„Russiagate“ und kein Ende

Vor einem Jahr wurde Donald Trump gewählt – ein alles zerstörender Meteorit, ein Monster, eine Horrorgestalt war Präsident der Vereinigten Staaten, so präsentierten die Großmedien das Wahlergebnis. Und waren selbst am meisten geschockt, denn sie hatten einen Wahlsieg Hillary Clintons mit über 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit vorhergesagt. Die Wähler unterdessen hatten die von den Medien im Wahlkampf konstruierte Parallelwelt – mit einem absoluten Horrorclown auf der einen und einer allseits gütigen Landesmutter auf der anderen Seite – durchschaut. Und so kam es   dass sich die War Party-/Neocon-Neoliberal/Wall Street-/Think Tank-/Corporate Media-Maschine, die Clinton unterstützt hatte, trotz  milliardenteurem Brainwashing nicht durchsetzte.
Sensationell – und irgendwie auch sehr demokratisch: nicht das größte Budget an Wahlkampfgeldern gewinnt – Hillary setzte mit sagenhaften 1,3 Milliarden fast doppelt so viel wie Trump ein – sondern der glaubwürdigere Kandidat, selbst wenn die Großmedien ihn als notorischen Lügner porträtieren. Das war der größte anzunehmende Unfall, der Super-GAU für Clinton und die Medienmaschine – und die Geburtsstunde der verrücktesten Verschwörungstheorie unserer Tage: der Behauptung, dass „russische Hacker“ die US-Wahlen manipuliert hätten und Trump von Putin auf den Thron gehievt worden sei. Konkrete, nachvollziehbare Beweise gab es dafür nicht, auch die Chefs von FBI, CIA und NSA konnten nicht liefern, gaben sich aber „überzeugt“ von diesem Verdacht – und so kam „Russiagate“ in die Welt.
Anders als bei „Watergate“ in den 70er Jahren, als echte Einbrecher im Wahlkampfbüro der demokratischen Partei geschnappt wurden und der republikanische Präsident Nixon wegen dieses Manipulationsversuchs zurücktreten musste, beruht „Russiagate“ allein auf Behauptungen, Vermutungen und Gerüchten.
Weil mir das vorkam wie eine mittelalterliche Intrigengeschichte, begann ich über dieses „Real Game of Thrones“ zu schreiben und die Intrigen um „König Donald, die unsichtbaren Meister und den Kampf um den Thron“ in satirischem Ton zu begleiten. Anders war die absurde Posse um „Russiagate“ nicht zu fassen und nach 100 Tagen Trump-Regentschaft schien es mir dann genug.
Die Meister in den Tiefen des Königreichs ließen freilich nicht locker, ihre Herolde und Lautsprecher wurden nicht müde, die ebenso unsichtbaren wie allmächtigen Hacker des ultrabösen Putin und dessen heimliche Allianz mit dem Horrorpräsidenten Trump zu beschwören. Anhörungen, Vorladungen, Ausschüsse, Sonderermittler…“Russiagate“ ist bis heute täglich in den Schlagzeilen. Hat etwa ein hohes Tier aus Donalds Stab vor fünf Jahren mit jemandem gesprochen, der einen russischen Schäferhund besitzt ? Oder Geschäfte mit einem Unternehmer gemacht, der mit der leibhaftigen Großnichte Stalins verheiratet war ?
„Es ist schwer, keine Satire zu schreiben“ notierte einst der Dichter Juvenal zu seinen Beobachtungen am Hofe der römischen Kaiser und das gilt angesichts von „Russiagate“ noch immer – wäre das Ganze nicht wirklich ernst. Denn um was geht es bei dieser Nullnummer, die seit einem Jahr nichts und wieder nichts zu Tage gefördert hat ?
Zum einen um einen nützlichen Sündenbock, um das selbstverschuldete Debakel der Wahlniederlage zu kaschieren – die geleakten emails hatten ja keine äußeren, russischen Manipulationen aufgedeckt, sondern die internen von Clinton und wie den populären Kandidaten Bernie Sanders weggebissen hat. Vor allem aber geht es bei „Russiagate“ darum, Trump an der Einlösung seines Wahlversprechen zu hindern: „to come along with Russia“. Verständigungen, Verhandlungen, De-Eskalation des Kalten Kriegs – all das darf es nicht geben und schon um einen Versuch Trumps in diese Richtung zu verhindern, wird das substanzlose „Russiagate“-Gerücht seit über einem Jahr geköchelt und verbreitet. Jetzt ist es sogar über den Atlantik gekommen – russische Hacker sollen sowohl hinter den Autonomiebestrebungen Kataloniens stecken, wie auch für den Brexit verantwortlich sein.
Irre? Verrückt ? Durchgeknallt? – Nein. Sie meinen das ernst. Der militärisch-industrielle Komplex braucht einen Feind, Frieden und Verständigung sind geschäftsschädigend. Und so konnte Trump letzte Woche auf dem G-20-Treffen mit Putin nur zwischen Tür und Angel reden, und was er danach sagte – sich mit Russland zu verständigen sei nicht nur „gut“ für Amerika, sondern „great“ – das war für New York Times nichts anderes als „Betrug“ und „Verrat“ .
Dass sich die beiden größten Atommächte an einigen Konfliktfeldern der Welt militärisch gegenüberstehen und jede Eskalation eine Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellt, und dass es in einer solchen Situation nichts Dringenderes und Wichtigeres geben kann als dass beide Seiten miteinander reden – von diesem Gebot der Vernunft haben sich die Russia-Gater verabschiedet. Die Gegnerschaft zu Trump – für die es ja durchaus vernünftige Gründe gibt – ist zu in einer hysterischen Russophobie ausgeartet, die lieber einen Weltkrieg riskiert als Gespräche über Frieden und Abrüstung zu akzeptieren.

Auch als Podacst auf KenFM

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