20 Jahre “Jack Herer”: Der beste Bud der Welt.

J.HERERb-2-3-600x450-600x312

Die am meisten ausgezeichnete Cannabis-Sorte der Welt, benannt nach dem “Emperor of Hemp” Jack Herer  (1939-2010) wird 20 Jahre alt, was die Züchter von der Sensi Seed Bank natürlich nicht ungefeiert verstreichen lassen. Bei vierzehn verschiedenen Wettbewerben hat diese Pflanze Preise gewonnen – den ersten bei der Mutter aller Marihuana- Wettbewerbe, dem Cannabis Cup in Amsterdam im November 1994.  Die Jury bei diesem  Wettbewerb, zu dem über  Thanksgiving jedes Jahr ein Jumbo Jet voller Hippies und Hanf-Afficionados aus den USA einfliegt, bildet ein Gruppe ausgewählter Experten, sowie alle Besucher der Veranstaltung, die in den teilnehmenden Coffeeshops die nur mit Nummern benannten Marihuana-Soften testen und auf Fragebögen bewerten können. Jack Herer selbst, mit dem ich zuvor eine Tour durch ganz Deutschland unternommen hatte, auf der wir die deutsche Ausgabe seines bahnbrechenden Buchs (Herer/Bröckers: Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf ) präsentiert hatten, war in diesem Jahr Mitglied der Jury –  und als wir im Hotel angekommen waren, brachte einer der Veranstalter des Cups sieben große Tüten mit den zur Beurteilung stehenden Hanfblüten vorbei. Jack wollte gleich in der Lobby des feinen Hotels mit seiner Jurytätigkeit beginnen,  wo wir mit einigen seiner Freunde saßen, ließ sich aber – da sooo liberal selbst die Niederlande nicht sind – zum Rückzug aufs Zimmer bewegen. Dort führten wir die fein “manükierten”, harztriefenden Buds nach und nach ihrer Verwendung zu, was naturgemäß nach der dritten oder vierten Pfeife nicht mehr zu wirklich objektiven Urteilen führt, aber wir hatten ja noch drei Tage die verschiedenen Nummern zu testen.Jack-420-401x600
Am Ende entschieden wir uns, wenn ich mich recht entsinne, für die Nr. 4. – und das sahen offenbar auch die anderen Juroren und das Publikum so, denn diese Sorte gewann den ersten Preis. Es war eine Züchtung der Sensi Seed Bank, deren Gründer und Patron Ben Dronkers den Cup in Empfang nahm – und danach zu Jack kam, und fragte, ob er gegen ein angemessenes Honorar diese Sorte nach ihm benennen könne. Er konnte und so kam die zu 55% von  Cannabis Sativa und zu 45% von  Cannabis Indica-Eltern abstammende Pflanze zu ihrem Namen und dank ihrer besonderen Qualität weltweit zu Auszeichnungen.
Dass Jack Herer, dessen rastlosem Engagement die Renaissance des Hanfs als Medizin, Rohstoff und Genusssmittel in erster Linie zu verdanken ist – hier eine Interview und eine Video-Dokumentation über sein Leben –  nicht in irgendeiner Hanfsorte, sondern im besten Bud der Welt geehrt wird, hat der “Hempster des Jahrhunderts” (High Times) mehr als verdient. Ein Jahr nach seiner Patenschaft half ich ihm bei einem Besuch in L.A. an seinem Infostand an der Promenade von Venice beim Verteilen von Flugblättern für die Volksabstimmung zur Legalisierung medizinischen Marihuanas, die 1996 in Californien (als erstem von mittlerweile 19 US-Staaten) erfolgreich war. Und es nicht zuviel wenn man sagt, dass dieser “major victory” ohne einen Kämpfer wie Jack Herer nicht erreicht worden wäre. Insofern ist es nur passend, wenn auch Patienten, die medizinisches Cannabis über ihre Apotheke beziehen (was in D nur mit Ausnahmegenehmigung des Bundesamts für Arzneimittel möglich ist) unter anderem Namen letzlich nichts anderes zu sich nehmen als “Jack Herer”.

(Bild oben: Jack Herer, die Pflanze; unten: Jack The Man, die Uhr stand immer auf 4:20!)

 

Jack Herer: After Sunset

Über den Weg eines Polyesteranzug-Trägers zum „Hempster des Jahrhunderts“ und warum wir die moderne Hanf-Aufklärung einem Verstoß gegen das Verdunklungsgesetz von 1943 verdanken. – Jack Herer im Gespräch mit Mathias Bröckers

Jack Herer, von der Zeitschrift “High Times” gerade zum “Hanfaktivisten des Jahrhunderts” gekürt, wurde 1939 in New York geboren, seine jüdischen Eltern waren aus Osteuropa mit letzter Station in Polen in die USA ausgewandert. Nach der High School trat er freiwillig in die Armee ein und diente in Korea, wo er zum Dolmetscher ausgebildet wurde. Seiner ersten Ehe entstammen drei Kinder, zwei weitere den beiden nächsten. Am 9.9.99 kurz-entschloß sich Jack zum vierten Mal zur Ehe: wegen des schönen Datums vollzogen er und seine langjährige Partnerin Jeanie den Akt auf dem Dokumenten-Büro im Postamt an der Ecke.

Wenn der „Emperor of Hemp“ (High Times) und Autor der bahnbrechenden Hanfbibel  “The Emperor Wears No Clothes” („Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“), die Menu-Karte studiert, bestellt er am liebsten Berge von Vorspeisen  für alle, die am Tisch sitzen. So auch diesesmal, als wir  auf der Terrasse von „Gladstones“ am Santa Monica Beach zum Abendessen einkehrten. Und weil wir bei unseren seltenen Treffen immer sehr viel zu erzählen haben, wurden die Fische und Seefrüchte und Salatmassen kaum weniger. Insofern alles wie üblich beim Essen mit dem schwergewichtigen  „Hanfkaiser”, der angeblich zwar 10 Kilo runter hat, aber sich bald als einziger am Tisch noch durch die Schüsseln und Teller kämpfte. Der entscheidende Unterschied wurde erst ruchbar, als der Kellner das Schlachtfeld geräumt hatte. Denn da zückte Jack sein Gras-Pfeifchen und zündete  in aller Seelenruhe seinen Nachtisch an .  Das wäre vor 4 Jahren, bei meinem letzten Besuch, völlig undenkbar gewesen – doch seit die kalifornische Bevölkerung bei der Wahl im November 1996 mit 56% für die „Ballot 215“ stimmte, ist Marihuana für
Patienten legal – und Mr. Herer  mit seinem Superstreß als führender Hanfaktivist der USA, ist ein solcher Patient.  „Das war der erste und einzige  wirkliche Sieg seit dem Beginn der Prohibition 1937“, meint er – und schildert, wie  Bundespolizei und  Clinton-Administration mit aller Macht dagegen vorzugehen versuchen. Gerade hat man einen Vietnam-Veteranen, wegen seiner mit denlokalen Behörden abgestimmten  Marihuana-Planatage vor ein Bundesgericht gezerrt. „Seit wir diese Schlacht gewonnen habe, wird die Schraube im Drogenkrieg wieder angezogen“, so Jack , „Du kommst aus Deutschland, Du weißt was Faschismus ist,  und hier kannst Du dir ein modernes faschistisches System bei der Arbeit ansehen. Nie gab es mehr Gefängnisse, mehr Gefangene, mehr Verurteilte, als unter Clinton, Und wegen was ? Wegen der nützlichsten, ungiftigsten, und gesündesten Pflanze auf diesem Planeten. Wenn Du irgendwo in Amerika einen Job haben oder behalten willst, mußt Du deinen Urin kontrollieren lassen. Die USA sind nicht längst nicht mehr „The Land of the Brave and the Home of the Free“ – sie sind the Home of the Pee, die
Heimat der Pisse.” Wenn Jack Herer bei seinem Thema ist, kann ihn selbst leckerstes Essen kaum abhalten. Dabei wollten wir unser Interview doch eigentlich erst nach dem Essen beginnen…

Die Zeitschrift “High Times” hat Dich gerade zum “Hempster of the Century” , dem Hänfling des Jahrhunderts gekürt. Was hat es mit diesem Titel auf sich ?

Es sollte die Person ausgezeichnet werden, die den größten Einfluß auf die Hanfbewegung, die Hanfrevolution hatte. Und die den Status dieser Pflanze, als irgendein negatives, mexikanisches Drogenkraut entscheidend geändert und wieder respektabel gemacht hat. Das ist alles. In Amerika lernst Du nicht in der Schule, dass diese Pflanze in unserer Geschichte 80 Prozent allen Papiers und  aller
Fasern geliefert hat – und du lernst auch nicht, daß die Regierung unseren Eltern ihr Steuergeld gestohlen hat und damit auf die übelste Weise dafür gesorgt hat, dass Hanf für illegal erklärt wird. Eine Pflanze, die in über 10.000 Jahren Geschichte
überall auf dieser Erde die wichtigste Nutzpflanze war. Was ist von Regierungen, was ist von Politikern zu halten, die so etwas betreiben, und die Leute  verfolgen und ins Gefängnis werfen, nur weil sie diese Informationen herausfinden und veröffentlichen ?
Aber nichts anderes tun sie – und die wahren Informationen werden immer noch unterdückt.

Da hat Dein Buch, das seit Mitte der 80er Jahre von einem kleinen Flyer zu einer bahnbrechenden Dokumenation herangewachsen ist, aber doch einiges daran geändert…

Aber trotzdem wird Marihuana nach wie vor von den Regierungen verteufelt, und Untersuchungen, die das Gegenteil belegen, wie zum Beispiel die großen Gesundheitsstudien in Costa Rica und Jamaica, werden unter der Decke gehalten.Wer weiß denn schon, daß Hanf das Leben verlängert? Wer täglich Marihuana raucht lebt im Durchschnitt zwei Jahr länger als jemand, der überhaupt keine Drogen nimmt – das haben die Reihenuntersuchungen von Rasta-Leuten in Jamaica gezeigt. Zwei Jahr Leben – was würden die meisten Leute tun für zwei Lebensjahre mehr? Und die Pot-Raucher lebten sogar 8 –24 Jahre länger als die Kontrollgruppen, die Alkohol und Tabak benutzten– tödliche Drogen, die Milliarden von Steuern einbringen, für die niemand ins Gefängnis geht.  Aber für Hanf, eine Pflanze die tausendmal gesünder ist als Tabak oder Alkohol, sitzen in diesem Augenblick allein in USA 110.000 Menschen im Gefängnis, und 300.000 bis zu einer halben Million hatten  Bewährungsstrafen wurden dann wegen
Marihuana eingesperrt. Wenn Du eine Bewährungsstrafe hast, wird Dein Urin kontrolliert – und weil Spuren von einem einzigen Joint noch nach vier, fünf Wochen nachweisbarsind, fallen bei den Urinkontrollen während der Bewährungszeit viele auf. Und die
Bewährungshelfer schicken sie dann ins Gefängnis – nur weil sie statt sich zu betrinken ein paar Joints geraucht haben. Eine halbe Million Menschen sitzt in Amerika  wegen nichts anderem als Hanf im Gefängnis.

Du hast die letzten 30 Jahre Deines Lebens damitzugebracht, die Öffentlichkeit auf diesen Wahnsinn aufmerksam zu machen, indem du die Informationen über Hanf wieder zugänglich gemacht hast. Ich habe heute nachmittag die Bilder aus Deinem “vorigen” Leben gesehen: in den 50ern als Soldat in Korea, in den frühen 60ern ein Familienvater mit Vorgarten und einem guten Job als Vertreter für Leuchtreklamen – das macht alles eine absolut normalen, braven Eindruck. Und Du fandest damals sogar Barry Goldwater, den Rechtsaußen der Republikaner, gut. Wie, frage ich mich, wird aus einem derart spießigen Otto Normal der aufrührerischste Hanf-Aktivist des Jahrhunderts ?

Ich hielt Marihuana wie jeder “gute Amerikaner” für ein Teufelszeug. Aber meine erste Frau,  begann 1965 Marihuana zu rauchen. Sie arbeitete damals abends in einem Restaurant und brachte es mit. “Jack, du solltest das mal probieren”, sagte sie,  “das wird dir gefallen”. Ich war zutiefst entsetzt: “Wie kannst Du so etwas tun”, sagte ich, “wir haben drei kleine Kinder. Und Du fängst jetzt an, Drogen zu nehmen”. Für mich gab es keinen Unterschied zwischen Marihuana und Heroin, ich glaubte all das, was mir auf der High-School und beim Militär beigebracht worden war.  Wir zogen dann nach Kalifornien um, meine Frau versuchte immer noch, mir es schmackhaft zu machen, sie sagte, das wird deine Sichtweise der Dinge verändern – aber ich wollte nichts damit zu tun haben. Sie machte in dieser Zeit ein gewisses Wachstum durch, aber ich wollte nicht mitwachsen. Ich war ein Konservativer zu diesem Zeitpunkt und taufte meinen ersten Sohn tatsächlich nach Barry Goldwater. Darauf bin ich übrigens heute noch stolz, den Goldwater war zwar rechts, aber ein echter Libertärer. Deshalb hat er sich zum Beispiel  auch noch in den 90er Jahren für die Freigabe von medizinischem Marihuana eingesetzt. Meine erste Frau und ich wurden im Sommer 1967 geschieden – wir hatten uns in entgegengesetzte Richtungen entwickelt, Marihuana war nur eine davon.

Bis dahin hattest Du allen Verlockungen widerstanden?

Ja. Es dauerte bis zum Sommer 1969. Da lernte ich eine Frau kennen, die ich sehr gern hatte, und sie fragte mich, ob ich schon mal Pot geraucht hätte. Nein, sagte ich, hör mir auf damit, meine Ex-Frau hat das geraucht, ich will damit nichts zu tun haben, das ist eine üble Droge, führt zum Heroin… all dieser Scheiß, den ich im Hirn hatte.  Aber sie sagte, es würde mir gut tun. Und weil ich
sie wirklich sehr mochte, tat ich ihr den Gefallen.

Und wie war das ?

Ich nahm einen kurzen Zug und blies ihn sofort wieder raus. Ich habe nicht inhaliert, obwohl ich damals starker Zigarettenraucher war und drei Päckchen am Tag qualmte…

Also ganz wie Bill Clinton, geraucht aber nicht inhaliert…

Genau. Auch beim zweiten oder dritten Mal habe ich nicht inhaliert. Ich fürchtete mich ja wirklich vor dieser gefährlichen Droge, blies sie immer sofort wieder aus und behauptete dann meiner Freundin gegenüber, daß das auf mich nicht wirkt. Das wollen wir doch mal sehen, sagte sie, und sie ging los, um wirklich gutes Marihuana zu besorgen. Das war gar nicht so leicht zu dieser Zeit, aber sie brachte eine
halbe Unze “Acapulco Gold”, das beste mexikanische Gras. Sie setzte sich an den Tisch und drehte vier oder fünf Joints – und die rauchten wir dann zusammen, einen nach dem anderen.

Diesesmal hast Du dann auch inhaliert?

Ich hatte nicht mehr so viel Angst, weil ich ja erlebt hatte, daß sie rauchte und nichts schlimmes geschah. Also wir rauchten und  ich merkte
erstmal gar nichts.  Und “Acapulco Gold”  sagte mir auch nichts, außer, daß Sammy Davis Junior im Fernsehen darüber so merkwüridge Witze machte. Aber dann setzte sie mir Kopfhörer auf – und ich hörte plötzlich Musik wie ich sie noch nie im Leben gehört hatte…

Was war das für eine Musik…

Sie hat mir verschiedene Sachen vorgespielt, ich erinnere mich nur noch an eine Platte, von Herb Albert and the Tijuana Brass – aber
ich konnte diese ganze Musik plötzlich mit den Ohren sehen, jede Note, jede Melodie hatte eine Farbe. Ich visualsierte und erlebte Musik wie ich sie noch nie in meinem Leben gefühlt hatte. Ich war bis dahin keine besonderer Musikliebhaber, Musik hatte nicht den großen Stellenwert in meinem Leben wie bei vielen meiner Freunde, zur Entspannung nutzte ich eher Bücher. Aber jetzt, nach dieser großen Menge des besten “Acapulco
Gold” , entdeckte ich die Sprache der Musik völlig neu, und ich konnte kaum glauben, was ich da erlebte. Plötzlich hörte sich auch  dieser näselnde, nölende Bob Dylan kristallklar an und jedes Wort, jede Note drang in mein Bewußtsein.

Die Musik also hat dich überzeugt, daß Hanf doch eine Wirkung auf Dich hat…

Ja, und dann sagte meine Freundin: Jetzt rauchen wir noch einen und dann gehen wir ins Schlafzimmer – dabei berührte sie mich leicht
– und woooow. Die ersten Male, wenn Du stoned bist, ist es ja fast eine psychedelische Erfahrung, wenn dich jemand nur kurz auf der Haut berührt. Wuuuuuh, so eine Sensitivität hatte ich noch nie erlebt – jede Pore, jedes Haar, jede Körperöffnung…. ich erspare mir die Beschreibung, wie es im Detail weiterging, jedenfalls erlebte ich den Orgasmus in einer Stärke und Dimension, die mir bis dahin  unbekannt war. Es war nicht mehr Zack, Bum – sondern es war Bsssssssssssss, ein lang anhaltendes Fließen, ein Verströmen im Hyperspace. Eine körperliche Sensation, über die ich gehört und gelesen hatte, aber nie erlebt bis dahin.  Und als wir wieder zurück waren hatte ich nur eine einzige Frage: “Warum ist das illegal ?”

Nach der musikalischen kam die aphrodisiakische Sensation…

Ich würde nicht sagen, dass Hanf ein Aphrodisiakum im dem Sinne ist wie etwa Viagra.  Er ermöglichte mir eher Erfahrungen des
Geniessens und Wohlfühlens, die für mich vorher einfach unbekannt waren – und ich fühlte mich schon wie im Nirvana. Aber dann gingen wir in die Küche und ich machte den Kühlschrank auf. Es stand gar nichts besonderes darin, aber alles, was ich aß, war absolut delikat – selbst das langweiligste Sandwich  schmeckte paradiesisch, mit völlig ungeahnten Nuancen und Feinheiten. Ich entdeckte die Welt des Geschmacks, des

Genusses  völlig neu. Und das war genauso aufregend wie die Erfahrungen mit dem  Hören der Musik oder mit der Liebe. Alkohol hatte bis dahin keine große Rolle für mich gespielt, doch seit  diesen aufregenden, die Sinne weckenden Erfahrungen im Sommer 1969 hab ich kaum mehr einen Tropfen getrunken, einmal im Monat vielleicht ein Bier.

Diese Erfahrung hat dein Leben umgekrempelt ?

Das dauerte noch ein, zwei Jahre. Ich fragte meine Freundin weiter, warum  diese Sache illegal sei – je besser ich sie kennenlernte, um so weniger wollte mir das einleuchten. Am Anfang rauchte ich ein, zwei Joints die Woche, dann drei bis vier, dann jeden Tag einen oder zwei und ein paar am
Abend – und dann fängst du schon an, dir einen Vorrat zuzulegen, kaufst ein halbes Pfund und gibst es in kleinen Mengen mit Aufschlag an ein paar Bekannte weiter, so daß eine Unze für dich gratis abfällt. 1971 jedenfalls war ich plötzlich Dealer und verkaufte Gras, nicht um groß damit zu verdienen, sondern um meinen eigenen Bedarf zu decken.

Deinen Job hast Du weiter gemacht…

Ja, ich war weiter in Sachen Werbeschilder und Leuchtrekalen unterwegs. Dann, 1972, geriet ich in eine Diskussion mit einem Freund, der
mir gerade etwas  verkauft hatte. Er sagte, auf einer Qualitäts-Skala von 1 –10, wäre dieses Gras Klasse 9, ich aber sagte: Nein, das ist höchstens Klasse 6, ich habe jetzt drei Jahre Erfahrung, es gibt noch viel besseres als das hier, das ist höchstens Klasse 6. Um uns zu einigen, nahmen wir ein Blatt Papier, und  versuchten, die Skala von 1 bis 10 mal zu definieren….

Um dem üblichen Dealer-Latein ein Ende zu setzen…?

Ja. Die Leute hatten zu dieser Zeit doch noch keinerlei Ahnung und liessen sich irgendwelches Grünzeug ohne jede nennenswerte Wirkung
andrehen, das waren unsere Stufen 1 und 2: Shit-Weed. Auf Stufe 3 und 4 setzten wir dann minderwertiges Nebraska-Gras oder aus Low-Grade-Mexiko. Stufe 5 war durchschnittliches mexikanisches Gras, mit vielen Samen und grünlich, aber trocken und manchmal o.k. Das war
schon das beste, was die meisten Leute damals bekommen konnten. Auf Stufe 6 und 7 fing dann an, was damals ganz neu gezüchtet war und heute selbstverständlich ist: Sinsemilla-Sorten, also ohne Samen, und einem deutlich höheren THC-Gehalt. Als wir unsere Skala fertig hatten kamen ein paar Freunde vorbei und gaben ihre Kommentare dazu ab – und wir machten aus dieser Skala eine große Wandzeitung. Die sah Malcolm, ein anderer Freund, der damals gerade die TV-Serie “Roots” produzierte, und meinte: Hey Jack, aus diesem Poster da solltest Du ein Buch machen.

So entstand Dein allererstes Buch, “Grass” ?

Ja, aber nicht sofort. Wir boten es verschiedenen Verlegern an, dem des “Rolling Stone” in San Francisco und ein paar anderen,
aber niemand wollte es haben. Da kam so ein junger Typ, gerade mal 20, der gerade einen Super-Deal abgewickelt hatte und die Taschen voller Geld und sagte: hier sind 10.000 Dollar, ich drucke das Buch.  Ja, und das machten wir, und ich stieg aus meinem Job aus – und fuhr jetzt nicht mehr wegen Werbeschildern durch die Gegend, sondern wegen des Buchs. Ich klapperte alle Freak-Läden und Head-Shops in den Vereinigten Staaten ab
und brachte es auch in einigen Ketten unter. Nach zwei Jahren hatte ich  35.000 Exemplare verkauft. Das war jetzt mein Leben und in dieser Zeit lernte ich auch Captain Ed kennen…

Deinen verstorbenen Freund Ed Adair, dem Du die entscheidende Verwandlung verdankst….

Ja, wiegesagt, ich kam ja aus der ganz biederen, spießigen Ecke und sah  zu dieser Zeit auch noch ziemlich so aus, mit meinem Polyester-Anzug, mit meinen Nyltest Hemden, den grauenhaften Krawatten usw. Und Captain Ed,  als echter Hanf-Aktivist, musterte mich erstmal von oben bis unten – er war skeptisch, ob so ein Typ überhaupt cool sein konnte oder nicht doch ein verkappter Bulle. Aber wir wurden Freunde, und Ed nahm mich im Sommer 1973 mit zu meiner ersten Marihuana-Demonstration. Da lernte ich auch andere  Leute aus der Bewegung kennen, darunter auch Michael Aldrich, der wie ich auf dem College in Buffalo war, und so hatten wir einiges zu erzählen. Von ihm hörte ich das erste Mal, dass man aus Hanf Papier hergestellt hat, und Seile und Segel und Bekleidung.

Jack und sein verstorbener Freund und Mentor “Captain” Ed 1990

Zu diesem Zeitpunkt, mit  34 Jahren, erreichte Dich zum allerersten Mal Informationen über die Nutzpflanze Hanf..

Auf der Schule hatte ich nichts davon gehört – ich hatte all diese Piratenfilme gesehen als Kind, Columbus’ Entdeckung Amerikas, die Bürgerkriegs- und Western-Geschichten, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, daß all die Segel und Seile, die Planwagen und Uniformren aus Hanf waren.
Stattdessen war ich mit 20 soweit gebildet, daß ich voll akzeptierte, jeden Hanf-Konsumenten ins Gefängnis zu werfen. Daß Hanf einmal die zweitwichtigste Nutzpflanze der USA war, davon wußte ich genauso wenig, wie von der Tatsache, daß die Natur, die Umwelt ein schützenswertes Gut ist. Wir dachten damals, ich und alle, die ich kannte: das Land ist groß genug, es gibt kein Umweltproblem, wir kippen  unser Gift, unseren Müll einfach irgendwo ab. Ich wuchs ganz in der Nähe des Love-Kanals im Staat New York auf,  in den riesige Chemie-Firmen jahrzehntelang einfach ihr hoch-toxisches Abwasser laufen ließen. Grundwasser, Böden, alles wurde verseucht – die Anwohner bekamen Krebs und grauenhafte andere Krankheiten. Erst Ende der 70er Jahre wurde der Kanal geschlossen.

Aber damals fanden das alle in Ordnung. Niemand regte sich auf…

Niemand. Ich weiß noch meine Reaktion, als in den
60ern das Buch von Rachel Carlson, der “Stumme Frühling” erschien, das erste
Buch, das auf die Katastrophe des Pestizideinsatzes aufmerksam machte. Ich hielt das für
naives, liberales Geschrei und fand es lächerlich, über tote Vögel oder aussterbende
Biber nachzudenken.

Das änderte sich erst durch die Freundschaft mit Capatin Ed nachhaltig ?

Ja, Captain Ed packte mich erstmal aus meinen
Polyester-Klamotten aus.  Er hatte seit 1970 einen Headshop in L.A. und 1972 die
erste Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Cannabis. gestartet. In seinem Laden
sammelte er sage und schreibe 100.000 Unterschriften – und die Initiative erreichte bei
der Wahl auf einen Schlag 34% der Wählerstimmen. Das war ein sensationelles Ergebnis und
deshalb sprachen sich plötzlich auch viele Politiker dafür aus – das war der Beginn
einer sehr liberalen Ära, die von Ende 1972 bis zur Wahl Reagans 1980 andauerte. Durch
Captain Ed  kam ich in die Hanfpolitik, er war einer ihrer Motoren. Außerdem war er
sehr engagiert in der Anti-Atomtest-Bewegung, und fuhr mit seinen Leuten immer auf das
Testgelände nach Nevada wenn wieder ein Test angesagt war. Dann kletterten sie über die
Zäune, lösten Alarm aus  und bewegten sich auf Ground Zero, um die unterirdische
Sprengung zu verhindern. Sie gruben sich in dieser schwer radioaktiven Erde ein, um sich
vor den Suchtrupps und ihren Hunden zu verstecken. Ich habe das nie mitgemacht. Die
Leukämie-Art, an der Ed dann 1991 starb – vorher war er ein Muster an Gesundheit
–  wird auch von radioaktiver Strahlung ausgelöst

Warst Du dann, neben dem politischen Engagement,
weiterhin noch Kleindealer?

Nein. Damit hörte ich auf, ich hatte ein
Holzpfeife entdeckt, die es in Kalifornien noch nicht gab und stieg mit einer Pfeifenfirma
ins Paraphernalia-Geschäft ein. Außerdem war ich wegen meinem Buch in der Szene jetzt
ein bekannter Autor und schrieb als Pot-Experte Artikel für verschiedene Zeitschriften.
Und in Captain Eds Laden kamen viele Leute und Kids, die mich mit Informationen
versorgten. Hey, Jack, wußtest Du schon, daß die Unabhängigkeitserklärung auf
Hanfpapier gedruckt ist, oder daß Pferdewagen mit Hanfplanen die besten und teuersten
waren, der Cadillac Eldorado der Pionierzeit, daß Rußland damals vom Hanfexport lebte
wie heute die Araber vom Ölexport, daß Napoleon damals wegen Hanf nach Moskau
marschierte ?  Als Ed die nächste Wählerinitiative begann, machten wir uns daran,
all diese Informationen einmal aufzuschreiben….

Das war die Geburtsstunde von “The Emperor
wears no clothes” (“Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf”) ?

Ja, auf  einem Flyer, auf dem wir alle uns
damals erhältlichen Informationen aufgeschrieben hatten. Aber das klang  ziemlich
unglaublich.  Dann brachten mir die Leute Dokumente, die sie gefunden hatten, und ich
machte mich auf die Suche in Bibliotheken und Archiven und fand weitere Beweise. Du
weißt, wie das ist, wenn man von diesem Informationsfieber gepackt wird. Ich sammelte und
sammelte Puzzlestücke und reihte sie aneinander.  Seit der ersten Information von
Michael Aldrich, daß Marihuana Hanf ist, waren 18 Monate vergangen. Und dann, Anfang
1975, nahmen Ed und ich einen Trip. Wir hatten auch schon vorher LSD oder Pilze genommen,
und wir hatten natürlich auch schon vorher über diese ganzen Hanf-Informationen
nachgedacht und geredet – aber in diesem Moment fügte sich auf einmal alles zu einem
Bild. Innerhalb von ein zwei Milli-Sekunden verarbeitete unser Gehirn all diese
Informationen, setzte sie neu zusammen und mit einem mal checkten wir es und alles war
ganz klar: Hanf kann die Welt retten! Wow, das ist es.

Aber man kommt ja wieder runter von dem Trip

– und sieht dann, wie absolut bescheuert die Idee war, die man gerade noch für den
Gipfel der Weisheit gehalten hatte.

Genau. Aber diesesmal war es ganz anders. Als wir
runterkamen und darüber nachdachten, wurde die Idee sogar noch besser, brillanter. Sie
war real. Für mich bedeutete diese Erfahrung eine völlige Transformation. Dasselbe
Gehirn, das noch vor zehn Jahren all diesen regierungsamtlichen Bullshit nachgeplappert
hatte, erkannte jetzt, daß sich diese Regierung der größten Ignoranz und der größten
Verbrechen, oder einer Mischung aus beiden, schuldig macht, weil sie die wertvollste,
nützlichste, gesündeste, sauberste Pflanze des Planeten verbietet und das Wissen
darüber unterdrückt. Wiegesagt: wir kannten alle diese Informationen schon länger, aber
jetzt erst zogen wir die Schlüsse daraus. Für uns war der Fall kristallklar – und
wir dachten, daß es nach Veröffentlichung dieser Informationen  höchstens noch
sechs Monate dauern könnte, bis  Hanf wieder vollständig rehabiliert und legal ist.

Es dauerte dann doch ein bißchen länger….

Selbst unsere Kinder und besten Freunde, denen wir
es erzählten, dachten: die zwei sind jetzt übergeschnappt. Und  die sogenannten
Marihuana-Experten von NORML und der “High Times” dachten dasselbe. Über fünf
Jahre lang konnten wir so gut wie niemanden überzeugen. Ich  eröffnete 1979 einen
Info-Stand auf der Promenade in  Venice Beach, wo ich die Flyer und Broschüren mit
der Hanf-Information verteilte und Unterschriften für die Wählerinitiative sammelte.
Dort entdeckte mich ein Reporter der L.A.-Times und der schrieb 1981 einen großen
3-seitigen Artikel über Ed und mich, den Info-Stand und die ganzen Hanf-Informationen.
Die Zeitung hatte ihn verpflichtet, alle unsere Behauptungen in einem Kasten zu prüfen
und zu dokumentieren. Dies war der erste Artikel in einem mainstream Medium, der zugeben
mußte, dass wir in jedem Punkt recht hatten. Und hatten wir bis dahin vielleicht hundert
Leute überzeugt, waren es jetzt schon einige tausend.

Aber es gab noch kein Buch, nur Flugblätter,
Broschüren und diesen L.A.Times Artikel…

Ich fand gar keine Zeit, mich hinzusetzen und ein
Buch zu schreiben. Aber 1984 ging ich ins Gefängnis, nicht wegen Pot, sondern weil ich
schon vorher 10 mal wegen meines Info-Stands mit Bußgeldern  belegt worden war. Auf
der Strand-Seite der Venice-Promenade waren damals keine Stände erlaubt, nur auf der
Land-Seite, aber diese Buden mußte man teuer mieten. Ich aber bestand darauf, daß mein
Hanf-Stand nicht-kommerziell und eine politische Information sei und baute jedes
Wochenende dort auf. Ja, und nachdem man mich zehnmal gezwungen hatte, ihn wieder
abzubauen wurde ich dann verurteilt: weil ich nach Einbruch der Dunkelheit auf
öffentlichem Gelände Stimmen für die Wähleriniative gesammelt hatte. Die Strafe betrug
5 Dollar, der Tarif aus dem Jahr 1943. Seitdem wurde er wohl auch nicht mehr angewendet,
weil dieser Straftatbestand etwas mit der Verdunklung während des 2. Weltkriegs zu tun
hatte,  aber für mich, für den Hanf-Krieg, wurde er wieder ausgepackt. Ich
verweigerte die Zahlung und auch die 1-jährige Bewährung, die damit verbunden war und
wurde deshalb zu 14 Tage Gefängnis verurteilt, in Terminal Island, Long Beach.

Den Info-Stand aber gibt es bis heute, auf der
Strand-Seite, die jetzt auch voll ist mit anderen Ständen…

Ja, das haben wir dann gegen die Stadtverwaltung
endgültig durchgesetzt, der Prozeß wurde gewonnen.

Aber erst mal gabs Knast wegen des Verstosses
der Hanf-Aufklärung gegen das Verdunklungsgesetz…

Am ersten Tag im Gefängnis las ich Cowboy-Romane,
etwas anderes gabs nicht, von Fernsehen und Radio ganz zu schweigen. 15 Minuten am Tag kam
man aus der Zelle: 5 zum Duschen, 5 zum Hofgang, 5 zum Telefonieren. Am zweiten Tag wurde
mir das zu blöd mit den Cowboy-Romanen, und ich setzte mich hin und begann zu schreiben.
Von morgens um 8 bis abends um 9 schrieb ich in diesen zwei Wochen alle unsere
Hanf-Informationen in einer längeren Version nieder – das war die Rohfassung des
“Emperors”. Ich war die meiste Zeit völlig ungestört, nur  ab und zu
wurden mal andere Häftlinge in meine Zelle verfrachtet, meist spanisch sprechende
Ladendiebe oder Bankräuber. Die lachten sich tot, wenn sie hörten, weswegen ich saß:
Verstoß gegen das “After Sunset”-Gesetz…

Gottseidank hat man diesen Schwachsinn gegen
Dich  durchexerziert, ihr verdanken wir letztlich das Entstehen des Buchs…

Ja, diese Isolation im Gefängnis zwang mich zur
Konzentration, draußen hätte ich es nie zwei Wochen am Stück geschafft, so ungestört
zu arbeiten. Und was noch dazu kam: daß ich im Gefängnis gewesen war, verschaffte mir
draußen plötzlich noch ein Stück mehr Glaubwürdigkeit. Aber das wichtigste war, daß
mir in dieser Zeit der Sammlung und Konzentration auf den Stoff, die ganze Sache nochmals
richtig klar wurde – und ich jetzt auch System, das hinter der ganzen Prohibiton
steckte, durchschaute. Die “Association of Prison Guards”, die Lobby der
Gefängniswärter, begann zu dieser Zeit gerade, politisch zu werden und sie hat heute den
größten Einfluß auf die amerikanische Politik. Sie machen  riesige
Wahlkampfspenden für Politiker, die ihre Interessen – schärfere Gesetze, höhere
Gefängnisstrafen – durchsetzen.. Deshalb sitzen heute in den USA mehr Menschen im
Gefängnis als irgendwo auf der ganzen Welt.

Fandest Du für das Manuskript nach dem
Schreiburlaub im Gefängnis gleich einen Verleger?

Ich machte erst einmal 200 Kopien von meiner
Rohfassung und schickte sie an Leute wie Michael Aldrich zur Überprüfung. Und dann
druckten wir im Dezember 1985 die ersten 10.000 Exemplare. Ich ging anschließend auf
verschiedene Vortragstouren in vielen Städten und brachte es unter die Leute. Innerhalb
von drei Monaten war die erste Auflage verkauft.

Eine Kopie dieser Auflage landete 1987 auf
meinem Schreibtisch. Doch es dauerte dann noch fünf Jahre, bis sich mit Zweitausendeins
in Deutschland auch ein Verlag fand, der das Buch drucken wollte. Ich habe es zuerst ja
selbst nicht geglaubt…

Es hat gedauert – aber dafür habt ihr eine
wunderbare Arbeit gemacht. Was das Überzeugen betrifft, machte ich dann eine interessante
Erfahrung. Zu  mir kamen Leute, die wollten für die Wählerinitative in Oregon das
Buch auf Zeitungspapier drucken und kostenlos unter die Leute bringen – und sie
hatten Geld für 90.000 Exemplare. Die brachten wir in insgesamt 12 Gruppen vor der Wahl
unters Volk. Weil die Verteilung aber nicht so gut koordiniert war, wurden manche
Wahlbezirke zwei Mal, drei Mal, einige sogar vier Mal beliefert. Und nach der Wahl
stellten wir fest  – wo einmal geliefert worden war hatten wir 25 Prozent Zustimmung,
wo zwei Bücher hingegangen waren 35 % und in den Bezirken mit 4 Lieferungen bis zu 65%.
Das hat mich gelehrt: wir müssen diese Information nur wieder und wieder und wieder unter
die Leute bringen – und wir werden gewinnen!

Die Initative für medizinisches Marihuana war
1996 in Kalifornien  endlich erfolgreich. Der erste wirklich Sieg über die
Prohibition seit 65  Jahren.

Es sind nicht die Leute, die irgendetwas
schlechtes an dieser wunderbaren Pflanze finden, es sind einzig und allein die Politiker.
Und sie halten ihre Lügen nur mit Millionen und Abermillionen von Steuergeldern am Leben.
Dieses Lügen, dieses Zurückhalten von Wissen und Information, ist ein Verbrechen. Jede
Regierung, die nicht morgen beginnt Hanf als Rohstoff, als Nahrungspflanze, als Medizin
einzusetzen müßte eigentlich bestraft werden– weil sie ihrer Bevölkerung
wissentlich die gesündere Alternative zu fossilen Brennstoffen, zur
Pestizid-Landwirtschaft, zu chemischen und pharmazeutischen Produkten vorenthält. Und sie
lieber vergiftet als ihr die Nummer Eins unter den Pflanzen dieses Planeten
zurückzugeben. Solange wir diese Politiker nichts aus dem Amt jagen,  solange leben
wir weiter in einem Polizeistaat, einem faschistischen System. Und tatsächlich: die
höchsten Wahlkampfspenden für Politiker in den USA  kommen nicht von der
Ölindustrie, der Chemieindustrie, der Pharmaindustrie. Sie alle spenden Millionen und
Millionen, aber am allermeisten spendet die Association of Prisonguards. Und was kriegen
sie von Demokraten und Republikanern zurück:  immer größere Strafen für immer
kleinere Vergehen.

Erstaunlicherweise  hat kein Präsident der
Vereinigten Staaten  in seiner Amntszeit mehr Gefängnisse gebaut  als Bill
Clinton!

Und niemand hat mehr Leute eingesperrt wegen Hanf
als er – gerade und erst recht nachdem das Volk von Kalifornien 1996 für Hanf als
Medizin gestimmt hat, gegen das ausdrückliche Votum von drei Ex-Präsidenten, die mit
Clinton deswegen extra im Fernsehen auftraten. Für keine andere Sache hat er solche
Unterstützung bekommen – und rächt sich jetzt mit dumpfer Repression. Dennoch haben
mittlerweile 300.000 Kalifornier  so wie ich eine Bescheinigung ihres Hausarztes,
daß sie Cannabis aus medizinischen Gründen benutzen. Und das bedeutet: sie dürfen es
anbauen, besitzen und rauchen, ohne das irgendein Bundesbeamter und auch nicht Präsident
Clinton, irgendetwas dagegen tun kann.

Das ist aber doch schon einmal ein riesiger
Fortschritt, ich wollte, wir wären in Europa in Sachen Medizin nur ansatzweise so weit.

Wiegesagt: es ist der erste wirkliche Sieg über
die Prohibiton seit 65 Jahren. Aber wirklich gewonnen haben wir erst, wenn alle Leute, die
nur wegen Hanf im Gefängnis sitzen, wieder frei  sind. Und vollständig rehabiliert
werden, weil sie mit ihrem Herzen und ihrer Seele die richtige Sache vertreten haben. Und
wenn die Hanf-Industrie, die bis heute sabotiert und behindert wird,  von den
schikanösen Gesetzen und Auflagen und Kontrollen befreit ist. Du bist mit dem HanfHaus
seit 1993 an der Pionier-Front der Hanf-Wirtschaft in Europa und kennst diese ganzen
Schikanen am besten. Und wegen was? Wegen winziger Mikrogrammspuren THC – einer der
ungefährlichsten, ungiftigsten, harmlosesten Substanzen, die die Pharmakologie kennt!

Ich hatte gerade eine Hausdurchsuchung und soll
jetzt angeklagt werden, weil wir im HanfHaus Vogelfutter verkaufen, das man heimlich zum
unerlaubten Anbau verwenden könnte…

Wegen Vogelfutter,  die sind doch völlig
wahnsinnig – weil die Gesetze, nach denen das geschieht, von vorne bis hinten auf den
alten Lügen über Hanf basieren. Und  auf allen Politikern, die sie wider besseres
Wissen am Leben erhalten. Regieren bei Euch nicht die Grünen ?

Ja, aber man merkt absolut nichts davon und wenn
das so weiter geht  werden sie es nicht mehr lange machen…

Aber ich sage Dir und wette darauf: Leute wie
Du und ich und alle, die sich heute politisch und ökonomisch für die Hanf-Revolution
einsetzen, werden mehr und mehr Einfluß bekommen. Schau Dir die Respektabilität, die
Hanf in Deutschland in den sechs Jahren gewonnen hat, seit Du die Information dort
zugänglich gemacht hast, und all diese großartigen Produkte aus Hanf  – und
wie würde es ohne diese Information aussehen ? Am Anfang hielten uns fast alle für
durchgeknallte Spinner, aber jetzt ?

Macht Dich immerhin die “High Times”
zum Hempster des Jahrhunderts… fragt sich nur, wann auch  das
“Time”-Magazin und die mainstream Medien soweit sind, Dich zum Titelhelden zu
küren. Dein Freund George meinte heute Nachmittag, das könnte auch nicht mehr lange
dauern?

(lacht) Keine Ahnung. Aber laß Dich wegen des
Hanf-Vogelfutters ruhig ins Gefängnis werfen: dann hast Du erstens Zeit für ein neues
Buch und sie machen Dich damit endgültig zum Superhelden des Hanfs in ganz Europa.

Das Gespräch wurde im September 1999 in Los Angeles geführt und erschien zuerst im Hanf!-Magazin

Hanf auf Rezept

Freund Seyfried hat dieser Tage auf Facebook einen seiner Hanf-Cartoons, aus dem Jahr 2001, wiederveröffentlicht, auf dem ich als Namensgeber einer Schule gewürdigt wurde. Das Buch “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf”, das ich 1993 mit Jack Herer herausbrachte – mittlerweile liegt die 43. Auflage vor – hat tatsächlich so etwas wie “Schule gemacht”: es hat die Augen der Öffentlichkeit für die nützlichen und heilenden Eigenschaften der Universalpflanze Cannabis geöffnet. Wenn auch dank einer irrsinniger Prohibtion nur im Schneckentempo setzen sich die Erkenntnise und Forderungen dieses Buchs Schritt für Schritt durch. So ist es jetzt seit dem 1.März deutschen Ärzten wieder erlaubt, medizinisches Cannabis ist Form von Hanfblüten zu verschreiben.

Hanf auf Rezept

DrPoppys

Meinen Nimbus als “Verschwörungstheoretiker” verdanke ich vor allem den Recherchen über reale Verschwörungen, die trotz akribischer Dokumentation von Fakten und Belegen so unglaublich schienen, dass sie nur einem verrückten Gehirn entsprungen sein konnten. Wie etwa die Behauptung, dass es sich bei Cannabis um eine der wertvollsten Nutz,-und Arzneipflanzen überhaupt handelt. Nach dem Erscheinen des Buchs “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf”, dessen deutsche Ausgabe ich mit Jack Herer 1993 herausgebracht hatte, erreichten mich etliche Anfragen von Ärzten und Pharmazeuten, die das Kapitel über die erstaunlichen und einzigartigen medizinischen Eigenschaften von Cannabis für Fiktion hielten: sie hatten davon während ihrer gesamten Ausbildung kein Sterbenswort gehört und in ihren aktuellen Handbüchern keine Zeile darüber gefunden. Eine der ältesten Heilpflanzen der Menschheit war nicht nur zur »flora non grata« geworden, auch das medizinische Wissen darüber war nahezu verschwunden.  Warum dies kein Zufall war, wer aus welchen Gründen an der umfassenden Prohibition der Hanfpflanze gedreht hatte und warum diese destruktive Politik schleunigst geändert werden sollte – all das war in unserem Buch zwar ausführlich dokumentiert. Doch in der Politik geschah nicht nur nichts, die Gesetze und die Jagd auf Hanfnutzer wurden in der Folge sogar noch verschärft; in “Die Drogenlüge” (2010) und “Kein Angst vor Hanf” (2014) habe ich diese weiteren Entwicklungen beschrieben. Und darauf hingewiesen, dass ein ein Gesetz zu Cannabis als Medizin, welches das Bundeskabinett heute verabschiedet hat und das die Verkehrs-, Verschreibungs- sowie Erstattungsfähigkeit von Cannabismedikamenten herstellen soll, nur ein erster Schritt sein kann. Nachdem nicht zuletzt unser Buch erreicht hatte, dass der  Hanfwirkstoff Tetra-Hydro-Cannabinol (THC) 1996 wieder in das Arzneimittelregister aufgenommen wurde und in der Folge in Form (halb-)synthetischer Tropfen (“Dronabinol”) wieder verschrieben werden konnte, war es nicht politische Einsicht, sondern allein der Druck der Patienten, die mit Gerichtsklagen dafür sorgten, dass auch die gesamte Hanfblüte als Arzneimittel rehabiliert wurde. Diese waren bis dato nur mit aufwändigen Ausnahmegenehmigungen erhältlich, künftig reicht ein normales Betäubungsmittel-Rezept des Hausarztes. Der Selbstanbau bleibt aber auch für Patienten nach wie vor verboten. Wo kommen wir auch hin, wenn Kranke sich mit einem Kraut, das ihnen hilft, im Garten oder auf der Fensterbank selbst versorgen…?  Vorallem wenn sich weiter  herumspricht, dass es sich um ein jahrtausendelang bewährtes und gut verträgliches Anti-Depressivum und Sedativum handelt, welches den “Gute Laune”- und “Gute Nacht”-Bestsellern der Pharmaindustrie den Rang ablaufen könnte: Da sind wir  dann  schon wieder mitten in der verschwörungspraktischen Frage, welche Lobby eigentlich an den Gesetzen feilt, die eine der ältesten Heilpflanzen der Erde nach wie vor der Prohibition unterwirft…

Hanf für alle!

20.04.15 21:59-Bildschirmkopie

Es ist jetzt schon bald ein Vierteljahrhundert her, dass ich mit Jack Herer das Buch “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” veröffentlichte, in dem sämtliche  Argumente und Dokumente versammelt sind, die ein Ende der Prohibition unausweichlich machen.  Als ich Mitte der 90er mit Jack auf Vortragstour war, kam in der anschließenden Diskussion oft die Frage, wie lange es denn mit der Legalisierung noch dauern würde – und meine Antwort “Nicht mehr in diesem Jahrhundert” wurde dann gern als zu pessimistisch ausgelegt. Wo jetzt doch die ökologische, ökonomische und medizinische Einzigartigeit dieser Pflanze so offensichtlich und eindeutig belegt sei, müsse dies doch morgen zu einer Änderung der Politik führen, dachten damals viele. Und unterschätzten die tiefsitzende Wirkraft der Mythen, die Harry Anslingers Anti-Marihuana-Kampagne in die Welt gesetzt hatten,  und die politischen und ökonomischen Interessen hinter dem “War on Drugs”.

Geht es denn jetzt, wo schon die konservative “Wirtschaftswoche” mit dem Wirtschaftswunderminister und Zigarrenliebhaber Ludwig Erhard auf dem Cover “Haschisch für alle” fordert und titelt “Spitzenökonomen fordern die Freigabe von Cannabis”, endlich voran ? Es wäre  natürlich höchste Zeit, dem Schwachsinn der Prohibition ein Ende zu setzen, aber angesichts der Dumpfbacken, die in Berlin und Brüssel Politik machen, würde ich auf die oben zitierte Frage  immer noch ähnlich “realistisch” antworten: “Nicht mehr in diesem Jahrzehnt.”

Keine Angst vor Hanf

WEST_Broeckers_Hanf_lay_3_1Das Fachblatt “thcene” hat ein Interview mit mir geführt, hier ein Auszug daraus:

Der Autor, Journalist und Schriftsteller Mathias Bröckers gilt als Pionier der Hanfbewegung. Vor mehr als 20 Jahren hat er gemeinsam mit Jack Herer Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf – in der Szene auch als „Gelbe Bibel“  bekannt – verfasst, das seit langem als Standardwerk über Hanf bezeichnet wird. Vor kurzem erschien nun sein neues Buch Keine Angst vor Hanf. thcene wollte wissen, ob dieses Buch ein Nachtrag zur „Gelben Bibel“ ist und was es für neue Erkenntnisse über die Nutzpflanze Hanf gibt.

 

Hallo Mathias, deine letzten Veröffentlichungen haben sich größtenteils mit Thematiken außerhalb des Hanfkosmos beschäftigt. Ganz besonders die  Bücher über „9/11“ dürften unseren Lesern bekannt sein. Was hat dich nun dazu bewegt, zwanzig Jahre nach dem Buch Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, was gerne auch als die „Gelbe Bibel“ bezeichnet wird, zu diesem Thema zurück zu kehren?

Ehrlich gesagt war ich nie wirklich weit „weg vom Hanf“. Im Jahr 2010 habe ich das Buch Die Drogenlüge veröffentlicht, in dem die Prohibitionspolitik im allgemeinen und deren politische Hintergründe beleuchtet wurden. Hier ging es natürlich nicht nur um Hanf sondern um die gesamte Illegalisierung von Drogen. Dazu kommt, dass die „Gelbe Bibel“ auch weitere Veröffentlichungen wie zum Beispiel erläuternde Bildbände zur Folge hatte. In diesem Kontext habe ich auch immer wieder Artikel geschrieben und wurde zu Podiumsdiskussionen eingeladen. In dem Buch, das ich mit Jack Herer geschrieben habe, wurde auf mehr als 500 Seiten eigentlich alles gesagt, was zu dieser Pflanze, ihrer Nutzbarkeit und ihrem Verbot zu sagen ist. Dass ich mich jetzt noch einmal hingesetzt und eine „nur“ knapp einhundert seitige Streitschrift zum Thema Hanf verfasst habe, hängt in erster Linie mit den Entwicklungen der letzten zwei Jahre zusammen. Dazu gehört unter anderem die Volksabstimmung in einigen Staaten der USA, die dazu geführt hat dass in mittlerweile 20 Staaten der USA medizinischer Hanf legalisiert wurde. Ebenso wichtig sind die Entwicklungen in Uruguay. All diese Bewegungen der letzten Zeit stehen im Kontrast zu den Fortschritten in Deutschland. Hierzulande scheinen die Uhren still zu stehen. Das berühmte Cannabisurteil des Bundesverfassungsgerichts ist mittlerweile auch schon 20 Jahre alt. Bereits damals wurde seitens des Gerichts geurteilt, dass keine Konsumenten verfolgt werden dürfen und dass eine geringe straffreie Menge festgelegt werden muss. Während rund um die Welt dahingehend sehr viel passiert ist, ist in Deutschland immer noch nichts geschehen. Deshalb habe ich all die Argumente, die für eine Legalisierung sprechen, prägnant und kurz zusammengefasst. Read more

Krieg gegen Medical Marihuana gestoppt!

31.05.14 09:16-Bildschirmkopie-2

Das “Marihuana Policy Project” feiert einen historischen Sieg: am 29. 5. entzog  der Kongress den US-Bundesbehörden die Mittel, das in 20 Bundesstaaten legale medizinische Cannabis weiter mit der “Drug Enforcement Agency” zu verfolgen: “The amendment (…) prohibits the Department of Justice, including the DEA, from spending funds to prevent states from implementing their own medical marijuana laws.” Sieben Mal schon stand die Gesetzesnovelle seit 2003 zur Abstimmung, jetzt erreichte sie mit 219 Stimmen eine Mehrheit, 170 Demokraten und 49 Republikaner stimmten dafür.

Damit dürfte der erste Schritt getan sein, die medizinischen Eigenschaften der Hanfpflanze in den USA nun auch bundesweit anzuerkennen – fast 20 Jahre nachdem die Bürger Kaliforniens dies per Volksentscheid taten und als erster Bundesstaat Patienten legalen Zugang zu ihrer Medizin gewährten. Als ich mit meinem Ko-Autor und Freund Jack Herer, einem der führenden Aktivisten dieser Kampagne, 1995 auf der Promenade in Venice Beach Flugblätter für die Volksabstimmung verteilte, hielten viele Passanten (und nahezu alle Politiker) die Argumente für die medizinische Verwendung für einen Trick: “Ihr wollt ja nur in Ruhe kiffen und erzählt uns einen von Medizin.” Doch  diese Unterstellung ist mittlerweile vollkomen obloset,  hunderte neue medizinische Studien haben die erstaunliche Heilwirkung von Cannabinoiden seitdem belegt. „Wäre Cannabis eine unbekannte Substanz und Biologen hätten sie in einer abgelegenen Felsenkluft in den Bergen entdeckt, würde das zweifellos als medizinischer Durchbruch bejubelt“, schrieb dazu der britische „Economist“ schon 2006, „Wissenschaftler würden sein Potential bei der Behandlung von Schmerzen bis Krebs preisen und über die umfangreichen pharmazeutischen Qualitäten staunen.“ So aber werden auch Patienten bis heute von Polizei und Justiz verfolgt, wenn sie sich die verbotene Medizin beschaffen oder in ihrem Garten anbauen. Das muß auch in Deutschland und Europa endlich ein Ende haben, deshalb haben Franjo Grotenhermen von der „Arbeitsgemeinschaft Cannabismedizin“ und andere im April 2014 eine Petition an den Deutschen Bundestag eingereicht. Wie können also gespannt sein, ob sich die von den deutschen Abgeordneten derzeit gern beschworenen “Wertegemeinschaft” mit den “amerikanischen Freunden” nur auf Militäreinsätze und Spitzelätigkeiten beschränkt….

P.S.: Meine kleine Streitschrift zum Thema “Keine Angst vor Hanf! – Warum Cannabis legalisiert werden muß”, die  gerade korrigiert und in Form gebracht wird, erscheint in Kürze als e-Book und Anfang August dann als Buch.

The Best Hemp Poster Ever Made

poster-hanf

Als ich vor mehr als 20 Jahren das HanfHaus startete, weil sich mit der Herstellung von Hanfpapier für “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” und  dem Erscheinen des Buchs eine große Nachfrage nach Produkten aus der nützlichsten Pflanze der Welt entstanden war, kam mir die Idee, die Geschichte und die erstaunliche Vielfalt des verbotenen Krauts auf einem Plakat darzustellen. Und weil mein Freund Gerhard Seyfried ein Meister der Zeichnerei und quasi der Erfinder des Wimmelbilds  ist, war klar, wer sämtliche historischen, botanischen und politischen Informationen auf über 500 Seiten des Buchs auf einem einzigen Bild unterbringen musste. Der Tatsache, dass er diesen Auftrag annahm, verdanken wir das beste und bunteste Hanfplakat aller Zeiten – oder, um es mit den Worten meines Ko-Autors Jack Herer auszudrücken, der es über dem Schreibtisch hängen hatte: “The Best Hemp Poster Ever Made!”
Seit gestern hat Gerhard eine neue Webseite mit Infos über seine Comics und Romane, sowie einem Shop, über die man das Poster online bestellen kann: http://gerhardseyfried.de/

Hanfdampf und seine Kriegsgewinnler

28.02.14 18:05-Bildschirmkopie-2

Die Zeitschrift “Transatlantik” (1980-1991) , mit der Hans Magnus Enzensberger versucht hatte, ein Essay,- und Reportage-Magazin im Stile des “New Yorker” in Deutschland zu etablieren, gehörte nicht nur als Leser zu meinen Favoriten. Als gelegentlicher Autor schätzte ich es noch viel mehr, denn außer guten Honoraren gab es dort ein in der alten Gutenbergwelt  äußert rares Gut: Platz. War ein Text gut, gab es keine Zeilen, – oder Seitenbeschränkung – man konnte so viel schreiben wie man wollte. Und so sagte ich natürlich freudig zu, als Reinhard Hesse im Sommer 1988 einen Transatlantik-Beitrag über Hanf bei mir bestellte – denn hier bot sich die Möglichkeit außer einem Report über die Szene, die Kiffer, Dealer und Drogenarbeiter auch die Informationen zu recherchieren, die mir kurz zuvor in Form eines kopierten  Buchs auf den Tisch gekommen waren – die Urfassung von Jack Herers “The Emperor wears no clothes – Hemp and the Marijuana Conspiracy”, deren umfganreich erweiterte deutsche Ausgabe ich dann 1993 herausbrachte. Sie liegt aktuell in der 42. Auflage vor.

Die Keimzelle für dieses Buch und der Anfang meiner Recherchen zum Thema war die 10-seitige Reportage für “Transatlantik” (3/1988) , in der die Geschichte der ordnungs-und industriepolitischen Hintergründe der Hanf-Prohibition erstmals erzählt wird. Als sie neulich  in einem Stapel wieder auftauchte, in dem ich etwas ganz anderes gesucht hatte,  fand ich sie beim Wiederlesen nach über einem  Vierteljahrhundert  immer noch spannend und durchaus aktuell. Deshalb hier aus der Reihe “Olide But Goldie” : Hanfdampf & seine Kriegsgewinnler (PDF, 3,8, MB)

Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf – 42. Auflage


In eigener Sache und in Sachen natürlicher Weltverbesserung ist anzuzeigen: die 42. Auflage des Buchs Jack Herer und Mathias Broeckers, das seit dem ersten Erscheinen 1993 gehalten hat was sein Titel verspricht: “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf.” Ich nehme ja gerne der Mund voll, aber in diesem Fall ist es wirklich mal angebracht: ohne dieses Buch wäre der nicht als Nutz,- sondern nur als “Schadpflanze” geltende Hanf immer noch diskriminiert und in jeder Hinsicht illegal. So aber ist zumindest seit 1996 seine Nutzung als Rohstoff  für  Textilien und als Lebensmittel wieder möglich, und 1998 ist der “Medizinalhanf” auch wieder in die Apotheken zurück gekehrt – wenn auch nicht als ebenso einfaches wie wirkungsvolles Kraut, sondern nur als teure pharmazeutische Zubereitung (Dronabinol) – aber immerhin. Als das Buch neu erschienen war bekam ich einige Anrufe von Ärzten und Pharmazeuten, die sich über die medizinischen Kapitel des Buchs wunderten: sie hatten während ihres Studiums kein einziges Wort über eine der ältesten Heilpflanzen der Menschheit gehört. Das hat sich geändert. Nach Jahrzehnten der Verbannung  sind die  Hanfwirkstoffe wie THC und weitere Cannabinole mittlerweile eine der heißesten Topics der aktuellen Pharmaforschung. Dass der Nutzen und die (relative) Ungefährlichkeit des Hanfs als Genußmittel immer noch nicht anerkannt und weiterhin mit den Mitteln des Strafrechts verfolgt wird ist eine Schande, aber auch hier ist, zumindest in den USA, langsam Land in Sicht. Im Vorwort der Neuausgabe habe ich dazu gesachrieben:

“Dass die Wahlen in den USA im November 2012 dem amtierenden Präsidenten Barack Obama eine zweite Amtszeit bescherten, war keine große Überraschung, für die Sensation des Wahltags sorgten vielmehr die Wählerinnen und Wähler in Colorado und Washington: sie stimmten als erste Staaten der Welt für ein Ende der Hanf-Prohibition und  eine grundsätzliche Legalisierung der Hanfpflanze als Rohstoff, Medizin und Genussmittel.  Selbst in den Niederlanden, wo der Verkauf in Coffeshops seit Jahrzehnten geduldet wird ist Cannabis de jure nach wie vor verboten und insofern markiert dieses Wahlergebnis vom 7. November 2012 ein historisches Datum. Genau 75 Jahre nach dem mit dem “Marijuana Tax Act” 1937 das Verbot der Hanfpflanze  in den USA begonnen hatte und  vom ersten US-“Drogenzar” Harry Anslinger nach dem 2. Weltkrieg in die UN-Gesetze gehievt wurde, ist im Mutterland  der Hanf-Verfolgung das Ende der Prohibition eingeläutet. Und damit der Beginn einer rationalen, schadensmindernden Drogenpolitik, die mit der Besteuerung und kontrollierten Abgabe von Cannabis einen Meilenstein für die USA und den Rest der Welt setzen wird. (…)

Als ich am Morgen nach der Wahl von diesem historischen Ereignis erfuhr musste ich zuerst an meinen Freund und  Ko-Autor dieses Buchs Jack Herer denken, der 2010 gestorben ist und ohne dessen unermüdliches Engagement dieses Wahlergebnis nicht denkbar gewesen wäre. Anfang der 1980er Jahre hatte er begonnen, die damals nahezu unbekannten und  unglaublichen Informationen über Hanf zusammenzutragen, zuerst auf einem Flugblatt, dann in einer Broschüre und 1985 in einem schmalen, selbstverlegten Buch –  „The Emperor Wears No Clothes“ – das dann in den USA drei erweiterte Auflagen erlebte und 1993 die Basis für diese nochmals stark erweiterte deutsche Ausgabe bildete. So traurig es ist, dass Jack Herer, der „Hempster of The Century“,  den politischen Durchbruch seiner Ideen nicht mehr persönlich erleben konnte, gilt es  angesichts  des Mehrheitsvotums in zwei US-Staaten umso mehr, sein Lebenswerk hoch leben zu lassen und zu feiern. ”

Die Neuausgabe  wird am 16. und 17. 3. auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt (am Stand der taz und des Nachtschattenverlags).

Rocky Mountain High

John Denvers alte Country-Hymne “Rocky Mountain High” wird nach diesem Wahltag in Colorado sicher noch oft geklickt, denn die eigentliche Sensation  des Wahltags  fand  nicht in Washington D.C. sondern in Colorado und Washington State  statt. In diesen Bundestaaten stimmte eine Mehrheit für die Legalisierung von Marijuana –  und dies nicht mehr nur zu medizinischen Zwecken, wie bisher schon in 17 US.Bundesstaaten, sondern grundsätzlich. Als Rohstoff, Medizin, und als Genußmittel für Erwachsene kann Hanf in diesen Bundesstaaten künftig legal angebaut, produziert  und verkauft werden.  Genau 75 Jahre nach dem mit dem “Marijuana Tax Act” 1937 das Verbot der Hanfpflanze  in den USA begonnen hatte und  vom ersten US-“Drogenzar” Harry Anslinger nach dem 2. Weltkrieg in die UN-Gesetze gehievt wurde, ist im Mutterland  der Hanf-Verfolgung das Ende der Prohibition eingeläutet. Und damit der Beginn einer rationalen, schadensmindernden Drogenpolitik, die mit der Besteuerung und kontrollierten Abgabe von Cannabis einen Meilenstein für die USA und den Rest der Welt setzen wird. Selbst in den Niederlanden, wo der Verkauf in Coffeeshops seit Jahrzehnten geduldet wird ist Cannabis de iure ja immer noch  illegal, Colorado und Washington sind somit die ersten Staaten, die sich  defintiv von der Prohibition und dem “war on drugs” verabschieden.

Die angenommenen  Gesetzesvorlagen in Colorado und Washington (Measure No.502) werden nicht nur den Verbraucher,-und Jugendschutz stärken und für eine deutliche Entlastung von Polizei und Justiz sorgen, die sich künftig um wirkliche Kriminelle kümmern kann, mit ihren Vorgaben, wie die neuen Steuereinnahmen zu verwenden sind – vorallem für Gesundheits,-und Bildungszwecke –  können sie auch  zum Vorbild für eine neue Sozial,-und Kommunalpolitik in den USA werden. Sowie zu einem Prüfstein für die Aussage in Obamas Siegesrede: “Das Beste kommt noch!” – denn auf Bundesebene hat sich der Präsident stets für eine Beibehaltung der Prohibtion ausgesprochen und zu Beginn seiner ersten Amtszeit auch noch die von Bush & Co. betriebenen Schikanen gegen die medizinische Abgabe in den  Bundestaaten fortgesetzt. Verfassungsrechtliche und politische Auseinandersetzungen sind  also zu erwarten.  Ob der neue alte “Hoffnungsträger”  dem  “Yes we can!” folgt, das die Wähler in Colorado und Washington einer überkommenen Drogenpolitik entgegen gesetzt haben, bleibt eine spannende Frage.

Als ich heute morgen vom Ausgang dieser Wahl erfuhr, mußte ich zuerst an meinen 2010 gestorbenen Freund und Ko-Autor Jack Herer denken, ohne dessen unermüdliches Engagement und sein bahnbrechendes Buch dieses Ergebnis nicht möglich gewesen wäre. Und es ist klar, welche feurige Rede der “Hempster of the Century” im Hanfhimmel heute halten wird: dass nämlich zwei Bundesstaaten viel zu wenig sind, weil es 47 weitere und den ganzen Rest der Welt auch noch gibt – und er erst  dann Ruhe geben wird, wenn die wichtigste Pflanze der Welt überall wieder legal geworden ist.

Anfang vom Ende der Hanf-Prohibition ?

Update: Dass Obama wieder gewählt wurde, ist keine Überraschung. Die Sensation fand woanders statt:  Nach den ersten Hochrechnungen  sind die Initiativen für die Legalisierung von Hanf/Cannabis/Marijuana  in Colorado und Washington  angenommen worden !!!

Seit Jahrzehnten habe ich mich in Artikeln und Büchern für eine Reform der Drogengesetzgebung und vor allem für die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen und das erste Buch, das ich mit Jack Herer vor knapp 20 Jahren dazu veröffentlichte – Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf – hat einiges in dieser Richtung ins Laufen gebracht, namentlich die landwirtschaftliche Nutzung von Hanf und die Wiederzulassung als Medizin. Auch wenn die überragenden Eigenschaften des Rohstoffs Hanf und sein Potential als  Heilmittel nach wie vor durch den unsinnigen “Krieg gegen Drogen” behindert werden, sind diese positiven Entwicklungen nicht mehr rückgängig zu machen. Am kommenden Dienstag nun könnten die Anstregungen für eine rationale Politik und einen Friedenschluß im Krieg gegen Hanf einen weiteren Schub erhalten: in einigen US-Bundestaaten steht neben der Abstimmung über Cola oder Pepsi Obama oder Romney auch die Legalisierung von Marijuana zur Wahl. Dabei geht es nicht mehr nur um die medizinische Nutzung, die bereits in 17 Bundesstaaten wieder legal ist, sondern um eine grundsätzliche Freigabe und Besteuerung als Genußmittel für Erwachsene. Und nach den letzten Umfragen in den Staaten Washington und Colorado scheint es eine deutliche Mehrheit dafür zu geben. Wenn sich diese Prognosen am Wahltag bestätigen wäre das ein Durchbruch, der nicht nur im Mutterland der Hanf-Prohibtion Folgen hätte „Diese Abstimmungen”, so Gerog Wurth vom Deutschen Hanf Verband, ” sind für uns das Ereignis des Jahres. Die Legalisierung in Colorado und Washington wird mittelfristig Wellen bis nach Deutschland schlagen. Das ist der Anfang vom Ende des weltweiten Cannabisverbots.“

Selbst bei einem positiven Ausgang bleibt indessen offen, wie lange sich dieses Ende noch hinziehen kann;  in meinem letzten Buch zum Thema – Die Drogenlüge – werden die Faktoren benannt, die eine vernünftige Drogenpolitik bis heute verhindern: die Profite die dank der Prohibtion gemacht werden – und die Beharrlichkeit der Desinformation, die seit einem Jahrhundert ein irrationales Tabu zementiert. Dies wird nicht von heute auf morgen  zu brechen sein, selbst wenn die Bevölkerung in Washington und Colorado sich davon jetzt endgültig verabschiedet – aber ohne Frage: ein Anfang wäre gemacht. Es gibt viel zu tun, pflanzen wir’s an!

Viel Rauch – und nichts!

Marihuana schadet der Lunge nicht nur weniger als Tabakrauch, es verbessert sogar ihre Funktionen – so das Ergebnis einer jetzt im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA veröffentlichten Langzeitustudie. Bei dieser “Coronary Artery Risk Development in Young Adults” (CARDIA) – Untersuchung wurden  bei 5115 Männern und Frauen seit 1985 regelmäßig die Lungen und das Atemvolumen untersucht. Ein Drittel der Probanden rauchte gelegentlich oder regelmäßig Marihuana und zeigte – anders als die TabakkonsumentInnen – auch nach 20 Jahren keine Einschränkungen der Lungenfunktionen und Atemkapazität. Zum Erstaunen der Forscher  wurde in der Marihuana-Gruppe sogar ein Anstieg des Lungenvolumens und der Kapazität festgestellt. Eine  Erklärung für dieses Phänomen haben die Wissenschaftler nicht gefunden – außer dem eher fragwürdigen Hinweis, dass  beim Marihuanakonsum fester am Joint gezogen wird als beim Tabakrauchen an der Zigarette und die Lunge sich deshalb auf Dauer ausdehnt.
Diese Ergebnisse, kommentiert das Deutsche Ärtzteblatt die Studie, “bedeuten nun nicht etwa, dass Marihuana unschädlich ist.” Auch wenn es aus lungenärztlicher Sicht keine Bedenken mehr gegen den medizinischen Einsatz  von Cannabis zur Behandlung von Schmerzen Appetitmangel oder Stimmunstsörungen gäbe, müßte berücksichtigt werden, dass  der “langfristige Konsum vor allem bei jungen Menschen mit der Entwicklung von mentalen und psychotischen Störungen in Verbindung gebracht wird.”
In der Tat ist Cannabis bei etwa 1 % der Bevölkerung, die an einer latenter Psychose leiden, kontrainduziert, was sowohl für Patienten als auch für Genußkonsumentinnen gilt. Doch die im  Zuge der Dämonsierungswelle immer wieder aufgetischte Warnung, dass Hanfrauch noch viel schädlicher sei als Tabakrauch und schon deshalb verboten gehört,  sollte mit dieser Studie endgültig vom Tisch sein.  Die Bedeutung von “einen durchziehen”  (wenn es nicht wie in europäischer Unsitte mit einer Tabakmischung geschieht)  könnte statt mit üblem Gequalme eher mit einer Wohltat für die Atemwege assoziiert werden – zumal wenn beim Cannabiskonsum, wie im medizinischen Bereich und gesundheitsbewußten Privathaushalten schon weit verbreitet, gar kein Rauch mehr entsteht, weil das Marihuana oder Haschisch in einem Verdampfer (Vaporizer) nur noch auf 185 Grad erhitzt wird. Inhaliert werden nur noch die verdampften aromatischen Öle und der darin enthaltene Wirkstoff  Tetra-Hydro-Cannabinol (THC).

Dass der Wirkstoff THC  krampflösende Wirkung ist seit Jahrtausenden bekannt  und der Grund für die weltweite Verwendung von Cannabis als Medikament. Dass dieser lösende, öffnende, entspannnede Effekt auch auf die Bronchien wirkt, weiß man ebenfalls schon lange. “The better the cough, the better the gras” pflegte der amerikanische “Hanfpapst” Jack Herer deshalb zu sagen, wenn sich jemand nach dem Zug an seinem Joint vor Husten auschüttelte: “Je besser der Husten, desto besser das Gras”.  Anders als Tabak, der die Bronchien verschließt,  befördert der Hanfhusten den Dreck nach außen. Insofern  sind die Ergebnisse dieser Studie  dann auch gar nicht mehr überraschend , sie entdecken nur einmal mehr ein Wissen, dass in der Geschichte und im Untergrund schon lange vorhanden war.

Umso gebotener scheint, dass dieses nunmehr wieder allgemein anerkannte Wissen in Politik und Gesetzgebung Berücksichtigung findet. In der allgemeinen Drogenpolitik, die ihre Hauptbeschäftigung immer noch in der Jagd auf Cannabis hat, und noch dringender im Umgang mit Patientien, denen der medizinische Gebrauch von Cannabisblüten nach wie vor gesetzlich verboten wird. Doch schwer kranke Menschen zu zwingen,  synthetisch hergestelltes THC für 150 Euro zu kaufen – ein Schmerzpatient kommt so auf Kosten von bis zu 500 Euro im Monat – obwohl sie ihr Medikament für einen Bruchteil des Geldes auf dem Balkon oder im Garten wachsen lassen könnten, –  solche Schikanen werden nach dieser neuen Studie noch ein Stück schwieriger zu begründen sein.

 

Kick Out The Jams, Motherfuckers!

Der Drogenkriegs-Unsinn hört einfach nicht auf. Gerade war ich mal wieder ein paar Tage in Amsterdam, wo die niederländsiche Regierung jetzt vorhat, Cannabis mit einem THC-Gehalt von über 15 % als “harte Droge” einzustufen. Danach würde ein Großteil des in den Coffeeshops verkauften Marihuanas unter ein Verkaufsverbot fallen. Zumindest für kurze Zeit, denn ebenso wie in den letzten Jahren die “hochprozentigen” Sorten zugenommen haben, würden dann eben wieder auch Sorten angeboten werden, die unter dem ominösen Grenzwert liegen. Grundsätzlich würde diese Regelung also nichts ändern, für die Verbraucher könnte sich dadurch immerhin der Vorteil ergeben, dass die Cannabinoidgehalte angegeben werden müssen. Aber an derart umfassendem Verbraucherschutz liegt der Drogenpolitik bekanntlich wenig – und so ist auch diese Maßnahme nur einmal mehr der Versuch, mit juristischen und bürokratischen Hürden das Rad zurück zu drehen und die Grower und Coffeshopbetreiber zu drangsalieren. Und wenn die Sache durchkommt den illegalen Import von Haschisch wieder anzukurbeln und das heimisch gewonnenen Gras in den Coffeshops zurückzudrängen. Also kontraproduktiv in jeder Hinsicht und einmal mehr eine weitere stumpfsinnige Maßnahme einer grundsätzlich verfehlten Politik.

Wie ja überhaupt  die Warnungen vor Cannabis mit hohen THC-Gehalt – das außerhalb Hollands auf den europäischen Märkten eine eher unbedeutende Rolle spielt – so etwas wie ein letztes Gefecht der Prohibitionisten ist. Nachdem ihnen sämtliche “Mörderkraut”-Argumente zerpflückt worden sind wird jetzt mit Vorliebe vor dem gefährlichen “Turbo”-Gras gewarnt, das man mit dem Stoff der Hippiezeit nicht mehr vergleichen könne. Daran ist wahr, dass es heute tatsächlich sehr viel THC-reichere Hanfsorten gibt als vor 40 Jahren, unwahr ist, dass sie dadurch “gefährlicher” geworden sind. Gefährlich ist vielmehr die Situation des Grau,-oder Schwarzmarkts, die keinerlei Schutz vor gefährlichen Beimischungen bietet und aufgrund fehlender Gehaltsangaben keine korrekten Dosierungen ermöglicht. Sowie der auch in Holland immer noch illegale und deshalb klandestine Indoor-Anbau, der auf schnellstmögliche Blüten-und THC-Produktion setzen muß. Deshalb, so erzählt mir ein erfahrener Hanf-Genetiker, werden für die Coffeeshops fast nur  schnelle Indica-Sorten auf Tempo produziert – Gras das eher “stoned” macht als “high”, was allein mit dem  THC-Gehalt wenig zu tun hat.

Über derlei Feinheiten hatten  wir schon 1994 gebrütet, als Jack Herer in der Jury des Cannabis-Cups war und wir drei Tage Zeit hatten unter den  besten neuen Sorten einen Favoriten zu küren. Wir hatten uns für die Blüten in Beutel Nr. 5 entschieden, wie auch die meisten anderen Juroren, denn diese Sorte, eine Züchtung der Sensi Seed Bank, gewann – und Sensi-Chef Ben Dronkers benannte sie nach dem Emperor of Hemp: Jack Herer. Sie ist heute nicht nur eine der beliebtesten Cannabis-Sorten in den Coffeeshops, auch bei den in den in Holland verschreibungsfähigen Hanfblüten aus der Apotheke handelt es sich um “Jack Herer”. Der THC-Gehalt ist auf der Dose mit 19,5% angegeben. Ein paar Krümmel, schadstoffarm per Vaporizer oder konventionell in Pfeife oder Joint, reichen – und…hui!!!! So muß Medizin wirken. Dass sie von einem Haufen Hippies in einem vernebelten Hotelzimmer in Amsterdam “entdeckt” wurde, mag zwar nicht den gesundheitsamtlichen Testmethoden entsprechen, aber hey: wer heilt hat recht. Und es ist eine gottverdammte Schande, dass Krebs,- MS,- Glaukom,- Schmerz,- und tausenden anderen Patienten in Deutschland diese ebenso wirksame wie unschädliche und preiswerte Medizin vorenthalten wird.

Zum 40. Mal jährt sich alsbald die Freilassung von John Sinclair, dem Autor, Musiker, Mitgründer der “White Panthers” und Manager der Proto-Punkband “MC 5”, den man 1969 wegen zwei Joints, die er an Undercover-Agenten weitergegeben hatte,  für zehn Jahre wegsperren wollte. Nach weltweiten Protesten und einem “Free John Sinclair”- Benefit, das Abbie Hofman, John Lennon, Yoko Ono, Stevie Wonder und andere Freunde organisiert hatten, kam er im Dezember 1971 frei.  Er ist bis heute on the road, in Amsterdam, in London oder in der (sterbenden) MotorCity Detroit, wo das Jubiläum seiner Freilassung dieses Jahr gefeiert  wird, mit vielen der Unterstützer von einst. Angesichts der gärenden, prä-revolutionären “Occupy”-Bewegung  ist der wütende Schrei, mit dem “MC 5” einst den Rock’n Roll in Rock’n Revolution transformierte – und mir als 15-jährigem sämtliche Nackhaare massierte – denn auch aktueller denn je: Kick Out The Jams, Motherfuckers!

Hanf!

Heute vor 15 Jahren war in Californien “Prop.215” – die Volksabstimmung zur Legalisierung medizinischen Marihuanas – erfolgreich. Einige Wochen zuvor hatte ich noch mit meinem Ko-Autor und Freund Jack Herer  an seinem Stand auf der Promenade in Venice Beach Flugblätter für die Kampagne verteilt, wie Jack es seit Jahren dort jedes Wochenende tat. Ohne sein bahnbrechendes Buch und ohne sein kompromißloses Engagement wäre dieser große Erfolg kaum denkbar gewesen.  Doch für ihn war es nur der Sieg in einer ersten Schlacht, er kämpfte bis zum seinem Tod im April 2010 weiter – gegen den Irrsinn des Drogenkriegs und für die völlige Rehabilitierung der Hanfpflanze. Dass mittlerweile 12 weitere US-Bundestaaten dem kalifornischen Beispiel gefolgt sind geht insofern ebenfalls mit auf Jack Herers (Hanf-)Kappe – und dass inzwischen die Zustimmung für “Medical Marihuana” in der US-Bevölkerung etwas zurückgegangen ist hätte ihn gefreut, denn gleichzeitig hat die Zahl derer, die einer grundsätzlichen Legalisierung zustimmen, erstmals die 50 % Marke überschritten. Und dass selbst republikanische Präsidentschaftskandidaten jetzt  eine Amnestie für alle Marihuana-Gefangenen wird  Jack Herer im Hanfhimmel ein brüllendes “Hemp Hemp Hurrah!” entlocken – sowie den Nachsatz: “Aber gefälligst mit einer ordentlichen Entschädigung!”

Die ist natürlich allemal drin, wie ein kurzer Blick auf die Prohibitionsuhr zeigt, auf die aberwitzigen Kosten, die der Terror des “Kriegs gegen Drogen” verursacht. Dass dieser  Wahnsinn endlich gestopt und die freigesetzen Mittel in eine rationale, schadensmindernde Drogenpolitik investiert werden – für dieses Ziel ist die Cannabis-Legalisierung der längst überfällige erste Schritt.  Zumal wenn man die Erkenntnisse der medizinischen Forschungen über das Cannabinoid-System betrachtet, die in den letzen beiden Jahrzehnten gewonnen wurden. Als ich 1993 die deutsche Ausgabe von Jack Herers ” The Emperor wears no clothes” herausgegeben hatte erhielt ich zahlreiche Anfragen von Ärzten, die sich über die medizinischen Informationen und Dokumente in diesem Buch wunderten: sie hatten von den Heilwirkungen des Hanfs noch nie etwas gehört. Doch dieses aus den Bibliotheken und Fachbüchern verschwundene Wissen ist mittlerweile mit einer solchen Macht zurückgekehrt, das man angesichts der zahlreichen Studien schon fast den Überblick verliert – bzw.  angesichts dieser universellen Wirksamkeit des Hanfs nur staunend feststellen kann, dass es sich eben doch um eine “Wunderpflanze” handelt. Darauf deutet auch die neueste Entdeckung hin: die körpereigenen “Endo-Cannabinoide” spielen offenbar eine zentrale Rolle für die wunderbarste Heilwirkung überhaupt, den Placebo-Effekt.

Es waren in den vergangenen Jahrhunderten immer die Krisenzeiten, in denen man sich auf die Universalpflanze Hanf zurück besann – und angesichts des absehbaren Crashs der Finanz,- Renten, -und Gesundheitssysteme könnte es bald wieder so weit sein. Keine andere Pflanze kann die Menschheit besser mir Nahrung, Kleidung, Energie und Medizin versorgen als Cannabis sativa. Es gibt viel zu tun…pflanzen wir’s an!

Next Page »