Die Intelligenz der Blumen

„Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“.

Der belgische Dramatiker, Dichter und Philosoph Maurice Maeterlinck (1862-1949) erhielt 1911 den Nobelpreis der Literatur und gilt als  einer der wichtigsten Vertreter des Symbolismus. Aber auch seine Sachbücher, wie  “Das Leben der Bienen”,  wurden weltweit zu Bestsellern. Jetzt ist sein 1907 erstmals erschienener Essay “Die Intelligenz der Blumen” in einer schönen Neuausgabe im Westend Verlag herausgekommen, zu der ich ein Nachwort über den Autor geschrieben habe. Hier ein  Auszug daraus:

“Dieser Maurice Maeterlinck war somit mehr als  ein poetischer Propagandist des Irrationalen und Spirituellen – er war ein klarer Kopf und stand mit beiden Füßen auf der Erde „Woher“, fragte sich der Wiener Kaffeehauspoet Peter Altenberg, „nimmt der gottbegnadete Dichter Maeterlinck nur diese dem Irdischen so süß entrückten Gestalten…Gestalten, die gleichsam auf besseren Sternen wohnen als unsere alte Erde ist und im Leben des Tages ein Mysterium bilden von überschwänglichen, zartheitskranken Seelen ?!? An welchen Quellen der Natur trank der Dichter? Wo entdeckte er die Kräfte, die zugleich vom sicheren Boden des Alltags und zugleich aus den Geheimnissen der Allwelt kamen ? Nun las ich sein Buch „Das Leben der Bienen“. Hier war die Quelle! Im Bienenstaate, in diesem irdisch Geheimnisvollsten…lernte es der Dichter – Bienenzüchter während 20 Jahren – die Menschen, losgelöst vom Tagesgeschehen, in antizipierten Entwicklungsstadien der Seele erfassen, die gleichsam bereits außerhalb des Irdischen sich befinden und wohin außer der wissende Blick Gottes nur der ahnende Blick des Dichters zu dringen vermag.“

Maeterlincks Buch über den Bienenstaat als Blaupause der menschlichen Gesellschaft erschien 1901 (eine Neuauflage liegt seit 2013 im Unionsverlag vor). Seine genaue Kenntnis und Beobachtung verbunden mit der sensiblen und poetischen Sprachkunst des Autors machten aus diesem Werk weltweit einen Bestseller, über 250.000 Exemplare wurden verkauft. Mit der Erzählung verborgener Zusammenhänge aus dem Gemeinschaftsleben der Honigbiene lehrte dieses Buch nicht exakte Wissenschaft, sondern das Staunen vor der »unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte«. Ähnlich wie der legendäre Insektenforscher Jean-Henri Fabre (1823-1915), der sich den Objekten seines Interesse weniger mit Mikroskop und auf dem Seziertisch näherte, sondern allein durch die Beobachtung ihres Verhaltens, ist auch Maeterlinck ein teilnehmender und mitfühlender Beobachter. Als Fabre, der über Jahrzehnte Wespennester auf einer Brache in Südfrankreich beobachtet hatte, einmal gefragt wurde, ob er eigentlich an Gott glaube, antwortete er: „Was heißt glauben, ich sehe ihn jeden Tag.“

In solcher Demut vor dem Wunder der Natur, das sich demjenigen offenbart, der nur genau genug hinschaut – es kommt einem der Chemiker und Entdecker des LSD, Albert Hofmann, in den Sinn, der sagte: „Wer als Naturwissenschaftler kein Mystiker wird, ist kein richtiger Naturwissenschaftler“ – in solchem ehrfürchtigen Staunen vor der „unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte“ schließt sich auch für den Poeten Maurice Maeterlinck der Kreis. Nicht mehr in Symbolen und Metaphern, sondern in der Wirklichkeit lebendiger Tatsachen. Sei es der Bienen, oder der Ameisen, über die er ebenfalls ein Buch schrieb, oder der Blumen, deren einzigartiges, faszinierendes Verhalten, das „Auflehnen gegen ihr Schicksal“ für ihn keine andere Zuschreibung als „Intelligenz“ zuließ. Immobil und „an die Scholle gekettet“ müssen sie „weit größere Schwierigkeiten“ überwinden als Tiere und Menschen und greifen deshalb „zu Listen und Kombinationen, zu einem Mechanismus und zu Fallen, die unter dem Gesichtspunkt der Mechanik, der Ballistik, des Fluges, der Beobachtung von Insekten u.a.m. den Erfindungen und Kenntnissen der Menschen oft vorausgewesen sind.“

Schon die Beobachtung der Bienen hatte ihn dazu gebracht, nicht eher abwertend von „Instinkt“, sondern von „Intelligenz“ zu sprechen, wenn nicht bei der einzelnen Biene dann im „Geist des Bienenstocks“ als „eine verhüllte Gewalt von überlegener Weisheit.“ Von der Lyrik und vom symbolistischen Drama kommend landet Maeterlinck bei seinen Naturbeobachtungen wieder bei dem großen „Mysterium“ – doch nun nicht mehr melancholisch, fatalistisch und schicksalsverhangen, sondern optimistisch und euphorisch angesichts der Energie und der Dynamik, mit dem selbst das kleinste Unkraut sich immer wieder auf’s Neue seinen Platz in der Welt schafft.

„Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“, heißt es in „Die Intelligenz der Blumen“, das 1907 erscheint. Wo in seinen Dichtungen noch schwer und betäubend die Dekadenz des Fin de Siécle duftete, da blüht jetzt staunend und freudig das Leben und zwischen den Zeilen seiner subtilen und genauen Beobachtungen schwingt sich Maeterlincks poetische Prosa zum hymnischen Lobpreis der Schöpfung auf. Er „schreibt mit der Vorstellungskraft eines Schlafwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer mit der Präzision eines großen Künstlers“, hieß es in der Preisrede für den Nobelpreis 1911, zu dessen Verleihung sich der öffentlichkeitsscheue Autor krank gemeldet hatte. Er blieb lieber auf seinem Sommersitz in der Normandie, einer ehemaligen Benediktinerabtei, in die er aus der Pariser Hektik mit seiner Lebensgefährtin, der Opersängerin Georgette Leblanc gezogen war. Sie hatten sich 1896 kennengelernt und mit dieser Liebe fällt dann – wenig überraschend – auch Maeterlincks Wende vom „nervenymbolischen“ Fatalismus zur lebensbejahenden Naturdynamik zusammen. Er imkert, er radelt, er arbeitet in seinem Garten und schreibt, täglich zwei Stunden, nicht nur über Tiere und Pflanzen, sondern auch einen Essay über eine seiner weiteren Leidenschaften: ein „Lob des Boxens“. (…)”

Maurice Maeterlinck: Die Intelligenz der Blumen, Westend-Verlag, 96 Seiten mit farbigen Abbildungen, 14 Euro

3 Comments

  1. Wieviele unserer Zeitgenossen sind für solche Beobachtungen noch empfänglich? In meinen persönlichen Beobachtungen komme ich leider oft zu der Erkenntnis, dass es um große Teile nicht gut bestellt ist. Die Ignoranz und Arroganz mit der sie durchs leben gehen ist erschreckend. Es herrscht eine abgehobene Haltung gegen alles und jeden. Gut sichtbar wurde dies in der aktuellen Dieseldebatte. Was dort an unerträglichen (nicht nur von offizieller Seite) abgesondert wurde, lässt für die Zukunft schlimmes erahnen. Emphaty und ein Reflektieren des eigenen Handeln und Tun, findet kaum noch statt!

  2. DANKE für diesen inspirierenden Text. Peter Altenberg ist einer meiner ältesten “Freunde”. Mit Maeterlinck werde ich demnächst mich und andere erfreuen. Es gibt auch noch etwas anderes als den politischen Dreck, der uns umgibt, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie darauf aufmerksam machen.

  3. Ist bestellt!
    Wieder einmal eintauchen in den – heute vielleicht, aus Gründen die ihm selbst wahrscheinlich am besten bekannt sind, vorzugsweise von einem gewissen Herrn M. Broeckers “sensierten” bzw. wiedervermittelbaren/vermittelten – ausgesprochen wunderbaren Geist jener gar nicht so lange zurückliegenden, in Wirklichkeit freilich nie vergangenen, stets verwehenden aber nie vergehenden Zeit… der “Geheimnisse der Allwelt” (wie der zitierte P. Altenberg so spektakulär sagt)…
    … als z. B. auch ein Hanns Heinz Ewers noch, damals – bzw. vor dem Großen Krieg jedenfalls – gefeierter “Alraune”-Romanbestsellerautor, überraschenderweise ein 524 Seiten starkes “Ameisen”- Buch (1925) vorlegte, ebenfalls ein zwar naturwissenschaftliches, aber keineswegs trockenes, sondern in dem Fall halt hübsch Ewers-mäßig gepfeffertes Werk.

    Um zusammenzufassen:
    —Flower Power—!

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