Die Antisemitenmacher

Wer die israelische Politik kritisiert, wird schnell als Antisemit gebrandmarkt. Das gilt auch für eine Vielzahl von Juden. Abraham Melzer – in Israel aufgewachsen, seit 1958 in Deutschland lebend, Verleger und Publizist –  zeigt in seinem neuen Buch „Die Antisemitenmacher“, das am Montag im Westend Verlag erscheint, wie der Antisemitismus-Vorwurf missbraucht wurde und wird – und wem das nützt. Im Vorwort von Moshe Zuckerman, das heute auf den Nachdenkseiten erschienen ist, heißt es zu der besonders perfiden weil sich “links” gerierenden Gruppe der “Antideutschen”:

“Eine besondere Ausprägung dieser Konstellation der manipulativ-instrumentalisierten Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs bildet die Gruppe der sogenannten »Antideutschen«. Obgleich sie von der realen Anzahl ihrer erklärten Mitglieder eher eine verschwindende Minderheit darstellt, hat sie es zu einer solchen Perfektion ihrer perfiden Agitation gebracht, dass sie auf keinen Fall ignoriert werden darf. Denn ihr (Un-)Geist hat mittlerweile in studentischen Ausschüssen, in Zeitungsredaktionen, in parteilichen Verbänden und politisch agierenden außerparlamentarischen Gruppen Einzug gehalten, sodass man eher von einem Resonanzboden der ursprünglichen Ideologie als von ihren konkreten institutionellen Manifestationen zu reden hat. Ihren Ursprung hatte diese Ideologie in der nach 1989 als Reaktion auf die Vereinigung beider deutschen Staaten aufgekommenen Bewegung, die unter der Parole »Nie wieder Deutschland« ihr (damals noch emanzipativ gemeintes) »antideutsches« Selbstverständnis kritisch zu artikulieren begann. Schnell genug verabschiedete sie sich allerdings von ihren ehemals linken Impulsen – mit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus fand ihr sogenannter Antifaschismus eine alternative, auf Deutschland sich beziehende Identitätskoordinate: Da Deutschland an Juden ein Menschheitsverbrechen begangen hatte, waren es nunmehr »Juden«, an denen man sich im eigenen Selbstverständnis orientierte. »Antideutsche« waren es auch, die die Gleichsetzung von Judentum – Zionismus – Israel nachgerade zur proklamierten Parole erhoben: Die Solidarität mit »Juden« projizierten sie nunmehr auf das zionistische »Israel«, hassten daher die Palästinenser und pseudokonsequent den Islam, sahen sich entsprechend auch als USA-solidarisch, weil sie in den USA die Hauptunterstützer von »Juden«, »Zionismus« und »Israel« erblickten, und so musste es kommen, dass sie die Reste ihrer ehemaligen linken Gesinnung zugunsten einer neokonservativ gefestigten Kapitalismusapologie abstreiften. Zur Parole geriet ihnen dabei auch im erwähnten Umkehrschluss der »Antisemitismus« beziehungsweise die Verfolgung von allem, was sie »antisemitisch« anmutete, zum ideologischen Fanal. Wenn es eine aus allertiefster deutscher Befindlichkeit handelnde Bewegung gibt, die als Antisemitenmacherin, ja als Inkarnation dieser ideologischen Praxis apostrophiert werden darf, dann sind es die »Antideutschen«. (…)Am schlimmsten (und entlarvendsten) ist jedoch ihre bewusste Ignorierung der historischen Sackgasse, in welche sich der Staat Israel über Jahrzehnte hineinmanövriert hat: Israel will offenbar weder die Zwei-Staaten-Lösung verwirklichen noch anerkennen, dass durch den selbst gewählten Fortbestand der Okkupation objektiv eine binationale Struktur entsteht, die – ob nun als binationaler Staat demokratisch offiziell abgesegnet oder, dies unterlassend, sich selbst zum Apartheidstaat erklärend – früher oder später zwangsläufig das Ende des zionistischen Staates zeitigen muss. Indem man sich aber mit einem solcherart ausgerichteten Israel solidarisiert, redet man nolens volens dem Untergang dessen, womit man sich vorgeblich solidarisiert, das Wort. Dieses Paradoxon ist bislang offenbar keinem der von abgründigen deutschen Befindlichkeiten umtgeriebenen Israelsolidarisierer auch nur zum Bewusstsein gelangt. Jene, die diese fundamentale Einsicht artikulieren, werden von ihnen schlicht als Antisemiten abgeschmettert.”

Abraham Melzer: Die Antisemitenmacher – Wie die neue Rechte Kritik an der Politik Israels verhindert, Westend Verlag, 288 Seitern, 18,00 Euro

2 Kommentare

  1. Schluss mit den Einheitsbrei “Juden = Zionisten = Israelis” als Schutzschild für die Kriegsverbrechen
    https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2016/04/18/netanjahu-entlarvt-grund-fuer-terrorkrieg-gegen-syrien-israel-will-geraubte-syrische-golanhoehen-niemals-wieder-hergeben/

    “Alles Antisemiten außer Mutti” | Telepolis – Heise … sollte Autor kennen

    Bundesregierung beschließt einheitliche Antisemitismus-Definition
    In Deutschland ist künftig eine international ausgearbeitete Definition von Antisemitismus gültig. Dadurch soll die Strafverfolgung vereinfacht werden.
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/berlin-antisemitismus-judenfeindlichkeit-thomas-de-maiziere-ihra

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