Rote Linien

Cartoon: Steve Bell, Guardian

Als „Déjà-vu“ werden Situationen bezeichnet, von denen man glaubt, sie genau so schon einmal erlebt zu haben. Und ein solches Erlebnis konnte man am vergangenen Wochenende haben, als die Nachrichten von den Bombenangriffen auf Syrien eintrafen. Blenden wir kurz fünf Jahre zurück:

Im August 2013 stehen die Truppen der USA, Englands und Frankreichs kurz davor, mit Bombardements in den syrischen Konflikt einzugreifen, weil nach mehreren Giftgaseinsätzen, die der Assad-Regierung zugeschrieben wurden, laut Präsident Obama eine »rote Linie« überschritten war. Nachdem am 21. August in der Stadt Ghuta erneut mehrere hundert Zivilisten durch den Einsatz chemischer Waffen ums Leben gekommen waren, setzte Obama den Termin des Bombenangriffs auf den 2. September fest, England verlegte ein U-Boot und Kampfflugzeuge nach Zypern, eine Staffel der französische Luftwaffe wurde in Bereitschaft versetzt. Ohne Frage wäre es zu diesem Angriff auf Damaskus gekommen – der US-Präsident hatte ihn sogar schon öffentlich angekündigt. Dass er im letzten Moment abgewendet wurde, verdankte sich einem russischen Agenten, der dem britischen Geheimdienst MI-6 ein Muster des in Ghuta verwendeten Giftgases zukommen ließ – samt eines vertrauenswürdigen Belegs, dass dieses nicht aus russischen Beständen stammte und daher auch nicht im Arsenal von Assad gewesen sein konnte. Nachdem die Chemiker des MI-6 dies geprüft hatten, funkten sie eilig nach Washington: »Wir wurden reingelegt!«

Wie dies geschah, deckte der investigative Reporter Seymour Hersh dann einige Monate später auf: In einer klassischen »False-Flag-Operation« hatten die »Rebellen« selbst das Giftgas eingesetzt. Die Kampfstoffe stammten aus der Türkei und waren auf der von der CIA eingerichteten »Rattenlinie« zur Versorgung der Aufständischen nach Syrien gebracht worden. Mit dem von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien ausgeheckten Plot sollten die Großmächte in den Konflikt hineingezogen werden, was Russland verhinderte und danach einen Deal mit Assad aushandelte, sämtliche syrischen Chemiewaffen zu vernichten – was unter Aufsicht der zuständigen UN-Kommissionen auch geschah.

Doch das Auffliegen der Geschichte und die Beweise, dass 2013 nicht der »Schlächter« Assad Chemiewaffen einsetzte, sondern die vom Westen eingeschleusten islamistischen Söldner, änderte rein gar nichts – und im Frühjahr 2018 kommt es zum „Déjà-vu“, und wieder ist dauernd von „roten Linien“ die Rede:

  • am 4.März werden Sergey und Julia Skripal in England angeblich mit einem Nervengift angegriffen
  • am 6. März macht Englands Außenminister Johnson Russland dafür verantwortlich
  • am 7. März kommt der saudische Kronprinz Bin Salman zu einem offiziellen Besuch nach London
  • am 13. März berichtet der russische Generalstab, dass aus Syrien Geheimdiensterkenntnisse über die Vorbereitungen zu einem Chemiewaffen-Anschlag vorliegen, die eine Begründung für Bombenangriffe auf Damaskus liefern sollen
  • am 19. März ist der saudische Kronprinz Bin Salman auf Staatsbesuch in Washington
  • am 8. April trifft Bin Salman zu einem offiziellen Besuch in Paris ein
  • am 9. April behauptet die von den Saudis finanzierte Dschihadisten-Truppe „Jaish al Islam“ und ihre von England finanzierte Sanitäter-Truppe, die “White Helmets“, dass in ihrer Enklave in Duma ein Chemiewaffenangriff der syrischen Armee stattgefunden habe.
  • am 11. April bekundet Saudi Arabien Unterstützung für einen Angriff auf Syrien. Trump twittert vom „Animal Assad“
  • am 12. April trifft eine Delegation der internationalen Chemiewaffenkontrollbehörde, der untersuchen soll, ob ein Giftgasangriff in Duma stattgefunden hat. Doch noch bevor sie ihre Untersuchung aufnehmen kann wird Syrien
  • am 14. April mit über 100 amerikanischen, britischen und französischen Raketen bombardiert.

Die deutsche Regierung stellt sich – wie 2013 – auf die Seite der Angreifer, Angela Merkel begrüßte, dass sie „Verantwortung“ übernommen hätten. Verantwortung für was, fragt man sich – denn dieser Angriff ohne Rechtsgrundlage und ohne UN-Mandat war nichts anderes als ein völkerrechtswidriges Kriegsverbrechen. DAS ist die rote Linie, die mit diesem Angriff überschritten wurde – wie schon im Irak, wie schon in Libyen und fast überall, wo der US-Hegemon seit Jahrzehnten seine Bomben abwirft… oder wie in Vietnam vor 50 Jahren flächendeckend Chemiewaffen einsetzt, oder sie an den noch verbündeten Saddam Hussein lieferte, der sie gegen den Iran nutzte. »Rote Linien«, so können wir nach dem letzten Wochenende lernen, gelten immer nur für eine Seite: Wir, die Guten, dürfen alles, weil wir für »Freiheit« und »Menschenrechte« unterwegs sind. Wir bekämpfen den Terror“, wir beseitigen »Diktatoren« und sind ganz strikt und humanitär natürlich gegen „Giftgas“. Sofern wir es nicht gerade selbst einsetzen…

Auch als Podcast auf KenFM

5 Kommentare

  1. In einer Reise-Warnung der US-Botschaft in Syrien ist folgendes zu lesen (Security Message for U.S. Citizens: Travel Warning – Syria), Stand 22.03.18:

    “Tactics of ISIS, Hayat Tahrir al-Sham, and other violent extremist groups include the use of suicide bombers, kidnapping, small and heavy arms, improvised explosive devices, and chemical weapons. They have targeted major city centers, road checkpoints, border crossings, government buildings, shopping areas, and open spaces, in Damascus, Aleppo, Hamah, Dara, Homs, Idlib, and Dayr al-Zawr provinces.”

    https://sy.usembassy.gov/security-message-u-s-citizens-travel-warning-syria/

    Die US-Botschaft warnt also vor Terroristen, die im Besitz von C-Waffen sind … und die Angriffe auf Stadtzentren, Regierungsgebäude, Einkaufsviertel usw. in sieben Provinzen durchführen …
    … aber westliche Regierungen meinen ohne weitere Untersuchung oder Beweismittel Assad für einen Einsatz solcher C-Waffen verantwortlich machen zu können. Und unsere Presstituierten feuern aus allen Rohren …

    Also entweder wurde die US-Botschaft vom Russen übernommen, die Internet-Seite vom Russen gehackt, oder die Idioten sind einfach nur zu dumm und/oder zu faul, ihre dämlichen Lügen wenigstens einigermaßen glaubwürdig unters Volk zu bringen (oder aber haben sie es einfach nicht nötig, könnte auch gut sein …).

    Eigentlich ist mir das auch egal, ich habe jedenfalls die Schnauze gestrichen voll von diesen Hetzern, Kriegstreibern und Verbrechen.

    Danke für ihre immer wieder tollen Artikel, Herr Bröckers!

  2. Wie hieß es schon bei Remarque, “Im Westen nichts Neues!”
    Und Remarque zum Zweiten, “Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.” Erich Maria Remarque

  3. Wie soll es, wie wird es weitergehen? Wenn alle internationalen Verträge gebrochen werden, ohne dass die Weltgemeinschaft aufschreit? Wozu brauchen wir diese Verträge dann noch? UNO? Syrien scheint schon lange verteilt worden zu sein, dass ist offensichtlich das Problem. Die Agenda steht schon fest, und jetzt versucht man sie gegen alle Widerstände durchzusetzen, ohne Rücksicht auf menschliche Opfer und die weitere Entwicklung im Nahen Osten, ja sogar ohne Rücksicht auf den Weltfrieden. Begleitet von einer Presse, die sich der einseitigen Hofberichterstattung und Kriegshetze schuldig macht. Sind wir auf dem Weg in eine Weltdiktatur? Die Bevölkerungen wollen diese Kriege mehrheitlich nicht. Wie kann man Bomben als notwendig und angemessen bezeichnen? Wenn es doch bloß ein Kaspertheater wäre, wie in der sehr finsteren und treffenden Karikatur. Gibt es keine vernünftigen Regierungen mehr im Westen? Nicht eine? Don’t bomb Syria!!

  4. »Ich, du, er, sie, es, wir, ihr wurden rein- und abgelegt!“
    Und zwar hinter die „Rote Linie“.

    Und zwar sind „sie“ dafür verantwortlich, die dritte person Plural. Obama cared, Trump faked, as if he did not care. (Früher gab es eben noch eine Achtsamkeit auf einen „russischen Agenten“. Ja, wo lebten wir und Engländer und Amerikaner da noch? Muß die Steinzeit oder noch davor gewesen sein. Früher war wirklich alles besser. Und je weiter zurück, umso besser… Vielleicht sollte man sich resolut den Ammis und der EU in den Weg stellen, um gratis und auf die technisch fortgeschrittenste Art blitzschnell und bombensicher in die Steinzeit zu gelangen, wo es noch “richtigen Boden unter den Füßen” und Steine zum Anstoßen gab.)

  5. Erdöl und Erdgas im syrischen Hoheitsgebiet erzeugten feuchte Träume in Jerusalem und Ankara. Diebe träumen halt gerne.

    Ich freue mich auf den Zerfall der 50 Bundesstaaten in mehrere Teile. Dann sind die geraume Zeit mit sich selbst beschäftigt und haben keinen Bock mehr auf die nahöstlichen Einflüsterungen.

    Siehe auch
    Diogenes Lampe: Donald Trump und der Untergang des Britischen Weltreichs

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