Günter Grass und Lord Voldemort

Nachdem ich den Roman “Die Rättin” im Frühjahr 1986 mit scharfen Worten (und guten Argumenten) als “gescheiterten Tierversuch” verrissen hatte, nahm  Günter Grass das wohl ziemlich übel, denn er verweigerte der “taz” fortan Interviews. Ich fand das ziemlich kleinlich, zumal der Großmeister für sein Werk von den Königspudeln  des Feuilletons wie Fritz Raddatz oder Joachim Kaiser gebührend gelobt worden war – da sollte man doch generös aushalten können, von einem  kleinen Kläffer  auch mal angeblafft zu werden. Wie auch immer – als er Jahrzehnte später “mit letzter Tinte” das Großtabu brach, die Gefahr von Israels Atomwaffen anzusprechen, sprang ich ihm nunmehr als kleiner Blogger zur Seite,  nachdem  ein Shitstorm sondergleichen über ihn hereingebrochen war. Mit drei hier erschienen Artikeln unter dem Titel “Günter Grass und Lord Voldemort” . Die Sache war ihm wichtig und ihm dürfte klar gewesen sein, dass er sich damit Ärger einhandelt- dass Grass ihn, um der Sache willen, auf sich nahm ehrt ihn. Denn schon ein Blick auf die Landkarte – den von potentiellen Nuklearstützpunkten umzingelten Iran – zeigt das falsche Spiel des Westens. Als ewiger Mahner ist Günter Grass vielen – auch mir – oft auf den Zeiger gegangen, seine letzte große Mahnung aber war richtig und wichtig.  Deshalb sei als Gegengift zu allen nachrufenden Naserümpfern hier noch einmal daran erinnert.

 

Iran-encircled2-440x363Günter Grass hat in einem Leitartikel-Gedicht die israelischen Atomwaffen als Gefahr für den Weltfrieden angeprangert, und da schrillen umgehend sämtliche Alarmsirenen. Mit den israelischen Atomsprengköpfen verhält  es sich nämlich so wie bei  Harry Potter mit dem,  “dessen Namen nicht genannt werden darf”.  Wie in Hogwart das Aussprechen des Namens “Lord Voldemort”  mit einer “magischen Verfolgungsmarke” belegt ist, die sofort meldet, wenn dieser Name irgendwo fällt, wird im politischen Diskurs sofort Antisemitismus-Alarm ausgelöst sobald die Massenvernichtungswaffen Israels benannt werden – so umgehend und flächendeckend, dass es fast schon magisch anmutet. Der Automatismus des Entrüstungssturms deutet an, dass hier ein Tabu verletzt wurde – und in der Tat, noch die Invektiven, die die Entrüsteten dem “Täter” entgegenschleudern, vermeiden es durch die Bank, das dunkle Geheimnis auch nur beim Namen zu nennen. Als ob Lord Voldemort sie stehenden Fusses mit dem Blitz erschlüge, wenn sie das A-Wort im Zusammenhang mit Israel in den Mund nehmen. Stattdessen beeilen sich alle den Gegenzauber anzuwenden und  sagen – wie auswendig gelernt in der Zauberschule Hogwart – ihren Spruch auf: dass die eigentliche Gefahr für den Weltfrieden  von  den nicht vorhandenen  Atomwaffen des Iran ausgeht.

Wo eine dunkles Geheimnis, dessen Name nicht genannt werden darf, verdrängt und auf ein eingebildetes Konstrukt übertragen wird, spricht der Psychiater von Projektion, einem Abwehrmechanismus, der die inneren Konflikte nach außen, auf andere überträgt. In seiner pathologischen Form wird dieser Projektionswahn Paranoia genannt. In Bezug auf sein Land Israel nennt Gilad Atzmon diesen Befund “Pre-Traumatic-Stress-Disorder” – und nur einem solchen prä-traumatischen Syndrom kann es geschuldet sein, wenn aus der obenstehenden Karte herausgelesen wird, dass das  aggressive und waffenstarrende Mullahregime des Iran (* stehen für potentielle Nuklearstützpunkte) der “Freiheit des Westens” immer hartnäckiger auf die Pelle rückt. Und ohne Frage den Holocaust wiederholt, wenn man ihm nicht sofort Einhalt gebietet.

Eben dies ist aber exakt das Mem, das Mantra, das gebetsmühlenartig durch sämtliche Medien hallt. Dass dieses Mantra mit der Realität wenig zu tun hat, zeigt ein einziger unbefangener Blick auf die Karte – es ist ein Konstrukt, eine Projektion, ein Schattentheater, in dem die Rollen von Angreifer und Verteidiger, Täter und Opfer vertauscht sind. Diesen faulen Zauber entlarvt und die Rollen des von Feinden umzingelten Opfers und des nuklearen Aggressors klargestellt zu haben, ist Grass’ Verdienst – und weil die “magischen Verfolgungsmarken” (“Antisemit”, “Mullah-Verharmloser”, “Holocaust-Leugner”) einem 85-jährigen Großmagier nichts mehr wirklich anhaben können, jaulen  die Schrei,- und Schreibkräfte in Lord Voldemorts Illusionstheater umso heftiger. Sie tappen dabei weiter um den heißen atomaren Brei, “dessen Name nicht genannt werden darf” und werfen dem Nobelpreisträger  “Selbstüberschätzung”, “Eitelkeit”, “Ressentiment” usw. vor  und dass er mit “Klischees” und “Stereotypen” operiere.  Das mag auf das literarische Werk des Autors durchaus zutreffen – und ähnliche Vokabeln habe ich  glaube ich auch selbst verwandt, als ich einst den Roman “Die Rättin” in der taz als “gescheiterten Tierversuch” sezierte  – doch gerade dieses Gedicht hat damit nichts zu tun. Denn es benennt ein Klischee “dessen Name nicht genannt werden darf”, das aber als unausgesprochener Standard der westlichen Doktrin gilt: dass Internationales Recht und Atomwaffensperrverträge für alle Nationen gelten, außer für Israel.

Hätte Günter Grass die nicht vorhandenen Atomwaffen des Irans gegeisselt, und sei es in einem noch so holprigen Leitartikel-Gedicht, das Feuilleton und die Medien hätten den 84-jährigen zu Ostern als “Gewissen der Nation” wieder auferstehen lassen, als notwendigen “Mahner” und weisen “Ratgeber”, der das große Schweigen, die Absenz der Intelektuellen in diesem Land endlich durchbricht und noch mit seiner letzten Tinte für den Weltfrieden kämpft und gegen den “neuen Hitler in Teheran”. Vor allem diese Formulierung des Nobelpreisträgers hätte es den Chefredakteuren und Kommentatoren angetan – endlich einer der “Klartext” redet und gegen das “linke Meinungskartell”, gegen  die ” fundamentalistisch Friedensbewegten” und  alle “Islamversteher” die Stimme hebt. Und die drohende Gefahr eines “neuen Holocaust” deutlich benennt. Keine Frage, der alte Blechtrommler und Zwiebelhäuter wäre gefeiert worden – und dass er so lange verheimlichte, sich 1944/45 der SS angeschlossen zu haben ? Mein Gott, er war 17 und ahnungslos, eine Jugendsünde,  er hat doch nur  ein bißchen gezogen, aber nie inhaliert – daraus nach fast 70 Jahren einen Vorwurf zu konstruieren ist absurd. Zumal bei einem Autor, der mit seinem Leben und Werk wie kaum ein anderer für aufrechten Antifaschismus im Nachkriegsdeutschland steht. Und dafür, dass man gerade als Beteiligter am Völkermord der Nazis  jeden “neuen Holocaust” mit allen Mitteln zu verhindern usw. usf….

Wäre es Grass nur um Publicity gegangen, wie sein Altfeind  Reich-Ranicki  dem “ekelhaften” Gedicht  heute in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” diffamierend unterstellt – mit dem Schlagen der Kriegstrommel gegen Iran wäre der PR-Effekt viel höher gewesen. Statt eines rufmörderischen Tsunamis wäre ein Schwall von Lob und Hudel auf den Poeten niedergegangen. Die “Bild” hätte neben der Serie “Der neue Hitler aus Teheran” sofort die GG-Wochen gestartet und jeden Tag ein Grass-Gedicht gedruckt, um den “größten lebenden Dichter der Deutschen” zu ehren, Broder hätte ihn umgehend im Netzwerk der islamophoben Laptopbomber willkommen geheißen und die Bundesregierung gegen die Kritik aus der Linken verlautbart, dass die Meinungsfreiheit “das höchste Gut der Demokratie” und jeder in Deutschland “gut beraten sei”, die Worte eines “international anerkannten Schriftstellers und Nobelpreisträgers zur Kenntnis und ernst zu nehmen.”

So oder so ähnlich wäre es gelaufen, jede Wette. Und in New York hätte man dem “grand old poet”  noch irgendeinen “Samuel Goldberg-Preis” für Völkerverständigung samt  1 Mio. $ verliehen.  So aber – weil er  auf die Gefahren der vorhandenen Atomwaffen Israels aufmerksam machte, statt auf die imaginierten des Iran – muß sich das antifaschistische, sozialdemokratische Urgestein Günter Grass  auf seine alten Tage weltweit als Antisemit und Holocaust-Verharmloser beschimpfen lassen. Die Reflexhaftigkeit und mediale Flächendeckung des Diffamierungs-Bombardements zeigt, dass das “Meinungskartell” keineswegs ein “linkes” oder “liberales” ist, sondern ein “militaristisch-zionistisches”. Zu verbrecherischen Angriffskriegen “Nein” zu sagen ist in Deutschland und im gesamten Westen mittlerweile verboten, wenn diese Kriege im Interesse Israels sind. Die schief übersetzten Äußerungen eines iranischen Präsidenten zum Popanz eines geplanten Vernichtungskriegs aufzublasen und die konkreten Kriegsdrohungen des israelischen Präsidenten zu ignorieren, die  Bringschuld und Transparenz  der zivilen Atomnutzung  Irans permanent zu fordern und die atomaren Massenvernichtungswaffen Israels dabei keinesfalls erwähnen, diktatorische Apartheid und Rassismus überall und notfalls mit Gewalt zu bekämpfen, aber in Israel darüber hinwegzusehen – all das ist erwünscht und hierzulande Staatsräson.  Wer dagegen verstößt, hat in dieser Republik nichts mehr zu melden und wird mit der Höchststrafe am öffentlichen Pranger bestraft: Judenhasser, Holocaustleugner, Nazi…

Teil 3 hier

4 Comments

  1. Sehr geehrter Herr Bröckers,

    messerscharfer Artikel, gratuliere! Vielleicht zwei Ergänzungen:

    1) Mit den von Angie gelieferten U-Booten ist Israel ausserdem erst- und zweitschlagfähig, und zwar so ziemlich von allen Weltmeeren aus.

    2) James Corbett diskutiert auf seinem Report mit dem niederländischen Professor Tjeerd Andringa die Hypothese, ob wir wohl in einer Kakistokratie (= Herrschaft der Allerschlechtesten) leben. Bei diesem Modellansatz wird einem klar, dass so herum auf jeden Fall auch ein Schuh draus wird: Die Schlechtesten müssen viel kaschieren und tun, um sich dauernd als gut zu verkaufen. Sie müssen genauestens darauf achten, wer in ihre Kreise vorstösst, und sie müssen alles unterbinden, wodurch die Mehrheitsgesellschaft sich ihres Zugriffs entwinden könnte, als da wären Frieden, Bildung, Gerechtigkeit usw. Und in Sachen Neuzugänge ist es doch folgerichtig, dass der Anwärter erst einmal durch einen Initiationsritus hindurch muss. Der wäre dann wie bei der Mafia der Vollzug einer besonders unwürdigen oder gesetzesbrecherischen Tat. Und die ist eben nicht nur als Nachweis zu verstehen, mit dem vollen Programm der Schlechtigkeiten irgendwie auf jeden Fall mithalten zu wollen, sondern sie ist auch Preisgabe (vermeintlich letzter ethischer Standards) und Unterwerfung. Durch sie ist in einer zynischen Rückbezüglichkeit auf exakt die Standards, die da gerade verletzt wurden, aber eben bei der Mehrheitsgesellschaft immer noch vorwiegend anzutreffen sind, die Erpressbarkeit (“Blackmailability”) der Person sichergestellt.

    Auf “kann ich auch mitmachen?” heisst die Antwort “OK, zwei Dinge: Zeig mal, was du draufhast, und wo ist dein Notausknopf?” Wenn du noch keinen hast, müssen wir bei dir einen montieren kommen. Wenn du uns nicht rumfummeln lässt, dann taugst du nicht, weil du dann nicht offen und nicht wirklich loyal genug bist.

    Wenn man in Deutschland die israelischen Atomwaffen anspricht, dann wird die Diskussion immer in Richtung “na und, glaubst du, die würden je eine davon auf die Palästinenser abfeuern? Also, bitte, ja! Die sind ein Rechtsstaat und eine Demokratie.” Diskussion beendet und glänzend umschifft, dass der wahre Kern der ist: “Also wenn du jetzt ernsthaft der Meinung bist, dass Israel keine Atomwaffen – auch für den möglichen Einsatz auf Rom oder München – besitzen dürfte, dann würdest du ja für Verhältnisse plädieren, unter denen die Regierung der Bundesrepublik und vieler anderer Staaten nicht mehr erpressbar ist. Das aber ist der Modus vivendi der israelischen Führung. Selbstverständlich drohen sie längst nicht mehr offen oder dauernd, aber sie könnten drohen und erpressen und haben auch schon Kostproben abgegeben.

    Die Logik dabei ist die: Also wenn das israelische Regime sich zu einem nicht unwesentlich Teil in der Weltöffentlichkeit und im Weltgeschehen dadurch über Waser hält, dass alle andern, einschliesslich der Ziehväter und Geldgeber erpressbar sind, dann muss es wahrscheinlich tatsächlich von den Seiten der Geschichtsbücher verschwinden, sollte es eines Tages um diese Möglichkeit beschnitten sein.

    Wer also Verhältnisse ohne Israels Möglichkeit, Gott und der Welt die Knarre an die Schläfe zu halten, herbeisehnt, der delegetimiert den Staat Israel in seiner jetzigen Erscheinungsform (eine Verfassung hat er ja nicht) und gilt deshalb zurecht als Antisemit. So die Logik. Daher der besondere Wert Grass’ Zeilen, und daher auch der Eifer und die Selbstgewissheit, mit denen Broder und seine Guten gegen Grass zu Felde zogen.

    Frau Merkel und herr Gabriel stehen an Deutschlands Spitze udn kommen ihrem verinnerlichten Auftrag nach, ihre eigene Erpressbarkeit und die ihrer Nachfolger sicherzustellen. Dafür den deutschen Steuerzahler aufkommen zu lassen, macht ihnen keine Probleme. Wenn die Auslieferung eines der U-Boote dadurch hinausgezögert werden kann, dass die israelische Regierung mit der Höhe des gewährten Preisnachlasses noch nicht so ganz zufrieden ist, dann spricht das doch Bände. “Was soll ich da jetzt grossartig alles an dem Spass bezahlen? Gib zu, du willst es doch mindestens genauso!” Warum kann Bibi nicht gleich sagen: “Komm Angie, blas mir einen!” Dann schiene er ja so verderbt, wie er wahrscheinlich mindestens ist.

     
  2. Kurz nachreichen wollte ich noch meinen Fund am Internet

    http://www.welt.de/politik/ausland/article139492567/Hat-Deutschland-Israels-Atomwaffen-finanziert.html

    einen Artikel von Oberst a.D. Hans Rühle dazu, wer eigentlich den Israelis bei der Finanzierung und Geheimhaltung ihres Atomwaffenprogramms an prominenter Stelle geholfen hat. Als deutsche Systemstütze muss so einer ja fast schreiben, die damaligen Verräter und Täter hätten etwas getan, das ihnen auch aus deutscher Sicht nachbetrachtend zur Ehre gereiche. Klar, den Atomwaffennichtverbreitungsvertrag zu unterlaufen, ist eine Kavaliersdelikt, und besondere Situationen verlangen eben besondere Massnahmen.

     

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