Browder, der Magnistky-Mythos und das Versagen der Medien

Dass der “Spiegel” allenthalben nur noch “das ehemalige Nachrichtenmagazin” genannt wird, ist ja nicht erst seit den preisgekrönten Fake-Reportagen seiner einstigen Edelfeder Claas Relotius der Fall. Der Niedergang vom “Sagen was ist”, das der Gründer Rudolf Augstein vorgegeben hatte, zur propagandistischen Infotainment-Gazette ist schon seit mindestens zwei Jahrzehnten im Gang:  Wenn das Narrativ stimmt, sind die Fakten zweitranging. Das galt zum Beispiel (und gilt noch immer), wo es um den Putsch in der Ukraine 2014, den Absturz der MH 17 und die Annektion der Krim geht und sich der “Spiegel” mit anti-russischen Geschichten in der Manier von kältester “Kalter Krieg”-Propaganda hervortat.  Auch aus der Feder seines Russland-Korrespondenten Benjamin Bidder, der wenn es gegen Putin und die Russen geht auch vor Relotius-Methoden nicht zurückschreckt.

Was macht nun ein solches ehemaliges Nachrichtenmagazin und sein Geschichtenerzähler, wenn Fakten auftauchen,  die einen Grundfeiler des Anti-Russland-Narrativs als gefälscht und erfunden herausstellen ? Die sind dann erst Mal zweitrangig und werden schlicht und ergreifend verschwiegen. Wenn dann immer mehr Tatsachen bekannt werden und beim besten Willen nicht mehr zu übersehen sind und sogar hohe Gerichtshöfe feststellen, dass die Story erstunken und erlogen ist ? Geht man dann her und schreibt “Wie wahr sind die Geschichten von Relotius ?” und insinuiert mit dieser Formulierung und dem Fragezeichen, dass sie immerhin noch wahr sein könnten. Ja, so macht man das, wenn es darum geht, das große Narrativ zu retten, das man seit Jahren als Nachrichten verkauft. Und so schreibt man als Benjamin Bidder jetzt eben:
“Der Fall Magnitski:  Wie wahr ist die Geschichte, auf der die US-Sanktionen gegen Russland beruhen? – Mit seinen Aussagen zum Tod eines Whistleblowers brachte Bill Browder die Amerikaner gegen Putin auf. Doch seine Darstellung ist voller Widersprüche.”
Das ist sie tatsächlich. Und das ist überhaupt nicht neu, sondern seit Jahren bekannt – allerdings nicht für Leser des “Spiegel” und anderer selbsternannter Qualitätsmedien, die die Fake-Story des Hedgefondmanagers Browder, sein Anwalt und Buchhalter Magnitsky sei von “Putins Schergen” im Gefängnis ermordet worden,  rauf und runter beteten. In den USA, wo das Gesetz zu den Sanktionen gegen Russland “Magnitsky Act” genannt wurde, und auch in Europa, wo die Regierungen ohne jede weitere Frage auf den Sanktionszug aufsprang und Bill Browder  sich als “Putins Staatsfeind Nr.1” und Menschenrechtsaktivist feiern lassen konnte.

Dass er in Wahrheit ein Betrüger und perfider Geschichtenerzähler ist, entdeckte als einer der ersten der russische Regisseur Andrei Nekrasov, der über den Geschichtenerzähler Browder einen ausführlichen Dokufilm “The Magnistky Act. Behind the Scenes” gemacht hatte. Nekrasov hatte mit dem Segen und im Auftrag Browders 2010 mit dem Film begonnen, der die Geschichte der Ermordung Magnistkys zeigen sollte, doch war bei seinen Recherchen dann 2015 auf zahlreiche Ungereimtheiten gestossen. Damit konfrontiert verweigerte Browder weitere Stellungnahmen und verbot dem Regisseur, das bereits gedrehte Material zu verwenden. Er drehte den Film dennoch zu Ende, an dessen Schluss nun stand:

 “Von der erfundenen Geschichte, dass Magnitsky ein Verbrechen aufgedeckt habe und deshalb umgebracht wurde, ließen sich der Kongress und der Präsident der Vereinigten Staaten, das kanadische Parlament, der Europarat, das Europäische Parlament, der OSZE, zahlreiche NGO, die Medien und viele normale Bürger, einschließlich ich selbst, täuschen.”

Eine Ausstrahlung des Films war dann für den 3. Mai 2016 auf ARTE angekündigt – doch sie entfiel. Angeblich aus “persönlichkeitsrechtlichen Gründen”, tatsächlich aber nach Interventionen des ZDF-Intendanten und aus der Politik. Dabei tat sich unter anderem die Grünen-Abgeordnete Marie-Luise Beck hervor, die auch verhinderte, dass der Film vor der TV-Ausstrahlung im Europäischen Parlament gezeigt werden konnte. Was insofern veständlich ist, da sich ihre Aussagen in diesem Film als russophober Propagandamüll entlarven – aber auch bezeichnend für die Ignoranz der EU gegenüber jedem Zweifel an dem transatlantischen Magnitsky-Mythos.

All das kommt in dem Beitrag des Relotius-Kollegen Bidder nicht vor:  nicht die Recherchen von Andrei Nekrasov, nicht sein Film, nicht die massive Kampagne, dessen Austrahlung zu verhindern und natürlich auch nicht, dass dieser ganze Fake im Onlinemagazin Telepolis schon lange aufgedeckt und thematisiert worden ist. Auch den Filmemacher hatte Telepolis eingeladen und den verbotenen Film in einem privaten Salon gezeigt. Die hinter einer Bezahlschranke verborgene Pseudo-Enthüllung des Spiegel kann man sich deshalb getrost sparen, sie belegt nur, dass das Prädikat „ehemalig“ für dieses „Nachrichtenmagzin“ leider angemessen ist. Inwieweit das auch für das Nachrichtenangebot der öffentlich-rechtlichen Medien gilt wird sich jetzt daran zeigen, ob und wann ARTE, ZDF oder wer immer den Film zeigen und ihrem Informationsauftrag nachkommen, die breite Öffentlichkeit über diesen politisch höchst relevanten Fall von Fake News aufzuklären.

Auch als Podcast auf KenFM

13 Comments

    1. Über TOR Browser ist der Film allen zugänglich http://magnitskyact.com/

      Übrigens Nekrasov wurde NICHT von Browder beauftragt, den Film über Magnitski zu machen. Nekrasov und Piraya Film haben selbst das Projekt initiiert, weil die Story ja “atemberaubend” war, dann kam u.a. auch ZDF/ARTE als Co-Produzent dazu und dann ist eine neue Geschichte durch die Recherche zustande gekommen.

      1. Danke für den Tipp mit dem Tor-Browser – ich habe den Film jetzt in german version – für 10 $

  1. Vermutlich nerve ich mittlerweile mit meinem regelmäßig wiederkehrenden Einwand, dass die (Mainstream-)Medien durchaus nicht “versagen” sondern genau ihrer Rolle entsprechend funktionieren. Prof. Mausfeld spricht hier vom “wichtigsten Mittel der psychologischen Kriegführung gegen die eigene Bevölkerung” und von “Tiefenindoktrination”.

    Statt plump zu lügen lässt man “nicht hilfreiche” Fakten einfach weg, wie schon im Fall MH17 die von Ermittler Resch angebotenen, millionenschweren Beweisdokumente bei offiziellen “Untersuchungskommissionen” kein Interesse wecken und von den Medien dies folgerichtig nicht etwa skandalisiert, sondern ignoriert wird.

    Die Relotius-Presse et. al. ist nicht nur antirussisch, sondern konsequent gegen wirklich alle in- und ausländischen Kräfte & Strömungen, in denen man eine potentielle Bedrohung für das überkommene “freiheitlich-neoliberale” Imperium wittert. Das natürlich weder freiheitlich noch liberal – und schon gar nicht demokratisch – sondern ein zusammengelogenes Verbrechersystem (in tiefster Krise) ist, das die beherrschten Schäfchen (anders als autoritäre, bzgl. der Machtverhältnisse “ehrlichere” Systeme) weniger repressiv unterdrückt, sondern in Konsumterror ersäuft und mit Hilfe der MSM verblödet und subtil manipuliert, so dass der kritische Verstand gar nicht erst erwacht.

    Wenn ein Herrschaftssystem dermaßen auf Lüge und Betrug basiert, dann werden selbst Wahrheit und Aufklärung zu gefürchteten Gegnern. Diese Realitätsverweigerung kann jedoch nicht mehr lange „gutgehen“ und dann dürfte es im „Wertewesten“ ziemlich ungemütlich werden…

  2. Der Film ist absolut sehenswert, nicht nur informativ, sondern auch künstlerisch auf hohem Niveau. Nekrasov hatte ja schon Szenen für das ursprünglich geplante Dokudrama gedreht, mit fiesen russischen Steuerfahndern, fetten Oligarchen und dem anständigen, wehrlosen Magnitski. Später, nach seinem Gesinnungsumschwung, baute er die als Film im Film sehr wirkungsvoll in die neue Fassung ein.

    Unbedingt ansehen!

  3. “feiern lassen konnte”. Diese Verlinkung funktioniert nicht.

  4. @mattes
    “und ihrem Informationsauftrag nachkommen, die breite Öffentlichkeit über diesen politisch höchst relevanten Fall von Fake News aufzuklären”….

    …dieser Zug ist schon länger durchgefahren…und vom Bahnsteig aus sieht man nur noch schwach die Rücklichter vom Gepäckwagen…lieber Blog-Chef.

    Ideal zur Meinungsbildung wären ja Medien die eindeutig entweder links-oder eher rechtsgerichtet sind und die beide als “Ethos”…Meinung + Kommentar noch zu trennen wüßten ….wie in der alten ” Goldenen” BRD der 70/80ziger…und beide
    wären nach Kräften erklärt antipodisch zur Aussage :

    “…nicht die Wahrheit ist wichtig…sondern das was als Wahrheit wahrgenommen wird” Zitat angeblich : Dr. Henry Kissinger

    Heute laufen wir im Gegensatz zum Ideal in Zeiten rein…wo entweder nur noch gefühlte Wahrheiten mit diktatorischen Ansprüchen zählen …bzw. wo den meisten Zeitgenossen Lüge + Wahrheit gleichbedeutend gleichgültig sind- und werden…denn

    es läßt sich kaum noch etwas verifizieren…und selbst wenn:

    Who the f… cares ?…entweder gibt’s Demokratie oder halt den Deep-State….beides zusammen geht nicht…und morgen wird schon die nächste Sau durchs Medien-Dorf getrieben…It’s all Infotainment-Scheuklappen-Schorno-Meinung -Troll-PR-Fakten falsch kontextualisiert…und dem normalen Medien-Konsument in unseren Breiten bleibt da nur noch: “Et hätt noch immer jot jejange” -Dr. Konrad Adenauer
    (Eventuell der Kardinal-Irrtum anno 2019/20 …bzw…later on )

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