Die Psycho-Trader

19.05.15 19:28-Bildschirmkopie„Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh“ stellte der Pionier des Automobilbaus Henry Ford schon vor hundert Jahren fest und weil seitdem das Verständnis nicht gewachsen ist blieb eine Revolution bis heute aus. Über keinem Bereich des öffentlichen Lebens liegt ein dichterer Schleier des Nebulösen als über dem Geld,- und Finanzsystem – von dem doch andererseits jeder weiß, dass es eine ganz entscheidende Rolle spielt. Dass sich „alles ums Geld dreht“ scheint so selbstverständlich geworden dass sich niemand mehr die Mühe macht nachzuschauen, um was sich da alles (inklusive ihm oder ihr) eigentlich dreht.

Dass es sich dreht und dass es sehr wichtig sein muss, kriegt er oder sie zwar jeden Abend zur besten Sendezeit mit, wenn noch vor den wichtigsten Nachrichten und der Wettervorhersage darüber berichtet wird. Wenn es um Hoch, Tief, Kalt, oder Wärmefronten geht, ist die Sache noch ziemlich klar, doch warum sich „Dax“ und „Dow“ so oder so entwickeln bleibt den meisten ein Rätsel, ebenso wie diese mächtige, mysteriöse Entität die dahinter steckt und immer wieder zitiert wird, die „internationalen Finanzmärkte“. Wer oder was das genau ist weiß niemand, aber da die Reaktionen dieses geheimnisvollen Wesens einzelne Kurse oder die Währungen ganzer Nationen zum Einsturz können, muss man vor ihnen größten Respekt haben. „Man kann keine Politik gegen die Finanzmärkte machen“, schleuderte Joschka Fischer einst im Bundestag Oskar Lafontaine entgegen, der verhindern wollte, dass die rot-grüne Regierung die letzten Regelungen aufhob, die in Deutschland Wettgeschäfte von Hedgefonds und Banken begrenzten. Dass seitdem auch hierzulande hemmungslos gezockt werden darf hat die Steuerzahler mittlerweile viele Milliarden an Rettungspaketen gekostet –  die von den Finanzmärkten den Politikern abgepresst wurden, nachdem sich einige ihrer Akteure verzockt hatten….

Dass es auf den „internationalen Finanzmärkten“ um nichts anderes als ums Zocken und Wetten geht und das Ganze mit der Realwirtschaft nichts mehr zu tun hat zeigt schon eine Zahl: 700 Billionen Euro. Das ist der Wert aller Derivate, auf die weltweit an den Börsen Wetten laufen. Das Bruttosozialprodukt von USA und EU zusammen liegt bei etwa 30 Billionen; säßen also diese beiden als einzelne Zocker am Tisch, ginge es bei diesem Spiel um mehr als das 20-fache ihres Jahreseinkommens. Man muss kein Kenner von Poker oder Black Jack sein um zu erkennen, dass es in diesem Casino nicht mit rechten Dingen zugehen kann.

Was, wie und warum es nicht mit rechten Dingen zugeht, darüber habe ich viel in einem neuen Buch gelernt, das ich  mit wachsender Begeisterung gelesen habe: “Die Psycho-Trader – Aus dem Innenleben unseres kranken Finanzsystems” (Westend Verlag). Volker Handon, seit Jahrzehnten selbstständiger Börsenhändler in Frankfurt, plaudert hier – ebenso authentisch und informativ wie unterhaltsam und spannend – aus dem Nähkästchen des Systems, in dem er als kleines Rädchen Tag für Tag operiert. Er wartetet nicht wie in viele andere Börsenbücher mit großen, spektakulären Enthüllungen á la “Wie ich an einem Tag 30 Milliarden versenkte” auf.  Vielmehr beschert er dem Leser mit Einblicken in das Seelenleben und Alltagsgeschäft eines Traders viele kleine, profane Erleuchtungen, die zusammen ein beeindruckendes Bild des Gesamtsystems ergeben.  Und ein Verständnis dafür, dass man es sich zuleicht macht, wenn man einfach nur die “bösen Banker” verabscheut. Sie sind nicht böser als die meisten anderen Menschen auch: Sie sind Spieler, die im Rahmen der vorgegebenen Regeln spielen und diese Regeln zu ihrem Vorteil ausznutzen und auch übertreten. Solange die Vorgaben nicht geändert werden, und wirksame Kontrollen und scharfe Sanktionen für “Fouls” unterbleiben, solange muss sich niemand wundern,  dass sie weiterzocken.

Dass die Politik auf diese Regeln keinen Einfluss hat, wie Jockel Fischer als transatlantischer Lautsprecher einst verkündete, ist natürlich Unsinn. In Volker Handons Buch finden sich zahlreiche Hinweise und Forderungen, wie ein “faires” Börsencasino aussehen könnte – einige Beispiele hier in einem Interview mit dem Autor.  Wenn alles so bleibt wie es ist, wenn sich die Politik von den “internationalen Finanzmärkten” weiter über den Tisch ziehen läßt, wenn Grau,- und Schattenbanken weiter operieren dürfen und die “Steueroasen” genannten Raubritterburgen der Neuzeit nicht geschleift werden, dann können Politik und Demokratie in der Tat abdanken.

“Wer nichts weiß, muss viel glauben,” heißt es in diesem Buch und tasächlich herrscht heutzutage nirgends, nicht einmal in den Kirchen,  mehr auf Unwissen basierender Glaube als über das Finanzsystem. Deshalb trägt diese erhellende Reportage aus dem Alltag eines Börsenzockers zu der dringend notwendigen Säkularisierung bei, zur Entzauberung des Mythos  vom unregulierbaren “Finanzsystem” und der Aufklärung darüber, dass auch dies ein Spiel ist, in dem die o,1 % den Rest der Welt über den Tisch ziehen….

Volker Handon: Die Psycho-Trader – Aus dem Innenleben unseres kranken Finanzsystems, Westend Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro

4 Comments

  1. Wenn alle wüssten was gespielt wird, würde sofort eine Panik ausbrechen.
    Wer die Regeln verrät, gilt als gemeingefährlich und muss damit rechnen, als Terrorist behandelt oder für verrückt erklärt zu werden.

     
  2. die FED und die Zentralbanken sind auch nur möglich, weil es keine freie Marktwirtschaft gibt. Eine weitere Folge ist das Bilden von Konzernen aus kleinen Firmen, die sich ihrer Konkurrenz mittels des Fiat Money und passender Gesetze entledigen. Auch das gäbe es nicht in einer freien Marktwirtschaft. Der Staat ist das Problem. Edmund Burke schrieb einst: “In vain you tell me that Artificial Government is good, but that I fall out only with the Abuse. The Thing! the Thing itself is the Abuse!”. Der Staat funktioniert wie ein Räuber, mit dem Unterschied, der Räuber erwartet von uns nicht, daß wir schlechtes Gewissen bekommen, wenn es uns gelingt, ein Teil unseres Eigentums vor ihm zu verstecken.

     
  3. Der Autor und seine Zocker-Kollegen mögen keine “bösen Banker” sein, allerdings sind sie bestimmt zu einem großen Teil kranke Menschen, nämlich Spielsüchtige. Und zugleich aggressive Menschen, die von ihrem Arbeitgeber teilweise gezielt nach gemessenem Testosteron-Spiegel ausgesucht wurden und deren Gesprächsthemen untereinander sich auf Geld und Sex beschränken.

    In der Rezension auf den Nachdenkseiten kommt dies stärker zum Ausdruck.
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=26139

    Dort werden auch die wirtschaftpolitischen Ansichten des Autors auf den Prüfstand gestellt.
    Denn Mitspieler gewesen zu sein im “größte(n) Affen- und Saustall, den ich bis dahin gesehen hatte”, verschafft nicht automatisch wirtschaftspolitische Kompetenz.

    Bücher solcher Insider werden dennoch immer gerne gelesen, weil sie “Renditen erzielen, die sonst wohl nur im organisierten Verbrechen möglich sind, angereichert wird dies dann noch mit einer gehörigen Portion Intransparenz. (…) Beim Betrachter mag all dies Bewunderung und Abscheu zugleich hervorrufen.”

     

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