Kleiner Aufruf zum Klassenkampf

Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit für unsere Neujahrsansprache:

„Wenn ich alle unsere Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte, und darüber nachsinne, so stoße ich auf nichts anderes, so wahr mir Gott helfe, als auf eine Art Verschwörung der Reichen, die den Namen und Rechtstitel des Staates missbrauchen, um für ihren eigenen Vorteil zu sorgen. Sie sinnen und hecken sich alle möglichen Methoden und Kunstgriffe aus, zunächst um ihren Besitz, den sie mit verwerflichen Mitteln zusammengerafft haben, ohne Verlustgefahr festzuhalten, sodann um die Mühe und Arbeit der Armen so billig als möglich sich zu erkaufen und zu missbrauchen. Haben die Reichen erst einmal im Namen des Staates, das heißt also auch der Armen, den Beschluss gefasst, ihre Machenschaften durchzuführen, so erhalten diese sogleich Gesetzeskraft.

Indessen … scheint es mir – um offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird …“.

Unsere „Ansprache“ stammt aus dem Jahr 1516 und wurde von dem Anwalt und Politiker Thomas Morus in seinem Werk „Utopia“ veröffentlicht. Es beschreibt die Zustände in einem idealen Gemeinwesen, das auf der fiktiven Insel „Utopia“ angesiedelt ist –  sowie die realen Zustände im Europa des frühen 16. Jahrhunderts. Diese waren von den heutigen Zuständen ganz offensichtlich nicht sehr weit entfernt. „Es herrscht Klassenkampf, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ – so hat der Milliardär Warren Buffett die Lage im 21. Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Und was tut die Politik ? Sie sorgt, im Namen des Staats dafür, dass die Klassenkämpfer ihre Machenschaften weiter führen können.

Da lässt es dann schon aufhorchen, wenn ein führender Politiker in einem Artikel einen Umsturz, genauer eine „konservative Revolution“ fordert. Will hier einer wirklich zu den Erkenntnissen und Werten zurück, die der Humanist Thomas Morus schon 1516 einforderte und die seit Jahrhunderten währende Umverteilung von unten nach oben beenden ?

Natürlich nicht, denn bei unserem neuen Revolutionsführer handelt es sich  um den ehemaligen Verkehrsminister Dobrindt von der CSU und der Umsturz, den er fordert, richtet sich gegen einen Pappkameraden: die „linken Meinungsdiktatoren“ , die „selbst ernannten Volkserzieher und lautstarken Sprachrohre einer linken Minderheit“ in  den „Schlüsselpositionen“, denen man 50 Jahre nach 68 jetzt endlich den Garaus machen müsse.

„Linke Ideologien, sozialdemokratischer Etatismus und grüner Verbotismus hatten ihre Zeit“, behauptet Dobrindt – und ehe man sich fragt wann diese Zeit war: in den 16 Jahren „geistig-moralischer Wende“ unter Kohl, den Jahren unter Schröder als Abrissbirne der Sozialdemokratie oder den 12 Jahren unter Merkel ?? –  fordert Dobrindt schon, dieser „linken Revolution der Eliten“ nun „eine konservative Revolution der Bürger“ folgen zu lassen.

Dass die „Schlüsselpositionen“- Vorstände von Banken, DAX-Konzernen und Wall Street-Hedgefonds – von Linksrevolutionären besetzt wären, ist bis dato allerdings nicht aufgefallen, auch wurde weder bei Warren Buffett noch bei einem seiner Kollegen aus der Milliardärs-Elite ein kommunistisches Parteibuch entdeckt. Gegen wen sollen denn nun die „Bürger“ konservativ revoltieren? Wen hat der große Vorsitzende des revolutionären Zentralkomitees der Konservativen, der Verkehrsminister ohne TÜV, als Großfeind ausgemacht ?

Die 68er, die mittlerweile über 70 sind! Wenn sie nicht- wie einer ihrer Anführer, Rudi Dutschke- an den Folgen eines Attentats gestorben sind, zu dem lautstarke Sprachrohre einer rechten Minderheit, allen voran die „Bild“-Zeitung, nach Kräften gehetzt hatten.

Dutschke war einer der letzten, der das Wort „Klassenkampf“ nicht nur in den Mund nahm, sondern es auch ernst damit meinte – so wie Warren Buffett es ernst meint, wenn er sagt, dass seine Klasse, die Reichen, diesen Kampf führt und ihn gewinnen wird. Solange ihm von unten nichts entgegen gesetzt wird.

Solange sich die Mehrheit der Bürger von der winzigen Elite einer Minderheit einlullen lässt.

Und solange diese Bürger – ob konservativ oder progressiv – nicht checken, dass die Konflikte zwischen Inländern und Ausländern, Männern und Frauen, Heteros und Homos, Christen und Moslems, und so weiter… nichts anderes sind als Scheingefechte auf Nebenkriegsschauplätzen, die nur ablenken und nichts ändern an dem grundlegenden Krieg, den 1% von oben gegen 99% von unten führen. Seit 1516.

Auch als Podcast bei KenFM

8 Comments

  1. Prima Einstand dieser “Kleine Aufruf zum Klassenkampf”, Herr Bröckers !
    Thomas Morus Sicht deckt sich völlig mit der aktuellen Analyse von Rainer Mausfeld https://www.rubikon.news/artikel/der-leise-tod-der-offentlichen-debatte :
    “Es liegt in der Natur der Macht, dass Demokratie nur für die Machtunterworfenen ein zivilisatorischer Traum ist, da es dabei gerade um eine Einhegung illegitimer Macht geht. Für die jeweils Mächtigen hingegen war und ist eine wirkliche Demokratie gerade ihr Alptraum. Denn Demokratie würde ihre Macht massiv einschränken. Folglich haben sie seit je alle Formen demokratischer Strukturen und auch die Idee von Demokratie selbst massiv bekämpft, verhöhnt, unterminiert und zerstört.”

    Allerdings fehlt dem Aufruf der Aufruf zur Praxis. Ich bin der Meinung, dass uns die Zeit fehlt, bis progressive und konservative Bürger in genügender Zahl “gecheckt” haben. Und mit dem Checken ist noch immer nichts getan. Ich frage mich: Was kann jetzt getan werden, um den Klassenkampf effektiv zu machen. Wie ist die Öffentlichkeit wachzurütteln ? Wie können wir “unsere” Politiker heraus bekommen aus dem Machtbereich des medial lancierten Industriellen Komplexes und in unseren Dienst stellen?

    Sind etwa Widerstandsaktionen gemäß § 20 Absatz 4 GG – “Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist” zu organisieren und durchzuführen, die diesen Prozess effektiv in Gang setzen ?

    1. Es sollte da stehen “…des medial lancierten Militärisch-Industriellen Komplexes…”

  2. Viele zitieren Warren Buffets provozierende Aussagen über den Krieg der Reichen und empören sich nicht nur über die Aussagen, sondern auch über Buffet selber.

    Nun ist Buffet bestimmt kein Revolutionär, aber kann eigentlich kaum jemand erkennen, dass Buffet absichtlich provoziert? Mit der ihm und anderen Reichen (vordergründig) nützlichen Entwicklung beschreibt er zwar eine Realität (redet also ganz keineswegs ironisch), aber er kritisiert sie als untragbaren Zustand.

    Beispiel: „Es herrscht Klassenkampf, meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht“, https://de.wikiquote.org/wiki/Warren_Buffett
    An anderer Stelle hat er auf seine Sekretärin verwiesen, die (im Verhältnis) höher besteuert werde als er selber – auch dies kann man wohl kaum als Verhöhnung einer ihm treu dienenden Arbeitskraft lesen, sondern ist unverkennbar eine scharfe Kritik an einer politischen Entwicklung, die er nicht billigt.

    Im Land der schnellen (Quartals-)Gewinne hat er seinen Reichtum mit Weitsicht und langem Atem, also quasi nachhaltig erworben. Wie Henry Ford hat er erkannt, dass eine kapitalistische Marktwirtschaft nur dann langfristig funtionieren kann, wenn die breiten Massen am wachsenden Wohlstand teilhaben und weiteres Wachstum (oder zumindest ein weiteres Blühen der Wirtschaft) dann durch ihre Konsumausgaben erst ermöglichen – ein Win-Win-Situation für alle, in der die Reichen wie er vom Staat (nur ein bisschen) härter rangenommen werden würden, aber bestimmt nicht einen auf Hl. Franziskus oder Karl Marx machen müssten.

  3. Wie Herrn Twickel hat auch mir die praktische Seite gefehlt, natürlich wissend, dass ein Einzelner da wenig vorschlagen kann. Oder doch!
    Die IG Metall, die ich nicht liebe, deren Politik ich im Großen und Ganzen kritisch gegenüber stehe, macht aber einen Vorschlag, hat eine Forderung, die genau ins Herz des Kapitals trifft: Arbeitszeitverkürzung. Sie wird, weil sie ist wie sie ist, keine Solidarität aus der Gesellschaft organisieren. Aber wir könnten das tun. Das wäre ein Anfang und würde denen da oben, dem 1 Prozent, zeigen, dass wir gerade aufwachen. Dito bei den Auseinandersetzungen um die Pflege. Konkrete Solidarität. Schreiben. Hingehen. Streikposten unterstützen… Andere kennenlernen, denen es auch genug ist. Wär das nicht was?

    1. Ja das wäre was ! Es gibt aber nichts Gutes, ausser man tut es.
      Oskar Lafontaine ist noch nicht müde: http://www.oskar-lafontaine.de/links-wirkt/details/b/1/f/1/t/ansichten-eines-querdenkers-oskar-lafontaine-redet-tacheles/ “Diejenigen, die über die Parteigrenzen hinaus wieder mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland wollen, müssten eine neue linke Sammlungsbewegung gründen. Diese Bewegung sollte nicht nur die klassischen Parteien, sondern auch Gewerkschafter, Sozialverbände, Wissenschaftler, Kulturschaffende und andere umfassen.” JedeN, der soziale Gerechtigkeit will !
      Ich denke auch daran, Prominete für Widerstandsaktionen zu gewinnen. 1983 waren unter den Blockierern der Pershing II Atomraketenstation ca. 150 Prominete. Unter ihnen Oskar Lafontaine, Erhard Eppler, Walter Jens, Klaus Staeck, Heinrich Böll mit Frau Annemarie, Günter Grass, Dieter Hildebrand, Wolf Biermann, Helmut Gollwitzer, Heinrich Albertz, Petra Kelly mit Lebensgefährte Gert Bastian.
      Wer könnte heute angesprochen werden ? Oskar Lafontaine mit Frau Sarah Wagenknecht, Willy Wimmer, Peter Gauweiler, Klaus Staeck, Konstantin Wecker, Georg Schramm ? Mir fallen da aus dem Stand nicht viele ein.

  4. Der CSU-Kasper will mit seiner Partei aus Wahlkampfgründen irgendwie von der Wut- und Protestwelle gegen das Establishment profitieren, was natürlich eine Farce ist, denn er und seine Spezies sind ja wesentlicher Teil davon.

    Aber es ist nicht ganz falsch, dass gerade auch weite Teile der Linken Verantwortung für die neoliberale Entwicklung tragen. Denn von Konservativen und Wirtschaftsliberalen erwartet man nichts anderes, “Sozial”demokraten und andere Linke aber haben ihre Klientel systematisch verraten.

    Die Grünen bspw. sind empirisch belegbar die eigentliche “Partei der Besserverdienenden”. Und der linke Diskurs dreht sich meist nur um randständige Zeitgeistthemen und ist damit Bestandteil des Eliten-Mainstreams.

    Ich würde sogar soweit gehen – Achtung Verschwörungstheorie – dass dies kein Zufall ist, sondern von der Elite aus der Revolutionsgeschichte gelernt wurde, die Linke als Faktor im “Klassenkampf” zu eliminieren, indem ihr von systemtreuen Intellektuellen und Medien eine pseudo”fortschrittliche” Agenda eingeflüstert wurde, die nur noch spaltet, individualisiert und ablenkt, aber nie mehr als gemeinsamer Kristallisationskern für einen breiten Aufstand der betrogenen und manipulierten Massen taugt. Jede Tendenz in diese Richtung würde von den Mainstreammedien als “populistisch” verteufelt werden.

    In vergangenen Jahrhunderten bekämpfte die Machtelite Revolutionen auf der Straße, jetzt werden sie präventiv – durch Ablenkung, Spaltung und mediales Meinungsmanagement – verhindert.

    Das ist auch der Grund für den derzeitigen politischen Rechtsruck bei Wahlen in westlichen Ländern: Weil die Linke, der eigentliche Verbündete der enttäuschten Massen, nur noch als Totalausfall und Steigbügelhalter der Neoliberalen wahrgenommen wird, wenden sich die Leute den Rechtspopulisten zu. Einfach weil diese bisher vom System bekämpft wurden und daher als Außenseiter gelten.

    Wenn die Linke all dies erkennt, ihre neoliberal korrumpierten Protagonisten in die Wüste schickt und sich wieder den betrogenen Massen zuwendet, dann schrumpft der rechte Rand zurück auf Normalmaß und Warren Buffet könnte wieder mit Gegenwind im Klassenkampf rechnen.

  5. Dobrindts Angriff auf die „selbst ernannten Volkserzieher und lautstarken Sprachrohre einer linken Minderheit in den ,Schlüsselpositionen’, denen man 50 Jahre nach 68 jetzt endlich den Garaus machen müsse“, hat erkennbar keine wirtschaftspolitische Stoßrichtung. Und er spricht (wie 1982 Helmut Kohl) ja weniger von einer „Revolution“ als von einer „Wende“ – damals „geistig-moralisch“, jetzt „bürgerlich-konservativ“.

    Sein Schuss zielt also auf die ideelle oder ideologische Grundhaltung wie die seit 1968 immer stärker um sich greifende „Political Correctness“, die sich weder von Kohls neoliberaler Wendepolitik noch von Schröders ebenfalls neoliberaler Basta-Politik aufhalten ließ und unbestreitbar ein eher linker als ein rechter Gedanke ist.
    Aus dem hemdsärmligen CSU-Bayern des polternden FJS kommt sie jedenfalls nicht, denn die dort überlieferte Ideenwelt von „Zucht und Ordnung“ kann mit „Political Correctness“ so wenig anfangen, wie die Linken mit den „Sekundärtugenden“ der Law-and-Order-Fans. (Allerdings ähneln sich die beiden in ihrem moralischen Alleinseligmachungs-Anspruch wie zwei feindliche Zwillinge.)

    Während Dobrindt vom vielbeschworenen „Marsch durch die Institutionen“ spricht, also einer personellen Unterwanderung einer ursprünglich rechts-geprägten Elite durch ehrgeizige Linke, wandert in den USA eher ein linker Gedankenvirus durch die ansonsten weiterhin stramm rechtsgerichteten Köpfe:
    In der sozialstaatsfeindlich (also „rechts“) bleibenden Gesellschaft der USA ist die „linke“ Haltung der Political Correctness auf dem Vormarsch – sogar gerade in den reichen und superreichen Eliten – und führt zu Hexenjagd-Kampagnen wie die „Mikroaggressions“-Hysterie gegen Profs an den Unis und die stereotypen, aber meist existenzvernichtenden „Me-too“-Beschuldigungen gegen einflussreiche Medien- und andere Promis.

    In ihrer Wirkung z.B. auf die Arm-Reich-Diskussion kann man diese PC-Mikroagg-Me-too-Auswüchse durchaus als „Scheingefechte auf Nebenkriegsschauplätzen, die nur ablenken“, sehen. Aber sie kommen ja aus der Elite, die nur Zeit und Bildung für solche Spielchen hat, und sie bleiben zunächst inner-elitär – richten sich also selbstzerstörerisch gegen die eigene Klasse.
    Um das Volk mit Brot und Spielen einzulullen, veranstalteten die alten Römer in den Arenen „Reality-TV“: Sie ließen nicht Mitglieder der Elite, sondern Sklaven als Gladiatoren gegeneinander antreten und sich gegenseitig zerfleischen. Dass die US-Elite diesen Job selber erledigen will, ist kaum anzunehmen. Eher müssten die Auswüchse doch auch der rechtsgerichteten Wirtschaftselite als (unerwünschte, beunruhigende) Gedankenviren vorkommen, die schaden, ohne einen zielstrebigen Urheber mit irgendeiner verborgenen Agenda zu haben.

    Sozusagen eine Dekadenz-Erscheinung einer superreichen Elite, die von ihrer immer unnötigeren und immer schädlicheren Gier einfach nicht lassen kann und den unstillbaren Erfolgshunger einerseits durch die aktuelle Drogenepidemie betäubt und andererseits mit durchgeknallten PC-Me-too-Psycho-Spielchen.

    Die Kampagnen in den USA, so heißt es manchmal, würden die „alten weißen Männer“ in die Zange nehmen, was innerhalb der Elite vermutlich auch zutrifft.
    In den Schichten unterhalb der Elite sind es aber eher die (ebenfalls weißen) „angry young man“, die die Political Correctness als Angriff von (ungerechtfertigt) privilegierten Minderheiten auf ihre persönlichen Aufstiegschancen sehen und die für ihre eigene Misere dadurch einen bequemen Sündenbock bekommen.

    Man kann es Populismus nennen, dass Donald Trump die Ängste und den Frust der
    „angry young man“ vor den eigenen Karren spannt. Aber man darf sich nicht vormachen, er habe durch seine markigen Sprüche die Misere erst produziert – sie war bereits vorhanden und ist über viele Jahre hinweg angewachsen.
    Und eigentlich sind es ja zwei: eine ökonomische und eine Leitbild-Misere.

    Wobei wir wieder bei Dobrindt wären: Die (ökonomischen) Risse durch die deutsche Gesellschaft sind noch nicht so tief wie in den USA, aber unsere neoliberalen Eliten arbeiten daran und auch an der Vertuschung der Risse.

    (Ideologische) Trendsetter sind dagegen nicht Politiker wie Dobrindt, der hier nur Trittbrettfahrer ist. Sondern Ex-Linke aus den Medien wie Jürgen Elsässer und Gerhard Wisnewski, die nach rechts gewandert sind, dabei aber elitenkritisch geblieben sind.
    Beide sprechen von einer Sozialdemokratisierung der CDU unter Merkel, was sie natürlich nicht wirtschaftspolitisch meinen (dort lief nämlich umgekehrt eine Neoliberalisierung der SPD). Sie kritisieren vielmehr z.B. die Abkehr von traditionellen Familienwerten, die in ihren Augen ersetzt werden durch (gelegentlich sogar als „satanisch“ bezeichnete) Homo-Gender-Bevölkerungsreduzierungspläne.

    Sind Elsässer & Co. nur wirre und willige Ablenkungshelfer der neoliberalen Propagandaschleuder ISNM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft)? Oder eigenständige Geburtshelfer einer neuen Ideologie, weil bei uns wie in den USA der Grundkonsens zerbricht, der Staat und Gesellschaft bisher zusammenhält?

    1. Meine These zur Situation in Deutschland ist, dass die ausufernden PC-Diskussionen zum einen den Zweck haben, die Linke zu beschäftigen. Vermutlich ohne es zu wissen und zu wollen, kämpfen viele (die es gar nicht mehr anders kennen) damit für die Sache der Neoliberalen und nicht etwa gegen kapitalistische Ungerechtigkeiten oder Kriegstreiberei.

      Denn zum anderen propagiert die Elite durch den PC-Hype einige vordergründig fortschrittliche Positionen – etwa in der Emanzipationsfrage, bei der Migration oder bei der zurückzudrängenden Rolle des Staates. Aber die Motivation dafür ist nicht etwa ein von manchen halluzinierter “Linksruck” der Obrigkeit, sondern – A. Merkel hat es ja verraten – das Leitbild der “marktkonformen Demokratie”, also neoliberale Forderungen.

      Bspw. bedeuten mehr berufstätige Frauen und mehr Zuwanderer ein Lohnkosten drückendes Arbeitskräftereservoir, ein schwächerer Staat bedeutet weniger Möglichkeiten, über demokratische Prozesse das Gemeinwohl gegen Unternehmensinteressen zu verteidigen – Wahlen werden dann zunehmend sinnlos. Und die Schwächung der klassischen Familie soll den entwurzelten, stets verfügbaren Lohnarbeiter und Verbraucher hervorbringen, der keine anderen Werte mehr verfolgt als den Materialismus und Hedonismus der neoliberalen Konsum- und “Leistungs”gesellschaft (mit all ihren drastischen Folgen für den sozialen Frieden und die Umwelt).

      Wenn man diese Politik der Obrigkeit nun kritisiert, weil man den neoliberalen Charakter ihrer Strategie durchschaut, läuft man Gefahr, in eine Ecke gestellt zu werden, in die man nicht gehören will. Denn paradoxerweise verteidigen viele “Linke” plötzlich die kapitalistische Herrschaftselite, weil diese ja – scheinbar – progressive Positionen besetzt. Damit kann jeder konsequente Systemkritiker als unappetitlicher “Rechtspopulist” denunziert werden – der breite Klassenkampf fällt also aus.

      Ich meine, da hat sich die neoliberale Machtelite eine ziemlich clevere ideologische Verteidigung gegen etwaige “revolutionäre Anwandlungen” der “gewöhnlichen Leute” aufgebaut.

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