Endlosschleife Universum: Stephen Hawking R.I.P.

Der Astrophysiker Stephen Hawking  ist gestorben. Er gehörte, so heißt es in den Nachrufen,  “zu den größten Wissenschaftlern aller Zeiten”. Schon 1988 als sein Buch “Eine kurze Geschichte der Zeit” international die Bestseller-Charts anführte, wurde der an der Muskelkrankheit ALS leidende Cambridge-Professor als “Jahrundertgenie im Rollstuhl” gefeiert. Mir schien der Hype damals suspekt und ich fand Hawkings Aussagen, dass die Chance groß sei, bis zum Ende des Jahrtausends die “Weltformel” zu finden, etwas vollmundig  – und schrieb zwei Seiten in der taz darüber. (“Universum Endlosschleife”, Teil 1 und Teil 2.) Tatsächlich ist die “Great Unified Theory” (GUT), die die sich widersprechenden Aussagen der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik vereinigt, bis heute nicht gefunden.

Auschließlich die bekannten Naturgesetze sollen in Hawkings Universum gelten und die noch zu findende Formel alle Unklarheiten einschließlich Gott beseitigen. Doch um das zu erreichen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als für den Zusammenfall des Weltalls eben diese Naturgesetze außer Kraft zu setzen: in der Singularität des Schwarzen Lochs, die das Universum periodisch recycelt. Der Plan, dem Detektiv Hawking im Auftrag der Agentur Kritischer Rationalismus hinterherhechelt, dürfte also allem Anschein nach so aussehen: ”  § l) Die Naturgesetze gelten immer §2)Wenn die Naturgesetze nicht gelten siehe § 1).”
Nun wäre es ja keine unsympathische Vorstellung, daß sich das Universum irgendwann als kosmischer Bürowitz offenbart. Wenn es aber anders aussehen sollte, ist auf jeden Fall der Lacher künftiger Kosmologen garantiert, die sich wundern, daß man anno 1988 tatsächlich glaubte, auf diesem Niveau die „Rätsel der Existenz” zu lösen; daß man unsichtbare Schwarze Löcher im Kosmos untersuchte und die Schwarzen Löcher im naturwissenschaftlichen Denkgebäude auf der Erde gar nicht weiter beachtete. Zum Beispiel die nach hinten losgegangene „Weltformel”, die John Bell 1964 fand, als er Einsteins Einwände gegen die Quantenmechanik mathematisch untermauern wollte: „Bells Theorem” (das nicht falsch sein kann, ohne daß die gesamte Mathematik hinfällig wird) beweist, daß jedes Teil des Universums in Kontakt mit jedem anderen Teil steht, und daß dieser Kontakt unmittelbar hergestellt wird, die Kommunikation ist schneller als Licht. Doch dessen Tempolimit ist das einzige, was in Einsteins Relativität absolut eingehalten werden muß. Nicht weniger rätselhaft und bedeutsam für unsere Existenz sind die Tatsachen, daß im Quantenbereich nicht jeder Wirkung eine Ursache vorausgeht (Kausalitätsproblem) und daß der Beobachter nur sieht, was er sehen will (Realitätsproblem). Es ist vielleicht ungerecht, neben dem großartigen Weltraum-Panorama, daß Stephen Hawking in diesem Buch entfaltet, von ihm zu verlangen, sich gefälligst auch um den Dreck vor der Haustür zu kümmern. Wer aber die saubere Weltformel verspricht, müßte diese irdischen Störenfriede eigentlich mit links entsorgen. „Eine kurze Geschichte der Zeit” ist ein überaus anregendes, lesenswertes Buch, sein Autor trotz mancher Eitelkeit mit genügend britischem Humor ausgestattet, um sich nicht immer ernst zu nehmen und zudem ein guter Schreiber, der seinen hoch abstrakten Stoff mühelos und anschaulich entfaltet. Eine Great Unified Theory jedoch ist nicht in Sicht—und so muß letztlich auch für Hawkings neue Weltformel das alte Verdikt gelten: GUT gemeint ist das Gegenteil von GUT.” (taz ,9.9.1988)

Stephen Hawking wurde in seinen folgenden Büchern was die großen Ansagen betrifft ein wenig  kleinlauter und trat in den letzten Jahren oft als Warner vor vorschnellen technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen hervor. Jetzt, wo sein Geist statt der Astrophysik den Weltraum der Seele erkundet, wird er aus dem Staunen nicht mehr herauskommen….

4 Kommentare

  1. Ein Mensch, der ernsthaft versucht die Welt zu verstehen, kommt nicht umhin, die Gründe der Existenz selbst zu hinterfragen.
    Weshalb hat ein Mensch überhaupt einen Freiheitsdrang? Warum rettet ihn seine Ignoranz nicht vor Offenheit?
    Die Erklärung liegt in der Voraussetzung der Existenz selbst, denn dies kann nicht darauf beruhen, daß etwas bleibt, wie es ist, dieses wäre niemals entstanden und wäre folglich ja nicht gelieben, wie es war.
    Hieran scheitern nicht nur sehr viele Menschen ohne wissenschaftliche Ausbildung, hier scheitert vor allem die Wissenschaft an sich selbst:

    Die Behauptung, Menschen könnten auch nur einen Teil erkennen, ist eine Illusion, denn dieses Teil müßte logischerweise Grenzen aufweisen, um es identifizieren zu können, die wiederum bleiben müßten, wie sie sind. Da helfen auch keine mathematischen Tricksereien über den Takt. Mathematik ist eine Sprache, in der das vorausgehende abstrakte Denken, einen Ausdruck findet. Eine Sprache kann jedoch niemals aus sich selbstheraus logisch sein, einfach weil sie behauptet logisch zu sein.

    (Sprach)Formale Logik ist nur eine Methodik, sie ist nicht logisch, sie ist tatsächlich dialektisch. Aus einer Form ergibt sich weder Inhalt, noch irgendeine Bedeutung. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Aus einer unveränderlichen Form, die ja bleiben müßte wie sie ist, kann keine Folge haben. Wie alles Unveränderliche, das bleiben muß, wie es ist, der Existenz widerspricht. Diese Veränderung hat omit Voraussetzungen:
    Diese sind Freiheit und Offenheit.

    Daher rührt der menschliche Drang nach Freiheit und Offenheit, sie sind die Existenz selbst. Menschen können diese lediglich mit ihrer Fähigkeit zur Ignoranz von sich fernhalten, diese Zustände sind jedoch niemals weg. Das bedeutet Menschen können nur so tun, ‘als ob’ es keine Freiheit gäbe. Herrschaftspiele kann der Mensch eben nur spielen. Jedes Spiel erfordert, die Wirklichkeit zu ignorieren. So werden Menschen durch dumme Erzählungen von Wissenschaftlern, zu Rollenspieler und Zockern gemacht.

    Freiheit ist kein Wert, sie ist, wie auch Offenheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Sicherheit, ein _unbestimmter_ Zustand.
    Jeder Versuch diese zu definieren, widerspricht bereits der Existenz selbst, denn die Existenz müßte bleiben wie sie ist und könnte nicht entstanden sein.

    Ich habe dies Stephen Hawking schreiben wollen, jetzt schreibe ich es hier bei Dir, nachdem bei KenFM auch die Moderation meint die freie Rede einschränken zu müssen.
    Aber es geht darum, die Wirklichkeit auszuhalten und sie nicht zu ignorieren, sonst spielen wir die Spiele einfach weiter:

    Das Problem, eine Illusion, kann nicht gleichzeitig die Lösung, die Wirklichkeit, sein.

    Herzliche Grüße

    Franz Maria Arwee

  2. Das Buch Anfang der Neunziger begeistert gelesen, hoffe ich das Hawking die gleiche Erkenntnis wie Commander Dave Bowman bekommt: “Mein Gott, es ist voller Sterne!” und sich nicht die bange Frage wie Hal 9000 stellen mußte: “Werde ich Träumen?”, denn alle intellegenten Wesen träumen. In diesem Sinne, R-I-P.

  3. Der amerikanische The Real News Internet Kanal aus Baltimore hat einen sehenswerten Video-Nachruf auf Stephen Hawkins veröffentlicht, in dem die wenig beleuchtete Seite Hawkins als politischer Aktivist zur Sprache kommt. Hawkins war ein linker Aktivist, gegen den Irak Krieg, für ein Boykott Israels angesichts der Unterdrückung der Palästinenser und im eigenen Land, gegen die zunehmende Privatisierung des englischen Gesundheitsdienstes. Hawkins soll einmal gesagt haben, dass er es bedauert, dass er niemals die Chance hatte, mit seinem Rollstuhl Margret Thatcher über die Zehen fahren. Das Video findet sich auf https://www.youtube.com/watch?v=daZ4t-6uWj4&t=6s .

  4. Ausmerzung meiner zahlreichen Schreibfehler. Bitte ersetzen. Danke.

    Der amerikanische “The Real News Network” (TRNN) Internet Kanal aus Baltimore hat einen sehenswerten Video-Nachruf auf Stephen Hawking veröffentlicht, in dem die wenig beleuchtete Seite Hawkings als politischer Aktivist zur Sprache kommt. Hawking war ein linker Aktivist, gegen den Irak Krieg, für ein Boykott Israels angesichts der Unterdrückung der Palästinenser und im eigenen Land, gegen die zunehmende Privatisierung des englischen Gesundheitsdienstes. Hawking soll einmal gesagt haben, dass er es bedauert, dass er niemals die Chance hatte, mit seinem Rollstuhl Margret Thatcher über die Zehen zu fahren. Das Video findet sich auf https://www.youtube.com/watch?v=daZ4t-6uWj4&t=6s .

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