22
Nov, 2014

Neulich beim Feindsender

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Es war schon dunkel um halb fünf und die Hausnummer hatte ich auch vergessen – aber da vorne standen zwei Sicherheitsmänner mit Bärenfellmützen, da mußte er sein, der Eingang zu „Putins Propagandakanal“ (FAZ) „rt“. Am Tor stellte ich mich vor: „Ich bin zu einem Interview eingeladen“. Der Wachmann nickt, öffnet eine kleine Tür und deutet mir an, ihm zu folgen. Gleich rechts in der Hofeinfahrt betreten wir einen kahlen Raum, in dem ein Tisch, eine Bank, zwei Stühle und ein Metalldetektor standen, wie man ihn vom Flughafen kennt. Der Wachmann legt seine Kalaschnikow auf die Bank: „Kleiner Sijcherheitscheck“, sagt er mit russischem Akzent, und zeigte auf die Plastikkiste, in die mich meinen Tascheninhalt legen sollte. Auch mein Rucksack wird akribisch untersucht, die Schuhe immerhin darf ich anbehalten und als der Detektor nicht piepst, sagt er: “Okay, folgen Sie mir.” Durch einen langen, spärlich beleuchteten Gang, vorbei an zwei weiteren Sicherheitsposten gelangen wir zu einer Metalltür, die der Wachmann mit einem Chip öffnet, mich einläßt und hinter mir schließt. “Herr Bröckers, guten Abend” sagt eine ältere Dame mit Brille und Dutt, die mir hinter ihrem Schreibtisch zunickt, “der Chefredakteur erwartet Sie schon.” Sie drückt einen Knopf, die Tür neben mir springt auf und ich trete ein. In einem Großraumbüro hätten in diesem Raum mindestens zehn Schreibtische Platz, hier aber steht nur einer, mindestens drei Meter breit. Der Stuhl dahinter ist leer, bevor ich aber die seitlich auf dem Schreibtisch stehende Büste aus hellem Gestein untersuchen kann – ist das wirklich Putin? – erheben sich aus der Sitzecke rechts neben mir mindestens drei Zentner Lebendgewicht auf mindestens zwei Meter Raumhöhe: “Ah, unser Studiogast, ich begrüße sie”. Die Hand, die mir der Chefredakteur mit breitem Grinsen entgegenstreckt, könnte mein Handy zerbröseln wie einen Spekulatiuskeks, “nehmen Sie Platz!” Auf dem Tischchen vor uns eine Flasche Wodka, zwei Gläser und ein Briefumschlag. “Das ist für Sie, wie vereinbart, 2000 Euro in bar, und noch einmal die Liste, die wir ihnen schon gemailt haben. Wie gesagt, sie können frei und locker über alles sprechen, sie haben 10 Minuten, tun Sie sich keinen Zwang an, nur die Stichworte auf der Liste sollten auf keinen Fall thematisiert werden, aber….” –  der Chefredakteur reicht mir das Kuvert und füllt die beiden Gläser –  …”zu ihrer und unserer Sichehrheit haben wir ja auch bewaffnetes Wachpersonal im Studio.” Er erhebt das halbvolle Wasserglas und grinst:  “Also – wir verstehen uns, auf gutes Gelingen. Nastrovje!”

Dass ich beschliesse, es meinem Gegenüber nicht gleich zu tun und den mindestens vierfachen Schnaps auf einen Hieb runterzukippen, ist das Letzte, an das ich mich erinnere. Schon nach dem ersten vorsichtigen Schluck wird mir schummrig. Ich höre noch die Stimme des freundlichen Kollegen, der mich vor dem “Feindsender” warnte und dem ich geantwortet hatte, dass doch  “Wehrkaftzersetzung” seit je zu meinen edelsten Zielen zählt. Dann wird alles schwarz. Ich höre nur noch ein zischendes Geräusch und bin plötzlich in einem hell erleuchteten Raum, um mich herum wuseln lauter junge Leute mit iPads, durch die offenen Bürotüren sieht man weitere vor Bildschirmen und  Reglern sitzen und ein Blick aus dem Fenster zeigt: wir sind am Potsdamer Platz mitten in Berlin. Die Redakteurin begrüßt mich, eine Assistentin bringt Mineralwasser, die Moderatorin kommt auf Heels in Bleistiftlänge zum Vorgespräch, wird über Knopf im Ohr aber erst noch zu einer Stellprobe gerufen, alle scheinen ein bißchen aufgeregt. Dann beginnt der Vorspann und während der Nachrichtenüberblick noch läuft winkt mich der Produktionsleiter auf einen Plastikhocker ins Studio:

 

 

Kommentare

16 Kommentare zu “Neulich beim Feindsender”

  1. required am 22.11.2014 um 23:14 Uhr 

    Hab den Artikel noch nicht gelesen aber den RTd Beitrag gerade gesehen
    Bei aller Symphathie für die Beteiligten muss ich sagen,
    der Auftrit bei RTdeutsch war leider komplett für die Tonne
    Das liegt weniger an der Modertorin als an der unsäglichen Bildregie und dem Konzept derzeit.
    RTdeutsch hat noch einen sehr weiten Weg vor sich wenn das was werden soll-

    Aber wenigstens konnte nonchlant und en passant Kritik an RU plaziert werden.
    Das zumindest ist derzeit kein Problem von RTdeutsch.
    Das reicht aber nicht.
    Man hat das Gefühl dort sitzt ein Kobold im Raum auch wenn man andere Beiträge sieht.
    Keine unzusammenhängende Krawallbilder im Background zu zeigen wäre ein Startt zu mehr Qualität, denke ich, und bessere Vorbereitung der Gesprächspartner.
    Und 5 Wochen mehr Praxis der Moderatorin.

     
  2. Berndchen am 23.11.2014 um 08:05 Uhr 

    Ach nee, Herr Broeckers. Sooo ist das also!!
    Uns erzählen Sie, Sie machen vierzehn Tage Urlaub; in Wirklichkeit waren Sie im Московский Кремль zur идеологическая обработка??? Haben Ihren Text hübsch auswendig gelernt??

    Nur das Training mit Мартини с водкой, cмешать, но не взбалтывать hat nicht so richtig geklappt in der kurzen Zeit.
    🙂 🙂

     
  3. pecas am 23.11.2014 um 10:06 Uhr 

    Unbelievable, diese Russen!

    Übrigens wäre es doch keine Beleidigung des Chefredakteurs gewesen, wenn seine wahren 8 Zentner zur Erwähnung gekommen wären; denn soviel Bär passt mindestens in “2 Raummeter”.

    Aber so ist das eben, wenn man nachhaltig eingeschüchtert worden ist.

    PS: Interessant wäre auch gewesen, wenigstens im Nachhinein zu erfahren, was die Moderatorin wirklich – vor der obligatorischen Aftereffekt-Totalretusche – anhatte über den zumindest angedeuteten “bleistiftlangen Absätzen”. Da spiegelte sich doch öfters etwas in den Augen des Interviewten, das sehr irritierend gewesen sein muss.

    🙂

     
  4. Karsten 'grolo' Thamm am 23.11.2014 um 10:57 Uhr 

    Servusle Herr Bröckers !

    Wollte mich mal nach meinem Rückzug (auch mit Hauß ist seit Winnenden der Kontakt abgebrochen, hatte mit mir selbst zu tun) wieder melden, aus aktuellem Anlass.

    Ich wollte mich mit diesen geopolitischen Themen eigentlich nach Abschaffung des Fernsehers und konsequenten Rückzug von diversen Internetseiten eigentlich raus halten, aber Du bekommst die Denkdrüse einfach mit den Dreck zugeballert, dass du einfach nicht weg hören kannst.

    Jedenfalls schön, dass du dranne bist, mit etwas mehr Popularität.
    Höre mir gerade diesen Beitrag an, deckt sich weitgehend mit dem, wie ich selbst das Thema beurteilen würde:

     
  5. Jens am 23.11.2014 um 11:22 Uhr 

    Ich kann versichern: der Pförtner ist in echt NOCH schlimmer!

     
  6. Blaubeere am 24.11.2014 um 00:29 Uhr 

    Apropos Feindsender: Bei Günther Jauch wurde wieder mal über Putin diskutiert, und Wolfgang Biermann, der aus unerklärlichen Gründen dort zugegen war, sorgte mit seinem Hitler-Putin-Vergleich für ein überhastetes Abbrechen der Sendung.

     
  7. Ottakringer am 24.11.2014 um 07:44 Uhr 

    heute-show über rt deutsch:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2288182/RT-heute-show

    ich liebe die kebekus!

     
  8. Berndchen am 24.11.2014 um 11:25 Uhr 

    Da hammse aber nochmal so was von Glück gehabt, Meister Bröckers, dass Oliver Oberlachkrämpfer Welke* Sie letzten Freitag nicht mit in das Boot der RT-deutsch-Verschwörungsriege genommen hat.

    *)Modder-ator der heute-Scho**.

    **)Scho: Ukrainischer Slang, heißt soviel wie “So what”.

    Womit sich der Kreis zum Feindsender wieder schließt.

     
  9. Avrg. Joe am 24.11.2014 um 13:41 Uhr 

    Die Wirklichkeit ist natürlich noch viel, viel schlimmer! All das wurde jetzt dokumentiert in der Horror-Doku “Der Putin von Panem”:
    http://www.die-pute-von-panem.de/

     
  10. Berndchen am 24.11.2014 um 16:46 Uhr 

    @Blaubeere am 24.11.2014 um 00:29 Uhr

    Für Biermann interessiert sich doch sonst kein Aas mehr. Wenn der nicht seine Splattersauereien (“Putin ist die blutige Nachgeburt des Stalinismus”) wie eine alte Eule ihr Gewöll hervorwürgen dürfte und dafür fünfstellige Beträge kassieren würde, wär der schon lange verhungert, denke ich mal.

     
  11. Dirk Pätzold am 24.11.2014 um 19:19 Uhr 

    @Blaubeere:

    Biermann sagte: “Er ist ein Diktator. Putin ist kein schlechter Demokrat, sondern gar kein Demokrat.” Selbst der diesbezüglich unverdächtige Jürgen Elsässer sagte vor ein paar Monaten auf einer Veranstaltung im russischen Kulturhaus in Berlin (nachzusehen bei YouTube), er halte Putin ausdrücklich *nicht* für einen lupenreinen Demokraten.

    Ich stimme dem Europa-Abgeordneten Alexander Graf Lambsdorff zu, der in der Haltung Russlands und Putins ein klares Kalkül sah. Lambsdorff zum Ukraine-Konflikt: „Jedes Land in der Umgebung Russlands, das nach Westen strebt, kriegt von Russland einen sogenannten territorialen Konflikt aufgedrückt, weil diese Konflikte weder von der EU noch von der NATO geregelt werden können. Die Länder werden in ihrem Weg nach Westen aufgehalten.” Stimmige Analyse IMO.

     
  12. Satan am 24.11.2014 um 21:58 Uhr 

    Hallo Herr Bröckers!
    Bin über die Quellenangaben der “Anstalt” bei der Propagandaschau gelandet, habe dort glücklicherweise vom Start von RT-Deutsch mitbekommen, nachdem ich bei “Alles Schall und Rauch” schon gelesen hatte, dass viele sich RT auf deutsch wünschen, habe auf RT natürlich auch das Interview mit Ihnen gesehen und bin von der Propagandaschau dann nochmal hier gelandet… und habe mich eine Stunde lang schrottlachen müssen. Vielleicht gelingt es RT ja, nach Oberst Scholz und Ihnen vielleicht auch noch Richard Gage oder gar David Ray Griffin als Interviewpartner zu gewinnen. Auf jeden Fall Ihnen und RT-Deutsch alles Gute und weiter so!

     
  13. perlhuhn am 25.11.2014 um 18:55 Uhr 

    noch mal bezugnehmend auf den m.e. wichtigen o-ton von lambsdorff junior: „Jedes Land in der Umgebung Russlands, das nach Westen strebt, kriegt von Russland einen sogenannten territorialen Konflikt aufgedrückt, weil diese Konflikte weder von der EU noch von der NATO geregelt werden können. Die Länder werden in ihrem Weg nach Westen aufgehalten.”
    wir sollten an dieser stelle mal darüber diskutieren, ob russland das recht hat, diese konflikte zu schüren oder nicht. ich nehme an, das gros der bröckersblog-leserschaft würde sagen ja, weil es sich um ethnische russen auf dem gebiet z.b. von georgien, in abschasien und südossetiten, handelt. leute, denkt nach: zigtausende russischstämmige juden sind nach israel ausgewandert. folgte man der logik des völkischen nationalismus, könnte russland territoriale ansprüche in israel, baden-baden und an der côte d’azur stellen.

     
  14. required am 25.11.2014 um 21:54 Uhr 

    oh, Critique ist nichde erlaubt? Leute, entspannt.

    hab versucht die Sendung gestern und heute zu sehen,
    das ist doch ein Trauerspiel,

    Im Hintergrund laufen unzusammenhängend Krawallbilder aus
    der Ukraine, die Interviewpartner lassen sich beide dauernd davon ablenken,
    und Schluss ist wenn es die Uhr sagt mitten im Satz
    Kann man sich in dem Format schenken.

    Bzw, wenn man will daß das bleibt,
    kann es nicht so bleiben, ganz schlicht.

    Ich hab wie gesagt Symphatien für die Macher vor Ort,
    und mir ist auch klar daß das ein Stressstart für
    die Moderatorin aber auch die anderen ist.

    Was vielleicht auch ein Zeichen dafür ist daß man
    auch ohne Übertreibung das dreifache an Kapital hätte reinschiessen können,
    bei gleichem Konzept und Umfang.
    Falls es ein Konzept gibt, bin mir da nicht so sicher.

    Das ist zwar im Vergleich und Gegensatz zur amerikansichen Ausgabe
    auch symphatisch, funktioniert aber so letztlich nicht.
    Oder das Konzept ist das an die Wand zu fahren?
    Glaube ich nicht.

     
  15. pecas am 25.11.2014 um 22:15 Uhr 

    Wer Satan vertraut, hat keinen Verstand.
    Ich sage es zum Abschied noch einmal:

    Dieses Blog ist – auf unabsehbare Zeit – in der Kommentarsektion gedoomed.

    Leider.

     
  16. Jens am 01.12.2014 um 19:17 Uhr 

    @Berndchen
    Der heute-show gebührt großer Dank. RT Deutsch wäre eigentlich noch viel zu uninteressant, um dort ins Programm genommen zu werden. Mit ihrem Beitrag haben sie RT Deutsch jedoch bei einem “potentiell interessanten” Publikum ins Gespräch gebracht. Und wir reden hier von erfahrenen Medienprofis. Die wissen genau, was sie tun.

    Danke an die heute-show!

     

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