“Andra moi ennepe, Musa, polütropon, hos malla polla planchtä, epei Trojä – Sing mir, Muse, die Taten des Mannes, der so weit geirrt nach des heiligen Troja Zerstörung”… viel mehr als der erste Satz der “Odysee” ist aus sechs Jahren Griechisch-Unterricht bei mir nicht hängengeblieben. Dass wir Homers Gesang im Original aus einer unbekannten Schrift entziffern und übersetzen mussten, hatte den sagenhaften Stoff, den man aus Büchern schon irgendwie kannte, zu einer wenig vergnüglichen Lektüre gemacht. Erst viel später erfuhr ich, dass auch die Griechen, die das Vokalalphabet erfunden hatten, diese Geschichte über die Belagerung und Zerstörung Trojas durch ihren König Agamemnon und die abenteuerliche Flucht seines “Generals” Odysseus, nicht lesen mussten – was die meisten auch noch gar nicht konnten – sondern dass sie ihnen vorgesungen wurde. Auf den Schiffen, an den Häfen ihrer Kolonien an allen Küsten des Mittelmeers, bei ihren Festen und Feiern – Gesänge im Rhythmus der Hexameter, mündlich hunderte von Jahren überliefert, bevor sie unter dem Namen “Homer” von einem unbekannten Autorenteam als “Ilias” und “Odysee” aufgeschrieben wurde.
Ob es die Person “Homer” vor etwa 2.800 Jahren wirklich gab, oder eine gleichnamige Gruppe oder Schule die mündlich überlieferten Geschichte erstmals aufschrieb, ist unklar – sicher ist nur, dass die Vokale, die Erfindung des Alphabets, es erst möglich machten, gesprochene oder gesungene Texte allgemeinverständlich aufzuzeichnen. Klaus Theweleit hat dazu einen wunderbaren “Wellenroman” geschrieben: “a-e-i-o-u – Die Erfindung des Vokalalphabets auf See, die Entstehung des Unbewussten und der Blues.“(Matthes &Seitz, 2023). Eine “rasante Reise zu den mittelmeerischen Ursprüngen der Schriftkultur”, in der ich mich gestern wieder zwei Stunden fest gelesen habe, obwohl ich eigentlich nur kurz etwas nachschlagen wollte.
Der Anlass war, dass ich Christopher Nolans „Die Odyssee“ im Kino angeschaut habe und sehr angetan von dem fast 3-stündigen Monumentalfilm bin. Denn er veranstaltet kein dumpfes Superman- Spektakel, sondern das Gegenteil: “die Antiheldenreise eines traumatisierten Kriegsverbrechers, der nur kraft des weiblichen Prinzips Erlösung finden kann.” So Roland Rottenfußer auf Manova in seiner Rezension “Männer sind Schweine”, der ich mich nur anschließen kann, nicht nur wegen der filmisch so gut in Szene gesetzten Verwandlung von Odysseus` Gefährten in ebensolche durch die Zauberin Circe. Auch davon, wei Nolan die anderen Abenteuer seines gleichzeitig gebrochenen und aufrechten Helden präsentiert, hat mich so becirct, dass ich mir das Ganze sicher noch einmal anschauen werde.
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Zuletzt erschienen:

Vom Ende der unipolaren Welt, Fifty-Fifty (Oktober 2022), 288 Seiten, 20 Euro

