“Nervengift!”, “Kampfstoffe!” Russen!”

Zeichnung: Steve Bell, Guardian

Weil der Abgeordnete der Linken, Dieter Dehm, bei einer Ostermarsch-Demo den amtierenden Außenminister als “gut gestylten Strichjungen der Nato” beschimpft hat, steht er jetzt heftig in der Kritik. Ich kann mich da nur anschließen, denn “gut gestylt” geht für das Maas-Männchen im Auswärtigen Amt zu weit. Ansonsten aber liegt Dehm schon ziemlich richtig, wobei Strichjungen ja in der Regel weniger aus Lust, sondern aus Not einem zahlenden Freier zu Diensten sind. Heiko Maas aber hat sich völlig ohne Not entschieden, dem windigen Fake-Dossier der britischen Regierung – laut A. Merkel eine “fundierte Analyse” –  Glauben zu schenken und mit der Ausweisung von Diplomaten eine internationale Krise anzuheizen. Mit dabei aus “Solidarität” mit den lügenden Briten auch der grüne Posterboy Cem Özedmir, der “unsere Werte gegen Russland verteidigen” will, sowie der grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold, der den EU-Staaten, die bei der konzertierten Ausweisungs-Operation nicht mitzogen, die Unterwanderung durch russisches Schwarzgeld unterstellt. Dass sie einfach nur lesen konnten und aufgrund reiner Verdachtsberichterstattung keine Vorverurteilung treffen wollten – von derlei gesundem Menschenverstand sind diese ganz auf Nato-Linie (oder -Strich) marschierenden Olivgrünen mittlerweile weit entfernt.

Zu den Hinweisen, dass die internationale Chemiewaffenkontrollebhörde OPCW keinen Nachweis über die konkrete Herkunft des verwendeten Gifts erbringen wird und die britische Regierung lügt, wenn sie behauptet diese zu kennen, hatte ich im Zuge der Giftgaswochen bei McMedien ( hier, hier und hier) schon einiges geschrieben. Beides ist nun bestätigt – das Herkunftsland der “Tatwaffe” Novichok kann von der OPCW nicht ermittelt werden und das britische Außenministerium teilt mit, man hätte  nie gesagt,  dass es aus Russland stammt.  Dabei hatte der Trump-Epigone Boris Johnson genau das in mehreren Interviews “kategorisch” festgestellt. – und sein Ministerium hatte am 22.3. genau das getwittert (und die Peinlichkeit mittlerweile wieder gelöscht.)

Die Merkel-Regierung steht unterdessen noch  in Treue fest zu den Anschuldigungen und der Ausweisung russischer Diplomaten, wenn auch die “Ähhs” und “Mmmhs” und das Rumgeeiere der Pressesprecher auf simpelste Fragen der Bundespressekonferenz schon satirische Qualität haben. Jetzt kann man die Uhr danach stellen, wann zurückgerudert und verhaltene Kritik an dem britischen Fake-Alarm geäußert wird.

Als kritischer Paranoiker fragt man sich nun, welchem Zweck dieses weltpolitische Großtheater denn nun eigentlich dienen soll. Dass Nato und Bundeswehr dringend aufrüsten wollen  und ultra-böse Feindbilder dafür unverzichtbar sind, ist sicher ein wichtiges Motiv. Dass die Brexit-Briten mit dem Rücken an der Wand und gegen die gesamte EU stehen und mit der Räuberpistole von diesem Chaos ablenken und wieder ein wenig Einigkeit herstellen wollten spielte vielleicht auch eine Rolle – dürfte nun aber eher nach hinten losgehen. Als psychologische Operation der Church of Fear  (“Nervengift!”, “Kampfstoffe!” Russen!”)  sorgte der Mordanschlag  aus dem Agenten-Milieu einen Monat lang weltweit für Schlagzeilen, hat aufmerksamkeitsökonomisch also ziemlich gut funktioniert. Auch wenn das Ganze nur eine Trockenübung, eine Simulation war, um zu testen, wie schnell man die McMedien-Outlets und die europäischen Regierungen   in “Ab 5 Uhr 45…”-Stimmung  versetzen und  im Ernstfall zum “Zurückschießen” bringen kann.

Und wer war’s denn jetzt? In einer Leserumfrage auf telepolis tippte eine Mehrheit auf den britischen MI 6 – und falls das stimmt müssten nach dieser dilettantischen Nummer in der James Bond-Abteilung jetzt eigentlich einige Köpfe rollen. Da Sergey Skripal noch immer mit seinem ehemaligen (?) MI-6 Führungsoffizier Pablo Miller befreundet ist,  der jetzt für die private Geheimdienstfirma “Orbis”  des ehemaligen (?) MI-6-Agenten Christopher Steele arbeitet, könnten die Täter allerdings auch aus  dem outgesourcten, privatisierten  Schlapphut-Milieu gekommen sein. “Orbis” gelangte im US-Wahlkampf   durch das dubiose “Steele-Dossier” über angebliche Trump-Orgien in Moskau zu trauriger Berühmtheit, das die Clinton-Kampagne bestellt und bezahlt hatte – und bestreitet, dass Skripal über seine alten Kontakte  dabei mitgewirkt hätte, in Russland Schmutz gegen Trump aufzutreiben.

Ich habe mich bei der oben genannten Umfrage für “Keine Ahnung” entschieden. Würde ich die Real Game of Thrones-Story von König Donald und den unsichtbaren Meistern noch weiter schreiben, hätten Queen Teresa die Verkniffene  und ihr “Beast of Brexit”, Pitbull Boris, in den nächsten Folgen einige großartige Auftritte; und ginge es um einen zeitgenössischen, realistischen  Agenten-Thriller a la John S.Cooper würde die “Orbis”-Connection ziemlich gut in eine Storyline passen, einschließlich der Schwiegermutter der Tochter, die von “Sun” und “Daily Mirror” ins Spiel gebracht wurde: der Ex-FSB-Oberst fühlt sich nicht wohl im Exil, will zurück auf russische Erde,  Tochter Julia hat in Moskau  tolle Jobs und neue Liebe gefunden und will heiraten: den Sohn eines Ex-Kollegen. Die böse Schwiegermutter nun, ein hohes Tier im Geheimdienst, will diese Hochzeit mit der Tochter eines “Verräters” verhindern und plant den Giftanschlag auf die Tochter.
Aber wir sind hier nicht im Märchen. In “Wirklichkeit” hat Julia über die Schwiegereltern versucht, die Wiedereinbürgerung ihres Papas zu erreichen, was nicht gleich gelang, bis sie einen Deal vorschlug: ihr Vater hätte an dem “Trump-Dossier” seiner “Orbis”-Freunde mitgearbeitet und wäre bereit, darüber auszupacken. Ein Whistleblower, der die ganze groteske “Russiagate”-Story aufdeckt, das wäre etwas, denken sich die russischen Schlapphüte – und signalisieren der Tochter die Bereitschaft, ihren Vater vom Doppel,- zum Trippel-Agenten zu machen. Doch Sergeys Freunde bei “Orbis” kriegen Wind davon, dass er sich absetzen will und entwickeln eine Idee: “Über unsere Verbindungen zum Chemiewaffenlabor Porton Down könnten wir einen Stoff besorgen, der nur aus Russland kommen kann und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.” Gesagt, getan…doch im Gebrauch von supergeheimen Kampfstoffen sind die privaten Superagenten leider auch keine Experten. Und die Sache geht eingermaßen schief…

Auch auf Rubikon erschienen

9 Comments

  1. Eine angebliche Erbschaft von 200.000 Pfund auf einem brit. Konto für Tochter Julia spielte auch noch eine Rolle.

  2. …wenn man bedenkt, dass dieses gift/nervengas also dieser kampfstoff 8 bis 10 mal so toedlich sein soll wie alle bisherig eingesetzten/entwickelten stoffe dann ist es erstaunlich, dass einmal die 150 menschen die ‘was’ abbekommen haben keinee effekte zeigten und die drei, die ins kkh eingeliefert wurden schon wieder entlassen [der polizist], munter interviews geben [die tochter] und sich ersteinmal tuechtig ausschlafen [der doppelagent]… vielleicht haben sich alle drei doch nur beim lokalen fish&chips den magen verrenkt…also statt psychologische ichthologische kriegsfuehrung!…

  3. Hi Mr. Broeckers,
    ich wuerde mich tierische freuen, wenn Sie zu diesem Thema einfach noch zwei Kapitel Ihres unfassbar guten Buches über King Donald nachschieben. Ich denke, dass wuerde nicht nur mich sehr freuen.

  4. Zu den möglichen Gründen der Londoner Groteske fällt mir noch ein: Auch wenn an der Propagandafront der Westen erfolgreich scheint, bei den “hard facts” steckt er ständig schwere Schlappen ein: der Krieg in Syrien geht für die vom Westen protegierten “moderaten Rebellen” und sonstigen Terroristen endgültig verloren, Russland liefert dem NATO-Staat Türkei Waffen und ganze Atomkraftwerke und (der gerade sehr überzeugend wiedergewählte) “Zar” Putin schließt mit Erdogan und Irans Rohani strategische Partnerschaften.

    Dies geschieht, während die USA aufgrund der vom Establishment vertölpelten Präsidentschaftswahlen in einer beispiellosen Staats- und Führungskrise stecken, einen Handelskrieg gegen das immer leistungsfähigere China vom Zaun brechen und gleichzeitig die EU von inneren, zum offenen Dissenz herangereiften Widersprüchen fragmentiert wird.

    Im pazifischen Raum übernimmt der dicke Kim zusammen mit Peking die strategische Initiative. Über allem schwebt die unausgestandene Finanzkrise um USD und EUR sowie der massive Vertrauensverlust der Bürger in USA und EU in ihre Eliten und deren Herrschaftssystem.

    Fazit: der angloamerikanisch geführte Westen ist militärisch unterlegen, finanziell am Ende, wirtschaftlich – nach eigenen Maßstäben – nicht mehr “wettbewerbsfähig”, als strategischer Partner zunehmend unattraktiv, geopolitisch führungslos und die Legitimation seines Systems – das Märchen vom “Wertewesten” – wird im Inneren aus selbstverschuldeten Gründen bedroht.

    Da bleiben – als einziger, verzweifelter “Ausweg” – nur noch Scheinerfolge an der Lügen- und Propagandafront, an der man immer noch Weltspitze ist. Die beispiellose Irrwitzigkeit der Farce um Skrypal kann man schon beinahe als Eingeständnis der eigenen Niederlage lesen.

    Die naheliegendste Lösung – Kooperation mit Russland und China – keine Niederlagen mehr, weil kein Kampf, sondern echte “Globalisierung”, kommt im Denken der westlichen Elite offensichtlich nicht vor. Warum nur?

  5. Das schlüssigste Resümee welche ich seit Tagen zu diesem Fall gelesen habe. Nachvollziehbar, in sich stimmig und logisch. Da fehlte nur das berühmte, “Thats all folks!” Bei dem Fundus an Material, möchte ich noch einmal um die Fortsetzung der Real Game of Thrones Story bitten. Abgeneigt scheinen Sie ja nicht zu sein Herr Broeckers, oder?

  6. Die Meister haben sich an ihre Herkunft erinnert und zusammen etwas eingefädelt. Nicht alles ging glatt, weil die Kreml-Füchse die Köder gestohlen und bei König Donald gepetzt haben. König Donald war böse und hat ein paar Meister entlassen und macht nun gute Miene zum bösen Spiel.

    Oder so ähnlich.
    Man stelle sich vor,
    die Flugzeuge fliegen vorbei und die Türme stürzen trotzdem ein,
    oder die Flugzeuge treffen zwar, aber die Türme stürzen nicht ein,
    es geht eben manchmal etwas schief.

    Immerhin sind sie soweit zuzugeben, dass wir nicht von den Regierungen
    sondern von den Geheimdiensten regiert werden, unfreiwillig.

    Und immer, wenn es noch prekärer wird, gesundet ein Opfer.

    Lügner müssen immer weiter lügen, vielleicht kommen sie ja davon …

  7. Das ganze theater von einer Atom-Macht wir sollten die entwaffnung fordern!!!
    Die zustimmenden Führungskräfte der einzelnen nationen sollen in Lumpen gekleidet rumlaufen!

    The Best Explanation For The Skripal Drama Is … Food Poisoning
    Doctors at the Salisbury District Hospital announced today that Sergej Skripal’s health is rapidly improving. He and his daughter Yulia will likely be well again.

  8. Ich habe die unsäglichen Rede von Herrn Dehn gehört, hören müssen. Er kann nicht reden und in seinen Schmähung unseres neuen Außenministers hat er sich schwer vergriffen. Pfui! Ich finde es nicht gut, Herr Brökers, das Sie dieses wiederholen und dem schlechten Redner Dehn beitreten.
    Ansonsten hat mich ihr Betragt köstlich amüsiert und viele Ihrer Hintergründe im Skipal-Fake waren mir unbekannt. In was für einer Welt leben wir, wenn englische Elite-Universitätsabgänger schon solch einen Bullshit produzieren?

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