17
Sep, 2015

Das Geschäft mit der Angst

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RisenHeute auch auf den Nachdenkseiten erschienen, eine Rezension von  James Risens Report über das Milliardenbusiness des „War On Terror“

Dass der „Krieg gegen Terror“ nicht zu gewinnen ist, weil „Terror“ eine Strategie ist, gegen die „Krieg“ nichts ausrichten kann – zu dieser Einsicht konnte man schon kommen, als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach dem 11. September 2001 ankündigte, dass der „Great War On Terror“, den man begonnen habe, sich über „mehrere Generationen“ hinziehen würde. Vierzehn Jahre, also etwa eine halbe Generation später, lässt sich nun feststellen, dass dieser Krieg nicht nur nichts gegen den Terror ausrichten konnte, sondern im Gegenteil immer mehr und immer neuen Terror produziert. Nicht in den USA, die in Bezug auf heimischen Terrorismus eines der ruhigsten Jahrzehnte überhaupt erlebten – in den 60er und 70er Jahren gab es im Zuge der Bürgerrechts- und Anti-Kriegs-Bewegung deutlich mehr Anschläge als seit 9/11 – sondern überall dort, wo der „War On Terror“ geführt wurde und weiter geführt wird. In Afghanistan, Pakistan, Irak, Libyen, Syrien hat dieser Krieg nicht dazu geführt, dass der Terror besiegt wurde, sondern vielmehr dazu, dass wie jetzt mit dem „Islamischen Staat“ terroristische Milizen ganze Regionen regieren.

Wenn man dem Imperium in Washington nicht die Absicht unterstellen will, die Entstaatlichung ganzer Regionen nach der Strategie „Teile und Herrsche“ bewusst zu betreiben, um dank Krieg und Terror in den Peripherien als globaler Hegemon unangefochten zu bleiben – wenn also dieser „War On Terror“ tatsächlich zur Jagd auf internationale Terroristen gedacht war, dann hätte man bei dieser verheerenden Bilanz spätestens nach der Erledigung des vermeintlichen Ober-Terroristen Osama Bin Laden den Sieg und das Ende dieses Kriegs verkünden können. Das geschah bekanntlich nicht, der Friedensnobelpreisträger Obama hakte weiter an jedem „Terror Tuesday“ auf der Liste die per Drohne (und oft von deutschem Boden via Rammstein) zu erledigenden „Terroristen“ ab und führt den ungewinnbaren Krieg unbeirrt weiter. Wenn es nun aber kaum eine bessere Methode gibt, neue Terroristen und „Feinde der Freiheit“ zu produzieren, als Predator-Raketen auf Hochzeitsgesellschaften zu feuern, wenn es militärisch also überhaupt keinen Sinn macht, auf diese Art den Terrorismus zu bekämpfen, warum wird dieser absurde Krieg nicht beendet?

Eine wenig erfreuliche Antwort auf diese Frage liefert der „New York Times“- Reporter und zweifache Pulitzer-Preisträger James Risen schon mit dem Titel seines neuen Buchs: „Krieg um jeden Preis – Gier, Machtmissbrauch und das Milliardengeschäft mit dem Kampf gegen den Terror“ (Westend Verlag, 312 Seiten, 17,99). In einem rasanten Ritt beschreibt er den Goldrausch, den der am 11. September 2001 begonnene Anti-Terror-Kampf auslöste und ganze Heere von Geschäftemachern an die überquellenden Füllhörner des Pentagon und des neuen Heimatschutz-Ministeriums lockte.

Der Mega-Skandal, den Donald Rumsfeld noch einen Tag vor 9/11 enthüllt hatte und der im Horror der Attacken dann unterging – dass das Verteidigungsministerium für 2.300 Milliarden (!) Dollar seiner Ausgaben keine Quittungen finden konnte – erhält mit Risens Buch in gewisser Weise seine Fortsetzung: „Der gesamte Krieg gegen den Terror hat schätzungsweise vier Billionen Dollar gekostet. Das ist ein enormer Geldtransfer in einen neuen Wirtschaftssektor, die Sicherheitsindustrie.“ Und dieser wirkte wie ein Magnet, nicht nur auf Gauner und Glücksritter, die das Geschäft mit der Angst nutzten, um den Sicherheitsbehörden Millionen aus der Tasche zu ziehen, sondern auch auf große Militärkonzerne wie KBR und Blackwater. So klar es ist, dass die Fälle von Betrug, Verschwendung und Vertuschung, die Risen anekdotisch schildert, nur die Spitze eines Eisbergs darstellen, so deutlich wird auch, wie der Lockruf des großen Etats jede Ethik außer Kraft setzt. Etwa bei den Psychologen, Verhaltenswissenschaftlern und Ärzten, die sich mit neuartigen Foltermethoden bei Militärs und Geheimdiensten andienten – und diese Methoden dann mit ihren privaten Firmen auch anwendeten. Die Drehtüren, in der die neue Sicherheitselite zwischen Staatsapparat, Auftragsfirmen, Denkfabriken und TV-Studios rotiert, sind beängstigend – und werden weiter dafür sorgen, dass Milliarden für „die Sicherheit“ niederregnen, um jeden Preis. Dem pessimistischen Ausblick des Autors kann man sich daher nur anschließen: „Dank des parteiübergreifenden Anstrichs, den er unter Bush und Obama bekommen hat, befindet sich Washingtons globaler Krieg gegen den Terror nunmehr in seinem zweiten Jahrzehnt. Es gibt keine Anzeichen, dass er sich abschwächt; Gauner und Freibeuter schlachten ihn weiter nach Herzenslust aus, und immer mehr unbeabsichtigte Konsequenzen dieses Kriegs türmen sich auf.“

Kommentare

5 Kommentare zu “Das Geschäft mit der Angst”

  1. Stefan am 17.09.2015 um 18:58 Uhr 

    Es mag ja ein empfehlenswertes Buch sein, aber ich verstehe nicht, wie oft denn noch die Feststellung, dass Kapitalismus in der Tendenz böse ist, anhand immer weiterer “überraschender Enthüllungen” als etwas Neues verkauft werden soll.

    Schließlich kann man diese Tatsache bei so unterschiedlichen Leuten nachlesen wie z.B. Karl Marx: „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. […] für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/profit/profit.htm

    Oder kürzer bei Papst Franziskus “Diese Wirtschaft tötet”. http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/diese-wirtschaft-toetet/

    Irgendwann sollte diese Erkenntnis doch mal zu den richtigen Schlüssen führen.

    Was den “global war on terrorism” betrifft, finde ich Folgendes interessant: Im Oktober 2000 gab es bekanntlich einen Anschlag auf den Zerstörer USS Cole in Jemen, der al-Qaida zugeschrieben wurde. Ein Vergeltungsschlag seitens der USA blieb aus.

    Offizielle Begründung: “According to Rice, the decision not to respond militarily to the Cole bombing was President Bush’s. She said he “made clear to us that he did not want to respond to al Qaeda one attack at a time. He told me he was ‘tired of swatting flies.'” The administration instead began work on a new strategy to eliminate al-Qaeda.” Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/USS_Cole_bombing#Consequences

    Man fragt sich nun, ob diese “neue Strategie” dann mit 9/11 zwangsläufig überholt war oder ob ihre Umsetzung genau dort begann.

     
  2. Stefan Miller am 18.09.2015 um 08:22 Uhr 

    ich sage ja schon seit langer Zeit, daß das die einzige Absicht dieser ganzen medialen fakes ist: uns in ständiger Angst zu halten. In Angst vor nuklearer Katastrophe, vor Seuchen, vor den Russen, vor globaler erwärmung, vor globalen Terrorismus, jetzt vor Flüchtlingen. Die Elite ist da sehr kreativ und erfindet immer wieder neue Bedrohungsszenarien. Aber es sind fakes. Es gibt keine Nukes, keine Seuchen, keine Erwärmung, etc. und die Russen spielen da mit und sind nicht unsere Feinde aber auch nicht die Rettung. Die gegenwärtige Berichterstattung zum Thema Flüchtlinge ist da genauso ein fake. Selbstverständlich werden dabei Agenten Provocateure verwendet wie immer, wenn viele Menschen zusammen kommen. Das soll ein Bild vom Bösen Flüchtling aber auch vom Bösen Deutschen erzeugen. Hegelsche Dialekik läßt grüßen. Im Wesentlichen bleiben die Methoden stets die selben und wir fallen immer noch darauf ein. Man braucht sich nur das eigene Empfinden aus dem kalten Krieg ins Gedächtnis zurückholen. Was hat man damals den bösen Russen gefürchtet. analog dazu haben davor alle den bösen deutschen Nazi gefürchtet. Heute fürchten wir uns vor dem muslimischen Terroristen, aber es ist nur ein Spiel mit der Angst nicht mehr. Es gibt nichts zu fürchten außer der Angst an sich.

     
  3. pecas am 18.09.2015 um 18:43 Uhr 

    Stefan, “böse” ist ein moralischer Begriff – ich fürchte tatsächlich, dass er deshalb im Gefilde der herrschenden Skrupellosigkeit nicht wirklich greift, bzw. sang- und klanglos untergeht.

    Es müsste eine einfache kriminologische Definition her, die die in diesem Gefilde so unfreiwillig wie totalitär als saps (US-Mafiasprache für “Trottel”) Eingesülzten langsam einmal wieder wachrüttelt…

    Kapitalismus heisst reich werden – auf anderer Leute Kosten.

     
  4. Stefan Miller am 21.09.2015 um 08:29 Uhr 

    pecas: und “kriminologisch” ist ein juristischer Begriff und greift daher genauso wenig. Kapitalismus ist mit staatlicher Hilfe zu seinem Gegenteil verkerht worden. Ohne freien Markt, ohne ungehinderten wettbewerb gibt es keinen Kapitalismus. Was wir gegenwärtig erleben ist eine Mafia-Welt, in der ein Konglomerat aus Banken, Konzernen, Staaten und Millitär ständig Geld wäscht, in dem Fiat Money durch Interbanking Transaktionen in kleinen Häppchen mittels Privisionen in echtes Giralgeld gewaschen wird und somit dem Steuerzahler entzogen. Das ist kein Kapitalismus im ursprünglichen, Smith-schen Sinne dieses Wortes.

     
  5. pecas am 21.09.2015 um 21:12 Uhr 

    Stefan Miller, da mögen Sie in einigen Punkten ins Schwarze gertoffen haben.
    Allerdings würde ich die Kriminologie – aus genau dem Grund, den Sie angeben – keinesfalls den Juristen alleine überlassen; halte ich diese doch – aus eigenen praktischen Erfahrungen sowie aus rein theoretischen Erwägungen heraus, denen ich zugegebenermaßen etwas atemlos bei Experten auf diesem Gebiet (wie etwa dem verehrten Giorgio Agamben) folge – für die korruptesten Bazis jedweder Gesellschaft.

    Sehr interessant in diesem Zusammenhang finde ich z. B. auch, dass der zunächst wirtschaftswissenschaftlich tätige Autor Guido Giacomo Preparata – nach seinem Mobbing durch die von Ihnen genannten Größen innerhalb der akademischen Gemeinschaft der USA – dann einen Lehrstuhl für Kriminologie (in Kanada) übernommen und, soweit mir bekannt, noch immer inne hat.

    Fehlt es nicht allenthalben schlicht an Weisheit im Getriebe dieser Welt – weil “man” selbjene “nicht brauchen kann”? Ganz sicher! Denn gerade ohne Weisheit regiert nur die nackte Angst (siehe kommentierten Artikel).

    Was hätte Old Adam Smith dazu gesagt?

     

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