Kleine Geschichte vom Absinth

“Der Legende nach ließ sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein französischer Arzt namens Pierre Ordinaire im Schweizer Tal Val-de-Travers nieder. Angeblich aus politischen Gründen war er aus Frankreich geflohen – mit einem ganz besonderen Rezept im Gepäck: ein Destillat aus Wermutkraut, Anis, Fenchel und einer Menge anderer Kräuter. Ordinaire gab dem Getränk nach der lateinischen Bezeichnung des Wermutkrauts den Namen Absinth.Damit beginnt eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Wie sie im Detail verlaufen ist, haben Mathias Bröckers, Christine Heidrich und Roger Liggenstorfer in ihrem Buch »Absinthe – Die Wiederkehr der Grünen Fee« zusammengestellt. Sie fängt – wie bei vielen Rauschmitteln – in der Medizin an. Denn die Verwendung des Wermutkrauts reicht lange zurück. Auf Grund seiner Eigenschaften als Entwurmungsmittel wird es zunächst als medizinisches Produkt genutzt. Im 18. Jahrhundert entwickeln Tüftler daraus Getränke, die nicht einzig Leib, sondern auch der Seele guttun sollen.So soll, wie eine weitere Ursprungslegende des Absinths besagt, in der Nähe des Ortes Couvet im Val-de-Travers eine Frau namens Henriette Henriod das erste Rezept für Absinth erstellt haben. Welche Legende auch immer stimmt, schlussendlich landet die Rezeptur bei einem gewissen Henri-Louis Pernod (1776–1851). Dieser gründet daraufhin 1797 in Couvet die erste Absinthdestillerie, zieht aber bald darauf ins französische Pontarlier um den Markt in Frankreich bedienen zu können.” (…)

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Oder gleich in unserem kleinen Buch Absinthe – Die Wiederkehr  der Grünen Fee”, das 2006 in Solothurn entstand, wo meine Freunde Chris und Roger zwei Jahre zuvor die gleichnamige  Absinthe-Bar eröffnet hatten. Die erste in der Schweiz nach 94 Jahren Prohibition und in der Kronengasse 11 noch immer geöffnet.

Der Wink mit dem Zeitpfahl

Frisch aus dem Archiv: Neun Tage nach der Maueröffnung 1989 erschienen in der taz meine “Spekulationen über den 9.November”. Was die  Prognose betrifft, dass dies das Ende der Ära Kohl sei, lag ich als pseudo-kabbalistischer Wahrsager damals schwer daneben. Ansonsten sind die datumsmagischen Koinzidenzen aber nach wie vor verblüffend:

Wenn in Deutschland jemand einen Witz macht, sitzt bekanntlich die halbe
Nation auf dem Sofa und nimmt übel. Kaum ist in Deutschland einmal
irgendetwas Außerordentliches passiert, muß jemand gleich einen
National-Feiertag daraus machen – und die halbe Nation nimmt übel. Über
Hans-Jochen Vogels schlechten Witz, den 9. November zum Nationalfeiertag zu machen haben sich sofort diverse Bedenken erhoben und auf die Kollison mit der Pogromnacht 1938 und die Unvereinbarkeit von Bußtag und Freudenfest verwiesen. Wer noch genauer auf den Kalender blickt, dem kann eine sehr viel mysteriösere Koinzidenz nicht entgehen: der 9. November 1918 (Sturz des Kaisers, deutsche Revolution), der 9. November 1923 (Hitler-Putsch), der 9. November 1938 (”Reichskristallnacht”) und der 9. November 1989: Durchbruch der Berliner Mauer. Vier mal entladen sich die politischen Prozesse in einem explosiven Ereignis, vier mal brechen latent gärende Tendenzen plötzlich an die Öffentlichkeit: das Ende des Kaisertums, der erste Aufmarsch des 3. Reichs, der eigentliche Beginn seines Weltkriegs – gegen die eigene Bevölkerung, und jetzt das Ende der Mauer. Vier mal hat sich das deutsche Volk am 9. November zu Wort gemeldet und ein entscheidendes Kapitel der Geschichte aufgeschlagen.
Daß all dies Zufall sein soll, will mir nicht in den Kopf – doch welchen
Umständen verdanken wir es, daß die Turbulenzen der Geschichte mit deutscher Pünktlichkeit ihre Quantensprünge in eine neue Ordnung ausgerechnet am 9. November vollziehen?

NEUnter NOVEMber – zweimal, deutsch und lateinisch, das Wort “neu” – kein anderer der 365 Tage ist von seinem Namen her besser geeignet, ein Omen – ein schicksalhaftes Zeichen -zu geben. Das Wort “neu” wird etymologisch der “Neun” zugeordnet, mit der bei der ursprünglichen Zählweise im Vierer-System ein “neuer” Vierer-Block begann.
Auch numerologisch geben die 9. November etwas her, die magische 5
jedenfalls tauchte bei meinen pseudo-kabbalistischen Berechnungen dauernd auf: Von 1918 bis 1923 – 5 Jahre, vom ersten Aufmarsch des 3. Reichs 1923 bis zum perversen Anfang seines Endes – 15 Jahre, diese 15 umgekehrt ergeben 51 – 51 Jahre, nachdem die Deutschen in der Pogromnacht 1938 einen Bevölkerungsteil brutal von sich abtrennten, geschieht am 9. November 1989 das exakt umgekehrte Ereignis: auf sanfte Weise werden sie mit einem anderen, scheinbar auf ewig abgetrennten Bevölkerungsteil, plötzlich wieder zusammengeführt. Die Hölle des Hasses auf dem Berliner Kudamm 1938 reinkarniert sich also 1989, gleiche Stelle gleiche Welle, als Himmel der Versöhnung? – Schwachsinn, sage ich mir, es haben sich nicht Juden und Deutsche, sondern Mördersöhne und Täterinnen -Töchter versöhnt. Doch der Kabbalist gibt sich noch nicht geschlagen: Daß es “ganz andere” sind, die sich da versöhnen, zeigt nur, daß die Emanationen der Weltgeschichte nicht der Mechanik eines Hollywood-Schinkens folgen, sondern der fraktalen Dramaturgie einer Zeitwelle, die eben nicht das immer Gleiche, sondern permanent Transformiertes spiralisiert – und sich den 9. November als psychokinetischen Plot-Point ausgesucht hat.

Die Frage, ob man in Deutschland nun trauern oder feiern soll, hat die
Weltgeschichte am 9. November ganz eindeutig beantwortet: wer fortan nicht trauert und feiert, hat keines von beiden verstanden. Der Abgang des
Kaisers und das Verschwinden Helmut Kohls, der Aufstieg des Führers und der Abschied vom Führerprinzip (Einheitspartei), das ekstatische Morden und die begeisterte Umarmung – von tieferer Weisheit als am 9. November kann ein Wink mit dem Zeitpfahl nicht sein. Dieses Datum darf natürlich nicht auf einen neuen “Tag der deutschen Einheit” reduziert werden. Es muß, schul- und arbeitsfrei im gesamten geographischen Gebiet, als raumzeitliches Ereignisfeld deklariert werden, als Aussichtspunkt in die verborgene Landschaft der kollektiven Psycho-Energie, als ein Magnetfeld der Geschichte. Der Bevölkerung muß an diesem Tag vor allem Zeit gegeben werden. Um Vergangenheit und Zukunft zu beobachten, das Unerwartete zu erwarten und – gegebenenfalls – geistesgegenwärtig zu handeln.

Die Lehre vom Kollaps

Dmitry Orlov, dessen Buch „Die Lehre vom Kollaps“ Mathias Bröckers übersetzt hat, geht von einem fünfstufigen Zusammenbruch aus, dem finanziellen folgt der kommerzielle, dann der politische, der den sozialen Zusammenbruch nach sich zieht und das Ganze endet im kulturellen Kollaps. Die Überlebenden fangen wieder neu an als Bauern und Viehzüchter. Norbert Häring sieht das „Endspiel des Kapitalismus“ — so der Titel seines aktuellen Buches — als Chance bessere Verhältnisse zu stiften, und Max Otte rechnet mit erheblichen Verwerfungen.

Alle drei haben aber auch verstanden, dass die enorme Schieflage des Kapitalismus auch von ihren Urhebern längst erkannt wurde. Vermutlich seit geraumer Zeit arbeiten sie an einer Agenda — The Great Reset —, den Kollaps zu kontrollieren, um sich danach als neue Feudalherren die Welt gänzlich zu Untertanen zu machen.

Wer nach diesem Gespräch noch Fragen hat, dem empfehlen wir folgende Bücher:


9/11 Review: Turmopfer im geopolitischen Schach?

Unter “9/11 Review” werden hier in loser Folge einige der historischen Beiträge erscheinen, die jetzt in  dem Sammelband  11.9.-20 Jahre danach – Einsturz einer Legende neu erschienen sind. Heute ein Artikel vom 7.Dezember 2001.

07.12.01

»Seit den Anfängen der Kontinente übergreifenden politischen Beziehungen vor etwa fünfhundert Jahren ist Eurasien stets das Machtzentrum der Welt gewesen … Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird – und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann … Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.«

Nicht nur die ersten Sätze aus Zbigniew Brzezinskis 1997 erschienenem Buch The Grand Chessboard lesen sich wie ein Skript des »war on terrorism« genannten Krieges gegen Afghanistan. Und es wäre naiv, Brzezinski (Jahrgang 1928) nach seinem Abgang als Jimmy Carters Sicherheitsberater für einen abgehalfterten Professor zu halten, der nicht weiter ernst zu nehmen ist. Als einer der Vordenker und Mitbegründer der Rockefeller-Thinktanks Council an Foreign Relations (CFR)und der Trilateralen Kommission hat er nach wie vor bedeutenden Einfluss. Zum Beispiel auf den Vizepräsidenten Cheney, der 1998 bekundete: »Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der eine Region so schnell strategisch bedeutend geworden ist wie die kaspische …« – Cheney war damals noch als Chef von Halliburton, dem größten Ausrüster der US-Ölindustrie, der gerade das Pipelineprojekt durch Afghanistan projektiert hatte. Wegen der gigantischen Bodenschätze hat für Brzezinski »die Pipelinefrage für die Zukunft des Kaspischen Beckens und Zentralasiens eine zentrale Bedeutung«. In seinem vorausschauend »Der eurasische Balkan« genannten Kapitel über die Region heißt es weiter:

»Falls die wichtigsten Ölleitungen der Region weiterhin durch russisches Territorium zum russischen Absatzmarkt am Schwarzen Meer in Noworossijsk verlaufen, werden sich die politischen Konsequenzen, auch ohne dass die Russen die Muskeln spielen lassen, bemerkbar machen. Die Region wird eine politische Dependance bleiben und Moskau darüber entscheiden können, wie der Reichtum der Region verteilt werden soll … Amerikas primäres Interesse muss folglich sein, mit dafür zu sorgen, dass keine einzelne Macht die Kontrolle über dieses Gebiet erlangt und dass die Weltgemeinschaft ungehindert finanziellen und wirtschaftlichen Zugang zu ihr hat. Geopolitischer Pluralismus wird nur dann zu einer dauerhaften Realität werden, wenn ein Netz von Pipeline- und Transportrouten die Region direkt mit den großen Wirtschaftsknotenpunkten der Welt verbindet, über das Mittelmeer und das Arabische Meer ebenso wie auf dem Landweg.«

Die Hervorhebungen »Weltgemeinschaft« und »geopolitischer Pluralismus« sind von mir und kennzeichnen den Jargon, in dem die Interessen der USA mit denen der Weltgemeinschaft und die Dominanz Washingtons mit »Pluralismus« gleichgesetzt werden. Nicht nur von Brzezinski, sondern auch von seinem Kollegen Samuel Huntington, den er in seinem Buch zitiert: »Die Fortdauer der amerikanischen Vorherrschaft ist sowohl für das Wohlergehen und die Sicherheit der Amerikaner als auch für die Zukunft von Freiheit, Demokratie, freier Marktwirtschaft und internationaler Ordnung in der Welt von zentraler Bedeutung.«

Zum Schlachtruf »Entweder für uns oder für die Terroristen« ist es von da nicht mehr weit. Andreas von Bülow weist darauf hin, dass geostrategische Studien wie Brzezinskis Chessboard oder Huntingtons Clash of Civilizations als Auftragsarbeiten der CIA in der Regel aus einem. allgemein gehaltenen, zur Veröffentlichung bestimmten Teil sowie aus einem unter Verschluss bleibenden Anhang mit konkreten Vorschlägen und Handlungsanweisungen bestehen. Wie diese aussehen, ließ sich auch schon vor dem 11.9.2001 mit »an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« erkennen: » Covert Operations der Geheimdienste (sind) das Mittel der Wahl beider Durchsetzung amerikanischer Großmacht– und auch Wirtschaftsinteressen, während der Einsatz der Militärmacht eher unpopulär bleibt.« Dies bestätigte eine CFR-Sprecherin in einer BBC-Sendung: Verdeckte Operationen seien »weniger teuer« und oft »effektiver« als offizielle Militäreinsätze.

Es geht um einen verdeckten Krieg, um ein Shoot-out in bester texanischer Tradition mit »dead or alive«-Steckbriefen, Aufrufen zur Lynchjustiz und der Einführung von Standgerichten. Selbst einer monströsen Terrorbande wie den Nazis wollten die Amerikaner nach Kriegsende mit zivilen, rechtsstaatlichen Methoden beikommen. Warum ist das mit dem zum Terrorprinzen aufgestiegenen saudischen Milliardärslümmel Bin Laden nicht möglich? Warum war zu keinem Zeitpunkt auch nur von dem Versuch die Rede, ihn vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen? Warum wurde der erste internationale Haftbefehl für Bin Laden bei Interpol 1998 nicht von Washington, London oder Berlinbeantragt, sondern von Tripolis, also von niemand anderem als ausgerechnet Moamar Al-Gaddhafi (der Osama für die Unterstützung islamistischer Terroranschläge in Libyen verantwortlich machte, bei dem u. a. zwei deutsche Geheimdienstmitarbeiter getötet wurden)? Warum lässt man unsere neuen Freunde von der Nordallianz, die das Land vor den Taliban als brutale Schlächter zugrunde richteten, nun als blutige Rächer zurückkehren? Sind wir damit, wie Robert Fisk im Independent meint, nicht endgültig auf die Seite von Kriegsverbrechern gewechselt? Warum finden die Statements der afghanischen Frauenorganisation RAWA, die auf diese grauenhafte Absurdität hinweisen, keinen Eingang in die Medien, geschweige denn ihre Vertreterinnen einen Platz am Petersberger Verhandlungstisch? Warum sieht sich der Ölriese Unocal, der mit den Taliban jahrelang intensiv über die Pipeline verhandelte, zu einem Statement genötigt, die Islamschüler zu keiner Zeit unterstützt und gehätschelt zu haben?Könnte es sein, dass all dies mit einer Politik zu tun hat, die John Pilger, der Seniorkorrespondent des britischen Mirror, den »geopolitischen Faschismus« der USA nennt?

Richard Falk, Professor für internationale Politik in Princeton, hat das erklärt. »Westliche Außenpolitik, sagt er, »wird in den Medien selbstgerecht und moralisch einseitig dargestellt, mit positiven Bildern westlicher Werte und Porträts bedrohter Unschuldiger, die eine Kampagne unbegrenzter politischer Gewaltrechtfertigen. Der Aufstieg von Rumsfeld und seinem Vertreter Paul Wolfowitz sowie seinen Partnern Richard Perle und Elliot Abrams bedeutet, dass ein Großteil der Welt jetzt offen von einem geopolitischen Faschismus bedroht ist, der sich seit 1945 entwickelt und seit dem 11. September beschleunigt hat. Die amtierende Gang in Washington besteht aus authentischen amerikanischen Fundamentalisten. Es sind die Erben von John Foster Dulles und Alan Dulles, jener baptistischen Fanatiker, die in den 50er Jahren das State Department bzw. die CIA leiteten, Reformregierungen in einem Land nach dem anderen niedermachten – Iran, Irak, Guatemala – und internationale Verträge aufkündigten wie die Genfer Indochina-Vereinbarungen von 1954, deren Sabotage durch John Foster Dulles direkt zu Vietnam und fünf Millionen Toten führten. Die Twin-Tower-Attacken sorgten in Bushs Washington sowohl für einen Auslöser als auch für eine bemerkenswerte Koinzidenz. Pakistans früherer Außenminister Niaz Naik hat enthüllt, ihm sei von hohen amerikanischen Vertretern Mitte Juli gesagt worden, dass eine Militäraktion in Afghanistan Mitte Oktoberbeginnen würde. Außenminister Powell war damals in Zentralasien unterwegs und sammelte schon Unterstützung für eine antiafghanische Kriegskoalition.«

Wenn bei einer Schachpartie der Verlust einer Figur zu einem strategischen Vorteil führt, spricht man von Opfer. Für den Laien sind solche Opferstrategien schwer zu erkennen, zumal wenn wichtige, scheinbar unersetzliche Figuren betroffen sind wie zum Beispiel zwei Türme. Der Profi freilich kann sich durchaus vorstellen, zwei Türme an der Heimatfront zu opfern, um sich dadurch tief in der gegnerischen Hälfte festzusetzen und einen unschlagbaren strategischen Vorteil – »globale Vorherrschaft« – zu erzielen, der das verlorene »Material« allemal wieder wettmacht. Es spricht sehr viel dafür, dass die geopolitischen Schachmeister in Washington die talibanische Attacke auf ihre Türme vorhergesehen und sogar aggressive Läufer wie den FBI-Jäger Bin Ladens, John O’Neill, zurückgepfiffen haben, um die gegnerischen Vorbereitungen nicht zu stören. Intellektuelle Vordenker wie Brzezinski und Huntington – Letzterer hat sich u. a. auch als CIA-Berater für die Aufstandsbekämpfung nach dem Sturz von Diktatoren einen Namen gemacht – hätten einfach ihren Job verfehlt, wenn sie in den unter Verschluss bleibenden konkreten Szenarien ihrer Studien nicht auch solche Opferstrategien durchspielen würden. Und wir wären einfach blind, wenn wir hinter dem menschelnden Jargon von »geopolitischem Pluralismus«, »Menschenrechten«, »freier Welt« und »humanitärer Intervention« nicht das auf Sieg und Vorherrschaft um jeden Preis programmierte »Great Game« sehen würden.«

Auszug aus: Mathias Bröckers, Andreas Hauss, Christian C. Walther:  11.9.-20 Jahre danach – Einsturz einer Legende , Westend Verlag, 1182 Seiten, 18 Euro

9/11 Review: Osama Meets CIA

Heute vor 20 Jahren, am 4. November 2001, erschien der Artikel “Juli 2001: Osama meets CIA”, der dem deutschen Publikum einmal mehr die enge Verbindung des Top-Terroristen mit den USA enthüllte. Unter “9/11 Review” werden in loser Folge hier noch weitere der historischen Beiträge erscheinen, die jetzt in  dem Sammelband  11.9.-20 Jahre danach – Einsturz einer Legende neu erschienen sind.

“Ein von Kritikern des konspirologischen Denkens oft angeführter Einwand lautet, dass es bei großen Verschwörungen mit vielen Beteiligten, wie z.B. dem Kennedy-Mord, unmöglich sei, alle Zeugen und Beweise über Jahre oder Jahrzehnte unter der Decke zu halten. Schon aufgrund dieser Unwahrscheinlichkeit könnten solche Verschwörungstheorien in den seltensten Fällen zutreffen. Das scheint auf den ersten Blick einleuchtend, auf den zweiten aber auch etwas naiv, denn nur die allerdümmsten Verschwörer weihen sämtliche Beteiligte in den gesamten Plan ein. In aller Regel arbeitet schon die einfachste Mafia-Struktur nach dem “need to know” -Prinzip: das einzelne kleine Rädchen weiß nur, was es wissen muss, und wenig oder gar nichts über das ganze Vorhaben – auch wenn der eine oder andere Beteiligte auffliegt, bleiben die Köpfe der Verschwörung.

Was den WTC-Anschlag betrifft, könnte auch eine solche Großverschwörung nicht auf Dauer völlig unter der Decke bleiben, ganz gleich, ob sie nun von Geheimorganisationen wie “Al Qaida” ausgeführt wurde oder von solchen wie “CIA”, von beiden zusammen oder von jemand ganz anderem. Das eine oder andere Rädchen wird auftauchen, enttarnt werden, ans Tageslicht kommen – die Gesamtstruktur ist damit aber noch lange nicht aufgedeckt, zumal es gleichzeitig Bemühungen gibt zu vertuschen, zu tarnen, zu täuschen. (…)

Doch während ich noch über die Nebenrollen kleiner halbseidener Agenten nachdenke, lässt die Pariser Tageszeitung “Figaro” eine Bombe hochgehen, die über die dubiose Rolle kleiner Randfiguren weit hinausgeht: Der Statthalter der CIA in Dubai stattete im Sommer dieses Jahres im dortigen “American Hospital” einen Lazarettbesuch der besonderen Art ab, nämlich beim derzeitigen Weltfeind Nr. 1 Usama Bin Ladin, der dort vom 4. bis zum 14. Juli 2001 stationiert gewesen sein soll:

“Während seines Krankenhausaufenthalts empfing Bin Ladin viele Besuche von Familienmitgliedern und prominenten Saudis und Emiratis. Dabei war auch der lokale CIA-Agent, den viele in Dubai kennen und der gesehen wurde, als er den Hauptaufzug zu Bin Ladins Krankenzimmer nahm. Einige Tage später prahlte er einigen Freunden gegenüber, dass er Bin Ladin besucht habe. Amtliche Quellen berichten, dass der CIA-Agent am 15. Juli, dem Tag nach dem Bin Ladin nach Quetta (Pakistan) zurückkehrte, in das Hauptquartier zurückgerufen wurde.”

Diesem Mann von der Filiale der “Firma” in Dubai einmal interviewmäßig auf den Zahn zu fühlen, um was es denn acht Wochen vor dem Anschlag beim Plauderstündchen mit dem topterroristischen Urologie-Patienten so ging, im Großen und Ganzen und im Besonderen, wäre journalistisch sicher eine reizvolle Aufgabe. Was bringt man so einem prominenten Millionärsbösewicht, der ja schon alles hat, beim Krankenbesuch Besonderes mit? Eine Handvoll Teppichmesser sicher nicht, ein Döschen Anthrax vielleicht – mit freundlichen Empfehlungen der chemischen Abteilung -, ein Kilo Koks zur Erfrischung ermatteter heiligen Krieger, den letzten Geschäftsbericht der Carlyle-Group – mit Grüßen von der ganzen Familie Bush an die ganzen Familie Ladin? Oder die notwendigen Codes für die Hijacker, um die Flugsicherung austricksen und Direkttelefonate mit der Air-Force-One führen zu können ? (Bush soll kurz nach dem Anschlag einen “Drohanruf” direkt in seinen Flieger erhalten haben)

Schade, dass ein solches Interview aus Gründen der “nationalen Sicherheit” derzeit nicht geführt werden kann. Auch die Frage, warum Osama am 14. Juli unbehelligt von der US-Air Force mit seinem Privatjet von Dubai nach Pakistan zurückschweben und in seiner Höhle verschwinden konnte, muss deshalb unbeantwortet bleiben. Aber sie liefert einen Grund mehr, das Schläfernest des CIA-Hauptquartiers Langley nicht mehr nur unter Observation, sondern langsam vielleicht auch unter Beschuss zu nehmen.

Die konspirative Einflussachse “CIA-ISI-Osama-Taliban”, die wir hier seit Wochen ventilieren, ist mittlerweile aus dem Bereich der Vermutungen anhand von Indizien und des Verdachts aufgrund historischer Parallelen in den Bereich des Faktischen getreten. Ein detaillierter Artikel von Professor Michel Chossudovsky: “Cover-up Or Complicity of The Bush Administration? The Role of Pakistan’s Military Intelligence Agency (ISI) in the September 11 attacks!” vom 2. November zeigt es wohl dokumentiert auf. Wo war der wegen der Überweisung an Atta mittlerweile entlassene ISI-Direktor, Generaleutnant Mahmud Ahmad (siehe Manus Manum Lavat – Money Money Lavamat), am 11. September? In den USA. Und was tat er da? Er führte schon in den Tagen vor dem Anschlag Gespräche mit Spitzenvertretern des Pentagon und des Auswärtigen Auschusses … über die Nachkriegsordnung.

PS: Natürlich wurde der Le-Figaro-Bericht von der CIA umgehend dementiert – auch Bin Laden dementierte später in einem Interview mit einer pakistanischen Zeitung seinen Aufenthalt in Dubai. Doch die Reaktion George W. Bushs auf die in den folgenden Tagen weltweit kursierende Meldung ist bezeichnend. Am 10. November verhängte er vor der UN seinen Bannfluch über »frevelhafte Verschwörungstheorien« . Der Verdacht, dass es sich bei Osama Bin Laden nicht nur um einen ehemaligen Mitstreiter, sondern um ein nach wie vor aktuelles geopolitisches Werkzeug der US-Außenpolitik handelt, konnte auch in den folgenden Wochen und Monaten nicht ausgeräumt werden.”

Auszug aus: Mathias Bröckers, Andreas Hauss, Christian C. Walther:  11.9.-20 Jahre danach – Einsturz einer Legende , Westend Verlag, 1182 Seiten, 18 Euro

JFK – Die Vertuschung geht weiter

Nach einem im Jahr 1992 erlassenen Gesetz sollten bis Dezember 2017 sämtliche in Staatsbesitz befindlichen Dokumente zur Ermordung John F.Kennedys freigegeben werden. Sowohl Barack Obama wie auch sein Nachfolger Donald Trump haben die Freigabe dieser letzten Akten – etwa 5 % des gesamten Bestands – verhindert und jetzt hat auch  Joe Biden eine weitere  Verschiebung bis Dezember 2022 angekündigt:

“Ein vorübergehender Aufschub ist notwendig, um erkennbare Schäden für die militärische Verteidigung, nachrichtendienstliche Operationen, die Strafverfolgung oder die Pflege der auswärtigen Beziehungen abzuwenden, die so schwerwiegend sind, dass sie das öffentliche Interesse an einer sofortigen Veröffentlichung überwiegen.”

So deutlich hat noch keiner seiner Vorgänger klar gemacht, warum diese Dokumente auch 58 Jahre nach dem Mord noch immer blockiert werden: wenn das Militär und Geheimdienste von diesen Akten nichts zu befürchten hätten, wären sie schon längst alle bekannt. Weshalb die Vertuschung auch nach dem jetzt angeküdigten Datum mit Sicherheit weitergehen wird. Dass bis heute zwei Drittel der US-Bevölkerung nicht an den offiziellen Einzeltäter Lee Harvey Oswald glauben, hat nichts mit einer genetischen Paranoia zu tun, sondern schlicht mit der Tatsache, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt ist und  zahlreiche Beweise dafür  vorliegen, dass Oswald nicht der Täter sondern nur der prädestinierte Sündenbock war. Und dass CIA und US-Militär bis zur Halskrause in den Fall verwickelt sind. Deshalb heißt mein 2013 erstmals erschienenes Buch “JFK – Staatstreich in Amerika”, denn nichts anderes als ein interner Putsch, ein heimischer regime change, war dieser Anschlag auf JFK und die folgenden Ermordungen  seines Bruders (und sicheren Nachfolgers) Robert F.Kennedy und des Bürgerrechtlers Martin Luther King. Das ließ sich auch schon mit den 95% der bereits veröffentlichten JFK-Files sehr deutlich aufzeigen und es wird von den noch unter Verschluß gehaltenen Akten garantiert nicht widerlegt, sondern bis aufs letzte i-Tüpfelchen bewiesen.

Der Mord an John F. Kennedy war ein Staatsverbrechen gegen die Demokratie: Hochverrat – und dieser Verrat hat die amerikanische Demokratie schwer beschädigt. Was einer der größten Staatsmänner der Geschichte, Marcus Tullius Cicero, im Jahr 58 vor unserer Zeitrechnung sagte, erweist sich auch noch 2000 Jahre später als zutreffend: »Eine Nation kann ihre Dummköpfe und sogar ihre Ehrgeizigen überleben, aber nicht Verrat von in- nen.« Die Verräter nach fünf Jahrzehnten zur Verantwortung zu ziehen kann nicht mehr gelingen, nur wenige dürften noch am Leben sein. Dennoch gilt es, weiterhin für die Aufklärung dieser Verbrechen zu streiten, die Freigabe immer noch gesperrter Akten der Geheimdienste zu fordern und weiteres Licht in die noch immer dunklen Bereiche dieses Kapitels der Zeitgeschichte zu bringen. Denn um mit dem spanischen Philosophen George San- tayana zu sprechen: »Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.« Doch wer sich nur an ein Trugbild der Vergangenheit erinnert, ist dazu verurteilt, sich auch weiter betrügen zu lassen.

Verdeckte Operationen unter Beteiligung staatlicher, militärischer und wirtschaftlicher Eliten haben nach den Morden an den Kennedy-Brüdern und Martin Luther King nicht aufgehört. Vielmehr ziehen sie sich nahezu durchgehend durch die folgenden Jahrzehnte: vom erfundenen Zwischenfall im Golf von Tonkin, mit dem die Massenbombardements in Vietnam legitimiert wurden, über die Watergate-Affäre, die zum Rücktritt Präsident Nixons führte, und den Iran-Contra-Skandal mit seinem aus dem Weißen Haus organisierten illegalen Großhandel von Waffen und Drogen bis hin zum 11. September 2001 und den erfundenen Massenvernichtungswaffen des Irak. In allen diesen Fällen wurde die Bevölkerung, der Souverän jeder parlamentarischen Demokratie, mit Lug und Trug am Nasenring durch die Manege geschleift, und in den wenigsten dieser Fälle wurden die Verantwortlichen in angemessener Weise für ihre kriminellen Handlungen zur Rechenschaft gezogen. (..)

Fünfzig Jahre nach dem 22. November 1963 wird es höchste Zeit, sich diesen Dissonanzen endlich zu stellen – nicht nur für die Bürgerinnen und Bürger der USA, die die offizielle Legende vom Einzeltäter Oswald mehrheitlich noch nie für die Wahrheit gehalten haben, sondern vor allem für die Meinungsmacher,Leitartikler, Journalisten und Historiker. Es ist auch höchste Zeit, dass diese sich von dem billigen Argument verabschieden, »dass wir die Wahrheit über den Kennedy-Mord wohl nie erfahren werden«, um sich mit dieser selbsterfüllenden Prophezeiung vor der Verantwortung zu drücken, die Lügen über diesen Mord zu entlarven. Andere Länder wie zum Beispiel Südafrika, Chile oder Argentinien haben in teilweise schmerzhaften Prozessen vorgemacht, wie eine Nation mit schrecklichen »Staatsverbrechen gegen die Demokratie« umgehen kann – und umgehen muss, um sie in Zukunft zu vermeiden.

Solange aber die Vereinigten Staaten diesen Beispielen nicht folgen, solange die verdeckte Staatsaktion zur Ermordung Kennedys nicht restlos aufgeklärt wird, solange Staatsverbrechen gegen die Demokratie ungeklärt und unbestraft begangen werden können, solange werden sie sich wiederholen. Nur, wer das will, kann den Fall John F. Kennedys für erledigt erklären und das Märchen von Oswald und der magischen Kugel in den Geschichtsbüchern stehen lassen.
Mathias Bröckers: JFK – Staatstsreich in Amerika, 2017, S. 254 f.

3JT #70: GEHIRNKRIEG

Der Fall Julian Assange – zum ersten Mal fordern die USA die Hilfe eines britischen Gerichts bei der Verfolgung eines Menschen an, den die CIA ermorden wollte. Wie steht es um den Auslieferungsprozess, der gerade verhandelt wurde? Außerdem: Die Desinfektion der öffentlichen Meinung schreitet immer weiter voran. Inzwischen haben Wissenschaftler und Militärs ein neues Schlachtfeld eröffnet: Unser Gehirn. Über all das und mehr berichten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in Ausgabe #70 des 3. Jahrtausends.

Journalismus ist kein Verbrechen

Es steht viel auf dem Spiel, wenn heute vor dem High Court in London das Gerichtsverfahren gegen Julian Assange weiter geht: nicht nur  das Leben und die Gesundheit des Wikileaks-Gründers, der nach Willen der Vereinigten Staaten für 175 Jahre eingekerkert werden soll, sondern über dieses individuelle Schicksal hinaus die Antwort auf eine fundamentale Frage: Ist Journalismus ein Verbrechen? Wenn die Richter entscheiden, dass Julian Assange an die USA ausgeliefert werden darf – was eine erste Instanz aus gesundheitlichen Gründen und wegen der hohen Suizid-Gefahr des Angeklagten abgelehnt hatte –  lautet die Antwort eindeutig “Ja!”. Denn dann ist es mit Journalismus, wie wir ihn kannten und wie er in allen demokratischen Verfassungen als “Pressefreiheit” garantiert ist, definitiv vorbei – denn wer immer irgendwo auf der Welt etwas veröffentlicht, was den USA (oder auch einem anderen Staat) nicht passt, hat dann einen internationalen Haftbefehl zu gewärtigen.  Sein Status als Journalist, als Wachhund und Kontrolleur der nur geliehenen Macht demokratischer Regierungen, kann über Nacht entzogen werden, indem man ihn einfach als “feindlichen Geheimdienst” deklariert und kriminalisiert. Was nichts anderes ist als eine Kriegerklärung an den Journalismus: Jedes Urteil gegen Julian Assange ist eines gegen die Pressefreiheit hatte ich zu der erstinstanzlichen Entscheidung im Januar geschrieben, die 95% der absurden US-Anklage akzpetierte und allein den bedrohten gesundheitlichen und mentalen Zustand Assanges nach zehn Jahren Verfolgung und Isolation als Grund für die Nicht-Auslieferung gelten lies.  Zumal – wie es in der Urteilsbegründung hieß – “die Geheimdienst-Community ihm feindlich gesinnt ist“.  Für diese schon gut dokumentierte üble Gesinnung sind seitdem weitere Beweise aufgetaucht: der Kronzeuge für die angeblichen Hacker-Aktivitäten Assanges, Sigurdur  Thordarson, hat gegenüber einer isländischen Zeitung zugegeben,  seine Beschuldigungen erfunden zu haben, weil das FBI ihm dafür Geld und Strafmilderungen in einem Pädophilie-Verfahren versprochen hatte. Und ein Report von Michael Isikoff bestätigte einmal mehr die Pläne der CIA, Julian Assange aus der ecuadorianischen Botschaft zu entführen und zu ermorden. Dass in einem solchen Land kein faires Strafverfahren zu erwarten und die Anklageschrift nicht haltbar ist – der von Thorafdson erfundene Hacking-Vorwurf ist das einzige kriminelle Vergehen, die anderen 17 Anklagepunkte betreffen “Spionage” – sollte eigentlich auf der Hand liegen. Und wäre dieser Fall ein rechtsstaatliches Verfahren und kein kafkaesker politischer Prozess, hätte Assange schon längst aus der britischen Isolationshaft entlassen werden müssen.

Über den Verlauf des Verfahrens werde ich  heute und morgen hier Updates und Links einfügen, am Freitag gibts dann ein “3. Jahrtausend” dazu…

UPDATE
14:30 : Wenn man dem schon bei der ersten Verhandlung zuverlässigen Twitter-Thread von Kevin Gosztola folgt, verging der Vormittag vor allem mit Versicherungen seitens der Staatsanwaltschaft, dass die US-Seite nach der Ablehnung der Auslieferung ihrerseits Versicherungen nachgereicht hätte, dass Assange keine Sonderbehandlungen in Hochsicherheitsgefängnissen zu befürchten habe. Julian Assange folgt der Verhandlung aus dem Belsmarsh-Gefängnis über Video.

Auch der Jurist Dustin Hofmann, Büroleiter des EU-Abgeordneten Martin Sonneborn twittert aus London über die Verhandlung.

17:40: Die Verhandlung ist unterbrochen und wird morgen 10.30 Uhr fortgesetzt. Die Anklage hatte bis auf die letzten ca. 90 Minuten fast die gesamte Redezeit, die damit verbracht wurde, die psychiatrischen Gutachten aus dem ersten Verfahren anzuzweifeln.  Die Argumente der Veteidigung, das eine große Suizid-Gefahr gegeben wären aufgrund der “diplomatischen Zusicherungen” keine Hochsicherheitsverwahrung für Assange anzustreben hinfällig.

UPDATE  28.10, 18:30
Der zweite (und letzte) Verhandlungstag ist zu Ende:

“Der Lord Chief Justice sagt zum Abschluss, dass die beiden Seiten ihm viel zum Nachdenken gegeben hätten und dass Zeit brauchen wird, um zu einer Entscheidung zu kommen.”

Die Verteidigung Assanges hatte in ihrem Plädoyer vor allem auf die Unzuverlässigkeit us-amerikanischer Zusicherungen bei Auslieferungsverfahren verwiesen und Beispiele dafür aufgeführt. So könne etwa wie im Fall Chelsey Manning eine Grand ´Jury einberufen werden und wenn Assange dort die Aussage verweigert würde er wie Manning sofort in Beuge,-und Isolationshaft genommen. Auch die Zweifel der Ankläger an den psychiatrischen Gutachten zur schweren Depression und Suizidgefahr und die Behauptung, die Richterin der ersten Instanz hätte diese “einseitig” interpretiert, wurde von der Verteidigung zurückgewiesen. Am  Ende seines Plädoyers sagt Assange-Anwalt Summers: “First time that US has sought assistance of UK court to obtain jurisdiction over someone who an agency within the government planned to assassinate or poison” – Es ist das erste Mal, dass die USA die Hilfe eines UK-Gerichts bei der Verfolgung von jemandem ersucht, den ein Dienst innerhalb dieser Regierung ermorden oder vergiften wollte.”

Aktueller Stream zu Thema:

 

Die Rückkehr nach Eleusis

Ein kleiner Vortrag über das Mysterium von Eleusis brachte mir einst eine große Freundschaft und wunderbare Zusammenarbeit ein –  mit niemand Geringerem als Albert Hofmann, der nicht nur 1943 das LSD entdeckt hatte, sondern mit seinen Kollegen in den 70ern Jahren auch herausgefunden hatte, dass im Zentrum des wichtigsten Inititiationsrituals des Abendlands ein psychedelischer Trank stand. Der kleine Vortrag fand später Eingang in mein Buch über “Das sogenannte Übernatürliche” (1998), führte zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann zu  einem gemeinsamen Buch (Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD – Auf dem Weg nach Eleusis, 2006) und ist jetzt in erweiterter Fassung im Nachtschatten-Verlag erschienen. Im Folgenden ein Auszug aus der Einleitung:

Das Mysterium von Eleusis war eines der bestgehüteten Geheimnisse der Antike. Fast zwei Jahrtausende lang, bis zur Zerstörung des Tempels durch christliche Barbaren im 4. Jahrhundert, zogen Wallfahrer jedes Jahr im September auf der Heiligen Straße von Athen nach Eleusis, fasteten und umtanzten den der Göttin Demeter geweihten Brunnen im Vorhof des Heiligtums. Die Nacht verbrachten sie in der Mysterienhalle, einem großen fensterlosen Saal. Priester bereiteten einen »heiligen Trank«, den die Teilnehmer gemeinsam zu sich nahmen – und dann geschah es. Eine so unmittelbare und unaussprechliche Erfahrung, dass sie nur »geschaut«, aber nicht ausgesprochen werden durfte – bei strengen Strafen war es verboten, über das Erlebte zu berichten. Über zwei Jahrtausende haben sich die in Eleusis Initiierten daran gehalten, die Philosophen Sokrates, Platon oder Aristoteles, der Tragödienautor Sophokles – sie waren, wie alle Griechisch sprechenden Menschen ihrer Zeit, mindestens einmal im Leben nach Eleusis gepilgert. Sophokles schreibt: »Dreifach glücklich sind jene unter den Sterblichen, die, nachdem sie diese Riten gesehen, zum Hades schreiten; ihnen allein ist dort wahres Leben vergönnt.«

Ehrfurchtgebietende, dunkle Äußerungen wie diese liegen in großer Zahl vor, doch was sie rechtfertigte, welche Offenbarung die Teilnehmer derart überwältigte, dass sie selbst den Tod für überwunden glaubten – dieses Geheimnis blieb auch nach dem endgültigen Niedergang der athenischen Kultur im 4. nachchristlichen Jahrhundert verborgen. Selbst römische Kaiser wie Marc Aurel und Hadrian, die zu den Eingeweihten zählten, hielten sich an das Schweigegebot, und von Cicero, der nach Eleusis gepilgert war, ist gleichfalls nur ein raunendes Zeugnis überliefert: »Nicht nur haben wir dort den Grund erhalten, dass wir in Freude leben, sondern auch dazu, dass wir mit besserer Hoffnung sterben.« Tausende von Büchern über die Mythologie Griechenlands wurden seitdem geschrieben, Hunderte von Abhandlungen über die eminente Bedeutung der dionysischen Kultur und der eleusischen Riten verfasst – doch was im Zentrum dieses Mysteriums stand, blieb bis in unsere Tage ein Rätsel.

Erst Ende der 1970er Jahre gelang es in interdisziplinärer Zusammenarbeit, das Geheimnis zu lüften: Der Bankier und Ethnobotaniker Gordon Wasson, der Pharmakologe und Chemiker Albert Hofmann sowie der Altertumsforscher Carl Ruck identifizierten den »heiligen Trank« als Zubereitung eines halluzinogenen Pilzes, des Claviceps purpurea, der im Deutschen » Mutterkorn« genannt wird und als Parasit auf der Gerste und anderen Getreidearten wächst. Der Pilz enthält die Wirkstoffe des LSD, des stärksten bekannten Halluzinogens, das Albert Hofmann 1943 zufällig entdeckte, als er mit den Alkaloiden des Mutterkorns experimentierte. In ihrer Studie »Der Weg nach Eleusis« weisen die Autoren nicht nur nach, dass die gewaltige visionäre Wirkkraft des »heiligen Tranks« in Eleusis höchstwahrscheinlich auf ebendieses Mutterkorn zurückzuführen ist, sie belegen auch, wie eng dieser Pilz mit dem Mythos der Demeter, der Erdgöttin, verflochten ist.

“Jedes Jahr wandelten neue Kandidaten für die Initiation auf jener Heiligen Straße nach Eleusis, Menschen aller Klassen, Herrscher und Prostituierte, Sklaven und Freie. jeder Schritt auf dem Weg erinnerte an den Aspekt eines alten Mythos, der erzählte, wie die Erdmutter, die Göttin Demeter, ihre einzige Tochter verloren hatte, die beim Blumenpflücken von ihrem Bräutigam, dem Herrn des Todes, geraubt worden war. Wenn die Pilger in Eleusis ankamen, tanzten sie bis tief in die Nacht bei dem Brunnen, an dem Demeter um ihre verlorene Persephone geweint hatte. Sie tanzten zu Ehren dieser beiden Göttinen und ihres geheimnisvollen Gatten Dionysos. Dann durchschritten sie die Tore in den Festungsmauern, hinter denen, abgeschirmt von profanen Blicken, das große Mysterium von Eleusis stattfand. Die antiken Schriftsteller geben einmütig an, dass im großen › Telestrion‹, der lnitiationshalle im Inneren des Heiligtums, etwas zu sehen war. Soviel durften sie immerhin sagen. Die Halle war jedoch, wie man heute anhand archäologischer Reste rekonstruieren kann, völlig ungeeignet für Theateraufführungen. Was man dort zu sehen bekam, war kein Spiel von Schauspielern, sondern, in Platons Worten, ›phantasmata‹, eineReihe geisterhafter Erscheinungen. Selbst ein Dichter konnte nur sagen, er habe den ›Beginn und das Ende des Lebens gesehen und erkannt, dass sie eins seien‹.”

Ähnlich ehrfürchtiges Stammeln erlebte Gordon Wasson in den 50er Jahren, als er die religiösen Rituale mexikanischer Indianer erforschte. Im Mittelpunkt ihres Kults steht die Einnahme eines als heilig verehrten Pilzes, dessen halluzinogener Wirkstoff Psilocybin eng mit dem des Mutterkorns verwandt ist. Ähnlich wie das Meskalin des Peyote-Kaktus, den andere mexikanische Stämme als sakrale Droge verwenden, oder der Wirkstoff des Fliegenpilzes, dem »Soma« der archaischen Priester- Schamanen in Sibirien und Indien. Die übereinstimmenden Berichte, auf die der Pilz-Ethnologe Wasson bei diesen Völkern stieß – der Pilz als »Draht« zur Kommunikation mit dem Übernatürlichen –, ließen ihn schon damals vermuten, dass auch das klassische Griechenland in seiner rituellen Festung Eleusis Halluzinogene verwandte. Doch die Altertumsforscher, die er daraufhin ansprach, taten seine Vermutung als völligen Unsinn ab. Das »Gesehene«, von dem die Initiierten berichten, hielten sie für kultische Gegenstände, den »heiligen Trank« für Wein: Nach herrschender Meinung wurde den Pilgern in Eleusis eine sakrale Theateraufführung zuteil, eine Art Oberammergau antik.

Selbst wenn ein einfacher griechischer Hirte durch ein solches Mysterienspiel und einen Schluck Wein durchaus zu beeindrucken gewesen sein mag, städtische Intellektuelle wie Platon oder Cicero dürften davon aber kaum derart berührt worden sein. Mit Theater und »Show« waren sie ebenso vertraut wie mit Musik, Tanz und berauschenden Getränken. Dem Wein bei ihren Gelagen und Symposien war häufig Opium zugesetzt, Rausch und Ekstase waren im Griechenland dieser Epoche alles andere als unbekannt. Genauso wenig ist zu erwarten, dass die Philosophen und Schriftsteller ihren kritischen Verstand freiwillig an der Garderobe des eleusischen Tempels abgaben – nein, sie mussten dort etwas erlebt haben, was selbst den großen Rhetorikern die Sprache verschlug.

Zu Hilfe bei der Aufdeckung des Rätsels kam ein öffentlicher Skandal im Athen des Jahres 415 v. Chr., von dem in fragmentarisch erhaltenen Prozessakten die Rede ist: Das eleusische Geheimnis war profanisiert worden, aristokratische Bürger hatten ihren Gästen den visionären Trank als Partyvergnügen angeboten und mussten sich dafür vor Gericht verantworten. Einer der Angeklagten war der ruhmreiche Heerführer Alkibiades, der sich nach Sparta absetzte, als man ihn von seinem Kommandeursposten bei der Schlacht von Syrakus zum Prozess nach Athenzurückbeorderte. Er wurde in Abwesenheit zum Tod verurteilt und sein gesamter Besitz beschlagnahmt. Doch es sind nicht nur diese Spuren antiker Acid-House- Partys, auf die sich die Autoren bei ihrer Beweisführung berufen, sie zeigen auch, dass die Bedeutungsstruktur des Demeter-Mythos auf das Geheimnis psychoaktiver Pflanzen verweist. Es sind keine einfachen Blumen, die Persephone pflückt, als sie ins Reich der Toten entführt wird, es ist der hundertköpfige Narkissos, eine Drogenpflanze. (…)

Nicht der dionysische Wein, sondern der psychedelische Gerstentrank der Erdgöttin Demeter stand im Zentrum der griechischen Religion – dieser Befund von Wasson,Hofmann und Ruck rückte die gesamte Fachliteratur zu Eleusis in ein völlig neues Licht. Natürlich waren die rauschhaften, ekstatsischen Elemente der Demeter-und Dionysos-Rituale keinem Historiker verborgen geblieben, den antiken Interpreten so wenig wie den Wiederentdeckern der hehren Hellenen in der europäischen Klassik. Für Nietzsche steht und fällt sogar die gesamte Kultur mit der Wiederbelebung des Dionysischen, doch so ahnungsvoll er sich als Psychologe hier erwiesen haben mag, sowenig bestand zu seiner Zeit die Möglichkeit einer empirisch-wissenschaftlichen Erforschung »dionysischer« Bewusstseinszustände und pflanzengebundener Ekstasen.

Den Grundstein dazu legte erst der Berliner Pharmazie-Professor Louis Lewin, der 1924 mit seinem Werk »Phantastica« eine erste systematische Erfassung der »betäubenden und erregenden Genussmittel« versuchte. Die oft anekdotischen Berichte über die bewusstseinsverändernden Wirkungen dieser Pflanzen konnten erst in den folgenden Jahrzehnten einer genaueren wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen werden, als nach und nach die Alkaloide, die chemischen Wirkstoffe, von Meskalin, Peyote und der »heiligen Pilze« identifiziert wurden. Ihre eigentliche Bedeutung aber lässt sich erst seit den 70er Jahren ermessen, als die Gehirnforscher die Rolle der Neurotransmitter für unsere Bewusstseinszustände – die biochemische Steuerung des Gehirns durch drogenähnliche Botenstoffe – entdeckten. Bis dahin blieb den Kultur- und Religionsgeschichtlern also kaum etwas anderes, als angesichts des heiligen Tranks von Eleusis sowie des schamanistischen Pflanzengebrauchs im Allgemeinen in Rätselraten und Mutmaßungen zu verfallen. Vor diesem Hintergrund hätte die Arbeit von Wasson, Hofmann und Ruck eigentlich wie eine Bombe einschlagen müssen, de facto aber blieb sie, abgesehen von ein paar journalistischen Rezensionen, in Wissenschaftskreisen nahezu unbeachtet. Daran haben weder das große Renommee der Autoren in ihren jeweiligen Fachgebieten noch die solide Argumentation und Faktenlage etwas geändert, ihr heißes Eisen – die Fundierung des griechischen Geisteslebens, und damit der abendländischen Kultur, in einer mystischen Drogenerfahrung – glüht bis heute im Verborgenen. Ist es wirklich ein Skandal, in das Zentrum des Metaphysischen, Übernatürlichen, Göttlichen eine Ausgeburt des » Reichs des Bösen« – die Droge – zu stellen und den profanen Genuss einer Pflanzensubstanz als Quelle des Heiligen zu identifizieren? Genau betrachtet, räumt das LSD-Mysterium von Eleusis dem antiken Griechenland gar keine Sonderstellung ein. Im Gegenteil: Es verbindet die Kulturgeschichte des Abendlandes mit der Kultur- und Religionsgeschichte anderer Erdteile, denn überall auf der Welt haben die Völker für den Blick über den Zaun von Raumzeit und Sterblichkeit auf die Hilfe von Pflanzen zurückgegriffen.

Dies ist ein Auszug aus dem Essay  “Die Rückkkehr nach Eleusis”, erschienen im Nachtschatten-Verlag, Solothurn, 84 Seiten, 12,80 Euro