Das Internet ist (nicht) kaputt

12.01.14 17:26-Bildschirmkopie-2“Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe”, schreibt Sascha Lobo in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. “Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben das alles geändert. Das Internet ist kaputt.” Auch wenn  der Titel seines Artikels – “Die digitale Kränkung des Menschen” – vielleicht ein wenig dick aufgetragen ist, für einen wie Sascha Lobo, der mit Haut und Irokesenhaar den Netzaktivismus propagierte, mag die von Edward Snowden verursachte Desillusionierung tatsächlich einer schweren Kränkung gleichkommen. Andere, denen Computer und Netzwerke als militärische Erfindungen seit je und per se suspekt waren, fühlen sich von den NSA-Enthüllungen nicht gekränkt, sondern bestätigt – und wieder andere, die wie Jaron Lanier als “Hippie-Hacker” den aus Pentagon-Budgets finanzierten Technologien zivile, emanzipatorische Nutzungen abzuluchsen versuchten, warnen ebenfalls schon länger vor einem “kybernetischen Totalitarismus”.

Was ist passiert, dass globale Cyberspace-Propheten wie Lanier und heimische Web-Evangelisten wie Lobo von ihrer frohen Botschaft lossagen ? Als ich 1990 in San Francisco die “Cyberthon”-Konferenz besuchte und die Gelegenheit hatte, bei Jaron Lanier Datenbrillen und Datenhandschuhe auszuprobieren und in eine der ersten computergenerierten “virtuellen Realität” zu surfen, schrieb ich zwei Berichte über diese neue Technologien und die Philosophie ihrer Propagandisten. (The Electric Kool Aid Cyber Test und Digital Magic ) Bei aller Euphorie, die meinen Berichten über die Perspektiven der Vernetzung und der virtiuellen Realität anhaftete, gaben sie am Ende auch die Ambivalenz dieser Utopie zu bedenken:

Das Medium, mit dem wir uns zu Tode amüsieren können, ist auch ein unübertreffliches Werkzeug persönlicher Befreiung – diese Lektion gilt für das “medium to end all media” – die virtuelle Realität – in exponentiellem Maß. Repressiv eingesetzt führt sie geradewegs in die technologische Hölle, als individuelles Kommunikationswerkzeug dagegen kann sie Mauern zum Einsturz bringen: die Mauern der Wahrnehmung. Und damit nicht nur ungeahnte Reisefreiheiten eröffnen, sondern auch eine Pression beseitigen, die für das tödliche Beschleunigungsrennen der Moderne, welches Paul Virilio diagnostiziert, im Kern verantwortlich ist. Vielleicht kommt dieser Affe, der seit 5.000 Jahren Technologie ausspuckt, um die Trägheit seines Körpers abzulegen, erst zur Ruhe, wenn er sitzen bleiben kann – und gleichzeitig in Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist. Dann, so die Vision der Cybernautik, könnte aus dem Affen doch noch ein Engel werden.

Fast ein Vierteljahrundert später ist zu konstatieren, dass der “Affe” dann doch noch weitaus die Überhand behalten hat und die avisierte Emanzipation und Selbstbestimmung weniger im Paradies als in der Hölle freiwilliger digitaler Knechtschaft zu landen droht. Dem Schlußseufzer in Sacha Lobos Artikel  (“Das Internet ist kaputt, die Idee digitaler Vernetzung ist es nicht”) und der Titel von Jaron Laniers  jüngstem Buch : “Wem gehört die Zukunft ? – Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, du bist ihr Produkt.” deuten an, dass ein Ausweg as dem Dilemma nicht einfach zu finden sein wird – aber Jaron hat dazu schon einige vernünftige Ideen

Tritt man einen Schritt zurück um eine breitere historische Perspektive zu gewinnen, war der Krieg schon immer der Vater aller Dinge und noch jede technische Innovation zuerst in der Hand des Militärs. Und wenn man dem pointierten Diktum des Medienhistorikers Friedrich Kittler folgt ist die gesamte Unterhaltungsindustrie nichts anderes als ein “Mißbrauch von Heeresgerät”. Kultur wäre demnach durch den permanenten Versuch des zivilen Bürgers, den militärischen Gorillas ihre für  Krieg, Observation, Kontrolle und Repression eingesetzten Gerätschaften zum Zwecke emanzipatorischer und demokratischer Nutzung zu entwenden. Das ist in Sachen elektronischer Kommunikation auch durchaus gelungen: auf das Telefon und auf Email will heute kaum noch jemand verzichten, ebensowenig wie auf Informationen aus dem Internet. Dass er als Nutzer dieser Einrichtungen von vorn bis hinten ausgespäht wird zeigt, dass die zivile Entwendung offensichtlich noch nicht weit genug gegangen ist: die Militär,-und Konzerngorillas sitzen nach wie vor an den Kontrollhebeln. Der Kampf geht weiter…

12 Comments

  1. Das mit dem Internet ist wie mit dem Geld: Welche Beziehung entwickle ich zu diesem Objekt?
    Abhängig bin ich eh schon von beidem.

     
  2. Das Internet ist nicht zufällig “entdeckt” worden. Es war eine gezielte Entwicklung. Beim TV und Funk hatte man immer das Problem mit der gezielten Kontrolle. Beim Telefon war das schon etwas besser. Aber auch da konnte man nur jemanden gezielt abzuhören. Da kam jemand auf die Idee, beide Medien miteinander zu verbinden und es den Menschen schmackhaft zu machen. So ist das Internet entstanden. Die Idee der Überwachung ist die Grundlage des Internets und nicht ein Nebeneffekt. Mobilfunk ist nur ein weiterer Faktor, wo neben statischen Informationen über Vorlieben von Millionen auch noch dynamische Informationen über deren Mobilität dazugekommen sind. Alles wird gespeichert. Über jeden Menschen wird heute eine Datenbank geführt, die bei Bedarf abgefragt werden kann. Und das ist nur der Anfang. Die Zukunft unserer Kinder wird durch unseres heutiges Online Verhalten bestimmt.

     
  3. Der Medienhistorikers Friedrich Kittler sagt, daß die gesamte Unterhaltungsindustrie nichts anderes als ein “Mißbrauch von Heeresgerät” sei.

    Das bezweifle ich in einer Welt, wo die NSA in der “World of Warcraft” Terroristen sucht, währenddessen “Spielefirmen” mit Titeln wie “Call of Duty” (in Zusammenarbeit mit dem Militär) und anderen Ballerorgien Millionen scheffeln. Viele Kinder/Jugendlichen haben schon bis zum 18. Lebensjahr zehntausende realistisch aussehende virtuelle Menschen getötet und das baut ganz im Sinn der Militärindustrie Hemmschwellen ab – im Erwachsenenalter werden dann Drohnen per Joystick geflogen.

    Vielleicht ist der 3. Weltkrieg schon am laufen und es ist ein hauptsächlich auf Informationen (Wirtschaftsspionage etc.) aufgebauter Krieg. Preiswerter und nicht ganz so tödlich, aber genauso zerstörend für bestimmte Länder und deren Bevölkerungen.

    Zwischen Mißbrauch und absichtlicher Errichtung einer vom Militär installierten Überwachungsstechnologie gibt es eine große Grauzone.

    PS: Ich komme aus der Zeit, wo die Nutzung von Modems noch streng verboten – hatte wohl einen Grund…

     
  4. die DNA wird massiv überschätzt. Erstens kann sie nicht der Träger der genetischen Information sein, weil die Informationsdichte dort nicht ausreicht, um die Vielfalt der Zellenarten abzudecken. Zweitens kann man die DNA gar nicht so zuverlässig vergleichen, wie man es uns ständig erzählt. Die DNA eines Chimpansen ist mit der unseren zu 98% gleich. Wie will man da zwei Menschen auseinanderhalten? Der genetische Fingerabdrucktest arbeitet stets mit Wahrscheinlichkeiten. Als das “erfunden” wurde, in den 80-ern, gab es die Forderung, die Zuverlässigkeit des Verfahrens zu testen, in dem 1000 Blutproben geteilt und dann wieder zugeordnet werden sollen. Das wurde nicht gemacht. Es gibt keinen anderen Nachweis der Zuverlässigkeit bis heute. Heute werden in den USA gelegentlich harmlose Langzeithäftlinge großzügig in die Freiheit entlassen mit der Begründung, daß ein DNA-Test ihre Unschuld bewiesen hat. Frischen Häftlingen wird dieser Möglichkeit aber verwehrt. Das hat System.

     
  5. @Stefan Miller am 14.01.2014 um 08:52 Uhr
    “die DNA wird massiv überschätzt”….kann schon sein.
    Trotzdem sind google und Co scharf drauf
    http://www.batterypark.tv/lawyers/google-wants-your-dna-now.html

    Das Internet ist nicht kaputt…es kommt als Mißbrauch von Heeresgerät das “Internet der Dinge” und vernetzt DNA mit Kühlschränken-Girl-Dating und der NSA-Cloud.

    Nach 1-2 Finanzkrisen wird dann die Uhr auf den 20./21. Juni 1948 zurückgestellt….Jeder kriegt 100 Digi-Mark, der Rest ist bei den “Anderen”…
    und diese Kohle darf der Bürger-Zombie dann im Zuge “Ziviler Entwendung” im Internet der Dinge unterbringen.
    http://www.youtube.com/watch?v=lK_cdkpazjI

    Damit auch alles seine Ordnung hat und keiner aus der Reihe tanzt gibt es noch reichlich Covert-Technik im Archiv für diejenigen die Emanzipation und Selbstbestimmung neuen Typs nicht so ganz Ernst nehmen
    http://www.bibliotecapleyades.net/scalar_tech/esp_scalartech12.htm
    Das ist NEGATIV für uns Heutige
    Kinder-Kindeskinder werden’s eventuell OK finden

     
  6. @Stefan Miller: Ist zwar recht off-topic, aber was soll’s: Die Zuverlässigkeit von DNA-Tests hängt davon ab, wie sauber und solide bei den einzelnen Schritten gearbeitet wird. Da erinnere ich nur an den Fall der mysteriösen Frau, deren Spuren bundesweit an vielen Tatorten gefunden wurden. Später konnten diese Spuren einer Angestellten zugeordnet werden, die die zur Spurensicherung verwendeten Wattestäbchen kontaminiert hatte. Ansonsten sind die Techniken des “genetischen Fingerabdruckes” ziemlich ausgereift. Natürlich wird nicht das gesamte Erbgut des Menschen sequenziert, sondern es wird nach bestimmten Techniken vorgegangen, wie der Analyse der sogenannten “short tandem repeats” oder ausgewählter Marker im Y-Chromosom oder der mitochondrialen DNA.
    Was die Zuverlässigkeit betrifft, so ist auch jedem Molekularbiologen bewußt, daß sie nicht bei 100% liegt, aber sie ist hoch genug, um den genetischen Fingerabdruck nicht nur in der Kriminalistik, sondern auch vielen anderen Gebiet sicher einsetzen zu können, seien es Vaterschaftstest, der Erforschung von Krankheitserreger, der Lebensmittelprüfung und nicht zuletzt in der Erforschung der Evolution der verschiedensten Tier- und Pflanzengruppen, inklusive uns Menschen.
    Na ja, und ich hoffe mal, die Behauptung, die DNA könne gar nicht Träger der genetischen Information sein, war satirisch gemeint, ansonsten würden Sie sich selbst aus dem Kreis der ernstzunehmenden Diskutanten schießen.

     
  7. @Blaubeere: es sind Meldungen wie diese, die die Glaubwürdigkeit des Verfahrens erhöhen sollen, aber einen offiziellen Test des Verfahrens gab es niemals und es wäre ein leichtes es zu testen. Wie gesagt, die 1000 Blutproben teilen und dann wieder zuordnen, dürfte nicht so viel kosten. Tut man aber nicht. Alles wird immer nur behauptet und da alle mitmachen, schwer zu entlarven. Auch Fingerabdrücke sind sehr unzuverlässig, aber dank Medien, vielen Romanen und Krimi-Filmen glauben alle, das wäre genau. Wer die Wahrheit wissen will, der muß zwischen den Zeilen lesen lernen. In den USA werden dank DNA immer nur manche harmlose Haftlinge entlassen, die einst aufgrund von Indizien verurteilt wurden und die sowieso schon gebrochen sind. Da spielt es keine Rolle, ob der schuldig war oder nicht. Wenn er keine Gefahr darstellt, wird er entlassen mit dem Hinweis auf DNA. Das spart übrigens auch imense Kosten der Altenpflege. Wenn aber frisch jemand aufgrund von Indizien zur einer Langzeitstrafe verurteilt wird, dann wird kein DNA-Test zugelassen. Interesiert niemanden. Das System braucht nämlich frische Haftlinge. Das ist eine blühende Industrie dort. Gefängnisse trifft man dort unterwegs etwa so häufig wie bei uns McDonalds Filialen. Echt verrückt. Informieren Sie sich auch, wie der genetische Fingerabdruck gemacht wird. Das ist Kaffeesatzleserei vom feinsten. Und niemals wird so ein Test objektiv gemacht, sondern der Tester bekommt IMMER Hintergrundinformationen. Genauso wie bei Altersbestimmung in der Archeologie übrigens. Das sind alles sehr wackelige Kartenhäuser.

     
  8. Warum sitzen die Gorillas an den Schalthebeln? Weil wir es zulassen. Und warum lassen wir es zu? Weil wir uns blenden lassen.
    Solange das Internet nur eine weitere Vertuschung der ungerechten Verteilungsschlüssel ist, wird das immer so bleiben. Die Machtverhältnisse werden auch in der Virtualität dieselben bleiben, wenn nicht Inhalt eine größere Bedeutung als teures Blendwerk bekommt.
    Die Entwicklung in der Filmindustrie ist ein gutes Beispiel dafür, dass immer weniger Inhalt mit immer größerem, teurerem technischem Aufwand verkauft wird. So wie Like-, Facebook-, Twitterkampagnen – das kostet.
    Die Ideen zu den Filmen werden gestohlen und verstümmelt – wichtige Gedanken werden unkenntlich.
    Insofern hat Lanier recht: nur identifizierbare Personalities, die mit ihrem Werk eins sind, stehen für vollständige, ursprüngliche Gedanken.
    Nicht nur “Piraten” klauen, die Unterhaltungsindustrie betreibt Diebstahl seit jeher in großem Stil und erhält so ihre Macht.
    Solange sich Konsumenten von teurer Fassade blenden lassen wird sich nichts ändern, die Technik mit der dies geschieht ist zweitrangig.

     
  9. @ Hans am 16.01.2014 um 04:28 Uhr

    Das ist wahr.

    Alles – d.h. alles, was sie kriegen können – verleiben “die Gorillas” (das ist schön gesagt) der großen Hirnf*ck-Maschine ein, die sie zusammen mit ihren Püppchen im Polit-Getriebe betreiben – und diese lassen den mafiosen Lausepelzen dafür eine staatliche Uniform schneidern und eine Generalvollmacht zur Durchführung ihrer Gesellschaftspolitik ausstellen.
    Das alte Lied: Eine Hand wäscht die andere, und beide zusammen das Gesicht.

    Auf der anderen, der unteren Seite des Bildes – bzw. des heraldischen Schildes der globalen “Informationsgesellschaft”, das dabei kreiert und in alter Technik als ein gottgegebenes, diesmal sogar virtuell gehaltenes und unsichtbares lanciert wird – steht “der Konsument” … dieser äusserst aufwendig konzertierten Entmündigung/Bevormundungs-Behumsung.

    Er, den die Püppchen “die Menschen” nennen und die Gorillas den Idioten, ist dabei selbst auf den Stellenwert eines Verbrauchsmittels … für diese … degradiert.

    *quenelle*
    -p-

     

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