20
Feb, 2011

Doktordämmerung

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Eine Mehrheit der Deutschen findet die Doktorspiele des Herrn zu Guttenberg noch nicht so unanständig, dass er deswegen zurücktreten müßte. Die Kampfblätter, die den “coolen Baron” zur Lichtgestalt hochgeschrieben haben, melden erfreut: “Nur 28% der Deutschen sehen in Guttenberg einen Schwindler” (Focus) – und versuchen ansonsten den Ball flachzuhalten – “keine Staatsaffäre… ein Rücktritt wäre falsch ” (Welt).  Eine Staatsaffäre ist der Fall tatsächlich nicht, weil aber Politik medial nahezu auschließlich auf der Symbolebene verhandelt wird, spielen Dienstwagen, Bonusmeilen, Praktikantinnen und andere Lappalien im politischen Geschäft immer wieder eine entscheidende Rolle. Und so kommt es dann auch, dass ein Verteidigungsminister nicht wegen der Leichenberge eines illegalen Kriegs zurücktreten muss, sondern wegen eines vergleichweise läppischen Urheberschafts-Betrugs. Dass dieser freilich nicht mehr als entschuldbarer “Zitierfehler”, harmlose “Schummelei” und marginale “Fußnotenaffäre”  eines vielbeschäftigten Superministers verniedlicht werden kann, verdankt sich nicht den alten Medien, sondern dem Schwarm des Web 2.0. Was das GuttenPlag-Wiki in den letzten Tagen geleistet hat – nicht nur bei Recherche von geklauten Fremdtexten – Highlights hier – sondern auch bei der Diskussion um   Ghostwriter, sowie an Humor – ist sensationell und revolutionär: nie wurde in einer öffentlichen Affäre so schnell und so umfassend Transparenz geschaffen. Hier zeigt sich  was das Modell “Wikileaks” wirklich leisten könnte, wäre es keine Ein-Mann-Show, sondern ein kollaboratives Projekt.

Falls an der Uni Bayreuth noch darüber nachgedacht wurde, wie die akademische Ehre von Graf Xerox zu retten wäre, hat sich das nach diesem Wiki-Wochenende erledigt.  Wenn ein weitestgehend abgekupfertes Elaborat wie das Guttenbergsche Machwerk (das “Original”  hier als pdf) als Doktorarbeit durchgeht, kann der Wissenschaftsstandort Deutschland einpacken. Die als CSU-Kaderschmiede ohnehin nicht gerade mit “excellence” beleumundete Universität könnte den Imageschaden freilich wenden, wenn sie nach der unvermeidlichen Disqualifikation ihres falschen Musterdoktoranden ein Plagiats-Wiki für sämtliche Master,- und Doktorarbeiten der Zuknft einrichtet

Was den Minister-Posten betrifft hat Guttenberg nach seiner fatalen Ehrenwort-Presskonferenz  – “Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht” – vielleicht noch eine winzige  Chance sich zu retten. Er müßte der Transparenz, die der Wikischwarm der Großtäuschung seiner Dissertation verschafft hat, mit einem ebenso transparenten, sein Innerstes nach Außen kehrenden “Mea Culpa” begegnen und erklären, wie es dazu kommen konnte, wie familärer Druck, Ehrgeiz, Neid, Eitelkeit und was auch immer ihn zu diesem Betrug trieben, d.h.   ans  Eingemachte gehen und ohne Blendwerk, ohne Maske seine Verfehlungen gestehen und sich entschuldigen,  kurz: er müsste Charakter zeigen. Schaun mer mal, ob er sich am Montag vor die Bundespressekonferenz traut und sich nicht länger hinter den toten Soldaten verschanzt…

Kommentare

10 Kommentare zu “Doktordämmerung”

  1. Feliks Dzerzhinsky am 20.02.2011 um 19:17 Uhr 

    Lieber Herr Bröckers, Sie glauben doch nicht, Guttenberg habe abgeschrieben? Am Ende wollen Sie uns noch erzählen, dass rgendwelche Flugzeuge ins World Trade Center geflogen wären?
    Nein, es muss aufhören mit diesen Verschwörungstheorien, darum:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

     
  2. pecas am 20.02.2011 um 20:09 Uhr 

    Den Vorschlag zur “mea culpa”-Lösung in allen Ehren, aber das geht in dem Fall nicht; denn all die “wie-es-dazu-kommen-konnte”-Ausreden greifen hier ins Leere.
    Ein derartiges Plagiat muss – nicht zuletzt angesichts des dabei mit Gewalt genommenen Themas (Verfassung/Verfassungsgeschichte etc.), das ja nicht erst über den Hebel des im Falle eines Rücktritts zu berücksichtigenden Amtes entscheidendes Gewicht erhält – doch als das gesehen werden, was es ist: nämlich ganz einfach als eine Intrige gegen den ansonsten anderen, in dem Fall wahrscheinlich wohl direkt gewaltloseren Verlauf der Geschichte.
    “Ein Intrigant möchte vor allem eines: Geschichte schreiben”, so der Intrigenforscher Peter von Matt, möchte mit seinen Schlichen und Ränken ein Ziel – hier den besonderen Respekt, den Glauben der Bevölkerung gar? – erreichen, welches er anders nur schlecht oder gar nicht erreichen kann; im vorliegenden Fall potenziert sich da etwas, und das erscheint durchaus dem Plan des galoppierenden Power-Plagiators zu entsprechen.
    Da ist Sorge angebracht, die entsprechend Nach- und Vorsorge zugleich wäre.
    Dass sich sogar im FOKUS schon “nur” 28 Prozent der Bevölkerung (- ich dachte, das wäre ein sattes Pfund an Bewusstsein, immerhin, selbst wenn es nicht die 80 Prozent der TELEPOLIS-Umfrage sind -) zu dem Verdikt “Schwindler” gegenüber G. bekennen, zeigt m. E., dass die Leute es allgemein zumindest ähnlich empfinden und an sich – trotz allem Guttenbergschem Bonbon-Bonus (bzw. jetzt wohl eher wegen der enttäuschten Gutti-Hoffnung) – die Nase von derlei Trojanischen American-Century- Pferden aus dem stählernen Stall des stets adrett frisierten Neokonservatismus langsam gestrichen voll haben, die sich dann doch in hübscher Regelmäßigkeit mit ihren fake-Nummern über die Öffentlichkeit entleeren.

     
  3. ghhz am 20.02.2011 um 20:54 Uhr 

    @Feliks Dzerzhinsky
    http://en.wikipedia.org/wiki/Felix_Dzerzhinsky
    muss nicht sein, genau so wenig wie Ihre beknackte Page

     
  4. Feliks Dzerzhinsky am 20.02.2011 um 22:47 Uhr 

    @ghhz – Danke fuer den Hinweis auf Wikipedia – deckt sich fatal mit dem, was neulich meine Rueckfuehrungs-Therapeutin in mir ausgeloest hat. Also gab’s mich doch! Nur Guttenberg ist zu gut, um wahr zu sein!
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!</

     

  5. Rheinbogen am 21.02.2011 um 07:40 Uhr 

    Die Guttenberg-Verteidiger in Partei und Medien merken (noch) nicht, dass sie ihm und sich selbst keinen Gefallen tun, indem sie derart treudoof zu ihm stehen. Die Beweislage ist so vernichtend eindeutig, dass selbst diejenigen in der Bevölkerung, die ihn immer noch im Amt sehen wollen, doch bereits erkannt haben, dass die Doktorarbeit jedenfalls nicht koscher ist. Und je länger er daran festhält, dass er nicht abgeschrieben und nicht betrogen habe, umso schwerer werden seine Verfehlungen. Dass er die Uni betrogen hat (die sich, da bin ich mir sicher, auch gerne betrügen ließ), lässt der Wahlbürger zur Not durchgehen, weil er es womöglich und natürlich zu Unrecht für ein Kavaliersdelikt hält, und ein Kavalier ist er doch, der Gutti, oder? Wenn er aber uns alle dreist belügt und ihm das nachgewiesen wird, dann wird die Stimmung umschlagen, und es wird “Bild” sein, die damit beginnt, ihn dann aber auch gründlich nieder zu machen. Und sowohl “Bild” als auch Stammtisch werden es dann ja schon immer gewusst haben, dass der Freiherr ein ganz ausgebuffter Schlawiner ist, dem man nicht über den Weg trauen darf und von dem man ganz sicher keinen Gebrauchtwagen kaufen würde……

     
  6. Jörg am 21.02.2011 um 10:12 Uhr 

    Das Schummeln und Lügen des Kriegsministers beschränkt sich ja nicht auf die Doktorarbeit!
    1.) Osama Bin Laden habe 911 verursacht und deswegen töten, verwunden und foltern die Bundeswehrsoldaten des Kriegsministers in Afghanistan. Nein, gelogen! Noch nicht mal das FBI sucht Osama wegen 911.
    2.) Osama lebe noch. Nein, gelogen!
    3.) Der moslemische Terrorismus stelle die größte Gefahr dar: Nein, gelogen. Einen moslemischen Terrorismus gib es praktisch gar nicht. Fast alle Sprengstoffanschläge stammen von christlichen Soldaten. Diese sind auch in moslemische Länder eingefallen – nicht umgekehrt.

    Und das Schummeln und Lügen beschränkt sich ja auch nicht auf den Kriegsminister!
    4.) Die LINKE behauptet, sie sei gegen den Krieg. Hat sie aber nur einmal diese alberne Lüge mit Osama und 911 angegriffen? Nein nie: Total verlogen.
    5.) Wir hätten einen Wirtschaftsaufschwung: Nein, gelogen!
    6.) Die Arbeitslosen werden weniger: Nein, gelogen!
    7.) Wir mußten Griechenland mit Milliarden € retten: Nein, gelogen! Nur die Griechenland-Verluste deutscher Banken sollte verhindert werden, mit den Griechen hatte das nichts zu tun.
    8.) Neueste Lüge in Hamburg: Angeblich hatte Scholz das Wahlrezept und er habe Wähler “mobilisiert”. Nein, gelogen! Hamburg hatte bei der gestrigen Wahl die geringste Wahlbeteiligung seit 1946! Nix Mobilisierung!

     
  7. pyramid am 21.02.2011 um 12:03 Uhr 

    Er nennt sich also nicht mehr Doktor.
    Nicht so schlimm.
    Ab sofort ist er
    Ordensritter zu Guttenberg! Klingt doch viel besser.
    Den Titel bekommt er für seine GERADLINIGKEIT.
    LOL

    http://www.aachen.de/de/stadt_buerger/aachen_profil/preise_auszeichnungen/wider_den_tierischen_ernst/index.html

     
  8. roc am 21.02.2011 um 14:42 Uhr 

    @jörg……..es wird noch besser,Jörg !

    Hier kommt jetzt Zündstoff und ein “grauenhafter” Gedanke nach einem Jahrzehnt der Recherche :

    Die gesamte 911-Kiste war ein Medien-Hoax !
    Die Planes- die Atta-Story-Bush/Cheney-die “Helden”–Alles !

    Fakten….guckst Du………..
    http://wheredidthetowersgo.com

    Da wäre unser Lügenbaron Gutti absolut Peamuts dagegen.

    So betrachtet würde auch unser geschätzter Blogchef ein Jubiläumsbuch schreiben,in dem er als “Don Quixote de la Mancha” gegen Windmühlen kämpft. Er würde einem Aufkärer in einem David Copperfield-Trick gleichen.
    http://www.davidcopperfield.com

    Der Aufklärer weiß nicht, dass er nicht die Realität, sondern nur einen Zaubertrick aufklärt und er zugleich selbst Bestandteil dieses Tricks ist…..schon irre witzig,… wenn nicht das Geschehen mit realen Opfern so tragisch wäre.

    Alle 911-Truther decken im Laufe der Zeit genau das auf, was sie auch aufdecken sollen….nur nicht die “Maya”

    “The best way to control the opposition is to lead it ourselves.” -Wladimir Iljitsch Uljanow-Kampfname: Lenin

     
  9. Marco M. am 22.02.2011 um 09:26 Uhr 

    Zwei Dinge stoßen mir bei der Plagiatsaffäre sehr auf: Zum einen, wie milde der Mainstream mit Guttenberg umgeht – ob er wohl so auch bei einem Dr. Gregor Gysi handelte? –, zum anderen die immer wieder zu hörende Floskel, es seien Fehler passiert und man entschuldige sich dafür.

    Der Kabarettist Urban Priol meinte einmal über die CDU-Spendenaffäre und Manfred Kanthers Aussage, er beende die Treibjagd, indem er zurücktrete: “Heh, seit wann kann die Sau aus dem Unterholz kommen und die Treibjagd für beendet erklären!?”

    Ähnlich verhält es sich damit, daß Politiker SICH ständig entschuldigen. Man kann sich selbst nicht entschuld(ig)en – man kan lediglich darum bitten!

     
  10. Rheinbogen am 22.02.2011 um 14:50 Uhr 

    @ Marco M.:

    Ich habe sogar von einem Journalisten des SWR den Satz gehört, gegen Guttenberg werde eine “beispiellose” Kampagne gefahren, “nie dagewesen” oder wie auch immer. Das sagt wohl alles. Dieser “Hauptstadtkorrespondent” (Frank Wahlig) hat allerdings heute geschwiegen, ein anderer “Hauptstadtkorrespondent” des selben Senders musste berichten. Fragt sich, ob Wahlig seine eigenen Worte (er ließ vor ein paar Tagen auch einen unsäglichen Kommentar ab, in dem er den Minister brutalstmöglich in Schutz nahm) inzwischen peinlich sind, hat doch Guttenberg nach dessen eigenen Worten seine Dissertation am Wochenende nochmal überflogen (ich fürchte, er hat sie zum ersten Mal gelesen…) und dabei doch tatsächlich “gravierende Fehler” entdeckt.

    Der Spiegel wiederum schreibt heute vom “großen Mea Culpa” (vergleiche dazu, wie Bröckers sich ein Mea Culpa vorgestellt hätte, das den Namen auch verdient) und vom “furiosen Auftritt” Guttenbergs, obwohl der inzwischen eine nicht mehr zu überbietenden Posse abliefert. Dümmer als der Minister, der erst empört, dann beleidigt, jetzt hochmütig (nach dem Motto: was sind schon so ein paar Fehler im Vergleich zu meiner großen Aufgabe) reagiert und die Medien von Bild bis Spiegel sind offenbar nur noch die Wähler, die in ihm immer noch einen tollen Mann sehen. Dabei hat er sich jetzt bereits mindestens beim Betrug in Sachen Doktorarbeit und beim Belügen der Öffentlichkeit erwischen lassen, und zwar in beiden Fällen auf die peinlichste Weise, und es steht noch einiges mehr aus.

    Äußerst bemerkenswert auch die Tatsache, dass sich aus den Reihen der Union bisher keiner, nicht ein einziger gemeldet hat, der Guttenberg einen Rückzieher aus Lügen und Amt nahelegen und ihn vor weiterem Schaden zu bewahren versuchten würde. Offenbar ist ihnen allen der “politische Hoffnungsträger”, der “deutsche Obama”, der “kommende Kanzler” wichtiger als jede noch so grandiose Peinlichkeit und die Möglichkeit, dass der Mensch Guttenberg am Ende daran zerbrechen könnte. Aber daran wäre dann natürlich die böse Opposition schuld, klar. Das ist alles so erbärmlich!

     

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