Revolutionsmusik

Mit der kulturindustriell produzierten “Revolutionsmusik” ist es bekanntlich eine zweischneidige Sache: zum einen ist es von oben gesteuerter, zum Geschäft gemachter “Protest”, zum anderen aber auch von unten kommende, authentische, radikale  “Rock-Power”.   “Wie musikalisch ist die Revolution ?” fragte Helmut Salzinger, Deutschlands erster “Poptheoretiker”, 1972 in einem Buch “Rock-Power” – ohne eine schlüssige Antwort zu finden, aber mit großen Hoffnungen auf das politische Potential, das in den Texten, Haltungen, Lebensstilen der Woodstock-Generation aufgebrochen war. Die währten nicht allzu lange…als ich Helmut Salzinger in den 80ern kennenlernte, hatte er sich schon in die Moore der Wesermarsch zurückgezogen und schrieb auf seiner “HEAD-Farm” am liebsten Naturgedichte. Den  Kopf von “Jonas Überohr” hätte ich jetzt gern konsultiert als die Nachricht kam, dass dem Übervater der politischen Popmusik – Bob Dylan – im Weissen Haus der Presidential Freedom Award verliehen wird. Von einem Präsidenten , der in seiner Amtszeit mehr Bomben geworfen und Leichen produziert hat als jeder andere Mensch auf der Welt,  einem waschechten Master of War.

O tempora, o mores – aber die Musik brauchen wir trotzdem (oder erst recht) , wie den einfachen Riff auf der ersten “Revolutionsplatte” meines Lebens, Street Fighting Man,  den man auf der Wanderklampfe nie so genau hinbekam, weil Keith Richards ihn in Open-G-Tuning und mit Kapo spielte – und den kreischenden Chuck-Berry-Lick von John Lennon, meine Revolutionsplatte Nummer zwei, schon gar nicht. Dann Berlin, der Mariannenplatz war blau soviel Bullen war’n da …und “Schreibt die Parole an jede Wand: KEINE MACHT FÜR NIEMAND. Die “Scherben” waren großartig, aber seit ihre Mucke seit hundert Jahren auf jeder Demo läuft, kann man sie irgendwie auch nur noch einmal im Jahr hören. Tolle Musik, aber vorbei – so wie Fela Kuti (International Thief Thief), Bob Marley (Get up, stand up), die Clash (Revolution Rock) und Gil Scott-Heron (The Revolution Will Not Be Televised) – aber gefacebooked, getwittert und gesimst wird sie auch nicht. Ja, was legen wir denn auf,  Talkin Bout Revolution am 1. Mai ?

Vielleicht die Söhne Stammheims  – “Endlich sind die Terroristen weg, endlich kann nichts mehr passieren” – aber der böse Mann mit dem kleinen Bart ist immer noch da. Oder Englands musikalischste Anarcho-Truppe, Alabama 3,  (“The best live band in the country”, Guardian),  die außer dem als “Sopranos”-Titelsong verewigten Welthit “Woke up this morning, got myself a gun” auch Neues auf Lager haben, wie den schönen Titel THERE WILL BE PEACE IN THE VALLEY…WHEN WE GET THE KEYS TO THE MANSION ON THE HILL. Oder ein bißchen Techno-Dancefloor aus den 90ern, “Open Your Mind” von U.S.U.R.A , mit 1a Illuminaten-Symbolik und anschließend den 9/11-Hit in ganzer Bandbreite “Selbst gemacht”, sowie einem Seufzer, dass doch alles dumpf weiter geht wie gehabt, weil Leider Geil ?

Ok, dass es mit der Revolution noch nichts geworden ist, liegt nicht an der Musik. “This Machine Kills Fascists” hatte Woody Guthrie – Bob Dylans großes Vorbild – auf seine Gitarre geschrieben, was schon 1941 ein etwas zu vollmundiges Prädikat für eine Sperrholzkiste mit sechs Drähten war-  und 1965 ff., als die Kisten elektrisch und laut wurden, ist es das immer noch.  Und doch ist die mobilisierende, inspirierende, transformierende Kraft der Musik nicht zu unterschätzen: wenn sie von der Seele kommt und die Seele erreicht kann sie sich allen Verwertungszusammenhängen entziehen.  Auch wenn der Musiktheoretiker Adorno die Popmusik jenseits des Tango nicht mehr verstand und über Blues, Jazz und Swing nur Unsinn verzapfte, die essentielle, kollektive  Kraft von Musik hatte er sehr wohl verstanden: “Wer singt ist nicht allein” und: “Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst”. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein frohes Lied und einen “revolutionären” 1. Mai.
(Falls einige der verlinkten Videos nicht gezeigt werden, die youtube-Adresse einfach hier eingeben.)

8 Comments

  1. ein maler und ein musicus
    so wand an wand das gibt verdruß
    (w. busch)

    jeder hat so seine eigene kunstform, wie er seine gefühle ausdrückt (klar, wenige finden alle kunstformen für sich wichtig, andere gar nix!) aber ich bin als zeichner und schüttelreimer eher nicht so beschlagen, was musik angeht, obwohl ich natürlich gerne musik höre, aber es ist eher hintergrundrauschen und rhythmus… oder sagen wir besser… es ist das zuckerle, welches den störrischen esel in mir die kraft gibt.

    andere würden meine musik für banal halten, tja

     
  2. Hach ja, schöne Musik… (vor allem der Unblock-Youtube Link ist klasse, kriegt gleich ein Lesezeichen).
    Und eh jetzt hier wieder Superexeperten angewackelt kommen und beweisen, dass Sex, Drugs & Rock’nRoll sowie die gesamte Protestbewegung ein 100% von oben gesteuerte Stunt war, sag ich schon mal: bei mir nicht!
    Bei mir haben Beatles & Stones, Haschisch & LSD im Summer of 69 absolut gewirkt – ohne sie wäre ich heute ein anderer Mensch, einer, den ich gar nicht kennenlernen möchte.
    Die Musik höre ich heute nur noch selten und Drogen nehme ich nur äußerst selten – aber Gottseidank gab es sie und sie halfen mir auf den richtigen Weg.

     
  3. darf an so einem schönen – und hier schön gefeierten – feiertag nicht fehlen:

    Ladies & Gentlemen, the invincible, immortal R. A. Wilson…:

    Hurray, hurray, it’s First of May,
    Outdoors fuckin’ starts Today!

     
  4. @OBI am 01.05.2012 um 14:56 Uhr

    “Hach ja, schöne Musik”… Geschmackssache, sprach der Affe und biss in die Seife. Dein “richtiger” Weg macht ja echt neugierig. Wohin hat Dich die “Yellow Brick Road” des Summer of Love ab 1969 geführt, OBI ?

    Hartz 4 ?
    Vorstand Deutsche Bank ?
    Nackt-Saddhu ?
    Stuntman ?

    @antagonistica84 am 01.05.2012 um 16:13 Uhr
    Genau…..Entsperrung ist angesagt…

    http://www.stern.de/panorama/us-freiheitsmedaille-obama-will-bob-dylan-und-schimon-peres-ehren-1819305.html

    Bob Dylan, Shimon Peres, Madeleine Albright sollten zur Verleihung schon mal ein a Capella einüben: “Crime that pays is crime that stays”

    Denn es gilt ein scheußliches Overkill-Summit zu toppen. Mr. Big Ear mit ahnungslosen Rock-Deppen und verdienten Nutten ihrer Kunst in the White House
    http://www.youtube.com/watch?v=BIZAS_tOYOo

    Obama als Mandschurei-Kandidaten kann man aber gar nicht böse sein. Erstems hat er NICHTS zu melden, und zweitens einen mainstreamig hippen Musik-Geschmack, der den Bröcki im Bremsstreifen überholt
    http://www.abendblatt.de/vermischtes/article2185539/Der-Soundtrack-des-Weissen-Hauses-jetzt-im-Netz.html

    Beim Blog-Chef herrscht halt das liebgewonnene Rückspiegel-Musike-Biedermeier, das zwar nur als Karikatur von neuen “Vormärzen” kündet….aber es gibt Schlimmeres:

    Wie wär’s z.B. mit Adorno, enthüllt als Songschreiber der Beatles und Mind-Control Experte der Cultural Subversion. In einer Welt reiner Absurdität am Ende sogar noch zutreffend und eine echte Punktlandung.
    Do the Investigation, but “Don’t think twice….its allright” Bob Dylan…..LoL
    http://www.youtube.com/watch?v=f8NzHfd_bmo

    Na ja,..was soll’s überhaupt…schließlich haben anno 2012 eine “Bessere Welt, Rock Musik und Genozid ” sehr viel gemeinsam …..It’s all Mafia-Entertainment, People, und echte Revolutionen, wo Musike drin ist ( EFSF-ESM ), laufen bekanntlich geräuschlos ab.

     
  5. @roc: ich habe gemacht wozu ich Lust hatte !!! Zum Beispiel einen Heimwerkermarkt zu eröffnen oder das Otto Bier Institut zu gründen. 😉 Also ganz die Parole: Mach dein Ding. Die Beatles, die Stones und auch Ton Steine Scherben haben mich mit ihren Texten und Songs bestärkt, dieser Parole zu folgen.

    Der Vollpfosten, der in deinem verlinkten Video Adorno zum Kopf der Beatles macht gehört exakt zu den Verschwörungsdeppen, die mir mit ihrer Idiotie auf den Keks gehen. Für dich ist dieser Mumpitz eine “Punktlandung” ??? Na klar – wenn man “Twist and Shout” rückwärts laufen lässt hört man ja auch eindeutig die Schreie von Teddy Wiesengrund:” I can get noch satisfaction without satanic resurection”. Und was sagt der Investigativ-Journalismus zu diesem teuflischen Mafia-Entertainment ? – Er schweigt! Da ham wir’s doch wieder…

    Uuuuaaaah, wir werden alle geräuschlos sterben – nur unser Häuptling Big Ear, Rocky Roc, hört sogar geräuschloses Gras wachsen. Dumm nur das zwischen seinen Ohren oft Vakuum herrscht…

     
  6. ich muss schon wieder weinen vor lachen:

    geht nicht weil:

    “zum einen ist es von oben gesteuerter, zum Geschäft gemachter “Protest”,”

    ach, ist das herrlich. Von oben gesteuerte Musik. was soll uns das sagen?

     

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