Die Konsensfabrik

Um Propaganda, Rudeljournalismus und den Kampf um die öffentliche Meinung geht es in einem neuen Buch, das Jens Wernicke herausgegeben hat: “Lügen die Medien?”.  Dazu hat er eine Reihe erfahrener und namhafter Journalisten und Medienforscher –  darunter Walter van Rossum (WDR),  Ulrich Teusch, Volker Bräutigam (ARD), Ulrich Tilgner (ZDF), Stephan Hebel (FR), Noam Chomsky   –  befragt. Leute also, denen man schwerlich unterstellen kann, sie redeten der dumpfbackigen Parole “Lügenpresse” das Wort, die aber dennoch klar machen, dass es sich bei dem Buchtitel durchaus um eine rhetorische Frage handelt.

Was Helmut Schmidt 2010 konstatierte,  dass “die politischen Journalisten eigentlich mehr zur politischen Klasse gehören und weniger zum Journalismus” – dass also das, was an Berichten und Kommentaren zur Politik in den Medien erscheint auch nicht nach journalistischen Grundsätzen und Standards gemessen werden kann, ist spätestens seit  dem 11.September 2001 sehr offensichtlich. Solange die Nichtaufklärung des Jahrhundertverbrechens  und  ein auf Foltergeständnissen basierenderer Untersuchungsbericht von nahezu allen politischen Journalisten klaglos hingenommen wurde und wird, solange kann von echtem Journalismus keine Rede mehr sein. Wenn das geht, wenn ein derart offensichtliches B-Picture als Realität verkauft werden kann, dann ist schlechterdings alles möglich.
9/11 ist der Lackmus-Test in der Konsensfabrik des politischen Journalismus, stillschweigende Akzeptanz der offiziellen Legende zählt neben Rechtschreibkenntnissen zu den Mindestanforderungen der Branche. Skepsis und kritischer Verstand sind in der Schmuddelecke des Verschwörungswahns entsorgt.

Paul Schreyer zitiert in seiner Rezension des Buchs den von den Leitmedien hochgeschätzte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der unlängst die die Frage, warum er für Verschwörungstheorien selbst nicht anfällig sei, mit dem schlichten Satz beantwortete : „Mein Systemvertrauen ist letztlich größer.“
That’s it. Und so sind wir im postfaktischen Zeitalter wieder im dogmatischen Mittelalter angelangt, wo einst die “Una Sancta Catholica”  als Konsensfabrik  fungierte und ihre hochheilige Inquisition “Systemvertrauen” herstellte. Mit Foltergeständnissen wurde auch schon damals Politik gemacht und dank des Niedergangs des Journalismus funktioniert das bis heute.
Wie und warum es funktioiniert, darauf wirft dieses Kompendium einen ebenso fundierten wie ernüchternden Blick – auf eine Ruinenlandschaft. Des politischen Journalismus und des Vertrauens, das das Publikum ihm entgegenbringt….

Jens Wernicke (Hrsg.):Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Westend-Verlag, 368 Seiten, 18 Euro

2 Comments

  1. Ich würde, wenn man mal heiße Eisen wie 9/11 ausnimmt, für eine gepflegte Ambiguität, das berühmte “Sowohl als auch”, plädieren: Viele Minderheitsmeinungsträger verstehen nicht, dass sie wesentlich professioneller arbeiten müssten, wollten sie ernsthaft mit den Platzhirschen konkurrieren. Ich erlebe das als Journalist jeden Tag: Ich bin gewillt, AfD und anderen Exoten Platz in der Berichterstattung einzuräumen, allein schon, weil das breite Spektrum unterhaltsamer ist als das eingeschränkte. Aber dann kommen Pressemitteilungen ohne Bildmaterial, ohne Kontaktnummern, ohne relevante Zahlen. Was erwarten die? Die großen Parteien, Energie- und Netzkonzerne schicken Pressekits mit Handynummern der Ansprechpartner, Links zu Bilddatenbanken etc. raus, wenn ich den AfD-Onkel endlich am Rohr habe, raunzt der mich an, was ich denn wolle. Gleiches gilt – in meiner Region – für die Grünen und manche Bürgerinitiativen: Da kann man froh sein, einen grenzdebilen Frührentner an die Hand zu bekommen, der zu blöd zum Emailversand ist.

    Ich verlange nicht, mit Informationen eingedeckt zu werden, die mir das Denken ersparen, aber es gibt einfach bestimmte Standards, ohne die selbst bei bestem Willen keine Berichterstattung möglich ist. Wer viel Ressourcen in Personal und Strukturen stecken kann sowie Karrieremöglichkeiten auch auf den unteren Schnittstellen-Ebenen anbieten kann, bekommt tendenziell einfach professionellere Leute, die verstehen, wie und warum Journalisten ticken. Bei Anti-Establishment-Veranstaltungen erlebe ich dagegen häufig einen beleidigten Trotz, gepaart mit verschämten Ausflüchten wie “Der Jürgen ist im Urlaub”, “Mein Posteingang ist voll” oder “Die PDF kann ich nicht verschicken”, wenn ich, wie gesagt: im Sinne der Meinungsvielfalt, dort eine interessante Geschichte sehe. Jeder kennt das Zwei-Quellen-Prinzip, im Alltag läuft es aber häufig darauf hinaus, dass neben der Quelle Person die zweite Quelle die professionelle Kommunikation, der Habitus etc. ist. Da müssen manche Leute noch üben.

    Viele nicht systemkonforme Menschen fallen zudem auf einen pars-pro-toto-Fehlschluss rein: “Die Presse” gibt es nicht, bei AfD, Anti-Windkraft, Impfgegnern etc. höre ich häufig: “Ihre Kollegen haben schönen Mist geschrieben”, dabei ist der besagte Artikel noch nicht mal im selben Haus erschienen. Durch solche Ignoranz muss man sich dort erst zum Kern der jeweiligen Geschichte durcharbeiten – jede schnarchnasige CDU-Veranstaltung dagegen gibt einem direkter die Fakten. Natürlich mit deren Framing versehen, aber wenigstens ploppen nicht lauter WTF-Fragezeichen auf. Journalismus ist gestreamlinte Realitätsvermittlung – wer meint, er könne, noch dazu in einer Presseveranstaltung, gegen die Presse spielen, kann sich mit seinem Lautsprecher gleich in den Wald stellen.

    Das als Plädoyer für die Betrachtung der Meta-Ebene. Neben dem Mangel an professioneller Presse-Arbeit als Grund für die Vernachlässigung von Minderheitenmeinungen stimmt es aber natürlich, dass dem herrschenden Konsens eine exkludierende Agenda eingeschrieben ist: Je konfligierender eine Minderheiten-Meinung ist, desto eher muss der Journalist sich fragen, wie er sie in den Kontext seiner Publikation setzen kann. Deswegen habe ich mir auch schon bei befreundeten Umweltschutz-Leuten den Mund fusselig geredet, dass sie versuchen, ihre Presse-Geschichten mit ausreichend vielen obligatorischen Nachrichtenwert-Faktoren zu versehen: Prominenz, Kuriosität und Tragweite müssen herausgearbeitet werden. Für dieses “unaufrichtige” Storytelling darf man sich halt nicht zu schade sein, auch wenn man meint, die Welt retten zu müssen.

  2. Die Crux welche von Journalisten überwunden werden muß, kam ja schon in der Gesprächsrunde bei Ken Jebsen auf. In welcher Sie Herr Bröckers gemeinsam mit den Herren Wimmer, Ganser und Pohlmann feststellten, dass wenn man sich gegen den Mainstream stellt, dieses auch Einschnitte in der persönlichen Vita nach sich zieht. Sie und die Oben angeführten Herren haben diesen Schritt getan, mit den Folgen als “Verschwörungstheoretiker” gebrandmarkt zu sein. Jürgen Roth äußerte sich in einem Gespräch zur Generation der aktuell Studierenden, dass diese einen sehr begrenzten Blick auf das sie umgebende Umfeld haben, da sie eingezwängt sind in die Zwangsjacke ihres Studiums. Mit dieser dem Bildungssystem geschuldeten “angepassten” Generation wird es schwer investigativen Journalismus zu fördern.

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