Wenn Wahlen etwas ändern würden…

Dass die alten Griechen einst erfanden, was wir heute Demokratie nennen – jeder volljährige Bürger hat eine Stimme, das Staatsvolk trifft mittels freier Wahlen seine am Gemeinwohl orientierten Entscheidungen und die Minderheit beugt sich dem Willen der Mehrheit –  entspricht nur sehr bedingt der historischen Realität. Stimmberechtigt waren in Athen nur die “freien Männer”, die etwa 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachten. Nur auf diese beschränkende Weise konnte man davon ausgehen, dass auch tatsächlich verantwortungsvoll und informiert im Sinne der Gemeinschaft entschieden würde – denn wer keine Ahnung hat, worum es überhaupt geht, wählt ja immer nur seinen persönlichen Vorteil, also das Falsche. Nicht gemeint war daher: Jede/r wählt mit. Dieses Szenario kannten die alten Griechen nur als Alptraum unter dem Begriff „Ochlokratie“ – also „Herrschaft des Pöbels.“

Schon Aristoteles hatte ja die Gefahr kommen sehen, „dass die Armen, weil sie Mehrheit bildeten, das Vermögen der Reichen unter sich aufteilten”, und James Madison, einer der Gründungsväter der ersten Demokratie der Neuzeit unterstrich noch in der Verfassungsversammlung der Vereinigten Staate anno 1787: „Die erste Verantwortung der Regierung ist es, die Minderheit der Reichen vor der Mehrheit zu schützen.“ Darum geht’s und das ist das Problem, denn die Armen sind noch immer in der Mehrheit, die zudem ständig wächst. Doch sie werden so intelligent geleitet, dass bei sogenannten freien Wahlen nur selten irgendetwas schief geht. Unsere Eliten steuern Wirtschaft, Medien, Politik und Geistesleben mit sanfter, unsichtbarer Hand. Mit bewundernswerter Konsequenz und verantwortungsvoller Klarheit ist es ihnen dabei gelungen die Illusion von Mitbestimmung der Massen aufrecht zu erhalten – mittels schlichter Konsumreize und des Schürens von Ängsten, vulgo: Propaganda. Der Vater der modernen Meinungsmanipulation, Edward Bernays,  der Politik schon 1928 ins Stammbuch: „Unsere Demokratie muss von einer intelligenten Minderheit geführt werden, die weiß, wie man die Massen leitet und lenkt.“

Das weiß sie und tut sie und so schwer ist das auch gar nicht, wenn man mal auf die Statistik schaut (wie wir das in “Die ganze Wahrheit über alles” getan haben) : “Um Deutschland mit absoluter Bundestagsmehrheit (50,1%) zu regieren, benötigt man lediglichdie erklärte Zustimmung von 22,5% der Bevölkerung, also 18 Millionen von 82 Millionen Bürgern. Dass ein knappes 1⁄4 der Bürger de facto als absolute Mehrheit gegen den Willen der anderen 3⁄4 alle Entscheidungen treffen kann, relativiert die Aussage, unsere Form der Demokratie sei repräsentativ. Zustande kommt die Schieflage primär dadurch, dass die meisten Bürger gar nicht repräsentiert werden, insbesondere jene, die alle zukunftsweisenden Wahlentscheidungen am allermeisten angehen, nämlich Kinder und Jugendliche. Zu diesen 18 Millionen „nicht Wahlberechtigten“ gesellen sich 18,6 Millionen Nichtwähler (Tendenz zunehmend) sowie knapp 7 Millionen, die für Parteien gestimmt haben, die die 5%-Hürde nicht überspringen. Etwa 54% der Bevölkerung sind also schon bei Ermittlung der Bundestagsmandate nicht mehr repräsentiert. 1/5 der verbleibenden 46% sind über 70 Jahre alt. Mit etwas mehr als  2/5 der verbleibenden 46% erreicht eine Partei die absolute, demokratisch ermittelte Mehrheit, entscheidet also allein mit den Stimmen von saturierten Rentnern und Systemgewinnern über alle relevanten Zukunftsfragen im Alleingang.”

Der alte Spruch “Wenn Wahlen etwas ändern würden wären sie  verboten” ist nicht aus der Luft gegriffen ist und es stellt sich die Frage: Soll man da noch mitmachen ? Die absentistische Parole “Geht nicht wählen! Das ermuntert die doch nur!” hätte ja durchaus was für sich, aber nur wenn alle ihr folgen…. weil sie nicht mehr bereit sind als  willfährige Statisten bei der Aufführung “Repräsentative Dekoratie” mitzuwirken. Ansonsten – siehe Nichtwähler oben – fallen Absentisten einfach unter den Tisch.
So bleibt am Wahltag einmal mehr nur ein Sortiment kleinerer Übel…in vielen trendigen Geschmacksnoten, für AfD-Protestwähler jetzt auch mit der Note „dumpf-deutsch“. Die Grünen, die nach dem Friedensgebot nun dabei sind eine weitere ihrer Wurzeln – den Umwelt,-und Klimaschutz – zu kappen, treten mit starkem Diesel-Odeur an. Die FDP macht auf Hipster-Jungbrunnen für ältere Zahnärzte und die SPD steuert dank eines Spitzenkandidaten mit dem Charisma einer nassen Nudel auf ein neues All-Time Low zu. Aber erst wird noch ein bisschen Valium-Wahlkampf geführt und am Ende gewinnt Merkel und ändern wird sich NICHTS.

Auch als Podcast auf KenFM erschienen

8 Kommentare

  1. Danke für diese angenehm zu lesende “Glosse”, Herr Broeckers. Für mich ist schon länger klar, dass es nach der Wahl so weiter geht. Der von Ihnen treffend beschriebenen (resistenten) Gruppe von Rentnern und Systemgewinnern, sowie medialen Weichspülung, sei Dank! Man kann sich also den kaum spürbaren (Valium-Wahlkampf) sparen.

  2. Na ja, der “Wahlkampf” im Tiefschlafmodus deutet darauf hin, dass Wahlen doch das Potenzial haben, die Elite zu erschüttern. Deshalb möchte man jetzt das Ganze möglichst geräuschlos über die Bühne bringen und so tun als ob nichts wäre, bevor das Wahlvolk aus seiner Dämmerung erwacht, sich über die Arroganz der “Blockparteien” erregt und zu viele Kreuzchen an Stellen macht, die – Zitat A. Merkel – “nicht hilfreich” sind. Ein Blick (nicht nur) ins europäische Ausland zeigt, dass genau dies bereits vielerorts geschieht. Man frage mal Hillary Clinton.

    So gesehen mutiert die alte These von den Wahlen, die nichts ändern können (und die ich auch einst glaubte) inzwischen zu einem PsyOp-Manöver des Establishments, um die Leute von der Urne fernzuhalten…

    1. Man kann mit Wahlen schon etwas ändern – nur nicht zum Besseren.

      Siehe Trump, der inzwischen so schnell und häufig umfällt, als ob er einen SPD-Mitgliedsausweis bekommen hätte…

      Siehe auch den Brexit – der auch von der britischen Geldaristokratie nicht verhindert werden konnte (oder wollte diese ihn gar? Huch! Verschwörung!)

      Auch ich überlege schon die ganze Zeit, wen ich wählen soll…

      …um den *maximal* möglichen Schaden zu erzeugen!

      a) Mutti – die versteht schließlich ihr Handwerk (schleichende Enteignung des Mittelstands, damit die deutschen (Bank)Konzerne nicht völlig pleite machen)?

      b) Die AfD mit ihrem unerfahrenen Führungspersonal? Gerade heute erst wieder einer von seinen Ämtern zurück getreten, als bekannt wurde, dass er Linke massenweise an die Wand stellen wollte. (Welcher Unions-Politiker würde das nicht wollen? Nur sind diese nicht so blöde, dass auch noch in Facebook zu setzen!)

      c) Die “Staatspartei” NPD? Nein, wirklich – wir Steuerzahler haben inzwischen so viel für diese Partei ausgegeben (über das Budget, das der Verfassungsschutz erhält…) – warum sollte man diese Leute nicht endlich mal in die Verantwortung nehmen? ;>)

      d) Oder gar die SPD? Damit sie zumindest die 5-Promille-Hürde schafft?
      Da müsste ich ja besoffen sein!

      Wen gibt’s noch? Die Grünen? Für die bin ich zu arm…

      Die FDP? Für die bin ich zu intelligent. Aber das sind ja gottseidank die Meisten!

      Ich glaube, ich bleibe bei der PARTEI. Diese Partei ist nämlich sehr gut!
      Und sie haben den sympathischten Kançlerkandidaten!

    2. @Stefan
      Ist der Name Ypsilanti noch ein Begriff und alles was damit zusammenhängt (Hessische Landtagswahlen 2008/09)?

      Viel wichtiger als auf mögliche Weltverbesserung von Wahlen (was genau wurde eigentlich besser seit 1949) hinzuweisen, wäre es, darauf hinzuweisen, dass man mit Hilfe seines Geldbeutels wesentlich mehr Macht hat, als mit der Erstellung von zwei Kreuzchen auf einem Stück Papier, vor allem wenn das Millionen Leute machen würden.
      Die Politik ist von einem Sumpf bzw. von relativ reichen Personen abhängig (genauere Erklärungen siehe die Videos von Professor Mausfeld). Und wenn man diesen Sumpf austrocknen will, muss man den richtigen (guten) Leuten das Geld geben. Das würde aber z.B. auch bedeuten: ÖPNV, Carsharing oder Fahrrad statt Auto (Elekroauto ist das gleich nur in elektrisch), nur regionale Produkte statt den neuesten Schrei aus New York, London, Tokio oder Dubai. Bio ist sowieso gesünder als “Normal” (“Soil Fertility Management – To wards Sustainable Farming Systems and Landscapes”, September 2006, https://web.archive.org/web/20120321105258/www.bml.csiro.au/susnetnl/netwl61E.pdf ), vor allem für Kinder (Stichwort z.B.: Brille).

  3. Dirk Müller Tagesausblick vom 30.08.2017
    Wir leben in einer Plutokratie mit demokratischer Fassade

  4. Noch zwei Anmerkungen zum Thema Demokratie und Wahlen:

    1. Vor ein paar Tagen habe ich die Wahlbenachrichtigungskarte für die Bundestagswahl bekommen, verpackt in einem Kuvert. Allerdings weiß ich bis heute nicht wen ich in meinem Wahlkreis überhaupt wählen kann. Ich habe schon jede Menge Wahlwerbungsplakate der großen Parteien mit den Spitzenkandidaten und auch ein paar lokalen Politikfürsten an gut positionierten Stellen am Straßenrand gesehen, aber welche Parteien genau am 24. September in meinem Wahlkreis zur Wahl stehen davon habe ich keine Ahnung. Ich muss hinzufügen, dass ich schon seit Jahren keine Zeitung mehr abboniert habe, erst aus Zeit- dann aus Geldmangel. Auch die lokalen (Werbe)Blätter habe ich in den letzten Wochen nicht mehr gelesen.
    Ist das nicht irgendwie seltsam? Unsere Bundesregierungen hauen zig Milliarden für Banken raus, aber die Information, auf einem einfachen Zettel in nicht so kleiner Schrift mit einer Liste der Kandidaten und ihrer Parteien, für jeden doch so wichtigen Wahlbürger wer denn in seinem Wahlkreis zur (Bundestags)Wahl steht, dafür reicht das Geld nicht mehr? Wobei die Wahl insgesamt glaube ich 100 bis 200 Millionen Euro kosten wird (nur für die Verschickung der Wahlbenachrichtigungen oder sind da auch schon die Erstattungen der Wahlkampfkosten für die Parteien dabei?).
    Es ist anscheinend ziemlich unwichtig ob das Wahlvolk gut informiert ist oder nicht.

    2. Was haben die Morde an Olof Palme, Anna Lindh, Alfred Herrhausen, Hans-Martin Schleyer, Siegfried Buback, Detlev Karsten Rohwedder und Karl-Heinz Beckurts und ihren Begleitern sowie die Ermordungen von JFK, Malcolm X, Robert “Bobby” Kennedy Jr., Martin Luther King, Salvador Allende, Aldo Moro, Anwar as-Sadat, Rafiq al-Hariri und Jitzchak Rabin mit Demokratie zu tun?
    Wenn man genau darüber nachdenkt, kann man meiner Meinung nach zum Schluß kommen, dass diese Ermordungen alle beweisen wie unwichtig Wahlen sind und dass eben ganz andere Dinge für unser aller Leben so wichtig sind.
    Ein Stichwort passend dazu: Tiefer Staat.

  5. Noch ein ganz interessantes kurzes Video zum Thema Wahlkampf (Polit-Granden mit Berlin-Schurnaille beim verordneten Fernseh-Duell-kucken), entdeckt bei den Übermedien(.de):

    Live aus Berlin-Adlershof – Das Duell schöntrinken
    5. September 2017
    http://uebermedien.de/19629/das-duell-schoentrinken/

    Hier als direkter YT-Link:

    “TV-Duell” gucken in Adlershof | Übermedien.de (2min31s)
    https://www.youtube.com/watch?v=xoXvvbwe4tw

    Man könnte es auch mit “Spin-Doktoren bei der Wahlkampfarbeit” betiteln. Es sind wirklich ein paar interessante Szenen dabei, ganz unabhängig vom Thema Wahlkampf.

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