich in die Post von Kardinälen und Bischöfen, fragte nach Gott und Teufel, foppte amerikanische Botschafter und schonte weder die politische „Elite“ in Deutschland noch die Edelfedern der Presse. Dies alles ist nachzulesen und zu schauen in dem wunderschönen Band “Die Kunst des Fakes”,  der jetzt erschienen ist und den ich nur empfehlen kann. Nicht nur weil er, wie auch sein Autor, so “frisch” ist wie die Malerei vor 40 Jahren, sondern weil sich mit Fakes und Fake-News ernsthaft beschäftigen muss, wer nicht von ihnen über den Tisch gezogen werden will. Gerade hat die “Washington Post” allerdings verkündet, dass sie ihre Rubrik “Lügen des Präsidenten” einstellt.  Donald Trump hatte es mit seinen falschen Wahrheiten dort auf über 30.000 Einträge gebracht. Gut, dass Joe Biden jetzt nur noch die reine Wahrheit sagt…

Chapeau, lieber Ernst! Wir feiern, wenn die Kneipen wieder geöffnet haben – und jetzt schon das Buch, das du dir zum Geburtstag geschenkt hast.

 

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