13
Mar, 2016

Philosophendämmernung

categories Uncategorized    

Anfang Februar hatte ich mich unter dem Titel “Erregungsbereitschaft und Schießbefehl”  gewundert, warum zwei unserer philosophischen Welterklärer – Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski –   “einst durchaus freie, kosmopolitische Geister….auf ihre alten Tage zurück in nationale völkische Enge rudern.” Und gefragt, ob die Ängste  vor “Überflutung” und “Überrollung”, vor denen diese gestandenen Großdenker sich fürchten, möglicherweise als “Erregungs-Syndrom alter Säcke” zu deuten ist, “die sich – zumal nach dem Sylvester-Hype um viril-aggressive “junge Männer” – ins präsenile Abseits gedrängt fühlen ?” Diese Zuspitzung ist mir zwar  übel genommen worden,  doch sie war nicht böswillig aus der Luft gegriffen, wie wenig später der Soziologe Armin Nassehi zeigte, der die Äußerungen der beiden Philosophen ganz ähnlich, nämlich als Ressentiments alter Männer, interpretierte. Sodann lies auch der Politologe Herfried Münkler kein gutes Haar an der Grenzschließer-Mentalität der Großdenker und monierte die “strategische Unbedarftheit ihres Dahergeredes.” Dies wiederum wollte  Sloterdijk sich nicht sagen lassen, fühlte sich absichtlich mißverstanden und replizierte beleidigt über “Beisswut, Polemik und Abweichungshass” der Kritiker. Er sieht sich zu Unrecht in die “national-konservative” oder gar “neu-rechte” Ecke gestellt, wo er mit seinem “Lob der Grenze” doch nur Sorge zum Ausdruck bringen wollte.  Dass aber auch dabei der Ton die Musik und die Methaphern die Melodie ausmachen sollte gerade einem Wortkünstler bewusst sein,  ebenso wie  der Umstand, dass die Rede von  “Flut”, “Überrollung”, “Invasion”  das aktuelle AfD-Vokabular (und historisch noch weit fragwürdigere Saiten) bedient. Dies zu erkennen braucht es keine “intentionale Falschlektüre” seiner Texte, auch der Gutwilligste kann das nicht übersehen.

Dass, wer auf einer Linie mit Carl Schmitt oder Arnold Gehlen argumentiert – wie Sloterdijk und auch Safranski das tun –   dafür in die rechts-nationale Ecke gestellt wird ist nicht ehrrührig, sondern folgerichtig. Wem angesichts globaler Kriege und davor fliehender Massen nicht anderes einfällt, als die Zugbrücken vermeintlicher Trutzburgen – “Nation” und “Volk” – hochzuziehen, der segelt nun einmal  im rechtspopulistischen Wind . Und verkauft die nostalgische Beschwörung des Nationalstaats als Hort der Einigkeit und der Wohlfahrt als Krisenbewältigungsstrategie – gegen die kalte Luft der »Globalisierung« und die übelwollenden Fremden/Russen/Amis/Moslems/  (you name it). Das ist ebenso billig und unterkomplex wie falsch und gefährlich. Auch wenn man damit Wahlen gewinnen kann, wie die AfD Ergbnisse des heutigen Abends zeigen…

Update: Georg Seeslen sieht die Sache in diesem Interview ganz ähnlich

Kommentare

10 Kommentare zu “Philosophendämmernung”

  1. Alter Sack am 13.03.2016 um 23:02 Uhr 

    Ach das ist wieder so peinlich (im Sinne von Schmerz).
    Schon fragte ich mich, wer das ist, und also auch welche Altergruppe (wer weis das?), da tatsächlich bereit ist AfD zu wählen. Wer protestieren will, könnte doch auch ‘Die Partei’ wählen – oder ist deren Programm zu sinnhaltig? Oder trat ‘Die Partei’ in den gewählt-habenden Bundesländern nicht an. Ich weis so wenig.

     
  2. Basisdemokrat am 14.03.2016 um 00:39 Uhr 

    So ist das eben. Wenn man als “Wortkünstler” die ethische Fundierung verliert, landet man zwangsläufig in der “Diktatur des Relativismus”.Erkenntnis wächst eben auf verschiedenen Bäumen. Der katholische Alttestamentler Bernd Willmes zählt fünf verschiedene Deutungsrichtungen auf: die sexuelle, die ethische, die intellektuelle, die entwicklungspsychologische und die emanzipatorische Deutung. Wenn senile Bettflucht errektive Eruptionen nur noch auf intellektueller Ebene zulässt, ist man dem letzten Samenerguss am Galgen nicht mehr all zu fern. Der Schoß ist noch immer fruchtbar… .

     
  3. pecas am 14.03.2016 um 13:25 Uhr 

    Leider ist das Stein-des-Anstoßes- Cicero-Interview mit Peter Sloterdijk nicht mehr online, das ich seinerzeit verpasst habe.

    Da allerdings auch ich mich zu den besorgten alten – im übrigen immer tunlicher kosmopolitisch bemühten – Säcken rechnen darf, die seit vielen Jahren – und mit konvulsiv anschwellendem Horror – “Merkels bis heute haltlose Rede von der ‘europäischen Lösung'” (P. Sloterdijk/ DIE ZEIT 11/2016) beobachten (die ja nun auch, ob’s gefällt oder nicht, all “die deutschen Fragen” beinhaltet bzw. negiert, die mich – und vielleicht auch ein paar andere – noch von der zwangsweisen Einführung der Gesetze Kleinasiens in Europa via Deutschland trennen mögen), habe ich mir wenigstens die verlinkten aktuellen Stellungnahmen der Müncklers (“die Kosten”, “der Markt”, und vor allem die dabei demonstrierte blindwütig-speichelleckerische Liebedienerei gegenüber der “Regierung”!) und der Nassehis (Professor für Soziologie an der Universität München – das reicht mir dann schon, angesichts der dargebotenen kleinasiatischen Gotteskalifats-Rabulistik) angesehen.
    Wer nie selbst wirklich jung gewesen ist, ist immer bloß ein alter, d. h. in dem Fall unechter Sack geblieben; das scheint mir der Unterschied zwischen einem Original und Sekundärschwätzern. Ausgerechnet diese müssen dann mit Keulen wie “intellektuellen Greisen” (Nassehi) ins – zumindest von Seiten Sloterdijks mit beachtlichem, de facto souveränem Feingefühl geführte – Gefecht einsteigen.
    Erkennt man nicht sofort den eklatanten Unterschied zwischen derlei konstruiertem, freilich schon richtig mephistophelisch-raffinierten Unterstellungsgeschwurbel und dem von Sloterdijk dokumentierten, für meine Begriffe angenehm gehobenen, wirklich kultivierten Wort?
    Eins zu zweimal Null für Peter Sloterdijk – für meine Begriffe hat er völlig recht mit seiner Erwiderung: “Primitive Reflexe”.

     
  4. Stefan am 14.03.2016 um 16:22 Uhr 

    Die Flüchtlingsdiskussion verdeckt nur den Kern des Problems, es ist aber für die Etablierten sehr praktisch, immer wieder darauf abzuheben, weil sie dann nicht über ihr eigenes Komplettversagen reden müssen.

    Die Masse der AfD-Wähler sind Denkzettel- und Protestwähler. Sie wollen nicht unbedingt die Rechtspopulisten an der Macht sehen, sondern mit den etablierten Parteien auf die einzige Weise kommunizieren, die ihnen diesseits von offener Revolution noch geblieben ist.

    Das große, stetig wachsende Lager der Nichtwähler existierte auch schon lange vor der Flüchtlingsproblematik. Man hat sich eingeredet, die wären alle einfach bequem und desinteressiert. Das ist falsch, ihnen fehlte nur ein wirksames Ventil. Für Politikverdrossenheit, Vertrauenskrise, Resignation – für den Druck im Kessel – tragen demnach die Etablierten die Verantwortung. Die Erschütterungen durch die AfD sind nur die Folge davon, die derzeitigen Krisen sind nur Anlass, nicht Ursache der Entwicklung.

    Auch wenn man die politischen Ansichten der Rechtspopulisten nicht teilt, ist es Fakt, dass AfD-Wähler Leute sind, die glauben, Wahlen können etwas ändern. Sie unterwerfen sich demokratischen Spielregeln. Vielleicht tragen sie sogar zur Wiederbelebung der Demokratie bei, nachdem die Etablierten durch jahrelange Simulation (nur so zu tun als ob Politik beeinflussbar wäre) beständig Glaubwürdigkeit und Akzeptanz solcher Prozesse aus purer Machtversessenheit und Arroganz verschlissen haben.

    Genausowenig wie man den einzelnen Migranten für die Bombardierung seiner Heimat, die kaltschnäuzige Politik des Westens (hier wie dort) und sämtliche Folgen daraus verantwortlich machen kann, kann man die Bürger hier für Ignoranz, Arroganz und Versagen der etablierten politischen Klasse (die sich rund um den Wahltag scheinheilig über die absehbaren Konsequenzen ihres eigenen Tuns beklagt) und auch deren Folgen verantwortlich machen. Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her!

    Der kluge Augstein ist auf der richtigen Fährte:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-erfolg-der-rechten-versagen-der-etablierten-augstein-kolumne-a-1080978.html

     
  5. ichbin am 14.03.2016 um 18:54 Uhr 

    “…als Ressentiments alter Männer, interpretierte”

    Merke: Wenn du keine Argumente hast – Personalisiere, Personalisiere, Personalisiere…

    Das macht das Publikum fein unsicher und einen guten Appetit auf mehr ^^

     
  6. Berndchen am 14.03.2016 um 19:33 Uhr 

    Was bin ich doch für ein verrückter Kerl! An der Kommunalwahl im September in Berlin möchte ich mich als politisch interessierter Mensch unbedingt beteiligen, um bei Fernbleiben nicht als “politikverdrossen” da zu stehen.
    Folgende Optionen habe ich:
    1.) Gar nicht erst wählen gehen. Kommt aber nicht in die Tüte. Ich gelte dann als politikverdrossen. Oder es war Badewetter, danach Grillen im Garten. Das propagandistisch aufzuarbeiten bleibt dann den MSM überlassen…
    2.) Wählen gehen, Stimmzettel ungültig machen. Zählt laut Wahlgesetz aber als “nicht abgegebene Stimme” und hat im Wahlergebnis keine eigene Rubrik. Kann also wie unter 1.) als politikverdrossen oder sonstewas abgebucht werden…
    3.) Eine der Kleinstparteien mit meiner Stimme beglücken, z.B. Tierschutz, BüSo oder olle Martin Sonneborns Gurkentruppe. Folgen: Den Etablierten eins ausgewischt, Stimme zählt, Stimmzettel gülig, politische Interessiertheit bewiesen.
    Was glaubt Ihr wohl was ich tue?

    Ken Jebsen ist übrigens für 1.)- https://www.youtube.com/watch?v=8Ce2IL1GH3Y

    Man mag über den propagandistischen und agitatorischen und auch den sonstigen Ablauf der Wahlen in der DDR denken wie man will. Aber dort gab es einen extra aufgeführten prozentualen Anteil an ungültigen Stimmen.
    Man stelle sich vor, so etwas gäbe es in der BRD der Jetztzeit und die Bürger würden ihren Protest statt mit Fernbleiben oder “Protestwahl” mit massivem ungültig machen der Stimmzettel manifestieren.
    Also so in etwa:
    Wahlbeteiligung 87%, davon 48% gültige Stimmen,
    CDU blablabla…Linke 5,3 %, AfD 3,6%…uswusf.

    Wär das ein Erdrutsch?

    :-7Als Verdienter Verschwörungstheoretiker des Volkes meine ich, dass das Unterschlagen des Anteils ungültiger Stimmen Methode hat.:-7

     
  7. Berndchen am 14.03.2016 um 19:49 Uhr 

    Übrigens haben wir uns mit der AfD ein transatlXXX trojanisches Pferd allererster Güte in den Pelz gesetzt. Die derzeitige Stimmungslage bezüglich der “Flüchtlingskrise” populistisch ausnutzend wurde sie in die Parlamente katapultiert. Ihr werdet sehen, sie wird in Wirklichkeit den Boden für TTIP und alle anderen Schweinereien bereiten, die über den Atlantik heranrollen.
    Im übrigen unterscheiden sich all die Wühlmäuse, sei es Pegida, AfD, NPD, Antifanten usw. usf. hauptsächlich danach, welche Dienste bei ihnen die Fäden ziehen.

     
  8. M. Beileid am 15.03.2016 um 11:41 Uhr 

    Ihre Gegenrede ist argumentum ad hominem.

     
  9. Stefan am 15.03.2016 um 11:58 Uhr 

    @Berndchen

    Den etablierten Parteien ist es egal, wenn die Leute am Wahltag zu Hause bleiben. Sie haben schon vorgesorgt: Weil die Parteienfinanzierung über Steuergelder pro abgegebener (gültiger) Stimme funktioniert und die Wahlbeteiligung sinkt, wurde mal eben der Geldbetrag pro Stimme erhöht. So bleibt man finanziell stets völlig unabhängig vom absoluten Wählerzuspruch.

    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/12/18/parteien-genehmigen-sich-mehr-geld-vom-steuerzahler/

    Das bekannte Muster – anstatt den eigenen Kurs zu korrigieren, wird getrickst: wenn die Wähler nicht wählen, greift man trotz sinkender Legitimation noch tiefer in die Steuerkasse; wenn die Leute alternative Medien statt propagandagesättigtem Mainstream-TV nutzen, führt man halt eine Zwangsabgabe ein. Derzeit diskutiert man auch eine Zwangsabgabe für Printmedien.

    Das wirklich Verblüffende ist, dass die glauben, das alles hätte keine Konsequenzen. Es sagt einiges darüber aus, was die Obrigkeit über das Fußvolk denkt.

    Das meine ich mit Arroganz der Macht: im Kern geht es weniger um Flüchtlings- oder Euro- oder welche akute Krise auch immer. Es geht um die Machtprobe, ob der Bürger oder die Elite das Sagen haben, also darum, ob das mit der Demokratie nun eigentlich gemeint ist oder unter Vorbehalt steht. Und das klärte sich eben nicht in (vergangenen) Zeiten, wo Volk und Etablierte
    den Konsens kultivierten, sondern es zeigt sich erst dann, wenn der Wechsel eingelöst werden soll.

     
  10. Berndchen am 16.03.2016 um 13:44 Uhr 

    @Stefan, gestern, 11:58h:
    Nein, die Parteien achten im Gegenteil sehr genau auf die Stimmungslage in der Bevölkerung. Das gehört zu ihrem Job als ausführende Organe der Machteliten. Viel Geld spielt dabei zugegebenermaßen eine große Rolle (klar, versuch’ mal ohne Kohle eine Partei zu gründen, zu füttern und großzupäppeln). Aber Macht- Klientel- und Lobbyfaktoren stehen gleich”berechtigt” daneben.
    Die westliche “Demokratie” ist in Wirklichkeit eben keine.
    Eine Räterepublik mit territorial volksverwalteten Betrieben und Banken wäre vielleicht ein alternativer Ansatz.
    Preisfrage übrigens: Ist die NPD eine etablierte Partei? Wenn ja – welche Macht, Lobby und Klientel steht hinter ihr?
    Gibt es eine “demokratische Rechte”? Wenn ja, könnte man die AfD dazuzählen?
    Viel Spasss beim Knobeln…

     

Leave a comment!