17
Aug, 2015

Von Griechenland,- und Putin-Verstehern

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TOPSHOTS-GERMANY-RUSSIA-MERKEL-PUTIN-PROTEST“Auf Partys in deutschen Designerküchen wird man immer noch angeschaut, als wäre man Rudi Dutschke, wenn man sich als Griechenlandversteher outet. Aber wer ist eigentlich radikaler? Der, der sagt, dass diese Rechnung nie aufgehen wird? Oder “diese nüchternen, beanzugten, ernsten Menschen, die sich selbst als die einzigen Erwachsenen im Raum betrachten, und die doch in Wahrheit verrückte utopische Fantasten sind, die einem fanatischen ökonomischen Kult anhängen”, wie George Monbiot kürzlich im Guardian schrieb? Es sind genau die Jünger jenes Kults, der im Seminar von 1987 noch so viel Heiterkeit auslöste.” Damals, als Student, hatte Sebastian Schoeps im Amerikanistik-Seminar über “Reagonomics”  und die Trickle-Down-Theorie referiert, nach der man um den Armen zu helfen die Reichen reicher machen müsse, Gelächter geerntet und galt als “Liberaler” weil er nicht in Wackersdorf demonstrierte. Heute, nachdem der fanatische Kult unter dem Namen “Neoliberalismus” zur herrschenden Ideologie der Wirtschaft geworden ist, gilt er als “Radikaler”, weil er für die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft (und einen Schuldenschnitt Griechenlands) plädiert. Sein Essay über diese merkwürdige Koordinaten-Verschiebung  – “Hilfe, bin ich Links?”  – hat mir gefallen. Und als jemand, der auf Partys auch manchmal wie der Leibhaftige angeschaut wird, kann ich ergänzen:  als “Putinversteher” geht es einem ganz ähnlich. Auch wenn man gar nichts anderes vertritt als die SPD in den 70er Jahren – etwa im Schlußakkord unseres Buchs “Wir sind die Guten” :

»Wandel durch Annäherung« lautete 1963 die von Egon Bahr geprägte Formel, die eine neue deutsche Ostpolitik einleitete, als Alternative zur alten Politik der Stärke der Versuch des gegenseitigen Verstehens und Verhandelns. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer, der den Erfolg dieser visionären Strategie krönte, ist es höchste Zeit, sich wieder an dieses außenpolitische Erfolgsmodell zu erinnern.”

Wo  solche Forderungen  mindestens als unreputierlich wenn nicht gar als extrem und indiskutabel gelten, läuft etwas schief – nicht bei denen, die sie aufstellen, sondern bei denen, die sie vom Tisch wischen. Dass ein Griechenland, – oder ein Putin-“Versteher”, kein “Verehrer” der verschuldeten Griechen oder des autokratischen Kreml-Chefs ist, sondern ein Realist, können die Jünger des Neoliberalismus,- oder des Nato-Kults nicht sehen. Sie halluzinieren standhaft weiter, dass die gigantischen Schulden zurückbezahlt werden und der Machtwechsel in Kiew eine demokratische Revolution war. Dass die Schulden unbezahlbar sind und in der Ukraine der Bürgerkrieg immer weiter eskaliert muss zur Vermeidung kognitiver Dissonanz systematisch ausgeblendet werden. Wenn die Griechen endlich mal fleissig arbeiten und der böse Putin weg ist wird alles gut! Wo der Mainstream sich mit diesem Mantra einlullen lässt, ist es weder links noch liberal noch rechts sondern einfach nur vernünftig, stramm gegen den Strom zu schwimmen.

Kommentare

6 Kommentare zu “Von Griechenland,- und Putin-Verstehern”

  1. the arshmallows am 18.08.2015 um 12:22 Uhr 

    Serbien.. Russland.. Syrien.. Griechenland..
    Ein wenig diskutierter Aspekt der jüngsten, heftigeren Krisen in näherer Umgebung, ist die christliche Orthodoxie. Hat hierzu jemand Gedanken oder konkrete Informationen? Findet hier vielleicht zeitgleich und im Schatten der sonstigen Vorkomnisse ein Krieg der Kirchen statt? Möglicherweise im Zusammenhang mit der One Church/Coexist Bewegung? Oder doch die bösen Jesuiten gegen die Orthodoxie? Hat das vielleicht auch mit dem Krieg gegen die Familie im allgemeinen zu tun, die, wie wir wissen, im orthodoxen Raum einen gänzlich anderen Stellenwert innehat und viel mehr Unterstützung erfährt? Bin für Hinweise dankbar.

     
  2. Blaubeere am 18.08.2015 um 14:30 Uhr 

    Herr Bröckers trifft es mal wieder auf den Punkt.

     
  3. Stefan am 18.08.2015 um 14:50 Uhr 

    Sind die USA die Wahrer von Demokratie und Menschenrechten oder nehmen sie darauf keine Rücksicht, wenn es ihnen passt? Bekämpfen bundesdeutsche Dienste Neonazis oder finanzieren und unterstützen sie diese? Sind die Griechen von ihren Politikern jahrelang über den Tisch gezogen worden oder hat jedes Volk die Regierung, die es verdient? Ist der weltweite Terror eine Gefahr für Leib und Leben der Bürger oder ist es der Krieg gegen ihn erst recht? Sind nationale Befreiungsbewegungen z.B. lange unterdrückter indigener Völker Südamerikas, eher links oder rechts? Ist Putin ein rücksichtsloser Autokrat oder verteidigt er mit Zustimmung seiner Bürger die Unabhängigkeit Russlands? War die von Antifaschisten und Kommunisten gegründete DDR ein linker Staat oder eine konservative Gesellschaft von Spießern? Sind Faschisten, Diktatoren und Mafiosi Feinde der US-Elite oder deren Verbündete?

    Ich möchte diese Fragen nicht beantworten, glaube aber, meist wäre ein “Sowohl-als-auch” richtig.

    Häufig helfen Links-Rechts- oder Gut-Böse-Einteilungen nicht weiter. Oft steckt dahinter nur Propaganda.

    Reale Dinge sind meist gleichzeitig “rechts” und “links” oder “gut” und “böse”. Das sind keine objektiven Kategorien.

    Aber niemals ist jemand gleichzeitig oben und unten, arm und reich, mächtig oder ohnmächtig. Habe ich genug zu essen oder muss ich hungern? Das ist objektiv.

     
  4. Stefan Miller am 19.08.2015 um 07:49 Uhr 

    es tut sich was. Die Tianjin Explosion passierte nicht zufällig in dem Ort, wo das zukünftige Wallstreet entstehen soll, nachdem Zusammebruch des Dollars. Und auch nicht zufällig wurden dort so viele Gifte verteilt, daß diese Gegend jetzt völlig unbrauchbar ist. Das war womöglich der letzte Versuch, das Unvermeidbare zu verzögern. Bei Putin habe ich immer noch meine Zweifel. Schließlich hatte er sich niemals direkt auf die Seite der Rebellen geschlagen, er läßt sie gar völlig im Stich und schaut zu, wie die ukrainische Diktatur dort laufend Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. Die Menschen in der Ostukraine haben echt die Arschkarte gezogen. Und nicht zu vergessen, die Russem arbeiten nach wie vor zusammen mit den Amis an der ISS-Verarsche in ihren gefakten Weltall-Programmen. Das zieht sich nachweislich schon seit den 50-ern und den Apollo-Programmen. Somit ist erwiesen, daß der kalte Krieg genauso eine Verarsche war, wie jetzt der Krieg gegen den Terror. Die Russen und die Amis stecken unter einer decke und keiner Seite ist zu trauen. Ich weiß, daß ich mich damit hier nur unbeliebt machen kann, aber man muß auch das unaussprechliche aussprechen, sonst wird sich nie was ändern.

     
  5. Blaubeere am 19.08.2015 um 10:59 Uhr 

    Ja, die Ungeduld, daß Russland Donezk und Lugansk jetzt aber mal “wirklich” und “richtig” helfen solle, wächst allenthalben, und das bisherige Handeln auf diplomatischer Ebene wird von vielen als zu “weich” empfunden. Aber so weh wie es auch tut, ich denke schon, daß es bislang der einige gangbare Weg ist, auch wenn viele dies als Verrat empfinden. Ich meine so ganz ohne Unterstützung ist der Donbass ja nicht, Stichworte humanitäre Konvois, “Urlauber”, Wojentorg.
    Beitritt zu Russland? Im Unterschied zur Krim z.B. ist der Donbass nie eine autonome Region gewesen, und auch wenn die Zustimmung der Bevölkerung des Donbass zu einem Beitritt zu Russland gestiegen ist, liegt sie noch nicht einmal bei 50%.
    Aber die Bindungen zu Russland werden immer stärker. Das geht los im Schulwesen, wo russische Lehrbücher und Lehrpläne Anwendung finden, Kur- und Erholungsaufenthalte für Kinder auf der Krim und dem russischen Festland, viele ökonomische Verflechtungen zwischen Firmen im Donbass und Russland, usw. Der Rubel ist inzwischen ein häufig benutztes Zahlungsmittel!
    Es kann wohl noch keiner sagen, WIE das ganze ausgehen wird, aber meiner Meinung nach führt der einzige Weg darüber, daß das Kiewer Regime auf die eine oder andere Art und Weise kollabiert und das Land auf einem langen und schmerzhaften Weg Stück für Stück entnazifiziert wird. Russland kann da zwar helfen, aber letztendlich müssen das die Ukrainer selber schaffen. Ja, in diesem Spiel haben die Menschen im Donbass gewissermaßen die “Arschkarte”, da die Verantwortung für die Zukunft der Ukraine auf ihren Schultern lastet.
    Kann auch sein, daß dieses Land, vor 90 Jahren gegründet und zusammengestückelt, nach und nach auseinanderfällt, schließlich gibt es auch in den westlichen Gebieten der Ukraine Problemzonen…

     
  6. Blaubeere am 19.08.2015 um 15:33 Uhr 

    Da ich oben vom Rubel als eines der Zahlungsmittel im Donbass sprach – heute meldet Interfax, daß Lugansk den Rubel als zentrale Währung einführen will, ab dem 01.09.2015:
    http://www.interfax.ru/world/461215
    Renten und Pensionen werden ja schon eine ganze Weile in Rubel ausbezahlt, und dieses Geld kommt nicht aus Kiew…

     

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