Vorsicht! Verschwörungstheoretiker sind kriminell und antisozial

Als ich im Sommer 2001  an einem Buch arbeitete, das eine Art Meta-Theorie von Verschwörungstheorien werden sollte – und eine Ergänzung von Robert Anton Wilsons “Lexikon der Verschwörungstheorien”, das ich zwei Jahre zuvor herausgegeben hatte –  stellte ich am Ende des ersten Teils einige allgemeine Thesen über deren Struktur und Funktion auf. Diese sollten dann weiter ausgeführt und belegt werden, wozu es aber nicht kam, weil die 9/11-Anschläge stattfanden und in der Folge das, was ich strukturell und historisch untersuchen wollte, live und sozusagen auf freier Wildbahn zu beobachten war. Und das in derart monströsem, welterschütternden Ausmaß, dass ich mir vorkam wie ein Saurier-Forscher, der in einen realen “Jurasic Park” versetzt wird. Denn spätestens als nach zwei Tagen bekannt wurde, dass in dem einzigen bei den Flügen hängen gebliebenen Koffer sämtliche Beweise für die Motive der Täter, inkl. Koran und Testament von Mohamed Atta gefunden wurden und in ihrem Mietauto ein Zettel mit der Telefonnummer von…..Tusch!…Osama Bin Laden,  war ziemlich klar, dass es sich hier nicht um eine Verschwörung authentischer Terroristen, sondern um einen Staatsaktion handeln muss. Derartige Dinosaurier-Spuren mussten natürlich weiter beobachtet werden, was ich dann in den folgenden Monaten auch tat und im Sommer 2002 das Buch dann unter dem erweiterten Titel  “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.” veröffentlichte. Da der Fall weiter unaufgeklärt blieb folgten 2003 und 2011 zwei weitere Bücher – und in keinem wurde irgendeine Theorie über die Täter aufgestellt, sondern stattdessen aufgezeigt und belegt, dass es sich bei der offziellen Story von Osama und den 19 Teppichmessern als Alleintätern um eine lupenreine unbewiesene Verschwörungstheorie handelt. In allen drei Büchern wurde dann eine grundlegende Neu-Ermittlung der Anschläge gefordert, sowie eine Revision des forschenden, akademischen Umgangs mit dem Thema Verschwörungen, hin zu einer rationalen wissenschaftlichen “Konspirologie”.

Von Letzterem sind wir nach wie vor genauso weit entfernt wie von einer neuen 9/11-Ermittlung, wobei hier aber mittlerweile immerhin ein Antrag bei einem New Yorker Gericht vorliegt. Die Konspirologie indessen, die akademische Befasssung mit dem Thema Verschwörungen, hat bis dato in der Regel nur Studien hervorgebracht, die – gäbe es ein Wissenschafts-Gericht – als “Bullshit-Sciene” umgehend verurteilt und bestraft werden müssten. Stattdessen aber werden sie, wie das Forschungsnetzwerk  “Comparative Analysis of Conspiracy Theories (COMPACT)” , von der EU gefördert, dessen Vizechef, ein Amerikanistik-Professor Michael Butter der Uni Tübingen,  im vorigen Jahr ein pseudo-wissenschaftliches Buch im ehemals ehrenwerten Suhrkamp-Verlag vorlegte. Jetzt ist diesem Netzwerk eine “Studie” entschlüpft, die einen Zusammenhang von “Glaube an Verschwörungstheorien und Bereitschaft zur Alltagskriminalität” ermittelt haben will: Verschwörungstheoretiker fahren bei Rot über die Ampel. Da die auf 250 Online-Interviews beruhende “Studie” nicht im “Postillon” erschien, sondern im renommierten “British Journal of Social Psychology”, ist sie offiziell zitierfähig und macht denn auch in großen Medien fröhlich die Runde. Dass es sich um Bullshit-Science handelt schadet dabei nicht – wenn die Story paßt sind die Fakten für die Relotius-Medien bekanntlich zweitranging, zumal wenn sie mit der Autorität von Forschungsinstituten und Professoren daher kommt. “Verschwörungstheorien könnten Menschen dazu bringen, sich aktiv antisozial zu verhalten”, lautet in diesem Fall ihr Fazit. “Am Ende”, so Kollege Paul Schreyer in seinem Artikel über diesen neuerlichen Tiefpunkt der Verschwörungswissenschaft, geht es einmal mehr um die Deutungshoheit: “Kriminell sind nicht etwa etablierte Kreise an der Spitze der Gesellschaft, sondern vor allem diejenigen Zweifler, die den Etablierten Böses zutrauen.”

Newtons Gespenst und Goethes Polaroid

“Die Wissenschaft hilft uns vor allem, dass sie das Staunen, wozu wir berufen sind, einigermaßen erleichtere.” Mit diesem Zitat auf der Rückseite endet mein Buch über den Anfang von Goethes lebenslanger Erforschung von Steinen und Pflanzen, Menschen und Tieren, Licht und Farben – und über den Text, der den Auftakt und das Programm für diese wissenschaftlichen Arbeiten liefert: das “Fragment über die Natur”.  Auch wenn er diese Aphorismen nicht verfasst hat und sie wahrscheinlich von Georg Christoph Tobler stammen, auch wenn Goethe sie nur bearbeitet und bei einer Zeitschrift eingereicht hatte, wo sie anonym erschienen, stehen diese hymnischen Zeilen als herausragender Schlüsseltext für das Denken Goethes über die Natur. Dass dieses Denken seiner Zeit weit voraus war, dass man den Naturwissenschaftler Goethe keineswegs als dilettantischen Amateur abtun sollte und seine Haltung gegenüber seinen Forschungsgegenständen für die Zukunft relvanter sind als je zuvor, versuche ich in diesem Essay zu zeigen.  Dass Newtons “spectre” (engl.: Gespenst), das er an der Wand seiner dunklen Kammer entdeckte als er einen Lichstrahl durch ein Prisma fallen lies, keineswegs die ganze Wahrheit über die Natur des Lichts und der Farben darstellte, wie Goethe gegen die gesamte etablierte Wissenschaft behauptete, war kein Irrtum. Doch es dauerte fast 150 Jahre, bis Goethes Erkenntnisse und Methoden wieder aufgegriffen wurden und der Physiker Edwin Land im Stile der Goetheschen Farbenlehre experimentierte und die farbige Polaroid-Fotografie erfand. Deshalb heißt das Buch “Newtons Gespenst und Goethes Polaroid” und es ist seit heute überall im Buchhandel und online  direkt beim Verlag erhältlich. Das Bild auf dem Umschlag  ist die “Tabula Smaragdina” von Matthäus Merian, auf dem der berühmte Kupferstecher im Jahr 1618 das gesamte Wissen über Mikrokosmos und Makrokosmos vereinigen wollte.

Spannend und aufrüttelnd

Im Blog des Magazins “Freitag” wurde “Wir sind immer die Guten” rezensiert:

” Ein spannendes, aufrüttelndes Buch, dessen geschichtlichen Aspekte („Konfliktreich: Eine kurze Geschichte der Ukraine“ (ab S. 31) „CIA: Sechzig Jahre Erfahrung in der Ukraine“ (ab S. 72) zum Verständnis auch entstandener gegenwärtiger Situationen und damit verbundenen Spannungen unverzichtbar sind.

Es enthält jede Menge Seiten mit auffrischenden, lehrreichen Informationen, wie sie eben leider kaum oder gar nicht in den Medien vor- und zum Tragen kommen.

Augenöffnend das Kapitel 5 „Besser als Krieg: Farb-Revolutionen und Fake-Demokratie“ (S. 65). Nicht zu verachten auch das Kapitel 9 „Schnittstelle im Machtpoker: Der Atlantic Council“ (S. 101), Kapitel 11 „Im Gleichklang: Leitmedien und Lobbynetzwerke“ (S. 116), Kapitel 13 „Instrumentalisierung statt Aufklärung: Der MH17-Absturz“ (S. 140) sowie Kapitel 14: „Instrumentalisierung statt Aufklärung II: „Nowitschok“ (S. 154).

Man möchte das Buch gar nicht wieder aus der Hand legen! Unverzichtbar in Gänze, Seite für Seite. Aber Vorsicht: die eigne Gesichtsfarbe könnte angesichts der auftauchenden Fakten abwechselnd von bleich auf tiefrot wechseln.”

Die ganze Besprechung hier. 
Einen exklusiven Auszug aus dem Vorwort des Buchs gibt’s auf Rubikon

Bestseller Nr.1 in “Kalter Krieg”

Drei Tage nach der Erscheinen von “Wir sind immer die Guten” zeichnet sich ab, dass das Interesse an diesem Buch, dessen Erstausgabe ja schon vor fünf Jahren erschien, noch nicht  abgerissen ist. Das Gespräch, das KenFM mit Paul Schreyer und mir darüber führte, hatte seit Sonntag schon über 50.000 Zuschauer, das lange Interview auf RT, das am Montag online ging haben auch schon knapp 14.000 Menschen gesehen, auf Telepolis ist das Interview, das Marcus Klöckner mit mir führte, gestern einer der meistkommentierten Artikel. Und auch das Gespräch auf den Nachdenkseiten sowie der Podcast von Sputnik liefen sehr gut.

Dass wir Autoren und der Verlag sich darüber freuen würden, ist klar. Meine Freude wäre sogar noch ein wenig “diebisch” wenn es einmal mehr gelänge, gegen den ganzen Mainstream ein Buch durchzusetzen. Seit das Jack Herer und mir 1993 mit “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” erstmals gelang – das Buch liegt mittlerweile in der 43. Auflage vor-  und dann nach dem 11.9.2001 noch einmal mit den Büchern über 9/11, die allesamt sehr große Auflagen erzielten obwohl ( oder weil?) sie von den Leitmedien entweder ignoriert oder mit Abscheu in die Tonne getreten wurden, sind mir solche Erfolge ein besonderes Vergnügen. Auch die Erstausgabe von “Wir sind die Guten”, von den Relotius-Medien als “Kreml-Propaganda” eingestuft, war ja dann für viele Woche in der “Spiegel”-Liste und eines der bestverkauften Sachbücher im Herbst 2014. Es wäre zu schön, wenn das jetzt mit der erweiterten Neuausgabe nochmal klappt. Beim Großversender Amazon wird die Neuausgabe in der Kategorie “Kalter Krieg” schon als Bestseller Nr.1 geführt, wenn es aber nicht nur in solchen Schubladen, sondern auf die allgemeine Bestseller-Liste für Sachbücher kommen soll, müssen noch viele Menschen schnell in ihren Buchladen gehen und eins kaufen.

PS: Ab heute abend ich auf dem Elevate-Festival in Graz. Ich werde einen kleinen Vortrag über Verschwörungstheorien halten und auf dem Podium über “Fake/Real” diskutieren. Pamela Anderson, die sich vorbildlich für Julian Assange einsetzt, kommt auch. Wenn ich  zu einem Selfie mit Pam komme, wird es natürlich gepostet (-; .

Telepolis-Interview

Für Telepolis hat Marcus Klöckner mit mir über die Neuausgabe von “Wir sind immer die Guten” gesprochen”
 
Herr Bröckers, Ihr Buch kam 2014 auf den Markt. Wenn Sie nun zurückblicken: Sehen Sie sich in Ihrer Arbeit bestätigt?
 
Mathias Bröckers: Der Titel für die Neuausgabe des Buchs lautet “Wir sind immer die Guten” – und das sind “wir”, der Westen, ja tatsächlich immer. Egal wie schief, wie falsch, wie katastrophal unsere Kriege und Interventionen auf der Welt laufen. Der Anlass für das Buch war der gewaltsame regime chance in der Ukraine und die damit einhergehende Dämonisierung Russlands und Putins, sowie die Tatsache, dass dieser Putsch von den Medien durch die Bank als “demokratische” Revolution und Erneuerung verkauft wurde.
Dass eigentlich nur ein eher russlandfreundlicher Oligarch an der Spitze durch einen nato-freundlichen Milliardär ausgetauscht und rechtsextreme, faschistoide Gruppen in Regierungs- und Machtpositionen gehievt wurden, kam und kommt in den Berichten hierzulande kaum vor. Tatsächlich ist die Ukraine heute dann auch eher auf dem Weg zu einem failed state als zu einem freiheitlichen Rechtsstaat und insofern kann man unsere Einschätzungen von 2014 durchaus bestätigt sehen.
 
Im März gibt es dann ja Wahlen in der Ukraine.
 
Mathias Bröckers: Besser wird die Situation in dem Land dadurch aber nicht. Laut Umfragen hat Oligarch Poroschenko noch 15 Prozent Zustimmung und mit der knapp vor ihm liegenden Julia Timoschenko, der ehemaligen Regierungschefin und nach wie vor korrupten “Gasprinzessin”, ginge es vom Regen in die Traufe. Dass die besten Chancen derzeit ein Komiker hat, Wolodimir Selensky, der im Fernsehen einen guten Präsidenten spielt, illustriert das politische Theater in Kiew schon ziemlich gut.
 
Wer sollte Ihrer Meinung nach denn in der Ukraine Präsident werden?
 
Mathias Bröckers: Einer, der den Bürgerkrieg im Land beendet. Dieser ist aber nicht in Sicht. Realistisch betrachtet: Solange die Geldströme von USA, Nato und EU fließen, um die Ukraine zum Frontstaat gegen Russland aufzubauen, solange wird jede Regierung des nahezu bankrotten Lands die Aggression gegen Russen bzw. das Bild eines aggressiven Russland nach Kräften weiter schüren.
 
Fassen Sie bitte zusammen: Was haben Sie in den Jahren nach Erscheinen Ihres Buches in Sachen Russland beobachtet?
 
Mathias Bröckers: Mit dem Betriebsunfall in den USA – der Wahl von Donald Trump – hat das Narrativ vom bösen Russland und dem ultrabösen Putin neue und geradezu groteske Dimensionen angenommen. Dass “russische Hacker” die Wahlen manipuliert und mit Trump eine “Marionette Putins”, so Hillary Clinton, ins Weiße Haus gebracht hätten – diese Story wird seit nunmehr zwei Jahren in den US-Medien und auch bei uns rauf und runtererzählt.
Auch wenn trotz mittlerweile zweijähriger Untersuchung durch einen Sonderermittler keinerlei Beweise für solche Manipulationen oder irgendwelche Absprachen zwischen Trump und Putin vorliegen, kann die unterlegene demokratische Partei im Verein mit den US-Leitmedien von dieser stumpfen Speerspitze gegen Trump nicht ablassen. Der Schock über den unerwarteten Wahlsieg dieses irren Außenseiters sitzt offenbar so tief, dass eigenes Versagen als Ursache nicht zumutbar ist und ein Sündenbock – Putin! – gebraucht wird, dem man die Schuld zuschieben kann.
 
Sie nehmen die “Russiagate”-Story nicht ernst?

Mathias Bröckers: Wäre das Ganze nicht gefährlicher Ernst, könnte man über die ganze Geschichte nur lachen. Doch was hier geschieht, ist fatal: Um einen gewählten Präsidenten zu vertreiben, wird die demokratische Gewaltenteilung aufgehoben: Geheimdienste (CIA, NSA, MI6), Polizei (FBI) und Medien arbeiten Hand in Hand gegen einen gewählten Präsidenten, und vom Horrorclown Trump nachhaltig geschockte Demokraten, Liberale, Linke feuern diese totalitären Methoden sogar noch an. Dass es sich bei den Vorwürfen um eine lupenreine Verschwörungstheorie ohne konkreten Beweis handelt, scheint niemanden zu stören. Deshalb haben wir über “Russiagate” für die Neuausgabe ein zusätzliches Kapitel geschrieben.
 
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Interview mit “Sputnik”

Herr Bröckers, bis heute sind die Ereignisse in Kiew vor fünf Jahren, die zum Sturz der Regierung führten, und vor allem die Gewalttaten mit Todesopfern nicht vollständig aufgeklärt. Wie kann das sein?

Es liegt nicht im Interesse des Westens und der jetzt in Kiew amtierenden Regierung, das aufzuklären. Die vorherrschende Erzählung ist ja, dass die Scharfschützen von dem damaligen Präsidenten Janukowitsch engagiert waren und später, dass die russische Armee in die Ostukraine einmarschiert ist. Wenn also dieser Fall aufklärt würde, könnte die ganze Erzählung ein Stück ins Wanken geraten. Deshalb lässt man das lieber in dieser Grauzone. Dasselbe gilt für den Abschuss des Flugzeugs MH17.

Und der Westen macht auch keinen Druck, das aufzuklären?

Der Westen macht auch keinen Druck, weil ja der Regierungswechsel in der Ukraine vom Westen propagiert, protegiert und letztlich initiiert wurde. Ohne die Unterstützung von außen hätte das ja so nicht funktioniert.

Nun gibt es bis heute zwei Narrative zu dem, was da vor fünf Jahren geschehen ist: Putsch oder Regierungswechsel.  Im westlichen Narrativ scheint der Zweck die Mittel zu heiligen. Da die Intention der „Revolution der Würde“ edel war: gegen Korruption, für Europa, usw., sind ein paar hemdsärmelige Putschmethoden anscheinend tolerierbar?

Ja, so ist das in Kiew gelaufen und so läuft es jetzt auch gerade in Venezuela. Darum heißt auch die Neuauflage unseres Buches „Wir sind immer die Guten“. Egal, was wir, der Westen, tun, unsere Aktionen sind gut, da sie der Demokratie und Freiheit gewidmet sind. Dass wir dabei Gesetze brechen und Schlimmeres tun, das zählt nicht. Da wird schon mit doppelten Standards gemessen.

Doppelte Standards gibt es beim Thema Russland und Ukraine überall: in den Medien und in der Politik.

Der Auslöser für dieses Buch war ein Gespräch mit einem alten Onkel von mir, der inzwischen leider verstorben ist. Der sagte am Kaffeetisch zu mir: „Sag mal, Matthias, was hältst du eigentlich von dem Konflikt in der Ukraine? Ich kann ja gar nicht mehr die Tagesschau gucken, da wird ja nur noch zum Krieg getrommelt. Ich geh jetzt ins Internet, wenn ich mich informieren will.“ Und das sagt mir ein CDU-naher, katholischer, gutbürgerlicher, älterer Herr. Und der traut der Tagesschau nicht mehr. Da dachte ich mir, so etwas hat es noch nicht gegeben, dass so ein tiefer Graben zwischen der öffentlichen und der veröffentlichen Meinung herrscht. Diese Kluft war eben durch die Ukraineberichterstattung vor fünf Jahren sehr groß geworden. Das war für mich der Anlass, das Buch zu schrieben. Und, dass das so ein Erfolg wurde, obwohl es in den sogenannten Leitmedien als Kremlpropaganda deklariert wurde, zeigt genau diese Kluft. In Umfragen sagen ja auch 84 Prozent, wir sollten uns besser  mit Russland stellen. Und die transatlantischen Medien wundern sich, woher das kommt, obwohl sie doch seit Jahren das Gegenteil schreiben. Die Leute kaufen es ihnen aber nicht mehr ab. Es gab ja jetzt gerade so ein „Framing-Papier“ — man soll jetzt nicht mehr öffentlich-rechtliche Medien, sondern „Gemeinwohl-Medien“ und so einen Quatsch sagen. Wenn diese Medien wirklich dem Gemeinwohl dienen würden, dann müssten sie solche Umfragen doch ernst nehmen.

Hier weiter lesen oder als Podcast hören.

Das Buch ist ab sofort im Buchhandel und kann online hier bestellt werden.

Mathias Bröckers, Paul Schreyer: Wir sind immer die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der der kalte Krieg neu entfacht wird”, Westendverlag, 224 Seiten, 18 Euro

 

Medien im Kriegsmodus

Fünf Jahre nach dem gewaltsamen Umsturz in der Ukraine und unserem Buch “Wir sind die Guten” hat Marcus Klöckner mich im Interview für die Nachdenkseiten vor allem nach der Rolle der Medien gefragt. Und über die Unterschiede, ob Journalisten von „oppositionellen Ukrainern“ oder feindlichen „Pro-Russen“ sprechen. Die aktualisierte und erweiterte Neuausgabe des Buchs – Wir sind immer die Guten – ist seit heute überall im Handel:

Herr Bröckers, der Konflikt zwischen dem Westen und Russland hat sich seit Beginn der Ukraine-Krise zugespitzt. Was ist Ihre Beobachtung: Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Die un-journalistische und unheilvolle Einseitigkeit der Großmedien in diesem Konflikt war ja der ursprüngliche Auslöser für dieses Buch. Repräsentative Umfragen zeigten schon im Sommer 2014, dass sich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Sachen Ukraine einseitig oder schlecht informiert fühlten. Und das lag nicht daran, dass sie irgendwelchen „Feindsendern“ gelauscht oder ominösen „russischen Trollen“ auf den Leim gegangen waren, sie hatten vielmehr ARD, ZDF und unsere sogenannte „Qualitätspresse“ konsumiert. Ihre Verunsicherung war ihnen nicht im Rahmen „hybrider Kriegsführung“ vom Kreml eingepflanzt worden, sie durchschauten vielmehr den Schwarz-Weiß-Film vom guten Westen und bösen Russen, der ihnen von „Tagesschau“ und „heute journal“ als Realität angeboten wurde, als plumpe Inszenierung. Der Permanenz und Penetranz, mit dem die Parole „Wir sind die Guten“ verbreitet wurde, verdankte unser Buch dann auch seinen Titel – und weil es damit in den vergangenen fünf Jahren nicht aufgehört hat, heißt die erweiterte Neuausgabe jetzt „Wir sind immer die Guten“. Mittlerweile ist Putin ja an allem schuld. Vom Wahlsieg Donald Trumps bis zum Wetter. Als vor kurzem in einigen Regionen der USA sehr niedrige Temperaturgrade gemessen wurden, kommentierte die bekannte Sprecherin Rachel Meadows die Wetterkarte auf MSNBC mit den Worten „Und jetzt stellen sie sich vor: die Russen könnten unser Stromnetz angreifen!“ In den Vereinigten Staaten herrscht mittlerweile eine von den Medien geschürte Hysterie, die fatal an die McCarthy-Ära erinnert, als man unter jedem Bett Kommunisten fürchtete. Und bei uns ist es nicht viel besser – gerade insinuierte etwa Angela Merkel auf der Sicherheitskonferenz im Zusammenhang mit Russland, dass der Klimastreik von Schülern ein Produkt “hybrider Kriegsführung” sei.

Lassen Sie uns die Rolle der Medien genauer analysieren. Gehen wir an den Anfang des Konfliktes. Was fällt Ihnen dabei auf?

Vom Beginn der Maidan-Proteste an waren die westlichen Medien Partei und betrieben statt neutraler Berichterstattung Kampagnenjournalismus. Mit dem gewaltsamen Regierungswechsel in Kiew schalteten sie dann komplett in den Kriegsmodus. Die „Tagesschau“ berichtete zum Beispiel damals, dass russische Truppen in der Ost-Ukraine einmarschiert seien und zeigte dazu Bilder und Filmaufnahmen von Panzerkolonnen. Ein solcher Einmarsch hatte aber gar nicht stattgefunden und die Panzeraufnahmen stammten aus dem Archiv. Als ich den „Tagesschau“-Chef Gniffke bei einer Radiodiskussion darauf ansprach, gab er die falschen Bilder zwar zu, wiegelte aber ab, dass solche Fehler in der Eile der Berichterstattung ja mal vorkommen könnten. Es handelte sich dabei aber keineswegs um Schlamperei, sondern kam mehrfach an verschiedenen Tagen und mit verschiedenen Bildern vor, es hatte System. Das ließ sich dann auch an den Begriffen, dem „Wording“ erkennen, das dann überall Anwendung fand.

Kurz: Was ist Wording?

Die Besetzung bestimmter Begriffe, mit dem die Konfliktparteien bezeichnet werden. Es macht ja einen Unterschied, ob etwa ein Regierungschef „Präsident“ oder „Machthaber“ genannt oder ob von „Terroristen“ oder von „Freiheitskämpfern“ berichtet wird, ob eine gewählte „Regierung“ gestürzt wird oder ein abscheuliches „Regime“. Mit diesen Begriffen werden subtile Botschaften transportiert, die weniger an den rationalen, sondern an den emotionalen Verstand des Publikums gerichtet sind. Einen „Terroristen“ findet niemand gut und wenn solche – wie unlängst im Syrienkrieg die von Saudi-Arabien finanzierten Al-Qaida-Söldner – an unserer Seite kämpfen und jetzt zu den Guten gehören, obwohl sie vor kurzem noch die ganz Bösen waren, braucht es schnell ein neues Wording. Das waren in diesem Fall dann die „moderaten Rebellen“.

Das gesamte Interview hier: