Albert Hofmann: Das LSD ist zu mir gekommen

Ein Gespräch mit Dr. Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD,  vor seinem 100. Geburtstag

“Ici Rittimatte, 629 m.” steht auf dem Schild neben einem Grenzstein aus der napoleonischen Zeit. Die Grenze zu Frankreich verläuft direkt über diese Bergwiese in den Ausläufern des Schweizer Juras. Hier steht das “Bänkli” mit weiter Aussicht über das Baseler Land und den Konturen der Vogesen und Schwarzwalds am Horizont, der Lieblingsplatz eines Mannes, der – sowohl was die Ausblicke, als auch was die Grenzen des Bewusstseins betrifft – Geschichte gemacht hat: Dr. Dr hc. mult. Albert Hofmann, der Entdecker des LSD. Heute wird Albert Hofmann 100 Jahre alt. Doch auch wenn er seit einer Hüftoperation vor drei Jahren mit Stöcken gehen muss, lässt er es sich an diesem strahlenden Augusttag nicht nehmen, mit uns die 500 Meter von seinem Haus hinauf zum “Bänkli” zu spazieren.

Albert Hofmann und Timothy Leary in Hamburg, 1993

Mit seinem Verleger und Freund Roger Liggenstorfer und zwei Dokumentarfilmern war ich am Morgen gekommen, um ein Gespräch zu führen – und auch jetzt, am Nachmittag und nach einigen Stunden Interview, zeigt unser Gastgeber keine Spur von Erschöpfung. “Jetzt versteht ihr, warum ich diesen Platz hier als mein Paradies bezeichne”, sagt er, als wir auf der Bank sitzen und von der Weite des Himmels und der traumhaften Sommerlandschaft gebannt sind. “Eigentlich ist die Rittmatte hier meine allergrößte Entdeckung.”

Nach seiner Pensionierung als Leiter der Naturstoffabteilung der “Sandoz AG” 1971 entdeckte er diesen Platz und baute sich mit seiner Frau Anita dort das Haus, in dem sie jetzt seit 35 Jahren leben. Doch die Entdeckung, die ihn weltberühmt machte, fand am 18. April 1943 statt, als Albert Hofmann eigentlich auf der Suche nach einem Kreislaufmittel war. In einer Frühstückspause bei einem Honigbrot und einem Glas Milch fiel ihm die Lysergsäure wieder ein, die er 1938 als Wirkstoff des Pilzes “Claviceps purpurea” identifiziert und in verschiedenen Verbindungen hergestellt hatte. Der vor allem auf Getreide schmarotzende Pilz wird “Mutterkorn” genannt und wurde schon seit dem Altertum als blutstillendes, die Gebärmutter kontrahierendes Naturmittel in der Geburtshilfe eingesetzt. Albert Hofmann und seine Kollegen hatten aus seinen Wirkstoffen das bis heute in allen Kreißsälen verwendete Standardpräparat “Methergin” gewonnen. Sieben Jahre später, fasste Hofmann in einer “merkwürdigen Vorahnung” den Entschluss, eine dieser Verbindungen, das Lsyergsäure-Diäthylamid, noch einmal herzustellen. Während der Arbeit spürte er mit einem Mal ein merkwürdiges Unwohlsein und notierte in einem Protokoll:

…Ich musste mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußert rege Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – wirkten dagegen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach zwei Stunden verflüchtigte sich der Zustand.”

Als erfahrener Chemiker, der unter Laborbedingungen und stets kontrolliert arbeitete, konnte sich Hofmann anfangs kaum vorstellen, dass sein Zustand etwas mit den Substanzen zu tun haben könnte, mit denen er an diesem Tag gearbeitet hatte. Er ging alle seine Arbeitsschritte dieses Morgens noch einmal durch und hatte zunächst ein chloroform-ähnliches Lösungsmittel in Verdacht. An das LSD dachte er als Allerletztes, weil es ja schon fünf Jahre zuvor pharmakologisch untersucht worden war und er es an diesem Morgen nur kristallisiert hatte. Heute sagt Albert Hofmann, dass er das LSD nicht entdeckt hat, sondern dass es zu ihm gekommen sei:

“Das Lysergsäure-Diäthylamid hatte ich ja nur umkristallisiert und nichts davon eingenommen und du arbeitest doch absolut sauber, dachte ich mir. Wenn es das gewesen sein sollte, müsste es ja geradezu saumäßig wirksam sein. Als ich am Montag wieder im Labor war, nahm ich dann die kleinste Menge davon ein, die man sich überhaupt denken kann – und das war, wie sich später herausstellte, noch fünfmal zu viel und brachte mich dann auf einen Horrortrip. Aber dieses erste Mal, mit diesen Träumen, dazu kann ich nur sagen: das LSD hat mich gerufen, ich habe es nicht gesucht. Es ist zu mir gekommen, es hat sich gemeldet… Wenn sich das LSD nicht von sich aus gemeldet hätte, wäre die Substanz wieder in die Pharmakologie gekommen und die hätte wieder nichts gefunden, und damit fertig, Schluss… Aber es hat mich erwischt, irgendwie, es hat sich mir offenbart…”

Was Hofmann an diesem Apriltag des Jahres 1943 widerfuhr – die tiefenpsychologische Kraft pflanzlicher Alkaloide, die Pharmakologie der Bewusstseinsveränderung -, war erst wenige Jahre zuvor überhaupt in das Blickfeld der Wissenschaft geraten. Der Berliner Pharmakologe Louis Lewin hatte mit seiner Untersuchung über “Phantastica” die ersten Forschungsberichte über die Wirkung halluzinogener Pflanzen vorgelegt. In Heidelberg hatte Kurt Beringer Ende der 20er Jahre das Meskalin untersucht, den Wirkstoff des Peyote-Kaktus, der von den Indianern Südamerikas sakrale Droge verehrt wird.

Vor seinem Haus auf der Rittimatte, 1989

Mit der Entdeckung des LSD trat die Erforschung dieser Substanzen in eine neue Dimension. Nicht nur, weil schon die Menge eines Staubkorns – 50 Mikrogram – eine wirksame Dosierung darstellte, sondern vor allem, weil diese Wirkung nicht nur medizinisch-therapeutisch, sondern auch für die wissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins äußerst vielversprechend schien.

Von der Wunderdroge zum Sorgenkind

Die “Sandoz AG” begann mit der Erprobungsphase des neuen Medikaments. Wie jedes Arzneimittel wurde auch “Delysid”, so der Markenname, zahlreichen Prüfungen und Tests unterzogen, man stellte es Wissenschaftlern und Ärzten zur Verfügung, die damit neue Behandlungsansätze in der Psychotherapie und Psychiatrie erprobten. Es entstanden zahlreiche Studien, die äußerst vielversprechende Resultate zeigten – etwa bei Alkoholikern, die von ihrer Sucht loskamen, bei unheilbar Schwerkranken, deren psychischer Gesamtzustand sich stabilisierte, bei autistischen Patienten, die durch die LSD ansprechbar und therapierbar wurden. Der tschechische Psychiater Stanislav Grof bezeichnete LSD in diesem Zusammenhang als “Mikroskop und Teleskop der Psychiatrie”, da es verdrängte, sonst kaum zugängliche Seelenanteile, ans Licht brächte.

In den ersten zwei Jahrzehnten nach seiner Entdeckung erschienen über 1.000 Fachartikel, die solche ermutigenden Ergebnisse bei insgesamt über 40.000 Patienten beschrieben (sehr viele Studien wurden von Erowid eingescannt und sind online  abrufbar).

Mit dem DJ Goa Gill bei einer Techno-Party im Baseler Land, 2002

Da die Versuche stets in einem kontrollierten Setting stattfanden und die Klienten vorab in Kenntnis gesetzt worden waren, dass LSD außergewöhnliche Bewusstseinszustände auslöst, kam es bei diesen Anwendungen kaum zu negativen Auswirkungen. LSD galt so für viele Wissenschaftler und Therapeuten bis Anfang der 60er Jahre als eine Art Wundermittel.

Namentlich Timothy Leary, Psychologie-Dozent der renommierten Harvard University, gab dann aber die Distanz zu seinem Forschungsobjekt auf und wurde völlig euphorisiert zu einer Art Missionar des LSD-Gebrauchs. Wegen der Propagierung von LSD bei Jugendlichen sind Leary später von Albert Hofmann schwere Vorwürfe gemacht worden. Das Verbot des LSD folgte bald. Seit Mitte der 60er Jahre zählt es zu den illegalen Betäubungsmitteln; Herstellung, Besitz und Gebrauch sind seitdem weltweit verboten. Diesen Weg von der Wunderdroge zum verbotenen Betäubungsmittel hat Hofmann in seinem Buch “LSD – Mein Sorgenkind” ausführlich beschrieben – und wie kaum ein anderer vor dem unsachgemäßen Gebrauch der Substanz gewarnt.

“Wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg!”

Als wir uns für das Interview in seinem Wohnzimmer zusammensetzen, weist er darauf hin, dass er über all das, was er in seinen Büchern schon beschrieben hat, eigentlich nicht mehr reden will: “Das hab ich dort alles besser und ausführlicher gesagt, das müssen wir nicht mehr wiederholen.” Okay, uns interessiert ja auch am Meisten, wie man es schafft, als 100-Jähriger noch so erstaunlich vital und geistig rege zu bleiben. Welche Methoden hat Albert Hofmann dafür angewendet?

Albert Hofmann: Das hat sich so ergeben. Das kann man nicht planen. Ich hatte irgendwie immer wieder das Glück, Positives zu erleben. Wenn etwas Negatives kam – dann kam, sozusagen wie vom Himmel… wieder etwas Positives. So hat sich das immer wieder ausgeglichen. Ich glaube, dass ich die Gnade hatte, offene Sinne zu behalten – und unser Bewusstsein wird ja von den Sinnen genährt. Ich habe bis heute keine Brille und keine Hörgeräte… und ich habe wirklich das Gefühl, dass ich auf die Natur höre, auf das, was uns gegeben ist.

Deshalb bin ich auch so skeptisch gegenüber dieser technischen Kultur – weil: wir verpassen ja das Paradies! Wir vermauern und verbrettern unsere Sinne mit dieser Technisierung. Und ich bin noch zu Hause in der Natur, nicht in der technischen Welt. Ich glaube, das ist einer der entscheidenden Fehler unserer heutigen Welt: Wir kommen immer mehr ab von dem, was da ist, von diesem großen Geschenk, wir nehmen es nicht einmal mehr wahr – und rackern uns ab mit technischen Problemen. Wenn ich in der Stadt hätte leben müssen, wäre ich mit Sicherheit schon lange gestorben, schon lange tot. Ich habe das Glück, dass ich hier auf der Rittimatte im Paradies lebe – und wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg.

Hat auch das LSD dabei eine Rolle gespielt, dass Sie so lange geistig wach und jung geblieben sind?

Albert Hofmann: Ich müsste zwei Leben haben, um das zu beantworten: eines mit und eines ohne LSD. Dann könnte man das wissenschaftlich beurteilen. So kann ich das ja nicht. In meinem LSD-Buch (“LSD-Mein Sorgenkind”) steht ja am Anfang dieses mystische Naturerlebnis als Kind, das ja absolut einem LSD-Erlebnis glich, dieses Einssein mit der Natur. Irgendwie, glaube ich, war mir das angeboren.

Sie waren 1943 Offizier in der Schweizer Armee und mussten neben der Arbeit im Labor monatlich zum Dienst bei der Grenzsicherung…

Albert Hofmann: Ja, immer für drei Monate war ich weg, im Tessin, die Südgrenze bewachen, gegen Mussolini ….

…um zwischendurch auf dem Höhepunkt des Weltkriegs die Substanz zu entdecken, die als “geistige Atombombe” bezeichnet worden ist. Würden Sie die alte Hippie-Parole unterschreiben, dass dann, wenn alle Generäle einen erfolgreichen LSD-Trip unternehmen würden, mehr oder weniger automatisch der Weltfrieden eintritt?

Albert Hofmann: Das kann ich auch nicht beantworten. Man müsste es wissenschaftlich untersuchen. Aber ich denke, es wäre einen Versuch wert. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Geschichte ein: Irgendwann kam einmal eine junge Frau in mein Laboratorium. Ich fragte sie, wie sie hier in die Fabrik überhaupt hineingekommen sei, und sie antwortete in Englisch: “I can pass everywhere, I am an angel.” Und sie sagte: “Sie müssen mir helfen, dass der amerikanische Präsident LSD bekommt.” Sie hieß Johanna, wie die Heilige Johanna der Franzosen. Ich wunderte mich immer noch, wie sie überhaupt in das Sandoz-Gebäude hineingekommen war. Aber ich konnte ihr natürlich nichts geben.”

Sie haben das Bewusstsein in einem Sender-Empfänger-Modell beschrieben: der ganze Planet als Sender und jedes einzelne Bewusstsein als Empfänger…

Albert Hofmann: Unsere Sinne sind die Antennen, darüber kommt alles herein, das Bewusstsein ist der Empfänger. Alles was wir im Bewusstsein haben, ist irgendwann einmal durch die Sinne hineingekommen – bei Geburt ist es gleichsam ein leeres Bewusstsein und wird dann durch all das gefüllt.

Und ein paar Millionstel Gramm LSD verändern die Wahrnehmung dramatisch – es ist nicht nur einfach das bekannte Bild, ein bisschen verzerrter oder bunter, es ist ein völlig anderes Programm…

Albert Hofmann: Und das deshalb, weil LSD unsere Sinne verändert, man sieht besser, man hört besser, alles wird intensiviert. Insofern hatte auch Timothy Leary recht, wenn er behauptet, es sei auch das größte Aphrodisiakum. Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: Die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit…

Und das ist manchmal sehr verwirrend…

Albert Hofmann: Ja, man erschrickt. Man hat ein völlig anderes Bild und das kann einen furchtbar erschrecken. Deshalb sagen die Indianer ja: bevor ich den heiligen Pilz nehme, muss ich fasten, muss ich beten, muss ich rein sein – dann bringt mich der Pilz dem Göttlichen näher. Und wenn ich das nicht mache, tötet er mich oder macht mich wahnsinnig. Das haben die Indianer, lange bevor LSD und Psylocibin entdeckt wurden, gesagt – und die amerikanische Jugendbewegung, die es ja gut meinte, hat sich daran nicht gehalten, sie haben es zu oberflächlich genommen, sie haben sich nicht vorbereitet…

Albert Hofmann mit dem LSD-Molekül, 1950

Dieses alte Wissen wurde anfangs nicht vermittelt, die meisten, die LSD nahmen, wussten nicht, was es ist, und kamen erst mit der Zeit dazu, damit richtig umzugehen…

Albert Hofmann: Das ging alles zu schnell. Es hätte sich entwickeln müssen, die Erkenntnis, dass es etwas Sakrales ist, das heißt, die Wiederentdeckung, denn eigentlich ist es schon seit mindestens 3.000 Jahren bekannt, dass es etwas Besonders ist.

So wie der “heilige Trank” im antiken Eleusis, den Sie und Gordon Wasson in dem Buch “Der Weg nach Eleusis” als LSD-ähnliche Substanz identifiziert haben. Auch Tim Leary und seine Kollegen in Harvard, Ralph Metzner und Richard Alpert, haben ja immer auf die Wichtigkeit von “Set & Setting” hingewiesen und das alte Ritualwissen gewissermaßen in die Neuzeit transportiert – aber Leary hat LSD gleichzeitig auch, typisch amerikanisch, angepriesen wie ein Wanderprediger oder Handelsvertreter…

Albert Hofmann: Er hat es ja jedem geradezu aufgedrängt. Das habe ich nie getan. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Menschheit lernen wird, damit umzugehen in Zukunft. Und wenn man überlegt, wie so ein modernes Eleusis aussehen könnte, dann wäre das zuerst ein Ort, eine schöne natürliche Umgebung, in der man Meditationsferien macht, wo man fastet, ruht und betet…sich vorbereitet. Und wo dann solche Substanzen ihrem Sinn entsprechend angewendet werden. Der Priester von Eleusis wusste, weil jeder einen Vorbereitungskurs machen musste, die richtige Dosierung für jeden einzelnen – und wir wissen ja heute eigentlich auch alles, um dafür zu sorgen, dass es nie einen schlechten Trip gibt…

Naturwissenschaft und Mystik

Als wissenschaftlicher Pionier im “Weltraum der Seele” kam Albert Hofmann mit vielen Künstlern und Kreativen in Kontakt. Mit dem Schriftsteller Ernst Jünger verband ihn eine über 50-jährige Freundschaft, Jünger hat ihre gemeisamen LSD-Experimente in seinem Buch “Annäherungen – Drogen und Rausch” beschrieben. Auch Aldous Huxley korrespondierte mit Hofmann und besuchte ihn in der Schweiz; er ließ sich vor seinem Tod, zum Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand, von seiner Frau LSD geben. Huxley benutzte es. Wie steht Albert Hofmann zu dieser Art von LSD-Verwendung als Sterbebegleitung ?

Albert Hofmann: LSD wurde schon vor Jahrzehnten in dieser Richtung verwendet, bei sterbenden Krebskranken, wo selbst Morphine nicht mehr gegen die Schmerzen wirkten… Ich bin überzeugt, dass das künftig auch ein Thema werden wird, dass man mit LSD diesen Übergang erleichtern kann. Irgendwann hat jemand Ernst Jünger gefragt: “Glauben Sie, dass das Leben nach dem Tod weitergeht?” und er antwortete: “Nein, ich weiß es!” Und das kann man auch als Naturwissenschaftler verstehen: Nichts kann aus Nichts entstehen, und aus etwas was ist, kann nicht Nichts werden – es gibt nur Umwandlungen.

Wir können nicht sagen, woher wir kommen – dass irgendeine Supermaterie am Anfang stand und dann knallte und den Raum erzeugte… das ist doch alles dummer Mist. Darüber wissen wir nichts, das ist das große Wunder. Aus unseren Erfahrungen können wir nur sagen: Es gibt Nichts, das aus Nichts entsteht, und Nichts, das zu Nichts zerfällt. Es gibt immer nur den Wandel. Und wenn man die Naturwissenschaft und alle ihre Entdeckungen weiter denkt, stößt man immer wieder auf ein Geheimnis. Ich habe unlängst eine CD mit den Vorträgen Einsteins gehört. Dort spricht er auch darüber, und er sagt wörtlich, ich habe mir den Satz gut gemerkt: “Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.” Wenn man in das Tiefste der materiellen Wirklichkeit vorstößt, wie Einstein es getan hat, stößt man unweigerlich auf das Wunder, auf das Geheimnisvolle. Weiter kommen wir nicht. Hier stoßen wir auf dasselbe Mysterium, das auch schon die Menschen in Eleusis erfahren haben.

Ein Interview, das Sie der “Basler Zeitung” letztes Jahr gegeben haben, war mit dem Zitat überschrieben “Unsere Zeit braucht LSD”…

Albert Hofmann: Das war ein Nebensatz, den haben sie zum Titel gemacht. Vor zehn Jahren noch wäre das völlig unmöglich gewesen. Also wenn das kein Fortschritt ist, wenn selbst eine brave, brave bürgerliche Zeitung so titelt.

In den ersten zehn Jahren nach seiner Entdeckung galt LSD als wahres Wundermittel, dann kam das Verbot, die Dämonisierung – und jetzt scheint das Pendel wieder zurück zu gehen, zu größerer Akzeptanz. Selbst an der Harvard-Universität finden wieder LSD-Studien statt.

Albert Hofmann: Ja, das habe ich verfolgt. Es ist sicher ein Wandel. Vor allem weil man entdeckt hat, dass diese Pflanzen, in denen man schon vor 3.000 Jahren Stoffe wie LSD oder Psilocybin gekannt und benutzt hat, mit den Substanzen in unserem Gehirn, wie Serotonin, sehr eng verwandt sind. Die Pflanzen geben uns Nahrung, sie geben uns Heilmittel und sie geben uns auch Medikamente für das Bewusstsein. Die Pflanze produziert aus dem Sonnenlicht unsere Nahrung und unsere Atemluft. Und unser Bewusstsein ist letztlich nichts anderes als die höchste Umwandlung dieser Sonnenenergie.

Wir sind Sonnenkinder! Unser menschliche Energie ist Sonnenenergie – entstanden aus dem Atomreaktor, den der Herrgott genügend weit weg gesetzt hat, dass er uns nicht gefährlich werden kann. Nur das Gute kommt von der Sonne, der Ballast, der Atommüll bleibt oben – nur der Mensch, dieser Idiot, glaubt, er müsste die Sonne auf die Erde holen und hier Atomkraftwerke bauen. Es ist Prometheus, der den Menschen sagt, dass sie die Sonne nicht brauchen und er ihnen das Feuer vom Himmel holt – und für diesen Übermut wird er von Zeus bestraft und muss unendliche Schmerzen erleiden, weil er den Schöpfer beleidigt hat. In diesem Mythos ist schon alles erzählt – die Griechen waren ein geniales Volk.

Albert Hofmann, 2003

Jetzt ist die Menschheit dabei, sich mit diesem Geschenk des Prometheus selbst zu eliminieren, mit dem Feuer aus Öl und Kohle das Klima und die globalen Kreisläufe zu ruinieren und mit Atomkraft Leben auf Jahrtausende zu vernichten…

Albert Hofmann: Als ich in einem Buch einmal über den “Atomreaktor Sonne” geschrieben habe und die naheliegenden Dinge, die wir hier besprochen haben, erhielt ich eine Einladung von Atomphysikern, darüber einen Vortrag zu halten. Die wussten das ja alles schon, aber sie hatten dieses ganz Einfache aus dem Blick verloren, sie konnten es nicht formulieren: Dass doch alles schon da ist, dass die Pflanzen und die Natur alles bieten, was wir brauchen, die Sonne genügend Energie liefert und dass nur die Menschen saudumm sind…

Ernst Jünger hat ja dafür plädiert, das LSD nur Auserwählten zugänglich sein soll…

Albert Hofmann: Ja, er wollte das irgendwie nur für die Elite…

Während Huxley und später Leary sich für die kontrollierte Anwendung für jedermann einsetzten…

Albert Hofmann: Huxley wollte ja so etwas wie eine neue Religion erreichen. Das hatte Jünger nie im Sinn. Er wollte die Eliten erreichen, beziehungsweise meinte, die kämen schon von selbst dazu, das breitet sich aus in ihren Kreisen und das genügt.

Arthur Koestler, ein Freund von Huxley, hat sich einmal kritisch geäußert und LSD mit einem Skilift verglichen…

Albert Hofmann: Ja, die Geschichte mit dem Bergsteiger, der zu Fuß zum Gipfel aufsteigt, der den Berg erobert und dem anderen, der einfach mit dem Lift hinauffährt.

Nach Koestlers Ansicht muss man alle Qualen auf sich nehmen, um das richtige Gipfelerlebnis zu haben – aber Huxley erwiderte, dass die Aussicht dieselbe sei. Wie sehen Sie das?

Albert Hofmann: Man muss schon wandern. Man muss sich innerlich vorbereiten – und das allein ist oft schon schwer genug. Viele Leute wissen ja gar nicht, was Meditation ist . Aber jetzt sollten wir mal ums Haus wandern, in die herrliche Sonne draußen – und die Stille anhören.

Die Interview-Zitate Albert Hofmanns stammen aus einem längeren Gespräch, das Mathias Bröckers und Roger Liggenstorfer für ihr Buch “Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD – Auf dem Weg nach Eleusis” (AT-Verlag, 2006) führten. Diesem Band sind auch alle hier verwendeten Fotos entnommen ( © ) Aus Anlass des 100. Geburtstags fand vom 13.-15. Januar 2006 in Basel das Symposium LSD- Sorgenkind und Wunderdroge.

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