9
Oct, 2016

Russland zieht die rote Linie

categories Uncategorized    

Der Syrien-Experte Professor Günter Meyer gibt in diesem Interview eine realistische Einschätzung zur Lage des Stellverterterkriegs in Syrien – und hat auf die Frage, wer hier eigentlichen die Guten und die Bösen sind, eine ebenso realistische wie richtige Antwort: “Aus meiner Sicht sind die USA die Hauptverantwortlichen für diese humanitäre Katastrophe, die wir im Moment erleben. Seit der US-geführten Invasion im Irak 2003 haben die Regierenden in Washington eine falsche Entscheidung nach der nächsten getroffen und damit die gesamte Region ins Chaos gestürzt.” Nachdem Amerika nun die bilateralen Abstimmungen mit Russland abgesagt hat, droht das Chaos in Syrien weiter zu wachsen. Der Kessel um die von Al Qaida besetzten Teil von Ost-Aleppo zieht sich Tag für Tag enger, wie sich den aktuellen Frontberichten hier entnehmen läßt, die jeder als Antidot zu den Verdrehungen und Lücken der hiesigen Mainstreammedien zur Kenntnis nehmen sollte.  Ebenso wie diese ausführliche Analyse des Saker zur aktuellen Lage.

Schon seit langem und jetzt wieder hat die syrische Armee sowohl die Evakuierung der Zivilbevölkerung als auch die Amnestie für jeden sich ergebenden Jihad-Kämpfer angeboten – die Schlacht um Aleppo könnte morgen zu Ende sein, würden die USA ihre salafistischen Terror-Söldner zurück ziehen. Daesh und das ISIS- “Kalifat” wären dann ebenfalls in Kürze Vergangenheit, Assad bliebe bis zu Neuwahlen an der Macht und Syrien ein säkularer Staat inklusive  einer kurdischen Region mit besonderen Autonomierechten.

Das wäre fraglos eine Niederlage für das Imperium, etwas was für die “exzeptionalistische” Nation natürlich nicht in Frage kommt, schließlich ist man rüstungsmäßig dem Rest der Welt dutzendfach überlegen. Wie aber sähe ein Sieg aus ? Damakus und sogar das ganze Land zu Schutt und Asche zu bombardieren, wäre für die US-Airforce kein Problem. Aber was dann ? Die Kopfab-Jihadisten, die man gegen Assad aufgerüstet hat, an die Regierung ?  Nur ein militärisch-industrieller-Komplex, für den Krieg in Permanenz Geschäft bedeutet, kann eine solche Lösung favorisieren. Doch zu der wird es wohl auch nicht kommen, denn der Rest der Welt wird sich das nicht länger bieten lassen.

Dieser “Rest der Welt” steht in Syrien dem Imperium schon jetzt  in Form von 4+1 (Syrien, Iran, Russland, China + Hisbollah) gegenüber und wie es ausschaut, wird er nicht zulassen, dass das Empire of Chaos weiter wütet. Der US-Doktrin der globalen “Full Spectrum Dominance”, der gewaltsamen Formung einer unipolaren Welt, wird ein Riegel vorgeschoben. Russland hat unmißverständlich klar gemacht, dass es ab sofort eine Flugverbotszone über Syrien gibt, nämlich für US-Flugzeuge. Auch Cruise Missiles gegen syrische Einheiten haben keine Chance mehr gegen das “Höllensystem”, wie n-tv die mobile russische Luftabwehrwaffe S 300/400 nannte, die als beste der Welt gilt. Die Luftunterstützung, wie sie die Al Nusra-Söldner von ihren Herrn in Washington fordern, wird also nicht kommen. Oder frühestens, wenn Obama als lame duck durch Clinton und ihre bellizistischen Neocons ersetzt wird, im neuen Jahr. Bis dahin aber wäre Aleppo befreit und damit der Krieg verloren sowie die US-Hegemonie im Mittleren Osten beendet. Deshalb ist jetzt die Gefahr sehr groß, dass das Pentagon auf eigene Rechnung und ohne präsidiales OK  “Zwischenfälle” arrangiert, wie unlängst das Bombardement von syrischen Kasernen, oder dass versucht wird, mit  “False Flag”-Operationen wie den Giftgas-Einsätzen vor zwei Jahren  die “rote Linie” zu überschreiten, um die Lage weiter zu eskalieren.

Weil ich zum 100. Geburtstag von John F. Kennedy im kommenden Frühjahr  gerade eine Neuauflage des Buchs “JFK – Staatsstreich in Amerika” vorbereite, kam mir in letzter Zeit öfter die Kuba-Krise in den Sinn, in der die beiden Atommächte USA und UdSSR kurz vor einem nuklearen Krieg standen. Hätte Kennedy damals auf seine säbelrasselnden  Generäle gehört und einem regime change via Bombenteppich zugestimmt – vorbereitet durch die Operation Northwoods, die “False Flag”-Angriffe  auf US-Passagierschiffe vorsah – wären die Metropolen der US-Ostküste von einem Hagel nuklearer Mittelstreckenraketen zerstört worden. Dass solche Sprengköpfe in Kuba bereits installiert waren, war  dem Generalstab und auch der CIA  schlicht entgangen. (Sie erfuhren erst 40 Jahre später auf einer Konferenz in Havanna davon, als die Russen dies erstmals enthüllten.) Ihr Plan, die Insel in zwei Tagen zu erobern, wäre auf tragische Weise schief gegangen. Nur weil Kennedy hinter dem Rücken seiner schießwütigen Militärs im Geheimen mit Präsident Chrustschow verhandelte, blieb diese Katastrophe aus.

Solche Diplomatie wäre auch jetzt das Gebot der Stunde, nicht nur um die Tragödie in Aleppo zu beenden, sondern um weitaus größere Katastrophen verhindern. Dass sich noch weitere Staaten (Israel, Saudi-Arabien, Türkei) in diesem Krieg Landgewinne versprechen, macht die Sache nicht einfacher. Doch ein “Weiter So!” wird es für das Imperium jetzt nicht mehr geben – das Chaos in Afghanistan, im Irak, in Libyen und 1,5 Millionen Leichen sind auch wahrlich genug. Die rote Linie, die Russland gezogen hat, ist kein Bluff. Mehr als die halbe Welt steht dahinter. Amerika spielt bekanntlich Monopoly und Russland Schach.  Mit ihrem Lieblingsspiel kommen die Amis jetzt aber nur noch  um den Preis der “mutual nuclear destruction” weiter. Dass es heute, wie damals in JFKs Generalstab, durchgeknallte Militärs geben könnte, denen das egal ist, macht die Lage äußerst gefährlich.

Kommentare

8 Kommentare zu “Russland zieht die rote Linie”

  1. danekbb am 09.10.2016 um 23:16 Uhr 

    einige Tage vorher habe ich mehrere Kommentare unter verschiedenen Artikeln geschrieben mit fast identischen Analyse. Nur die letzten Schlussfolgerungen waren anders. Sie haben Recht, es wäre jetzt eine Kennedy Diplomatie rettend. Jedoch Obama war bisher eine Marionette der USA Oligarchen, dem Schattenkabinett der USA Regierung. Es gab sicher Tendenzen, in dem Konflikt in Syrien Russland zu Zurückhaltung zu bewegen, die waren jedoch ohne Nachdruck, waren nicht eindeutig, sie waren eher Versuche Russen und Syrer zu betrügen – also das zählt nicht als Anzeichen des guten Willens. Seitens der USA ist das zu erwarten, was wir in den letzten Jahren gesehen haben: das strickte Befolgen der Anweisungen aus dem Schattenkabinett der Oligarchen. Die haben sich jedoch längst entschieden. Wenn sie ihre Meinung jetzt geändert hätten, bricht das gesamte $-USA-Imperium wie ein Kartenhaus zusammen beginnend auf der Höhe ihrer militärischen Übermacht – es ist wohl klar, dass die Neocons, die pure Macht, gigantisches Reichtum und absoluter Einfluss, das erhalten wollen. Es scheint zwangsläufig, USA greift Syrien bald an.

     
  2. th3l0nius am 10.10.2016 um 08:37 Uhr 

    Ja, befreiend und beängstigend zugleich, daß endlich klar ist, daß die Russen keinen Rückzieher machen werden.

    Euphorisch von einer Flugverbotszone zu sprechen ist natürlich verlockend aber sachlich einfach irreführend. Die Amis dürfen nach wie vor unvermindert da rumfliegen, solange sie halbwegs glaubhaft machen können, daß sie keinen Mist bauen. Und das gibt ihnen einen gewissen Spielraum, weiterhin salamitaktisch rumzumurksen und “versehentlich” die Eskalation voranzutreiben und dafür dann den Russen/Syrern die Schuld in die Schuhe zu schieben.

     
  3. michael snoek am 10.10.2016 um 12:34 Uhr 

    …waere es nicht ein ‘realistisches’ scenario und moeglicherweise heimlicher plan hinter all diesem wahnsinn syrien total zu zerschmettern um dann israel jenseits des golan ‘freien’ lebensraum zu erbomben? man koennte dann auch die pipelines legen die der westen gerne haben moechte und ausserdem an ausreichend wasser fuer kern-israel gelangen….

     
  4. Tom am 10.10.2016 um 16:18 Uhr 

    Eine weitere lesenswerte Analyse aus russischer Sicht hier:

    http://vineyardsaker.de/analyse/wessen-taeuschung-fliegt-auf-in-syrien/

     
  5. urks am 12.10.2016 um 10:37 Uhr 
  6. SupaRichie am 13.10.2016 um 05:35 Uhr 

    Wenn die USA das bringen würden, was Russland gerade in Syrien macht, wäre Berlin voller Demonstrationen.

     
  7. M. Schneider am 14.10.2016 um 15:43 Uhr 

    From liberal beacon to a prop for Trump: what has happened to WikiLeaks? – Guardian

    https://www.theguardian.com/media/2016/oct/14/wiileaks-from-liberal-beacon-to-a-prop-for-trump-what-has-happened?CMP=share_btn_tw

    Robert Mackey of Glenn Greenwald´s Intercept website wrote: “The WikiLeaks Twitter feed looks more like the stream of an opposition research firm working mainly to undermine Hillary Clinton than the updates of a non-partisan platform for whistleblowers.”

    Mathias Broeckers und andere Putinversteher scheinen sich daran nicht zu stören.

     
  8. Klaus K. am 17.10.2016 um 10:14 Uhr 

    2003? wir haben 2016…

    naja. Immerhin sagt er nicht, wegen Vietnam. Das ist ja schon mal was.

     

Leave a comment!