2
Sep, 2014

Ansichten eines Putinverstehers

categories Uncategorized    

wsdg-coverAuf den Nachdenkseiten ist heute der folgende Artikel erschienen:

 

Das Bekenntnis ein „Putinversteher“ zu sein, scheint eine zweischneidige Sache. Dass „Verstehen“ nicht „Zustimmung“ heißt und ein „Versteher“ nicht dasselbe ist wie ein „Verehrer“ – diese semantische Eindeutigkeit ist möglicherweise nicht so selbstverständlich wie sie sein sollte. Zumal „Putinversteher“ seit der Eskalation der Ukraine-Krise als Denunziationsvokabel für jeden gebraucht wurde, der die Verantwortung für den Bürgerkrieg nicht allein Russland zuschreiben wollte. Wir, der Westen, sind immer die Guten, weil wir „Freiheit“, „Demokratie“ und „Menschenrechte“ auf unsere Fahnen schreiben, wenn wir imperiale Kriege führen. Wir sind auch immer unschuldig, wenn wir dabei Länder besetzen, Staaten zerstören, Zivilisten ermorden, Menschen foltern usw. – das sind „Kollateralschäden“, die wir zwar anrichten aber nie beabsichtigen. Das tun nur die Bösen, Leute wie Putin, die aus reiner Machtgier handeln, wenn sie etwa Zivilflugzeuge vom Himmel holen ohne einen Schuss abzugeben, aber es ist klar, dass sie es waren. Weil sie die Bösen sind.

Dem Publikum einen solchen Schwarz-Weiß-Film, ein Blame Game auf Kindergartenniveau vorzuführen und es als Realität zu verkaufen, das ist die grundlegende Manipulation, der wir derzeit durch die großen Medien ausgesetzt sind. Und die auch dafür sorgte, dass die Suche nach einem etwas differenzierteren Verständnis denunziert und Russland,- oder Putinversteher zum Schimpfwort wurde. Wo jedoch nicht mehr analysiert werden darf, da herrscht Ideologie, wo Verstehen verboten wird, regieren Glaubensbekenntnisse. Und da sollte niemand mitmachen, der noch bei Verstand ist.

Es scheint aber indessen, dass sehr viele Bürger noch über genügend gesunden Menschenverstand verfügen und spüren, dass sie mit diesem Schwarz-Weiß-Film über einen stets das Gute wollenden Westen, der hilflos dem aggressiven Mega-Schurken Osama Bin Putin ausgesetzt ist, über den Tisch gezogen werden. Selten klafften öffentliche und veröffentlichte Meinung in Deutschland weiter auseinander wie im Zusammenhang dieses Konflikts. Dass sich die Leitartikler und Redakteure der Großmedien noch wundern, auf wie viel Unglauben (und Leserproteste) sie mit ihrer Inszenierung des Kreml als wiedergeborenen Hort des Bösen stoßen, ist allerdings verwunderlich, denn schon ein kurzer ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie sich die NATO in den letzten 20 Jahren ausgebreitet hat.

Wer dann noch einen Blick auf das geopolitische Schachbrett wirft – und auf die Pentagon-Strategie einer nuklearen Erstschlagsdrohung sobald Russland mit einer Raketenabwehr umstellt ist und nicht mehr antworten kann – sollte verstehen, warum die zweitgrößte Nuklearmacht der Erde kein Interesse daran haben kann, dass NATO-Raketen nun direkt vor ihrer Haustür aufgestellt werden sollen. Und warum es im Sinne des Friedens und der Zusammenarbeit in Europa äußerst wünschenswert wäre, wenn eine neutrale, blockfreie Ukraine künftig als Brückenkopf zwischen Europa und Asien fungieren könnte. Wünschenswert sowohl für das Land selbst, das in den kaum mehr als zwei Jahrzehnten seines Bestehens noch nicht zu einer nationalen Identität gefunden hat, als auch für seine Nachbarn in Russland und in Europa. Warum taucht eine solche Rolle der Ukraine, die ihre multi-ethnischen Provinzen unter einem föderalen Dach vereinigt und Wirtschaftsbeziehungen sowohl nach Osten als auch nach Westen aufbaut, bisher weder als Option noch als Zielvorstellung am politischen Horizont auf ? Spätestens die Beantwortung dieser Frage entlarvt den Schwarz-Weiß-Film, den unsere Medien von diesem Konflikt zeichnen, als Farce. Denn verantwortlich für die Tatsache, dass die Ukraine statt zu einem neutralen Brückenstaat zu einem neuen Fronstaat im Kalten Krieg gemacht und in einen blutigen Bürgerkrieg verwickelt wurde, sind weniger Russland und Putin – die mit einer solchen Lösung sehr gut hätte leben können – sondern in erster Linie die USA, die NATO und ihr ziviler Arm, die EU. Diese Einschätzung stammt übrigens nicht von einer Putin-Fanseite, sondern aus einer aktuellen Analyse in „Foreign Affairs“ (John Mearsheimer: Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault), einem Organ des „Council on Foreign Relations“, dem sich nur schwerlich Russophilie nachsagen lässt. Sehr wohl aber die Kenntnis des kleinen Einmaleins der Geopolitik und einen realistischen Blick auf die Lage. Denn es war nicht Russland, das gegen die Absprachen der 2+4 Verträge seinen militärischen Einflussbereich ausdehnte, es waren die USA und die NATO; es war nicht Russland, das mit seinem Angebot einer Zoll,-und Handelsunion der Ukraine die Pistole auf die Brust setzte, es war die EU, die mit ihrem Entweder/Oder-Angebot den Konflikt anheizte und die Regierung in Kiew zwang, mit der wirtschaftlichen EU-Assoziation auch die militärische Präsenz der NATO zu schlucken. Es war auch nicht Russland, das die berechtigten Bürgerproteste gegen eine korrupte Regierung als Trittbrett für einen gewaltsamen Putsch in Kiew nutzte. Wer die Scharfschützen auf dem Maidan beauftragte, deren massenhafter Mord der Auslöser für den Umsturz war, ist bis heute unaufgeklärt, ebenso wer die Schüsse auf den malaysischen Flug MH-17 abgab. Für beides wurde Putin umgehend und lautstark beschuldigt, wobei irgendein Beleg dafür niemals aufgetaucht ist. Stattdessen werden die Aufzeichnungen der Voice-Recorder, der ukrainischen Flugüberwachung und die Satellitenbilder der USA bis heute unter Verschluss gehalten. Für diese Nicht-Ermittlung und Nicht-Aufklärung lässt sich keine andere Begründung finden, als dass sie der Vertuschung dienen – und das Schweigen der großen Medien über diesen Skandal zeigt einmal mehr, dass sie nach wie vor auf ihrer Schwarz-Weiß-Malerei beharren. Und statt der Forderung, die Verantwortlichen für den Tod hunderter Menschen endlich zu ermitteln, lieber eine russische Lastwagenkolonne mit Babynahrung und Decken hysterisch zur „militärischen Invasion“ hochschreiben. Insofern scheint der Vorwurf mehr als berechtigt, dass sich die Medien von ihrem Auftrag möglichst neutraler, objektiver Information verabschiedet und zur Konflikt,- und Kriegspartei geworden sind.

„Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen,“ notierte der Wiener Schriftsteller Karl Kraus, nachdem auf eine Falschmeldung der deutschen und österreichischen Presse über einen französischen Bombenabwurf auf Nürnberg Ende Juli 1914 unmittelbar die Kriegserklärung an Frankreich erfolgt war. Dieser fingierte Bericht war für ihn die Urlüge und das Paradebeispiel für die Manipulation der Massen in Kriegszeiten, die Kraus dazu führte, „den Journalismus und die intellektuelle Korruption, die von ihm ausgeht, mit ganzer Seelenkraft zu verabscheuen.“

Die Art und Weise, wie der Journalismus, auch der sogenannten „Qualitätspresse“, den Konflikt in der Ukraine darstellt, gibt allen Anlass, diesen Abscheu nachzuempfinden. Wie aber sollen wir, der Souverän, das Volk, entscheiden, welche Position in diesem Konflikt vernünftig ist, wenn Politik und Medien die Agenda der USA und der NATO und die zugrundeliegende militärische Doktrin des anglo-amerikanischen Imperiums, die globale „Full Spectrum Dominance“, systematisch ausblenden ? Und damit auch die dazu notwendige geopolitische Strategie, den Rohstoffriesen Russland, der über etwa ein Drittel aller planetaren Rohstoffe verfügt, militärisch und ökonomisch unter Kontrolle zu bringen. Nur wenn über diesen amerikanischen Masterplan einer unipolaren Welt gesprochen wird, nur wenn die Interessen des Westens und die Russlands offen auf dem Tisch liegen, kann über Krieg und Frieden in der Ukraine wieder vernünftig gesprochen und erfolgreich verhandelt werden. Und die entscheidende Frage beantwortet werden, ob es wirklich im Interesse Deutschlands und Europas ist, diesem Masterplan weiter zu folgen. Dass der französische und der deutsche Außenminister mit ihren russischen und ukrainischen Kollegen mittlerweile ohne Beisein der USA verhandeln scheint immerhin anzudeuten, dass „Old Europe“ auch seine eigene Interessen vertritt, die nicht deckungsgleich sind mit den geostrategischen Interessen der einzigen Weltmacht. Am Ende unseres heute erscheinenden Buchs heißt es dazu:

„Wandel durch Annäherung“ lautete 1963 die von Egon Bahr geprägte Formel, die eine neue deutsche Ostpolitik einleitete, als Alternative zur alten Politik der Stärke der Versuch des gegenseitigen Verstehens und Verhandelns. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer, der den Erfolg dieser visionären Strategie krönte, ist es höchste Zeit, sich wieder an dieses außenpolitische Erfolgsmodell zu erinnern – zumal mit dem Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht und Russlands zur Rohstoffmacht Nummer eins die Tatsache einer künftigen multipolaren Welt unabweisbar und ein Festhalten an der Doktrin der unipolaren Vorherrschaft der USA damit schlicht irrational ist. Mitten in Europa kommt Deutschland deshalb eine Schlüsselfunktion zu, eine Alternative zu entwickeln, gegen eine neue Politik der Stärke, die keine Perspektive hat – außer der nuklearen Apokalypse eines Dritten Weltkriegs.“

Kommentare

3 Kommentare zu “Ansichten eines Putinverstehers”

  1. urks am 04.09.2014 um 11:55 Uhr 

    Ich habe mir gestern eins der beiden Bücher gekauft die die Buchhandlung aufgestellt hatte.

    Broeckers & Schreyer scheinen eine gute Symbiose zu sein. Das Werk liest sich gut flüssig. Besser als Broeckers Kennedy-Mord-Analyse wo er anscheinend bemüht war zuviel Information in einzelne Sätze packen.

     
  2. Berndchen am 05.09.2014 um 21:22 Uhr 

    Junge Welt hat den Co-Autor Paul Schreyer zum Buch befragt:

    http://www.jungewelt.de

    (Ausgabe vom 6. Sept. 2014)

     
  3. Berndchen am 05.09.2014 um 21:35 Uhr 

    GMX.net-News (ein alles übertreffendes unsägliches Hetz-“Nachrichtenportal”, für das der Pressekodex nicht zu gelten scheint und das seine Kommentarfunktion pünktlich zum Beginn der Ukraine-Krise geschlossen hatte), stimmte seine Leser heute auf die Nichtaufklärung von MH17 ein:

    “05.09.2014, 18:32 Uhr

    Flug MH17: Wann wird das Rätsel um den Absturz gelöst?

    298 Todesopfer, viele offene Fragen: Die über dem Osten der Ukraine abgestürzte Maschine der Malaysia Airlines gibt noch immer Rätsel auf. Am Dienstag soll ein erster Untersuchungsbericht veröffentlicht werden. Kann er die Schuldfrage klären?
    Von Anika Kreller für GMX
    MH17 Die Untersuchung zum Absturz von MH17 ist immer noch nicht abgeschlossen. © imago/ITAR-TASS/imago/ITAR-TASS

    Mitte Juli ereignete sich eines der dramatischsten Unglücke der Luftfahrtgeschichte: Der Malaysia-Airlines-Flug MH17 stürzte auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur plötzlich über dem Osten der Ukraine ab. Alle 298 Passagiere an Bord kamen ums Leben. Vieles deutet darauf hin, dass das Flugzeug abgeschossen wurde. Wie, von wem und ob absichtlich oder aus Versehen – diese zentralen Fragen sind auch sieben Wochen nach dem Absturz noch nicht geklärt.

    Etwas Licht ins Dunkel könnte am 9. September kommen: Dann soll ein erster vorläufiger Untersuchungsbericht veröffentlicht werden. Das teilte die niederländische Untersuchungsbehörde “Dutch Safety Board” (DSB) mit. Die Holländer hatten auf Bitten der Ukraine die Leitung bei der Suche nach der Absturzursache übernommen. Immerhin stammte ein Großteil der Passagiere aus den Niederlanden. An den Ermittlungen sind zehn weitere Länder beteiligt, unter anderem Malaysia, Russland, die USA und Deutschland.
    Kämpfe an der Unglücksstelle erschweren die Ermittlungen

    Russische Soldaten in Ukraine?

    Staatsmedien berichten über Russen, die für Separatisten kämpfen. >

    Der Bericht soll laut DSB die bislang gewonnenen Erkenntnisse über die Ursache und den Ablauf der Ereignisse rund um das Unglück enthalten. Dazu haben die Ermittler verschiedene Quellen wie Flugschreiber, Satellitenbilder und Radarinformationen ausgewertet und die Informationen miteinander verglichen, um ein möglichst akkurates Bild der Geschehnisse zu bekommen.Normalerweise soll so ein vorläufiger Untersuchungsbericht innerhalb von zwei bis vier Wochen nach einem Unglück erscheinen. Im Fall von Flug MH17 hat es doppelt so lange gedauert. Dieser Umstand hat zu wilden Spekulationen und Verschwörungstheorien geführt: Vorwürfe wurden laut, die Holländer hielten die Informationen zurück, weil sie nicht ins Bild der Nato passen würden.

    Tatsächlich dürften andere Gründe eine Rolle gespielt haben, warum nicht eher Informationen an die Öffentlichkeit gegeben wurden: Zum einen wurden die Untersuchungen erschwert, weil die Ermittler aufgrund der anhaltenden Kämpfe und der unsicheren Lage keinen oder nur sehr kurz Zugang zur Unglücksstelle hatten. Zum anderen schreibt eine internationale Richtlinie vor, dass nur Informationen aus dem Flugschreiber veröffentlicht werden dürfen, die relevant für den Absturz sind – sie herauszugeben, bevor die Ursachen geklärt sind, verbietet sich also.
    Der Abschlussbericht wird erst in einem Jahr erwartet

    Die Lage in der Ukraine ist noch immer extrem angespannt. Unter diesen Umständen ist verständlich, wenn die Ermittler auf Nummer sicher gehen wollen, bevor sie Informationen publik machen, die den Konflikt weiter anheizen könnten.

    So oder so: Wer endgültige Antworten von dem Bericht erwartet, wird enttäuscht werden. Die DSB hat in verschiedenen Mitteilungen klargemacht, dass sie die Absturzursache untersucht, warum die Route über das Konfliktgebiet gewählt wurde und wieso die Passagierliste nicht sofort vollständig zur Verfügung stand. Was sie nicht liefern wird, ist ein Kommentar zur Schuldfrage. Bislang schieben die Konfliktparteien die Verantwortung für den vermutlichen Abschuss von der einen zur anderen Seite. Die ukrainische Regierung beschuldigt pro-russische Rebellen, das Flugzeug vom Boden aus mit einer Rakete abgeschossen zu haben. Aus Russland werden Unterstellungen laut, ein ukrainischer Jet habe die Maschine getroffen…
    Nach dem 9. September werden die Untersuchungen weiter gehen – etwa ein Jahr nach dem Absturz soll ein Abschlussbericht erscheinen. Das dauert unter anderem solange, weil weitere Daten ausgewertet werden müssen und der Bericht vor Veröffentlichung zwischen allen beteiligten Ländern abgestimmt werden muss.

    Doch selbst wenn die Ermittler klären können, ob tatsächlich eine Rakete die Ursache für den Absturz war und ob sie aus der Luft oder vom Boden kam – wer dafür verantwortlich war, lässt sich wohl nie mehr abschließend klären.”
    Echt??
    Es ließ und lässt sich wohl nicht für eine antirussischen Kriegsanlasslüge nutzen, soll das wohl heißen…

     

Leave a comment!