Die Russiagate Hysterie

Sie können es einfach nicht lassen, als ob sie von einer Seuche, einem Fluch, einem Zauber befallen wären, wie die White Walker in “Game of Thrones” marschieren die Russiagater als eiskalte Krieger sturheil voran. Da mag auch auf 400 Seiten Mueller-Report kein einziger Beweis für irgendwelche Manipulationen der US-Wahl zu finden sein und nichts über Absprachen zwischen Trump und Russland oder gar mit dem Ultrabösen persönlich, da mögen sich hunderte, tausende “Breaking News” der letzten zwei Jahre als Fakes und haltlose Verschwörungstheorien herausgestellt haben – es ficht die Propaganda-Truppen des “Nachtkönigs” nicht an. Vergessen wir “medling” und “collusion”, Russiagate war nur ein Vorspiel, der eigentliche Plot kommt erst noch, denn der Ultraböse interessiert sich eigentlich gar nicht für irgendwelche Wahlen: Putin will die Weltmacht! Nicht erst seit Henry Luce den Zapruder-Film über die Schüsse auf John F.Kennedy kaufte und mehr als zehn Jahre unter Verschluss hielt, ist das “Time”-Magazin zuverlässiges Organ der CIA und des gesamten  MICCIMATT-Komplexes – und gibt mit diesem Cover die neue Marschroute gegen das Reich des Ultrabösen vor. Mit einer martialischen Grafik welche, würde sie statt Putin etwa Netanjahu zeigen, sogleich entrüstete Proteste sämtlicher Antisemitismus-Beauftragten zur Folge hätte; und die zugleich in bester 50er-Jahre CDU-Tradition perfekt in den neuen kalten Krieg passt, wo Antirussismus-Beauftragte nicht zu befürchten sind.

Wer sich die Gruselstory über den Ultrabösen, der sich mit einer Reihe finsterer Schurkenstaaten ein Imperium zimmert, gegeben hat, sollte im Anschluss ein Dokument zur Kenntnis nehmen, um die Glaubwürdigkeit von Geschichten wie diesen und Organen wie “Time”, “New York Times”, Washington Post” etc. zu testen. In einer braven Fleissarbeit hat die russische Botschaft in Washington die wichtigsten Fake-News der vergangenen drei Jahre – mit hunderten von Links – zusammengestellt und diagnostiziert einen massiven Fall von Russophobie: THE RUSSIAGATE HYSTERIA:A CASE OF SEVERE RUSSOPHOBIA(PDF). Für alle, die “irgendwas mit Medien” studieren oder sich für den tragischen Zustand der einstigen “vierten Gewalt” interessieren, ist die Dokumentation eine Fundgrube und ein Fallbeispiel par excellénce.

6 Comments

  1. Langsam wird es wirklich Zeit für einen Antirussisch-Beauftragten, da es langsam wirklich diskriminierende Ausmaße angenommen hat, was da überall behauptet und unternommen wird bzw. wurde.
    Nur wer wäre dafür geeignet? Die wollen sich doch alle nicht dieses “schöne” Spiel versauen lassen, das denen doch schöne Karrieren verspricht.Langsam wird alles unbehaglich.

  2. Das Problem ist vielleicht auch, dass viele die Landkarte mit dem Gelände verwechseln, wenn es um die hehren Ideale des Journalismus geht: Die ersten Massenpublikationen im journalistischen Genre haben sich an ein börsen- und politikaffines Publikum gerichtet, weil das sich unter anderem Geschäftsvorteile davon versprochen hat, gut informiert zu sein. Und Publikumszeitschriften waren schon immer dem Entertainment verpflichtet, von der Illustrierten bis zum Nachrichtenmagazin. Dass man sich dabei auch als Aufklärer gerieren kann, solang’s den Kamm des Michels schön schwellen lässt, ist nur Funktion, nicht Zweck der Übung.

    Wem nach Jahrzehnten der Medienrezeption immer noch die Idee vorschwebt, dass die “vierte Gewalt” etwas für ihn statt mit ihm veranstaltet, der kauft auch Heizdecken an der Haustür. Vielleicht sollten manche Kritiker für jeweils ein paar Wochen in angesehenen Redaktionen hospitieren, statt sich mühsam durch Berufsethos- und Journalismusforschungs-Sekundärliteratur zu quälen und dann aufzujaulen, dass die Realität an Kiosk und Glotze so ganz anders erscheint, als Prof. Dr. Elfenbein und seine Pantoffel-Mitstreiter sie gerne hätten. Das kuriert von mancher Grille, von wegen Aufklärung und für das Gute kämpfen. Wobei, mit der korrekten Auszeichnung der Narrativ-Metaebene stimmt es ja auch: “Aufklärung”, “Kampf”, “fürs Gute”. Je nach Genre noch Ausrufe-, Fragezeichen oder Versalien – und schon ist auch Dr. Michel zufrieden.

    Es gibt keine richtige Wahrheit im falschen Journalismus. Wer sich nicht mehr am Story-Feuer wärmt und die Höhle verlässt, für den gibt es solide Informationen, häufig aus akademischer Literatur und/oder von Fachleuten – und Hörensagen-Entertainment. Warum gegen Windmühlen anrennen und die quasselnden Zyklopen an ihren zu Marketing-Zwecken postulierten Standards messen? McDonalds verkauft sich inzwischen auch als gesundheitsbewusst und nachhaltig. So what?

    Man trägt als Medienkritiker ohnehin Eulen nach Athen: Für Lieschen Müller ist der Diskurs viel zu unangenehm und versponnen, wer dagegen von Enzensberger angefixt wurde und von Jebsen den goldenen Schuss verpasst bekommen hat, braucht keine Überzeugungsarbeit mehr. Er tritt nicht mehr als mündiger Rezipient auf, der die “tu quoques” und “cum hoc ergo propter hocs” im Matrix-Code noch sehen könnte, sondern als Entertainment-Junkie, der nun eben auf “Now I’ve Got You, You Son of a Bitch” (Berne) steht. So what?

  3. Digi-Tal
    25/04/2019 at 11:41

    Guter Text von Ihnen

    Selbst der “Urknall des investigativen Journalismus”–Nixon + Watergate
    ist nicht so abgelaufen…wie es sich im öffentlichen Bewußtsein und bei
    den Medien später dann verfestigt und etabliert hat.

    https://jonrappoport.wordpress.com/2017/02/22/trump-watergate-nixon-rockefeller-the-real-lesson/

    Einer Journalisten -Selbstwahrnehmung als 4. Gewalt, sollte man grundsätzlich kritisch begegnen…eher ist der Journalismus eine 1. Gewalt eigener Irrungen-und Wirrungen. (Autor-und Leser…Alt-Media-und Mainstream alike ), solange er nicht stumpfe PR und reine Echo-Orgel ist….anyway… natürlich muss unbedingt festgehalten werden an : Der verfassungsgemäßen Gewährleistung die Pressefreiheit
    Art. 5 Absatz 1 Satz 2 GG

  4. Journalismus ist Gegenaufklärung, weil der Journalist davon profitiert, dass seine Rezipienten nicht besser Bescheid wissen als er – über Fangquoten, Grenzwerte, Wahlrecht oder was auch immer der ganzheitlich ums Wohl der Gesellschaft besorgte Schreibtischtäter sich gestern anlesen musste, um den Keller von Seite 7 zu füllen.

    “Sapere aude” hieße, sich eine starke Basis aus Fachliteratur und eigener Erfahrung zu schaffen, bevor man sich aus der Vaudeville-Revue auf allen Kanälen die tagesrelevanten Updates herausarbeiten kann. “Errege dich!”, feixt die Truppe auf der Bühne: “Sind uns Muslime scheißegal? Wie stehen wir zum Deutschsein? Wie zur Männlichkeit? Was ist das schön, darüber zu reden, wie einsam wäre es ohne uns! Wölbt sich da was?” Wer da nicht filtert, lebt bald selbst im dauergeilen Newsroom und darf sich, ganz mündiger Junkie, darüber freuen, dass die Geschichte “zieht”, obwohl kaum was dran ist.

    Jedem in der Branche sind die Gepflogenheiten bekannt, für Außenstehende gibt es nur manchmal einen Blick hinter die Bühne:

    https://meedia.de/2015/02/16/sz-leaks-ex-mitarbeiter-der-sueddeutschen-erhebt-schwere-vorwuerfe-in-sachen-schleichwerbung/

  5. Es ist ja nicht nur Russiagate. Wenn man nur auf die Reaktion unserer Leitmedein zum Wahlergebnis in der Ukraine schaut, wie sie sich da gewunden haben, wie der berühmte Aal. Man hatte auf den US-Kanditen Poroschenko gesetzt und verloren. Peinlich, was danach an Erklärungsversuchen kam. Das Gleiche hatten wir schon bei der Wahl von Trump, als man alles auf Killery setzte und verlor. Eigentlich verbietet es sich, hier noch von “vierter Gewalt” zu sprechen. Diese Medien sind mehr als eingebunden! Wie auch das ganze System, nicht mehr als Demokratisch bezeichnet werden kann. Neofeudalismus oder Diktatur der Hedgefonds passt da wohl eher. Möchte gerne auf einen Beitrag von Werner Rügemer verweisen, welcher am 23.04.19 auf den Nachdenkseiten erschien und einen mehr als die Augen öffnet. Danach versteht man auch warum die “vierte gewalt” nicht mehr vorhanden ist.
    “USA im Niedergang? – Aber in der EU so mächtig wie noch nie”
    —–> https://www.nachdenkseiten.de/?p=51122#more-51122

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