28
May, 2015

Die Fifa-Kirche

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Dass Fifa-Funktionäre korrupt sind, ist nichts Neues. Dass das System der Fifa, bei deren Abstimmungen die Stimme der Salomon-Inseln soviel zählt wie die des DFB mit 6,5 Millionen Mitgliedern, zum Stimmenkauf prädestiniert ist, dass der Fifa-Boss Blatter diese diskrete Kunst aus dem EffEff beherrscht und dass diverse Staatsanwaltschaften in verschiedenen Ländern den Machenschaften des milliardenschweren Weltfußballverbands seit Jahren auf der Spur sind – auch das ist nicht erst seit gestern wohl bekannt. Ohne dass sich dadurch an der Herrschaft Blatters und seinem System irgendetwas geändert hätte. Auch jetzt,  nachdem sieben Funktionäre durch die Schweizer Polizei, die einem Haftbefehl aus den USA folgte, festgenommen wurden, steht Sepp Blatter wieder zur Wahl. Und tut, als ob außer der Entdeckung einiger schwarzer Schafen gar nichts passiert sei. Auf sein System und seine Wiederwahl kann sich Blatter offenbar verlassen. Auch wenn es in den nächsten Wochen noch weitere “bad news” in Sachen Fifa gibt, wie er  in seiner Eröffnungsrede ankündigte. Nur wer als CEO die Umsätze und Gewinne seines Konzerns vervielfacht hat, kann sich seines Amts derart sicher sein. Das können seine festgenommenen Kollegen nicht, die gegen das Auslieferungsbegehren der USA Rekurs eingelegt haben. Nun müssen Schweizer Gerichte überprüfen, ob die 167-seitige Anklageschrift des US-Justizministeriums eine Auslieferung rechtfertigt.

Während Russland gegen die aufsehenerregende Festnahmeaktion als weitere Einmischung der USA in internationale Angelegenheiten protestierte – Putin fürchtet angeblich, dass Unsauberkeiten der WM-Vergabe nach Russland 2018 ans Licht kommen –  sieht auch der Berner Staastsrechtler Jörg Paul Müller einen “sehr dürftigen Bezug” der Affäre zu den USA: «Die Beschuldigten haben amerikanische Konferenzräume und technologische Einrichtungen benützt. Dies stellt nach unserem Rechtsempfinden einen sehr dürftigen Bezug zwischen den Straftaten und den USA dar».  Handelt es sich also nur um einen anti-russischen PR-Coup bei dem die Schweizer Behörden zwecks Klimaverbesserung mitspielten – und die Schweiz, wie es im “Tagesanzeiger” heißt, “nach dem jahrelangen Ringen um Kooperation in Steuerfällen nun einen besonders guten Willen zur Kooperation in anderen Deliktskategorien zeigen will. Womöglich zu gut ?”

29.05.15 14:38-BildschirmkopieDie Frage läßt sich erst beantworten, wenn die Belastbarkeit der Beweise für Korruption, Geldwäsche etc.  überprüft ist, die das FBI schon seit drei Jahren gesammelt hat, und geklärt ist ob die Gerichtsbarkeit der USA überhaupt greift. Anschuldigungen gegen die Fifa gibt es seit Jahrzehnten, zu einer rechtsstaatlichen Verurteilung hat noch keine geführt. Das weiß auch Blatter, der seit 37 Jahren die Strippen zieht und seit 14 Jahren als Präsident von den 209 Mitgliedsnationen mindestens so hofiert wird wie Obama oder der Papst. (Im Bild erhält er von Angela Merkel das Bundesverdienstkreuz.) Seine Fifa-Kirche ist eine supra-nationale Insititution, deren gigantischer Unterhaltungsmaschine die Staaten bereitwilligst Tribut, Steuergelder und Gemeinnützigkeit zollen und dieses System samt seiner korrupten Struktur seit Jahrzehnten akzeptieren. Einfach nur “Blatter muß weg” zu fordern wird an diesem System nichts ändern, genausowenig wie das Einsperren von ein paar Funktionären. Solange kein Konzept zur Reform der Fifa vorliegt und durchgesetzt wird, solange bleibt der Ball rund und sein Weltverband korrupt.

Kommentare

8 Kommentare zu “Die Fifa-Kirche”

  1. Roland am 29.05.2015 um 07:32 Uhr 

    Matthias, schau Dir doch mal den Gegenkandidaten Blattners, den jordanischen Prinzen genauer an. Dieser Sohn des verstorbenen jordanischen Königs, einer Marionette der US-Oligarchie wurde auf der englischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet; er ist Generalmajor der jordanischen Streitkräfte. Jordanien ist neben der Türkei die Hauptausbildungsstätte der CIA und US-Armee für sog. “moderate” Milizen für den Krieg in Syrien.
    Mit der Wahl des Prinzen hätte auch gleich die CIA die Führung der FIFA übernehmen können.
    Mit einem erfolgreichen US-Putsch in Genf wäre die FIFA in deren Werkzeugkasten für ihre geopolitischen Ziele eingegliedert worden. Als erstes hätte es Russland die Weltmeisterschaft gekostet.

     
  2. Blaubeere am 29.05.2015 um 08:28 Uhr 

    Na klar ist die FIFA korrupt, und ich denke mal, daß JEDES MAL, wenn ein Fußballwettbewerb zu vergeben ist, kräftig gelobhudelt und geschmiert wird. Und das schon seit Jahrzehnten.

    Dennoch macht mich der Zeitpunkt der Verhaftung der Funktionäre mißtrauisch. In meinen Augen geht es auch darum, die Vergabe der WM 2018 nach Russland in Frage zu stellen. Außerdem können Blatter und Putin gut miteinander. Sieht man jetzt die Chance, Blatter loszuwerden? Mißtrauisch macht mich auch, daß unsere Qualitätsmedien wie auf ein Kommando plötzlich die Korruptheit der FIFA und die Verderbtheit Blatters erkennen, während dieses Thema ansonsten immer nur auf kleiner Flamme köchelte. Und – was für ein Zufall – schon bietet sich Großbritannien an, die WM 2018 auszurichten.

    Und noch ein Aspekt. Die Mitgliedschaft Israels in der FIFA sollte wegen seiner Politik gegenüber den Palästinensern auf den Prüfstand gestellt werden, ja es war sogar von Ausschluß die Rede. Sollte die Verhaftung der FIFA-Funktionäre nicht vielleicht auch ein Warnschuß gewesen sein, es sich noch einmal zu überlegen?

    Daß im übrigen die Schweizer Behörden so willfährig dem US-amerikanischen Ersuchen nachgekommen sind, mag an dem Würgegriff liegen, denen sich die Schweizer Banken von Seiten der USA ausgesetzt sehen.

     
  3. Susanne Lüscher am 29.05.2015 um 09:15 Uhr 

    Einen Tag vor der Verhaftungen gab es einen Press Release: Sens. Menendez, McCain on FIFA Congress to Elect New FIFA President that Would Deny Russia 2018 World Cup.

    Im März 2015 hat Poroschenko schon verlangt, dass Russland die WM 2018 entzogen wird. Im April haben dies 13 Neocons vom Blatter verlangt.

    Die gesamte Inszenierung und Vermischung von zwei Fällen in der Schweiz (Anzeige gegen Unbekannt FIFA und Arrest auf dürftigen Beweisen seitens der USA)hinterlässt einen schalen Geschmack. Vom Gegenkandidaten sprechen wir schon gar nicht! Ich mag weder den Blatter, noch von der FIFA oder vom Fussball begeistert, genau so wenig begeistert bin ich, wenn die Presse ohne Beweise ein riesen Geschrei los lässt.

     
  4. Stefan am 29.05.2015 um 11:43 Uhr 

    Wenn es um viel Geld geht, ist Korruption nie weit entfernt. Für die USA ist die weltweite Existenz korrupter Strukturen in Kombination mit ihrem Wissensvorsprung dank NSA & Co. ein gewaltiger Machtvorteil, der zum passenden Zeitpunkt ausgespielt wird. Deshalb kann die US-Elite kein Interesse an sauberen Verhältnissen haben und das moralische Getue ist pure Heuchelei.

    Übrigens halte ich die deutsche Politelite für genauso korrupt wie die FIFA. Sie verrät deutsche und europäische Interessen von Bürgern und Wirtschaft, indem sie die US-Spionage deckt und unterstützt und die Aufklärung unterbindet.

    Dafür bekommt sie vielleicht kein Geld auf die Hand, aber sie darf ihre gut bezahlten Posten behalten und wird durch die Gunst des großen Bruders in Washington entlohnt.

    Wo ist die Pressekampagne gegen diese Korruption? Verlogenes Pack!

     
  5. UCKool am 29.05.2015 um 13:52 Uhr 

    die FIFA hat aus dem Fussball das gemacht, was es heute weltweit ist.

    sogar Inder und Chinesen spielen heute gerne Fussball.

    auch das hat Blatter mit zu verantworten.

    Wenn es die Fifa nicht gäbe, wäre der Fussball das geblieben, was er immer war: Proleten SCheiße.

    aber der Fussball ist heute etwas Grandioses. und das muss man würdigen.

    Russen und Araber sind aber nun mal Teil der Menscheit. Man kann sie nicht aus dem Fussball ausschliessen.

    vorallem nicht die Araber. Das sind eigentich die fussballverrücktesten. noch irrer als die Südamerikaner.

     
  6. luchs am 29.05.2015 um 19:46 Uhr 

    Hervorragender Kommentar; der beste zum Thema, den ich bis jetzt gelesen habe! In alle Richtungen die Lage evaluiert und schlüssiges Fazit gezogen:
    Wenn Blatter geht, ist das System FIFA nicht weg.
    So geht guter Journalismus!

    Gerade deshalb ist es aber auch wertvoll, wenn man sich den Gegenkandidaten genauer ankuckt; “Roland” hat darauf hingewiesen, danke auch dafür.

     
  7. Tom am 29.05.2015 um 20:39 Uhr 

    Es ist ja schon absurd genug – und nur mit Korruption erklärbar – eine Fussball-WM in Qatar bei 40 Grad im Schatten auszutragen, dass aber seit 2010 schon 1200 Arbeitsmigranten ums Leben gekommen sind ist geradezu pervers:

    http://www.independent.co.uk/news/world/americas/article10280730.ece/alternates/w460/Capture.JPG

    http://www.independent.co.uk/news/world/americas/the-human-toll-of-fifas-corruption-10280772.html

    Macht pro WM-Spiel bisher schon 62 Leichen und es werden noch mehr. Statt Russland die WM streitig zu machen, nur weil die US-Neocons gerne hätten, müsste dieser Wahnsinn sofort gestoppt werden. Aber da hält sich das US-Imperium natürlich zurück, Qatar zahlt schließlich für die diversen Kriege im Jemen, Syrien etc. und so einen “verlässlichen Partner” brüskiert man nicht.

     
  8. Roland am 30.05.2015 um 07:07 Uhr 

    Die jordanische Marionette der “five eyes” ist jetzt in der Versenkung verschwunden.
    Das Spiel gegen Russland ist aber deshalb noch lange nicht zu Ende. More to come.
    Die FIFA bleibt anfällig für politische Manöver, auch wenn Blatter und sein Exekutiv-Komitee Transparenz- und Kontrollmechanismen verstärken werden. Bei soviel Geld im Spiel und einer solch komplexen Struktur mit 209 Landesgesellschaften ist Korruption letztlich unausrottbar.

     

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