Die Echokammereliten und der Singsang sermonaler Konsensmessen

 

Ende 2014 hatte ich hier  einen wunderbaren Essay  von Wolf Reiser, der in Lettre international erschienen war, empfohlen:  “Freiwild – Über Zähmung, Verwahrlosung und Niedergang des Journalismus”. Jetzt hat er in dieser Sache noch einmal nachgelegt und auch diesen fulminanten Aufsatz, der auf  Rubikon erschienen ist  – “Der Anfang vom Ende – Am 11. September 2001 begann der Niedergang der Medienwelt” –  möchte ich allen Leserinnen und Lesern an’s Herz legen: 

Seit langem schon haben sich die deutschen Medien von ihrer grundsätzlichen Funktion in unserer Gesellschaft verabschiedet und sich ihrer Existenzberechtigung entledigt. Wer die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Sender und jene der führenden Tageszeitungen und Magazine über einen längeren Zeitraum verfolgen konnte, erlebt, dass sich mit 9/11 nicht nur ein paar Geschäftstürme zu Schutt und Asche verwandelten, sondern auch Auftrag und Sinn des Journalismus im Ground Zero verdampften.

Dem kann ich  nur beipflichten – und das mit drei Ausrufezeichen – wie überhaupt jedem Satz in diesem Essay, aus dem hier nur noch eine besonders treffende Passage über das Grauen der deutschen TV-Talkshows zitiert sei:

Gelegentlich wird so einer Runde ein armes Würstchen zum Fraß vorgeworfen – ein Piratenhacker, eine IS-Anwärterin mit Burka, jemand von Pegida oder der Roten Flora und notfalls Herr Lüders oder Herr Todenhöfer. Anstatt im Dienst und Geist der Dialektik zu streiten – es muss ja nicht gleich mit Hegel, Bloch und Adorno zu tun haben – und sich die Leviten zu lesen, versanden die Debatten im verzagt altklugen Singsang sermonaler Konsensmessen. In einer Endlosschleife spulen die Couchbesetzer ihre Sprachregelungen, Tabusetzungen und neofeudalen Moralcodes ab. Mit zelotischer Verbissenheit machen sich diese immer gleichen Infotainer jedes Thema zu eigen: Mietpreisbremse, nervöse Märkte, Bildung, Soziales, Nullzinsrisiko, Fassbomben, hellenisches Klienteldrama und, logisch, ja, nochmals, Bildung, Bürokratieabbau, Maidan, Maut, Entlastung der mittleren Einkommen, NSU, NSA, Flüchtlinge, Videobeweis, Biodiesel, Cum-Ex, Pflegenotstand, Nowitschok, Hitlers Sackratten und abgehängte Schlecker-Frauen. In diesen gemütlichen Schlaflabors („Da bin ich ganz bei Ihnen“) hätte kein Scholl-Latour mehr Platz, kein Frank Schirrmacher, Jean Améry, kein Balzac, Grass oder Goethe. Hier sitzen die Duzfreunde des Guten, Hajali und Seppelt Kleber und Mascolo. Die vielen redlichen wie und wahrhaftigen Kollegen werden in Abwesenheit diffamiert – als Verschwörungstheoretiker, Putin-Trolle, Europagegner und Rechts&Links-Populisten. Zu Füßen der Raute zeigenden Freiheitsstatue in Apricot schwadroniert die Echokammerelite von der westlichen Wertegemeinschaft, der offenen Gesellschaft, des liberalen Pluralismus, der Entfaltung des Gender-Individuums, den freie Märkten und der Verteidigung irgendwelcher transatlantischer Ideale. Man kann es nicht mehr hören und nicht mehr sehen und nur hoffen, dass der Russe und seine Hacker endlich den Strom abstellen.

Wie wahr. Deshalb meine Bitte an alle und vor allem an jene, die “irgendwas mit Medien” zu tun haben, den ganzen Text auf  Rubikon weiter zu lesen. Er ist lang, aber bringt das ganze Elend der Branche mit jedem Satz auf den Punkt.

8 Comments

  1. jo. Die Journalisten sind schon ein Haufen von Fake-News-Verteilern.

    Werden, was Fake-News angeht, nur noch von Möchtegern-Schrifftstellen in den Schatten gestellt, die dich wirren Kramm zusammenreimen und denken, das wäre Recherchieren.

    Schlimmer sind dann nur noch gescheiterte Jounalisten, die anfangen wirre Bücher zu schreiben und auf Youtube erzählen, wie unfassbar schlau sie sind.

    1. am allerschlimmsten sind kecke Nullchecker, die ihr eigenes Stockholmsyndrom nicht bemerken, weil schon so lange Moos und Pilze drauf wachsen.

  2. “Times are changing”….und Jobs für die schreibende Zunft wird es auch in Zukunft geben …möglicherweise gibt es aber irgendwann keine Leser mehr….die mehr als 3 Hauptsätze verarbeiten können.

    Wie wär’ s mal mit nachstehender Verpflichtungserklärung für eine Tageszeitung X
    Idealiter ein Medium “Neuer Unvoreingenommenheit”… in Zeiten… “Alter und neuer Unübersichtlichkeit” …von-und für ungebundene Geister…die sauber
    recherchieren…nichts und niemanden zwangsbelehren …und die sich auch zur Wehr setzen können.

    Aktuell zeigt einzig die tägliche BILD Wagner Kolumne
    zur genannten Präambel eine gewisse rudimentäre Affinität…mit dem Bonus…
    dass sich minimum 2 Hauptsätze in all seinen Artikeln immer ausrollen 🙂
    fjwagner@bild.de

    Verpflichtungserklärung :
    Das unbedingte Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat
    ( Klares Ja…und sehr wichtig )
    für Deutschland als Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft
    ( als Staatenbund OK…als Bundesstaat der Horror…und klares Nein )
    Für die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas.
    (Nicht nötig….Mind your own business only…weil “Einigen”… auf was denn hin ? Schuldenvergemeinschaftung ?…Subventionsbetrug ? …Bankenrettung ?…USA: gut-Putin: böse…vice versa ? Die Völker Europas kämen 2018 auch ohne Sowjetisierung aus Brüssel miteinander klar )

    Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen
    ( Soweit die Juden das überhaupt möchten…Klares Ja )
    Die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes. ( Klares Ja )
    Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses ( Eigentor und No )
    die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika. ( Ist ein Zwang… weil Deutschland ohne Friedensvertrag nicht souverän ist und die Feindstaatenklausel der UN fortbesteht…deshalb No )
    –Trump hat von den Krauts eh die Schnauze voll –so no big deal
    Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus ( Wichtig und Ja )
    Die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.
    ( Ja …sehr gerne…die gibt es aber leider nicht mehr )
    Die Unterstützung der EU, ihrer Politik und Einrichtungen. ( Klares Nein )

  3. Nur so am Rande. Georg Mascolo ist- zusammen mit Hans Leyendecker – für einen krassen Fake News-Arikel in der SZ bezüglich des Berliner LKW-Anschlags verantwortlich.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/terroranschlag-lkw-bremssystem-verhinderte-noch-mehr-tote-in-berlin-1.3312551

    Die Hypothese, der LKW sei erst durch das automatische Bremssystem gestoppt worden, wurde von Experten schon damals bezweifelt und kann heute, da sich die Hinweise häufen, dass der LKW nur ganz langsam durch den Markt fuhr, als widerlegt gelten. Sie macht auch aus physikalischen Gründen von vorne bis hinten keinen Sinn, aber Mascolo und Leyendecker haben eben brav gefressen, was ihnen von einer obskuren “Ermittlergruppe City” verabreicht wurde, ohne mal bei einem Experten nachzufragen.

  4. Dem ist absolut zuzustimmen. Talkshows in D. sind unterstes Niveau und sollten eigentlich in Blabla-Shows umbenannt werden. Ich habe mich schon vor Jahren davon verabschiedet. Man sehnt sich nach der Werbepause, um zu pinkeln. Da wird gejammert über die zunehmende Islamisierung, aber das wir seit Jahrzehnten Anglisiert werden interessiert kein Schwein, denn alles was von dort kommt, kommt schließlich von den Guten. Jeder Mist wird übernommen, oder mindestens mit entsprechendem Anglizismus versehen, wenn auch noch so dämlich. Bsp: Fußball wird beim Publik Viewing geschaut, wir shoppen in der Mall und gehen zum Summersale. Wir erlauben den USA von unserem Boden aus zu morden und beteiligen uns an ihren ” Frieden stiftenden Missionen”, ja wir sind sogar so blöde uns vorschreiben zu lassen, wie viel wir für “Verteidigung” auszugeben haben. Wir erschöpfen uns in grenzdebilen Debatten darüber, ob man stolz sein darf Deutscher zu sein. Stolz auf was? Auf verbrecherische Wirtschaftsbosse, welche Leistungslose Millionen kassieren, dafür das sie die Unternehmen vor die Wand fahren und die Leute ihre ohnehin schon miserabel bezahlten Jobs verlieren? Auf Steuerhinterziehende Vorbilder unserer Jugend aus dem Sportbereich? Auf Politiker die Politik machen für das obere 1% und sich dann mit extra für sie erfundenen gut dotierten Jobs die Nüsse schaukeln? Denk ich an Deutschland in der Nacht…

  5. Einiges, das Wolf Reiser da schreibt, trifft zu, wesentliches geht aber am Kern des Problems vorbei. Seine Timeline beispielsweise. Dass der deutsche Journalismus erst ab Mitte der 80er eingehegt wurde und bis dahin mehr oder weniger frei in der Berichterstattung war, ist eine Mär, die zu widerlegen einem Recherchefuchs seines Kalibers nicht schwerfallen sollte. Ein Stichwort unter vielen: Alliiertes Vorbehaltsrecht.

    Übrigens, das von Reiser als “modriger Müll” geschmähte “Focus-Money” ist das einzige Deutsche Mainstream-Magazin, das gleich zwei mehrseitige Artikel veröffentlicht hat, die die offizielle 9/11-Verschwörungstheorie gründlich demontiert haben.

    https://www.oliverjanich.de/911wir-glauben-euch-nicht.pdf

    https://www.oliverjanich.de/911-tathergang.pdf

    1. – Und wenn nun Focus-Money einfach trotzdem, also trotz des scheinbaren Verdienstes, als “das einzige Deutsche Mainstream Magazin usw.” (wobei ein keines ‘deutsch’ auch genügt hätte, so wie beides wohl nicht ganz mit ‘deutschsprachig’ übereinstimmt, was korrekt ausgesehen hätte, und es insofern auch schon wieder egal ist) ein “modriger Müll” wäre, wie der ebenso gut informierte wie fulminante Reiser urteilt?
      – Steht da im vorliegenden (wie auch 2014 vorausgegangenen) Essay – wohlweislich, wie Wolf Reiser selbst auch mit heute beispielloser Drastik unter Erwähnung einer nicht mehr fernen bzw. bereits schon wieder existierenden Gestapo andeutet, zwischen den Zeilen – nicht alles voll von berechnenden Zynikern, die ihr Publikum für blöd verkaufen möchten? (Insofern stellt sich auch die Frage nach der “Timeline”, die dieser Essay gewählt hat, überhaupt nicht.)
      – Schließlich gibt es doch diese riesige informelle (Ziel-)Gruppe, die solche Nummern wie 9/11 und deren Resultate “gut” findet…
      Ich für meinen Teil traue keinem und keiner über den Weg, der oder die behauptet, diese kenne er nicht – solche Leute outen sich dabei in meinen Augen zwingend als Teil derselben, und zwar als bewussten, d.h. schuldigen oder zumindest mitschuldigen Teil. Und ich erwarte genau das von ihnen, was Reiser uns hier in seinem in Wirklichkeit auf die Gegenwart bzw. keineswegs mehr ferne Zukunft gerichteten Essay prophezeien will. (Insofern stellt sich auch hier die Frage nach der gewählten “Timeline” überhaupt nicht.)

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