One thing I can tell you is you got to be free

 

Am Heiligen Abend 1968 bekam ich das “Weiße Album” der Beatles. Ich war 14, LPs waren wertvoll und teuer und dies war mein erstes Doppelalbum. Mein Vater hatte ein Jahr zuvor die Grundig-Musiktruhe mit Bullaugen-Radio durch eine HiFi-Anlage mit vier Lautsprechern ersetzt und als das Weihnachtskonzert von Manfredini ausgeklungen war, hielt ich mein Geschenk hoch: “Nur ein Stück jetzt hier, aber laut, den Rest höre ich dann in meinem Zimmer.” Und wie liessen sich `68  barocke Weihnachts-Vibes besser rocken als mit dem Eröffnungsstück “Back in the USSR” , eigentlich nur eine ironische Antwort auf den “Surfin USA”-Hit  der Beach Boys, mit deren Sänger Mike Love sie gerade eine Zeit beim Guru Maharishi in Indien verbracht hatten – aber im  Kalten Krieg damals schon eine kleine Provokation, und dann auch noch “Revolution”. Ein etwas einfühlender DJ hätte dem klassischen Weihnachtskonzert auch nahtlos  “Blackbird” folgen lassen können oder  “Julia” oder “I will”, wunderbare, zeitlose Balladen, die den Menschen noch in 400 Jahren gefallen werden wie uns Heutigen die Barockmusik. Mir fiel das wieder ein, als ich jetzt  “Get back” angeschaut habe, die 3-teilige Dokumentation über dreieinhalb Wochen im Januar 1969, in denen die vier Jungs an den  Songs für ihr nächstes und letztes Album – “Let it be” – arbeiten.

Erst kurz zuvor war das weiße Album mit 30 Stücken erschienen, jetzt wollen sie in drei Wochen 12 weitere Songs komponieren, schreiben, einstudieren und diesem kreativen Prozess zuzuschauen und zuzuhören – Peter Jackson hat die Aufnahmen aus über 150 Stunden bisher unveröffentlichtem Video-und Tonmaterial ausgewählt und aufbereitet – ist faszinierend. Am Ende steht nicht das ursprünglich geplante Konzert in der Halle, sondern auf dem Dach ihres Apple-Studios in London – der letzte Live-Auftritt der berühmtesten Band der Welt  wird von der Polizei wegen Ruhestörung beendet. Dies ist auch das Ende dieser Doku, mit zwei Stücken, deren Entstehung und Ausarbeitung der Film zeigt. Die Fab Four stehen unter Druck, brauchen Song-Material, überlegen uralte Sachen, noch aus der Zeit als sie 1960/61 sechs Stunden live Rock’n Roll auf der Reeperbahn spielten (bis George Harrison ausgewiesen wurde, weil er noch nicht 18 war und nicht in Nachtclubs auftreten durfte.)

Und dann kommt Paul McCartney eines morgens,  schrammelt auf seinem Bass einen Shuffle-Riff und singt eine Melodie dazu…  “Sweet Loretta Martin thought she was a woman, but she was another man…” Viel mehr Text gibts noch  nicht… nur den Refrain: “Get back…”. Ringo und George sitzen daneben, hören zu, singen mit,  George spielt auf der Gitarre ein paar Licks, später kommt John Lennon, es wird am Text gebastelt, gewitzelt, probiert… dann 14 Tage später auf dem Rooftop live gespielt und  im März/April ist die Single Nr. 1 überall auf der Welt. Nie war das “Making Of” eines globalen Hits schöner zu beobachten, das organische Genie einer Band: Ringo, der kaum etwas sagt, ist das “lebende Metronom”, Paul der Mozart und das melodische Herz, John der Beethoven und poetisch-politische Kopf, und George, der sich mit seinen  Songs zurückgesetzt fühlt – und das Setting zwei Tage verläßt – füllt die Kompositionen der beiden “Großen” mit feinsten  Harmonien. Als noch ein Piano gebraucht wird, stößt Billy Preston dazu – “er ist besser als Ray Charles” hatte George den Freund aus Hamburger Tagen empfohlen und als er beim Proben von  Don`t Let Me Down   aus dem Nichts den Signatur-Riff auf dem Fender-Rhodes zaubert, bekundet John: “Du bist jetzt in der Band!”

Einer Band, die leider nie wieder auftrat…obwohl sie live phantastisch gut war, wie es dieser Film wieder zeigt, nachdem sie schon Jahre zuvor Live-Konzerte aufgegeben hatte, weil das Teenie-Gekreische jede Musik zunichte machte. Und Musiker mit Leib und Seele waren diese vier Liverpooler Underdogs, die sich von Rock`n Roll Akkord-Malochern über die weltweit bejubelte Boy-Group zu einem Quartett entwickelt hatte, dass in der Popmusik unerreicht ist. Dass sie alle noch unter 30  sind und schon über 10 Jahre Karriere und ein Opus von gut  150 Werken auf dem Buckel haben, ist diesen jungen Burschen kaum anzumerken, auch wenn sie manchmal müde und erschöpft wirken. Dass dieser frische und freche Sänger, dass John Lennon nur noch 10 Jahre zu leben hat, stimmt beim Zusehen unmittelbar traurig. Dass allein seine Unzertrennlichkeit mit Yoko Ono, die bei den gesamten Proben immer dabei sitzt, zum Bruch geführt hat, kann der Film zwar nicht bestätigen, spürbar aber wird, dass die Harmonie in dieser Jungs-Truppe, die mit ihrer Musik die Welt erorbert hatte, darunter leidet. Ebenso wie unter Georges Mißmut, als Komponist und Songwriter nicht genügend vorzukommen – und auch die beiden Titanen hatten musikalische Differenzen.

Mit ihrer Musik ging für die Generation der Baby Boomer  die Sonne auf. Die Beatles waren nicht die Einzigen, aber sie waren die Kreativsten und Begabtesten und nichts was danach kam in der Popmusik  reichte an dieses musikalische Biotop heran, aus dem in kaum zehn Jahren   Dutzende Meisterwerke wuchsen. Natürlich hatten Produzenten und Arrangeure geholfen die Rohdiamanten zu schleifen, aber im Kern und in diesem Film zu hören und zu sehen, ist eine im Zuge von Digitalisierung und Computerisierung langsam aussterbende Art: hand-made music. E-Gitarre und Verstärker hatten den Singer/Songwritern nach dem 2. Weltkrieg die Werkzeuge geliefert, mit denen sie ihr Publikum auch  in großen Hallen und Stadien erreichten, Radio und TV brachten ihre Lieder in jedes Wohnzimmer, die Beatles  waren Mitte der 60er Jahre das erste globale Ergebnis dieses technologischen Wandels  und – wie “Get back” zeigt – nach wie vor großartige musikalische Handwerker. Zwei Gitarren, ein zierlicher Bass, einer klatscht einen Rhythmus…und schon wird aus dem Sämling ein Keim, aus dem diese genialen Gärtner im Reich der Töne, Klänge und Gesänge ein Lied für die Ewigkeit wachsen lassen.

Paul McCartney hat jetzt gerade einen Doppel-Band seiner Songtetxe und Erinnerungen herausgebracht – “Lyrics” – was mir mit fast 1000 Seiten zuviel der Exegese ist, wobei  ich nie zu seinen Verächtern zählte wie einige Hardcore Lennon-Fans. Der eine wie der andere hat auch nach den “Beatles” noch wunderbare Musik geschaffen, aber zusammen waren sie die Über-Genies schlechthin. Nur wenige Monate nach  der Auflösung der Band gab George Harrison mit dem Dreifach-Album “All Things Must Pass” seinen spirituellen Kommentar zu diesem Ende ab und landete mit “My Sweet Lord” (gerade neu mit einem tollen Jubiläumsvideo) sofort einen Welthit. Und ein halbes Jahrhundert später ist eines seiner Stücke  auf Spotify , wo im Monat etwa 25 Millionen mal die Beatles gehört werden, mit weitem Abstand ihr meistgestreamter Song: Here Comes The Sun. Als ein Freund das bei einer Lagerfeuer-Fete  spielen konnte, fuhr ich am nächsten Tag 10 Kilometer zu ihm, um es mir zeigen zu lassen – wir hatten keine Songbücher, und schon gar keine  Gitarrenlehrer auf youtube, sondern mußten die Akkorde raushören und es uns dann zurechtfrickeln – und Harrisons Hymne an die Sonne ist eine Herausforderung, aber so schön, dass sich die Mühe lohnt. Dass Platz 2 der meistgehörten Beatles Songs 2021 von einem meiner persönlichen All Time Favourits belegt wird – John Lennons Support und Parole für Timothy Learys Gouverneurswahlkampf gegen Ronald Reagan – zeigt, dass 2021 nicht nur die  Schönheit ihrer Musik, sondern auch ihre Botschaften noch ankommen: “Come Together” . Ganz in diesem Sinne wünsche ich allen Geimpften und Ungeimpften Frohe Weihnachten.

5 Comments

  1. Im Norden (Nähe von Hamburg) hatte ich daß Glück, daß die Briten hier ihren Militärsender “BFN” (später umbenannt in “BFBS”) hatten. So bekam ich und mein Tonbandgerät “Grundig TK 14” die in Deutschland so genannte “Beat-Musik” mit – und aufs Tonband.

    Ich war absoluter Kinks -Fan, aber ich liebte natürlich auch die Beatles, Stones, Mamas&Papas, Sunny & Cher, David Bowie, The Shadows usw.

    Her eine Cover-Version von “A hard days night” von Peter Sellers:
    https://www.youtube.com/watch?v=PLjA331K4YI

    … das scheint bei Peter Sellers aber nicht gleich so richtig geklappt uz haben …
    “Peter Sellers – ‘A Hard Day’s Night’ bloopers!” – https://www.youtube.com/watch?v=grixYeb-EJA

    Hier: “Paul McCartney Carpool Karaoke” – https://www.youtube.com/watch?v=QjvzCTqkBDQ

    Hier: “David Bowie imitates Mick Jagger!!”
    https://www.reddit.com/r/rollingstones/comments/qjzo6h/david_bowie_imitates_mick_jagger/

    The Shadows, “Wounderful Land” (bei dieser Aufführung sind sie natürlich schon ‘alte Säcke’: https://www.youtube.com/watch?v=EriCZdLjw7o

    Gerry & the Pacemakers – It’s Gonna Be Alright
    https://my.mail.ru/mail/alex-enm/video/27962/27971.html

    Dem Blog-chef und allen Usern auch ein frohes Weihnachten und ein hoffentlich besseres Neues Jahr 2022!

  2. Dieses Jahr wurde ich zu Weihnachten auf einen 3-Tage- SpaceX-Flug mitgenommen…
    Es haben nur 4 Passagiere Platz, darunter mein Lieblings-Chefkoch Yotam Ottolenghi (der – den Himmeln an Bord und noch weiter draussen über uns sei dafür ewiger Dank – auch für vegetarisch Ernährte den festlichen Vogel auf den Tellern abzuschießen vermag), und wir schweben gerade parallel zum Kontinent Europa, ein bisschen langsamer, als die Erde unter uns sich dreht.
    Wir hören uns Shawn Phillips noch einmal an; alle sind happy.

  3. Weil es so schön passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, hier ein ironischer Abgesang auf die Grossen Vier aus dem Jahr 1971 – dargeboten von einer anderen Kultgruppe, weit weniger bekannt, aber musikalisch viel avancierter:

    King Crimson – Happy Family; eine unglaubliche Mischung aus Hard Rock und Free Jazz unter Beteiligung der Creme der damaligen Londoner Jazzszene

    https://www.youtube.com/watch?v=UBRhhKgYqrA

    HAPPY FAMILY
    (Fripp / Sinfield)

    Happy family, one hand clap, four went by and none come back.
    Brother Judas, ash and sack, swallowed aphrodisiac.
    Rufus, Silas, Jonah too sang, “We’ll blow our own canoes,”
    Poked a finger in the zoo, punctured all the ballyhoo.

    Whipped the world and beat the clock,
    wound up with their share of stock.
    Silver Rolls from golden rock, shaken by a knock, knock, knock.
    Happy family, wave that grin, what goes round must surely spin;
    Cheesecake, mousetrap, Grip-Pipe-Thynne cried out,
    “We’re not Rin Tin Tin.”

    Uncle Rufus grew his nose, threw away his circus clothes.
    Cousin Silas grew a beard, drew another flask of weird.
    Nasty Jonah grew a wife, Judas drew his pruning knife.
    Happy family one hand clap, four went on but none came back.

    Happy family, pale applause, each to his revolving doors.
    Silas searching, Rufus neat, Jonah caustic, Jude so sweet.
    Let their sergeant mirror spin if we lose the barbers win;
    Happy family one hand clap, four went on but none came back.

  4. Off Topic (Nutze – auf die Gefahr hin, daß es sich dabei um Schnee von gestern handelt – die Zeit, in der sich der Blogchef traditionell zum Skifahren abgeseilt hat und die übliche “Ruhe zwischen den Jahren” hier herrscht, um rasch auf ein kurioses, mit der einen oder anderen häufig hier verhandelten storyline möglicherweise affines Detail der Filmgeschichte aufmerksam zu machen – welches ich zumindest gerade das erste mal gesehen habe -)

    Es ist gerade ein Film auf YouTube eingestellt – den es vielleicht nicht lange dort zu sehen gibt – in dem eine Hollywood-Zerstörung von skyscrapers gezeigt wird, die – aber sehen Sie selbst…

    …etwa bei Min 49:00 in dem 1996er Hollywood-Film ‘Independence Day’ von Roland Emmerich (in dem es um einen “Angriff Ausserirdischer” auf die USA etc. geht):

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *