Ausgelesen

Bevor ich auf der morgen beginnenden Buchmesse mal wieder nach Neuigkeiten Ausschau halte, hier Hinweise auf einige Bücher, die ich gerade mit Gewinn gelesen habe:

Vor 30 Jahren wurde Uwe Barschel kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident Schleswig-Holsteins tot in einer Badewanne des Genfer Hotels “Beau Rivage” gefunden. Patrik Baab, Fernsehjournalist aus Kiel, und Robert E. Harkavy, Politik-Professor aus den USA beleuchten in ihrem Buch “Im Spinnennetz der Geheimdienste” neben dem bis heute ungeklärten Tod Barschels auch zwei andere wahrscheinliche und ungeklärte Mordfälle aus dieser Zeit, den des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme und des ehemaligen CIA-Chefs William Colby. Und kommen in allen drei Fällen zu dem Schluß: “Wir haben es mit gezielten Tötungen zu tun. Sie waren Teil einer großangelegten ‚Säuberungsaktion‘, bei der missliebige Zeugen aus dem Weg geräumt wurden, die der Spitze der Befehlskette hätten gefährlich werden können.“ Hintergrund sind die illegalen Waffengeschäfte, die als “Iran-Contra”-Affäre teilweise aufgedeckt und mit Hilfe Israels und Südafrikas  über die Häfen in Kiel und Rostock abgewickelt wurden. Und so sind in diese Säuberungsaktion nicht nur CIA und Mossad wie auch BND, Stasi sowie der iranische und der südafrikanische Geheimdienst verwickelt, sondern auch die  “Stay Behind”-Strukturen der Nato (Gladio). Patrick Baab und der Chefermittler der Staatsanwaltschaft im Fall Barschel haben das Buch am Wochenende in einer Pressekonferenz vorgestellt. Es kann einem auf diesen 384 gut dokumentierten Seiten vor lauter Schlapphüten manchmal etwas schwindelig werden, oder auch unheimlich, denn das “Spinnennetz”, das die Autoren offenlegen,  ist erschreckend und eine rechtsstaaliche Aufklärung nicht zu erwarten. Dafür steht für die sogenannten Rechtsstaaten zuviel auf dem Spiel….

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Als ich Ende der 80er Jahre über die Gaia-Theorie von James Lovelock und Lynn Margulis schreiben wollte, galt das Thema bei vielen Redakteuren als New-Age-Esoterik, auch wenn die beiden Autoren – ein Astrophysiker und eine Mikrobiologin –    mit spirituellen Hippiemythen eigentlich gar nichts am Hut hatten. Ihre Beschreibung der Biosphäre und der gesamten organischen und anorganischen Materie als ein großes, selbstorganisiertes System legte allerdings durchaus nahe, Analogien zu dem archaischen Glauben an eine allmächtige Erdgottheit, an “Mutter Erde”, zu ziehen.  Diese Nähe neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vormodernem Wissen macht die Rede von “Gaia” – von der Erde als Gesamtsystem, als Organismus, als Lebewesen –  bis heute schwierig, und so ist auch Bruno Latour in “Kampf um Gaia – Acht Vorträge über das neue Klimaregime” auf vielen Seiten mit Distanzierungen beschäftigt, dass es sich bei Gaia definitiv nicht um eine Religion oder einen romantischen Mythos handelt, sondern um ein Faktum, in das wir Menschen nicht nur eingebunden sind, sondern so konkret eingreifen (Stichwort: Anthropozän), dass wir es endlich verstehen müssen. Dass der als Großdenker gefeierte Soziologe Latour so spät darauf kommt, wundert mich eigentlich, seine “Akteur-Netzwerk-Hypothese”, nach der wir uns die Welt nicht in Subjekt/Objekt getrennt denken sollen, sondern auch den von uns geschaffenen Dingen und Objekten einen aktiven Status, eine Wirkungsmacht, zusprechen und ein “Parlament der Dinge” schaffen müssen – diese Denkweise, eine Art systemischer Neo-Animismus, schien mir von Beginn an perfekt auf “Gaia” zu passen. Umso energischer jetzt sein Plädoyer, sie endlich ernt zu nehmen: “Sie ist das einzige Mittel, die MODERNEN in ihrer Gewißheit darüber, was sie sind, in welcher Epoche sie leben und auf welchem Boden sie sich befinden, zutiefst zu erschüttern und von ihnen zu verlangen, das sie endlich die Gegenwart ernst nehmen.”

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Zufällig aber äußerst passend hatte ich vor Latours Buch über Gaia Andreas Wulfs  Biographie eines Pioniers des ganzheitlichen, organischen Naturdenkens.„Die Erfindung der Natur“ hat die Historikern Andrea Wulf ihr Buch über die Abenteuer Alexanders von Humboldts genannt und wenn es einen genius loci dieser „Erfindung“ gab, dann  waren es Jena und Weimar und die Monate des Jahres 1797, in denen der Blick des auf’s Sammeln und Messen versessenen Humboldt („Freilich kann ich nicht existieren ohne zu experimentieren“) von Goethe für das große Ganze geschärft wird. „Holismus heißt jene Philosophie, für die die ganze Natur – physisch, organismisch und seelisch – eine lebendige Ganzheit bildet…“ hat Humboldt sein Weltbild später beschrieben, zu dem er durch die Goetheschen Naturansichten “gehoben” fühle. Wie 200 Jahre später Lovelock und Margulis wollten auch Goethe und Humboldt ihre Vorstellung nicht religiös-romantisch, sondern empirisch-wissenschaftlich verstanden wissen, doch wurde sie vom Zeitgeist der beginnenden Moderne überrollt: die Natur durch Zerlegung in Einzelteile zu erklären war einfach leichter als ihre Ganzheit zu erfassen. Doch darum können wir heute – siehe Latour oben – nicht mehr herumkommen.

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Von einem, der diese Ganzheit auf heute unkonventionelle Wiese entdeckte, indem er sich als Junge in die wilden Wälder verzog, weil er als deutscher Einwanderer in einem Kaff des amerikanischen Mittelwestens in den 1950er Jahren ein Außenseiter und komischer “Kraut” war, erzählt der Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl in seinem Lebensbericht.:“Mein amerikanischer Kulturschock – Eine Jugend unter Hillbillies, Blumenkindern und Rednecks.”  Seine Liebe zu einem Hillbillie-Mädchen brachte ihn mit der merkwürdigen Welt dieser “Hinterwäldler” zusammen, im “Summer of Love” und den wilden 60ern ist er mittendrin, er schreibt seine Doktorarbeit über eine spiritistische Gemeinde, in der er ein Haus gemietet hat, er heiratet, hat eine akademische Karriere in Aussicht – und steigt aus aus dem “amerikanischen Traum”.  Amerika “hat mich wie ein Drache verschluckt und wieder ausgespien. Ich bin dem american way of life durch die Lappen gegangen. Und da ich Amerika gut kenne – und die Menschen dort liebe – will ich meinen europäischen Zeitgenossen davon erzählen.” Dabei leuchtet Wolf-Dieter Storl mit ethnologischem, anthropologischem Blick die Winkel und Ecken so gekonnt aus, dass ich das Buch in einem Rutsch runtergelesen habe.

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Aus das eben erschienenen Buch “Die Antisemitenmacher” von Abi Melzer hatte ich hier im Blog schon hingewiesen. Jetzt sind dieselben in Aktion getreten, und haben eine Lesung des in Frankfurt ansässigen Autors untersagt: das Bürgerhaus Gallus hat einen Mietvertrag für eine Lesung aus diesem Buch storniert. Hintergrund sei, so die Frankfurter Rundschau, “ein Beschluss des Stadtparlaments, dem Antisemitismus in der Stadt keinen Raum zu geben”. Ja sauber – dass Melzers halbe Familie in Auschwitz umgekommen ist und er als Publizist und langjähriger Verleger von Judaika wohl weiß, was Judenhaß ist, ist wohl kein hinreichender Grund, um in der Bankemetropole zum Thema Antisemitismus zu lesen.  Jeder Art von  Rassismus in der Stadt “keinen Raum” zu geben, ist richtig und gut, stattdessen aber einen rasenden Philo-Zionismus Platz greifen zu lassen und jeder Kritik daran den Mund zu verbieten, darf aber keine Alternative sein.

3 Kommentare

  1. 30 Jahre nach dem Mord an Uwe Barschel sollte uns klar werden, es ging um den Bau von Mininuks, die in die Dolphine Uboote passen. Besonders auffällig schient der Widerspruch des Untersuchungsberichts (aus Südafrika) zu dem Tod von Dirk Stoffberg und seiner Frau zu sein, deren Leichen vom Mossad in Stücke geschossen wurden (unkenntlich gemacht), jedoch offizielle Todesursache (in Europa) soll Selbstmord sein…Er schien dem Zündmaterial dem “Roten Quecksilber” zu nahe gekommen zu sein. Heinrich Wille, der damals ermittelnde Staatsanwalt, hält es sogar für möglich das Stoffberg noch lebt.

  2. Ja, das “Spinnennetz” habe ich spontan in der Buchhandlung mitgenommen, konnte aber erst wenige Seiten lesen. Speziell zu Barschel gibt es schon länger auch einige andere sehr gute Bücher.

    Unverständlich beim Thema Palme, weshalb die Autoren den Friedensforscher Tunander als Veschwörungstheoretiker bezeichnen, der in seinem Buch eine ausführliche Darstellung der schwedischen U-Boot-Affäre gebracht hat, inkl. Belegen, dass es keine sowjetischen, sondern NATO-U-Boote waren und die schwedische Marineführung heimlich hinter dem Rücken des Ministerpräsidenten (Palme) statt schwedischer fremden Interessen diente, was in diesem Fall an Hochverrat erinnert. Palme wurde ermordet, 4 Wochen bevor er Gorbatschow treffen und mit ihm nicht nur über die U-Boot-Affäre, sondern auch über eine gemeinsame Initiative zum atomwaffenfreien Europa sprechen wollte. War er bestimmten Kreisen zu sowjetfreundlich?

    In der Doku “Täuschung – Die Methode Reagan” sagt Gorbatschow zum Thema Palme: “Es war ein politischer Auftragsmord. Das sind Gruppen, die nicht daran interessiert sind, dass es eine bessere Welt gibt.” https://www.youtube.com/watch?v=GeYjA2FRTcE

    Im “Spinnennetz” wird offenbar eine Menge miteinander verrührt: CIA, Israel, Südafrika, Iran, BND, Palme, Barschel, Iran-Contra. Sogar die Stasi soll fleißig mit dem Klassenfeind konspiriert haben, um Apartheidstaaten Waffen zu liefern.

    Das wäre jedenfalls eine schlüssige Erklärung dafür, dass viele hochrangige Stasi-Rentner zwar jede Menge langweilige Bücher schreiben um ihre Erfolge zu loben (was ich angesichts des Endresultats reichlich albern finde), aber kein Sterbenswörtchen zu den hier genannten großen Skandalen des Westens äußern.

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